Pohlmann: Woran man einen guten Apfel – knackig und saftig – erkennt

Einen perfekten Apfel kannst du am Klopfen erkennen, nämlich daran, wie er in der Hand zurückschwingt (Anmerkung der Redaktion): Mit dem Finger in der Nähe des Stiels klopfen. Bei einem reifen Apfel klingt es dumpf, überreife haben dagegen einen hohen Klang)

Wenn man im Regal zu ‘nem Apfel greift, ist das wie eine Überraschungskiste auszupacken. Als die Sorte Braeburn auf den Markt gekommen ist, dachte ich, der heilige Apfel ist gezüchtet worden. Knackig, aber gleichzeitig ganz saftiges Fleisch.

Das ist ganz selten, dass man den perfekten Apfel erhält. Da könntest du mir jeden Muffin hinterherwerfen. Ich würde lieber 10 solcher Äpfel essen. .

Finishing well

Das Leben verläuft in Rhythmen. Kommen und Gehen gehört dazu wie die Gezeiten oder der Lauf der Sonne. Mit Abschiedsszenen müssen wir einfach umgehen lernen. Ein Plädoyer für die Schönheit des guten Endes.

Text: Levian Scheidthauer

Was ist einfacher? Eine Sache anzufangen oder eine Sache zu einem guten Ende zu bringen? Ich habe mich das schon häufi ger gefragt. Vermutlich ist beides gleich wichtig, nur dazwischen verflacht der Spannungsbogen etwas. Von Natur aus fällt mir da Anfangen leichter. Ich liebe es, Ideen auszusprechen, auch wenn ich sie dann umsetzen muss. „Jedem Anfang liegt ein Zauber inne“, heißt es. Mich hat schon so manche Idee verzaubert. Wenn es aber darum geht, ein Projekt sauber über die Bühne zu kriegen oder über einen längeren Zeitraum dranzubleiben, geht mir hintenraus häufig die Lust daran verloren. An dieser Stelle könnte ich einfach stehenbleiben und sagen: So bin ich halt. Aber das ist mir zu wenig. Am Ende meines Lebens möchte ich zurückschauen und meinen Frieden haben mit der Vergangenheit. Ich will möglichst wenig schuldig bleiben. Die Menschen sollen sich gerne an mich erinnern, auch wenn ich einige in den Irrungen und Wirrungen des Lebens verloren haben werde. Ich möchte Spuren hinterlassen. Und zwar nicht durch überfällige oder verdaddelte Abschiede – oder enttäuschende, halbherzige, zornige, verpasste, in die Länge gezogene, ausgesessene, missverständliche, undenkbare, heimliche, unausge-sprochene, plötzliche, unvorbereitete. Deshalb ist dieser Text auch vom Ende her gedacht. Gibt es Parameter, die aus einem Abschied einen guten Abschied machen? Wie will ich auf Lebensphasen, Beziehungen und Projekte zurückblicken?

Eingrooven in die Lebensrhythmen

Die wichtigste Erkenntnis zuerst: Das Leben ist in ständiger Bewegung. Es gibt haufenweise Abschiede, die wortwörtlich zu meinem Alltag dazugehören wie Tag und Nacht. Es gibt eine Zeit zum Säen und eine Zeit zum Ernten. Zeit, einen Menschen willkommen zu heißen und eine Zeit, ihn zu verabschieden. Salomos Erkenntnis gehört für mich zu den realistischsten und entspanntesten Sichtweisen auf das Leben (Prediger 3). Es gibt Lebensphasen, die kann man einfach nicht festhalten, so sehr man es auch versucht. So wie die Blumen verblühen, wie sie aufgegangen sind: ohne unser Dazutun. Vieles verlieren wir erst recht, wenn wir uns mit aller Kraft daran klammern. Wir werden mit 60 nicht mehr als Jugendliche wahrgenommen werden, selbst wenn wir uns postpubertär benehmen wie die Axt im Wald, sondern als komischer Alter. Die Frage lautet dann eher: Sind wir in der Lage, uns bewusst davon zu verabschieden? Das Leben bereitet uns auf solche Momente vor, indem es Vorboten schickt. Wer es schafft, diese zu erkennen und mit diesen guten Rhythmen zu grooven statt immer nur dagegen, hat es nicht nur leichter, das Alte ziehen zu lassen; er kann auch das Neue leichter umarmen und die Zwischenzeiten aushalten.

Überhaupt mal irgendwo wirklich sein

Mit Zwischenzeiten meine ich die Phasen des Übergangs, in denen Entscheidungen getroffen wurden, man aber noch im Alten lebt. Abschiede sind eine Sache des Timings. Wer inner-lich zu früh damit anfängt, verliert die „Spannung“. Ich erinnere mich noch gut, wie Johannes* mir damals erklärte, warum das Lobpreisteam nichts für ihn wäre. Er wisse doch nicht mal, wo er in zwei Jahren sei. Dann würde er sicher studieren und ob dann seine Gemeinde noch viel von ihm zu sehen bekäme, werde sich zeigen. Jetzt so kurz vor dem Studium noch ein solches Fass aufzumachen, das sei nicht sein Stil. Und genau so benahm er sich dann auch. Auf den Punkt gebracht, bekam er nichts auf die Kette. Aus meiner Sicht hat er da eine Menge Talent verschwendet, Freunde enttäuscht, weil er das Ende kommen sah und sich einfach zu früh innerlich verabschiedete. Johannes war zwei Jahre lang nicht mehr richtig anwesend – und jeder merkte es. Zwei Jahre später ging er nach Hamburg. Er hätte deutlichere Spuren hinterlassen können. Mich ärgert das, weil ich sein Mentor war und es nicht geschafft habe, ihn von der Schönheit des „Ganz-da-Seins“ zu überzeugen. Er hat die Gegenwart für den nächsten Lebensabschnitt verschenkt. Andererseits macht mich das nachdenklich. Weil ich doch selbst weiß, wie schwer es ist, sich ganz der zu Ende gehenden Phase zu widmen, während die nächste bereits am Horizont schimmert. Die Gegenwart verdient mein ungeteiltes Herz, hundert Prozent von mir – bis an den Tag, an dem ich Lebewohl sage. Dann habe ich auch die nötige Spannung für die letzten Wochen.

Gehen, wenn die Zeit reif ist

Allzu oft verlaufen aber auch Dinge im Sand. Da verpassen zwei den Absprung aus der halbherzigen Beziehung und heiraten aus Verlegenheit. Ist in meinem Freundeskreis wirklich passiert. Hielt 1,5 Jahre. Da geht ein Projekt über seinen Zenit und keiner spricht es an. Welchen Wert hat das? Wir reiten ein totes Pferd lieber, als dass wir es beerdigen. Wenn wir ehrlich sind, kennen wir alle diese Momente, in denen uns bewusst geworden ist: Our time is up. Große Persönlichkeiten finden den richtigen Zeitpunkt zum Abschied: Sie klammern sich nicht an einer Position fest, schätzen ihre Bedeutung realistisch ein und werden ihr auch im Abgang noch gerecht, bauen ihren eigenen Nachfolger auf, treten nicht nach. Wenn ich später zurückschaue, wünsche ich mir diese Größe zu erkennen, in solchen Momenten das Richtige getan zu haben. Einfach, weil ich intuitiv darum gewusst habe.

Stimmig bleiben

Größe heißt im Abschied auch: authentisch und nachvollziehbar sein. Ich habe mir vorgenommen, in meinen Abschieden ganz ich zu bleiben: mir selbst treu und aufrichtig in den Reaktionen. Wenn ich erst zum Abschied die große Rede schwinge, kann ich es mir gleich sparen. In der ganzen Sentimentalitätssuppe, die in den Wochen rund um einen Abschied gekocht wird, sagt man schon mal Sachen, von denen man denkt, man müsste sie in solchen Momenten sagen. Um nett zu sein. Wofür sollte ich Versprechungen machen, die ich nicht halten kann? Oder einer Nachbarin zuraunen, wie sehr ich unser Miteinander vermissen werde, wenn wir uns nur in der Waschküche begegnet sind? Als sich Jesus verabschiedet, wählt er dazu nicht die große Bühne. Er setzt sich mit dem Inner-circle-of-Friends an einen Tisch und isst mit ihnen, wie unzählige Male zuvor. Und er weiß, was er ihnen noch mitgeben will. Der Mann ist stimmig bis zur letzten Minute.

Mit dem unvollendeten versöhnen

Zuletzt die zweitwichtigste Erkenntnis: Manches lässt sich einfach nicht zu einem guten Ende bringen. Für meine Abirede hatte ich mir vorgenommen, meinem Deutschlehrer mein LK-Meisterstück zu beichten: In der 11 hatte ich eine Doppelstunde lang Nietzsche-Aphorismen an der Tafel besprochen. Der Haken: Ich hatte sie mir alle ausgedacht. Als der Lehrer ein Jahr vor der Abiprüfung verstarb, stand ich da mit meinem schlechten Gewissen. Natürlich hatte ich ausgiebig damit angegeben und angekündigt, zum Abi die Katze aus dem Sack zu lassen. Tja. Abi war dann aber zu spät. Und so musste ich das Unvollständige akzeptieren. Mit dem Alter wird das Unvollendete anwachsen. Es passiert schon jetzt: Ein Freund hat wegen eines Jobangebots seinen Doktor in Medizin aufgegeben. Das Studium wird unvollendet bleiben – aber das macht ihn zu keinem schlechten Arzt. Ich muss an all die Freundinnen denken, die gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht haben – und dafür alles stehen und liegen gelassen haben. Jobs, Karriereaussichten, Beziehungen. Da wird vieles Stückwerk bleiben. Es lässt sich vieles, aber eben nicht alles zu einem guten Ende bringen. Gott gebe uns die Gelassenheit, das zu ertragen – und die Reife, alle anderen Abschiede mit der gebotenen Würde zu gestalten.

*Der Name ist frei erfunden. Er könnte für jeden von uns stehen.

Ich weiß es besser.

Start. Du kannst mich nicht überzeugen, denn ich bin ein Besserwisser. Du wirst dich an mir zu Tode argumentieren. Ich weiß es besser. Und wenn du wahnsinnig wirst. Ich weiß es besser. Deine Ratschläge und Tipps und Erfahrungen und sowieso – bringt alles nichts. Deine Ängste, Sorgen und Gefühle – ich sage dir, wie du damit umzugehen hast. Warum ich das kann? Du kannst es dir vorstellen.
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Wir können uns gern auf ein Bier treffen, um zu schnacken, klar. Wobei eins klar ist: Ich weiß es besser. Meine Zeit ist kostbar, also stiehl sie mir nicht. Wüsstest du es so gut wie ich – nicht besser, denn das ist undenkbar -, dann wüsstest du, wie wertvoll meine Momente sind. Denn du kannst dir sicher sein: Du hörst etwas Besseres, versprochen. Du wirst dich damit abfinden. Ich weiß es besser.

So. Ich muss los. Ich muss noch besser werden. Denn du magst es kaum glauben, aber auch ich habe immer jemanden um mich herum, der es garantiert besser weiß. Stop. Aus Prinzip. Aus Angst. Aus Überforderung. Aus fehlender Anerkennung. Aus… ich weiß es nicht.

#lautgedacht #besserwisser #djr #drannext
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#lautgedacht zu „Jeder weiß es besser“, DRAN NEXT 4/17, S. 48

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Und du glaubst nicht an Wunder?

“Und du glaubst nicht an Wunder?”, höre ich Marteria sagen. Höre mich selber fragen: “Glaubst du an Wunder?” Wie könnte ich nicht? Wie soll das möglich sein? Ja, ich weiß. Alles Zufall. Ich glaube ja vieles, aber das ist mir unmöglich. Ich will einfach nicht an den Zufall glauben. Ich glaube stattdessen an Wunder.

Ich sage dir auch warum: Weil es gut tut! Das Wunder trägt Schönheit in sich. Der Zufall ist blass. Das Wunder macht mich dankbar. Der Zufall provoziert nur Gleichgültigkeit. Das Wunder inspiriert. Der Zufall lässt mich leer zurück. Das allein sind gute Gründe. Ich brauche keine Beweisführung, keine Diskussion für oder wider.

Ich schaue dich an und sage dir: “Du bist ein Wunder.” Besser als Zufall, schöner als Zufall, wertvoller als Zufall. Geh doch heute einfach mal raus und lass die Wunder auf dich wirken! Lass sie zu und sperr den Zufall aus!

#LAUTGEDACHT zu Überlebenschance Null Prozent, DRAN NEXT 4/17, Seite 16
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Das dazugehörige Heft lassen wir dir gerne als kostenloses Testabo zukommen: www.bundes-verlag.net/dran-next

Handy-Verlust bewirkt so viel Stress wie Terrorangst

Okay, wenn man nervös in seiner Tasche kramt und das Smartphone zwischen Kulis und Krams nicht finden kann, löst das Stress aus, schon klar – aber ähnlich viel wie bei der Angst vor einem Terroranschlag?! Ja, sagt die neue Studie der Physiological Society. Dafür wurden 2.000 Briten danach befragt, wie stressig bestimmte Ereignisse für sie sind. „Die moderne Welt bringt neue Stressfaktoren – zum Beispiel durch Smartphones oder Social Media – mit sich, die wir uns vor 50 Jahren nicht hätten vorstellen können“, deutet Lucy Donaldson, Chef der Physiological Society, die Ergebnisse. Also, wenn das nächste Mal ein Freund sein Handy verliert: Macht keinen Terror! Der Arme ist gestresst.

Quelle: http://physoc.org

(Bildnachweis: Thinkstock/goir)

Auf Augenhöhe

WAS ES BEDEUTET, SEINEN VATER ZU EHREN

Das schwierige Verhältnis zum eigenen Vater scheint so alt wie die Menschheit. Unzählige Autoren haben sich in Romanen und Gedichten daran abgearbeitet, Sängerinnen wie Pink und Beyonce ringen mit dem eigenen Vaterbild in ihren Liedern. Nach dem Motto: Wenn wir schon nicht glücklich damit werden, machen wir wenigstens einen guten Song draus.
Auch in unserer Altersgruppe erleben viele das Verhältnis zum Vater als gebrochen, schwierig oder zumindest angespannt. Wir sind Kinder einer Generation, die über neue Männer- und Frauenbilder nachdenkt, die den Vater genauso in der Verpflichtung für die Kindererziehung sieht wie die Mutter; die Tradiertes hinterfragt und neue Möglichkeiten für ein glückliches Familienleben sucht. Gleichzeitig sind wir oftmals in traditionellen Familienrollen aufgewachsen. Unsere Väter waren stark, verlässlich. Im Beruf unersetzbar. Sie haben die Familie versorgt und uns Reitstunden bezahlt. Sonntags auf dem Fußballplatz waren sie stolz auf uns – genauso wie wir stolz waren, Kind unseres Papas zu sein. Und trotzdem hatte dieses Bild Risse, die wir heute als Erwachsene bewusster wahrnehmen. Papa, der oft erst spät abends erschöpft nach Hause kam. Papa, der eine kühle Distanz wahrte, der keinen Zugang hatte zu den Gefühlsregungen einer 16-Jährigen, die ihren ersten Liebeskummer im Herzen trägt oder eines 19-Jährigen, der den Sprung ins Unileben nicht so problemlos schafft wie alle anderen.

Wenn Kinder erwachsen werden
Gerade die Beziehung zu unseren Eltern ist geprägt von hohen Erwartungen. Als Kinder haben wir von ihnen ungebrochene Liebe erwartet, Fairness und Fürsorge. Wo diese Erwartungen enttäuscht worden sind, haben wir Brüche erlebt, die wir oft erst als Erwachsene zu reflektieren lernen. Der Lebensabschnitt der 20er – zwischen Elternhaus, Ausbildung, Studium, der ersten eigenen Arbeitsstelle und womöglich der eigenen Familie – ist für viele ein wichtiger Zeitraum, um die eigene Prägung und Herkunft zu überdenken und aufzuarbeiten. Warum bin ich, wie ich bin? Bin ich nicht ganz anders als meine Eltern? Oder möglicherweise doch nicht? Und ist das gut oder schlecht?

„Wir erwarten im Gespräch mit unseren Eltern, dass auch sie unsere Beziehung jetzt reflektierter wahrnehmen. Erwarten Schuldeingeständnisse, Liebesbezeugungen, den gleichen Wunsch zur Aussprache.“

Aus der Distanz der Wohnheim-WG, im Gespräch mit dem Hauskreis in der neuen Stadt wird vieles klarer. Beziehungsnetze werden neu entschlüsselt, das eigene Verhalten verständlicher. Und während wir einen reflektierten Umgang mit uns und unseren Familien lernen, erwarten wir unbewusst von unserer Umwelt, dass sie diesen Schritt mitgeht. Wir erwarten im Gespräch mit unseren Eltern, dass auch sie unsere Beziehung jetzt reflektierter wahrnehmen. Erwarten Schuldeingeständnisse, Liebesbezeugungen, den gleichen Wunsch zur Aussprache, die es früher nicht gegeben hat. Hier setzt die Krise an, die viele erleben, die endlich die Brüche im Verhältnis zu ihren Vätern aufarbeiten wollen und doch feststellen, dass es nicht oder nur sehr mühsam vorangeht. Letztendlich erwarten wir von unseren Vätern, dass sie sich anders verhalten, als sie es früher gemacht haben. Wir erwarten ein unrealistisches Verhalten. Familienratgeber weisen immer wieder daraufhin, wie wichtig es ist, als erwachsenes Kind eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu den Eltern zu leben. Aber wie kann das funktionieren, wenn der andere nicht mitspielen will – oder kann? Wenn Väter den Kontakt meiden, Schwierigkeiten haben, über Gefühle zu sprechen. Wer trägt die Verantwortung für unsere Beziehung? Ich oder meine Eltern?

Das Vierte Gebot
Manchmal scheint es fast weltfremd, dass die Bibel gerade an die Beziehung zu unseren Eltern die Verheißung für ein erfülltes Leben knüpft. So heißt es im vierten der Zehn Gebote: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir’s wohlgehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.“ (5.Mose 5,16) Vieles an diesem Gebot verwundert. Nach den Geboten, die die Beziehung zu Gott betreffen, ist es das erste, das auf die Beziehung zu unseren Mitmenschen zielt. Ist es wirklich wichtiger, die eigenen Eltern zu ehren, als nicht zu töten, stehlen oder neidisch zu sein?

Martin Luther hat sich intensiv mit diesem Gebot beschäftigt. Er weist darauf hin, dass die Zehn Gebote das Beziehungsnetz in den Blick nehmen, in denen der Mensch lebt. Die ersten drei Gebote betrachten die Beziehung zu Gott, die anderen sieben die zum Mitmenschen. Die Beziehungen, die wir in der Familie erleben, sind dabei Schlüssel für unseren Umgang mit anderen Menschen. Wenn wir in der Familie gelernt haben, Verlässlichkeit und Fürsorge zu leben, dann können wir das auch in anderen Beziehungen. „Wohlergehen“ und ein langes Leben meinen also für Luther keinen materiellen Reichtum, sondern ein Leben im gesunden Miteinander.

Sperrig bleibt nach wie vor der Begriff „ehren“. Ein nicht gerade gängiger Ausdruck in unserem Sprachgebrauch, den wir eher mit einem Sportler oder einer hohen Persönlichkeit verbinden als mit der Beziehung zu unseren Eltern. Ehren ist anders als lieben. Nach Luther ist „ehren“ sogar höher als „lieben“, denn es umfasst Achtung, Demut und Respekt. Es ist Luther ein großes Anliegen zu betonen, dass vor Gott zwar alle Menschen gleich sind, es im menschlichen Zusammenleben aber Unterschiede gibt. Menschen übernehmen verschiedene Funktionen und Verantwortungen, damit Gemeinschaft funktionieren kann. Vater und Mutter stehen in der Funktion als Eltern, das heißt sie sind verantwortlich und zuständig für ein Kind, das auf ihren Schutz und ihre Fürsorge angewiesen ist.

Vom Kind erwartet Luther, diese Rollenverteilung anzuerkennen. Das bedeutet einerseits, sich als Kind auf diese Schutzfunktion verlassen zu dürfen. Auch in der UN-Kinderrechtskonvention heißt es: „Ein Kind hat … soweit möglich das Recht, seine Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden“ (Artikel 7). Andererseits appelliert das Vierte Gebot an Kinder, ihre Eltern in deren Rolle zu „ehren“. Ehren hat für Luther drei Ebenen: es meint erstens, die Eltern zu lieben, zweitens, nicht schlecht über sie zu reden und ihre Worte ernst zu nehmen, und drittens, sie zu versorgen und ihnen zu helfen, wenn sie selbst hilfsbedürftig sind. Dass dies nicht immer leicht fällt, weiß auch Luther. Dennoch ermutigt er dazu „zu denken, ob sie gleich gering, arm, gebrechlich und seltsam seien, dass sie dennoch Vater und Mutter sind, von Gott gegeben.“

Leben in gegenseitiger Verantwortung
Luthers Erwartungen an die Kinder sind hoch, gleichzeitig sind sie nur eine Seite der Medaille. Denn das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, schließt auch die Verantwortung der Eltern mit ein. Es liegt in ihrer Verantwortung, eine Atmosphäre zu schaffen, in der es Kindern leicht fällt, sie als Eltern zu ehren. Wenn sie ihren Kindern einen liebevollen und respektvollen Umgang miteinander vorleben, lernen Kinder früh, was ehren bedeuten kann. Denn „wie sie gelebt haben, so leben die Kinder hinnach“ (Luther).

„Wer trägt die Verantwortung für unsere Beziehung? Ich oder meine Eltern?“

Das Verhältnis zu den Eltern ist in Luthers Auslegung der Zehn Gebote die Basis für ein Leben in gesunden Beziehungen. Für uns kann es ein Zweifaches bedeuten: Einerseits sind wir aufgefordert, unsere Eltern zu ehren. Wir sollen sie – soweit es uns möglich ist –lieben, den Umgang auf Augenhöhe suchen und sie unterstützen im Alter und in der Krankheit. Gleichzeitig dürfen wir uns eingestehen, dass Eltern und Kinder andere Rollen ausfüllen. Auch als Erwachsene bleiben wir gegenüber unseren Eltern Kind und dürfen von ihnen erwarten, ihre eigene Rolle auszufüllen. Unsere Eltern haben mindestens genauso viel Verantwortung, die Beziehung zu gestalten, wie wir. Luther warnt uns hier vor einer Überverantwortlichkeit, die einen falschen Druck auf uns als erwachsene Kinder ausübt, allein für die Beziehung zu unserer Eltern zuständig zu sein.

In einem Zeitungsinterview berichtet ein Manager, dass er über die vielen Dienstreisen und langen Arbeitsstunden am Abend den Zugang zu seinem Sohn verloren hat. Er verstehe seine Sprache nicht mehr. Das Wiederfinden der gemeinsamen Sprache kann ein langer und schmerzhafter Prozess sein. Mit Luther dürfen wir uns eingestehen, dass beide – Väter und Kinder – in der Verantwortung stehen, die Sprache des anderen immer wieder neu zu lernen.

Julia Meister ist selbst Tochter. Das ist genug Legitimation für diesen Beitrag.

Wer nicht fragt, bleibt dumm!

Wer nicht fragt, bleibt dumm! So heißt es in der Sesamstraße, so ist es und so wird es bleiben, bis ans Ende aller Tage. Wer nicht fragt, der hat im Grunde das Leben im Gesamten nicht verstanden. Erfolgreich zu leben, bedeutet, fortlaufend zu lernen. Und lernen kann nur der, der fragt.

Das Fragen hat so viele Facetten. Das Befragen, das Nachfragen, das Hinterfragen zum Beispiel. Eines haben alle gemeinsam: das Bedürfnis, mehr zu erfahren, zu wissen, zu erkennen und kennenzulernen. Mich lässt das Gefühl nicht los, dass wir in Zeiten leben, in denen den Fragen zu wenig Raum gelassen wird. Überall werden Antworten und Lösungen gefordert, ohne die richtigen Fragen zuzulassen! Das ist dumm! Nochmal. Das ist dumm!

Wir brauchen ein neues Verhältnis zur Frage und weniger Drang zur leichten Antwort. Der Mut zur Frage ist es, der uns weiterbringt. Die ehrliche Frage ist es, die Vertrauen schafft. Nur wer hinterfragt, wird mit neuen Blickwinkeln beschenkt. Wer nachfragt, zeigt Interesse und bemüht sich um Klarheit.
Probier es mal. Lebe in der Frage statt in der Antwort.

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#lautgedacht zur DRAN NEXT-Rubrik „Fragwütig“.

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Das ist neu | Pfadfinden mindert Depressionsrisiko

Na dann mal „Gut Pfad!“ Wer seine Jugend in Zelten und an Lagerfeuern verbracht hat, hat statistisch gesehen eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress. Denn das Pfadfinden hat positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Es stärkt das Selbstvertrauen, die Eigenverantwortung und die Teamfähigkeit – und das bis ins hohe Alter nachweisbar und durch eine Langzeitstudie der Universität Edinburgh bestätigt.

Pfadfinden stärkt das Selbstvertrauen, die Eigenverantwortung und die Teamfähigkeit –

und das bis ins hohe Alter

Unter den 10.000 befragten Briten war ein Viertel während der eigenen Jugendzeit Mitglied in einer Pfadfinderbewegung. Im Alter von 50 Jahren litten sie 15 Prozent seltener unter Angst oder Gemütszustandsstörungen als Menschen, die nicht in einem Pfadfinderbund aktiv waren. Den Begründer der Pfadfinderschaft, Baden Powell, hätte das sicher wenig gewundert: Schließlich ging es ihm darum, Kinder und Jugendliche durch altersspezifische Gemeinschafts- und Naturerlebnisse in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu selbstreflektierten und engagierten Erwachsenen zu unterstützen. Plan aufgegangen!

(Bildnachweis: thinkstock / tinkerJulie)

Neugier ist der erste Schritt zur Besserung

Da ist etwas Neues, Fremdes. Etwas, das ich nicht ganz fassen und erklären kann. Es ist ein Gefühl der Unsicherheit, vielleicht auch etwas Überforderung. Da sind diese Situationen, denen ich ganz unerwartet begegne und gar nicht so richtig weiß, wie ich mich verhalten soll.

Ich sehe mich mich: Wie unterschiedlich Menschen doch auf das Neue reagieren. Manche haben sich vorbereitet, manche sind belesen, andere sind nervös. Einige wirken ratlos, andere überfordert. Genau wie ich. Und da vor mir. Sie dreht sich um, diese Frau mit dem Lächeln, dem offenen Blick, dem freundlichen Charakter. Sie schaut den Menschen in die Augen, sie umarmt, hört zu. Sie erzählt und vermittelt, sie hilft und interessiert sich. Sie ist …

Ich denke darüber nach, was mich so an ihr fasziniert. Da dreht sie sich um und sagt: “Meine Regel Nummer Eins: Bleibe neugierig!” Das schlägt bei mir ein wie ein Hammer. Das ist es. Die Neugier lässt und die Dinge, die Situationen, das Neue, das Fremde erleben, BEVOR wir darüber urteilen.
Bist du neugierig?

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#lautgedacht zu
„Le Star C´est moi“, Seite 36-39, DRAN NEXT 3/17
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Du sollst dein Licht nicht …!

Du sollst! Imperativ! Du sollst! Ansage, Befehl. Entscheide dich. Ja oder nein. Schwarz oder weiß. Dafür oder dagegen. Wir wollen das nicht mehr. Wir wollen die Möglichkeit zum Vielleicht, die Option auf Grau, die Freiheit der Enthaltung. Dazu ließe sich nun viel schreiben. An dieser Stelle aber nur: Ich verstehe das.

Eines aber möchte ich dir heute befehlen.

Du sollst dein Licht nicht unter den Scheffel stellen! Du sollst das nicht tun! Hier gibt es kein Vielleicht, kein Grau, keine Enthaltung. Nicht mehr akzeptabel. Wir leben in einer Zeit, in der die Schatten Raum einnehmen. Eine Zeit, in der zu viele und Vieles im Finstern bleibt. Du, der du heute mit Licht im Herzen aufgewacht bist. Du, die du heute schon ein Licht gesehen und die Wärme gespürt hast. Du, dem heute schon Licht geschenkt wurde. Ein gutes Wort, eine Ermutigung, eine helfende Hand, eine Umarmung, ein Lächeln, ein Lob. Licht soll strahlen und dein Umfeld erreichen. Licht soll fluten. Licht soll Dunkelheit vertreiben. Dein Licht! Das Gute, was du hast, die Hoffnung, die du in dir trägst, den Mut, der dich treibt: Behalte all das nicht für dich, sondern teile es. Reflektiere die Strahlen, die dich treffen. Licht ist ein Segen.

Lass dein Licht zum Segen für den Nächsten werden.

#lautgedacht #deinlicht #SeieinSegen #djr #drannext
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#lautgedacht zu
“Lichtfänger” – Machs doch selbst
Seite 86, DRAN NEXT 3-17

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Wir brauchen eine radikale Mitte

Bist du links oder rechts? Mitte. Wie Mitte? Kannst du dich nicht entscheiden, oder willst du nicht? Du musst doch für etwas stehen! Ja. Für Mitte! Für Mainstream! Mainstream – ein Begriff, der in unseren Zeiten einem Schimpfwort gleichkommt. Seelenlosigkeit, Kommerz, Substanzlosigkeit. Ich glaube es wird Zeit, Mainstream – die Mitte – aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Das Potential des Mainstreams liegt in der Fähigkeit zum Dialog. In der Mitte zu stehen, erfordert in vielen Momenten sehr viel Mut. Mehr sogar, als sich links und rechts den Radikalen anzuschließen.

Die Mitte erfordert die ständige Auseinandersetzung mit den Randerscheinungen. Die Aufgabe der Mitte ist es, im Kollektiv zu denken. Die Herausforderung der Mitte ist es, den Blick für das Ganze zu behalten. Dialog und Gemeinschaft passieren immer dort, wo sich Gegensätze treffen und aufeinander zu bewegen. Was wir in unserer Zeit brauchen, sind Menschen, die sich bewusst in den Mainstream begeben, um einem großen Publikum die Möglichkeit zur Reflektion, zum Dialog und zum Miteinander zu geben. Der Mainstream erreicht die Masse. Also ist der Mainstream der Ort, an dem das größte Potential zur Veränderung besteht.

Also: Seid radikal. Stellt euch in die Mitte. Und gebt dem Mainstream die Bedeutung, die er verdient.

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[#lautgedacht zu DRAN NEXT 3/17, S. 78: Outbreakband: „Wir wollen Mainstream sein!“. Das Heft schenken wir dir im Testabo.]
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Ich habe Gott im Spiegel gesehen

An allen Ecken wird versucht, Gott aus unserem Leben auszusperren. Wir leben in einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen einen Bezug zur Kirche haben. Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten ist es heutzutage kaum verwundernd, wenn Menschen den Sinn von Festen wie Weihnachten und Ostern nicht kennen. Das Abendmahl ist ein seltsamer Ritus, an dieses Kreuz wurde einer drangenagelt und die Dreieinigkeit ist auch nur nachvollziehbar, wenn man dran glaubt. Die Religion ist abgesehen davon Schuld an fast allem Übel dieser Welt. Und ich frage mich nun, ob ich gegen all diese Zustände und Entwicklungen oder Aussagen kämpfen sollte.

Ja! Ich sollte kämpfen. Aber nicht, indem ich mich in Diskussionen, Rechthaberei oder Opferrollen suhle. Nein. Der Gott, an den ich glaube, ist nicht angewiesen auf Systeme. Er stirbt nicht mit dem Verschwinden von Symbolen. Er wankt nicht mit den Moden und Trends unserer Zeit. Er verstummt nicht mit sinkenden Kirchenbesucherzahlen.

Nein.

Der Gott, an den ich glaube, steht über all dem. Er ist der Ursprung. Aus ihm ist alles. Er ist in allem. Und so soll es mir möglich sein, ihn in allem zu sehen. Im Glück und im Leid und allem was dazwischen liegt. Im gesamten Spektrum, im Licht, im Gesicht des Nächsten, in der Genialität des Kollegen. In der Natur und in der Größe dessen, was Menschen in der Lage sind zu leisten. In so vielem. Bis hin zu meinem eigenen Spiegelbild. Es ist Gott selbst, der mich an sich erinnert.

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[#lautgedacht zu DRAN NEXT 3/17, Seite 20: Gott im Viertel – Momente, in denen mich Gott an sich erinnert]

Das Unendliche im Endlichen sehen

Schluss, Ende, aus. Aus und vorbei. Nichts im Leben ist so final wie der Tod. Mit ihm endet alles. Oder aber: Mit ihm fängt alles an. Und nein, ich meine hiermit nicht meinen Glauben daran, dass es eine Ewigkeit im Jenseits gibt. Nicht meinen Glauben an Gott, der einen Platz für mich bereitet in einer Welt, die so viel größer und weiter ist als unsere.

Nein. Ich finde, der reine Fokus auf das Jenseits ist nicht fair. Die Endlichkeit entwickelt schon auf dieser Welt etwas total Magisches. Denn das Endliche lässt uns das Unendliche erst sehen. Das Bewusstsein, irgendwann nicht mehr da zu sein, lässt mich an das denken, was bleibt: Das gute Wort für deinen Nachbarn, die Ermutigung für einen Kollegen, die Zeit und Aufmerksamkeit für die Familie, deine helfende Hand für Menschen in Not, meine Stimme gegen Unrecht, usw. Alles, was du sagst, hinterlässt ein Gefühl. Jeder Schritt einen Abdruck. Alles, was du tust, wirkt sich auf deine Umgebung aus.

Was ist also der Tod in genau diesem Moment? Die Erinnerung daran, dass ich bleibe!

Endlich unendlich.

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Dein Solo empfiehlt dich fürs Orchester!

Eigentlich sucht doch jeder im Leben nach der Möglichkeit zum Solo. Die Möglichkeit, herauszustechen aus der Masse. Die Möglichkeit sich zu zeigen, sich anzubieten.

Das Solo ist der Traum, dem wir alle irgendwie nachjagen. In der Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit. Wir wollen den Moment, in dem wir beweisen und zeigen können was in uns steckt.

Das Solo ist die Königsdisziplin. Es erfordert Mut, höchste Qualität und Performance auf den Punkt. Solo spielen ist geil, Solo sein dagegen ist richtig …

naja. Geil in jedem Fall nicht. Zumindest nicht auf Dauer. Oder? Denn Solo bedeutet hier oft genau das Gegenteil von Bedeutung, Annahme und Wertschätzung. Solo fühlt sich an wie ein großer leerer Raum, für den man ganz viele Ideen hat, es aber verboten ist, auch nur ein einziges Möbelstück hineinzustellen. Nichts was bleibt. Selbst in Gemeinschaft fühlt es sich einsam an.

Oder aber: Solo ist auch hier die Königsdisziplin! Denn auch hier gilt: Mit deinem Solo empfiehlst du dich fürs Orchester. Mit der Art und Weise, wie du im Solo mit dir selbst, deinem Besitz, deiner Umgebung und deinem Nächsten umgehst, schreibst du dir selbst ein Zeugnis. Empfehle dich.

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Le star, c’est moi

DAS POP-ORATORIUM „LUTHER“– VON 1 AUF 2.800 IN VIER PROBEN

Ein Projektchor soll ein ganzes Pop-Oratorium bühnentauglich präsentieren – in nur vier Proben über ein halbes Jahr verteilt. Das klingt spektakulär. Uns kann keiner erzählen, dass die alle singen können. Zum Beweis schicken wir unsere Volontärin hin: Geht sie als Sängerin durch?

Applaus brandet auf. Noch gilt er nicht uns, sondern den Dirigenten, die auf ihre Position schreiten. Das Licht verlischt, mein Herz hämmert gegen den Brustkorb. It’s crunch time. Aus riesigen Boxentürmen ertönt das Intro. Noch zwei Takte, noch einer, dann setzen wir ein: L – U – T – H – E – R.  Es funktioniert tatsächlich. Der Chor der 2.800 Stimmen kommt ins Rollen. Monate an Vorbereitung und Übung werden sich jetzt beweisen.

Das Pop-Oratorium „Luther“ ist nach „Die 10 Gebote“ das zweite Mitsingprojekt aus der Feder von Michael Kunze und Dieter Falk. Ensemble, Band und Sinfonie-Orchester inszenieren gemeinsam mit einem Projektchor die Ereignisse um den Mönch Martin Luther vor dem Reichstag in Worms. Als Star der Vorstellung gilt der Projektchor aus mehreren tausend Sängern, der sich für jeden der neun Veranstaltungsorte neu zusammensetzt. In Düsseldorf zählt er an der Aufführung im Februar 2017 schließlich 2.820 Köpfe. Am Reformationstag 2017 in Berlin wird er laut Veranstalter, der „Stiftung Creative Kirche“, fast doppelt so groß sein.

Um in einem der Projektchöre mitsingen zu können, ist keine Voraussetzung notwendig. Frei nach dem Motto: Jeder kann mitsingen, der Spaß dran hat und bereit ist, dafür einen Teilnehmerbeitrag von 50 Euro zu bezahlen – inklusive der Kosten für ein eigenes Notenbuch. Anmelden können sich einzelne Sänger sowie ganze Chöre.

ICH HAB’ EIN KNALLROTES NOTENBUCH
Und das funktioniert? Mehrere tausend Stimmen in vier Proben fit für eine Aufführung zu machen? Ich möchte wissen, wie das gehen kann. Ich melde mich an – als Einzelsängerin im Alt. Für regelmäßige Proben muss ich eigenverantwortlich sorgen. Mein ganz persönliches, rotes Hochglanz-Notenbuch erreicht mich ein paar Tage später in einem großen braunen Luftpolsterumschlag – zusammen mit einer CD mit der Aufnahme der Alt-Stimme und einer Einladung zu meiner ersten Gesamtprobe Mitte September. Ich habe also noch genügend Zeit, um die Noten meiner Stimme zu lernen. Die CD überspiele ich auf mein Handy und höre hin und wieder in die einzelnen Tracks. Eine männliche Stimme sagt Liednummer und Takt an und schon singt ein Chor die Melodie der Altstimme vor. Die übrigen Stimmen sind leise im Hintergrund zu hören. Wenn man die Augen schließt, hat es was von einer Chorsimulation.

Ich komme schnell rein. Die Melodien sind recht einfach, aber nicht eintönig. Während die Kopfhörer mir die Melodie ins Ohr tuten, zwitschere ich fröhlich mit. Ist ganz einfach! Plötzlich erinnere ich mich an die DSDS-Kandidaten, die mit Playback im Ohr vor der Jury ihr Lied vortragen und sich dabei anhören wie ein blökendes Schaf. So schlimm wird es schon nicht sein, beruhige ich mich. Bis zur Aufführung muss ich als Einzelsängerin an vier Proben teilnehmen: einer Regionalprobe, einer Einzelsängerprobe, einer Gesamtprobe und der Generalprobe. Genug Vorlauf also, um mich innerhalb des nächsten Halbjahres einzugrooven. Weil noch so viel Zeit ist, lege ich die Noten und auch die CD gelassen beiseite – nur um beides eine Woche vor der ersten Probe umso intensiver zu studieren. Ich möchte mich dann doch nicht als Schaf im Sängerpelz outen müssen.

SINGEN IST NICHT GLEICH SINGEN
Mitte September bin ich also auf dem Weg zu meiner ersten Probe in der Stadthalle von Duisburg. Mich erwartet ein Baustil der 80er-Jahre mit dunkelgrünen Schwingtüren. Gegenüber dem Empfangsbereich werden auf zwei aneinandergestellten Klapptischen Notenbücher und CDs des Oratoriums verkauft. Am linken Rand stehen vor zwei Luther-Bannern zwei weiße Stehtische: Das ist wohl der Infostand der Veranstalter. Keiner fragt mich nach einer Teilnahmebescheinigung oder zumindest meinem knallroten Notenbuch. Ungehindert schlendere ich weiter in den Veranstaltungsraum. Die Sitzplätze im Alt sind bereits fast alle belegt. Ich beschlagnahme einen Klappsitz am Gang weiter hinten.

Christoph Spengler, einer der drei Dirigenten der Aufführung in Düsseldorf, leitet die Probe. Nach ein paar Einsingübungen geht es direkt in die erste Nummer. Wir wagen den Sprung ins kalte Wasser und singen einfach drauf los. Mal sehen, was bisher schon alles in den Proben vorab erreicht wurde. Christoph bittet die Technik, bei einem bestimmten Takt einzusetzen. Kurz bin ich verwirrt: Kann er nicht auf seinem E-Piano auf der Bühne den Einsatz geben? Dann klackt über Lautsprecher eine Art Metronom und eine Stimme zählt ein – Christoph schwingt seine Hände dirigentenmäßig durch die Luft und gibt den Einsatz: „L – U – T – H – E – R.“

Ich bin so überwältigt von dem Stimmvolumen der Sänger um mich herum, dass ich den Einsatz verpasse und erst auf T einsetze. Kleiner Patzer – nicht so schlimm, denke ich und singe munter weiter. Das Ergebnis kann sich hören lassen. Ich finde, das Stück hört sich an wie auf der Übungs-CD, nur besser. Klappt doch super. Nach dem Titel gespanntes Schweigen. Meine Auffassung ist offenbar mehrheitsfähig: War eine gute Nummer. Christoph sieht das anders. Er findet unsere Leistung mies, was er uns auch auf humorvolle Weise mitteilt. Wir lachen unsicher. Christoph lächelt gequält, als hätte jemand einen schlechten Scherz gemacht. Es liegt wohl noch etwas Arbeit vor uns.

Arbeit – das umschreibt auch ganz gut die Probe. Wir proben die Stücke nacheinander durch: Einsätze, Pausen, Betonungen – ich mache mir Notizen in die Noten. Mein neongelber Marker schwingt sich zu Höchstleistungen auf. An der einen oder anderen Stelle krähe ich laut in Pausen rein, was mir böse Blicke von der Seite beschert. Ich komme ins Schwitzen. Peinlich. Als hätte ich mir Einzelsänger auf die Stirn tätowiert. Ich beschließe, mich etwas mehr zurückzuhalten und mich an den geübteren Sängerinnen zu orientieren. Eine willkommene Unterstützung ist mir dabei die Sängerin direkt hinter mir. Zielsicher trifft sie immer den richtigen Ton. Sie ist mein Übungs-CD-Ersatz mit Add-on: Sie hat nämlich nicht nur die Stimme des Alt gelernt, sondern alle anderen Stimmen und Soli auch. Sie trällert sozusagen die gesamte Probe durchgängig in allen Stimmen mit, inklusive Bass. Ein unauffälliger Schulterblick meinerseits zeigt mir eine junge Dame in meinem Alter. Auf ihrem schwarzen Shirt prangt in Neonorange das Logo des Gospelchores, mit dem sie in einem der großen Reisebusse vor der Halle angereist ist. Ich ahne dunkel, dass die nächste Schwester Mary Clarence der Millennials hinter mir sitzt. Und es gibt wohl noch mehr von ihrer Sorte in diesem Saal – Sister Act goes Luther-Oratorium.

Resigniert trete ich nach der Probe den Heimweg an. Irgendwie ist das doch nicht so einfach, wie ich dachte. Ich nehme mir vor, bis zur nächsten Probe die Noten noch einmal gründlich durchzuarbeiten. Wär doch gelacht!

TEIL VON WAS GROSSEM SEIN
„Noch eine Woche – dann ist schon alles vorbei“, denke ich, als ich dem Hinweisschild („Besser Alt singen als alt aussehen.“) folge und meinen Platz auf der Sängertribüne der Essener Grugahalle einnehme. Heute probt der Chor zum ersten Mal in seiner Gesamtbesetzung. Die Stimmung ist deutlich besser – unruhiger, aber familiärer und gelockerter. Vielleicht liegt es daran, dass die Tenöre ihre Bestimmung gefunden haben („Traumberuf? Tenöse“) oder der Bass kapiert hat, dass die wahren Qualitäten in der Tiefe liegen („Gut – besser – BASS. Für mehr Bassismus!“). Oder weil die Soprane endlich eingesehen haben, dass „Superheldin kein anerkannter Beruf ist“.

Kurz wünsche ich mir, in dem Team mitarbeiten zu dürfen, das die Hinweisschilder entworfen hat. Wer Schilder bastelt, muss nicht singen können – interessiert einfach keinen. Das würde mir eine große Last abnehmen. Aber eine Sängerin muss tun, was eine Sängerin tun muss. Dann erklingt auch schon das Intro zur Probe. Einige Infos gibt es vorab zu verkünden: Matthias Nagel, der zweite Dirigent, kann wegen Magen-Darm nicht anwesend sein. Per Videobotschaft von der Bühne teilen wir ihm unser Mitleid mit und wünschen gute Besserung. Dirigent Christoph hatte am Tag zuvor Geburtstag – natürlich singen wir ihm ein Ständchen, genauso wie im Anschluss auch noch allen übrigen Geburtstagskindern. Wie selbstverständlich werden 2.800 Personen auf einem einfachen Niveau in den Alltag und die Sorgen der Veranstalter integriert und persönlich wahrgenommen. Ich werde ungeduldig. Das Vorgeplänkel kommt mir heute ewig vor. Aber ein Sondergast fehlt noch, denn diesmal ist auch Dieter Falk, Komponist des Oratoriums, bei der Probe anwesend. Er erzählt einige Takte zum Entstehungsprozess des Oratoriums und stimmt mit dem Chor ein kleines Lied an. Mit dem Versprechen, in der Probenpause „alles zu unterschreiben“, räumt er für Christoph die Bühne.

Endlich! Heute geht es an den Feinschliff. Wir proben nur noch einzelne Stellen, die gefährlich werden könnten, und starten nach der Pause einen vollständigen Durchlauf des Oratoriums. Ich bin froh, den Ablauf vor der Generalprobe einmal in Echtzeit miterlebt zu haben. Jetzt bin ich richtig drin. Von mir aus kann’s losgehen!

EIN GUTER DIALOG IST DIE HALBE AUFFÜHRUNG
Es ist Freitagabend. Ich komme bei Dämmerung am ISS Dome in Düsseldorf an und reihe mich in die Sängertraube vor dem Eingang – meinen Sängerausweis in der Hand, die Tasche bereit für den Glasflaschen-Security-Check. Nach unzähligen Treppenstufen gelange ich in meinen Block. Es riecht nach Trockeneis – die letzten Schwaden der Nebelmaschinen gleiten noch den Bühnenstufen Richtung Publikumsreihen entgegen. Bühne und Sängertribüne sind in blaues, rotes und gelbes Licht getaucht. Um mich legt sich ein Mantel der Aufregung. Ich suche mir einen Klappsitz. Kaum habe ich mich eingerichtet, gesteht mir meine Sitznachbarin nervös lächelnd, dass sie ja nicht schwindelfrei sei. Ich bewundere die Bühne. Sechs Lastwagen brachten das Equipment zur Halle. Licht, Ton, Special-Effects – 50 Mitarbeiter waren allein damit beschäftigt.

Heute steht zum ersten Mal ein Durchlauf der Choreografien auf dem Plan. Ein, zwei Durchgänge werden geprobt, dann müssen die Bewegungsabläufe sitzen. Das junge Orchester NRW nimmt seine Plätze auf der  Bühne ein. Christoph und Matthias erklimmen die Treppen ihrer Dirigenten-Podeste links und rechts der Bühne, damit sie keinem Zuschauer die Sicht versperren und der Chor ihre Einsatzangabe trotz Traversen erkennt. Mensch, ist das aufregend! Ich fühle mich wie ein Star.

Während der Probe merke ich schnell, wie wichtig eine eingespielte Kommunikation zwischen Chor und Dirigent ist. Mein Platz ist im äußeren Rang am Rand des Chores – für meine Seite dirigiert Matthias. Er gibt die Einsätze ganz anders als Christoph in den Proben. Seine Bewegungen sind geschmeidiger und weniger technisch. Ich bin verwirrt: Wann soll der Ton denn jetzt da sein? Während der Generalprobe sind die Einsätze des Chores hörbar unsauber. Unsicherheit kommt während der Choreo zum fünften Song „Multiplikation“ auf. Der Chor soll zu einem bestimmten Zeitpunkt im Stück die Notenhefte mit dem schwarzen Umschlag nach außen über den Kopf halten und nach dem Prinzip einer La Ola-Welle von der Chormitte nach außen zu beiden Seiten auf die weiße Seite umdrehen. Heute ist der Schlusston gesungen, bevor die Welle an den äußeren Rändern des Chors angelangt: Sie klatscht nicht auf die Felsen, sondern verläuft sich mehr im Sandstrand. Sozusagen eine Multiplikation, die sich im Sand verläuft. Alles in allem war das keine herausragende Probe. 18 Stunden vor dem Auftritt: Es gibt Potenzial nach oben. Eine Erkenntnis, die mich eher zum Weinen als zum Lachen bringt.

ICH STEHE NICHT ALLEINE DA
Samstagmorgen – Finalstimmung liegt in der Luft. In der Eingangshalle des „Domes“ empfängt mich der Duft von warmem Popcorn und Frauenparfum. Die Sängerinnen haben heute noch etwas mehr Rouge aufgelegt und die Herren ihre Halbschuhe poliert. Inzwischen sind auch die Stuhlreihen in der Mitte der Dome-Arena gestellt. Wir singen uns ein, dann heißt es: So, jetzt ist noch eine Stunde Pause – in fünf Minuten werden die Zuschauer reingelassen. Huch – das geht jetzt aber mit großen Schritten. War nicht noch eine Probe vorgesehen? Und schon kommen die ersten Menschen in die Halle, suchen ihre Plätze auf. Nach und nach füllen sich die Reihen. Wie kleine Kinder schauen wir durch einen Türspalt und stellen uns dem Pochen in der Brust. Bis zehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn haben dann auch alle Sänger ihre Plätze eingenommen. Gespanntes Warten. Ich sitze auf meinem Klappsitz und markiere panisch noch die letzten Zeilen, kreise mit Kuli Pausen und Einsätze ein. Das Mädel neben mir sieht mir verständnislos dabei zu. Das Orchester sammelt sich am Bühnenaufgang und geht schließlich auf seine Plätze. Applaus brandet auf. Schnell sortiere ich mich und warte auf das Signal für den Chor zum Aufstehen. Der Moment ist da: Es gibt keine zweite Chance. Ich atme tief ein – diesmal gelingt mir der Einsatz auf „L“.

ERMUTIGENDE HOOKLINES FÜR DEN ALLTAG
Der Morgen danach: Mann, bin ich platt. Unglaublich müde und zufrieden über die gelungene Show. Wir sind ohne groben Patzer durchgekommen. Den anschließenden Applaus habe ich versucht, tief in mich einzusaugen. Ja, er galt auch mir als einer von 2.820. Auch wenn ich „nur“ zum Chor gehört habe, bin ich stolz auf das Gesamtergebnis. Das Oratorium war unsere gemeinsame Leistung – mit Ensemble, Band und Orchester. Wir alle können sagen: „Le Star, c’est moi.“ Einige der Lieder haben mich in dieser Nacht bis in den Schlaf begleitet – auch inhaltlich. Ich habe noch länger über Luthers Kampf mit seinem Gewissen nachgedacht. Was es einen kostet, gegen die Mehrheit für seine Meinung einzustehen. Mir ist neu bewusst geworden, was der Entschluss zum „Selber Denken“ von mir fordert. Es ist, als ob Luthers Geschichte mir zuruft: „Hab Mut“, wo die Wahrheit in Frage gestellt wird. Noch mehr „Klick“ ist bei einem Pop-Oratorium nicht drin!

MELANIE ECKMANN würde nochmal im Projektchor des Pop-Oratoriums „Luther“ singen.

Outbreakband: „Wir wollen Mainstream sein!“

SIE SIND SO ETWAS WIE DIE DEUTSCHEN HILLSONG UNITED: KEIN DEUTSCHSPRACHIGER KÜNSTLER WAR IN DEN LETZTEN JAHREN STILPRÄGENDER FÜR DIE HIESIGE LOBPREISLANDSCHAFT ALS DIE OUTBREAKBAND. 2017 FEIERT SIE IHR 10-JÄHRIGES BESTEHEN MIT DEM BEST-OF-LIVEALBUM „EINS“. WIR NUTZEN DIE GELEGENHEIT, MAL KRÄFTIG MIT JURI, MIA UND STEFAN ANZUSTOSSEN.

Interview: Simon Jahn

Also vorweg: Glückwunsch zu der Megageschichte, die ihr da seit zehn Jahren schreibt! Erzählt mal ein bisschen von den Anfängen: Wann seid ihr drei euch zum ersten Mal begegnet?
Juri: Mia und ich waren schon verheiratet und hatten einen Sohn, als wir zum Glaubenszentrum kamen. Stefan trafen wir dort, weil er mit uns im selben Schuljahr war. Ich war aber gar nicht begeistert von ihm, weil er sich oft auf Kosten anderer lustig machte.
Stefan: Das war wirklich so!
Juri: Und damit konnte ich absolut nicht umgehen. Ich wusste, dass er Piano spielt und dass ich in absehbarer Zeit eine Band für das Jugendevent Outbreak sowie eine einwöchige Jugendkonferenz am Glaubenszentrum zusammenstellen sollte. Aber diesen Typen wollte ich auf keinen Fall dabeihaben.

Und wie hat dich Stefan dann doch rumgekriegt?
Juri: Ein Jahr später, als es dann so weit war und ich die Band aus der Mitarbeiterschaft der Jugendkonferenz zusammenstellte, waren Stefan und ich inzwischen gute Freunde geworden. Tatsächlich ist der Kern der Outbreakband seit dieser Zeit gleich geblieben.

Wie lief der erste Auftritt?
Juri: Die Geburt unserer Tochter Mona stand direkt bevor. Am Tag vor dem Outbreak fand der geplante Kaiserschnitt in einem Krankenhaus bei Wuppertal statt. So habe ich den halben Tag mit unserem neugeborenen Kind und der gerade frisch zugenähten Mia verbracht, bin dann nachts ins Glaubenszentrum gefahren, um dort am nächsten Tag den Lobpreis zu leiten, und anschließend wieder zurück nach Wuppertal. Mir war es einfach wichtig, bei diesem ersten großen Auftritt dabei zu sein. Im Nachhinein betrachtet war das für den Start der Outbreakband wertvoll. Von da an ist der Outbreak von 800 Besuchern in den kommenden Jahren auf über 4.000 gewachsen. Es war der Beginn eines Aufschwungs. Wir wissen natürlich, dass wir damals viel Rumpelmusik abgeliefert haben. Aber für die Zeit und unsere Möglichkeiten war es gut.

Und dann fehlte euch die Zeit, euch einen originellen Namen einfallen zu lassen?
Juri: Das stimmt tatsächlich. Ein Jahr nach besagtem Outbreak sollte ich für das Glaubenszentrum eine CD produzieren. Ich konnte zu der Zeit aber keine andere Band sehen, die dafür infrage kam. Und als dann schließlich das Cover gestaltet werden sollte, kam die Frage auf: Wie heißt das Ganze denn jetzt?

 

Pas de dieu

DAS „LIMELIGHT COLLECTIVE“ – ODER: WIE DER TÄNZER SHAW COLEMAN EIN GEALTERTES HEILSARMEEKORPS IN BERLIN UMKREMPELT

Berlins Kastanienallee ist eine der beliebtesten alternativen Shoppingmeilen. Neben besonderer Mode lassen sich hier lange gesuchte Schallplatten auffinden, in den Papeterien oder bei „Kauf dich Glücklich“ verkaufen sie allerlei ausgefallene Kleinigkeiten. Für den kleinen Hunger gibt es die Bio-Burger-Schmiede oder den Humus-Laden. Es gibt eine Sprachschule für Deutsch, daneben ist die Ballettschule und ein paar Häuser weiter die Gemeinde der Heilsarmee. Hier treffe ich Shaw Coleman, der perfekt in das vielseitige, multikulturelle Ambiente passt. Shaw ist professioneller Balletttänzer und Heilsarmeesoldat, was nicht zwingend ein Widerspruch ist, aber in dieser Kombination doch besonders. Seit wenigen Wochen ist er auch noch frisch gebackener Gemeindegründer und man darf davon ausgehen, dass da eine Geschichte hintersteckt, die es wert ist, erzählt zu werden.

Shaw wächst als jüngster Drilling im australischen Perth auf. Als Kinder erfinden die drei Theaterstücke oder wirken bei Musicals im Kinderchor mit, manch-mal sind auch ihre zwei älteren Brü-der dabei. Ihre Eltern sind Offiziere der  Heilsarmee und arbeiten als Gemeindeleiter und mit Suchtkranken. Für die Drillinge ist es nicht immer einfach, als Individuen wahrgenommen zu werden, weshalb Shaw froh ist, als sie im Jugendalter verschiedene Interessen entwickeln. Für ihn ist das die Tanzwelt, die er bereits als Grundschüler kennenlernt und die bald mehr Raum in seinem Leben einnehmen soll als ein gewöhnliches Hobby. Nachdem er mit 16 seine allgemeine Schulpflicht beendet hat, geht er für drei Jahre an eine Ballettschule. Mit dieser Vorausbildung wird er schließlich am National Theater angenommen und erhält eine staatlich anerkannte Ballettausbildung.

Natürlich ist die Tanzwelt ein ganz anderes Pflaster als die Gemeinschaft der Heilsarmeeleute, in der er groß geworden ist. Am National Theater geht es um Leistung, Konkurrenz und Disziplin. Mit seinem christlichen Glauben können die wenigsten etwas anfangen und halten ihn für ein wenig sonderbar – doch wer ist das nicht in der Künstler-Szene?

Neugierig geworden? Den vollständigen Beitrag liest du in der aktuellen DRAN NEXT.

Single Shaming

ES GIBT NICHT WESENTLICH MEHR SINGLES ALS FRÜHER, AUCH WENN DIE STATISTIK DAS NAHELEGT. NUR MEHR VERWITWETE RENTNER. UND GEFÜHLT MEHR SCHMERZ DER JÜNGEREN ÜBER DAS ALLEINSEIN. IST DAS SINGLEDASEIN WIRKLICH SO SCHLIMM?

Wenn sich Renée Zellweger alias Bridget Jones in „Schokolade zum Frühstück“ erst ein Glas Wein in den Hals kippt und dann im Kinderpyjama „All By Myself“ verausdruckstanzt, könnte man als Single glatt heulen vor Selbstmitleid. Wenn es nicht so bescheuert aussähe. Über 30 und Single, da muss etwas gewaltig schiefgelaufen sein. Und die Aussichten für die Zukunft? Katastrophal. Singles sind auf Dauer lebensunfähig – und das nicht nur, wenn sie wie Bridget jedes Fettnäpfchen mitnehmen.

EINFACH ZU „DINGS“
Der Film mag inzwischen etwas veraltet sein, das dargestellte Problem ist es nicht. In einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem jeder rausholt, was möglich ist, kann man sich schnell als Versager fühlen, wenn man die Sache mit der Liebe nicht auf die Reihe bekommt. Spätestens mit Mitte 30 sollte man bei dem strammen Pensum – Partnersuche, Heirat, Hausbau, Nachwuchsplanung – schon loslegen. Wo das so nicht klappt, kann es eigentlich nur daran liegen, dass jemand zu wählerisch, zu schüchtern, zu unattraktiv, zu … ist.

Was bei all diesen Erklärungsversuchen unterschwellig mitschwingt, ist die Annahme, man habe sein Liebesglück selbst in der Hand. Als müsse man nur hart genug an der eigenen Fehlerhaftigkeit arbeiten, um die eigene Unvollständigkeit in einer gelingenden Beziehung zu überwinden. Nach dem Motto: Du bist Single? Selbst schuld! Ständiges Nachfragen, ob denn da endlich was in Sicht sei, macht es nicht besser. Die Erfahrung der verbalen Ausgrenzung ist so universell, dass englischsprachige Blogs einen Begriff dafür erfunden haben – „Single Shaming“. Da läuft was gehörig falsch. Der Umgang mit den Singles in unserer Mitte kann nicht darin bestehen, Menschen zu vermitteln, mit ihnen stimme etwas nicht. Ganz davon abgesehen, dass man dabei Menschen nicht berücksichtigt, die freiwillig und bewusst ohne Partnerin oder Partner leben.

ALLEIN IST NICHT GUT
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei“ (Genesis 2,18), lässt Gott den Menschen im ersten Buch der Bibel ausrichten. Er schafft Mann und Frau auf Gemeinschaft hin, damit sie einander nicht nur helfen, sondern ihr Leben in allen Bereichen miteinander teilen. Ein Aufruf zur monogamen Beziehung, schon klar. Andererseits wurde mit diesem Vers eine Menge Ausgrenzung betrieben, weil eine tiefere Wahrheitsdimension unerwähnt blieb – es steckt noch mehr drin. Gott macht deutlich, wie gut er unsere tiefsten Bedürfnisse kennt. Gemeinschaft mit anderen Menschen ist ein existenzielles Grundbedürfnis. Alleinsein ist „nicht gut“. Wir brauchen die Unterstützung, den Trost und den Rat anderer. Und es ist unsere Aufgabe, selbst für andere Unterstützer, Tröster und Ratgeber zu sein. Das schließt alle mit ein und darum gibt es auch – das sollte selbstverständlich sein – keinen qualitativen Unterschied zwischen Singles und Paaren, kein unvollständig vs. vollständig. Paulus, pragmatisch wie er in dieser Frage nun einmal war, benennt in seinem Brief an die Korinther den strategischen Vorteil, den Alleinstehende vor Verheirateten haben: Sie haben mehr Zeit und Energie übrig für das Reich Gottes, weil sie sich nicht um einen Partner sorgen müssen (1. Korinther 7,32-35). Damit haben sie schlichtweg mehr Ressourcen, die sie in ihre Beziehungen zu ihren Mitmenschen und zu ihrem Schöpfer investieren können. In die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist auch Gott mit hineingenommen. Weil er uns über jedes Maß hinaus liebt, wünscht er sich, dass wir diese Liebe erwidern. Und weil dieser Aufruf, Gott und den Nächsten zu lieben und zugleich mit Blick auf die Ewigkeit zu leben, für alle gilt, kann Paulus in diesem Zusammenhang sagen: „Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine“ (1. Korinther 7,29). Mit anderen Worten: Verheiratetsein ist gut, Singlesein aber auch, wenn es darum geht, im Hier und Heute zu leben und sich gleichzeitig von der Erwartung auf den Himmel und die Ewigkeit bei Gott bestimmen zu lassen. Die Bibel wertet Singles auf und formuliert einen kulturellen Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, in der sich Frauen und Männer durch Ehe und Familiengründung die eigene Zukunft sichern mussten. Paulus verschiebt den Fokus auf das Leben nach dem Leben. Egal ob Single oder Ehepartner: Im Beziehungsstatus liegt nicht unsere einzige Hoffnung. Das Beste kommt noch.

SINGLEZEIT IST MEHR ALS NUR WARTEZEIT
Der zweite Perspektivwechsel, der helfen kann, betrifft die Gegenwart: Wer sein Singlesein nicht als Zwischenstatus betrachtet, den es so schnell wie möglich loszuwerden gilt, gewinnt. Mehr Lebenszeit und weniger Wartezeit, weil ein erfülltes Jetzt nicht vom „richtigen“ Beziehungsstatus abhängt. Ebensogut lässt sich diese Zeit als Phase verstehen, in der Jesus einen prägen kann, in der Pläne geschmiedet und Abenteuer erlebt werden und in der man zum Segen für andere leben kann. Das alles gilt auch für die Umgebung: Signalisieren die Freunde, dass es gut ist, wie es ist? Niemand hat das Recht, in dieser Frage zu drängeln – und sei es nur im Spaß. Und in der Gemeinde: Gibt es Sensibilität für die Bedürfnisse von Singles oder werden Familien und Paare – mal offen, mal indirekt – bevorzugt?Statt die emotionalen Gräben zu vertiefen, können Gemeinden hier sichtbar einen Unterschied machen. Wenn eine Gemeinde Menschen, die allein sind, auch Menschen, die anderswo am Rand stehen, mit hineinnimmt und ihnen ein Zuhause bietet, dann ist das auch ein Signal nach außen. Christen haben eben nicht nur die eigene Familie, sondern auch die „Gemeindefamilie“, in der Jesus einen prägen kann, in der Pläne geschmiedet und Abenteuer erlebt werden und in der man zum Segen für andere leben kann. Das alles gilt auch für die Umgebung: Signalisieren die Freunde, dass es gut ist, wie es ist? Niemand hat das Recht, in dieser Frage zu drängeln – und sei es nur im Spaß. Und in der Gemeinde: Gibt es Sensibilität für die Bedürfnisse von Singles oder werden Familien und Paare – mal offen, mal indirekt – bevorzugt?Statt die emotionalen Gräben zu vertie-fen, können Gemeinden hier sichtbar einen Unterschied machen. Wenn eine Gemeinde Menschen, die allein sind, auch Menschen, die anderswo am Rand stehen, mit hineinnimmt und ihnen ein Zuhause bietet, dann ist das auch ein Signal nach außen. Christen haben eben nicht nur die eigene Familie, sondern auch die „Gemeindefamilie“, in der Leben miteinander geteilt wird. Gerade Freundschaften zwischen Paaren und Alleinstehenden können eine echte Bereicherung sein und beide Seiten dazu herausfordern, die jeweils andere Lebensform realistisch zu betrachten. Ein Anfang könnte sein, als Familie Singles in der Gemeinde sonntags nach dem Gottesdienst zum Mittagessen einzuladen. Fortgeschrittene wagen sich an einen Urlaub, bei dem Familien, Paare und Singles als Freunde gemeinsam unterwegs sind.
Beides ist problematisch: sowohl unrealistisch hohe Erwartungen an eine Beziehung als auch die Vorstellung, dass das Ganze von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Gerade deswegen ist es gut, wenn Singles und Paare als Freunde im ehrlichen Austausch bleiben, wie großartig, aber auch herausfordernd eine Beziehung eigentlich ist.

PRIVILEGIEN GENIESSEN LERNEN
Der schmale Grat besteht darin, sich den Partner zu wünschen, ohne als Single die Vorzüge zu vergessen, die einem diese Lebensphase auch beschert. Es liegt leider in der Natur der Sache, dass ein Privileg gerade von denen nicht wahrgenommen wird, die in seinen Genuss kommen. So manch einer, der von jetzt auf gleich in eine Partnerschaft gestürzt ist, hat sehr bald die Unabhängigkeit vermisst, die er als Junggeselle genoss, ohne es zu wissen. Er hätte sicher eine passende Antwort auf die Frage, wie schlimm das mit dem Singlesein in Wirklichkeit ist.

DORO MANDLER lebt als Kopf-hoch-Single in Tübingen.

Jetzt im Kino: Der junge Karl Marx

Filmstart: 02.03.2017
Historienfilm

Darum geht’s:
Die industrielle Revolution brachte dem Bürgertum Wohlstand und den Arbeitern Elend. Der idealistische Journalist Karl Marx (August Diehl) schreibt dagegen an, erntet mit seinen Artikeln aber nur Unverständnis. Als er im französischen Exil dem Fabrikantensohn Friedrich Engels (Stefan Konarske) begegnet, stellen die beiden Herren viele Gemeinsamkeiten fest. Ab sofort kämpfen sie zusammen für die Rechte der arbeitenden Klasse, obwohl sie dafür Verfolgung und Ausgrenzung aushalten müssen.

Das kommt rüber:
Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Marx‘schen Thesen findet hauptsächlich in der zweiten Filmhälfte statt, die vielleicht gerade deshalb ein bisschen schwerfällig wirkt. Der erste Teil zeigt Karl Marx’s Geschichte, die eines unangepassten Rebellen, der sich mit seinem Gefährten Engels amüsante Rededuelle liefert und die gemeinsame Trinkfestigkeit testet. Ihr Einsatz für die Arbeiterschaft findet hauptsächlich per Debatte statt, den emotionalen Höhepunkt des Filmes bildet die Gründung der Internationalen Kommunistischen Liga. Spätestens der Abspann weist unübersehbar darauf hin, dass ein Bezug zur Ungleichheit in der heutigen Zeit hergestellt werden soll. Eine distanzierte Betrachtung wird damit schwierig, weil der Film an das Gerechtigkeitsbewusstsein seiner Zuschauer appelliert. Die entscheidenden Unterschiede zwischen damals und heute werden allerdings kaum thematisiert: Die beiden Weltveränderer könnten sich mit ihren Frisuren auch im Jahrhundert geirrt haben.

Unterm Strich:
Als Historienfilm nicht die schlechteste Idee – für die ausufernden Dialoge sollte man jedoch etwas Geduld mitbringen.

Michael Seiler

(Foto: © Kris Dewitte/ Neue Visionen Filmverleih GmbH)

Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Eigentlich wollten die Schulze-Geschwister mit dem Shirt-Label „Sofalich“ ihrem kleinen Bruder nur den Führerschein finanzieren – heute drucken sie ihre Designs immer noch auf Shirts. Nur dass die inzwischen aus Plastikmüll sind oder aus Armeebeständen zweitverwertet werden. Ein Gespräch mit Micha Schulz über Konsumkritik und das Privileg, zu tun, was man liebt.

Interview: Melanie Eckmann

MICHA, EUER PROJEKT IST IM BESTEN SINNE KONSUMKRITISCH – EINE ECHTE ALTERNATIVE ZUR NEUWARE VON DER STANGE. WIE HÄLTST DU’S DENN MIT DEINEN EIGENEN KLAMOTTEN: TRÄGST DU SELBST NUR FAIR?
Nein.

UND DU STEHST DAZU.
Ja, voll! Es gibt von Brot für die Welt eine Liste mit 17 Alltagsdingen, die man für ein ethisch korrekteres Leben machen kann. Dafür muss man sich nicht groß verbiegen – die Hemmschwelle ist niedrig gehalten: zum Beispiel einmal in der Woche auf Fleisch zu verzichten. Sowas liebe ich, weil es nicht in die Extreme abrutscht. Kleine Schritte tun auch etwas Gutes. Ich werde immer ausschließlich Fairtrade-Kleidung verkaufen, aber nicht den Anspruch an andere haben, dass sie nur Fairtrade-Kleidung tragen. Also auch nicht an mich. Ich bin ein großer Fan von Secondhand-Shops. Die meisten Kleidungsstücke dort sind nicht fair gehandelt, und trotzdem finde ich das sinnvoll, weil Altes nicht einfach weggeschmissen wird, sondern einen neuen Besitzer findet. Das ist doch besser, als alles neu zu kaufen.

GERADE DIE KLEIDUNGSINDUSTRIE LEBT JA VON DER MODE. ICH BIN DAZU ANGEHALTEN, MIR IMMER NEUE KLEIDUNG ZU KAUFEN, UM MIT MEINEM OUTFIT IM TREND ZU LIEGEN. WIE STEHST DU ZU DER HALTUNG?
Konsum war auch so eine Kernkritik in meinem Jugenddasein. Nicht, weil ich Konsum prinzipiell bescheuert fand, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich als Jugendlicher immer mehr in eine Erwartungshaltung kam. Es musste mir etwas präsentiert werden, das ich konsumieren konnte. Das erstreckte sich nicht nur auf Dinge, die ich kaufen und erleben konnte, sondern auch auf meinen Glauben. Ich bin dankbar für die Zeit, in der ich gelernt habe, dass ich meinen Glauben nicht aus einer Konsumhaltung heraus leben darf. Wenn ich weiterkommen möchte, muss ich in der Lage sein auch selbst Inhalte zu produzieren – mich mit meinen Fähigkeiten einzubringen und einen Beitrag zu leisten.

EIN BEITRAG IST EUER LABEL „SOFALICH“. WIE SEID IHR AUF DEN NAMEN GEKOMMEN?
Ursprünglich war erst der Name da und später kam die Bedeutung dazu. Eigentlich wollten wir meinem kleinen Bruder nur den Führerschein finanzieren. Wir kommen aus einem Pastorenhaushalt, der uns viel Liebe und Geduld mitgegeben hat, aber wenig Geld. Wir haben uns gefragt, was wir mit dem Namen ausdrücken wollen – Gemütlichkeit stand an erster Stelle. Wir lieben Sofas, also machten wir ein Adjektiv draus, und so entstand „sofalich“. Meinem ältesten Bruder war direkt klar, was das bedeutet: SoFa für „Social Factory“ und LiCh für „Life to choose“ – wir haben ein Leben, für das wir uns entscheiden können. Wär cool, wenn wir uns als Christ manchmal für die richtigen Dinge entscheiden würden.

WAS MACHT SOFALICH EINZIGARTIG?
Klar haben wir uns die Frage gestellt, weshalb es neben Glimpse Clothing, Pe-ix, Christkind Clothing, ArmedAngels, Love Your Neighbour und wie sie alle heißen jetzt auch noch uns als Sofalich braucht. Wir lieben all diese Fairtrade-Labels und feiern sie! …

Neugierig geworden? Das vollständige Interview liest du in der aktuellen DRAN NEXT.

Lass ma‘ reden!

GOTT HAT LUST AUF DIALOG

Ich konnte meine Klappe noch nie halten. Meinen Lehrer in der ersten Klasse veranlasste das zu folgendem Satz auf meiner Beurteilung: „Katharina muss noch lernen, dass sie nicht immer zu allem etwas sagen kann.“ Mittlerweile gelingt das etwas besser. Aber nur etwas. Ich brauche die Auseinandersetzung. Ich will meine Meinung einbringen. Mitdenken dürfen. Und ich wünsche mir ein Gegenüber, mit dem das möglich ist. Mein Reden soll kein Monolog sein, keine Einbahnstraße.
Da sind so viele Fragen, die mich umtreiben, die ich mit anderen weiterbewegen möchte. Da sind so viele Menschen, die mich neugierig machen und deren Meinung ich  entdecken will. Da ist die Erfahrung, dass  mein Denken und meine Ansichten im Dialog bereichert werden. Ich liebe es, wenn sich Gespräche entwickeln, über denen ich die Zeit vergesse. Wenn man sich gemeinsam in Themen vertieft, die Herz und Hirn bewegen. Wenn man die großen und kleinen Fragen des Lebens hin- und herwälzt. Wenn man über neue Erkenntnisse durch andere Blickwinkel staunt. Wenn man hinhört und so Worte für das eigene Erleben findet. Das Eintauchen in Austausch begeistert mich. Und manchmal denke ich, Gott will noch mehr reden als ich. Dabei kam mir das lange gar nicht so vor.

HAT GOTT EIGENTLICH INTERESSE AN MIR?
Mein Bild von Gott war eher das eines Opas auf einer fernen Wolke – wenn es ihn denn überhaupt gibt. Einer, der kein Interesse hat awn der Welt und dem, was hier abgeht. Und schon gar nicht an mir und meinem Leben, meinen Gedanken und meiner Meinung. Und das ging für mich gar nicht.
Gerade die „großen“ Themen trieben mich um – und das sind am Ende die, bei denen Gott eine Rolle spielen könnte. Eines stand fest: Bei Fragen wie „Hat das Leben einen Sinn?“, „Warum ist die Welt, wie sie ist?“ oder „Was passiert nach dem Tod?“ würde ich nicht einfach nur schlucken. Für mich war klar: Ein Gott, der mir vorgibt, was ich dazu zu denken habe, der kann mir gestohlen bleiben. Dann treffe ich mich lieber mit philosophisch Interessierten am Stammtisch (wobei ich dafür eigentlich noch zu jung war). Keine Ahnung, woher dieses Bild von Gott kam. Wahrscheinlich daher, dass ein Gott, der sich für diese Welt interessiert, nicht kompatibel schien mit Eltern, die sich scheiden lassen, Krankheiten, die das Leben einschränken und Gottesdiensten, dich mich langweilen. Dass ich auch gar nicht gewusst hätte, wie ich in Kontakt mit ihm kommen könnte. Und dadurch, dass meine Begegnungen mit „Kirchenleuten“ bis dahin wenig Raum für meine Fragen und mein Denken zugelassen hatten.

DIE SEHNSUCHT NACH EINEM GEGENÜBER
Dann entdeckte ich den Gott, um den es in der Bibel geht. Wenn Gott so ist, wie die Bibel ihn beschreibt, kann ich zu keinem anderen Schluss kommen: Gott hat ein Mitteilungsbedürfnis. Und auch das ist nicht einseitig. Er sucht Kontakt. Er redet. Er will Dialog. Von der ersten bis zur letzten Seite lässt sich zwischen den Buchdeckeln der Bibel ein Gott finden, der Beziehung zu den Menschen will. Beziehung mit Austausch. In der Bibel entdecke ich Gottes Reden, sein Wort zentral.
In der Erzählung von der Erschaff ung der Welt und der Menschen ist es Gottes Reden, das ganz am Anfang steht. Es ruft alles ins Leben. Zum Beispiel einen Garten, in dem er spazieren geht und sich mit den Menschen trifft. Er stellt Fragen, hört hin, gibt Antworten. Was für eine Vorstellung von Gott. Einer, der da ist. Zugleich nahbar und mit Respekt vor der Freiheit, die er mir lässt.
In der Bibel wird immer wieder geschildert, wie Gott mit Menschen redet. Als er nach seinem Namen gefragt wird, stellt er sich tatsächlich vor als „Ich bin da“. Und dieser „Ich bin da“ wird als einer beschrieben, der eng verwoben ist mit den Menschen und dieser Welt. Der in uns Menschen ein Gegenüber sieht. Der sich einlässt. Der diskutiert. Der Antworten hat und uns Fragen zumutet. Der unsere Fragen aushält.

JESUS „VERKÖRPERT“ GOTTES GESPRÄCHSLAUNE
Am deutlichsten ist mir das an Jesus geworden. Durch Jesus kam Gott selbst auf die Erde, zog quasi in die Nachbarschaft. Wir können Geschichten davon lesen, wie er mit seinen Freunden unterwegs war. Sie trafen sich mit Jesus, gingen was trinken, unternahmen was, quatschten. Schon als Vorpubertierender löcherte Jesus die „Kirchenleute“ mit Fragen und gab seine Ansichten zum Besten. Insgesamt überliefert die Bibel über 200 Fragen, die Jesus stellte. Wir können von Gesprächen lesen, von Diskussionen und Festen und Abenden mit leckerem Essen, in denen über Gott und die Welt geredet wurde – mit Gott. Wenn Jesus wirklich was mit Gottes Art zu tun hat, dann liebt auch Gott es, mit den Menschen im Gespräch zu sein.
Und das weckt Sehnsucht in mir. Mit diesem Gott will ich reden. Diesen Gott will ich als Gesprächspartner haben. Wie gerne würde ich mich mal mit Gott auf ’nen Kaffee treffen. So richtig „Face to Face“. „Lass ma’ reden!“ – Ort und Zeit  vereinbaren und los geht’s. Der Earl Grey würde irgendwann Bier und Wein  weichen und ich bin mir sicher, wir säßen bis in die Nacht. Und es würde nicht bei einem Mal bleiben.
Was Gott wohl sagt zu dieser Welt, der Politik, unserer Gesellschaft? Zu den sozialen Verhältnissen, den Krisen, den Freuden, meinem Leben und meinen Fragen? Ja – wir würden lange sitzen. Und ich wäre gespannt darauf zu hören, was er zu sagen hat. Und auf gar keinen Fall würde ich mir den Mund verbieten lassen. Ich würde erzählen und fragen – und wahrscheinlich auch anklagen und nachhören. Und ich bin mir sicher: Er würde genau hinhören und zurückfragen.

HÖREN LERNEN – IM DIALOG
Was für eine Vorstellung. Manchmal bedauere ich, dass es ganz so nicht möglich ist. Aber unmöglich ist es eben auch nicht! In Jesus hat Gott Zeit und Raum betreten, sich sichtbar, greifbar gemacht. Und damit gezeigt, wie viel ihm an der Beziehung zu uns Menschen liegt. Gott hat Lust am Dialog. Große Lust.
Gott und Mensch im Austausch – das ist Gottes Wunsch. Das geht im Gebet, im Gespräch mit ihm. Wenn ich nicht nur rede, sondern versuche „hinzuhören“. Stille zulasse, um ihn zu Wort kommen zu lassen. Das geht, wenn ich in der Bibel lese. In diesen heiligen Schriften, die nicht nur von Gott berichten, sondern durch die Gott bis heute redet und sich mitteilt. Davon sind Christinnen und Christen überzeugt.
Das geht in Predigten, wo mir Zugänge zu diesen heiligen Schriften geschaffen werden. Wenn jemand neu formuliert, was die alten Texte sagen. So kann ich Dialog mit Gott erleben: indem ich mich „seinem Wort“ ganz aussetze. Indem dieses „Reden Gottes“ auf meine eigenen Gedanken, Erlebnisse und Meinungen treffen – und ich der Resonanz nachspüre. Manchmal weckt es Fragen, Zustimmung oder Widerstand. Oft fallen mir Erlebnisse ein, die für oder gegen das sprechen, was ich da lese.

DIALOG WIDER DIE ZWEIFEL
Dialog mit Gott – das begeistert mich. Aber ich kenne auch den Zweifel daran. „Woher weiß ich, dass es wirklich Gott ist?“, hallt es dann in mir. Das ist eine gute und berechtigte Frage, schließlich ist dieser Gott nicht unmittelbar sichtbar und seine Worte sind nicht unmittelbar hörbar. So frustrierend ich es auch finde: Ich kann es nicht beweisen. Und doch habe ich, bei allem Prüfen und Hinterfragen immer wieder den Eindruck: Gott spricht. So wie die Leute in der Bibel, die bestimmte Gedanken und Erlebnisse als Reden Gottes interpretiert haben.
Mal ist es ein leises Ahnen, wenn der Anruf der Freundin im richtigen Moment kommt, ein Bibelvers in passender Situation oder der Einfall, den ich gerade brauchte. Mal eine tiefe Gewissheit, die in mir ist und den Glauben stärkt. Diese Erfahrungen fegen meine Anfragen nicht einfach vom Tisch, mancher Zweifel bleibt – und das ist auch gut so.
Aber wenn Gott wirklich so mit den Menschen im Austausch stehen will, wie die Bibel es skizziert, dann will ich auf diesen Gott als Gesprächspartner nicht verzichten. Ich will hören, was er zu sagen hat, fragen, was ich zu fragen hab, und mir seine Fragen stellen lassen. Ich will bis spät in die Nacht mit ihm und mit anderen ins Gespräch vertieft sitzen. Und ich bin froh, dass ich meine Klappe bei diesem Gott nicht halten muss.

KATHARINA HAUBOLD und andere Evangelisten testen ihre dialogischen Fertigkeiten zwischen dem 20. Februar und dem 2. April auf JESUSHOUSE-Bühnen in ganz Deutschland. www.jesushouse.de

 

Besser scheitern

SCHON MAL ETWAS SO RICHTIG VOR DIE WAND GEFAHREN? STUDIUM,  BEZIEHUNG, AUTO ODER JOB? WIE WÄR’S, WENN WIR UNSERE ABSTÜRZE MAL AUS EINEM ANDEREN BLICKWINKEL BETRACHTEN?

Ein guter Freund von mir hat sich einen VW Bus gekauft, ihn ausreichend isoliert und ist mit ihm nach Spanien gefahren, um dort einen Winter lang zu arbeiten. Ein Jugendtraum. Jeden Tag verteilt er in Valencia um die zwanzig Lebensläufe und würde alles annehmen, um sein Reiseleben zu finanzieren, doch es gibt keine Arbeit in Spanien. Nun ist er pleite. Und frustriert, weil er nicht mal Absagen bekommt. Die Arbeitgeber legen seinen Lebenslauf kommentarlos zu den anderen auf den Stapel. Dieser Freund scheitert täglich. Mehrmals. So oft, dass er von sich sagt, er sei inzwischen Scheiter-Experte.
Scheitern hat viele Gesichter. Nicht immer sind die Folgen so glimpflich wie in seinem Fall. Ich meine all die Geschichten über verpatzte Drittversuche, Unfälle, Scheidungen und jegliche Varianten von „Ich-war-betrunken-und-dann“. Scheitern gilt als Makel – wer ihn nicht mit durchs Leben schleppen will, der darf sich tunlichst keinen Fehltritt erlauben.
Das kann man natürlich auch ganz anders sehen. Nur wie?

SICH SELBST EIN GUTER FREUND SEIN
Jeder Mensch geht anders mit Misserfolg um. Der eine wird durch den Misserfolg angespornt weiterzumachen. Ein anderer wird herumprobieren und am Ende aufgeben und wieder eine andere Person wird schon beim Anblick des Schwierigkeitsgrades in Tränen ausbrechen.
Ich habe diese Freundin, die nach einer langen Phase ohne Beziehung online ein Date ausmacht. Sie ist nervös und geht extra zum Friseur. Nach der Vorspeise sagt ihr Date, er sei nicht interessiert und geht. Meine Freundin ist zerstört und sagt sich: „Kein Wunder, dass er dich nicht wollte. Du bist halt hässlich und unlustig.“ Objektiv ist das natürlich haltlos. Und wenn, dann müsste sie dafür ihren Friseur rasieren. Aber wer behält in solchen Momenten schon den Kopf oben? Stattdessen bewertet sie sich deutlich zu streng. Gescheitert! Fail!
Das sind Dinge, die hören wir nicht von unserer besten Freundin. Scheitern passiert erst da, wo wir es so nennen. Nicht früher und nicht später – und wenn wir dieses Wort aus unserem Vokabular streichen, können wir unsere innere Welt verändern. Wir leiden weniger. Klingt doch ganz vernünftig oder?

DER WEG DES ERFOLGS
Mal angenommen, uns gelingt das. Dann ergeben sich darauf Spielräume, Dinge auszuprobieren. Versuch und Irrtum (engl.: Trial and Error) ist eine absolut legitime Form des Lernens – solange man kurzfristige Rückschläge in Kauf nimmt. Ein gutes Medikament? Das Ergebnis einer langen Folge aus nicht erfolgreichen Therapien. Ein gewinnbringendes Unternehmen? Die vierte Geschäftsidee, nachdem Gründer schon dreimal krachend mit einem Geschäftsmodell vor die Wand gefahren sind. Es geht darum, etwas zu wagen, statt die Angst vor dem Scheitern zu kultivieren. Nicht im Vorhinein schon aufzugeben. Sondern rational zu bleiben und sich nicht von Emotionen überwältigen zu lassen. Scheitern ist Fortschritt, das weiß jeder Wissenschaftler, dessen Experimente keine Ergebnisse liefern. Scheitern ist ein Teil des Weges zum Ziel und ein Ausprobieren der besten Methode.

ERFOLGREICH-SCHEITERN-TIPPS
Also entspann dich, atme dreimal durch und folge dieser eigens für dich zusammengestellten Anleitung:

1) Bevor du dich selbst beschuldigst, hinterfrage erst einmal die Situation. War es überhaupt möglich, nicht an ihr zu scheitern? Ganz wichtig: Die Klausur ist immer erstmal zu schwer gewesen, bevor du überhaupt an deiner Arbeitsmoral zweifeln solltest. Schuld ist häufig die Situation, nicht die Person. Noch wichtiger wird diese Unterscheidung, wenn man über die Erfolge und Misserfolge anderer Personen urteilt. Jemand ohne Arbeit ist nicht unbedingt faul (Person), sondern lebt vielleicht in einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit (Situation).

2) Es gibt nie nur einen Grund für den eigenen Misserfolg. Möglicher-weise hat mein Freund aus dem Einstiegsfall sich nicht ausreichend über den spanischen Arbeitsmarkt infor-miert. Vielleicht gibt es in der Region aber auch vermehrt Sexualstraftaten durch Ausländer mit VW-Bussen, was seine Sympathie schmälert. Oder in seinen Lebenslauf sind baskische Vokabeln  hineingerutscht. Who knows? Wir hingegen meinen, den einen Grund für unseren Fail zu kennen. Monokausales  Denken ist ein Trugschluss. Woran könntest du also noch „gescheitert“ sein?

3) Nimm dich selbst als ein komplexes Wesen wahr. Mal ehrlich: Du bist viel mehr als diese eine Situation! Du bist nicht nur Studentin, die ihre Prüfungen nicht schafft, sondern auch eine gute Gitarrenlehrerin. Du bist Bruder, Schwester, Freundin, Freund, Tochter oder Sohn. Ich bin keine erfolgreiche Schauspielerin, jedoch eine gute Mitbewohnerin. Versuche dich als Ganzes zu sehen in deinen vielen Rollen.

4) Vielleicht vergleichst du dich aber auch nur mit den falschen Leuten. Niemand zwingt dich, die Besten zum Maßstab zu nehmen. Warum nicht mal nach unten vergleichen, um die eigene Leistungsfähigkeit einzuschätzen? Eine Freundin von mir hat mit 16 Jahren ein Spitzenabitur hingelegt und studiert jetzt in Heidelberg Medizin. Auf die Frage, ob sie gut klarkomme, war sie nicht so selbstbewusst, wie ich erwartet hatte. „Hier sind alle mega schlau“, antwortete sie. Das nennt sich der Big-Fish-Little-Pond-Effekt: Ob wir brillant sind oder Versager, liegt auch an der Bezugsgruppe, mit der wir uns vergleichen. Ein Goldfisch empfindet sich unter Guppys als etwas sehr Besonderes, im Goldfischzuchtbecken hingegen als sehr, sehr gewöhnlich. Will sagen: Selbst die Guten stellen sich in Frage, wenn man sie in eine Gruppe noch besserer steckt.

5) Den Film stoppen. Vielleicht kennst du es auch, dass du im Kopf immer und immer wieder dieselbe Situation durchspielen musst. Etwas Blödes ist passiert und wie ein Werbeblock drängt sich die Erinnerung ungefragt in den Vordergrund deines Bewusstseins. Versuche dich abzulenken und gib dem Grübeln keine Chance. Es sind nur Gedanken. Gib ihnen und den mitschwingenden Bewertungen keinen Raum. Probiere dich aus. Mach Fehler. Gib dir nicht vorschnell die Schuld an allem. Überdenke deine Perspektive. Und dann: Versuch es nochmal! Wir sollten mehr Scheitern, weil es das pure Leben ist! Weil es gute Geschichten gibt. Weil man lernt und sich lebendig fühlt und das Leben zu kurz ist für einen graden Weg. Du und ich, wir könnten mutiger sein. Denn wie sagt mein Scheiterexpertenfreund immer: Das Scheitern ist unser Freund auf dem Weg zum Erfolg.

MIRIAM FINKHÄUSER rechnet es Menschen hoch an, wenn sie sich die Freiheit nehmen, Dinge auszuprobieren.

Wie komme ich hier nur raus?

Live-Escape-Games sind das Geo-Caching der Gegenwart. Was macht ihren Reiz aus? Zu Besuch in Deutschlands größtem Lockroom.

Gnadenlos ticken die Sekunden runter. In vier Minuten sind wir entweder hier raus oder das war’s. Jetzt bloß nicht in Hektik verfallen! Angespannt drehe ich alle Räder des zylindrischen Zahlenschlosses hin und her, ohne zu wissen, wie das Ding wirklich funktioniert. Wo zum Henker ist die Zahlenkombination? Fahrig öff net Fiona im antiken Bücherregal ein Buch nach dem anderen. Mein britischer Freund Richard, bestens vertraut mit Sherlock Holmes Geschichten, durchwühlt die Schubladen im Nebenraum. Und Clemens untersucht zum dritten Mal die große Bilder-Collage an der Wand, die detailgetreu den Stammbaum der Familie von Professor Moriarty nachzeichnet. Nicht in Hektik verfallen – das ist leichter gesagt als getan. Fiona, Clemens, Richard und ich spielen die Mission „Sherlock Holmes“ im Escape Berlin, Europas größtem Live Escape Game. Nicht virtuell am Rechner oder im Internet – sondern ganz real im echten Leben. Dazu wurden wir 60 Minuten in einem aufwendig eingerichteten Setting eingesperrt und ersuchen seitdem, die verschiedenen Rätsel so schnell wie möglich zu lösen und die letzte Tür in die Freiheit zu öffnen. Um in die Geschichte der Mission tief einzutauchen, schmücken allerlei historisch anmutende Gegenstände die Räume: Antike Kronleuchter, ein Leinwandgemälde mit Bergpanorama, eine in Formaldehyd eingelegte Schlange auf einem alten kolonialen Sekretär, die an Holmes’ vielfältige Fähigkeiten in den unterschiedlichsten Wissenschaften erinnert.

SPIELEN AM LIMIT
Live-Escape-Games poppen gerade überall aus dem Boden. Seit dem ersten Raum, der im August 2013 eröffnet wurde, sind über 100 weitere allein in Deutschland hinzugekommen. Escape-Berlin gehört zu den neuesten. Warum wollen sich plötzlich alle irgendwo einsperren lassen? Psychologen wie Professor Dr. Walschburger von der FU Berlin erklären sich den Erfolg der Escape-Games mit der komplexen psychologischen Herausforderung, denen sich die Spieler auf engstem Raum gemeinsam stellen müssten. Tatsächlich stammt das Spielprinzip aus der psychologischen Forschung, wo es seit den 1970er-Jahren erfolgreich angewandt wird. Wer in den Lockrooms freiwillig  die Tür hinter sich zufallen lässt, simuliere die Komplexität alltäglicher Herausforderungen – er „spielt“ ernsthafte Problemstellungen durch. Der Mensch sei eben ein Homo Ludens, der für sein Leben gerne spiele.

Auch unser Spieltrieb ist schnell geweckt. Die Aufgaben, die wir bewältigen müssen, sind vielfältig. Logikrätsel und Geschicklichkeitsaufgaben wechseln sich immer wieder ab: Wir lösen mathematische Aufgaben, verwenden ein Morsealphabet. Anders als in den meisten Escape-Räumen gibt es bei der Sherlock Holmes-Mission keinen Off-Sprecher, der bei Schwierigkeiten weiterhilft. Da ist bei der Suche nach Hinweisen Selbständigkeit und organisiertes Vorgehen gefragt. Bei uns führt der Zeitdruck zu chaotischem Verhalten: Immer wieder öffne und schließe ich die kleine Mahagoni-Truhe, um sie anschließend wieder zu öffnen. Als ich sie links liegen lasse, schnappt sich Clemens die Truhe – ebenso erfolglos. Schaden muss das nicht: vorhin hat Richard vergeblich versucht, mit einem Schlüssel einen Schrank zu öffnen. Schlüssel passt also nicht. Später versuchte es Fiona – siehe da, passt doch! Gut, dass wir es ein zweites Mal probiert haben. „Alleine schafft man das nicht“, wird Clemens nach dem Spiel einräumen. „Manche Rätsel kann man nur zu zweit lösen. Und wenn ich begriffsstutzig war und bei einem Rätsel nicht weiterkam, hat ein anderer um die Ecke gedacht und uns auf die Lösung gebracht. Das hat im Team sehr viel Spaß gemacht.“

KOMPLEX, ABER UNGEFÄHRLICH
Lockrooms leben von der Grenzerfahrung – persönlich und in der Gruppe. Die Zeit tickt gnadenlos runter, die Spieler stellen sich einer langen Stunde Daueranspannung. Beizeiten geht es deshalb in den abgeschlossenen Räumen ganz schön brachial zu. „Wir hatten hier schon Leute, die uns die Kissenbezüge abgezogen und die Möbel verschoben haben“, erzählt Heiner Häntze, Gründer und Spieleentwickler von Escape Berlin, der vor Beginn persönlich in das Spielprinzip einführt. Seine Räume sind komplex, aber ungefährlich: Statt gefährdender Operationen wie Räuberleiter oder einer menschlichen Pyramide ist Köpfchen gefragt.

Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt er auch, dass wir bei der Mission nicht wirklich alleine sind. „Zur Beruhigung aller, die bei geschlossenen Räumen tendenziell klaustrophobisch reagieren könnten, begleiten unsere Kameras und Mikrophone euch während des Spiels. Der Spielleiter kann zusätzlich, falls die Spieler mal länger an einem Rätsel hängen bleiben, auf einem Bildschirm im Raum einen kurzen Hinweis einblenden.“ Frustration soll beim Spielen ja nicht aufkommen, die Spannung und der Spaß bleiben trotzdem erhalten, wie wir während des Spiels feststellen können. „Es gab auch schon Spieler, die meinten, dass ein Hinweis sie in die Irre führen soll. Da mussten wir schon sehr deutlich werden, denn hängen lassen wollen wir unsere Spieler nicht.“ Damit wirklich jeder mitspielen kann, ist kein Vor- oder Spezialwissen erforderlich. Selbst Kenner gängiger Detektivliteratur haben keinen Vorteil.

50.000 EURO PRO SPIELSETTING
Escape Berlin gibt es erst seit wenigen Monaten. Dass man sich den Titel „Europas größtes Live Escape Game“ gibt, kommt nicht von ungefähr: Mit 2.000 Quadratmetern nutzbarer Grundfläche übersteigt Escape Berlin tatsächlich das europaweit nächstgrößte Areal in Athen deutlich – dort gibt es nur 600 Quadratmeter Spielfl äche. Noch ist reichlich Platz in den Räumen, der mit Requisiten gefüllt werden will. „Wir sind ständig auf der Suche nach passenden Gegenständen für unsere Spielesettings, die wir häufig über eBay oder bei Wohnungsauflösungen finden“, so Heiner. Ein komplettes Spielsetting mit mehreren Räumen einzurichten, kostet zwischen 25.000 und 50.000 Euro. „Wir erweitern dann Schritt für Schritt die Räume mit weiteren Objekten.“

Neben Sherlock Holmes existiert aktuell die Mission „Big Bang“, ein satirisch angelegtes Spiel, das auf die gleichnamige amerikanische Sitcom „The Big Bang Theory“ Bezug nimmt. Für dieses Spiel wurde sogar die Synchronstimme eines Darstellers als Off -Sprecher eingekauft, der die Mission in Berlin begleitet, wie uns Heiner stolz erzählt.
Eigentlich schade, dass man jede Mission nur einmal machen kann. Denn die Rätsel sind jedem Spieler anschließend bekannt, sodass eine Wiederholung der gleichen Mission nicht in Frage kommt. Der Preis von mindestens 19 € pro Person für eine zweite Runde war aus unserer Sicht ein wenig zu hoch. Aber in Berlin, wo es bereits 17 (!) verschiedene Escape-Game-Anbieter gibt und die Preise zwischen 16 und 30 € pro Person liegen, finden sich reichlich Escape-Missionen, die man noch auf sich nehmen kann.

TIM MÜLLER UND SEINE MITSTREITER haben die „Arbeitsatmosphäre“ im Lockroom von Escape Berlin sehr genossen. Kommt ja auch nicht alle Tage vor.

Chris Lass: „Weihnachten war Überleben!“

Gospelpionier Chris Lass vergospelt Weihnachtshymnen. So weit, so selbstverständlich, würde sich hinter dieser beschwingten Weihnachtsleichtigkeit nicht noch eine gute Portion biografischer Eigentherapie verbergen.

Das Weihnachtsfest 1999 war in vielerlei Hinsicht gewöhnlich. Das Wirtschaftsmagazin „Brand Eins“ titelte „Oh, My Holy Creditcard!“, Anselm Grün schrieb das Buch „Weihnachten – Einen neuen Anfang feiern“, das Orkantief „Lothar“ verhagelte so manchem Feierwütigen die besinnlichen Abendstunden. Nicht so Familie Lass: In Bremen saß Chris mit seiner Familie im 17 Uhr-Weihnachtsgottesdienst, voller Vorfreude auf den Kartoffelsalat mit Bockwurst – den besten der Welt, klar! –,  holte Oma zur Bescherung ab und zeigte, was er so im Kla-vierunterricht gelernt hatte. Christmas as usual also. So unbe-schwert wie an diesem Abend sollte es trotzdem nicht wieder werden. Denn als sich Olli, Chris’ großer Bruder, an diesem Abend wie jedes Jahr zur Weihnachtsvesper verabschiedete, ahnte noch keiner, dass sie ihn morgens nicht in seinem Bett finden würden. Olli hatte sich sein Leben genommen.

EINER FEHLT IMMER
Für den 15-jährigen Chris bedeutete es das Ende des kindlichen Weihnachten, wie er es kannte. Beim ersten Weihnachtsfest hofften noch alle, es würde wie immer. Aber daran war angesichts der traurigen Erinnerung nicht zu denken. „So eine Situation verwirrt einfach alle“, sagt Chris heute mit Blick auf damals. Irgendwie hatte jeder seine Strategie, mit der Situation umzugehen. Die Familienrollen wurden neu verhandelt. Die Eltern kämpften mit der Trauer, Chris fühlte sich verantwortlich, für den „anwesenden Teil der Familie“ Atmosphäre zu schaffen. „Da fing ich an, zum jungen Erwachsenen zu werden und hab mir gesagt: Sorg dafür, dass es für deine Eltern angenehm wird. Für dich wird’s eh nicht geil.“ In den Folgejahren wurden die Rituale zu Ankern, an denen sich die Familie festhielt. Aber der Charakter von Weihnachten hatte sich ein für allemal gewandelt.

„Weihnachten war kein fröhliches Fest mehr. Weihnachten war Überleben. Du kannst dich mental überhaupt nicht darauf einstellen, bis du das 2-3 Mal erlebt hast. Du guckst in die Runde und da fehlt halt jemand.“ Äußerlich änderte sich nicht viel, aber Olli war Jahr für Jahr mit im Raum – ob man über ihn sprach oder nicht. In dieser Zeit lernte Chris – eigentlich, wie er sagt, ein „sehr emotionaler Mensch“ –, seine Gefühle zu kontrollieren und den Raum zu geben, der ihnen zusteht. „Ich versuche mich da zu disziplinieren: Wenn ich nicht in dem Raum bin, in dem die Emotion wohnt, dann darf die auch nicht da sein. Also: Ende November ist noch nicht die Zeit, traurig zu sein. Denn es ist noch nicht Weihnachten.“ Den Advent über gibt er seinem Weihnachtsschmerz keinen Raum, spielt Gospelkonzerte und Firmenfeiern mit „Jingle Bells“ und „Chestnuts Roasting on an Open Fire“. An Weihnachten selbst sieht er den Schmerz in den Augen seiner Mutter. Weihnachten zerbricht in fröhliche Ober-flächlichkeit und familiäre Traurigkeit.

MIT TRADITIONEN BRECHEN
Dann kommt Sandra in sein Leben und mit ihr der Wunsch, der bedrückenden Tradition ein Schnippchen zu schlagen. Der Wandel kommt mit einer Banalität: einem Raumwechsel. „Das ist ja einfachste Psychologie: Wenn du in den Raum gehst – also ganz im Sinne des Wortes –, dann hat dieser Raum Macht über dich. Du kannst nicht in die Kirche gehen und so tun, als wärst du in einer Disko. Der Raum diktiert dir, wie du dich benimmst. Da haben wir uns gedacht: Lass uns doch mal komplett diese Mechanik aushebeln und woanders hingehen.“

Weihnachten 2012 wird ihr Wendepunkt. Sandra und Chris entscheiden sich, Weihnachten diesmal anders zu feiern, und laden seine Eltern zum Abendessen in ein kleines Hotelrestau-rant ein. Der Raum, der für gut 30 Personen Platz bietet, ist spärlich gefüllt. An einem zweiten Tisch sitzt ein Paar, außerdem noch ein Typ allein. Über allem der Geist der Weihnacht und Musik zwischen Sinatra und Remixes von Christina Aguilera. Die Stimmung: heiter. „Du beobachtest erstmal die anderen. Warum sind die denn wohl hier? Jeder, der Weihnachten in einem Hotel feiert, hat seinen Grund.“ Schnell kommt man ins Gespräch mit dem Kellner, der revengiert sich mit einer 1A-Führung durchs Hotel. Chris isst Ente mit Rotkohl – wie der Papa. Und jeder fragt sich: Warum gab es über all die Jahre eigentlich Würstchen mit Kartoffelsalat? Familie Lass erlebt das erste Weihnachten in Freiheit.

WEIHNACHTEN ALS LEBENSTHEMA
Gleichzeitig häufen sich die Ereignisse, die Chris ins Nachdenken über den Wert des Weihnachtsfestes und der Weihnachtslieder bringen. Auf Betriebsweihnachtsfeiern spielt er als Chorleiter jahrelang „ganz stumpfe Weihnachtsmusik“, bis ihm einer aus dem Chor zurückschreibt: „Boah, ist aber schon ein bisschen flach, oder?“ Eine satte Ohrfeige. „Das tat mir richtig weh, weil mir bewusst war, dass die Songs, die wir spielten, mehr Entertainment als Theologie waren. Ich wusste gerade selbst nicht, wie ich diesen inneren Konflikt in mir auflösen sollte, und jetzt wurde voll mit dem Finger drauf gezeigt.“ Andererseits erlebt Chris die Kraft der Weihnachtshymnen, als eine Frau auf Umwegen erst in ein Gospelkonzert von Chris gelangt und dann in der Krise eben diesen Ort wieder aufsucht, an dem sie diese Form von Verbundenheit mit Christen erlebt hatte. Chris und sein Chor werden zu ihrer Taufe eingeladen, auf der sie dann die volle Story erfahren. „Da wurde mir bewusst: Die Frau kam in die Kirche, weil auf dem Plakat ganz schlicht ‚Weihnachtsgospel‘ draufstand. Das war nicht irgendwie tief, aber es war der Beginn ihrer Reise. Mir hat das Mut gemacht. Die Dinge müssen nicht immer ‚deep‘ sein, damit sie am Ende ‚deep‘ werden können.“ Für Chris ist das einer der Auslöser zu sagen: Weihnachten ist eines der Themen, zu denen er mehr beitragen kann, als er vermutet. Weil er sich an den Kern des „frohen Fests“ heranrobben musste.

DAS WEIHNACHTSGOSPELALBUM
Einen vorläufigen Meilenstein erreicht Chris zum anstehenden Fest: Weihnachten 2016 steht sein Name auf einem eigenen Weihnachtsgospelalbum. Anders als auf der Bühne hat er sich persönlich zurückgehalten, so viel er auch aus seinem Leben zu erzählen hätte – um dem Anlass nicht im Weg zu stehen. „Ich wollte erstmal den Raum respektieren. Weihnachtsmusik muss unaufdringlich sein, wenn sie den Hörer wertschätzt.“ Chris sagt, er will sich da nichts vormachen: Weihnachts-CDs würden beim Kochen in der Adventszeit oder beim Baumschmücken eingelegt – da wolle niemand bepredigt werden. Drei eigene Kompositionen hat er sich dann aber doch gegönnt – und ist dabei „theologisch recht klar“ geworden, um einen Kontrapunkt zu dem „theologischen Murks“ zu setzen, der in traditionellen Weihnachtshymnen transportiert wird. „Ich sag nur ‚holder Knabe mit lockigem Haar‘.“ Herausgekommen ist ein Album, auf dem die „Weihnachtsmusik inhaltlich mit der Weihnachtsbotschaft übereinstimmt“, wie Chris versichert. Und wer will ihm diese Meinung ungehört absprechen?

WEIHNACHTEN ZELEBRIEREN
Dieses Jahr haben Chris und Sandra mal beide Eltern zu sich nach Hause eingeladen. Chris wird vorher noch das Auto durch die Waschstraße schieben und den besten Anzug aus dem Kleiderschrank holen. „Früher dachte ich: Ich zieh mir doch jetzt keinen Anzug an, wenn ich gleich eh auf der Couch lande.“ Heute setzt er bewusst einen Kontrast zum Alltag. Kulinarisch bedeutet das Rehrücken oder Rumpsteak statt Bockwurst und Kartoffelsalat. „Damit werde ich mich nicht mehr zufrieden geben.“ Dafür aber mit „Feliz Navidad“. Denn Weihnachten beginnt so langsam auch biografisch ein richtig frohes Fest zu werden.

PASCAL GÖRTZ denkt bei Weihnachten nicht an Gospel – findet den  Gedanken aber schlüssig, dass es „ohne Weihnachten keinen Gospel gäbe“.

Von wegen ein Herz und eine Seele

Warum die Liebe es aushält, wenn Partner unterschiedliche Meinungen haben

Die spannendsten Paare, die ich kenne, ticken unterschiedlich. Zum Beispiel Ella und Tom: Sie flippt extrovertiert durch den Raum, er ist ihr Ruhepol. Sie kocht am liebsten vegan, er raucht mit seinen Freunden Zigarren und pflegt seine Whiskeysammlung. Sie streunt durch alternative Modeblogs, er liebt seine Gesellschaftsmagazine. Auf den ersten Blick ein Paar mit wenig Gemeinsamkeiten. Und doch wollen beide bald Kinder. Beide wollen in der Stadt leben –  nicht Vorstadt, sondern richtig Stadt, weil sie unter Menschen sein wollen. Am liebsten ohne Auto. Und beide wollen sich nicht für ein bisschen mehr Einkommen die Beziehung ruinieren.

So unterschiedlich sie sich manchmal geben, so viel haben sie im Kern gemeinsam. Wer Zeit mit ihnen verbringt, spürt, wo sie zusammenfinden und wo sie sich den Raum lassen, eigene Ideen zu verwirklichen. Sie bestehen nicht darauf, dem anderen die eigene Position aufzudrängen: Soll er sich doch ein Steak zum veganen Gemüseburger braten. Stört sie nicht. Und während er sich mit dem Cicero in der Hand überlegt, wie diese Welt noch zu retten ist, darf sie mit dem iPad danebensitzen und online shoppen. Ella und Tom sind großzügig im besten Sinne: Sie gönnen sich eigene Interessen und eigene Gedanken, sie lieben sich als freie Menschen. Sie mögen gerade das an ihrem Miteinander, dass sie sich mit fremdartigen Vorschlägen überraschen können und sich nichts nachplappern. „Finde ich auch!“, ist eine Option unter mehreren. Und weil sie mit der Andersartigkeit des anderen rechnen, ist da auch keine Enttäuschung zu spüren, wenn sie mal wieder nicht einer Meinung sind. Das sind im Detail auch die wenigsten Paare, die schweigsam denken, sie seien es. Ellas und Tomas Unterschiedlichkeit macht nicht nur ihr Leben spannend, sondern auch das ihrer Freunde.

Neugierig geworden? Den vollständigen Text kannst du in der aktuellen DRAN NEXT lesen.

Das Leben ist eine Vertrauensübung

Die Erfahrung zeigt: Niemand kann auf alles vorbereitet sein. Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Das Unerwartete drängt sich uns auf und fordert Schritte ins Ungewisse. Was uns fehlt, ist das Vertrauen in die eigene Trittsicherheit.

Sie ist ein Wirbelwind, kaum zu bändigen. Von klein auf erkundet sie die Räuberhöhle, auf allen Vieren und zwei Beinen. Als sie alt genug ist, schickt Vater Mattis seine Tochter Ronja Räubertochter eines Tages raus in den Wald. Sie soll lernen, sich zurecht zu finden. Zuvor warnt er sie noch vor allerlei Gefahren. Als sie wissen möchte, was sie tun soll, wenn sie trotzdem in eine gefährliche Situation gelangt, weiß er stets zu antworten: „Dann wirst du schon merken, was du tun musst.“ Es kommt wie es kommen muss – Ronja macht ihre ersten Erfahrungen mit den Gefahren ihres Heimatwaldes. Sie wird von unheimlichen Kreaturen überfallen, die ihr Übles wollen. Aber ihr Papa kann sie gerade noch retten. Anstatt die Konsequenz daraus zu ziehen, nie wieder in den Wald zu gehen und alle Gefahren zu meiden, entschließt sich Ronja, zu üben „sich zu hüten“. Sie ist ganz glücklich, als sie eine Stelle im Wald findet, an der sie zwei Sachen gleichzeitig üben kann: sich zu hüten, in den Fluss zu plumpsen, und keine Angst zu haben.

Wie Ronja gerate auch ich in brenzlige Situationen und meistere sie im ersten Anlauf eher schlecht als recht. Zum Beispiel meinen ersten Auffahrunfall. Klar bin ich vorsichtig gefahren, aber als sich einer entschloss, mir die Vorfahrt auf der Hauptstraße zu nehmen, konnte ich nicht rechtzeitig bremsen. Nach dem Anruf bei der Polizei habe ich – natürlich – bei meinen Erzeugern durchgeklingelt. War ja auch schließlich ihr Auto. Ich konnte die Verhandlungen mit den Ordnungshütern führen, aber ich gebe zu, es hat mir geholfen, dass dabei jemand hinter mir stand, der zur Not einspringen konnte. Ich bekam Recht. Der Schaden am Auto war schnell repariert – deutlich länger brauchte es, bis ich wieder Vertrauen in mein Fahrverhalten zurückgewann. Die nächsten Monate schaltete ich auf Hauptstraßen mit Zufahrtswegen immer vorsorglich einen Gang runter. Ich war verunsichert.

DIE LERNZONE BETRETEN
Eine Situation, die ich im Leben immer wieder erfahre. Und dann steh ich da – sehe auf Erfahrungen in der Vergangenheit und Herausforderungen in der Zukunft. Das lähmt; macht im Hier und Jetzt handlungsunfähig. Selbstvertrauen ist kein Problem, bis mir das Leben das Gegenteil beweist. Es fühlt sich an wie eine Ausnahmesituation. Immer dann, wenn die ersten Schritte auf unbekanntem Territorium anstehen. Ich bin gezwungen, mich auf die eigenen Fertigkeiten zu verlassen. Darauf zu vertrauen: Ich schaff das!
Der Schriftsteller Emil Gött weiß: „Gefühl von Grenze darf nicht heißen: hier bist du zu Ende, sondern: hier hast du noch zu wachsen.“ Verunsicherung signalisiert mir, wo ich gerade die Grenze meiner Komfortzone überquere. Mehr nicht. Sie sagt nichts darüber aus, ob ich einer Situation gewachsen bin oder nicht. Sie gibt lediglich das Signal: „Auf diesem Weg bist du bisher noch nicht gegangen.“ Ich bin herausgefordert, auf unbekanntem Gelände einen Weg zu finden. Natürlich bin ich da unsicher!

GELASSENHEIT TRIFFT EHRGEIZ
Vor allem im ersten Semester gilt es, neues Land zu erobern: die Uni-Mensa, Bibliothek, Vorlesungspläne, neue Leute kennenlernen. Zum ersten Erkunden gibt es diese „Interessententage“. Von denen kehrt man dann wie die Kundschafter aus dem Land Kanaan zurück – mit geteilter Meinung: die einen sehen den Numerus Clausus, die Berge an Pflichtlektüre und Mauern an Aufnahmebedingungen – und was das alles kostet. Andere freuen sich auf die Freiheit eines WG-Lebens, ausgelassene Wohnheim-Partys oder das Abenteuer Auslandssemester. Für sie ist der Campus ein Land, in dem Milch und Honig fließt. Andere Länder, andere Sitten – das bedeutet in diesem Fall, sich mit Semesterstart in einem neuen Alltag zurecht zu finden: Welche Module bestehe ich mit dem geringsten Aufwand? Welche Vorlesungen muss ich wählen, damit ich montags und freitags nicht in die Uni muss? Wo gibt es den günstigsten Coffe-to-go? Wie überlebt man acht Stunden Vorlesung mit vier Stunden Schlaf? Wie hoch kann ich das Geschirr in der Spüle stapeln? Das erfordert Experimentierfreude und klappt die ersten Monate auch echt gut.

Aber dann besteht man die erste wichtige Prüfung nicht. Blackout. Die letzten 336 Stunden Intensivstudium sind wie ausgelöscht. Als hätte ein Kurzzeitgedächtnis-Staubsauger alles entsorgt. Und plötzlich ist sie da – die Grenze zum Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Zwei Wochen Lernpower scheinen nicht mehr auszureichen, um zu bestehen. Eine Erfahrung, die man ungern wiederholt. Also heißt es: Backen zusammenkneifen und mehr arbeiten. Der Fleiß soll ausgleichen, was die Fähigkeiten nicht hergeben. Der Krampf beginnt. Seitenweise lernt man Skripte auswendig, kann sie vorwärts und rückwärts aufsagen. Von der Gelassenheit schwingt das Pendel zum Ehrgeiz. Panische Sorge um die Durchschnittsnote beschenkt mit Nächten ohne Schlaf und lässt Nerven zusammenbrechen. Das Ergebnis ist das gleiche: knapp durchgerasselt und anschließend zwei Wochen krankgeschrieben.

NEUE WEGE FINDEN
Wie gehe ich damit um? Ich brauche eine neue Antwort. Dass ich eine finde – daran zweifle ich oft. Anstatt mir Zeit zum Überlegen zu nehmen, schufte ich hastig los. Dabei hilft es womöglich viel mehr, wenn ich mir die Zeit nehme und die Situation abkühlen lasse. Ich habe die Wahl, ob ich mich der nächsten Prüfungssituation mit der gleichen Herangehensweise stelle oder ob ich versuche einen Weg zu gehen, der diesmal besser funktioniert. Zum Beispiel mein Vertrauen mehr in das Langzeitgedächtnis zu setzen und den Stoff schon neben den Vorlesungen portionsweise einzuprägen. Dann kann das Kurzzeitgedächtnis sich um all die unwichtigen Details kümmern, die ich mir in meiner Panik kurz vorher einflöße und gar nicht in der Prüfung brauche. Das kann dann auch getrost vergessen werden.

Die Erfahrung bleibt: Schwitzende Hände und ein Herz, das höher schlägt, sind unangenehm. Ich spüre meine Pulsader am Hals und gehe einen Schritt zurück. Lieber gehe ich dem Unangenehmen aus dem Weg. Wenn ich aber aus meiner Nervosität lerne und weiß, dass sie ein Signal dafür ist, dass ich meine Komfortzone verlasse, dann weiß ich, dass mich am Ende ein Erfolgserlebnis erwartet. Der Erfolg, sich der Situation erneut oder überhaupt gestellt zu haben. Neue Kommilitonen, Zahnarztwechsel, Friseurbesuch, das Vorstellungsgespräch auf den Kellnerjob im Café –  mit jeder Herausforderung wächst das Vertrauen in mich selbst und meine Beziehungen. Ich stelle mich meiner Verunsicherung, gebe mir die Chance, eine neue Sicherheit zu gewinnen und zu einer Standfestigkeit zu gelangen. So gesehen, kann das Leben nie genug Verunsicherung beinhalten. Sie führt mich in das Selbstvertrauen, dass ich trotz Unsicherheiten dem Leben gewachsen bin und einen eigenen Weg finde. Auch wenn die eigenen Erwartungen zunächst nicht erfüllt sind.

ORIENTIERUNGSLINIEN IM LEBEN ZIEHEN
Gut zu wissen, dass es in all den Ungewissheiten aber auch so etwas wie physikalische Gesetze gibt. Das Leben wäre komplizierter, wenn ich mit jedem Schritt überlegen müsste, ob mich der Boden unter mir trägt; wenn ich beim Aufstehen überprüfen müsste, ob die Erdanziehung heute auch noch vorhanden ist. Es vereinfacht mein Leben, wenn Oben und Unten, Rechts und Links einmal geklärt sind. Ich weiß, dass man grundsätzlich nicht durch Wände gehen kann. Diese Fixpunkte geben mir Sicherheit. Sie setzen den Rahmen, in dem ich lebe. Dennoch: Anders als in der Naturwissenschaft ist mein Leben keine Gleichung. A und B ergeben nicht immer C, sondern mal K und mal P.

Es ist mehr wie ein dehnbares Netz aus elastischen Gummiseilen: Bei zu viel Belastung reißt ab und an ein Seil, dann kann ich es flicken. Manchmal verfängt sich mein Fuß in den Maschen. Dann muss ich ihn zuerst befreien, bevor ich weitergehen kann. Jedes Gummiseil steht für einen meiner Lebensbereiche: Studium, Beziehungen, Gemeinde, Hobbies. Die Knotenpunkte zwischen den Seilen heißen „Vergebung“, „Dienen“, „Mut“, „Geduld“, „Freundschaft“ oder „Liebe“. Ich kann sie bewusst in mein Lebensnetz hineinknüpfen. Das geschieht durch viele kleine Entscheidungen, die ich oft situationsgebunden treffe. Zu Semesterbeginn mag das Lernen auf die Semesterabschlussprüfung nicht unbedingt höchste Priorität haben, dafür umso mehr zu Semesterende. Wenn mich Menschen verletzen, stärke ich mit jeder Entscheidung für die Liebe den Netzfaden der „Vergebung“. Ebenso hält mich die Angst vor Prüfungen nicht davon ab, mein Studium zu schaffen. Sondern dann stelle ich mich der Situation und gehe gestärkt daraus hervor.

Verunsicherung weitet die Grenzen meiner Komfortzone. Sie baut mein Netz aus – es wird größer und von mehr Gummiseilen durchzogen. Ich bin ein Glückspilz wie Ronja und bekomme die Gelegenheit, zu üben, mich zu hüten und zugleich keine Angst zu haben. Ich kann üben, die Auswirkungen abzusehen und trotzdem souverän Schritte zu gehen. Ich habe das Glück, zu leben – mit Netz und ohne doppelten Boden!

MELANIE ECKMANN nimmt sich ein Beispiel an Ronja und versucht sich im Räuber-tochter-Dasein.

Der Tag, an dem „Nächstenliebe“ wieder hip wurde

David Tognis Modelabel „Love Your Neighbour“ verhilft der Nächstenliebe zu einer stilbewussten Renaissance. Nicht nur auf Kleidern oder Fotos, sondern im Alltag. Kein Wunder, hatte Gott doch höchstpersönlich bei der Gründung des Labels seine Finger im Spiel.

Es gibt Bibelverse von epischer Schönheit, denen über die Zeit der Glanz abhanden gekommen ist. Sätze, deren Wert sich jede Generation selbst erarbeiten muss, damit sie nicht zur Worthülse verkommen. „Liebe deinen Nächsten“ zum Beispiel. Was passiert, wenn sich die Worthülse im Alltag nicht mehr wegducken kann? Wenn sie auf dem T-Shirt steht, das man trägt, während ein Arbeitskollege in Endlosschleife vom Spaziergang mit dem Hund erzählt, die Supermarktkassiererin im Schneckentempo bedient oder Mitbewohner ihr Geschirr vergammeln lassen? Da wird das ganze explosive Potenzial deutlich, das in einer so simplen Aufforderung wie die zur Nächstenliebe drinsteckt.

David Togni war mit dem Auto unterwegs, als ihm ein anderer Fahrer voll den Weg abschnitt. Als Halbitaliener hatte er keine Mühe, seinem Gegenüber deutlich zu machen, was er von der Aktion hielt. „Erst als der Wagen weiterfuhr, fiel mir ein, dass ein ‚Love Your Neighbour‘-Sticker gut sichtbar auf meinem Auto prangte. Das war so peinlich! Umso schlimmer war, dass die nächste Ampel auf Rot schaltete, wo der Typ von vorher ebenfalls warten musste. Ich dachte ‚Neiiiiiin, bitte nicht!‘, aber ich musste anhalten. Als wir nebeneinander standen, kurbelte ich langsam die Fensterscheibe runter, er ebenfalls, wir sahen uns an – und dann haben wir laut losgelacht.“

EIN NEUER GRUNDTON
David Togni ist der Gründer von „Love Your Neighbour“, einem „Social Fashion Label“, das sich gelebte Nächstenliebe aufs Shirt, den Beanie oder die Tasche geschrieben hat – fernab von sonntäglicher Frömmigkeit.

Fernab liegt auch das „Love Your Neighbour“-Office in Neuhausen am Rheinfall. Wären da nicht Autos mit goldumrankten „LYN“-Logos vor dem Gebäude, man würde zweifeln, ob es sich um die richtige Adresse handelt. „LYN“ befindet sich dann aber tatsächlich ein paar Stockwerke weiter oben, ein gemütliches Büro mit Teppich, Holzkommode, Modellpuppen mit Shirts und einem neu erstandenen Bild vom Matterhorn, das der aktuellen Kollektion entsprungen sein könnte. Tatsächlich ist es genau umgekehrt: Die Kollektion ist dem Bild angepasst, wie sich herausstellt. Nachdem David es gekauft hatte, modifizierte er die Kollektion, weil ihn die Botschaft der Künstlerin beeindruckte: „Jeder will ganz oben sein, aber ich glaube nicht, dass die Leute wissen, wie viel Mühe damit verbunden ist.“ Wie hoch will David mit „Love Your Neighbour“ hinaus? Und worum geht es ihm dabei? „Bei ‚Love Your Neighbour‘ geht es nicht einfach um ein Design, einen hippen Slogan oder ein christliches Programm“, stellt Togni klar. „‚Love Your Neighbour‘ verkörpert eine Botschaft, die unsere Kultur verändern kann! Jeder ist berufen, gerade dort, wo er sich befindet, durch Liebe einen Unterschied zu machen.“

Vor vier Jahren begann die Reise mit „Love Your Neighbour“ bei David persönlich. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits einige Abstürze und Senkrechtstarts hinter sich: den Tod seiner großen Schwester, durch den er Gott vorübergehend an den Nagel hängte, eine Karriere in der Wirtschaftsbranche, durchzechte Nächte mit Champagner, eine Versöhnung mit Gott und eine Wiederentdeckung seiner Liebe, aber auch zwei Operationen am Rücken, weil er eines morgens halbgelähmt im Bett gelegen hatte.

In diesen Zeiten nach den OPs, als er gerade vollständig für arbeitsunfähig erklärt worden war, sprach Gott durch eine Vision zu ihm: David sah Bilder vor dem inneren Auge, die ihm ein Kleiderlabel zeigten, durch das eine Fackel und dann immer mehr Fackeln angezündet wurden. Tief berührt setzte er sich sofort an den Laptop und begann zu planen. Es war acht Uhr morgens an einem gewöhnlichen Wochentag, doch er sollte ein wichtiger in Davids Biografie werden.

SICHTBARES
Das Offensichtliche zuerst: „Love Your Neighbour“ etablierte sich seit dieser Vision erfolgreich in der Modeszene. Man könnte auch sagen, „LYN“ schlug ein wie eine Bombe. Das lag nicht nur am „Fashion“ des Labels mit den stylishen Designs, sondern auch am „Social“: David lässt nicht nur fair produzieren, er steckt auch 12% des Unternehmensgewinns in einen Hilfsfond, der arme Menschen unterstützen soll, und verschenkt mehr als jedes zehnte T-Shirt oder Accessoire an Obdachlose. Trips nach London, bei denen er kartonweise Klamotten verschenkt, gehören zu seinem Arbeitsalltag genauso dazu wie professionelle Shootings mitten in den spätsommerlichen Bergen. Daneben hat er kürzlich ein T-Shirt designt, auf dem nicht nur „Stop Terror“ stand, sondern „Love Your Neighbour“ als Gegenvorschlag. Die Rückmeldungen und Geschichten dazu waren überwältigend, sagt David. Nicht zuletzt wegen des Kampagnenbilds, das Leute in allen Größen und Hautfarben zeigt. Sogar Leute aus Israel und Palästina meldeten sich. Die Schweizer Wirtschaftskammer sah in seinem Schaffen einen Beitrag für Kinder, Frieden und Menschenrechte und verliehen ihm einen Award. Davids Karriere als „Social Fashion Designer“ könnte nach einer ersten Bilanz nicht erfolgsgetränkter sein.

UNSICHTBARES
Die Zwischentöne des Erfolgs verbergen sich darin, dass David sich am Gelingen freut, ohne sich darüber zu definieren. So schnell es bergauf ging für ihn, so schnell könnte der Hype auch wieder vorbei sein. David weiß darum und nimmt es gelassen. „Ich weiß nicht, wohin es mit ‚Love Your Neighbour‘ geht. Aber falls es nächstes Jahr zu Ende ginge, würde ich meine Hände schütteln und ‚Danke vielmals‘ sagen.“ Kritische Stimmen glauben ihm nicht. Seine härtesten Kritiker kommen aus den christlichen Reihen: „Häufig heißt es, ‚Dem geht es nur um sich selbst, den Erfolg oder das Geld‘. Dabei sagen wir Christen doch immer, dass wir mutig sein und Neues wagen sollen“, reflektiert er. David hat aufgehört, die Dinge persönlich zu nehmen. „Wenn du von einer Aktion keine Bilder postest, heißt es: ‚Warum nicht?‘ und wenn du es tust, sagen dir die Leute, du setzt dich in Szene. Egal was du machst, es ist falsch“, lacht er. „Das Wichtigste ist, dass ich persönlich nahe an Jesus bleibe und mein Herz kenne. Aus dieser Intimität, meiner Beziehung zu Jesus fließt alles andere.“

Zum Beispiel Antworten in Interviews. Er schätzt die Gunst der Schweizer Medienhäuser, die ihn zurzeit eins nach dem anderen einladen. Wach bleiben muss er trotzdem – „manche Fragen sind extrem heikel.“ Immer wieder wird er um Meinungen zu sensiblen Themen gebeten. Als gläubiger Christ, der eine Freikirche besucht, vertritt er in den Augen der Öffentlichkeit nicht nur „Love Your Neighbour“, sondern auch den Glauben und die Kirche. Es kommt vor, dass er mehr zum Glauben ausgefragt wird als zu „LYN“. „Menschen wollen wissen, ob wir leben, was wir mündlich von uns geben. Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der Menschen genug von Worten haben. Es muss im Alltag ‚verhebe‘ (dt. etwa ‚verankert sein‘).“

DAVIDS ALLTAG
David wird gerade viel eingeladen, spricht häufig mit Medienvertretern. Vorher betet er intensiv, gibt bei Interviews auch schon mal Eindrücke weiter. Oft sind Journalisten sehr berührt, wie liebevoll David ihnen begegnet, zumal in der Schweiz das Verhältnis zwischen Kirche und Presse ein sehr angespanntes ist. In einem Club reicher Geschäftsführer, wo David seine Arbeit vorstellen durfte, überraschte er, indem er eben nicht um Geld bat: „Denken Sie bitte nicht darüber nach, was Sie uns überweisen können“, endete er seine Präsentation. „Gehen Sie zurück in Ihre Firma, ehren Sie Ihre Putzfrau und danken Sie Ihren Mitarbeitern. Damit tun Sie mir den größten Gefallen.“ Er träumt davon, dass „Love Your Neighbour“ eine weltweite Bewegung wird, und dass er, „das ist mein verrücktester Traum“, eines Tages mit dem amerikanischen Präsidenten, Putin und anderen Entscheidungsträgern an einem Tisch sitzen und ihnen das Evangelium predigen darf. „Jeder, dem ich davon erzählt habe, hat mich bislang dafür ausgelacht“, schmunzelt David, „doch ich träume davon.“

Während er all das erzählt, gewinnt man einen Eindruck davon, wie Davids Überzeugungen den Auftritt von „Love Your Neighbour“ prägen. Das Label spricht seine Sprache. Ob auf der Bühne oder dahinter: David erzählt genauso persönlich wie in seiner Biografie, die in diesem Herbst erschienen ist (Brunnen Verlag). Gibt es für ihn einen Punkt, an dem er sich zurückziehen möchte? David überlegt. „Als ich mein Buch schrieb, habe ich mir überlegt, wie ich das tun soll. Ich wollte Menschen berühren – und diejenigen Menschen, die mich in meinem Leben am meisten beeindruckt und geprägt haben, zeigten sich mir von ihrer verletzlichsten Seite. Also habe ich mich entschieden, mein Herz weit aufzumachen. Weil wir am meisten bewegen können, wenn wir uns nahbar und verletzlich zeigen.“ Es klingt nach dem Grundton von Davids Leben – und damit von „Love Your Neighbour“. Weit weg von Phrasen, ganz nah am Alltag.

FABIENNE IFF wünscht sich, dass Baschar Al-Assad ebenfalls an David Tognis Tischrunde sitzen wird.

Vom Herzen aufs Papier

Jana Highholder gehört zur Riege der aufstrebenden Poetry-Slammer, die sich zu ihrem Glauben bekennen. Zum Schreiben kam sie, um das Chaos in ihrem Kopf in Ordnung zu bringen.

Foto und Text: Verena Flaig

Manchmal trifft man Menschen, mit denen man direkt in ein tiefes Gespräch einsteigen kann, ohne sich lange mit Höflichkeiten und Hard Facts aufhalten zu müssen. Jana Highholder ist so ein Mensch. Die Fakten interessieren sie nicht. Sie will deine Geschichte hören. Wo kommst du her, wo gehst du hin? Sie mag Gespräche, bei denen nichts ablenkt von dem, wer du wirklich bist und was in deinem Kopf abgeht. Weil man sich in solchen Gesprächen gegenseitig um den Horizont des anderen erweitern kann. Jana ist Poetry-Slammerin. Viele ihrer Texte sind aus solchen Gesprächen entstanden, aus Geteiltem. Innerhalb weniger Minuten kann sie mitreißend auf den Punkt bringen, was Menschen umtreibt. Wer Jana zuhört, bei einem Auftritt oder auf ihrem Hörbuch, ist überrascht, wie präzise ihre Worte den Kern der Sache treffen und wie viel Lebenserfahrung aus ihren Zeilen spricht, obwohl sie gerade mal 18 Jahre alt ist. Es geht um die Suche nach Glück, um Sprachlosigkeit, um das Streben nach Perfektion, das Gefühl, nicht genug zu sein, um Liebe, ums Losgehen, um Traumatisches und um das Privileg, Gottes Kind zu sein. Woher kommt diese Weitsicht? Was für ein Kopf steckt unter diesen wilden Locken? Woher nimmt sie dieses Strahlen, diese Lebensfreude, der sich während unseres Gesprächs auch die Frau am Nachbartisch kaum entziehen kann?

Ganz oder gar nicht
„Ich bin in jedem Lebensbereich ein Mensch der Extreme“, erzählt sie. „Ich mache eine Sache ganz oder gar nicht.“ So ist sie auch zum Poetry-Slammen gekommen: Beim gemeinsamen Philosophieren mit einer Freundin im Fitnessstudio entsteht eines Abends im Jahr 2014 die Idee, dass das Schreiben Janas Begabung sein könnte. Was, wenn ihre Liebe zu Worten ihr nicht nur in der Schule nützlich sein könnte, sondern auch bei ihrem Wunsch, verstanden zu werden und ihre innere Welt mit nderen zu teilen? Noch in derselben Nacht setzt sie sich hin und schreibt ihren ersten Text „Ecken und Kanten“, mit dem sie sich schon ein paar Wochen später beim Poetry-Slam ihrer Heimatstadt Koblenz anmeldet und prompt im Finale landet …

Neugierig geworden? Den vollständigen Text kannst du in der aktuellen DRAN NEXT lesen.

Werd‘ doch mal erwachsen!

Erwachsensein? Kann man das fühlen, denken, wollen? Auch Wiebke muss sich mit dem Erwachsenwerden erst noch anfreunden?

Text: Wiebke Harle

„Mist. Mist! Mist! Mist!“ Ich könnte ausrasten. Nix als Ärger mit den Behörden! Und wieder schicken die mir so’n Schrieb, für den ich mir Zeit aus den Rippen schneiden muss, um in Warteschleifen rumzuhängen, bis sich endlich irgendein hemdsärmliger Beamter mit mir auseinandersetzt. Überflüssig bis zum Geht-nicht-mehr, und ich ertappe mich dabei, wie ich ganz laut MAMA denke. MAMA, kannst du das nicht machen?

Umgehend schäme ich mich für diesen Gedanken. Denn, ganz klar: Ich hatte einen Rückfall. Einen Rückfall in die Zeit, als ich noch dachte: Erwachsenwerden? Ich mach’ ja viel Scheiß mit, aber nicht jeden. Diese Haltung kenne ich nicht nur von mir. Das scheint so ein Generationending zu sein. Keinen Bock zu haben auf dieses mysteriöse Erwachsenwerden. Bei uns gehört das quasi zum guten Ton. Als hätten wir heute Morgen alle mit Peter Pan geduscht, der Kinderbuchfigur von J. M. Barrie, die einfach nicht erwachsen wird und in Nimmerland ein Abenteuer nach dem anderen erlebt.
Wär das wirklich so schlimm, erwachsen zu werden? Pippi Langstrumpf und ihre Freunde Tommy und Annika sind sich einig: „Dann kann man ja nicht mehr so schön spielen. Die Erwachsenen sind immer viel zu ernst.“ Ist es etwa das, was wir befürchten? Dass wir, sind wir erstmal erwachsen, nur noch langweilig auf dem Sofa hocken, die Abende beim Krimischauen vor dem Fernseher verbringen und zum Lachen in den Keller gehen? Wenn wir erwachsen werden – das ist auf jeden Fall eine der Ängste – dann verlieren wir unsere Fantasie, unsere Ideale, werden zu eingefahrenen Realisten. Fakten statt Fiktion. Staubtrocken statt sprudelnd vor Ideen. Wenn ich allerdings genauer darüber nachdenke, warum sich so hartnäckig der Mythos hält, dass Erwachsene keine Fantasie hätten, kann ich eigentlich gar nicht nachvollziehen. Denn wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, erkennt recht bald: Wie Erwachsene ihren Lebensraum gestalten, ist oft sogar ziemlich fantastisch. Selbstverständlich denke ich da an Künstler, Schriftstellerinnen, Musiker, die aus (fast) nichts etwas machen, die sich inspirieren lassen und wiederum andere inspirieren. An Filmemacherinnen, die ihre eigenen Welten erschaffen. Aber ebenso an Gärtner, Architekten, Schreinerinnen, die unsere Alltagswelt mitgestalten.

Fantasie ist kein kindliches Vorrecht
Keine Frage – viele Kinder sind extrem fantasievoll. Aber längst nicht alle. Die einen malen frei Schnauze die tollsten Gemälde, die anderen malen nach Zahlen. Für die einen ist ihr Bett ein Floß und der Zimmerboden ein reißender Strom, die anderen kochen in ihrer Puppenküche Schnitzel und Kartoff elbrei. Das bedeutet nicht, dass das eine besser und das andere schlechter ist. Sondern einfach nur, dass Fantasie auch bei Kindern keine Selbstverständlichkeit, sondern eine individuelle Begabung ist. Und das setzt sich später fort. Als Erwachsene müssen wir uns einfach mehr anstrengen, unserer Fantasie Raum zu geben. Wenn sie aber vorher da war, ist sie nicht in der Minute weg, in der wir unsere Kindheit hinter uns lassen.

Tatsächlich haben Erwachsene, was das betrifft, sogar einen ganz entscheidenden Vorteil gegenüber Kindern: Während die in der Regel noch nicht gelernt haben, ihre Kreativität zu kanalisieren, haben sich Erwachsene bereits das nötige Handwerkszeug angeeignet, um sich und ihre Ideen auszudrücken. Wenn ein Kind sich beispielsweise gerne Geschichten ausdenkt, aber noch nicht schreiben kann – dann sind seiner Kreativität klare Grenzen gesetzt. Erwachsene jedoch beherrschen bereits vieles, was sie brauchen, um ihren Ideen Gestalt zu geben. Die Angst, beim Erwachsenwerden unsere Fantasie zu verlieren, ist eher irrational.

Kinder wollen nicht klein bleiben
Auch wenn uns Kinderbuchfiguren wie Pippi Langstrumpf oder Peter Pan etwas anderes weismachen wollen: Der Wunsch, nicht erwachsen zu werden, setzt häufig noch gar nicht in der Kindheit ein. Das sagt mir zumindest meine Erfahrung. Alle Kinder, die ich kenne, wollen am liebsten schon groß sein. Im Kindergarten freuen sie sich auf die Schule, lassen ihre Überlegenheit über die jüngeren Geschwister raushängen. Sie spielen mit Barbies den Alltag von Erwachsenen nach. Mein Freund hat mir mal erzählt, dass er mit Vorliebe „Büro“ gespielt hat, als er klein war. Mit selbstgebasteltem Papp-Laptop und allem.

Auch ich wollte, als ich im Teenageralter war, noch unbedingt erwachsen werden. Ich malte mir aus, wie das wohl sein würde: eine eigene Wohnung haben. Oder einen Mann. Arbeiten gehen. Geld verdienen. Kinder kriegen. Vor allem aber: für voll genommen werden. Lieber heute als morgen, dachte ich mir. Und dann ist es soweit, man zieht aus, steht mehr oder weniger auf eigenen Beinen. Und ist plötzlich doch ein wenig überfordert mit der ganzen Selbstständigkeit. Merkt, dass das Leben weg von zu Hause doch nicht das reinste Zuckerschlecken ist. Selbst ein Studium besteht nicht nur aus durchtanzten Nächten. Ich fand mich auf einmal wieder auf Fluren von Behörden –  beim Einwohnermeldeamt, dem BaföG-Amt, dem Finanzamt. Musste gucken, wie ich mit meinen lausigen paar Euro über die Runden kam. Musste alleine dafür sorgen, dass der Waschmaschinenreparaturdienst zwischen 10 und 17 Uhr in meine Wohnung konnte. Und so weiter und sofort. Wenn das erwachsen sein soll, dachte ich, dann: Nein danke, kein Interesse!

Kind bleiben – eine unwirkliche Alternative
Allerdings – haben wir überhaupt eine andere Wahl? Müssen wir nicht zwangsläufig erwachsen werden? Pippi Langstrumpf sagt: Nein! In ihrem Küchenschrank bewahrt sie Krummelusepillen auf. Ein Wundermittel, dessen Einnahme das Erwachsenwerden ganz einfach verhindert – was sie und ihre Freunde auch ausprobieren. Danach stellen sie sich vor, was sie wohl in fünfzig Jahren tun werden, wenn der Zauber klappt: „Dann spielen wir drei noch genauso wie heute!“
Eine schöne Vorstellung. Eine schöne Vorstellung? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr zweifle ich daran. Denn was sind das eigentlich für Aussichten, die ich mir da ausmale? Ziemlich schnell hört sich das für mich nicht mehr verlockend an, sondern nach Stillstand. Mich überkommen Bilder von mir selbst in Latzhose, jenseits der 50, wie ich neben meiner 82-jährigen Mama hocke und sie dabei beobachte, wie sie meine Treppe wischt.

Das ist nicht wirklich das, was ich mir für mein Leben wünsche. Es ist inzwischen schon eine Weile her, dass mir klar wurde: In der Kindheit oder Jugend festzuhängen, ist keine Alternative dazu, mich weiterzuentwickeln. Stattdessen fielen mir einige entscheidende Faktoren ein, die eindeutig fürs Erwachsensein sprechen. Und ich meine da nicht nur, dass mich dann niemand mehr daran hindert, mir Süßigkeiten vor dem Essen reinzuziehen. Oder sogar als Hauptmahlzeit.

Initiationsmomente
Ich erinnere mich noch gut daran, in welchem Augenblick ich mich das erste Mal erwachsen fühlte. Ich war schon lange von zu Hause ausgezogen, hatte mein Studium abgeschlossen und arbeitete seit einem halben Jahr – war also finanziell mehr oder weniger unabhängig von meinen Eltern. Aus heiterem Himmel hatte ich den Impuls, meinen Job an den Nagel zu hängen, um noch ein zweites Studium anzufangen, das in eine völlig andere Richtung ging als bisher. Zugegebenermaßen hatte ich ein bisschen Angst, meinen Eltern davon zu erzählen. Sie waren so froh gewesen, dass ich nach meinem geisteswissenschaftlichen Studium (überhaupt) eine Stelle gefunden hatte und auf eigenen Füßen stand. Und jetzt alles hinschmeißen? Nochmal von vorne beginnen? Wie sollte ich ihnen das verkaufen?

Tatsächlich verliefen die Gespräche am Telefon so ähnlich, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Mutter zeigte nach einer Schrecksekunde vorsichtiges Verständnis. Mein Vater aber konnte meine Entscheidung überhaupt nicht nachvollziehen. Mein „Ich bin erwachsen“- Erlebnis daran: Ich stellte plötzlich fest, dass das vollkommen in Ordnung für mich war. Schließlich war das eine Entscheidung, die ich treffen und mit der ich dann auch leben musste. Ich und nicht meine Eltern. Ihre Meinung war mir nicht egal, aber sie war auch nicht entscheidend. Schließlich musste ich selbst hinter dem stehen können, was ich mit meinem Leben anfange. In diesem Moment zeigte sich, was Erwachsensein auch bedeutet: unpopuläre Entscheidungen zu treffen und dann auch dazu zu stehen. Das ist nicht immer einfach, andererseits steckt darin eine große Freiheit.
Wie gesagt – erwachsen zu sein ist auch mit vielem verbunden, was unangenehm oder nervig ist. Und ich habe meine Phasen, in denen ich die Verantwortung für anstehende Entscheidungen und Pflichten gerne abgeben würde. Dann erinnere ich mich daran, wie großartig es ist, mein Leben selbst gestalten zu dürfen. Dass ich nicht bei allem um Erlaubnis fragen muss, sondern einfach machen kann. Ich habe noch längst nicht alles Kindliche über Bord geworfen (und das habe ich auch nicht vor) –  aber ich habe beschlossen, dass „erwachsen“ jetzt das ist, was ich bin. Und auch sein möchte.

Worte wie Blei

Tabea hat Sing-Angst. Seit fast 20 Jahren. Seit diesem einen Satz ihrer besten Freundin. Jetzt hat sie beschlossen, den Satz zu vergessen – indem sie sich ihm stellt.

Text: Tabea Mußgnug
Foto: avemario/ Thinkstock Photos

Jeder hat so einen Satz. So einen, den man schon Jahre mit sich herumträgt, der monströs geworden ist in dieser ganzen Zeit und es sich dick und behäbig im Hinterkopf bequem gemacht hat. Von dort aus meldet er sich in unregelmäßigen Abständen und sorgt dafür, dass er auch ja nicht in Vergessenheit gerät. Sätze, die irgendwann ganz unvorsichtig gesagt wurden und brutal lange nachklingen, die Ängste und Komplexe, Hemmungen und Diäten nach sich ziehen. „Du bist zwar nicht so hübsch, aber dafür schlau“, ist ein Satz, den eine Bekannte mit vierzehn von ihrem Vater hörte. „Mathe ist eben nicht dein Ding“, „So schüchtern wie du bist, will dich bestimmt keine“, „Sportlich wirst du nie werden“ – solche Sätze eben. Leicht dahingesagt, nie mehr vergessen. „Das schwarze Wort/es kommt immer an/es hört nicht auf anzukommen.“ Das schrieb schon die deutsche Lyrikerin Hilde Domin – und sie hatte recht damit.

„WENN DU SINGST …“
Mein Satz ist schon seit der Grundschule bei mir. Er heißt: „Wenn du singst, erkenne ich nicht mal die Melodie.“ Ausgesprochen von meiner besten Freundin auf dem Schulweg, unbedacht, aber mit einem langen Echo. Denn: Ich habe seitdem Sing-Angst.

Neugierig geworden? Den vollständigen Text kannst du in der aktuellen Ausgabe der DRAN NEXT nachlesen.

Vergesst die alten Moralvorstellungen!

Von wegen moralischer Zeigefinger und Opferhaltung: In seinem neuen Buch schreibt Martin Dreyer über Seiten von Jesus, die in Vergessenheit geraten sind. Der Volxbibel-Herausgeber und Gründer der Jesus Freaks im Gespräch über falsche Gottesbilder, Sexualität und Feindesliebe.

Interview: Simon Jahn
Foto: André Wedemann/Fotostudio Berlin

 

Martin Dreyer ist ein Unikat: Der Freaksgründer, Volxbibel-Initiator und „Liebe auf den ersten Blick“-Fernsehtheologe gehört zu den medial präsentesten Persönlichkeiten der christlichen Welt. Trotzdem wagt er sich immer wieder an Projekte und Themen, die anderen zu heikel sind. Das hat ihm den Ruf eingebracht, in theologischen Positionen unvereinnehmbar zu sein. In seinem neuen Buch „Der vergessene Jesus“ hinterfragt er das Christusbild, das Gemeinden durch ihre Sprache und Bibelexegese vom Menschensohn zeichnen.

 

Martin, wir unterhalten uns heute über jemanden, den wir beide noch nie gesehen oder getroffen haben. Wer ist denn dieser Jesus eigentlich?

Jesus ist für mich Held, Vorbild, Weltveränderer, Gott, Mensch; jemand, den ich anbete, der mir aber auch die Füße wäscht; jemand, zu dem ich hinkommen muss, der mich andererseits auch abholt; jemand, den ich seit meinem 18. Lebensjahr versuche zu verstehen.

Dein neues Buch heißt „Der vergessene Jesus“. Wer hat Jesus denn überhaupt vergessen und warum eigentlich?

In unserer zunehmend säkularen westlichen Welt gerät Jesus einfach immer mehr in Vergessenheit – seine Botschaft, sein Wirken, sogar seine Kirche. Alle Denominationen kämpfen heute mit Mitgliederschwund. Und die Freikirchen, die wachsen, tun das nur durch Churchhopping. Trotz vieler missionarischer Aktivitäten scheint dieser Schrumpfungsprozess nicht aufzuhalten. Selbst innerhalb der Kirchen rund um die Welt sind manche Seiten an Jesus in Vergessenheit geraten – auch wenn man den Jesus, über den ich schreibe, durchaus in der Bibel findet.

Welchen Jesus findet man heute in den Kirchen?

Das ist natürlich schwer zu verallgemeinern. In älteren Kirchen, vor allem in katholischen, finde ich häufig einen sehr religiösen, leidenden Jesus, der am Kreuz hängt und blutet; einen Jesus, der Mitleid oder Schuldgefühle erzeugen soll. Und das finde ich sehr schräg. Denn der Kreuzestod – so zentral er auch für den Glauben ist – bildet nur einen kleinen Ausschnitt, wenn ich mir das ganze Leben von Jesus anschaue. Für viele Menschen, die Vergebung suchten, ist das aus dem schlechten Gewissen heraus sicherlich der Zugang zum Glauben gewesen. Aber wenn ich mir unsere heutige Gesellschaft anschaue, ist das nichts, was Leute noch in die Kirchen zieht. Für ein schlechtes Gewissen sorgt doch schon unsere Leitungsgesellschaft.

Neugierig? Das vollständige Interview liest du in der Ausgabe 7/16. Hier kostenlos testen…

Politisch glauben?

Der Glaube ist Privatsache, sagen die einen. Aber wenn wir beten „Dein Reich komme!“ – ist das nicht irgendwie auch politisch?

Nachdem im Juli ein katholischer Priester in Frankreich während einer Messe von islamistischen Terroristen hingerichtet wurde, kam es unter dem Facebook-Post eines gerade sehr angesagten christlichen Redners zu einer intensiven Diskussion. Sein Ruf nach konsequenter Abschiebung von Geflüchteten und Migranten, die straffällig werden, provozierte meine Frage, ob das aus christlicher Perspektive die Antwort sein könne. Martin Luther schrieb dazu einmal brandaktuell: „Die Herrschaft soll sein inmitten deiner Feinde. Und wer das nicht leiden will, der will nicht sein von der Herrschaft Christi, sondern er will inmitten von Freunden sein, in den Rosen und Lilien sitzen, nicht bei bösen, sondern bei frommen Leuten sein. O ihr Gotteslästerer und Christi Verräter! Wenn Christus getan hätte, als ihr tut, wer wäre immer selig geworden?“ Wer Christus nachfolgen will, kann sich nicht dem Bösen dieser Welt entziehen. Die prompte Antwort war vorhersehbar: Ja, im „privaten“ Leben als Christ treffe das natürlich zu, aber was politisch gefordert sei, liege auf einer ganz anderen Ebene. Auch wenn ich als privater Christ für Vergebung sei, müsse der Staat doch durchgreifen und strafen.
Ist die politische Sphäre wirklich so losgelöst von meinem Glauben? Sollte mein Glaube nicht eine Auswirkung auf meine politischen Entscheidungen haben? Oder spielen türkische Deals, Drohnenangriffe oder die Frage, wo der nächste exklusive „Saunaclub“ gebaut wird, in einer anderen Welt, in der christliche Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe eine untergeordnete Rolle spielen?

Weltflucht oder Übergriffigkeit?
In der Frage, was Politik mit dem Glauben zu tun hat, sind konservative christliche Kreise zumeist individualistisch geprägt, mit einem Fokus auf das Jenseits und das eigene Seelenheil. Man hält sich heraus aus den Angelegenheiten dieser Welt. Entscheidend ist, dass Menschen zum Glauben kommen und gerettet werden. Politik ist da überflüssige Zeitverschwendung oder nur eine temporäre Notwendigkeit.
Allerdings gibt es auch den Ausschlag auf der anderen Seite des Pendels, wie gerade wieder bei den Wahlen in den USA zu beobachten ist, z.B. wenn Christen sich dafür aussprechen, dass der „christlichste Kandidat“ gewählt werden solle und seine Rechtgläubigkeit statt seine politische Kompetenz zum entscheidenden Kriterium erhoben wird. Außerdem reicht ein Blick in die Kirchengeschichte, um die negativen Folgen davon zu sehen, wenn Kirche und Staat eng verwoben sind und die Kirche ihre Werte gewaltsam durchzusetzen versucht.

Zwei Reiche mit Problemen
Wer das Verhältnis von Kirche und Staat oder noch allgemeiner von „Glaube zu Gesellschaft“ bestimmen will,  kommt um Martin Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“ nicht herum. Was genau diese Lehre kennzeichnet, ist gar nicht so einfach zu fassen, weil Luther selbst keinen systematischen Entwurf einer Zwei-Reiche-Lehre vorlegte und seine situationsgebundenen Aussagen in der Folge sehr verschieden interpretiert wurden. Zudem unterscheidet Luther nicht nur zwei Reiche, sondern auch zwei Regimente. Zum einen regiert Gott das Reich der Welt durch Obrigkeit und Gesetze – das weltliche Regiment. Zum anderen regiert er es durch Wort und Geist, vor allem innerlich in den Menschen – das geistliche Regiment. Das Reich Gottes ist davon unabhängig und braucht keine Regimente. Als Christ lebt man in beiden Reichen und handelt verschieden, je nachdem in welchem Reich man sich gerade befindet.
Relevant sind in dieser theologischen Tradition vor allem Texte wie Römer 13 oder die Frage nach der Steuer, die Jesus gestellt wird. Laut Römer 13 sei die staatliche Gewalt von Gott als Autorität eingesetzt. Ihr müsse daher gehorcht werden. Aus dieser Perspektive war Paulus ein römischer Bürger, der ziemlich zufrieden mit dem Imperium Rom war und es als seine Aufgabe sah, von Jesus zu erzählen und die Menschen zu Jüngern zu machen. Dem Kaiser sollen Steuern gezahlt werden, während Gott Ehre erwiesen werden solle. Die beiden Sphären seien getrennt und unterlägen unterschiedlichen Regeln.

Die Gefahr für christliche Gemeinschaften ist aber offensichtlich: Sie halten sich raus aus dem öffentlichen Dialog und Themen, die eigentlich die prophetische Stimme der Gerechtigkeit bräuchten.

Diese Lesart hat durch die unterschiedliche Aufgabenverteilung für Kirche und Staat viel Positives erwirkt. Die „Trennung von Kirche und Staat“ oder besser „die Unparteilichkeit des Staates in Bezug auf Religionen“ ist eine Grundlage unserer westlichen Gesellschaften, die sie fair und tragfähig gemacht haben. Die Gefahr für christliche Gemeinschaften ist aber offensichtlich: Sie halten sich raus aus dem öffentlichen Dialog und Themen, die eigentlich die prophetische Stimme der Gerechtigkeit bräuchten. Ihren traurigen Tiefpunkt erreichte diese Passivität unter dem Nationalsozialismus, als lutherisch geprägte Theologen auch aufgrund ihrer Theologie der weltlichen Obrigkeit vertrauten, statt sich dem Unrechtsregime entgegenzustellen. Eine Unterscheidung zweier Reiche scheint unausweichlich, die Frage ist jedoch, wie die sich zueinander verhalten.
Die, die sich dem NS-Regime entgegenstellten in der Bekennenden Kirche, taten dies auch, weil ihre theologische Überzeugung sie dazu drängte. Unter anderem Karl Barth war der Meinung, dass Christus als Herr über alle Lebensbereiche regiere. Der irdische unvollkommene Staat müsse im Sinne des Reiches Gottes verändert werden. In diesem Ansatz sind die zwei Reiche zwar unterschieden, aber nicht ohne Berührungspunkte. Die Gefahr hier ist jedoch auch augenfällig: Eine Kirche, die sich vollkommen um politische Angelegenheiten dreht oder der pluralistischen Gesellschaft ihre Maßstäbe aufdrückt. Dabei ist Gottes Souveränität keine, die machtvoll von oben agiert und übergriffig ist. Gott ermöglicht es uns, wir selbst zu sein, auch wenn sein Willen damit nicht zur Durchsetzung kommt.

Die ganz andere Revolution
Es gibt einen dritten Weg, wie Christen sich in Gesellschaft und Politik engagieren können, zwischen Weltflucht und Kulturkampf, zwischen Untätigkeit und Übergriffigkeit: den Weg von Jesus. Das ist ein engagierter Glaube, der kreativ Wege sucht, die Weisheit Gottes in allen Lebensbereichen durchscheinen zu lassen. Die politische Sphäre ist dabei nicht losgelöst von unserem Glauben, sondern ganzheitlich damit verbunden.
Als Jesus die Frage gestellt bekommt, ob man Steuern zahlen soll, wollen seine Gegner ihn in eine Falle locken (Markus 12,13-17). Entweder er outet sich als Revolutionär, der das System umstürzen möchte (Kampf), oder er ist doch nur jemand, der wie die Jerusalemer Elite mit den Römern gemeinsame Sache macht (Flucht). Wenn wir davon ausgehen, dass Jesus nicht in diese Falle tappt, dann muss seine Antwort eine andere sein als diese beiden. Zunächst stellt er eine Gegenfrage: Wessen Bild und Aufschrift ist auf dieser Münze zu sehen? Damit führt er seinen Gegnern ihre eigene Heuchelei vor Augen. Denn auf der Münze war ein Bild des Kaisers zu sehen – was im jüdischen Verständnis schon an sich anstößig war – und die gotteslästerliche Aufschrift, dass dieser Kaiser ein Sohn Gottes war („Tiberius, Sohn des göttlichen Augustus“). Jesus fragt damit indirekt: „Warum besitzt ihr überhaupt solche gotteslästerlichen Münzen? Ihr hättet dieses Geld gar nicht annehmen dürfen. Nicht ich kollaboriere hier mit der gottlosen Macht, sondern ihr selbst tut es schon!“

Auch das abschließende Statement, „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört!“ ist keine Aufforderung zur sauberen Trennung von Politik und Religion. Eine Feinheit des Originaltextes geht in der deutschen Übersetzung meist verloren. Denn dort steht wortwörtlich: „Gebt dem Kaiser zurück, was dem Kaiser gehört.“ Es ist nicht unwahrscheinlich, dass hier auch der bildliche Sinn von „jemandem etwas zurückzahlen“ gemeint ist. Gebt dem Kaiser das, was er verdient hat! Indem er diesen Satz so sagt, spricht er sich also nicht nur für Revolution aus oder dafür brav seine Steuern zu zahlen, sondern er tut im Prinzip beides gleichzeitig.

„Gebt Gott, was Gott gehört“ ist ebenso revolutionär. Ihm allein steht die Ehre zu, nicht dem Kaiser, der sie fälschlicherweise für sich beansprucht. Betet Gott an und niemanden sonst. Aber die Revolution, die Jesus ins Leben ruft, ist keine, die gewaltsam einen Umsturz herbeiführt. Jesus ruft nicht dazu auf, sich anzupassen und den Glauben in die private Kammer zu schließen, ebenso wenig wie er dazu ermutigt, übergriffig und gewaltsam das Reich Gottes herbeizuführen. Er fordert vielmehr dazu auf, bei einer Revolution der Liebe dabei zu sein, die von seinem Leben der Hingabe bestimmt ist. Das heißt aber, dass die Mächte und Systeme dieser Welt nicht einfach weitermachen können, während wir brav unsere Steuern zahlen und uns damit möglicherweise mitschuldig machen.

„Die politische Sphäre ist nicht losgelöst von unserem Glauben, sondern ganzheitlich damit verbunden.“

Auch mit Paulus ändert sich nicht plötzlich alles hin zu einer absoluten Trennung von Politik und Religion. In Römer 13 stellt Paulus den Staat als Ordnungsmacht dar, aber eine, die eben nicht eine eigene Autorität hat, sondern unter Gott steht und sich letztlich ihm verantworten muss. Das allein muss für das römische Imperium schon eine Herausforderung gewesen sein. Für Paulus war klar: Jesus ist der Messias, der wahre König (z.B. aus Jesaja 11,10, zitiert von Paulus in Römer 15,12). Er ist Herr, nicht der Kaiser Roms. Alle Mächte müssen sich ihm unterordnen, sie spielen nicht ihr eigenes Spiel, sondern finden ihren Platz in dem eigentlichen Drama mit Jesus im Zentrum. Das Wort Evangelium hatte in Paulus‘ Welt aber noch eine andere Resonanz: Es bedeutete die „gute Nachricht“ der Thronbesteigung oder der Geburt eines Königs, insbesondere die des Kaisers von Rom. Diese – durchaus indirekte, aber gezielte – Kritik am Imperium, tief verwurzelt in der jüdischen Tradition, zeigt, wie der Kern von Paulus‘ Glauben, das Evangelium, direkte politische Auswirkungen hat, die nicht nur sein Seelenheil betreffen.
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MfG DMMK

POPSTERNCHEN ODER ANBETUNGSLEITER? TIMO LANGNER HAT SICH FÜR  LETZTERES ENTSCHIEDEN UND DABEI SEINE BERUFUNG GEFUNDEN. WIE DAS LEBEN DES DMMK-FRONTMANNS SONST VERLAUFEN WÄRE, WISSEN „NUR DIE STERNE“

DU GEHÖRST ZU DEN GANZ WENIGEN, DIE BEIDES ERLEBT HABEN: SÄKULAREN ERFOLG UND DAS GLÜCK EINER BLÜHENDEN GEMEINDEARBEIT. VERMISST DU MANCHMAL DIE GROSSEN BÜHNEN DEINER SOLOKARRIERE?
Timo Langner: Nee, ehrlich gesagt gar nicht. Mit 11 habe ich meine erste Band gegründet – die ist kurz vor dem Durchbruch auseinandergegangen. Ich habe trotzdem meine Ausbil-dung zum Fotografen abgebrochen und alles auf die eine Karte gesetzt: Ich wollte nichts als Musik machen. Also musste ich das dann durchziehen, auch wenn es nochmal ein paar Jahre gedauert hat, bis ich meinen eigenen Deal an Land ziehen konnte. Und plötzlich war ich drin in diesem Business, auch als Songwriter. Zu meiner Überraschung hatte das was sehr Beklemmendes. Stell dir das vor: Du unterschreibst mit 21 einen Albumdeal bei einem der Major-Labels – da bist du so klein mit Hut. Was immer ihr sagt, ich folge nach. Und wenn ihr sagt, das ist die Single, dann glaube ich das. Da habe ich viel gelernt und auch Lehrgeld bezahlt. In dieser Zeit ist meine ganze Kreativität gestorben.

DU HAST DIR DEIN KREATIVES POTENZIAL AUS DER HAND REISSEN LASSEN.
Kann man so sagen. Es war eine Mischung aus „Man nimmt es mir aus der Hand“ und „Ich lasse das zu, dass man es mir aus der Hand nimmt“. Das würde ich heute alles anders machen. Andererseits bin ich froh, dass ich raus bin. Wir saßen in Meetings zusammen, da hieß es: „Heute geht es um das Produkt Timo Langner. Mit der ersten Single „Nur die Sterne“ waren wir Top 50, mit der zweiten müssen wir Top 30 schaffen, damit die oberen einem zweiten Album zustimmen.“ Und du sitzt da und denkst: Das Produkt, das bin ja ich!

UND DAS PRODUKT WAR AM ENDE NICHT GUT GENUG?
Am Ende war es so, dass sie sagten: Im Moment ist „The Rasmus“ hipp, jetzt schminken wir dich auch und schreiben böse Songs und dann klappt das. Da hab ich gesagt: Okay, Leute – es ist vorbei. Es hat Spaß gemacht vier Jahre lang, Top of the Pops und der ganze Kram, aber jetzt ist gut. Kurz bevor ich ausgestiegen bin, flatterten plötzlich Angebote rein, um die sich das Plattenlabel vier Jahre vergebens bemüht hatte. Mir wurde eine ständige Rolle im Marienhof angeboten, bekannte Songwriter hatten plötzlich einen Song für mich. Diese ganzen Türen gingen auf, als ich sagte, ich will nicht mehr. Und ich fragte mich: Was geht hier ab?

DU HAST DICH VERSUCHT GEFÜHLT?
Heute bin ich ja in meiner Berufung, aber da wollte mich offenbar nicht jede Macht und Kraft haben. Stolz und Eitelkeit sind zwei Dinge, die der Feind auf jeden Fall sieht. Mir war schon klar: Wenn ich die Rolle übernehme, kennen mich auf den Schlag Millionen von Menschen. Zeig mir den, der da nicht ins Grübeln kommt. Ich hab’s dann trotzdem durchgezogen und bin raus. Und wenn ich ehrlich sein darf: Musik zu machen, ist deutlich entspannter, wenn sie sich nicht um dich selbst dreht. Ich brauch das Nullkommanull. Da ist nicht mal mehr der Reiz, ein Lied zu schreiben, das sich nicht um Gott dreht. Oder ein Konzert zu spielen, bei dem die Leute mir applaudieren, weil ich so ein toller Künstler bin. Ich verurteile das nicht, aber für mich hat es jeden Reiz verloren.

TROTZDEM WAR MUSIKMACHEN JA DEIN LEBENSTRAUM. WIE BIST DU DARAUF GEKOMMEN, DAS ALS LOBPREISLEITER EINER GEMEINDE ZU TUN?
Nach meiner Zeit bei der BMG bin ich für ein Jahr nach Neuseeland auf eine Bibelschule gegangen. Da habe ich Gott gefragt: Wo ist mein Platz? Ich bin Single, ich hänge nicht an meiner Heimat – also wo willst du mich haben? Und da habe ich von Gott gehört: Ich will, dass du zurück gehst in deine Gemeinde und dich da mit dem einbringst, was du hier gelernt hast.

Neugierig? Das vollständige Interview liest du in der Ausgabe 6/16. Hier abonnieren oder kostenlos testen…

ZÜNDE AN DEIN FEUER

ALS CHRIST IST MARTIN SCOTT ETWAS IN DIE JAHRE GEKOMMEN. WIE HÄLT MAN DA SEINEN GLAUBEN LEBENDIG – UND KRISENRESISTENT? DER EVANGELIST FINDET: NIRGENDWO ZEIGT SICH DAS EVANGELIUM AKTUELLER UND GLAUBWÜRDIGER ALS IN DEN BEGEGNUNGEN MIT MENSCHEN

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich an einem düsteren, einsamen Wandertag hoch oben in den Schweizer Bergen kurz davorstand, meinen Glauben über Bord zu schmeißen. Ich fühlte mich brutal alleine, ungehört beim Beten und näherte mich der Überzeugung: „War eine schöne Hilfe im Leben – aber Gott gibt es gar nicht.“ Dann das Erstaunliche: Ich bekam es noch nicht einmal theoretisch zu Ende gedacht, mich zu „entkehren“ – hielt Gott mich? Seitdem frage ich mich, wie ich es hinbekomme, überzeugt und leidenschaftlich und mit Esprit Glaubender zu bleiben.
Seit ein paar Jahren probiere ich folgende Antwort aus: Es sind letztendlich die Begegnungen mit Menschen, innerhalb und außerhalb unserer Gemeinschaften, die uns eine Ahnung von Gott geben – wenn wir ihnen begegnen, wie Jesus ihnen begegnen würde. In diesen Momenten zeigt das Evangelium seine Aktualität. Wenn das stimmt, dann verschaffen unsere Erfahrungen mit anderen Menschen dem Evangelium seine Glaubwürdigkeit. Und diese wiederum hilft ungemein bei Glaubenszweifeln.

DER PROVOZIERENDE MESSIAS
Wie begegnet man Menschen so, wie Jesus ihnen begegnet ist? Manchmal hilft es, eine Geschichte bewusst falsch zu erzählen, um das Entscheidende zu erkennen. Falsch heißt in diesem Fall: So, wie wir sie erwartet hätten. Wie war das noch, als Jesus nach einem langen anstrengenden Wandertag in der Stadt Nain ankam? Dort, wo er herkam, hatte er Brot vermehrt, Stürme gestillt und gepredigt. Nicht wenige wollten ihn, mal wieder, berühren, gewissermaßen ausprobieren, ob eine Zauberkraft von ihm ausgeht. Jesus war eigentlich müde. Eng an seiner Seite seine 12 Schüler plus die übliche weitere Gefolgschaft. Ein eindrucksvoller Haufen, sehr homogen, allesamt feine Kerle, von Jesus behutsam ausgewählt. Dass sie fromm und religiös sozialisiert waren, war ihm ganz besonders wichtig. Daher gab es auch kaum Streit unter ihnen. Nun kam er in eine neue Stadt und suchte schnellstmöglich einen Ort zum Füßehochlegen. Selbstverständlich nach einer Fußwaschung. Die Jünger würden sich mal wieder darum rangeln, wer von ihnen mit dem besten Beispiel voran gehen dürfte, aber im Grunde gab es kaum Streit – sie hatten von Anfang an verstanden: „Wer der Kleinste unter euch ist, wird eines Tages der Größte genannt werden.“ Streit gab es also nur noch dann, wenn dummerweise nur einer zur selben Zeit dienen konnte. Üblicherweise klopfte Jesus Synagogen ab, um in ihnen unterzukommen. Für Gleichgesinnte öffnete man gerne die Türen, so auch heute. Und so war ein anstrengender Tag mal wieder spielend leicht bewältigt, man sank in die Kissen und ließ sich am nächsten Morgen vom Hahn wecken, der dreimal krähte.
Nun – das alles steht aber gar nicht in der Bibel. Was aber – in Abgrenzung zum Vorherigen – steht denn dort wirklich, was ist die wahre Pointe?

Neugierig? Den vollständigen Text liest du in der Ausgabe 6/16. Hier abonnieren oder kostenlos testen…

FÜR MICH SOLL’S ROTE ROSEN REGNEN

VON EINER, DIE GENUG HAT VOM NICHT-GENUG-HABEN

„FÜR MICH SOLL’S ROTE ROSEN REGNEN“ – ZUM ERSTEN MAL HÖRTE ICH DAS LIED MIT VIERZEHN IM KINOFILM „CRAZY“; GESUNGEN A CAPELLA VON INTERNATMÄDCHEN FÜR DEN JUNGEN MIT SPASMUS. DAS ORIGINAL VON HILDEGARD KNEF LERNTE ICH ERST DANACH KENNEN. DAS LIED VERFOLGT MICH SEITDEM MIT  SEINER GROSSTRÄUMEREI. KLEINES GLÜCK ODER GROSSES LEBEN? ICH SCHIELE  OFT NACH LETZTEREM.

MIT SECHZEHN SAGTE ICH STILL, ICH WILL, WILL GROSS SEIN …
Ich kann mich an dieses Gefühl damals im Kinosessel erinnern. Liebeskummer, Pickel und nachher noch Hausaufgaben, aber gerade zum ersten Mal das Gefühl: Da muss noch was Großes kommen, kein 0815-Leben. Jetzt, fünfzehn Jahre danach, hat mich dieses Gefühl noch nicht losgelassen. Diese leise Angst, dass sonst mein Leben vielleicht so ganz normal, so unausgeschöpft verstreicht. Wer will schon ein gewöhnliches Leben? Wir warten auf den großen Wurf: den Traumberuf, die perfekte Idee, die ganzganzganz große Liebe. Bei der Warterei übersieht man leicht mal, was alles schon geklappt hat. Denn ich muss zugeben: Ganz schön oft lief es bisher ganz schön gut. Studium, Freunde, Wohnung, Job, alles da. Ich habe mehr, als viele Menschen auf der Erde je haben werden. Ja, das Ding mit den Kindern in Afrika, die froh wären … Stimmt ja auch. Aber diese Betroffenheits-Zufriedenheit, weil es anderen schlechter geht, hält leider meist nur einen moralischen Moment lang. Und dann kommt sie wieder, die Unruhe. Was könnte noch besser laufen? Wonach sehne ich mich? Und warum kann ich nicht das haben, was XY hat?

Mit Neid kenne ich mich aus. Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist für mich oft grüner. Meine Supermarktkassenschlange ist garantiert die langsamste, mein Hotelzimmerblick bestimmt schlechter als der der anderen. Im Freibad sind plötzlich nur noch sehr dünne Leute. Ach hätte ich doch nur glatte Haare, längere Beine, was anderes studiert. First World Problems, vielleicht, aber ein Problem bleibt es. Nicht unbedingt das mit den glatten Haaren, aber das System dahinter: ´Haben wollen, was andere haben. Überlegen, was gewesen wäre, wenn… wäre ich dann glücklicher? Ein „Hätte, hätte, Fahrradkette“-Leben. Wir haben viele Wahlmöglichkeiten in unserer privilegierten Gesellschaft. Hört sich gut an, wird aber schnell schwierig. Denn dauernd hätten wir – zumindest fühlt es sich so an – eine andere Abzweigung nehmen kön-nen und zack, wären wir vielleicht besser, schöner, glücklicher. Manchmal ist das Überangebot an Möglichkeiten furchtbar anstrengend. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum sich manche nach vermeintlich einfacheren Zeiten zurücksehnen, nach einer Gesellschaft, die Rollen, Schubladen und Lebenswege einfach vorgibt. Klingt verlockend? Ist aber ein bisschen kurz gedacht. Wenn mich beim Pizzabestellen die fünfseitige Bestellbroschüre überfordert, dann ist nicht die Lösung, dass die Pizzeria ihr Angebot auf zwei Pizzen reduziert. Ich muss sicherer wissen, was ich will. Und zwar ohne dann beim Essen auf den Teller der anderen zu starren und mich zu fragen, ob das, was der hat, nicht vielleicht besser schmeckt. Wenn wir uns sicherer wären, wer wir sind und was wir wollen, könnte uns das Gras hinter allen Zäunen gestohlen bleiben.

… WILL SIEGEN …
Das wollte ich schon immer, das ist bei mir was Genetisches. Denn in unse-rer Familie wird schon mal zornig das Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett umgeworfen. Wir verlieren nicht gerne. Wer tut das schon? Es fühlt sich nun mal scheiße an, der Letzte zu sein, zu schlecht oder zu schwach, zu doof, zu klein, zu groß. Abgewiesen, ausgemustert, das ist nicht schön. Also strengt man sich an. Ich habe das Gefühl, in den letzten Jahren strengen sich sogar alle noch viel mehr an als früher. Als meine Eltern klein waren, war ein Hauptschulabschluss vollkommen in Ordnung. Es gab kein Assessment-Center und das Wort „Karriere“ benutzten nur wenige. Hört sich nach „Früher war alles besser“-Gerede an? Aber vielleicht war es das in diesem Punkt tatsächlich. Wir, vierzig Jahre später, strengen uns in allem so furchtbar an, dass es manchmal verbissen wird. Zerbrechen uns den Kopf über die beste Uni, den vorteilhaftesten Lebenslauf. Macht mich ein Mandarin-Sprachkurs wettbewerbsfähiger? Welche Praktika bringen mir später am meisten, mit welchem Abschlussthema kriege ich schon einen Fuß in die Berufstür? Wir haben eine individualisierte Gesellschaft, klingt vielleicht erst mal nicht schlecht. Das Individuum zählt. Aber wenn jeder seines Glückes Schmied sein soll, dann heißt das im Umkehrschluss: Wer nicht das Allerbeste aus seinem Leben herausholt, ist selbst schuld. Das will ja keiner sein, und deswegen strengen wir uns an, lassen nicht locker, passen uns an. Wir sind Übererfüller, freiwillige Selbstoptimierer. Laut neuester Sinus-Studie ist der größte Wunsch des deutschen Durchschnittsjugendlichen „so zu sein wie alle anderen.“ Hoffentlich haben das nur wenige Alt-68er mitbekommen; die fragen sich sonst, wie sie so eine langweilige Enkelgeneration großziehen konnten. Wir wollen siegen, und zwar nicht dadurch, herauszustechen oder etwas ganz Neues zu machen, sondern dadurch, im Schwarm vorn mit-zuschwimmen. Und das, obwohl wir die Generation sind, die „Sei ein lebend’ger Fisch“ doch jahrelang im Kindergottesdienst gegrölt hat.

… WILL FROH SEIN, NIE LÜGEN …
Das Siegenwollen endet nicht unbedingt beim Studienabschluss oder Feierabend. Nach dem Feierabend muss die Freizeit möglichst gut ausgefüllt werden. Bin ich die einzige, die sich durch Facebook/Snapchat/Instagram-Fotos regelmäßig unter Druck gesetzt fühlt, auch so ein vorzeigbares Freizeitleben wie anscheinend alle meine Freunde zu haben? Ich seh da nur frohe Menschen beim Sport, vor Kobe-Steaks respektive veganem Couscouspfanne, irgendwo in Australien. Generell scheint sich das gesamte Freizeitleben unserer Generation um Varianten von #gymtime, #foodporn und #ilovetravel zu drehen. Noch veganer, noch cleaner und mit noch mehr Fitnessarmbändern, damit ich auch bloß keine Zuckung in mir drin verpasse. Ich nehme mich da nicht aus. Und wenn ich versuche, aus diesem Karussell mal auszusteigen, und mit einer Tüte glutamatverseuchter Chips ganz allein und herzlich unfroh auf dem Sofa zu sitzen, fühle ich mich sofort wie jemand, der den Ruf nicht gehört hat. Der was verpasst. Unterbewusst taucht die Frage auf, warum ich meine Freizeit nicht hipper, glamouröser, abbildungswürdiger – letztlich: beneidenswerter – verbringe. Irgendwo gäbe es doch sicher gerade in geselliger Runde eine Flasche handgerührte Berliner Kreuzberg-Zitronenlimo bei Sonnenuntergang zu trinken. Vergleichen von Freizeitcoolness, das haben wir erfun-den. Diesen Druck machen wir uns selbst und spätestens seit Facebook auch noch gegenseitig. Dürfte keiner mehr darüber informieren, was er gerade Cooles tut, müssten vielleicht auch nicht alle dauernd etwas Cooles tun. Früher hat man sich – zumindest in Poesiealben und Elternermahnungen – eher gegenseitig darin bestärkt, den Ball flach zu halten. „Bescheidenheit ist eine Zier“. Und sich mit dem gottgegebenen Platz im Leben zu arrangieren, war einmal eine Tugend, die ziemlich hoch im Kurs stand. Vielleicht auch nicht immer das Wahre, aber trotzdem bleibt die Frage, warum wir uns auch noch gegenseitig dabei befeuern, das Stress- und Vergleichslevel hochzuhalten. Wäre es nicht viel schöner, wenn wir uns gegenseitig mal sagen würden, dass es reicht, wie es ist?

… WILL ALLES ODER NICHTS.
Das ist das Problem, das Alleswollen: Zeit. Geld. Abenteuer. Liebe. Neues. Vertrautes. Ruhe. Aufregung. Und von allem viel. Immer besser werden und es immer besser haben. Wenn es nicht nur mir so geht, sondern vielen, dann haben wir alle zusammen ein Problem. Denn glücklich macht das Ganze nicht. Und wenn wir ehrlich sind, ist es auch ziemlich egoistisch. Denn wer alles will, nach dem ganz Großen strebt, sich vergleicht, der hat wenig Zeit, sich um mehr als sich selbst zu kümmern. Den interessieren die anderen nur als Vergleichsmaterial. Was kann man dagegen tun? Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu finden. Auch als Christ ist das schwierig. Christsein schützt vor Torheit nicht, auch nicht davor, neidisch und unruhig, egois-tisch und getrieben, Selbstoptimierer und Selbstdarstellungsjunkie zu sein. Ich bin zum Beispiel auch Christin und sehne mich trotzdem nach dem Rosenregen. Und glücklich macht mich diese Einstellung selten. Aber wir haben einen entscheidenden Vorteil: Wir glauben, dass Gott uns etwas zu sagen hat. Er sagt uns zum Beispiel: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Kor. 12,9) Das hat man schon tausendmal gehört, aber wenn man mal fünf Minuten darüber nachdenkt, dann geht das ganz schön tief. Da kommt Gnade drin vor, also nichts Selbsterarbeitetes, Zusammenoptimiertes, Verdientes. Es kommt „genügen“ vor, etwas, das einfach reicht, womit man zufrieden sein kann, das man nicht toppen muss. Lass dir an meiner Gnade genügen. Etwas zwischen Gott und mir, bei dem das, was der andere hat, gar keine Rolle spielt. Es wird für mich reichen. Das ist wie eine Atempause. Eine, in der man nichts mehr werden muss, in der es genügt, wie man gerade ist. Wo kein Hamsterrad und kein Vergleichen nötig ist. Das ist so viel wert und wird von uns so oft vergessen. Die Lösung im Rote-Rosen-Stress ist nicht, alles zu bekommen oder sich alles zu erarbeiten. Sondern zu verstehen, dass es reicht, was Gott für uns bereithält. Und das ist viel individueller als unsere eigenen Pläne. Von Dietrich Bonhoeffer gibt es den berühmten Ausspruch „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche“. Das kann jemand sagen, der sich wirklich an Gottes Gnade genügen lässt. „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ Wenn wir das verinnerlichen könnten, wirklich darauf vertrauen, den Satz jeden Morgen vor dem Aufstehen dreimal sagen würden, hätten wir vielleicht mehr Zeit für anderes und andere. Ein Versuch ist das allemal wert.

Hildegard Knef mochte übrigens das Lied gar nicht. Kein Wunder.

TABEA MUSSGNUG will sich nicht von schrägen Sehnsüchten durchs Leben schubsen lassen.

Unergründlicher Gott – Vielfältige Kirche

WARUM DIE „GUTE BOTSCHAFT“ SICH NICHT AUF „MEINE BOTSCHAFT“  REDUZIEREN LÄSST

Ich habe einen Traum. Den Traum von einer Kirche für alle! Eine Kirche, die nicht nur bestimmte soziale Milieus, sondern den gesamten Querschnitt der Bevölkerung widerspiegelt. Ich träume von einer Kirche, die nicht nur einen bestimmten Frömmigkeitsstil bevorzugt, sondern offen ist für die Vielfalt der unterschiedlichen Zugänge zu Gott. Ich träume von einer Kirche, in der alle gleichwertig sind: in der Männer und Frauen die Aufgaben übernehmen, auf die sie Lust haben, und nicht die, die man  eben macht, weil man nun mal Mann oder Frau ist. Eine Kirche, in der nicht nur  vermeintlich Schöne und Schlaue auf der Bühne stehen, sondern das Geschehen auf der Bühne auch die Vielfalt der Gottesdienstbesucher widerspiegelt. Ich träume von einer Kirche, in der Platz ist für Lob und Gebet, vor allem aber auch Platz für die tiefen und ehrlichen Fragen und Zweifel des Lebens. Ich träume von einer Kirche, die für jeden offen ist, für die ich mich nicht verstellen muss, in der ich ehrlich zeigen kann, wer ich bin. Eine Kirche, in die sich jeder so einbringen kann, wie er ist, in der man sich gegenseitig in seiner Vielfalt berei-chert und ergänzt – eine Kirche für alle! Eine fromme Utopie? Vielleicht. An dererseits scheint man es auch zu Beginn unserer Zeitzählung mit der Vielfalt ziemlich ernst genommen zu haben. Man denke nur an Jesu Faible für die Ränder der Gesellschaft und den sozial durchmischten Haufen von Jüngerinnen und Jüngern. Es müsste uns heute beschämen, wie die Urkirche für die Armen und Unterdrückten eingetreten ist. Wie bunt und vielfältig die frühe Kirche aufgestellt war, zeigen auch die biblisch überlieferten Briefe: Wäre das frühe Christentum eine homogene Gruppe von geisterweckten, harmonisch zusammenlebenden Jesusnachfolgern gewesen, wären die meisten biblischen Briefe überhaupt nicht geschrieben worden. Häufig geht es darin um die Klärung von Konflikten, Meinungsverschiedenheiten und das nicht enden wollende Ringen um Einheit.

Neugierig? Den vollständigen Text liest du in der Ausgabe 5/16. Hier abonnieren oder kostenlos testen…

LAUT, EXPERIMENTELL, GESPRÄCHIG

DER DRAN NEXT-CHRISTIVALNACHRUF

5 TAGE FEIERN, GLAUBEN TEILEN, DEN PULS DER GENERATION FÜHLEN: WIR HABEN DIE ZEIT MIT EUCH IN UNSERER BULLI-LOUNGE VOLL GENOSSEN! JETZT IST ES ZEIT FÜR EINEN RÜCKBLICK:  WAS BLEIBT, WAS EHER NICHT?
(Von Hottest nach Coldest)

EXPERIMENTELLE VERKÜNDIGUNG
Ob mit Kopfhörern, dialogisch oder mit Voice-of-Germany-Drehstuhl: Die Bibelarbeiten waren Experimentierräume mit Fingerzeig. Auch wenn nicht alles auf maximalen Auslegungsertrag angelegt war: Wenn Tiefe Spaß macht, muss sich auch niemand schämen, Freunde in die Jugend mitzubringen.
Unsere Prognose: Der Weg stimmt. Wir gehen stark davon aus, dass in Zukunft häufiger mal dialogisch gepredigt wird und der Kopfhörer- Worship Karriere macht.

EDM, HOUSE, 80ER-JAHRE KEYBORDSOUNDS
Lange war elektronische Musik in Deutschland gar kein Thema unter Christen, dann eine Randerscheinung für Special-Interest-Worshipper. Wer in den Hallen beim Abendprogramm zugegen war, weiß: Inzwischen können auch Christen shuffeln!
Unsere Prognose: Ist deutlich im Kommen – und hat noch was aufzuholen!

DEUTSCH
Man spricht, singt, rezitiert wieder Deutsch auf Deutschlands Gemeindebühnen. Auch wenn Tobias Faix aus gutem Grund die „Helene-Fischerisierung der Worshipkultur“ anprangert: Wie schön, dass wir uns wieder in unserer Muttersprache wohl fühlen. Vor allem die aufstrebenden Spoken Word-Künstler machen vor, wie man das Evangelium alltagstauglich und zeitgemäß formuliert!
Unsere Prognose: Der Trend hat gerade erst Fahrt aufgenommen. Wir beobachten das mit Spannung. Deutschsprachigen Künstlern gehört die Zukunft!

OUTBREAKBAND
Sie spielte gefühlt überall, vor allem auf großen Bühnen, und die Hallen waren immer bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Outbreakband trifft definitiv den Nerv der Zeit.
Unsere Prognose: Seit Albert Frey, Lothar Kosse und Arne Kopfermann wartet unser Land auf eine Band, die mit ihren Songs in die Gemeinden einzieht. Der Outbreakband wird das gelingen.

MITREDEN
Ob in den Wortwechseln, im Barcamp oder dem Bag&Breakfast: In vielen Formaten wurden Themen in Kleingruppen vertieft und Leute zum Reden gebracht. Und in der Summe kam dabei auch eine Menge rum.
Unsere Prognose: Unklar. Eine Diskussionskultur wie in den 1970er-Jahren wird es so schnell nicht wieder geben. Es wird sich aber in den Jugend- gruppen rumsprechen, dass ein ausgefochtener Glaube mehr trägt als ein nachgeplapperter.

PICKNICKEN
Die Wiederentdeckung des Christivals: Essensgemeinschaft verbindet. Mehr als eine Decke brauchte es nicht, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. Ja, es war tatsächlich genau so einfach.
Unsere Prognose: Jesus hat es vorgemacht, das Picknick im Karlsruher Schlosspark war der Startschuss für eine neue Picknickkultur. Es wird Zeit, dass ein christlicher Verlag einen Picknickkorb ins Sortiment aufnimmt.

NAME-DROPPING
Statt mit großen Namen warb das Christival mit großen Themen und erfrischenden Konzepten. Die wurden auch so begeistert angenommen.
Unsere Prognose: Das könnte durchaus Modell – charakter haben. Hier liegen die Chancen der ganz Jungen, sich auszuprobieren.

EINE MINUTE STILLE
Was war das für eine geniale Idee, vor dem Abendprogramm eine Minute Schweigen über die Lautsprecherboxen anzukündigen – als Zitat einer langen Mönchstradition, sich ein paarmal am Tag aus dem Gewusel des Alltags herauszunehmen und bei Gott innezuhalten.
Unsere Prognose: Die fragenden Gesichter lassen vermuten: Wird sich nicht durchsetzen.

STRASSENEVANGELISATION
Was haben eigentlich die Karlsruher vom Christival mitbekommen? Okay – die Straßenbahnen waren voller und die Schulen belegt. Aber angesprochen oder angesungen wurde niemand. Das dürfte selbst die Karlsruher überrascht haben.
Unsere Prognose: Die Straßenevangelisation in ihrer bewährten Form befindet sich in der Krise. Die junge Generation will über ihren Glauben reden, dabei aber authentisch bleiben und die persönliche Entscheidungs-freiheit respektieren. Hier wird es neue Ansätze brauchen, damit Form und Inhalt der Botschaft wieder zusammenpassen.

BEKENNTNIS-T-SHIRTS
Früher lief jeder zweite damit rum, heute sind die Botschaften subtiler geworden. Mit zunehmendem Konsumbewusstsein drängt christliche Konkurrenz auf den Plan, die eher auf schön und gerecht setzen als auf plakative Sprüche.
Unsere Prognose: Faires Material und Marke bilden in Zukunft die unauf-dringliche Message – und das ist auch okay so. Diese Shirts mit kommerziellen Logos und christlichen Sinnsprüchen haben wir noch nie verstanden.

HOCHDEUTSCH
Sind Dialekte wieder „in“? Die meisten Moderatoren, Künstler und Redner vertrauten darauf, schon irgendwie verstanden zu werden – trotz Lokal-Slang.
Unsere Prognose: Hochdeutsch reden ist zu wenig authentisch. Die Jungen fühlen sich wohler mit ihrer Alltagssprache – auch von der Kanzel oder Bühne.

SINGEN IN DER STRASSENBAHN
„Hevenu Shalom Alechem!“ – noch vor acht Jahren in Bremen wurde gerne mal in Straßenbahnen oder Bussen gezeigt, in welcher Mission man unterwegs war. 2016 war man lieber dezent präsent.
Unsere Prognose: Wer singt schon in der Öffentlichkeit? Ist was für einzelne Auserkorene.

INTERNATIONALE STARS
Spannend: Dieses Festival kommt quasi ohne internationale Künstler aus. Haben sie gefehlt? Nein! Für diese 5 Tage war es genau richtig, junge Musiker aus dem deutschsprachigen Raum auf die Bühnen zu bringen.
Unsere Prognose: Der Abstand zur Weltspitze schmilzt – einheimische Bands werden auch in den nächsten Jahren stärker wahrgenommen.

KONFESSIONELLE ZAUNKÄMPFE
Worüber hätte man nicht alles streiten können: Frömmigkeitsstile, Bibelauslegungsfragen, Kreuzestheologie. Stattdessen zeigt sich die junge Christenwelt so entspannt mit den konfessionellen Unterschieden wie nie zuvor. Und das nicht etwa, weil sie davon nichts weiß.
Unsere Prognose: Die Jungen verstehen die Alten nicht, wenn sie als Geschwister aufeinander einschlagen. Da hat sich grundsätzlich was geändert.

Asphalt.Paradies

SIE IST EIN SCHMELZTIEGEL DER KULTUREN, SEHNSUCHTSRAUM, ERWACHSENENSPIELPLATZ: DIE STADT WAR SCHON IMMER MEHR ALS EINFACH NUR EIN ORT, AN DEM MENSCHEN LEBEN. SIE PULSIERT ÜBERALL DORT, WO MENSCHEN SICH ENTSCHEIDEN, DAS LEBEN HINTER DEN GRAUEN HÄUSERFASSADEN MITZUGESTALTEN.

Die abendlichen Sonnenstunden im Stadtpark um den Grill genießen, eisessend durch die überfüllte Fußgängerzone schlendern, sich im stressigen Feierabendgewusel über einen Sitzplatz in der S-Bahn freuen, an unzähligen Menschen, die man nicht kennt, vorbeistreifen, mal ein Lächeln erhaschen, mal einen grimmigen Blick oder ein luftleeres Vor-sich-hin-Starren, fremde Sprachen im Bus hören und sich über den neuen indischen Imbiss an der Ecke freuen: Die Stadt ist zuallererst ein Lebensgefühl. Das Lebensgefühl unbegrenzter Möglichkeiten, Kreatives verwirklichen zu können, Verrücktes zu tun und unbefangen zu sein. Aber auch das Gefühl von Enge, vom Chaos in der Menschenmenge, in der ich fremd und allein bin. Das Gefühl von Kurzweiligkeit und Hektik, das Gefühl, nicht zu wissen, wie man dem Obdachlosen am U-Bahneingang begegnet, die Trauer und die Wut über die sozialen Unterschiede, die sich beim genauen Hinschauen in den Städten auftun. Die Stadt ist so viel mehr als eine Ansammlung von Häusern, sie ist ein Lebensphänomen.

EIN NETZ AUS BEZIEHUNGEN
Das hat auch der Soziologe Louis Wirth erkannt, als er die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts als buntes Mosaik beschrieb. Wir können sie in den schillerndsten Farben erleben und zugleich zeigen sich in ihr in aller Deutlichkeit die Brüche des menschlichen Lebens. Einsamkeit und Distanz wohnen hier direkt neben Lebensfreude und Selbstverwirklichung. Ähnlich mosaikartig sind die Beziehungsnetze, die wir uns in unserer Stadt aufbauen. Freundes- und Bekanntenkreise werden unterschiedlichen Orten und Tätigkeiten zugeordnet – der Uni, dem Arbeitsplatz, der Gemeinde – und haben als Gruppen häufig wenige Berührungspunkte miteinander. Dazu kommt das Phänomen, das Wirth als „Schizophrenie der Stadt“ bezeichnete: Zwar begegnet man im Vergleich zu Menschen, die in ländlichen Gegenden wohnen, tagtäglich deutlich mehr Personen, gleichzeitig kennt man den Großteil davon viel weniger und viel weniger intensiv. Gegenüber dörflichen Strukturen, die meist über Jahrzehnte gewach-sen sind und in denen „jeder jeden kennt“, ist so manchem Stadtbewohner der Nachbar ein vollkommen Fremder – man kennt gerade noch den Namen auf seinem Briefkasten. Und doch suchen wir genau dieses städtische Leben: Dreiviertel aller Deutschen leben inzwischen in der Stadt. Weltweit sind es 53 Prozent, Tendenz steigend.

MENSCHEN GESTALTEN STÄDTE
Das Phänomen der Urbanisierung „verändert von Grund auf die Art, wie Men-schen zusammen leben“, stellte der Theologe Harvey Cox schon in den 1960er Jahren fest und kam zu dem Schluss: „Die Art, wie Menschen miteinander leben, beeinflusst in höchstem Maß die Art, wie sie die Sinnfrage des Lebens beantworten.“ Die Stadt als soziales Konstrukt kann verändert werden, Menschen gestalten sie nach ihren Wünschen und Vorstellungen. In den vormodernen Städten zeigte sich das zum Bei-spiel daran, dass die Kirche stets einen zentralen Ort innerhalb der Stadt bildete. Heute sind unsere Städte im Hinblick auf Lebensvorstellungen deutlich bunter und vielfältiger geworden. Dort, wo unterschiedliche Menschen auf engem Raum miteinander leben, treffen die verschiedensten Werte und Zukunftsentwürfe aufeinander. Gemeinsame Lebensvorstellungen lassen sich daher heute am ehesten in Kiezen und Nachbarschaften wiederfinden, in denen Menschen mit ähnlichen Interessen und „Antworten auf die Sinnfrage“ ihr Viertel gestalten.

DAS BESTE FÜR DIE STADT SUCHEN
Auch als Christen sind wir herausgefordert, unsere Städte zu prägen. Einer der viel zitierten Bibelstellen zum Thema Stadt kommt aus Jeremia 29. Dort ruft der Prophet den Israeliten zu, nachdem sie ins Exil nach Babel gekommen sind: „Sucht den Frieden der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum HERRN.“ (Jeremia 29,7) Luther übersetzt: „Suchet der Stadt Bestes.“ Was das Beste für eine Stadt ist, ist gar nicht leicht zu fassen. Denn gerade unter Christen neigen wir schnell dazu, die Stadt nur als ein notwendiges Übel zu sehen. Als Gegensatz zum paradiesischen Garten, in den der Mensch eigentlich gehört. Man denke nur an die Hintergrundfolien in der Lobpreiszeit – die wunderschönen Sonnenuntergänge und grünen Auen, soweit das Auge reicht. Selten ist da mal eine überfüllte U-Bahn bei. Und sicherlich spricht einiges dafür: Die Bibel lobt die Schöpfung der Natur in besonderer Weise und preist und verbindet mit ihr Bilder des Friedens und der Ruhe. Zum Beispiel, wenn Gott als Hirte dargestellt wird, der auf grüne Wiesen führt (Psalm 23) oder für sein mächtiges Schöpfungswerk gelobt wird (Psalm 104). Aber werden wir der Stadt gerecht, wenn wir sie nur in Abgrenzung zur Natur verstehen? Ist Stadt automatisch Sodom und Gomorra? Der Ort der Sünde und der Verführung schlechthin?

STÄDTE IN BIBLISCHER TRADITION
In der Bibel zeigt sich eine lange Geschichte Gottes mit den Menschen und ihren Lebensräumen. Schon bald nach der Schöpfungsgeschichte im Garten Gottes erfahren wir von ersten Städten, von Menschen, die auf engem Raum zusammenleben und Strukturen des Zusammenlebens entwickeln. Eigent-lich kein Wunder vor dem Hintergrund des alttestamentlichen Menschenbildes, das den Menschen immer als Sozialwesen darstellt. Für ihn gibt es nichts Schlimmeres als den sozialen Tod und die Ausgrenzung an den Stadttoren. Ort der Hoffnung, im Alten wie im Neuen Testament, ist Jerusalem, die Stadt Gottes. Hier wirkt Jesus, begegnet Kranken und Aussätzigen und wird letztendlich von der Meute der Stadt hingerichtet. Und dann endet das Neue Testament, ganz anders als das Alte begonnen hat, mit dem Bild einer himmlischen Stadt. Des neuen Jerusalems, das alles überstrahlt, weil Gott selbst dort herrschen und es keine Ausgrenzungen und Ungerechtigkeiten mehr geben wird. Wenn man es also genau betrachtet, kennt auch die Bibel das mosaikartige Bild der Stadt: Mal wird sie als verirrt und verfehlt dargestellt, mal als Ort der Begegnung und des gesunden Zusammenlebens, zu guter Letzt als hoffnungsvoller Ausblick auf das zukünftige Leben in Gottes unmittelbarer Gegenwart. Der Mensch und die Stadt – das passt gut ins biblische Menschenbild: nicht in Isolation, sondern in Gemeinschaft soll er leben, wurde geschaffen, um in der Fremdheit des Anderen das Gegenüber des Geschöpfes zu erkennen. Paulus verwendet die Metapher des Leibes, als er die ideale Form des Menschlichen darzustellen versucht. Wie Ohr und Auge, Hand und Fuß einander bedürfen und ergänzen, so sollen die Mitglieder der Gemeinde einander wahrnehmen und wertschätzen (1. Korinther 12). Die Offenbarung erweitert diese Vorstellung von der Gemeinde auf die ganze Stadt. Hier leben alle Bewohner, „eine große Volksmenge, die nie-mand zählen konnte“ (Offenbarung 7,9), in Frieden beieinander und loben Gott, der gerecht herrscht. „Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und es wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21, 3-4)

DIE EWIGE STADT: FREUDE UND LICHT
Was für ein Bild! Die Stadt, mit der die Bibel endet, kennt keine Ungerechtigkeit mehr, keine sozialen Unterschiede, keine argwöhnende Distanz zum Nachbarn. Stattdessen Freude und Licht, weil Gott selbst präsent ist. Die Beziehungen, wie sie hier dargestellt werden, sind intakt. Menschen begeg-nen einan der in Wertschätzung und Liebe. Das Bild, das hier von Stadt gemalt wird, überrascht und begeistert zugleich. Es überrascht, weil es unseren städtischen Realitäten oft so fremd ist, und es begeistert, weil es eine wunderschöne Hoffnung in Aussicht stellt. Wenn wir danach fragen, was „das Beste einer Stadt suchen“ heißt, dann gibt dieses Bild die Perspektive vor. Sicher, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes weltfremd, aber sie erinnert daran, dass Gott, der „Gedanken des Friedens“ über uns hat (Jeremia 29,11), auch Gedanken des Friedens über unsere Städte hat. „Suchet der Stadt Bestes“ kann dann zu einer Herzenshaltung werden, mit der ich die Stadt wahrnehme und mitgestalte. Klar, das wird nicht immer leicht, manchmal sogar ganz schön frustrierend, weil Gottes Vision so fern zu sein scheint. Dann wünscht man sich nichts sehnlicher, als endlich die Stadt zu verlassen und raus ins Grüne zu kommen. Auch Jesus verzweifelte an Jerusalem und weinte über die Stadt. „Wenn du doch nur erkannt hättest, was dir Frieden bringt!“ (Lukas 19,42), würden wir ebensogerne unseren Städten zurufen. Zum Glück stehen wir nicht alleine mit unseren urbanen Herausforderungen. Als Christen und Gemeinden dürfen wir gemeinsam klagen über die Schattenseiten und Brüche, die unsere Städte tragen. Und wir dürfen Gott loben für die Schönheit der urbanen Lebensräume, für die menschlichen Mosaike, die das Leben erst richtig bunt machen.

JULIA MEISTER findet, wir sollten viel mehr mitgestalten, als über die Schattenseiten unserer Städte zu lamentieren.

Jan Jakob: „Das Leben ist keine Gleichung“

JAN JAKOB EWERT STUDIERT MUSIK AUF LEHRAMT IN HANNOVER. MIT SEINEM
AKTUELLEN ALBUM KOMPONIERTE DER 27-JÄHRIGE DEN PERFEKTEN  SOUNDTRACK FÜR DEN NÄCHSTEN ROADTRIP. EIN GESPRÄCH ÜBER GNADE, SPONTANAUFTRITTE UND DIE FRAU FÜRS LEBEN.

Jakob, wie würdest du deine Musik beschreiben?
Das finde ich schwer. Auch wenn sich das dick aufgetragen anhört – irgendwas zwischen Jack Johnson und Jonny Cash. Meine Musik hört sich locker weg, ist manchmal vielleicht
belebend. Es ist aber auch eine Musik über mein Christsein – auch wenn nicht alle Texte vom Glauben handeln.

Sind die beiden deine Vorbilder?
Absolut. Johnny Cashs Musik habe ich zum ersten Mal im Tourbus gehört – auf einer unserer Wohnzimmer-Touren. Ich mag ihn. Er hat Profil. Das ist Musik mit Tiefgang, die sich aber auch gut nebenher hören lässt. Aber auch Jack Johnson beeindruckt mich sehr, vor allem seine Lebenseinstellung. Er lebt nicht nur für die Bühne. Seine Familie ist ihm sehr wichtig – er nimmt sie mit auf Tour. In einem Interview, das ich gesehen habe, bekam ich den Eindruck: Musik ist nicht das Wichtigste für ihn. Das fand ich cool!

Johnny Cash hatte aber auch ein wildes Leben – hättest du das auch gerne?
Jaja. Auf jeden Fall. (lacht) War nur Spaß. Es muss nicht unbedingt genauso sein. Mir gefällt an ihm, dass er sehr gerne unterwegs gewesen ist. Ich würde gerne noch „gerner“ unterwegs sein – ich freue mich bisher immer richtig, wenn ich wieder nach Hause komme. Man muss ein bisschen mehr vor die Tür gehen, das hat er gut vorgemacht! Im kommenden Semester habe ich noch einige Dinge an der Uni zu erledigen, dann kommt die Bachelorarbeit und danach möchte ich wieder auf Tour sein und spielen.

Wie machst du deine Aufnahmen?
Meine ersten Aufnahmen habe ich am Familien-PC gemacht – insgesamt 150 Megabyte. Ich war hin und weg als ich rausfand, wie das geht. Inzwischen habe ich mir ein paar Sachen selbst zusammengekauft. Heutzutage braucht man wirklich nicht viel dafür. Mein Zimmer sieht jetzt aus wie ein kleines Heimstudio. Dort habe ich für ein Jahr die meiste Zeit verbracht, Uni geschwänzt und das Album aufgenommen.

Ein Jahr frei nehmen –  ist das nicht inzwischen Luxus?
Ja, das stimmt. Aber darin besteht ja auch der Luxus des Studierens. Es fällt nur nicht so auf, wie wenn man arbeitslos wäre. (lacht) Um ein bisschen Geld zu haben, habe ich nebenher zwei volle Tage in der Woche Musik unterrichtet.

Singst du deinen Schülern manchmal etwas vor?
(lacht) Naja, ab und zu vielleicht – wenn der Unterricht gerade vorbei
ist oder anfängt. Aber eher sporadisch und nicht regelmäßig.Ich hatte neulich zwischen den Unterrichtsstunden eine neue Idee und habe sie auf mein Diktiergerät gesungen. Gerade dann kam eine Schülerin rein. Solche „Spontanauftritte“ gibt es dann auch.

Neugierig? Das vollständige Interview liest du in der Ausgabe 4/16. Hier abonnieren oder kostenlos testen…

Allein unter Glaubenden

WIE IST DAS EIGENTLICH, WENN MAN BEI EINEM CHRISTLICHEN ARBEITGEBER ANGESTELLT IST: KANN MAN SICH DA GLAUBENSZWEIFEL LEISTEN? ARTHUR  UND KATJA MACHEN DAS GERADE DURCH.

Für die meisten Menschen besteht die Arbeit aus einer Aneinanderkettung von Ritualen, Pflichten und Aufgaben. Routine eben. Auch für Arthur* und Katja*. Gäbe es in ihrem Arbeitsalltag nicht noch mehr. Nicht noch etwas, das jenseits ihrer Kompetenz ihre Persönlichkeit berührt: Ihren Glauben, oder das, was davon noch übrig ist. Seit rund einem Jahr ist Arthur raus. Raus aus dem Glauben. Raus aus dem, was er einmal für wahr und wichtig hielt. Trotzdem arbeitet er weiterhin in einem christlichen Werk, hat Tag für Tag mit dem zu tun, wovon er sich eigentlich verabschiedet hat. Auch Katja arbeitet in einem christlichen Werk. Anders als Arthur hat sie sich nicht von ihrem Glauben verabschiedet. Allerdings zweifelt sie an vielem, was ihr als wahr, als richtig, als „ist so“ präsentiert wird. Wie können beide ihre Arbeit, anderen vom Glauben zu erzählen, fortführen, wenn sie selbst nicht wissen, was sie glauben sollen und was nicht?

DAS FUNDAMENT BEKOMMT RISSE
Als Christ in einem christlichen Unternehmen zu arbeiten, erscheint den meisten als ein echtes Gottesgeschenk. Umgeben von  leichgesinnten darf man während der Arbeitszeit beten, in der Bibel lesen und etwas für die geistliche Weiterentwicklung mitnehmen. Doch wenn plötzlich unbequeme Fragen auftauchen und es auf einmal keinen Spaß bereitet, über den kommenden Gottesdienst oder das eigene Gotteserleben zu reden, wird das Geschenk schnell zum Fluch – weil es nichts gibt, worüber man auf dem Flur oder in der Kaffeepause mit seinen Kollegen reden könnte. So fühlte es sich für Katja an. Persönlichen Auseinandersetzungen mit Glaubensthemen ging sie aus dem Weg. „Ich wusste einfach, dass ich mit meinen Fragen und Zweifeln anecken würde, dass sie vielleicht nur wenige verstehen würden“, erklärt sie die Beweggründe für ihr Schweigen. „Auch als Berufschrist sollte man professionell auftreten und arbeiten. Natürlich fiel es mir nicht immer leicht, meine Arbeit fortzuführen. Und bei Manchem, was ich gesagt, geschrieben, gelesen oder gesungen habe, hat sich alles in mir zusammengezogen. Zumal ich auch nicht erklären kann, woher meine Zweifel eigentlich kommen. Sie waren auf einmal einfach da. In den christlichen Kreisen, aus denen ich komme, erzählt man immer erst hinterher von Wüsten- oder Leidenszeiten. Niemand würde sich vorne im Gottesdienst hinstellen oder zum Chef gehen und sagen: ,Übrigens, ich glaub grad nicht mehr.‘ Im schlimmsten Fall hätte ich meinen Job riskiert, der mir eigentlich viel Freude bereitet.“

*Namen geändert

Neugierig? Den vollständigen Text liest du in der Ausgabe 4/16. Hier abonnieren oder kostenlos testen…

Streitet euch!

GEWINNBRINGEND DIE FETZEN FLIEGEN ZU LASSEN, WILL GELERNT SEIN. EIN WECKRUF FÜR DIE STREITMÜDEN.

MEINUNGSCRASH ODER GLEICHGÜLTIGE HARMONIE?
Zwei Phänomene begegnen mir dieser Tage, wenn ich Facebook aufrufe. Zum einen sehe ich erhitzte Gemüter und Leute, die sich buchstäblich anschreien (!!!!). Zum anderen fällt auf, dass mir überraschend viele Posts gut gefallen und sich lauter zustimmende Kommentare darunter finden. Das ist alles ein bisschen zu friedlich. Ich merke auch, dass ich oft zu müde bin, um mich in Streitgespräche einzumischen. Wenn da sowieso nur Meinungen ohne Knautschzone aufeinanderprallen, sodass sie danach noch weiter auseinanderdriften, lohnen sich da meine Leidenschaft, mein Gehirnschmalz, meine Zeit? Da ist es doch schöner, bis zur nächsten Harmonieoase weiterzuscrollen. Bis auf wenige heiße Themen, wie die Flüchtlingskrise, ist unsere Generation doch immer noch in Sachen Politik ziemlich desinteressiert und streitfaul. Eine Petition unterzeichnen und sich auf sozialen Medien zerfleischen – läuft. Sich inhaltlich tiefgehend auseinandersetzen und konstruktiv streiten – läuft eher nicht. In christlichen Dunstkreisen kann man diese Polarität auch wahrnehmen. In ethischen Fragen ist in Gemeinden oft eine gewisse Gleichgültigkeit – oder soll ich Feigheit sagen? – zu spüren. Die Abweichungen vom evangelikalen sexuellen Mainstream werden toleriert, solange sie im Verborgenen bleiben. Aber wenn herauskommt, dass der langjährige Jugendmitarbeiter mit seiner nichtchristlichen Freundin schläft und auch noch mit ihr zusammenziehen will, dann knallt es. Zur wirklichen Auseinandersetzung kommt es oft nicht. Eher sind da verhärtete Fronten und die größere Autorität obsiegt. Auch die Diener-Parzany-Kontroverse hat offenbart, dass unter Christen heutzutage lieber mal ein offener Brief geschrieben wird, als das persönliche Gespräch zu suchen.

IST STREITEN UNCHRISTLICH?
Aber meist streiten wir uns doch gar nicht mehr so wirklich, vor allem nicht um Theologie, wenn man die ersten christlichen Jahrhunderte mit ihren Streitigkeiten um die rechte Lehre als Vergleich heranzieht. Wir decken lieber alles unter den Mantel der geschwisterlichen Liebe und Harmonie. Plötzlich fällt uns Protestanten ein, dass Paulus doch ganz viel von Einheit geschrieben habt und das ja viel wichtiger sei als theologische Klarheit und Wahrheit. Auch im Persönlichen werden aufflammende Streitherde mit eimerweise Friedensrhetorik gelöscht. Streiten ist moralisch anstößig. Den Satz „In einer christlichen Ehe wird nicht gestritten!“ habe ich nicht nur einmal von älteren Glaubensgeschwistern gehört. Grundsätzlich ist an Versöhnung ja nichts  auszusetzen. Darauf läuft schließlich die gesamte Heilsgeschichte zu. Ja, in Christus hat Gott schon die Welt mit sich versöhnt, und wir sollen Botschafter dieser Versöhnung sein (2Kor 5,19f.). In der Bergpredigt hat Jesus uns eindrucksvolle Anweisungen gegeben, um Streit auszuhalten, zu vermeiden und zu transformieren.

STREITEN – JA, BITTE!
Streit zu unterdrücken, ist dagegen ganz und gar nicht jesusmäßig. Streit ist nötig. Um der Wahrheit willen. Denn Streit ist im besten Sinne freier Austausch von Überzeugungen, Argumenten und Fakten. Wo das eingeschränkt wird, hat die Wahrheit keine Schnitte mehr und der Mächtigere gewinnt und drückt seine Meinung auf. Der Ruf zu Frieden und Versöhnung kann so ein feiger Versuch sein, einen – möglicherweise berechtigten – Angriff im Keim zu ersticken. Das ist nicht friedliebend, sondern heuchlerisch. Frieden kann nicht einfach ausgerufen werden, den Umständen und widerstreitenden Meinungen zum Trotz (Jer 8,11). Streitigkeiten werden heute oft erbittert, verletzend und ohne Ergebnis geführt. Das turnt die Streitlust eher ab. Aber aus diesen tumorartigen Auswüchsen darf nicht der Schluss gezogen werden, dass Streiten grundsätzlich schlecht sei. Der Gott der Bibel präsentiert sich selbst als streitbarer Gott. Einer, der Ungerechtigkeit nicht einfach stehen lässt. Einer, der eifersüchtig seine Leute verteidigt und in Schutz nimmt. Gott kämpft und streitet. Am Jabbok fordert er sogar selbst zum Kampf heraus und gibt Jakob am Ende einen neuen Namen. Israel, das heißt „Gott streitet“. Auch die Propheten dieses Gottes waren eher vom kampflustigen Typ Gimli als vom  friedfertigen Typ Frodo. In Zeiten des scheinbaren Friedens prangerten sie Missstände an und lehnten sich gegen die Oberschicht auf. In 1. Könige 22 bricht Micha die Harmonie der 400 Propheten des Königs und stellt sich gegen den Mainstream. Jesus reiht sich geschmeidig in diese prophetische Tradition ein. Da ist nicht nur seine berühmte Tempelreinigung. Immer wieder sucht er die  Auseinandersetzung mit den Anführern des Volkes. Er sagt von sich selbst: „Ich bin nicht gekommen, um den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt 10,34). Wer Jesus nachfolgt, der kann nicht immer beim Friede-Freude-Eierkuchen-Tanz mitmachen. Streit ist vorprogrammiert in Gottes Plan mit dieser Welt.

Warum? In Galater 2,14 klagt Paulus Petrus vor der ganzen Gemeinde an, weil er nicht „nach der Wahrheit des Evangeliums“ handelt. Wenn der Kern der Botschaft auf dem Spiel steht, dann erfordert das auch mal etwas drastischere Maßnahmen. Beim Apostelkonzil in Jerusalem (Apg 15) wird ebenso heftig gestritten und um die Wahrheit gerungen. Es gibt Dinge, die sind wichtiger als eine dauerhafte Kuschelatmosphäre. In Galater 2 ist es geheuchelte Reinheit, genauso wie in Apostelgeschichte 15, wenn Menschen die Gnade Gottes vorenthalten wird und ihnen ungebührliche Regeln auferlegt werden. Aus dieser Perspektive erscheint auch die evangelikale Streitfrage der Homosexualität in einem anderen Licht. Wenn das die christlichen Hauptkriterien sind, um einen Streit anzufangen, dann haben wir noch viel Streitarbeit in unseren Gemeinden vor uns!

ENTSPANNT SPANNUNGSVOLL STREITEN
Ganz entscheidend muss dabei jedoch sein, dass wir uns nicht hineinziehen lassen in den Strudel der Polemik und Aggressivität.  Christen suchen den Streit nicht selbst, sondern fühlen sich dazu gedrängt, wenn die Ungerechtigkeit zum Himmel schreit und Wahrheit unterdrückt wird. Sie suchen zuerst das persönliche Gespräch (Mt 18,15-20). Im Streit wird die Würde des anderen geachtet, sein Gewissen und seine Freiheit zu einer anderen Meinung. Ohne Liebe zum anderen sind unsere Argumente blecherner Lärm, der in den Ohren scheppert und wehtut (1Kor 13,1). Die Liebe freut sich an der Wahrheit, aber erzwingt sie nicht. Die Feinde lieben und für sie beten – nicht, dass sie doch bitte zur Umkehr von ihrer Meinung kämen, sondern, dass sie Gottes Segen erleben – das ist der dritte Weg zwischen verbalem Grabenkrieg und Gleichgültigkeit.

Oft wird ein Gegensatz hergestellt zwischen Wahrheitsliebe und der Toleranz gegenüber anderen Meinungen. Dabei ist das eine ohne das andere gar nicht wirklich möglich. Denn meine eigene Erkenntnis ist begrenzt. Es besteht immer die Möglichkeit, dass ich mich irre. Genau deshalb ist der offene Austausch im Streit, in dem ich um das Richtige ringe, nötig. Eine tolerante Person kann sich durchaus ihrer eigenen Meinung sehr gewiss sein. Aber sie hat ein Verständnis für die Komplexität und Mehrdeutigkeit des Lebens. Andere Meinungen werden von so einer Person wahrgenommen und toleriert ohne sie gleich zu torpedieren. Sie ist entspannt und muss nicht durch Ausübung ihres Machteinflusses schnell wieder Ordnung herstellen, sondern kann die Spannung von unfertigen Situationen und widerstreitenden Meinungen aushalten. Die Gefahr ist, dass wir nur die Optionen sehen, sich entweder zu streiten oder friedlich miteinander zu leben. Aber wer sagt denn, dass nicht beides zugleich gelingen kann? Die Einheit in Vielfalt zu leben, den anderen wertzuschätzen und Gemeinschaft mit ihm zu haben, obwohl man in der Sache weit auseinander liegt?

Versöhnung passiert nicht von heute auf morgen, Versöhnung ist immer auch Prozess. Aber müssen wir immer bis zum vollendeten Frieden warten, bis wir Gemeinschaft mit unseren Streitkumpanen haben? In vielen Dingen haben wir das in Kirchen und Gemeinden schon ganz gut gelernt. Wir können uns über Tauffrage, ökologischen Lebensstil oder Finanzen streiten ohne uns den Glauben abzusprechen. Wir  können fröhlich darüber streiten und trotzdem gemeinsam ein Bier trinken, den Streitenden als Person achten und wertschätzen. Auch wenn wir uns bei anderen Fragen noch schwer tun, sollten wir es angehen – um der Wahrheit willen, die in erster Linie nicht dogmatische Richtigkeit, sondern eine Person ist. Jesus.

MORITZ BROCKHAUS glaubt an einen streitenden Gott und sieht in Wahrheitsliebe und Meinungstoleranz alles andere als Gegensätze.

Von außen nach innen

MIT FREMDEN ÜBER DEN GLAUBEN SPRECHEN

Ein einziger Blick auf den Schulhof genügt, um festzustellen: Wir sind in der Multikulti-Welt angekommen. Noch nie waren unsere Städte und Dörfer kulturell so bunt gemischt wie heute. Die Fremden leben unter uns und sind längst ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Ob wir uns über sie freuen, wie ich es tue, oder eher ärgern, wie manch ein Stammtisch-Kumpel – wir werden lernen müssen, mit dem Fremden gut nachbarschaftlich zu leben und zusammen an einem Lebensraum zu basteln, der unser Leben zum positiven Erlebnis macht. Und da ist guter Rat gefragt.

Wie sich über die kulturellen Grenzen hinweg kommunizieren lässt, beschäftigt seit jeher die Kulturanthropologie. Hier versteht man jede Kultur als Lebensdesign, als Strategie zur Lebensbewältigung. Eine solche Strategie wird, so die Kulturanthropologen, auf vier Ebenen ansetzen: der materiellen, sozialen, weltanschaulichen und religiösen. Wobei es die religiöse Vorstellung ist, die unsere Weltanschauung, das soziale Miteinander und den materiellen Raum beeinflusst: Kulturprägende Kräfte wirken von innen nach außen. Will man aber eine Kultur kennenlernen oder gar verändern, dann wird man genau den umgekehrten Weg gehen müssen – von außen nach innen. So machen wir es ja schon als Touristen. Wir kommen ins fremde Land, sehen uns die Kulturdenkmäler an, genießen das feine Essen und freuen uns am Andersartigen. Bleiben wir länger, dann entstehen die ersten Beziehungen zu den Menschen selbst. Werden diese Beziehungen vertieft, dann lernen wir eventuell zu verstehen, wie diese Menschen ticken und glauben. So kommt man in einen fremden Lebensraum hinein, so entstehen Freundschaften. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass dieser Weg alles andere als einfach ist.

Auf dem Weg in das Innere einer Kultur liegen Befremdung und innere Ablehnung all dessen, was einem merkwürdig vorkommt. So entsteht der Kulturschock. Niemand, der sich auf einen Fremden zu bewegt, wird an der Erfahrung des Kulturschocks vorbeikommen. Niemand. Er mag mehr oder weniger heftig ausfallen, aber kommen wird er sicher. Man kann sich darauf einstellen, dass man eines Tages seine ursprüngliche Begeisterung gegen eine innere Ablehnung, vielleicht sogar tief empfundene Abneigung eintauschen wird. Erst die Überwindung dieser Abneigung macht uns dann zu einem Menschen, der sich über kulturelle Grenzen hinweg bewegen, Freundschaften und Beziehungen pflegen und somit an der Gestaltung des gemeinsamen Lebensraumes mitarbeiten kann.

Das vorgestellte Denkmodell der Kulturanthropologen zeigt: Gemeinschaft mit Menschen anderer Kulturen beginnt immer auf der materiellen Ebene. Suchen wir nach Gelegenheiten, die materiellen Vorteile der uns eigentlich fremden Kultur kennenzulernen: Es macht Spaß, einer kurdischen Feier beizuwohnen und so tanzen zu lernen, wie sie tanzen. Es macht Spaß, einen russischen oder britischen Witz zu verstehen. Es macht Spaß, hinter den fernöstlichen Musikklängen eine Struktur und Sinn zu entdecken. Es macht Spaß, die sprichwörtliche Nachbarschaftshilfe vieler Fremden in unserem Land zu beobachten, wenn sie wie Ameisen eine Baustelle bevölkern – da, wo unter uns nur langsam ein Privathaus aus dem Boden wächst, ziehen die fremden Nachbarn bereits nach wenigen Monaten ein. Es macht Spaß. Und weil man all das allein nicht kann, sondern sich das Fremde zeigen und erklären lassen muss, entsteht schnell eine erste Be-ziehung. Die Fremden unter uns werden uns für immer fremd bleiben, wenn wir ihnen nur die Vorteile unseres eigenen Lebensstils vor Augen führen und kein Interesse an ihrer Kultur zeigen. Ohne Interesse kein Vertrauen. Und ohne Vertrauen kann es kaum eine Beziehung geben.

Über das gemeinsame Erleben materieller Kultur beginnt eine Beziehung zu wachsen. Wenn der Fremde weiß, dass ich seine Kultur nicht grundsätzlich ablehne, wird er mich auch bald zu sich nach Hause einladen und meine Einladung gerne annehmen. Freilich warten dann auf uns beide Überraschungen: Bei den einen sitzen die Männer grundsätzlich von den Frauen getrennt, während bei den anderen eine solche Geschlechtertrennung gar nicht erst infrage kommt. Hier ist die soziale Distanz hoch, da ganz niedrig. Hier umarmt man sich, da schüttelt man wohl distanziert einander die Hand. Die Unterschiede könnten in unseren gelebten sozialen Vorstellungen nicht größer sein. Und diese machen Angst, rufen Ablehnung und Ärger hervor. Doch wenn man die Beziehung will, wird man nicht gleich mit dem Finger zeigen, nicht gleich das eigene hochheben und das befremdende andere verachten, sondern mit Respekt behandeln. Erst so kommt es zu der nächsten Einladung und dann der nächsten, bis das Vertrauensfundament gelegt ist. Erst jetzt wird man den Fremden hinterfragen dürfen. Und erst jetzt wird der Fremde unser Denken und unseren Glauben hinterfragen.

So beginnt ein inhaltliches und kulturübergreifendes Gespräch, das letztendlich zur Veränderung des Denkens und eventuell auch des Glaubens des anderen führen kann. Selbstverständlich wird man sich dabei auch selbst verändern. Man kann nur transformieren, wenn man selbst zur Transformation bereit ist. Und warum sollte man sich nicht das Beste aus jeder Kultur aneignen? Warum sollte man nicht die Nachbarschaftshilfe von den Russen und die Gastfreundschaft von den Türken lernen wollen, auch wenn die Russen Atheisten und die Türken Muslime sind? Das würde auch uns Christen gut tun, schließlich sind Gastfreundschaft und Nachbarschaftshilfe nah dran an den Vorstellungen des Reiches Gottes.

Machen wir das mal konkret. Zoomen wir rein ins deutsche Ruhrgebiet, jene fußballverrückte Region, aus der die meisten Bundesliga-Vereine kommen und die längst einem bunten Völkerteppich ähnelt. Mal angenommen, du gehörst zu einer kleinen deutschen evangelischen Gemeinschaft, die ihr Gemeindehaus mitten in einer von Migranten und Auslän-dern bewohnten Nachbarschaft hat. Mal angenommen, du wolltest auch den Fremden, die um das Gemeindehaus herum leben, Gottes Liebe zeigen. Wie fängst du da an? Klar, du könntest dir Traktate in deren Sprachen besorgen und unter den Ausländern verteilen – auf die Gefahr hin, dass sie danach noch verschlossener deinem Glauben gegenüber sind, als sie es zuvor schon waren. Oder du könntest mit den Migranten-Jungs Fußball spielen und Fußballspiele ansehen. Und nicht nur die aus der deutschen Bundesliga, sondern auch die der türkischen Süper Lig. Wenn deine Nachbarn deine Jubelschreie nicht nur für Borussia Dortmund, sondern auch für Galatasaray Istanbul hören, dann ist möglicherweise der erste Schritt getan. Bis deine türkischen Nachbarn deine Liebe zu Gott nicht belächeln und auch nicht infrage stellen, sondern mit Respekt behandeln, wirst du noch viele Döner verschlingen und literweise türkischen Tee trinken. Nur so wird sich dir eines Tages die Chance bieten, über Gottes Liebe zu reden. Denn wenn der Fremde dich nicht lieben lernt, wie sollte er dann deinen Gott lieben können? Und wenn du nichts am Fremden liebenswürdig findest, wie sollte er es bei dir finden können?

Mal angenommen, du entdeckst eines Tages, wie arm manche Familien deiner Fußballfreunde sind und es gelingt dir, deine Gemeindeleitung dafür zu ge-winnen, im Gemeindehaus eine Tafel für Bedürftige einzurichten. Du beginnst zusammen mit Freunden dafür zu sorgen,dass die Benachteiligten wenigstens einmal in der Woche eine Lebensmittel-Unterstützung bekommen. Und mal angenommen, die Menschen kommen und schon bald entsteht um die Tafel herum mehr. Ihr richtet im Gemeindehaus einen Nachhilfeunterricht für die Kinder der Migranten ein – oder einen Kochkurs für deutsche Frauen, den die türkischen Nachbarinnen gestalten. Nur mal angenommen … Der Fantasie sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Schon bald schwindet die Angst der Fremden nicht nur vor dir, sondern auch vor dem Gemeindehaus, in dem du Sonntag für Sonntag Gottesdienst feierst. Freilich werden mit den Fremden auch fremde Gerüche ins Gemeindehaus ziehen. So ganz steril deutsch geht es dann nicht mehr zu. Aber, Hand aufs Herz, ist das denn wirklich, was bei Gott am Ende zählt?

In der Gemeindemission, gelten die gleichen Regeln, wie wir sie oben kennengelernt haben. Wer als Gemeinde die Fremden für Gott gewinnen will, wird sie in ihrer materiellen Welt der Bedürfnisse abholen müssen. So beginnt Vertrauen zu wachsen. Dann kommt es zu Beziehungen, Freundschaften, die auch im Gemeindehaus gelebt werden. Und wenn sich die Fremden mit den Gemeindegliedern befreunden, ist der Weg frei sich eines Tages auch mit der Gemeinde selbst und dann eventuell auch dem Herrn dieser Gemeinde zu befreunden. Theologisch reden wir hier vom Dienst an den Menschen, über den wir zum Dialog mit den Menschen kommen, der unbedingte Voraussetzung für Beziehung ist. Und ist erst einmal eine Beziehung entstanden, dann steht der Evangelisation und Transformation der Menschen nichts mehr im Weg.

Am Ende der Reise haben wir nicht nur neue Freunde gefunden, sondern sind selbst um Welten reicher geworden. Denn nichts macht den Menschen so reich, wie die erfahrene Welt des Fremden. Also – wagen wir es. Multikulti ist nicht ein gesellschaftliches Ärgernis – sondern eine Chance zur kulturellen und persönlichen Bereicherung.

Prof. Dr. Johannes Reimer lehrt Missio-logie an der Universität von Südarika und am Theologischen Seminar Ewersbach. Viele der in dem Artikel angerissenen Themen, hat der Theologe in seinem Buch „Multikultureller Gemeindebau. Versöhnung Leben“ verarbeitet, das im Francke Verlag erschienen ist.

„Nutzt den Frieden, solange er anhält!“

IM LIBANON HERRSCHT DAS PURE  CHAOS, SEIT HUNDERTTAUSENDE  SYRISCHE FLÜCHTLINGE INS LAND  STRÖMEN. EDMOND GEORGI, GEBÜRTIGER LIBANESE UND KRISENMANAGER DES  MISSIONSWERKS „CAMPUS FÜR CHRISTUS“ IM NAHEN OSTEN, SPRICHT VON SZENEN  WIE IM WILDEN WESTEN. IN DIESER  UNÜBERSICHTLICHEN SITUATION VERGEBEN  CHRISTEN IHREN FEINDEN – UND MACHEN SO EINEN GROSSEN UNTERSCHIED.

In keinem anderen arabischen Land ist die Religionsfreiheit in der Verfassung festgeschrieben. Bedeutet das, dass ihr unter den Flüchtlingen frei über euren Glauben reden könnt?

Tatsächlich nutzt Gott den relativen religiösen Frieden. Der Li-banon wird zum Zufluchtsort für viele – oft nicht nur vor der Gewalt in ihrer Heimat, sondern auch vor dem Islam. Trotzdem: Genauso, wie es Religionsfreiheit im Libanon gibt, existiert auch die Freiheit, jemanden willkürlich zu erschießen.

Deshalb flohen tausende Christen vor diesem Terror der islamischen Hisbollah-Miliz. Weshalb bleibst du?

Ich habe gelernt, dass Krieg immer auch bedeutet, dass Gott offene Türen schenkt. Vielerorts herrschen chaotische Zustände: Wir werden richtiggehend überschwemmt von bisher mehr als zwei Millionen syrischen Flüchtlingen. Und das in einem Land mit nur vier Millionen Einwohnern. Wir helfen in drei großen Flüchtlingslagern ganz praktisch, indem wir Nahrungsmittel, Kleidung und Medikamente verteilen. Das ist unsere Tür.

Im Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 wurden viele Christen durch die syrische Armee umgebracht – und jetzt helft ihr den Syrern?

Jede christliche Familie hat im Bürgerkrieg Angehörige verloren. Bereits als kleine Kinder wurde uns eingebläut, dass nur ein toter Moslem ein guter Moslem sei. Aber bei ganz vielen Christen fing Gottes Geist an zu wirken. Als wir das Leiden der syrischen Flüchtlinge sahen, wurde uns klar: Unser Hass muss weg, Liebe muss her. Wir haben den Syrern vergeben und nun helfen wir ihnen.

Wie geht es den syrischen Flüchtlingen nach ihrer Flucht?

Manchen ist nur das nackte Leben geblieben. Alle haben Verwandte im Krieg verloren. Sie stehen unter Schock. Keiner von ihnen hätte es für möglich gehalten, dass so etwas Schreckliches in Syrien geschehen könnte.

Wie begegnet ihr ihnen in diesem Schockzustand?

Wir kümmern uns ganzheitlich um sie. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Hilfsorganisationen, die nur Nahrung und Kleidung bringen. Viele werden durch unsere umfassende und herzliche Hilfe so berührt, dass sie sich vom Islam abwenden und zu Jesus bekehren.

Was ist eigentlich der Fokus eurer Arbeit: den Flüchtlingen helfen oder sie bekehren?

Die Leute wissen, dass wir Christen sind und ganzheitliche Hilfe anbieten. So betreiben wir Medizinstationen, in denen sich die Flüchtlinge zuerst von Ärzten betreuen lassen und danach auch Medikamente erhalten können. Vor dem Ausgang bieten wir ihnen – auf freiwilligen Wunsch hin – an, für sie um Heilung zu beten. Viele Moslems nutzen dieses Angebot und werden sofort oder wenig später geheilt. Diese Storys verbreiten sich rasend schnell im Flüchtlingslager und führen noch mehr Menschen zu uns.

Und die Hisbollah-Miliz schaut dabei zu?

Sie sehen das natürlich gar nicht gerne. Oft versuchen sie, die Empfänger unserer Hilfe mit Drohungen unter Druck zu setzen, lassen uns aber in Ruhe.

Weshalb das?

Schon im Krieg der Hisbollah gegen Israel 2006 sahen wir die offenen Türen und taten, was Jesus getan hätte: Wir versorgten notleidende Hisbollah-Milizen und ihre Familien mit Nahrung und Kleidung. Für diese praktische Hilfe waren sie uns so dankbar, dass sie uns nun gewähren lassen.

Das scheint ziemlich abenteuerlich. Wann wäre für dich persönlich die Bedrohung so groß, dass du mit dieser Hilfe aufhören würdest?

Wenn ich wegen einer Bedrohung einfach aufhören würde, wäre das bereits vor Jahren geschehen. Trotzdem, die Angst vor Bedrohung ist immer unser größter Feind, denn sie kann uns lähmen. Deshalb müssen wir sie überwinden. Vor einigen Jahren starb einer unserer Mitarbeiter bei einem Bombenanschlag. Nach der Trauer haben wir entschieden, umso entschlossener unsere Arbeit zu tun und den Menschen zu helfen. Wir lehren unseren Leuten, weise zu handeln und sich keinem unnötigen Risiko auszusetzen. Am Ende kann uns so oder so nur Gott beschützen – wie das übrigens überall der Fall ist.

Das ist ein hoher Preis, den man bereit sein muss zu zahlen.

Ja, aber genau die Höhe dieses Preises ist es, die den Libanon verändert. Einen Menschen zu sehen, der Gottes Liebe erlebt, ist mehr wert als jedes noch so große Risiko.

Wann fällt es dir am schwersten, „den Preis zu zahlen“?

Richtig schwierig wird es, wenn meine Familie oder mein Team bedroht sind. Dann frage ich mich: Weshalb lässt du das zu, dass andere wegen dir in Gefahr geraten? In diesen Momenten muss ich mir immer bewusst werden, dass unsere menschliche Wahrnehmung bruchstückhaft ist, Gott aber das ganze Bild sieht. Bei diesem Gedanken gewinne ich neuen Mut und Kraft.

Womit erklärst du dir, dass die Hingabe in einem Land, in dem die Gefahr so real ist, so viel höher ist al in den westeuropäischen Ländern?

Es stimmt: Die Hingabe nimmt im Gleichschritt mit der Verfolgung zu. Denn mit zunehmendem Druck von außen merkst du, dass alles Weltliche nichts taugt und Gottes Plan für dein Leben der einzig sichere Wert ist. Es ist mein Herzenswunsch, dort zu sein, wo Gott mich haben will. Und das ist hier im Libanon.

Das scheint mir etwas zu banal.
Jeden Sommer mache ich einen Monat lang bei einem Missionseinsatz unter Moslems in der Schweiz mit. Ich genieße diese Zeit und die vielen Freiheiten den Moslems von Gott zu erzählen. Doch ich bin jedes Mal richtig glücklich, wenn ich wieder nach Hause in mein arabisches Umfeld zurückkehren kann – an den Ort meiner Berufung.

Das Interview führte Lukas Herzog.

Die Verspotteten

IN DER DDR ALS JUNGER CHRIST ZU LEBEN, FORDERTE FAST IMMER ENTSCHEIDUNGEN ZWISCHEN MITMACHEN UND MUT. WIR BLICKEN ZURÜCK IN DIE GESCHICHTE, DIE UNS HERAUSFORDERT, HEUTE UNSEREN GLAUBEN ZU LEBEN.

Ich bin Ossi. Das merkt man, wenn ich „übelst toll“ sage. Und daran, dass ich für Ausbildung und Arbeit in ein anderes Bundesland gezogen bin. Aber ich bin 1985 geboren. In meiner Kindheit wöchentlich die vergammelten Kartoffeln im Gemüseladen zu riechen, daran kann ich mich noch erinnern. Das ist meine persönliche DDR. Meine Eltern sind auch Ossis, sogar Christen-Ossis. Das merkt man daran, dass sie auf dem Standstreifen halten und Gott für die Friedliche Revolution danken, wenn sie über die ehemalige Grenze fahren. Man merkt es, wenn sie über die fünfzig Euro für einen neuen Pass nicht schimpfen, sondern staunend Sachen sagen wie: „Mensch, ich geh hier aufs Amt und bekomme einfach so meinen Pass!“. Oder daran, dass wir gebührend mit Kuchen feierten, als ich zum ersten Mal wählen durfte. Meine Eltern hatten beide in der zehnten Klasse einen Einser-Durchschnitt und beide durften kein Abitur machen und nicht studieren. Weil sie weder bei den „Pionieren“ noch in der „Freien Deutschen Jugend“ waren, den Jugend-Organisationen der DDR und weil sie die Jugendweihe ablehnten. Rein formell wurde Religionsfreiheit in der DDR-Verfassung garantiert. Aber Karl Marx zufolge galt Religion als „Opium des Volkes“: Die Hoffnung auf den Himmel lenke den Menschen von den Problemen auf der Erde ab oder vertröste ihn nur. Marx wollte aber den „Klassenkampf“ und die Herrschaft des Proletariats. Die Ablenkung von diesen Zielen war inakzeptabel.

Daher waren Sozialismus und Atheismus in der DDR eng verknüpft. Massen organisationen sollten die Bürger zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erziehen – die dann an ihre „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ (SED) glaubten und sie mit fast religiös anmutenden Liedern priesen wie: „Sie hat uns alles gegeben, (…) und sie geizte nie, wo sie war, war das Leben, was wir sind, sind wir durch sie. Sie hat uns niemals verlassen (…) Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“ (Im selben Lied wird die Partei positiv auf Stalin und Lenin gegründet …).

1953, als die Menschen überall in der DDR gegen das noch junge Regime auf die Straße gingen, wurde die „Junge  Gemeinde“, die Jugendarbeit der Landeskirchen, verfolgt und als „illegale Organisation“ angeschwärzt. Junge Christen kamen ins Gefängnis. Später ging man subtiler vor: Firmung und Konfirmation wurden durch die „Jugendweihe“ ersetzt, Religion als Schulfach abgeschafft, Kirchen gesprengt, Schüler verspottet, Karrieren verbaut, aktive Christen von Spitzeln der „Staatssicherheit“ ausspioniert, Publikationen zensiert und Freizeitgestaltung wie Sport und Spiel in der Kirche verboten: christliche Freizeiten mussten in der DDR „Rüstzeit“ heißen, um ihren verpönten christlichen Charakter klar zu kennzeichnen. Und christliche Begriffe wurden aus der Sprache gelöscht: Man sagte nicht mehr „fünfhundert Jahre vor Christus“, sondern „vor unserer Zeitrechnung“, nicht „Engel“, sondern „geflügelte Jahresendfiguren“.

Mit Erfolg: Gab es 1950 in der DDR noch 85 Prozent evangelische Christen in den Landeskirchen, waren es 1989 nur noch 25 Prozent. Andererseits formierte sich durch den Druck von außen die  Opposition in den Kirchen gegen das  Regime vermutlich stärker, als sie es sonst getan hätte – und die mit ihren Montagsgebeten schließlich entscheidend zu den Umwälzungen beitrug. Der jahrelange Druck hat bis heute seine Spuren hinterlassen: Man steht der Gesellschaft skeptischer gegenüber als im Westen, verschließt sich vielleicht stärker und erwartet schneller Gegenwind, wenn andere vom eigenen Glauben erfahren. Dieses Gefühl hat – mit dem Geruch von vergammelten Kartoffeln – auch in mir überlebt.Nicht alle Christen wurden in der DDR diskriminiert und auch nicht alle auf dieselbe Art. Manche durften studieren, obwohl sie nicht in der FDJ waren. Und manche Lehrer fingen den politischen Druck ab und leiteten ihn nicht an ihre Schüler weiter. Aber jedem Christen stellten sich Gewissensfragen: Verleugne ich Jesus, wenn ich zu den „Pionieren“ gehe? Ist mir mein Glaube so viel wert, dass ich den Spott meiner Mitschüler und ein verbautes Studium ertrage? Ist es überhaupt weise, sich komplett gegen das Regime zu stellen oder braucht man nicht gerade hier Christen in allen Gesellschaftsschichten, auch unter den Akademikern? Oft machten Eltern und Lehrer Druck, wollten Kindern die Zukunft nicht verbauen. Manche Christen wählten den Kompromiss, feierten Jugendweihe und ein Jahr später Konfirmation. Anderen ging auch das zu weit.

Am 3. Oktober feiere ich den Untergang eines Landes, das ich nur noch aus Erzählungen kenne. Und überhaupt: Es war nicht alles schlecht in der DDR und heute ist nicht alles gut. Grund zum Feiern habe ich am 3. Oktober trotzdem genug. Ich feiere eine Revolution ohne Blut – so einmalig in der Geschichte, dass es keine Verwechslung gibt, wenn man nur „Friedliche Revolution“ sagt. Ich feiere, dass  Gebete Mauern einreißen können. Ich feiere Freiheit und Selbstbestimmung. Ich feiere Religionsfreiheit und Demokratie – und dass diese großen Worte keine Selbstverständlichkeit sind. Ich feiere jeden Stempel im Pass, der bedeutet, dass ich frei bin zu reisen. Ich will mich erinnern und dankbar werden. Wir kennen das Happy End. Wissen, dass die Mauer fiel. Wirklich mutig, wer das nicht wusste – und trotzdem Nein sagte. Darum will ich weiter  Geschichten hören von Menschen, die nicht zu allem nicken, und mich daran erinnern, was Kurt Tucholsky schrieb: „Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“

Lydia Schubert ist in D-Zwickau geboren und hat in D-Leipzig studiert.

I have a dream. Ich kann nicht anders.

NICHTS VERÄNDERT DIE WELT SO SEHR WIE GROßE WORTE ZUR RECHTEN ZEIT. WORTE WIE DIE BERGPREDIGT – GOTTES GROßER MOMENT:

Große Menschen halten große Reden. Kurz oder lang – ist fast egal. Aber die Rede muss sitzen. Martin Luther? „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Martin Luther King? „I have a dream!“ Nelson Mandela? „Ich lebe dafür, die Vorherrschaft der weißen Rasse zu beenden. Ich bin bereit, dafür zu sterben!“ Große Reden verändern uns! Was mich zu der Frage bringt: Hat Jesus auch eine große Rede gehalten? Und verändert sie mich?

Jesus hat. Natürlich. Als größte Rede kennen wir die Bergpredigt. Sie ist die wohl wichtigste Predigt und Rede der gesamten Menschheit. Auch wenn das, was wir heute als Bergpredigt kennen ursprünglich wohl keine zusammenhängende ewig lange Rede war, sondern eine Sammlung vieler Reden von Jesus. Sie ist sein Manifest. Sein Aufruf zur Veränderung. Sein „Hier stehe ich“. Sein „Ich habe einen Traum.“ Sein „Dafür würde (werde!) ich sterben“. Jesus zeigt uns hier sein. Er erklärt uns, wie sein Reich funktioniert. Was es bedeutet ihm nachzufolgen. Und manchmal denke ich, dass wir als Kirchen und Gemeinden diese Predigt vergessen haben. Kann es sein, dass wir uns mehr über das definieren, was über Jesus gesagt wird, als über das, was er selbst gesagt hat?

Ich versuche gerade, diese Predigt so zu hören, als hörte ich sie das erste Mal. Als säße ich zu Jesu Füßen, auf einem sonnigen Hügel mit Blick auf einen See. Da spricht er, dieser junge Rabbi, von dem alle sagen, dass er anders ist als die anderen. Was sagt er? Wie sagt er es? Ist das für mich wichtig? Dann höre ich, wie er sagt: „Seht euch die Vögel im Himmel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte, und euer Vater im Himmel ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“ (Matthäus 6,26 NGÜ). Wow. Und säße er heute im Jahr 2014 im Park meiner Stadt, würde er vielleicht sagen: Hey, schau dir die Vögel im Himmel an. Sie arbeiten nicht. Sie studieren nicht. Sie schreiben keine guten Noten. Sie hetzen nicht ins Büro. Sie klettern keine Karriereleiter hoch. Sie versuchen auch nicht die Welt zu retten. Sie leben einfach deshalb, weil Gott sagt: Ihr seid mir wichtig. Sie sorgen sich nicht, weil Gott sich um sie sorgt.

Wir sorgen uns aber. Um unseren nächsten Job. Um unser Geld. Um Ansehen. Um Erfolg. Um Wert. Um Coolness. Um das richtige Gewicht. Um Gesundheit. You name it. Oh ja – wir sorgen uns. Und wenn eine Sache etwas daran ändern kann, dann diese eine Rede des jüdischen Rabbis.

REVOLUTIONÄRES MENSCHENBILD
Jesus, zu dessen Füßen ich ja sitze, hat noch eine radikale Botschaft in diesem Bild von den Vögeln versteckt. Eine Botschaft, die sowohl die Moral in unseren Gemeinden revolutioniert als auch die Sicht auf die Menschen um uns herum. Viele Christen in Kirchen und Gemeinden haben insgeheim ein negatives Bild von der Menschheit – vor allem, wenn Menschen nicht zu Jesus gehören. Da werden Andersdenkende verurteilt, abgelehnt, ausgestoßen. Du bist schwul? Du bist zu dick? Du hast was gemacht? Stempel: Sünder. Wertlos. Du gehörst nicht dazu. Jesus fragt uns hier: Wie bitte? Wie könnt ihr so denken? Jeder Mensch ist wertvoll in den Augen Gottes. Jeder. Punkt. Einfach weil Gott der Schöpfer ihn wunderbar geschaffen hat. Wie könnte Gott der kreative Designer, der sich um die Amsel auf dem Baum kümmert, nicht liebevoll um dich kümmern?

Jesus fordert aber gleichzeitig das Denken unserer Kultur heraus – und auch das steckt ja in mir drin: Der Wert, den wir bekommen, ist kein Selbst-Wert, wie unsere Kultur ihn erfunden hat. Selbst-Wert sagt mir ja: Du bist wertvoll, weil du was kannst, weil du was bist, weil du fest daran glaubst. Heute lassen wir uns ja nicht mehr einreden, dass wir weniger gut sind als andere, nur weil wir anders sind! Wir lehnen diese Verurteilungen ab – die Menschheit ist kein Ge-Schlecht – er ist ein Ge-Gut. Er ist an sich gut, richtig und wertvoll. Auch das lässt Jesus in seiner Rede nicht zu. Er macht den Wert davon abhängig, dass Gott uns den Wert zuspricht. Kein Selbst-Wert, ein Gott-Wert, der in Beziehung zu ihm steht.

SORGENRFEI LEBEN
Wenn ich Jesus zuhöre, dann verändert mich das – wie ich mich sehe, und die, die um mich rum sind. Erstens verstehe ich, dass ich mir nicht täglich zwölf Mal zusprechen muss, wie toll ich bin. Ich verstehe, dass ich mich nicht abhängig machen muss von dem, was ich kann, bin und wie ich aussehe. Ich erkenne meinen Wert in meiner Beziehung zu Gott. Je näher ich ihm bin, desto mehr weiß ich, dass ich wertvoll bin.

Zweitens verstehe ich, dass mein Wert nichts mit der Höhe meines Gehalts zu tun hat. Jesus setzt die Frage des Wertes hier in den Zusammenhang mit Sorgen um Geld. Ich kann arm sein und mich sorgen – und ich kann reich sein und mich sorgen. Ich war arm und reich, und beides kenne ich. Ich kann aber auch arm sein und mich nicht sorgen – und reich sein, und mich nicht sorgen. Auch das kenne ich beides. Der Unterschied ist nicht mein Geld auf dem Konto, sondern meine Nähe zu Gott und meine Gewissheit, wer letztlich mein Versorger ist! Gott ist die Quelle.

Drittens verstehe ich, wie Gott meine Mitmenschen sieht. Ich mache auch ihren Wert nicht mehr an dem fest, was sie tun und worauf sie ihren Wert gründen. Ich verurteile nicht und weise sie auch nicht ständig auf all ihre Fehler und Sünden hin. Stattdessen erzähle ich ihnen davon, wie sehr Gott sie liebt und sucht. Ich verstehe, dass Gott die verlorenen Schafe nicht richtet, sondern sucht, um sie zu retten. Wissen meine Freunde, wie oft Gott an sie denkt? Wie liebevoll er sie anblickt? Wie gern er sie bei sich hat? Oder wissen sie nur, dass sie nicht so sind, wie sie sein sollten?

Jesu Rede hat es in sich. Wenn wir als seine Nachfolger uns davon verändern lassen, verändert sich die Welt tatsächlich. Zu einem besseren Ort. Und die Menschen verändern sich. Zu besseren Menschen.

Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Ich habe einen Traum. Dafür würde ich sterben. Gott liebt. Gott gibt jedem von uns Wert.

Markus Kalb liebt die Bergpredigt, weil sie die Idee von einer neuen Welt in sich trägt.

Baustelle Körper: „Ich habe heute leider kein Bild für dich“

JULIA WARKENTIN ÜBER DEN MODERNEN KÖRPERKULT UND EIN „EWIG“ LEIDIGES THEMA

Stell dir vor, du sitzt als noch ungeborene Seele bei Gott im Himmel. Es ist Zeit, als Mensch auf die Erde zu kommen, und Gott zeigt dir schon einmal vorab, welchen Körper er für dich ausgesucht hat. Er zeigt dir dein Gesicht, deine Nase, Augen und Mund. Deine Haut. Er zeigt dir deine Beine und deine Arme, Hände und Füße. Deine Größe. Körbchengröße A, B, C oder sogar Doppel-D. Und dann fragt er: Wirst du dich in diesem Körper zu Hause fühlen?

92 Prozent aller Frauen hätten hier die Chance genutzt, wenigstens einen Aspekt ihres Äußeren noch einmal zu diskutieren. Laut der Studie einer Kosmetik-Produktlinie unter dreitausend Frauen aus elf westlichen Ländern finden sich nur zwei Prozent aller Frauen schön. Jede zweite hält sich für zu dick. 72 Pro-zent aller Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren meiden bestimmte Aktivitäten, weil sie mit ihrem Äußeren unzufrieden sind. So sehr sich Körper-Zufriedenheitsstudien auch um Frauen drehen: Bei Männern sind die Ansprüche an ihren Körper nicht weniger stark gestiegen. Viele kämpfen hart, um ihren Körper „wettbewerbsfähig“ zu machen. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Mann das Wort „Körperpflege“ noch im Duden nachschlagen musste.

MEIN KÖRPER – OPTIMIERTES KONSUMGUT?
„Bin ich schön?“ Wenn es um den Körper geht, bewegt die Menschheit seit jeher dieselbe große Frage. Schon  immer gab es schönere und nicht so schöne Menschen, wobei die Schönen – menschheitsgeschichtlich nachgewiesen – mit günstigeren Voraussetzungen ins Leben starten: Schöne Babys bekommen mehr Aufmerksamkeit, schöne Kinder die besseren Schulnoten. Schöne Menschen finden später schneller einen Job und bekommen ein höheres Gehalt. Britische Wissenschaftler wiesen nach, dass unsere Gehirne auf bestimmte Gesichter, die als schön empfunden werden, stärker reagieren. Bei der Betrachtung eines schönen Gesichts wird ein neurologischer Belohnungsmechanismus ausgelöst. Andere Studien legen nahe, dass ein grundsätzliches Empfinden für Schönheit allen Menschen über kulturelle und geschichtliche Grenzen hinweg angeboren ist. Schon  Babys im Alter von einer Woche betrachten Gesichter, die auch von Erwachsenen als schön eingestuft wurden, sehr viel länger und lieber als Gesichter, die als eher unattraktiv eingeschätzt wurden.

Körperliche Schönheit ist ein „ökonomischer Vorteil“, den wir uns  sichern wollen. Wir leben deshalb mit  einem gesteigerten Körperbewusstsein, das ständiger Aufmerksamkeit und Kontrolle bedarf. Der Körper ist nicht mehr das, worin und wodurch wir leben, sondern vielmehr ein Objekt, das wir gestalten – ein medizinisch optimierbares Konsumgut. Diese Beobachtung hat auch die Psychologin Susie Orbach gemacht. In dem Buch „Bodies – Schlachtfelder der Schönheit“ beschreibt sie, wie der Körper mehr und mehr zur Baustelle wird, zu einem persönlichen Projekt und Objekt, an dem ich zu arbeiten habe. Nach außen ist er unsere Visitenkarte: Er signalisiert unsere Wachsamkeit und harte Arbeit oder andernfalls unser Versagen und Schlamperei.

ERHEBLICHE UNZUFRIEDENHEIT
Doch der Glaube, dass der Körper perfektionierbar ist und wir freudig oder zumindest willig die dazu angebotenen Möglichkeiten nutzen sollten, hat die Frage „Bin ich schön?“ nicht entspannt, sondern verschärft. Der Körper wird in  einem alarmierenden Maß zu einem immer größeren Ort erheblicher Unzufriedenheit und schwerwiegender Störungen. Laut einer Studie der deutschen Gesellschaft für Ernährung gilt jede zweite deutsche Frau als essgestört. Jedes zweite Mädchen unter 18 Jahren hat schon eine oder mehrere Diäten gemacht. Es gibt kaum eine Frau, die auf ganz natürliche Weise mit dem Essen umgehen kann, die keine Waage, keine Diät kennt und isst, worauf sie Appetit hat. Die meisten Frauen haben ihre Mütter Diät halten sehen und diese Herangehensweise ans Essen gelernt: Wenn man etwas für sich tun will, macht man eine Diät. Diätprodukte- Hersteller rechnen übrigens mit einer Rückfallquote von 95 Prozent.

Zwar sind es häufig noch Frauen, die sich mit ihren Idealvorstellungen quälen, doch auch die Anzahl der männlichen Essgestörten steigt kontinuierlich an. Seit Frauen für ihren Lebensunterhalt häufig selbst aufkommen, sind auch ihre Ansprüche an die körperliche Attraktivität der Männer gestiegen. Immer häufiger erleben Männer, dass sie nicht nur aufgrund ihres Intellekts, Witzes und Geldbeutels als potenzielle Partner beurteilt werden, sondern aufgrund ihrer körperlichen Vorzüge. Neben vielen anderen Aspekten hat dies dazu geführt, dass auch Männer ihre körperliche Attraktivität mittlerweile immer wichtiger nehmen. Männliche durchtrainierte Models und Filmstars kratzen nun auch an der Selbsteinschätzung der Männer. Und beide Geschlechter leiden mittlerweile unter der Diskrepanz zwischen ihrem tatsächlichen Äußeren und dem, was sie als attraktiv empfinden.

KÖRPERKULT ALS RELIGIONSERSATZ
Die äußere Erscheinung, das gute Aussehen und Fitness sind heutzutage zum Maßstab für den eigenen sozialen Wert geworden. Der Körper wird letztlich zum wesentlichen Kern der eigenen Identität erhoben. Kultursoziologen wie Thomas Luckmann und Robert Gugutzer diagnostizieren den Körperkult als eine „neue Sozialform der Religion“ oder auch „Diesseitsreligion“, die an die Stelle der institutionellen Religion getreten ist. Und wirklich lassen sich im Körperkult eine Menge Parallelen zur religiösen Sinnsuche finden. Der Erlösungsversuch findet im Diesseits durch die Arbeit am Körper statt. Das Heilsversprechen liegt in den Parolen wie „Endlich schön und fit“ und moderne Gurus, wie Fitnesstrainer und Ernährungsberater stellen Regeln und Gesetze auf, welche Trainingseinheiten und -rituale angemessen und welche Nahrungsmittel gut oder böse sind. Wer gegen seine Diät verstößt, hat „gesündigt“. Die Gläubigen treffen sich in Fitnesstempeln und Wellnessfarmen und arbeiten an ihrer Erlösung. Statt um Ethik geht es nun um Ästhetik und statt auf Wallfahrt geht der moderne Mensch zum Marathonlauf – und macht sich auf den langen Weg zu sich selbst.

Manche Phänomene, die mit diesem Körperkult einhergehen, sind mehr als erschreckend: Mit 160 Milliarden Dollar Jahresumsatz ist die Schönheitsindustrie vom Volumen her etwa so groß wie ein Drittel der weltweiten Stahlindustrie. 2006 wurden etwa 21 Millionen Eingriffe vorgenommen. Jährlich steigt die Zahl der Schönheitsoperationen um zehn bis fünfzehn Prozent und jeder vierte Deutsche träumt von einer solchen OP. In Argentinien gehören Schönheitsoperationen so selbstverständlich zum Leben, dass sie von Krankenversicherungen übernommen werden. Fünfzig Prozent aller jungen Koreanerinnen lassen sich einem Eingriff unterziehen, der ihre Augenlieder dem westlichen Ideal anpasst. Zahlreiche Chinesinnen lassen ihre Beine mit Hilfe von Metallstangen in den Oberschenkeln um einige Zentimeter verlängern, damit sie „auf Augenhöhe“ mitspielen können. „Egal ob zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu hell, zu dunkel – in der Angebotspalette der ästhetischen Chirurgie gibt es kaum noch etwas, was es nicht zu kaufen gibt“, resümiert Susie Orbach.

Als Kehrseite nimmt die Brandmarkung des Dickseins als tadelns- und verachtenswert zu. „Dicke“ Menschen begegnen zusehends auch gesellschaftlicher Diskriminierung. Wer nicht mitmacht, wird gemobbt. Seit dem letzten Jahr wissen wir auch, dass Fettleibigkeit die größte Gefahr für die Finanzierbarkeit des deutschen Gesundheitssystems darstellt. Seitdem weniger geraucht wird, ist Übergewicht der größte Kostentreiber der Krankenkassenbeiträge. Tatsächlich sind heute schon 17,2 Prozent aller Jugendlichen übergewichtig, Tendenz steigend. Die Schere geht in atemberaubender Geschwindigkeit auseinander.

DER FARRAH-EFFEKT
Einen deutlichen Beitrag leistet die Werbung mit ihren unrealistischen Schönheitsvorgaben. Die meisten Bilder, die wir in Werbekampagnen der Zeitschriftenwelt sehen, sind digital nachbearbeitet – mit immer schmaleren Taillen, immer größeren Brüsten und runderen Hintern an immer zierlicheren Körpern. Gekoppelt an das Versprechen, dass mit diesen Körpern auch das Glück in unser Leben einkehrt. Die visuelle Dauerberieselung ist allgegenwärtig. Wir können uns ihr nicht entziehen und sie prägt unsere Vorstellung von Schönheit. Nicht die Bilder werden als falsch wahrgenommen, sondern wir fühlen uns falsch, weil wir den gängigen Bildern nicht entsprechen. Wir geben uns voller Energie dem Versuch hin, diesen Bildern nachzueifern. Um dazuzugehören.
Wie real die gesellschaftliche Prägung durch die medialen Bilder ist, zeigt eine Studie, die den sogenannten Farrah-Effekt beschreibt. Männliche Singles wurden in einem Experiment gebeten, die Attraktivität verschiedener Frauen zu beurteilen. Hatten sie zuvor eine Fernsehserie mit einer Menge schöner Frauen gesehen, beurteilten sie die vorgelegten Frauengesichter sehr viel negativer – ihr Anspruch war gestiegen, die Chancen auf eine Beziehung folglich gesunken. Die gesellschaftlichen Folgen des westlichen Schönheitsideals waren auch auf den  Fidschi-Inseln zu erkennen: Binnen drei Jahren nach Einführung des Fernsehens 1995 entwickelten nicht weniger als 11,9 Prozent der jungen Mädchen willentlich herbeigeführtes Erbrechen – als Folge des Ringens darum, den eigenen Körper den Körpern der westlichen Fernsehdarstellerinnen anzugleichen. In Deutschland diktierte derselbe Körperwahn im Frühling das Fernsehprogramm an jedem  x-beliebigen Donnerstagabend. Wer sich nicht mit Modelfiguren messen kann, ahnt, dass er oder sie „heute leider kein Bild“ von der Top-Modell-Jury bekäme. Fernsehen als Katalysator der Schuldkultur. Die Quote rockt.

WER IST SCHULD?
Es wäre aber zu einfach, Körperunbehagen oder Essstörungen nur auf die Parolen von Mode und Medien zurückzuführen. Sie wachsen auf einem Boden, der empfänglich für solche Botschaften ist. Die Psychotherapeutin Susie Orbach beschreibt, dass viele ihrer Klienten, die von einem extremen Köperunbehagen gequält werden, häufig als Kleinkinder und Babys durch ein zu viel oder ein zu wenig an Fürsorge und Bedürfnisbefriedigung durch ihre Eltern das Gefühl bekommen haben, irgendetwas an ihnen sei „nicht in Ordnung“. Gleichzeitig haben viele Kinder das Essverhalten ihrer Mütter und deren Sorge um das eigene Körpergewicht beobachtet und als angemessene Lösung für die eigene Herangehensweise übernommen. Hier ist es wichtig, tief sitzende Unsicherheiten in einem seelsorgerlichen oder therapeutischen Prozess aufzuarbeiten. Denn je bewusster ich mir und meinem inneren Kern bin, umso weniger kann mir der äußere Druck etwas anhaben.

Schönheitsideale sind Ausdruck ihrer Zeit und daher relativ.  Ohne existenzielle Not haben wir das Diktat eines Schönheitsideals übernommen, das uns kaputt macht. Wir sind gut beraten, die Bilder, die unser Bewusstsein prägen, zu erkennen und zu hinterfragen. Denn falsch sind häufig nicht die Fragen, die wir stellen, und unsere Sehnsucht nach Annahme und Wert, sondern die Orte, an denen wir nach Antworten suchen. „Schön“ liegt letztenendes im Auge des Betrachters. „Und Gott sah, dass es gut war.“

Julia Warkentin hat sich entschieden, mit Photoshop bearbeitete Körperbilder nicht zum Maßstab für das eigene Glück zu machen.

Genau unsere Baustelle

ES IST LEICHT GEWORDEN, SICH AUS DER VERANTWORTUNG ZU STEHLEN. WIR LEBEN, ALS SEI JEDER NUR FÜR SEIN EIGENES DING VERANTWORTLICH: WER ABER CHRONISCH  „NICHT ZUSTÄNDIG“ FÜR DIE GEMEINSAME SACHE IST, MACHT SICH SCHULDIG, FINDET JULIA MEISTER.

„Das ist nicht meine Baustelle!“ ist einer von diesen Sätzen, der unsere Zeit ganz gut charakterisiert. Ich bin für mich verantwortlich. Und das reicht. Erstaunlich, dass auch die Bibel diesen Satz schon kennt: „Bin ich meines Bruders Hüter?“ (1. Moses 4,9), fragte Kain und wandte sich von Gott ab. Das Gegenteil zu behaupten – ja, du bist deines Bruders Hüter – ist eine steile These. Und dennoch möchte der folgende Artikel genau das tun: Er möchte dir sagen, dass du verantwortlich bist. In aller Konsequenz und mit aller Herausforderung, die Verantwortung mit sich bringt.

Das Konzept von Verantwortung ist schwammig. Rechtlich gesprochen sind wir dafür verantwortlich, uns den Gesetzesvorschriften entsprechend zu verhalten. Bis zur Volljährigkeit obliegt die Verantwortung für unser eigenes Leben unseren Eltern. Danach bestimmen wir selbst über unser Leben. Und gleichzeitig zeigt sich Verantwortung in deutlich mehr Aspekten als den rein rechtlichen. Es gibt eine moralische Verantwortung, politische Verantwortung, religiöse Verantwortung und Selbstverantwortung, um nur ein paar zu nennen. Daran wird deutlich, wie vielfältig der Begriff ist und wie schwer zu fassen. Verantwortung verlangt, sich für jemand anderes oder auch eine Sache zuständig zu fühlen. Die Konsequenzen des Handelns zu tragen – meines eigenen Handelns und womöglich auch das anderer? Und da geht es schon los: Bin ich verantwortlich für meinen Nächsten? Für die politische Lage unseres Landes? Für die Menschen in Afrika? Die meisten von uns würden diese Fragen vermutlich mit „Ja, aber“ beantworten. Verantwortung ist ein großer, unklar umrissener Begriff, oft schrecken wir deshalb davor zurück. Denn aus Verantwortung folgt unmittelbar persönliche Schuld, wenn ich ihr nicht gerecht werde. Nur: Was passiert mit Verantwortung, die ich von mir weise? Löst sie sich einfach in Luft auf? Und: Wen wollen wir denn verantwortlich machen, wenn nicht uns selbst?

ANTWORT AUF GOTTES SCHÖPFERISCHE LIEBE
Sprachlich interessant ist die Zusammensetzung des Wortes: VerANTWORTung – da steckt Antwort drin. Antwort worauf? Biblisch gesehen stehen wir Menschen immer im Verhältnis zu Gott. Als Geschöpfe Gottes sind wir herausgefordert, unser Leben als eine Antwort auf seine Liebe zu gestalten. Von der Schöpfung der ersten Menschen an traut Gott ihnen eine besondere Verantwortung für diese Welt an. Sie sollen seine Welt bebauen und bewahren. Zugleich spricht die Bibel von einer Verantwortung für unsere Mitmenschen, der wir uns nicht ohne weiteres entziehen können. „Niemand suche das seine, sondern das, was dem anderen dient“, heißt es im Epheserbrief. Im Korintherbrief verwendet Paulus die Idee des Leibes, zudem wir als Christen als einzelne Glieder gehören, der aber erst in seiner Gesamtheit bestand hat. „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied, geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ (1. Korinther 12,26).

MITVERANTWORTLICH FÜR DAS GROßE GANZE
Paulus Vorstellung des Leibes scheint zunächst irgendwie abstrus. Wieso sollten meine Handlungen das Wohlergehen der anderen beeinflussen? Sicherlich, bei ganz offensichtlich schlechten Handlungen fällt uns das nicht schwer zu begreifen. Wenn ich jemanden bestehle zum Beispiel. Aber auch sonst? Paulus wiederspricht hier radikal unserem individualistisch geprägten Denken. Wir werden dazu erzogen, für uns selbst verantwortlich zu sein: Ich bin nun einmal ich und somit für mich und auch nur mich verantwortlich. Klar, dieser Gedanke hat definitiv etwas für sich. Schließlich wollen wir ja ungerne jemanden zur Last fallen. Und gleichzeitig versperrt er den Blick für den Nächsten. „Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt“, heißt es so schön. Aber was, wenn das nicht aufgeht? Wenn der, der nicht meine Baustelle ist, mit seiner eigenen überfordert ist? Für Paulus funktioniert die christliche Gemeinschaft nur dann, wenn sich jeder für den anderen mitverantwortlich fühlt – und zwar gegenseitig. Wie in einer großen WG. Erst als ganze WG antworten wir angemessen auf unseren Schöpfer. Das heißt sicher nicht, dass ich immer und in jedem Moment für jeden anderen verantwortlich bin. Im Körperbild gesprochen: Wie könnte zum Beispiel der kleine Finger für den großen verantwortlich sein? Oder die Niere für das Auge? Schließlich sind beide ganz unterschiedlich, mit unterschiedlichen Aufgaben und Charakterzügen. Es geht vielmehr darum, die gemeinsame Verantwortung als Leib, also als Gemeinschaft, zu begreifen. Dann ist der kleine Finger genauso wie der große Zeh verantwortlich, dass es diesem Leib gut geht. Und wenn der große Zeh schwächelt, schwächelt der ganze Leib. Dann ist es Aufgabe jedes einzelnen Gliedes, ihn zu unterstützen und zu fördern.

DIE KOMPLEXE LAGE IST EINE SCHLECHTE AUSREDE
Oft genug erwische ich mich selbst dabei, vor Verantwortung zurückzuschrecken, weil ich einfach nicht weiß, wo ich anfangen soll. Wenn‘s ums Kleiderkaufen geht zum Beispiel. Ich finde es nicht richtig, was mit den Näherinnen in Bangladesch oder Indien passiert, die unter den großen Konzernen leiden, die oft ohne Rücksicht auf Menschenrechte und Folgen für die Umwelt ihren Profit vermehren. Und jetzt? Klar, faire Klamotten gibt es inzwischen mehr als man denkt. Aber nicht in jedem Laden, oft nur im Internet. Und sollte ich die Verkehrslast durch Onlinelieferungen unterstützen? Und werden faire Kleider auch zu umweltfreundlichen Konditionen hergestellt? Und dann ist da ja noch der liebe Geldbeutel, der bei einem Studentenbudget dann doch gewisse Vorgaben setzt. Welche Verantwortung habe ich gegenüber Menschen, deren Lebensumstände nur bedingt von meinem Verhalten abhängen?*

Die Situation ist komplex. Oft lässt uns das erstarren, überhaupt tätig zu werden. Aber darf das eine Ausrede sein? In meinem Wirtschaftsethikbuch schockierte mich neulich folgender Satz: „Dass die Situation differenziert und komplex ist bis zur Unübersichtlichkeit, erlaubt nicht die schlichte Leugnung solcher Verantwortlichkeit, es erlaubt nicht die Behauptung der Anonymität und Fatalität der gesamtgesellschaftlichen und der wirtschaftlichen Entwicklung, und es erlaubt daher natürlich auch nicht die Behauptung der Schuldunfähigkeit des Handelns in den genannten Positionen der Gesellschaft und des Wirtschaftslebens.“ (Eilert Herms) Kein schöner Satz, aber ein wahrer: Nur weil die Dinge komplex sind, sind wir nicht weniger verantwortlich. Und genauso auch nicht weniger schuldig, wenn wir unsere Verantwortung verpassen. Es ist nicht unsere Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Aber es ist unsere Schuld, wenn sie so bleibt. Singen die Ärzte.Der Verantwortung gerecht werden

Zugegeben, hier wird ein ganz schön hoher Maßstab gesetzt. Denn die Einsicht in die Schuld ändert noch nichts daran, dass wir oft nicht einsehen können, wie wir jetzt ganz konkret verantwortlich handeln können. Und manchmal ist die Baustelle des Anderen auch für uns schlichtweg zu groß und frisst auch unsere Kräfte.

Aber vielleicht müssen wir auch gar nicht immer die Gesamtsituation begreifen. Lasst uns nicht davor zurückschrecken, dass wir die Welt nicht verändern können. Lasst uns vielmehr versuchen, unserer Verantwortung ganz konkret im Alltag gerecht zu werden. Das spielt sich ab in der Frage unserer Zeit, unseres Umgangs mit Geld, der Offenheit und Liebe, die wir anderen entgegenbringen. Klar, wir können nicht für alles verantwortlich sein. Aber wir können anfangen, uns unserer Verantwortung bewusst zu werden. Indem wir unseren Konsum kontrollieren und vielleicht doch das fünfte Kleidchen für diesen Sommer bei H&M zurück ins Regal hängen. Indem wir offen sind für die Menschen um uns herum, sei es in der Uni, am Arbeitsplatz, in der WG. Indem wir dort, wo wir andere mit unseren eigenen besonderen Gaben unterstützen und fördern. Indem wir vielleicht doch vor der nächsten Wahl ein paar Stunden inventieren um zu überlegen, was unser Land eigentlich wirklich braucht. Und indem wir der Verantwortung uns selbst gegenüber gerecht werden. Sich in aller Freiheit Grenzen einzugestehen. Denn manchmal schaden wir uns selber mehr, wenn wir zu viel Verantwortung übernehmen, als es anderen gut tut.

Sicherlich werden wir die Welt nicht retten können. Wie gut, dass Jesus das für uns getan hat. Das mindert nicht unsere Verantwortung, aber es nimmt die Angst davor zu scheitern. Weil Jesus unsere Schuld vergibt, dürfen wir in Freiheit verantwortungsbewusst leben.

Julia Meister will ihren Teil der Verantwortung fürs Ganze wahrnehmen. Gott zuliebe.

„Wir sollten Brückenbauer sein!“

VERGEBUNG ALS LEBENSTHEMA: WENN DER THEOLOGE MIROSLAV VOLF ÜBER SEINE THEOLOGIE DER VERGEBUNG SPROCHT, LEGT SEINE VITA ZEUGNIS AB VOM RIESIGEN VERSÖHNUNGSPOTENTIAL DES CHRISTLICHEN GLAUBENS. DAS HAT IHM DEN RUF EINES BRÜCKENBAUERS EINGEBRACHT.

Professor Volf, Sie haben viel zu den Themen Vergebung und Versöhnung gearbeitet. Eine persönliche Frage zum Einstieg: Wann haben Sie zuletzt um Vergebung gebeten?

(Lacht) Das ist ja eine peinliche Frage. Ich weiß nicht, ob ich diese Frage beantworten möchte … Ich kann dir sagen, dass ich häufig um Vergebung bitte. Ich bitte meine Frau um Vergebung, meine Kinder und meine Mitarbeiter. Ich denke, dass ein gewisses Empfinden der eigenen Fehlbarkeit – sich nicht in einer Art und Weise zu verhalten, die der Situation entspricht – grundlegend für einen christlichen Lebensstil ist. Leben ist Vergebung. Denn zu leben heißt, ungerecht zu handeln.

Warum hat das Thema Versöhnung Ihr Leben und Ihre Theologie so stark geprägt?

Schon sehr früh in meinem Leben gab es ein Ereignis: Als mein Bruder fünf Jahre alt war, kam er wegen der Fahrlässigkeit eines Soldaten ums Leben. Meine Eltern entschieden sich unabhängig voneinander, dem Soldaten zu vergeben. Dieses Ereignis hat unser Familienleben sehr früh geprägt und ist wesentlicher Bestandteil meiner eigenen Identität geworden. Als dann der Krieg im ehemaligen Jugoslawien ausbrach, war das für mich ein Anlass, mein eigenes Denken über Versöhnung zu vertiefen: Was sind die Schritte, die man unternehmen kann, um die Kluft zu überbrücken, die sich in meinem eigenen Land immer weiter vertiefte?

Warum müssen wir uns denn überhaupt versöhnen?

Es gibt Gründe, die tief im christlichen Glauben verwurzelt sind. Wir sind geschaffen, um in unserem eigenen Leben die Schönheit und Güte Gottes widerzuspiegeln. Sie zeigt sich darin, dass Gott den Gottlosen vergibt, denjenigen von uns, die vom Weg abkommen, weg von der Güte, weg von der Schönheit, weg von der Wahrheit. Trotzdem vergibt Gott. Das ist wesentlicher Bestandteil von Gottes unerklärlicher Großzügigkeit. Zu vergeben bedeutet also, an dieser Aktivität Gottes teilzunehmen, den sündigen Menschen zu umarmen. Ich glaube, das ist die Hauptmotivation, warum ein Christ vergeben sollte. Natürlich haben Vergebung und Versöhnung auch ihren sozialen Nutzwert. Ich tue mir selbst und dem Anderen etwas Gutes, wenn ich vergebe. Das ist eine legitime und richtige Motivation.

Um Ihre Frage von oben aufzugreifen: Was sind die entscheidenden Schritte, die für Versöhnung notwendig sind?

Ich glaube, dass Versöhnung einige konstitutive Elemente hat. Da ist jemand, der uns Unrecht angetan hat, oder wir haben jemandem Unrecht angetan. Um uns zu versöhnen, müssen wir uns an das Fehlverhalten erinnern und wir müssen uns recht erinnern. Wir müssen um Vergebung bitten, Vergebung gewähren und – wenn wir die Täter sind und es uns möglich ist – das wiederherstellen, was unser Fehlverhalten zerstört hat. Schlussendlich müssen wir einen Weg zur anderen Person finden. Erinnern, Buße, Entschuldigung und Vergebung – all diese Dinge schauen zurück. Sie versuchen das, was zerbrochen ist, wiederherzustellen. Aber dann gibt es diesen letzten Schritt, der in die Zukunft schaut und sagt: Ich möchte nicht nur das, was passiert ist, nicht mehr gegen dich anrechnen, sondern ich möchte auch dein Freund sein. Du bist ein Teil von mir. Du gehörst zu mir. Ich möchte dich umarmen, sodass wir Gemeinschaft haben können.

Aber was ist mit Gerechtigkeit? Schließt Gerechtigkeit nicht Vergebung aus? Ein Beispiel: Vor einigen Wochen kam eine Frau durch eine schreckliche Vergewaltigung in Indien ums Leben. Ist es nicht grausam, unter solchen Umständen von Vergebung zu sprechen?

Natürlich ist das schwierig. Es gibt viele Umstände, wo schreckliches Unrecht verübt wurde. Aber selbst, wenn das Unrecht eher klein ist, warum sollten wir vergeben? Ist das nicht ein Affront gegen die menschliche Würde? Letztendlich vergeben wir, weil wir lieben. Weil wir das Unrecht überwinden wollen. Wir wollen nicht, dass das Unrecht zwischen uns steht. Die einzige Möglichkeit, dem Pfad zu folgen, der durch das Vergehen eingeschlagen wurde, und eine Beziehung wiederherzustellen, ist durch die Macht der Vergebung. Kein anderes menschliches Werk hat diese Macht. Das ist natürlich oft sehr schwierig.

Warum sollte ich jemanden lieben, der mir so schreckliches Leid zugefügt hat?

Die Antwort ist wieder: Weil wir Gottes Charakter widerspiegeln wollen. Aber du hast nach Gerechtigkeit gefragt. Was passiert mit der Gerechtigkeit? Ich glaube, dass auch der Gerechtigkeit durch Vergebung genüge getan wird. Wenn ich vergebe, mache ich dadurch kenntlich, dass jemand mir in der Tat Unrecht getan hat. Trotz dieses Unrechts, das ich erlitten habe, möchte ich aber immer noch eine Beziehung zu dieser Person haben. Ich möchte nicht, dass das Unrecht die Gemeinschaft zwischen Menschen zerbricht. Und da kommt Gerechtigkeit ins Spiel. Sie wird bestätigt, doch zur gleichen Zeit rechne ich dem Übeltäter die Forderungen der Gerechtigkeit nicht an.

Jesus spricht davon, dass wir siebzigmal siebenmal vergeben sollen. Gibt es da ein Limit? Vielleicht nicht in der Theorie, aber in der Praxis?

Es ist die Unendlichkeit der Vergebung, die mit dieser Textstelle postuliert wird. Das ist mit der Idee verbunden, dass Vergebung bedingungslos ist. Wenn wir vergeben, heißt das nicht, dass wir uns immer wieder neu in eine Situation hineinbringen, in der uns Unrecht angetan werden kann. Wir müssen das Unrecht nicht stillschweigend dulden. Aber wenn uns Unrecht getan wird, dann sollen wir bereit sein, einfach so zu vergeben. Vergebung ist bedingungslos, weil die Liebe bedingungslos ist.

Gilt das auch für die Versöhnung zwischen religiösen und ethnischen Gruppen?

Versöhnung zwischen Gruppen und Versöhnung zwischen Individuen sind ähnliche Vorgänge, aber doch unterschiedlich. Es ist sehr viel komplizierter für Gruppen, sich zu versöhnen. Ich glaube aber, dass ihr hier in Deutschland ein gutes Vorbild in eurer Geschichte habt. Die Versöhnungsarbeit zwischen Deutschen und Franzosen ist beispielhaft in vielerlei Hinsicht. Ich würde also auf eure Erfahrung verweisen, von der wir alle lernen können: Zu einer Einigung oder Annäherung darüber kommen, was passiert ist, Vertrauen aufbauen und das Unrecht, das verübt wurde, zugeben. Und dann das Alte hinter sich lassen und nach vorne schauen.

Es mag einige gute Versöhnungsarbeit in Deutschland gegeben haben, aber so wie ich das sehe, ringen wir Deutschen sehr mit unserer Vergangenheit. Es fällt uns immer noch schwer, stolz auf unser Land zu sein. Wie können wir als Deutsche uns selbst vergeben für unsere Vergangenheit?

Ja, manchmal ist es am schwersten, sich selbst zu vergeben. Ich bin mir nicht sicher, ob Stolz die angemessene Haltung zu unserer Vergangenheit sein sollte. Eine angemessenere Haltung ist, denke ich, Annahme. Die Fähigkeit, die eigene Würde zu fühlen, sogar dann, wenn man nicht stolz auf seine eigene Vergangenheit ist. Ein Gefühl des Angenommenseins trotz der eigenen Geschichte – das scheint mir eine gesündere Haltung zu sein als Stolz.

Gesellschaftlich haben wir es heute mit Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen der Gesellschaft zu tun, seien es Muslime und Christen oder Migranten und Einheimische. Welche Rolle sollten Christen darin spielen?

Wir sollten Brückenbauer sein. Dafür haben wir unglaubliche Ressourcen im christlichen Glauben. Wir sollten diese Ressourcen zuallererst nutzen, um uns untereinander zu versöhnen und dann, um als Mittler der Versöhnung in der Welt zu dienen. Der außergewöhnliche Gott, dem wir dienen, ist die Liebe selbst und drückt seine Liebe auch gegenüber der gottlosen Menschheit aus. Christen sollten sich selbst in die Geschichte dieses Gottes hineinnehmen lassen und Brückenbauer und Mittler der Versöhnung werden.

Ein letzter Rat für unsere junge Generation?

Mein letzter Rat ist eine ganz einfache Botschaft des Evangeliums: „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach.“ Das ist eine radikale Botschaft von Jesus Christus und es ist eine überwältigend schöne Botschaft. Ich kann mir keinen besseren Beitrag zur Heilung unserer Welt vorstellen, als richtig zu verstehen, was es heißt, sein Kreuz auf sich zu nehmen und Christus zu folgen. Und es dann auch wirklich zu tun.

Das Interview führte Moritz Brockhaus.

Den Tod im Nacken

SOLOMON IST ARZT IN SIERRA LEONE, ALS DIE TÖDLICHE EBOLA-EPIDEMIE AUSBRICHT. SEINE BERUFUNG LEBT ER SEITDEM AUF DEM SCHMALEN  GRAT ZWISCHEN LEBEN UND TOD.

Es ist nicht leicht, einen Interview-termin mit Solomon Samura zu bekom-men. Der 30-Jährige ist so beschäftigt, dass man ihn selten antrifft. Fünfzehn-Stunden-Tage sind für ihn eher die Regel als die Ausnahme. Und doch merkt manihm sein Arbeitspensum nicht an. In diesem Text soll es aber nicht um seine Geschäftigkeit gehen, sondern um eine dreiwöchige Zwangspause im August 2014.

Solomon ist Assistenzarzt in seinem Heimatland Sierra Leone, behandelt eigen-verantwortlich Patienten im Krankenhaus und nimmt kleinere chirurgische Eingriffe wie Kaiserschnitte vor. Als vor zwei Jahren das Ebolavirus in seinem Land ausbricht und sich innerhalb weniger Wochen zu einer grassierenden Epidemie in fast allen Teilen des Landes entwickelt, arbeitet er im Regierungskrankenhaus von Makeni, einer Stadt im Norden des Landes.

„Zu Anfang gab es nur im Osten des Landes Fälle von Ebola. Obwohl wir wussten, dass die Krankheit mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zu uns getragen werden würde, waren wir nicht vorbereitet, als wir erste Verdachtsfälle hatten.“ , erzählt Solomon und seine Kollegen bekommen zwar Schutzausrüstungen gestellt, aber niemand zeigt ihnen, wie man sie an- und nach Gebrauch sicher wieder auszieht. Weil das Ebolavirus über Körperflüssigkeiten übertragen wird und die Viruskonzentration im Körper eines Erkrankten mit Fortschreiten der Krankheit steigt, sind es zu Beginn der Epidemie vor allem Pflegende, Mediziner und Familienangehörige, die sich anstecken. Je mehr Pfleger und Ärzte sich in anderen Landesteilen infizieren, umso mehr seiner Kollegen bleiben aus Angst zu Hause. Solomon behandelt weiter – aus Verantwortungsbewusstsein. „Als Ärzte und Pfleger kämpfen wir wie Soldaten an der Front, oft gegen unsichtbare Feinde. Wie könnte ich einfach das Schlachtfeld räumen, wenn es doch mein Auftrag ist zu kämpfen?“ Dass ihn die Krankheit ausgerechnet zu Hause treffen würde, damit rechnet er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

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Die Frau schweige

ES IST JA SELTEN BÖSE GEMEINT, WENN MÄNNERGESELLSCHAFTEN FRAUEN
AUSGRENZEN. MUSS MAN DESWEGEN GLEICH VON SEXISMUS SPRECHEN?
AUCH IN DER GEMEINDE? OH JA, MEINT BJÖRN WAGNER.

Im Kindergarten meiner Tochter machen sie auf heile, sauber getrennte Welt: links die Damen. Rechts die Herren. Man bleibt unter sich. Linker Hand wird gesammelt, geschnitten und gekocht. Rechts gehämmert und gesägt. Was für ein schönes Bild, denke ich, als ich mich mit dem alkoholfreien Begrüßungssekt unter die Eltern mische. Jeder hat was zu tun, überall herrscht eitle Harmonie – hüben wie drüben. Gern hätte ich ein Foto gemacht von dieser kleingesellschaftlichen Gemeinschaft im Grünen, um eine Erinnerung an eine einfache Welt zu haben. Es geht doch. Dann aber begehe ich den Fehler, diese Idylle zu stören, wie zu oft im Leben, mit einer einfachen Frage: „Was kocht ihr denn?“ Ein blondgeringelter Lockenschopf von vielleicht vier Jahren, von Kopf bis Fuß gespickt mit rosa Spängchen, Bändchen und Buttons schaut zu mir auf und skandiert im besten „Dasman- den-Erwachsenen-immer-alleserklären- muss“-Tonfall etwas ungehalten: „Ist doch klar: Jungsgift!“ Nun etwas benommen von der Erkenntnis, dass der heile Schein  trügt, suche ich bei den Jungs etwas Trost und frage (und man kann sich denken, dass ich auch das bereuen werde) die geschäftigen Jungs, was genau sie denn da bauen. „Ein Gefängnis für die Mädchen!“ In eben diesem Ton, beiläufig, als ob exakt ein Mädchengefängnis das Normalste der Welt – zumindest ihrer Welt – wäre. Eine heil anmutende Gesellschaft, unser Kindergarten, mit unterliegendem Geschlechterkampf? Ähnlichkeiten zu anderen heil anmutenden Gemeinschaften sind rein zufällig und nicht beabsichtigt … Ja, das war Ironie!

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Never travel alone

WARUM SICH MIT GOTT VERSÖHNEN BEDEUTET, MIT GOTTES MÖGLICHKEITEN ZU RECHNEN

In dem jungen afrikanischen Staat Südsudan herrscht seit 2014 Bürgerkrieg. Wie in Ruanda stecken die zwei größten ethnischen Gruppierungen in einem undurchsichtigen Geflecht von Streitigkeiten. Die Tiefe ihres Konflikts wurde erst so richtig bei den ersten „Friedensgesprächen“ in Addis Abeba deutlich, als sich zeigte, dass es im Grunde gar nichts zu verhandeln oder zu besprechen gab. Die beiden Lager hatten sich nichts zu sagen. Der ehemalige anglikanische Erzbischof Rowan Williams kommentierte das mit einem Zitat des christlichen Mystikers Thomas Merton: „Each side travelled alone“. Jede der beiden Seiten reiste allein. Es ging einzig und allein darum, wer die Macht an sich reißen würde; eine gemeinsame Zukunft war keine echte Option.

Wer von einer machthungrigen Ideologie getrieben ist, verliert die Fähigkeit, mit anderen zu sprechen. Und wer nicht miteinander sprechen kann, wird sich niemals versöhnen. Das ist bei Kriegsparteien offensichtlich. Aber auch in vielen alltäglichen Begegnungen, wenn wir zwar miteinander reden, aber den Anderen insgeheim darauf festgelegt haben, dass er nicht zu unserer Welt gehört. Und sei es der seltsame Nachbar, mit dem ein ehrliches Gespräch und eine echte Begegnung außerhalb unserer Vorstellungskraft liegt. Am Ende reist jeder allein.

„Each side travelled alone“ – welche christliche Gemeinschaft kennt das nicht, das elitäre Leben in einer religiösen Privat blase? Wer kann da noch daran glauben, dass das Evangelium dem Nachbarn genauso gilt wie einem selbst? „Christ“ oder „Nicht-Christ“ – das ist dann bald die einzige Frage.

DAS GEHEIMNIS DER VERSÖHNUNG
Aber was tun? Moralische Appelle – so beliebt sie in Kirche und Politik auch sind – helfen gar nichts. Sie stressen, aber sie gewinnen keine Herzen. Ebenso wenig werden die christlichen Kirchen das Geheimnis der Versöhnung wiederentdecken, indem sie sich kluge Strategien überlegen, neue Worte finden, Versöhnungsinitiativen beginnen. Das ist alles gut und sogar notwendig. Aber es muss aus der Begegnung mit Gott heraus geschehen. Darunter geht es nicht. Warum waren die ersten Christen durch nichts zu stoppen? Weil sie so überwältigt davon waren, dass sich Gott mit ihnen versöhnt hatte. Sie wussten zum ersten Mal, wer Gott wirklich ist. So viel menschlicher und näher als alle ihre religiösen Vorstellungen. Sie wussten, sie waren nun neue Menschen: Gott hatte für sie alles Alte, Unversöhnte mit Jesus sterben lassen. Jetzt waren sie mit Jesus zu einem neuen Leben auferstanden, das auf geheimnisvolle Weise mit Gott selbst verbunden ist. Gott hatte eine gemeinsame, neue Welt eröffnet – in der Er gegenwärtig ist. Im letzten Buch der Bibel, der Johannesoffenbarung, wird in überwältigenden Bildern vom „Neuen Jerusalem“ gesprochen, in dem Gott unter den Menschen wohnt: „Der Herr selbst, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm.“ (Offenbarung 21,22)

Die Art und Weise, wie das Neue Testament mit dem Thema Versöhnung umgeht, ist erstmal überraschend: Es geht nicht primär um die Frage, wie sich Menschen versöhnen können. Es geht zuerst um das Wunder, dass Gott sich mit uns versöhnt. Er, den niemand je gesehen hat – er schenkt uns ein neues Leben, eine neue Welt, in der wir versöhnt und vertraut mit ihm sein dürfen. Jesus verkörpert diese Versöhnung. Er sucht vorbehaltlos die Gemeinschaft der Menschen, auch wenn er weiß, dass sie ihn ans Kreuz bringen werden.

Es ist paradox: Erst in dem Moment, in dem Gott sich als unser Versöhner zu erkennen gibt, merken wir, dass wir seine Versöhnung mit jeder Faser unserer Existenz brauchen. Dass wir seine Feinde waren und mit ihm um unser Leben konkurrierten. Wir dachten, wir könnten unser Glück nur finden, wenn wir unser Leben an uns reißen und uns unsere kleinen Nischen suchen, in die uns niemand reinredet. Philosophen haben von der „Angst des Lebens“ gesprochen, die uns von Gott wegtreibt – der Angst, unser Leben zu verlieren, wenn wir Gott nahekommen.

Aber Gott durchbricht das Prinzip „Each side travelled alone“, indem er uns nahekommt und nichts von sich zurückbehält. Es zeichnet den Gott der Bibel aus, dass er die Welt nicht gleichgültig in ihr Verderben rennen lässt. Stattdessen sucht er die Eskalation, weil er ihre Versöhnung will. Denn am Kreuz eskaliert doch alles: Der Typ, den wir alle toll finden, weil er so liebevoll den Menschen begegnete, wird auf grausamste Weise hingerichtet – und gerade die Menschen, die ihn direkt erlebt hatten, bilden die hasserfüllte Geräuschkulisse für seine letzten Stunden. Hier tritt zutage, wer die Menschen, die Gott liebt, wirklich sind. Und hier tritt zutage, wer Gott, den wir Menschen ans Kreuz bringen, wirklich ist: Einer, der aus freien Stücken sein heiliges Leben hingibt zur Versöhnung mit seinen Feinden.

Es ist nicht selbstverständlich, dass der auferstandene Jesus zu seiner Versöh-nungsbotschaft steht. Seine ersten Worte an die Jünger, von denen er am Kreuz verlassen wurde, lauten: „Friede sei mit euch!“ (Johannes 20,21) Dann haucht er die Jünger an und sagt: „Empfangt den heiligen Geist.“ Das erinnert an die Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 2, in der Gott dem Menschen seinen Atem einhaucht. Gott schafft einen neuen Raum, den die Menschen betreten und erobern dürfen, indem sie auf gute, menschliche, neue Weise Gott antworten. Das hat viel mit Umkehr und Vergebung zu tun: „Gib mir meine Freude zurück und lass mich wieder fröhlich werden, denn du hast mich zerbrochen. Sieh meine Sünde nicht mehr an und vergib mir meine Schuld. Gott, erschaffe in mir ein reines Herz und gib mir einen neuen, aufrichtigen Geist.“ (Psalm 51,10-12) Nichts ist so befreiend, wie zu hören, dass Gott sich mit mir versöhnt hat und diese Welt neu macht. Dieses Evangelium verändert alles. Es zerbricht die kleine Welt, die wir uns nach unseren Vorstellungen eingerichtet haben. Es zerbricht unsere Maßstäbe, Wünsche, unser Selbstbild, unsere Ängste. Wir dürfen in einer Welt mit Gott leben – ja, Gott selbst ist der Motor unseres Lebens geworden, denn wir leben nicht mehr aus uns, sondern aus dem Heiligen Geist. Das Neue Jerusalem, in dem Gott selbst unter den Menschen wohnt, existiert schon heute: Gott hat in uns Wohnung genommen, in unseren Herzen und in unseren Gemeinschaften.

Die junge Gemeinschaft der Christen reagiert darauf mit vorbehaltloser Hingabe. Sie riskiert etwas, sie will die Versöhnung Jesu leben. Spätestens jetzt wird klar, dass die Versöhnung mit Gott zur Versöhnung unter den Men-schen führt. Denn zum ersten Mal in der Geschichte des Römischen Reiches wird so etwas denkbar wie eine gemeinsame Welt, in der Juden und Heiden gemeinsam leben. Bis dahin galt: „Each side travelled alone“. Aber wenn es nur einen Gott gibt, der kompromisslos alle Men-schen liebt und in der ganzen Welt gehört werden will, hat das Konsequenzen. Es lässt manche Konflikte – wie etwa die Frage nach der Beschneidung, nach sozialen Rangordnungen oder Sexualität – erst richtig aufflammen. Als jeder auf seinem Planeten blieb, gab es auch keine Konflikte. Aber plötzlich leben etwa Herren und Sklaven unter einem gemeinsamen Himmel: „Denkt immer daran, dass ihr beide denselben Herrn im Himmel habt, der keinen Menschen bevorzugt.“  (Epheser 6,9b) Auf diese Weise wird ihre Beziehung von innen heraus verändert.

Dass Menschen sich versöhnen, bleibt trotzdem ein Wunder. Eine Partei kann die andere nicht dazu zwingen, sich mit ihr zu versöhnen. Das wäre absurd. Aber wer an Jesus Christus glaubt, muss sich nicht mit dem Prinzip „Each side travelled alone“ zufrieden geben. Er gewinnt die Freiheit, zwei Dinge zu tun: Erstens kann er aktiv Wege der Versöhnung gehen – sich entschuldigen, sich öffnen, für seine Feinde beten – und zweitens andere Menschen von der Festlegung befreien, dass sie nicht zu seiner Welt gehören. Er darf sie unter der Verheißung „versöhnt“ sehen. Trotzdem scheint in vielen Fällen Annäherung und Versöhnung unmöglich. Menschen sind uns völlig fremd, Situationen festgefahren. Unser Mangel an Perspektive ist aber meist ein Zeichen dafür, dass wir insgeheim nur mit unseren eigenen Möglichkeiten rechnen. Echte Hoffnung kommt immer dann auf, wenn wir uns auf Gottes Versöhnung konzentrieren – und dieses Wunder anbetend bestaunen. Gott hat sich für diese Welt hingegeben, als sie ihm Feind war – das ist die Quelle unserer Versöhnung miteinander. Es ist der Geist Gottes, der dieses Wunder unter uns auch heute immer wieder vollbringen kann.

„Seht, ich mache alles neu!“ – so beginnt die Vision des Neuen Jerusalems in Offenbarung 21. Der neue Himmel und die neue Erde von denen die Bibel hier spricht, bedeuten, dass wir Menschen tief versöhnt mit Gott, uns selbst und unserem Nächsten leben dürfen und leben werden. Niemand darf mehr festgelegt werden auf Altes – und niemand darf sich selbst da rauf festlegen. Jeder darf in ein neues, von Gott geheiligtes und für seinen Geist ganz durchlässiges Leben hineingehen.

Es ist nicht meine Aufgabe, an Gottes Versöhnungskraft zu zweifeln. Es ist meine Bestimmung, seine Versöhnung zu ergreifen und zu leben. Never travel alone!

Philip Geck reist gerne in Gemeinschaft – unter einem gemeinsamen Himmel.

Die Heimatsucher

ZU GAST IM SHAREHAUS REFUGIO

SVEN LAGER UND SEINE FRAU SIND AUTOREN, WELTENBUMMLER UND LEBENSKÜNSTLER. VOR EIN PAAR MONATEN HABEN SIE DAS SHAREHAUS REFUGIO GEGRÜNDET, BERLINS OVRZEIGE-FLÜCHTLINGSPROJEKT. AUF MEHREREN ETAGEN LEBEN HIER DEUTSCHE, AFGHANEN, SYRER UND SOMALIER DEN GEMEINSAMEN TRAUM VON EINER NEUEN GESELLSCHAFT.

Im Eingangsbereich des Sharehaus Refugio tobt unter der Woche das Leben: In dem gemütlichen Kiez-Café treffen sich Studierende mit ihren Lerngruppen, in der Luft hängen Fet-zen von Deutsch, Englisch, Arabisch. Auf dem Weg zum Aufzug fährt mir ein etwa zwölfjähriger Junge auf seinem Skateboard in die Hacken. Wer ich denn sei, will er wissen. Patricio lebt mit seiner Familie hier und soll eigentlich im Nebenraum Hausauf-gaben machen. Viel lieber flirtet er mit den Besucherinnen. Ich nehme den Fahrstuhl bis in den sechsten Stock, wo ich einen großen Dachgarten mit Aussicht über halb Berlin betrete. Der Stadtlärm ist hier genauso weit weg wie Hetze oder Termin-druck. An einem Tisch in der Ecke pauken zwei junge Männer Deutschvokabeln. Ich setze mich einfach und genieße die Lang-samkeit. Sven gesellt sich zu mir.

DRAN NEXT: WAS FÜR EIN TOLLER ORT! IHR HABT RUHE, IHR HABT LEBEN – EINE SCHÖNE ABWECHSLUNG. WIE SEID IHR AUF DIESEN POETISCHEN NAMEN „REFUGIO“ GEKOMMEN UND WAS BEDEUTET ER?
Sven Lager: Refugio ist der Name für die Pilgerherbergen auf dem Jakobsweg in Spanien. Wir betrachten uns alle in diesem Haus, uns eingeschlossen, als Wanderer. Die Geflüchteten suchen neue Heimat und wir suchen nach neuen Formen der Gesellschaft. Wir sind ja nicht die Angekommenen und die anderen sind die Suchenden. Und da begegnen wir uns wieder auf der gleichen Ebene, was uns hier so wichtig ist.

WIE KAMT IHR ALS AUTORENPAAR AUF DIE IDEE, EIN SHAREHAUS ZU GRÜNDEN?
Wir haben als Familie zehn Jahre in Südafrika gelebt und dort Gott kennengelernt. Seitdem hat uns die Idee der urchristlichen Gemeinschaft fasziniert. Das, was mit Kirche ursprünglich gemeint war. Wie teilt man sein Leben? In Südafrika haben wir das erste Sharehaus gegründet. Ein Haus für junge Kreative mit Kunsthandwerk und Workshops zur gegenseitigen Bereicherung. Wir wollten die jungen Leute ermutigen, ihren Lebensunterhalt mit dem zu verdienen, was ihnen Spaß macht. Jeder Mensch hat gottgegebene Talente und Fähigkeiten, die wir fördern wollen. Das ist ein Ansatz, der auch bei Leuten ankommt, die mit Religion nichts anfangen können.

UND WIE IST EURE IDEE NACH BERLIN GEKOMMEN?
Als wir letztes Jahr zurück nach Deutschland zurückkamen, war die Berliner Stadtmission so genial zu sagen: Diese Sharehaus-Idee finden wir toll. Wollt ihr sowas hier umsetzen? Ohne genau zu wissen, wie unser Konzept in Berlin funktionieren könnte, haben wir einen Laden in Kreuzberg eingerichtet und eine offene Plattform für Ideen geschaffen. Unter anderem sind öffentliche Abendessen entstanden, ein Chor, ein Müttertreff, Malkurse, Co-Working und ein Raum für Veranstaltungen.

MITTLERWEILE WOHNT IHR MIT GEFLÜCHTETEN ZUSAMMEN, HIER IN NEUKÖLLN. WIE KAM ES DAZU?
Irgendwann kamen Kunststudenten und andere Leute in den Laden, die mit Geflüchteten Workshops machen wollten. Uns war klar, dass Geflüchtete ein extrem wichtiges gesellschaftliches Thema sind. Deshalb haben wir überlegt, wie wir noch mehr in dem Bereich machen könnten. Die Stadtmission hat gesagt: Es gibt da dieses Haus in Neukölln, ein ehemaliges Altenheim, das teilweise leer steht. Das könnt ihr nutzen. Daraufhin haben wir uns verschiedene Projekte angeschaut, in denen Deutsche mit Geflüchteten zusammenleben. Irgendwann wurde klar: Wir wollen zusammen leben, arbeiten, ein Café eröffnen und gemeinsam ein Kreativ-Haus aufbauen.

Das vollständige Interview liest du in der Ausgabe 2/16. Hier abonnieren oder kostenlos testen…

GOTTPOP: „Die Verbindung zu Gott ist eine Kopfentscheidung“

DAS MUSIKERKOLLEKTIV GOTTPOP LIEBT MUSIK, GOTT UND SEINE KIRCHE. MIT IHRER MUSIK WOLLEN SIE EINE ATMOSPHÄRE SCHAFFEN, IN DER MENSCHEN GOTT BEGEGNEN. EIN INTERVIEW MIT FRONTMAN BRUCE KLÖTI UND ROMAN ALBERTINI ÜBER ANBETUNG IM ALLTAG, GÖTTLICHE BEZIEHUNGSPAUSEN UND DAS „TROTZDEM“ IM HIER UND JETZT.

WIE IST GOTTPOP ENTSTANDEN?
Bruce: GOTTPOP ist eigentlich vor unserer Zeit entstanden. Unsere Gemeinde gibt es jetzt seit 15 Jahren. Der damalige Leiter des Worship-Ministry kam auf die Idee, für die Gemeinde eigene Songs zu schreiben. Über die Jahre hat sich das weiterentwickelt. Inzwischen machen wir jeden Sommer ein Songwriting Camp, fahren als Worship-Team für eine Woche weg, arbeiten sehr hart, schreiben Songs und nehmen Demos auf. Mit der Zeit hat sich eine Songwriting-Kultur herausgebildet, die in unserer Gemeinde entscheidet, mit welchem Aspekt wir uns in Bezug auf Worship und Gott beschäftigen.

WAS UNTERSCHEIDET GOTTPOP VON ANDEREN LOBPREISBANDS?
Bruce: Der Ansatz ist ja grundsätzlich immer derselbe. Wir wollen mit unserem Sound, unserer Musik, mit unseren Texten eine Atmosphäre schaffen, in der es Leute einfach finden, zu Gott zu kommen. Das ist die Basis. Unsere Geschichte ist ein bisschen anders: Wir haben sehr viele Leute, die nicht nur in der Kirche, sondern auch außerhalb davon in anderen Bands und in der Stadt Musik machen, sozusagen in der säkularen Szene unterwegs sind. Das ist die Musik, die wir dort hören und die uns inspiriert. Klar hören wir auch mal Hillsong, aber auch viel Musik, die keinen Jesus-Sticker drauf hat. Unsere Inspiration soll keine Schranken oder Grenzen haben: Wir wollen Jesus in allem Schönen wahrnehmen und das in unsere Songs mit einfließen lassen.

WAS HAT EUCH DEN ANSTOSS GEGEBEN, BEI GOTTPOP MITZUMACHEN? WIE SEID IHR DAZU GEKOMMEN?
Bruce: Für mich war es auch die Gemeinde. Ich fand dort einen Ort, an dem ich so viel Kreativität auf einem Haufen gesehen habe. Ich war auf einem Sommercamp und die Leute saßen mit mehreren Gitarren zusammen und haben alle irgendwelche Songs geschrieben oder gesungen oder gemalt oder Videos gemacht – auf eine extrem freie Art und Weise. Ich mache schon lange Musik, habe vorher Gitarre gespielt, wollte aber immer singen. Ich habe es aber nicht gemacht, weil ich dachte, dass ich nicht singen kann. Und als ich diese Leute im Camp hörte und das teilweise so speziell und schräg war, habe ich richtig Appetit bekommen. Nicht-Können oder Nicht-Machen gab es in der Kirche nicht. Sie machen das einfach. Ich habe Freiheit verspürt und gesagt: So möchte ich sein. Das merke ich auch in der Gemeinde. Wir haben sehr viele Freiheiten, können uns ausprobieren und die Grenzen der Anbetung ausloten.

WIE GESTALTET IHR ANBETUNG IM ALLTAG?
Roman: Das sind für mich Momente, in denen ich realisiere, dass Gott präsent ist – in einem Gespräch, beim Essen, in der Natur. Es gibt so viele verschiedene Zugänge zu Gott. Lobpreis ist für mich ein Lebensstil. Wenn ich realisiere, dass Gott präsent und real ist, ist das für mich Lobpreis. Für mich ist es die Antwort auf alles, durch das mich Gott anspricht – mit Staunen, mit Freude, Liebe, Verwunderung, vielleicht auch kritische Fragen. Durch Anbetung treten wir mit Gott in einen Dialog.

Das vollständige Interview liest du in der Ausgabe 2/16. Hier abonnieren oder kostenlos testen…

Gefühlstitanen

WIE VIEL GEFÜHL WOLLEN WIR UNS EIGENTLICH GEBEN? EIN KALKULIERTER GEFÜHLSAUSBRUCH

Da stand sie vor mir und weinte – und ehrlich: Diesmal konnte ich nichts dafür. Wir kannten uns eigentlich nur flüchtig, unser Kontakt war eher beruflicher Natur. Jetzt hatten wir uns zufällig auf dieser Party von gemeinsamen Freunden getroffen und waren beide zum Luftschnappen auf den Balkon geflohen – wobei sie die frische Luft vor dem Inhalieren noch einmal durch die Zigarette zog. Das Jahr war schon fast um, da bot sich ein persönlicher Jahresrückblick an. Nichts Ernstes, mehr Smalltalk als Talkshow. Wer hätte auch ahnen können, wie beschissen ihr Jahr gewesen war. Dass sie überlegte, ihren Job zu schmeißen, weil der nicht so richtig passt. Und Ber-lin, ach, das sei auch nicht so geil, wie alle sagen, ein richtiges Drecksloch sei das. Und überhaupt gehöre sie nicht zu den Men-schen, die für 40 Stunden Arbeit die Woche geschaffen wären. Ihr Leben fühle sich total falsch und scheiße an, das sei einfach alles ein bisschen viel gerade … Dann flossen die Tränen.
Viel geredet hatte ich bis dahin noch nicht. Sie hingegen hatte alles Gefühl des Augenblicks in einen Monolog investiert, der in mir eine Menge Fragen aufwarf. Natürlich hören wir uns zu, wenn ein anderer sich vor uns ins Gefühlschaos stürzt. Aber musste das jetzt sein? Hatte ihr das geholfen, so mit ihren Gefühlen in die Öffentlichkeit zu gehen? Woher kam ihr Anspruch, in der geilsten Stadt der Welt zu leben und das auch so zu empfinden? Und finally: Dürfen wir uns jederzeit ungefragt unsere Gefühle zumuten?

GEFÜHLE, WOHIN MAN HÖRT

Gefühle sind salonfähig geworden, negative wie positive. Wir feiern Menschen, denen bei ihrer Rede die Stimme wegbricht, als „authentisch“, als gelte es, unser Innerstes jederzeit sichtbar nach außen zu kehren. Wir reden darüber auf Partys, auf dem eigenen YouTube-Channel, thematisieren sie auf Facebook. Befindlichkeiten genießen mehr Aufmerksamkeit als je zuvor, werden gelikt [sic!], kommentiert, am Küchentisch analysiert.
Wir nehmen uns wichtig. Wie in Jakob van Hoddis expressi-onistischem Gedicht „Weltende“ beschrieben: „Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.“ Selbst wenn die Welt heute unterginge, wären wir noch ganz bei uns: bei unseren Wehweh-chen und Befindlichkeiten.
Oder bei unserer emotionalen Reaktion auf ein Ereignis, das weltweit wahrgenommen wird. Als Terroristen vor gut einem Jahr leitende Redakteure von Charlie Hebdo niederstreckten, waren wir für ein paar Tage alle Charlie – bis wir nochmal genauer nachdachten, uns ein Bild von dem Magazin machten und sich so mancher dachte: So viel Provokation ist eigentlich gar nicht meine Art. Erst mit etwas Abstand gelang uns eine angemessene emotionale Einordnung des Geschehens. Bis dahin hatten wir uns aber alle ein paar Tage lang wie „Charlie“ gefühlt – oder gut erklären müssen, wenn nicht.

HEY – ES SIND DOCH NUR GEFÜHLE!

So wichtig, wie sich Gefühle anfühlen, sind sie einfach nicht. Noch nicht einmal unsere eigenen. Mein Opa hat das neulich gut auf den Punkt gebracht. Es ging mal wieder um seine Jugend, nach dem Kriegsende ging es mit 16 auf den Bauernhof im Nachbardorf, wo er sich in Zwölf-Stunden-Schichten das Abendessen und den Schlafplatz verdiente. Jahrelang. Da war nix mit Selbstentfaltung und um die eigenen Gefühle küm-mern. Da ging es ums Überleben. Wenn Opa davon erzählt, bin ich es, der ihn fragt, wie sich das angefühlt hat. Naja: Wie sich körperliche Arbeit eben anfühlt. Anstelle eines emotionalen Tagebuchs zeigt er mir Zusammenhänge auf, erklärt seinen Weg, innerlich versöhnt mit den verpassten Lebenschancen. Und von denen gab es genug: Mein Opa ist wegen dieser Lebensphase weit hinter seinen intellektuellen Möglichkeiten zurückgeblieben, hat weder eine Ausbildung noch Karriere gemacht. Opa hatte offenbar kein naturgegebenes Anrecht auf emotionale Entfaltung. Trotzdem wirkt er glücklich.
Wir hingegen nähern uns der Zukunft mit emotionaler Erwartung: Der Job sollte schon erfüllende Berufung sein, nicht schnödes Geldverdienen. Die Gemeinde stete Quelle spiritueller Inspiration. Der Urlaub darf mich nicht einfach entspannen – einmal Paragleiten sollte schon drin sein. Nicht nur für Facebook, nein, auch für die ungesättigte Seele.
Aus Angst, wichtige Gefühle zu verpassen, wechseln wir den Partner, wenn das letzte Hoch zu lange her ist, kündigen bei Langeweile schnell den Job, schenken uns Jochen-Schweitzer-Geschenkgutscheine zum Geburtstag. Wie eine gehetzte Meute, die sich von der Sehnsucht nach dem nächsten Höhepunkt durchs Leben schubsen lässt. „Here we are now. Entertain us.“ (Kurt Cobain)

ES GIBT EIN „ZU VIEL“

Mir ist das manchmal zu viel. Ich beobachte so etwas wie eine Überreizung, als wollten wir zu viel Gefühl auf einmal. Eindrücke können nicht mehr wirken, weil sie von neuen Erfahrungen überlagert werden. Wir packen zu viel in zu kurze Zeit – so wie japanische Reisegruppen, die in 5 Tagen Europareise 10 Städte sehen und 12.000 Fotos schießen, ohne auch nur einen einzigen Ort wirken lassen zu können. Die Gefühlssehnsucht scheitert an den emotionalen Kapazitäten der Seele.
Das ging auch einer Freundin so, die sich vor ihrer Hochzeit derart akribisch auf das Buffet vorbereitete, dass ihr der Koch entgegnete: „Sorgen Sie sich mehr um den Geschmack ihrer Gäste als um ihren eigenen. Sie selbst werden nicht viel vom Buffet haben vor lauter Aufregung.“ Er sollte Recht behalten. Der schönste Tag ihres Lebens rauschte einfach an ihr vorbei, ohne dass sie sich bei der Fülle an Eindrücken wirklich ein-fühlen konnte.
Gefühle sind nur so wertvoll, wie wir sie noch wahrnehmen können. Deswegen haben wir mehr davon, wenn wir den Eindrücken genügend Zeit lassen, uns zu erreichen. Genuss beginnt mit Bewusstheit und Konzentration. Alles auf einmal lässt sich überhaupt nicht mehr „fühlen“.

GEFÜHLE, DIE SICH UNS AUSSUCHEN

Und dann gibt es Gefühle, um die haben wir nicht gebeten und die taugen auch nicht für Facebook. Die wollen wir uns nicht gönnen und trotzdem sind sie da. Aber: Sind wir ihnen wirklich hilflos ausgeliefert? Ich glaube nein. Wenn ich meinen Opa sehe, erkenne ich: Er musste lernen, eigenständig über den negativen Gefühlen und den Erfahrungen des Scheiterns zu stehen. Ganz anders wir: Bis wir heute erwachsen sind, haben wir gelernt, dass sich jemand darum kümmert. Wir schieben die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle an andere ab. Und machen Gefühle dramatischer als sie sind. „Jeder Mensch braucht einen Coach“, behauptet ein Personal-Life-Coach auf seinem Youtube-Kanal. Ach, wirklich? Für das, was in mir passiert, muss ich zuallererst selbst die Verantwortung übernehmen. Dafür muss ich einsehen, dass ich mit meinen Gefühlen nicht im luftleeren, privaten Raum lebe, sondern mit ihnen wahrgenommen und zum Spielball fremder Interessen werde. Die großen Inszenierungen unserer Zeit zielen auf unseren Gefühlshaushalt – Nordkoreas Militärparaden genauso wie die Championsleague, der Winterschlussverkauf oder der nächste Wahlkampf. Man könnte meinen, wir seien alle Teil einer riesigen Gefühlsmaschinerie, die der Philosoph Peter Sloterdijk vor Jahren „Erregungsgemeinschaft“ nannte und im Interview mit dem Spiegel vor ihr warnte, solche emotionalen Liturgien würden nach bestimmten Regeln erzeugt und seien von Haus aus instrumentalisierbar. „Die Samstagsunterhaltung und der Wille zum Krieg sind psychologische Verwandte.“ Können wir uns angesichts dieses Verdrängungskampfes um unsere Gefühle überhaupt leisten, das alles in uns aufzusaugen, uns unreflektiert mitzuärgern oder enthemmt zu applaudieren?

SELBSTBEHERRSCHUNG – EINE VERGESSENE TUGEND

Abhilfe verspricht eine vergessene Tugend: Die emotionale Selbstbeherrschung. In der griechischen Philosophieschule der Stoa galt es als erstrebenswert, sein Los akzeptieren zu  lernen und in der Selbstbeherrschung Gelassenheit und Seelenruhe zu entwickeln. Für die Stoiker galt das auch als Prämisse ihrer Lebensentwürfe: „Züchtige deine Leidenschaften, damit du nicht von ihnen gezüchtigt wirst“, befand Epiktet. Würdevolle Einfachheit als Gegenentwurf zu üppiger, emotional-überreizter Lebensführung – gut möglich, dass sich die frühen Christen in Griechenland von den Stoikern inspirieren ließen, die zur Zeit der ersten Gemeindegründungen die vorherrschende Philoso-phenströmung darstellten. Paulus jedenfalls klingt ganz ähnlich, wenn er nüchtern die Rahmenbedingungen seines Lebens in der Nachfolge einordnet: „Da ich weiß, dass es für Christus geschieht, bin ich mit meinen Schwächen, Entbehrungen, Schwierigkeiten, Verfolgungen und Beschimpfungen versöhnt. Denn wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ (2. Korinther 12,10)

In unserer gefühlsverwöhnten Kultur könnte der Wert von Gelassenheit ganz neu an Bedeutung gewinnen. Gelassen das Rennen um das nächste Must-Feel abblasen. Gelassen den möglichen Schicksalsschlag einkalkulieren und davon ausgehen, dass auch der mich nicht umhauen kann. Gelassen Phasen der Langeweile aushalten und das Scheitern akzeptieren. Gelassen nicht anstecken lassen von der reflexartigen Reaktion der anderen – im Fußballstadion, in der Politik, in der Gemeinde. Wir könnten zumindest mal versuchen, uns etwas zusammenzureißen. Damit Gefühle nicht mehr Raum einnehmen, als ihnen zusteht. In der richtigen Dosis bedeuten sie sogar Lebensqualität und -intensität. Und das wäre doch für alle Beteiligten erstrebenswert: die nächste Party ohne emotionalen Zusammenbruch überstehen zu können.

PASCAL GÖRTZ  will sich weniger unnötig ärgern und erfolgreich gegen Gefühlsvereinnahmung immunisieren.

Und wie?

Wir sind gespannt auf eure Antworten in den Kommentaren!

(Quelle: www.thinkstockphotos.de)

Selbstvergessen

EINE BEGEGNUNG MIT DEM LIEBESGEBOT
JESUS IST LIEBE. KEIN ANDERES WORT BESCHREIBT SO STIMMIG DIE GRUNDAUSRICHTUNG IN SEINEM AUFTRETEN. IHM NACHZUFOLGEN BEDEUTET, ZU LIEBEN. UND DIE ERFAHRUNG ZEIGT: DIE LIEBE SCHEITERT AN DER SELBSTVERGESSENHEIT. AUS LIEBESLUST WIRD LIEBESFRUST. EINE BEGEGNUNG VON IDEAL UND WIRKLICHKEIT.

Die Menschen, die mit Jesus unterwegs waren, die mit ihm durchs Land zogen und ihn hautnah erlebten, wurden jeden Tag mit dieser Liebe konfrontiert. Er aß mit Ausgestoßenen, heilte die Kranken und stellte sich zu den Armen. Er brach viele Tabus, um mit Menschen Tischgemeinschaft zu haben, die beim religiösen Establishment als Ausgestoßene galten.
So lebte Jesus sichtbar die Überzeugung, dass Gott alle Menschen liebt. Nicht nur die Frommen, nicht nur die Reichen, nicht nur die, die uns gerade in den Kram passen und die so aussehen, als könnten sie Gott gefallen. Er war überzeugt: Gott macht in seiner Liebe keine Unterschiede (Matthäus 5,43ff). Und er hat es geschafft, die Welt und die Menschen mit Got-tes Augen zu sehen und sie mit Gottes Liebe zu lieben. Und als seine Nachfolger beruft er uns, in seine Fußstapfen zu treten.
So viel zur Theorie. Wenn wir jetzt aber mal ins „wirkliche Leben“ schauen – wie sieht diese Liebe dann praktisch aus?

LIEBE SPIELT NICHT IN DIE EIGENE TASCHE
Das Einzigartige an der Liebe Gottes ist, dass sie sich grund-legend davon unterscheidet, wie Liebe und Anerkennung zwi-schen Menschen normalerweise funktionieren. Wir machen unsere Wertschätzung in der Regel davon abhängig, was jemand geleistet hat, was er zur Gesellschaft beitragen kann, was er tut, wie er aussieht oder auch einfach, ob wir ihn sym-pathisch finden. Gott tickt völlig anders: Bei ihm kriegen wir nicht das, was wir verdienen. Er lässt seine Liebe nicht durch unser Wesen oder unser Verhalten beeinflussen. Er liebt uns auch, ohne dass wir seine Liebe erwidern. Wenn man so will, handelt Gott hier komplett unwirtschaftlich. Er investiert, ohne etwas dafür zu bekommen.

Den vollständigen Artikel liest du in der Ausgabe 1/16. Hier abonnieren oder kostenlos testen…

9 Sätze, die einem in der Weihnachtszeit durch den Kopf gehen

  1. „ICH HÄTTE SCHON IM JULI MIT DEM GESCHENKEKAUFEN ANFANGEN SOLLEN.“
    Jedes Jahr gibt’s den gleichen Stress – und jedes Jahr den Vorsatz, es nächstes Jahr anders zu machen.
    Ganz bestimmt.
  2. „GENUG PLÄTZCHEN FÜR HEUTE … OH, VANILLEKIPFERL!“
    Wieso backt Muttern auch so gut? Aber hey, so ein Verhalten ist nur natürlich. Die kalte Jahreszeit erfor-dert schließlich ein extra Wärmepolster.
  3. „DAS LEBEN WAR EINFACHER, ALS SICH ALLE EHRLICH ÜBER SELBSTGEMALTE BILDER VON MIR GEFREUT HABEN.“
    Wieso hören die Leute irgendwann auf, das süß zu finden? Die Bilder sehen immerhin noch genauso aus wie damals. Und sie kommen mehr von Herzen als ein Paar Socken. Aber irgendwann muss man wohl erwachsen werden …
  4. „JINGLE BELLS, JINGLE BELLS …“
    Schon im Spätsommer fangen die Läden an, ihre Weihnachtsplaylist rauf- und runterzuspielen. Der Ohrwurm lässt dann nicht lange auf sich warten – und bleibt bis Februar.
  5. „DIESES JAHR BESCHENKE ICH WIRKLICH NUR DIE ALLERWICHTIGSTEN LEUTE!“
    Wobei …, die Mitbewohner kann man nicht leer ausgehen lassen. Oder die liebsten Kommilitonen. Dann aber wirklich nur noch die Hauskreisleute. Und der Briefträger …?
  6. „WIR SIND SO EIN VERRÜCKTER HAUFEN.“
    Wem ist dieser Gedanke beim Anblick seiner Familie noch nicht in den Sinn gekommen – trotz aller nervigen Tradi-tionen, überneugierigen Verwandten und nur knapp vermiedenen Eskalationen auf Familienfeiern. Meis-tens folgt auf den Gedanken ein seltsam behagliches Gefühl der Zusammenge-hörigkeit und der Vorsatz: „Ich sollte öfter mal nach Hause fahren.“
  7. „UND WAS MACH ICH SILVESTER?“
    Dieses Jahr bitte mal etwas anderes. Am liebsten eine große Party. Oder ein Städtetrip! Vielleicht sogar ein Kurz-urlaub? Die Ideen sprudeln über. Bis man sich am Ende doch beim Raclette-Essen mit den üblichen Verdächtigen wiederfindet.
  8. „SOLLTE ICH MICH SCHLECHT FÜHLEN, WEIL ICH MIR MEHR GEDANKEN ÜBER MEIN WEIHNACHTSOUTFIT MACHE ALS ÜBER JESU GEBURT?“
    … oder mehr Gedanken über das Essen, das perfekte Geschenk oder die Weihnachtsdekoration? Manchmal will sich die ehrliche Dankbarkeit einfach nicht so richtig einstellen. Dramatisch? Nein. Aber es könnte einen dazu bewegen, sich ein paar ruhige Minuten freizuschaufeln, um mit seinem Gott alleine zu sein. Vielleicht ganz entspannt, wenn die Feiertage vorbei sind.
  9. „DAS GING ABER SCHNELL!“
    Time flies. Schon ist Weihnachten vorbei, dann der Dezember – und damit ein ganzes Jahr. Dabei hatte man sich doch gerade erst angewöhnt, im Datum die richtige Jahreszahl zu schreiben … Also dann, auf ein Neues!

Zerrissen sind wir alle

MERKWÜRDIG, WIE NAH SICH GLÜCK UND UNGLÜCK MANCHMAL KOMMEN – GEOGRAFISCH, ZEITLICH, EMOTIONAL. WIE GLEICHZEITIG SIE EXISTIEREN. AUCH UTA-ROSA STRÖBEL FÜHLT SICH DAVON HERAUSGEFORDERT – UND TRIFFT EINE  FOLGENSCHWERE ENTSCHEIDUNG.

Manchmal kann ich das alles einfach nicht mehr sehen. Da steht, dass eine Mutter und ihr Säugling auf der Bundesstraße verunglückt sind, zurück bleiben Vater und Tochter. Hier, eine Seite weiter, ist ein Bild von Menschen, die im Regengrau auf der beschwerlichen Reise nach Europa sind. Mehr geht nicht, denke ich dann und schließe die Zeitung.
Aber ich kann es nicht ganz abschütteln. Ein Gedanke lässt mich nicht los: Niemand fragt diejenigen, die leiden, wie viel mehr noch geht, wie viel mehr sie noch ertragen. Während ich zwischen Mittagessen und Kaffeetrinken entscheide, welche Nachrichten ich in mein Herz lasse, haben die Protagonisten der Nachricht keine Wahl: Es geht um ihr Leben. Niemand fragt, wie viel noch geht.

IM SCHMERZ GETRENNT
Was auf dieser Welt manchmal passiert, ist unfassbar. Niemand hat Krieg verdient, kein Land, keine Kultur, kein Mensch sollte dort leben müssen, wo geschossen wird, wo Sirenen Angriff bedeuten statt Feuerwehrübung am Samstagnachmittag. Auch im Inneren mancher Menschen wütet Krieg. Wie ein Presslufthammer, der alles entzwei reißt. Wenn sich die Eltern plötzlich scheiden lassen, wenn die Krebsdiagnose verkündet wird, das Baby die Nacht nicht überlebt hat.
Wir sind alle gleich, in uns wurde der gleiche Wert gelegt, egal, wo, wie und als wer wir geboren sind. Doch uns unterscheidet massiv, welchen Leiden und Schmerzen wir ausgesetzt sind und wurden. Ich kenne Verlust, echten Verlust, bis jetzt nur aus Beschreibungen. Natürlich bekomme ich nicht immer, was ich will. Ich habe schon den falschen Leuten vertraut, mich schmerzhaft verletzt und Lebenschancen verpasst. Freundschaften sind auseinandergegangen und kleine und große Träume geplatzt. Aber in Relation zu dem, was alles bis jetzt leicht war in meinem Leben, ist das etwa so, als hätte das Auto, das mir gerade jemand geschenkt hat, hinten links einen kleinen Kratzer.

LEBEN IM PALAST
Natürlich bin ich nicht gefeit davor, was die Zukunft an Schönem und Schwerem bringt. Es ist nun mal so: Aktuell geht es mir bestens, während die Welt um mich rum Kopf steht. Menschen, die ich gut kenne, und Menschen, über die ich in der Zeitung lese, erleiden teilweise Unsägliches. Dieses Phänomen gab es vor unserer Zeit noch nie: einerseits ein Gefühl größtmöglicher Sicherheit, Perspektive und Freiheit und gleichzeitig ständige Konfrontation mit dem, was überall auf der Welt passiert. Im Mittelalter lebten alle entweder mitten im Geschehen – oder ganz, ganz weit weg. Als Prinz bekam man kaum mit, was in der Gosse passierte. Der goldene Palast wurde – wenn überhaupt – dann nur für die goldene Kutsche verlassen. Getrennte Welten.
Auch ich lebe in einem Palast, in meinem großen Zimmer in einer wundervollen Wohngemeinschaft, mit einem Supermarkt nebenan und großartigen Zukunftsplänen. Ich habe kein echtes Gefühl für die dunkle Seite des Lebens. Ich kann mir nicht vorstellen, was man durchmacht, wenn sich die Eltern trennen, die Freundin stirbt, das Haus zerbombt ist. Es gibt Dinge, die versteht man erst, wenn man sie selbst aushalten muss. Esther Maria Magnis beschreibt das in ihrem poetischen und ehrlichen Buch „Gott braucht dich nicht“. Als sie siebzehn war, starb ihr Vater an Krebs. Sie erkannte über das Leiden: „Es ist ein Unterschied, ob man was im Fernsehen gesehen hat, was einen unendlich entsetzt und intellektuell fragen lässt, wie Gott, wenn es ihn gibt, das zulassen kann. Oder ob man die Frage kaum noch stellen kann, weil man so wundgeprügelt ist, dass man selbst zur Frage wird.“
Wir sind es gewohnt zu antworten. „Wann kommt der Bus?“, fragt jemand und wir sagen: „In zweieinhalb Minuten“, und alles ist gut. Frage – Antwort, das ist das Spiel. „Was kommt nach dem Tod?“, fragt jemand, der leidet, und wir versuchen irgend-eine Antwort zu finden, dabei können wir es einfach nicht wissen. Gott weiß schon, sagen wir, und: „Es war wahrscheinlich alles besser so.“ Jede Antwort ist eine Lüge, weil wir schon die Frage nicht wirklich verstehen können. Es ist ein Unterschied, ob ich am Grab meines Bruders frage, wieso Gott Leid zulässt oder in einem Aufsatz für die Uni. Wir sind es gewohnt, diese Floskeln als Antworten zu geben für Menschen, die leiden – und diese Sätze auch ein bisschen zu glauben.

LERNEN VON DER HÖLLE DER ANDEREN
Esther schreibt, dass nur ihre Haushälterin Tota sie in der här-testen Zeit trösten und ihr zusprechen durfte, dass Gott trotzdem da war. „Tota durfte alles sagen. Sie hatte in Bosnien die Hölle erlebt, und wenn sie von Gott sprach, klang es realistischer als das Grauen, was sie gesehen hatte.“
Auch Corrie ten Boom ist durch die Hölle gegangen. Vor über siebzig Jahren  musste sie als Insassin in einem Kon-zentrationslager erleben, was es bedeutet, verzweifelt zu sein. Durch die brutalen Bedingungen der Haft kam ein Großteil ihrer Familie ums Leben, sie selbst musste jahrelange Zwangsarbeit, Unterernährung und Misshandlung ertragen. Im
Konzentrationslager aber ist sie eine authentische Hoffnungsgeberin, sie tritt für Menschlichkeit und Ehrlichkeit in der Hölle auf Erden ein. Sie hält an Gottes Güte fest, wenn sie beim Morgenappell nicht mehr länger stehen kann, weil ihre Kräfte nachlassen. Nach Ende des Krieges setzt sie sich für Versöhnungs- und Vergebungsarbeit ein, auf der ganzen Welt hält sie Vorträge, die alle die Überschrift „Hoffnung“ tragen. Wenn sie die Hoffnung für die Menschen, für diese Welt, in tiefster Verzweiflung und Angst um sich und andere nicht aufgibt, wieso sollte ich das dann müssen?
Manchmal können nur die trösten, die selbst den größten Verlust erlitten haben. Als die Schwester meiner guten Freundin starb, war ich so entsetzt, dass ich in eine Art innere Schockstarre fiel. Erst, als ich ihre Familie besuchte, kamen die Tränen. Ausgerechnet, als mir die Mutter die Tür öffnete, brach alles aus mir heraus. Da stand ich nun, gekommen, um zu helfen, und musste von der getröstet werden, die ihre Tochter verloren hatte. Das erinnert an die Bibelverse: „Glückselig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn sie werden Gerechtigkeit erfahren“ und „Glückselig sind die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden.“ Lange dachte ich, es wäre nur eine Verheißung für die, die weinen oder kämpfen müssen. Doch je mehr ich Zeitung lese, je mehr ich versuche zu verstehen und ein bisschen zu helfen, je öfter mein Herz mitleidet an der Ungerechtigkeit der Welt, desto mehr ist dieses Bibelwort auch Trost für mich. Das hier ist nicht aller Gerechtigkeit Ende.

SICH SEIN EIGENES GLÜCK GÖNNEN
Immer, wenn ich glücklich bin und umringt von meinen Besten große Pläne schmiede, schießt mir durch den Kopf, was für ein Privileg das ist. Dann muss ich an all die denken, die weder ihre Leute um sich haben können, noch bunte Pläne schmieden dürfen. Dann hält mich deren Unglück davon ab, in meinem „eigenen“ Glück ganz befreit zu sein. Obwohl es lächerlich ist, bin ich kurz davon genervt. Habe ich denn nie meine Ruhe? Ich erwische mich dabei, eine Lösung für das Leid der Welt finden zu wollen, nur um mein eigenes Glück besser „aushalten“ zu können. Wieso darf ich jeden Abend in mein weiches, großes, sauberes Bettchen kriechen, während dein Bett vor einem Jahr weggebombt wurde? Wieso darf ich mit meiner Familie in den Urlaub fahren, und deine Mutter ist so schwer krank? Manchmal will ich Antworten für dich, damit auch ich beruhigt sein kann. Mein Herz wünscht sich Frieden für dich, damit ich meinen Frieden besser genießen kann. Was für eine doppelte Ironie!

GLÜCKLICH OHNE HAPPY ENDING
Inzwischen weiß auch ich, dass es das Happy Ending hier auf Erden für uns alle nicht geben wird – vor allem nicht für alle auf einmal. „Es ist alles ein Haschen nach Wind“, steht im Prediger. Das Glück ist vergänglich und hoffentlich auch das Leid. Ich kann mich schlecht gegen das wappnen, was noch kommen wird, und das ist auch gar nicht meine Aufgabe. Genausowenig ist es meine Aufgabe, ständig glücklich zu sein. Ich will inzwischen gar nicht mehr herausfinden, wie ich mir meinen Herzensfrieden bestätige, obwohl so viel Schlimmes passiert. Meine Freude über mein jetziges Lebensglück darf und wird immer ein Stück Trauer beinhalten, um das, was wir alle verloren haben. Es darf und wird immer wieder passieren, dass mich ein Bericht in der Zeitung oder die traurige Nachricht eines Freundes völlig zerreißt, während ich gleichzeitig persönlich ganz fröhlich in Österreich Snowboarden bin. Ich weiß: Es bringt den Trauernden nichts, wenn alle anderen auch weinen. Mir ist nur wichtig, aneinander teilzuhaben.
„Es muss doch irgendeine beschissene Hoffnung geben“, schreibt Esther Maria Magnis am Anfang in „Gott braucht dich nicht“. Auch wenn das Buch am Ende noch trauriger endet als es anfing, bleibt das Gefühl zurück, dass sie diese Hoffnung tatsächlich gefunden hat.

UTA ROSA STRÖBEL hat gelernt, ihr Glück auszuhalten – weil sie nicht darauf warten kann, dass irgendwann mal alle gleichzeitig glücklich sind.

Juri Friesen: „Sie danken Gott für den Krieg“

EINE WOCHE LANG ERMUTIGTE JURI FRIESEN ALS BOTSCHAFTER FÜR OPEN DOORS SYRISCHE FLÜCHTLINGE IM LIBANON: LANGJÄHRIGE CHRISTEN, EVANGELISTEN, KONVERTITEN. BEIM ANSCHLIESSENDEN REDAKTIONSBESUCH SPRACHEN WIR ÜBER SEINE ANGST, WISCHI-WASCHI-GEBETE UND CHANCEN IN DER FLÜCHTLINGSKRISE.

WENN DU MIT ETWAS ABSTAND DIE BILDER AUS DEM LIBANON SIEHST, WAS GEHT DIR DABEI DURCH DEN KOPF?
Ich habe gemerkt, das macht was mit mir. Die Gefühle kommen sofort wieder hoch. Es ist intensiv. Ich war da und habe mit Menschen gesprochen, die die schlimmsten Dinge erlebt haben. Die Zeit vor Ort war so kurz – ich bin gar nicht dazu gekommen, das alles zu verarbeiten Zurück im Alltagsstress ist vieles davon wieder in den Hintergrund geraten. Wie lange liegt das zurück? Zwei Monate? Es fühlt sich an wie ein halbes Jahr.

ALS DU GEFRAGT WURDEST, WIE LANGE HAST DU GEBRAUCHT, UM JA ZU SAGEN?
Meine erste Reaktion war: Ja. Voll gut, ich bin dabei! Der Gedanke war sofort aufregend.

TROTZ DER REISEWARNUNGEN DES AUSWÄRTIGEN AMTES?
In den Tagen davor wurde mir schon mulmig. Ist das wirk-lich dran oder doch zu gefährlich? Mir war bewusst, dass ich auf dem Weg in die gefährlichste Ecke dieser Welt war, mit Menschen, die ich kaum kannte. Aber das ging schnell vorbei. Von Schritt zu Schritt habe ich gemerkt, Gott ist mit dabei. Ich habe mich vor unserer Reise gefragt, wie man mit dem ganzen Leid und dem schwierigen Thema Christenverfolgung umgeht und sich ihm Tag für Tag wieder aussetzt. Ich war schockiert, von dem, was ich gesehen habe. Aber ich hab halt auch gesehen, dass Gott den Menschen vor Ort begegnet. Auch gerade auf Übernatürliche Art und Weise. Die Apostelgeschichte findet gerade im Libanon statt. Die Balance von Leid auf der einen Seite und Gottes Gegenwart und Handeln auf der anderen Seite macht es möglich, das Leid auszuhalten. Diese Balance hatte ich vorher so nicht gesehen.

DEIN AUFTRAG WAR, ERMUTIGUNGSKARTEN DORTHIN
ZU TRANSPORTIEREN. WAS GENAU IST DA PASSIERT? BESCHREIBE MAL DEN WEG EINER KARTE VOM ABSENDER ZU SEINEM EMPFÄNGER.
Die Ermutigungskarten wurden beim Open Doors-Jugendtag von Jugendlichen auf Kongressen gestaltet und geschrieben. Wir haben dann vor Ort im Libanon nach Kanälen gesucht, um die Karten in Stapeln weiterzugeben und von den Leuten verteilen lassen zu können. Eine Jugendgruppe, die wir dort getroffen haben, war unglaublich aus dem Häuschen und sehr berührt. Sie haben ganze Stapel mit hunderten von Karten mitgenommen. Andere waren vorsichtiger. Ein Pastor nahm nur zehn mit, weil er durchs Kriegsgebiet zurück nach Aleppo musste und sich damit noch mehr in Gefahr bringen konnte. Ihm gegenüber habe ich mich sogar ein bisschen geschämt. War das wirklich alles, was wir ihnen geben konnten? Er sitzt mit seinen 200 älteren Gemeindemitgliedern in Aleppo fest und dient ihnen unter Einsatz seines Lebens – da hab ich mich schon gefragt: Wie kann man diesen Leuten nur wirklich helfen? Was bringen da ein paar Karten?
GAB ES MOMENTE, IN DENEN DU GEMERKT HAST, JETZT HAST DU EINEN HÖHEREN PULSSCHLAG ALS NORMAL?
Nur am Anfang am Flughafen, als ich Angst hatte, dass die Karten im Gepäck auffliegen. Während der Reise überhaupt nicht. Die Menschen dort sind so optimistisch und voller Freude, so glücklich und gleichzeitig offen, auch was den Glauben angeht – wenn du mit diesen Leuten zusammen Im Gebet mit einer syrischen Familie.
bist, dann überkommt dich keine Furcht! In Deutschland würden wir denjenigen zur Seite nehmen und ihn trösten. Ihn erst einmal eine Therapie machen lassen. Im Libanon habe ich live miterlebt, wie den Ex-Moslems, die zum Glauben gekommen sind, gesagt wird: „Jetzt hast du’s verstanden und bist bereit, zurück nach Syrien zu gehen und zu evangelisieren.“

HAST DU SIE MAL GEFRAGT, WIE SIE DAS MACHEN – DIE GANZEN SCHRECKEN DER VERGANGENHEIT HINTER SICH LASSEN?
Wir haben immer wieder gefragt, ob sie ihre Entscheidung für Jesus bereut haben. Und sie haben uns jedes Mal von Herzen ausgelacht. …

Das vollständige Interview liest du in der Ausgabe 1/16. Hier abonnieren oder kostenlos testen…

6 Möglichkeiten, Gott im stressigen Alltag unter zu bringen

1. Klebe dir einen Zettel an den Spiegel …

… auf dem „Hilfe“ steht. Erzähl Gott beim Schminken, Zähneputzen oder Haarestylen, was dich beschäftigt und wo du ihn heute besonders brauchst.

2. Lade dir eine App herunter …

… die dir täglich einen Bibelvers mitgibt. Der liest sich auch schnell auf dem Weg zur Uni oder beim Mittagessen.

3. Suche dir eine bestimmte Person aus …

… bete einen kurzen Satz für sie, wenn du sie siehst. Vielleicht versuchst du auch herauszufinden, womit sie gerade zu kämpfen hat. Nach einer Woche oder einem Monat kannst du jemand Neues auswählen.

4. Schreibe dir Anliegen auf …

… die dir unterwegs einfallen: auf deinem Handy, im Timer oder auf einem Zettel im Portemonnaie. Dann hast du sie nicht vergessen, wenn du später einen ruhigen Moment hast. Und du hast den Überblick, welche  Probleme sich im Laufe der Zeit schon gelöst haben.

5. Stell als Wecker ein Lobpreis-Lied ein …

… so beginnst du den Tag ungezwungen mit Gott und musst nicht groß selbst formulieren.  Achtung: Am besten wählst du nicht dein Lieblingslied. Nach einiger Zeit als Weckermelodie wird es dir vielleicht nicht mehr so gut gefallen!

6. Wenn du einen glücklichen Moment erlebst …

… mache ein Foto von der Situation oder einen Strich auf einer Liste. Wie viele Momente hast du am Ende der Woche gesammelt?  Lass sie Revue passieren und danke Gott dafür.

Das grosse Kirchenfasten

WARUM DIE MENSCHEN, DIE JESUS LIEBTE, HEUTE AUF DIE KIRCHE VERZICHTEN

WAS WÜRDE GESCHEHEN, WENN ES IN DEN GEMEINDEN KEIN DRINNEN UND DRAUSSEN MEHR GEBEN WÜRDE, SONDERN NUR NOCH DAS MITEINANDER DER GEBROCHENEN AUF DEM WEG IN SEIN REICH?

Es wäre wohl für jeden Gastgeber das Worst-Case-Szenario gewesen: Jesus ist zu Besuch, das Who is Who des Dorfes steht beisammen, als sich „die Sünderin“ von hinten an Jesus heranmacht, sich vor ihm niederkniet, ihre Tränen auf seine Füße fallenlässt und sie mit ihren offenen Haaren trocknet … Der Evangelist Lukas beschreibt diese delikate Szene (Lukas 7,36-38) in erstaunlicher Direktheit. Mich hat diese Begegnung schon als Jugendlicher fasziniert, gerade weil Jesus sich dabei so unglaublich gelassen und gleichzeitig – zumindest in der Wahrnehmung seiner Zeitgenossen – so selbstverständlich anstößig verhält. Und eigentlich kann man die moralischen Bedenken des Gastgebers ja nachvollziehen: Was da zwischen der Prostituierten und Jesus passiert, hat eine unverhohlen erotische Komponente. Ja, diese Szene hat es in sich und sie wird noch skandalöser: Die unbekannte Verehrerin beginnt auch noch, Jesus die Füße zu küssen und mit einem teuren Balsam zu salben. Als ob diese Begegnung nicht inmitten einer illustren Gesellschaft von religiösen Würdenträgern stattfindet, sondern in einem intimen Tête à Tête hinter verschlossenen Türen. Und Jesus lässt es zu …

JESUS BEGEGNEN – UM JEDEN PREIS

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich das blanke Entsetzen auf den Gesichtern der geschockten Pharisäer vorzustellen. Für viele war es wohl der finale Beweis für die totale Verkommenheit dieses angeblichen Rabbiners aus Nazareth, um den sich je länger je mehr der gesellschaftliche Abschaum scharte (z. B. Lukas 15,1ff). Die Begegnung zwischen dieser verachteten Frau und Jesus berührt durch die Entschlossenheit eines Menschen, der ohne Rücksicht auf die möglichen Konsequenzen die Nähe dieses einzigartigen Mannes aus Nazareth sucht. Sie will zu ihm, sie muss ihn sehen, sie will ihm mit ihren Mitteln zeigen, wie sehr sie ihn verehrt, koste es, was es wolle. Dabei bleiben die Beweggründe der Frau für uns im Dunkeln: Wir wissen nicht, was sie, die Geächtete, dazu gebracht hat, ausgerechnet ein Treffen der religiösen Schickeria zu entern und Jesus auf diese spezielle Art ihre Zuneigung zu offenbaren. Gehörte sie zu jenem „Gesindel“, das die Nähe zu Jesus suchte, um ihm zuzuhören? Was genau erzählte Jesus diesen Menschen, zu denen fromme Juden die größtmögliche Distanz wahrten, um durch deren offensichtliches kultisches oder sittliches Versagen nicht selbst verunreinigt zu werden? Wir können aus der intimen Interaktion zwischen der Frau und Jesus nur erahnen, dass sie eine tiefgreifende Erfahrung der Vergebung machen durfte. War es diese liebevolle Annahme, die es der Frau ermöglichte, sich entgegen der alltäglich erlebten Verachtung, so zu sehen, wie Jesus sie ansah – als ein Mensch mit unverlierbarer Würde? In diesem Blick steckt die ganze Anziehungskraft, die Jesus auf die Menschen an den Rändern der damaligen Gesellschaft ausübte.

DIE ANZIEHENDE HEILIGKEIT JESU

Dieselbe Anziehungskraft lässt auch mich nicht los: Jesus galt als Repräsentant des Heiligen schlechthin, diesbezüglich waren sich die sichtbare (Johannes 6,68) und unsichtbare Welt (Lukas 4,34) einig. Das Erstaunliche an dieser Heiligkeit Jesu: Sie strahlte ausgerechnet auf all jene Menschen eine enorme Attraktivität aus, die das Gegenteil des „Heiligen“ verkörperten. Prostituierte, Ehebrecherinnen, Zöllner, die mit den Römern gemeinsame Sache machten, und die große Menge der anderen „Sünder“. Über nichts ärgerten sich die religiösen Eliten seiner Zeit mehr als über den selbstverständlichen und liebevollen Umgang mit jenen Menschen, die als moralisch verkommen galten. „Er frisst und säuft, und seine Freunde sind die Zolleinnehmer und anderes Gesindel!“ (Lukas 7,34) Und diese Verstoßenen und Geächteten spürten die Zuneigung, die er ihnen entgegenbrachte, und die Würde, die er ihnen durch sein Verhalten zusprach. Darum suchten sie seine Nähe und fühlten sich wohl bei ihm.

DIE ABSCHRECKENDE HEILIGKEIT IN DEN KIRCHEN

Und wie ist das bei uns, die wir ja dem Mann aus Nazareth nachfolgen – die wir ja keinen anderen Auftrag haben als denselben, den Jesus von seinem Vater erhalten hat (Johannes 20,21)? Wird auch uns vorgeworfen, dass die mora-lisch Fragwürdigen unsere Freunde sind? Eine rhetorische Frage, leider: natürlich nicht, denn in unseren Gemeinden fehlen jene Menschen, die einen Lebensentwurf jenseits der all-gemein anerkannten christlich-moralischen Grundordnungen leben. Damit kein Missverständnis aufkommt: Mir ist diese Kategorisierung von Menschen aufgrund eines (vermeintlich) moralisch-defizitären Lebenswandels zuwider. Und doch muss ich sie nennen, da viele Christen diese Einschätzung teilen: Prostituierte, Schwule und Lesben, Transvestiten, Zuhälter, Dealer, Menschen mit Suchtproblemen und generell Menschen aus dem Milieu müssen sich ändern, wenn sie Teil der christlichen Gemeinde werden wollen.
Genau diese Haltung der Abgrenzung prägt unsere Gemeinden und sie bestimmt unsere Ausstrahlung als christliche Gemeinschaft. Unser Verständnis von Heiligkeit ist ein moralisches, ob wir dies nun bewusst reflektiert haben oder einfach unbewusst leben. Darin sind wir den Pharisäern des ersten Jahrhunderts erschreckend ähnlich. Doch genau diese moralische Korrektheit, die vor allem das sittlich korrekte Verhalten im Fokus hat, wirkt auf Menschen, die diesen moralischen Anforderungen nicht entsprechen wollen und wohl viel öfters auch nicht entsprechen können, höchst unattraktiv, ja sogar abschreckend. Wir verscheuchen all jene Menschen, die anders leben, mit unseren Predigten, die auf sittliche Korrektheit zielen.
Die Heiligkeit Jesu zog die Menschen an, unsere Gemeindekultur stößt sie ab. Ich frage mich, was ist da schiefgelaufen? Diese Frage beschäftigt mich stark, weil mich die Tatsache schmerzt: Wir werden gerade von den Menschen gemieden, die von Jesus gar nicht genug bekommen konnten. Auf die Frage nach dem Warum habe ich keine abschließende Antwort, aber ich habe einige Fragen, die zu stellen nicht ganz unproblematisch ist. Der ein oder andere wird sie wohl als Zumutung empfinden. Und doch bin ich zutiefst überzeugt, dass wir uns ihnen stellen müssen.

WER BEI PAULUS UND WER BEI JESUS INS REICH GOTTES KOMMT

Ich frage mich, ob unsere Vorstellung von christlicher Nachfolge nicht zu stark vom paulinischen Verständnis der Nachfolge geprägt ist. Für Paulus stand fest: An einem moralisch-sittlichen Lebensvollzug wird gelebte Nachfolge erkennbar. Den Christen in Korinth macht er unmissverständlich klar, dass sie mit ihrer Lebensart die Zukunft aufs Spiel setzen: „Wisst ihr denn nicht, dass Unge-rechte das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht! Wer Unzucht treibt, die nichtigen Götter verehrt, die Ehe bricht, sich gehen lässt, mit Männern schläft, stiehlt, rafft, auch wer trinkt, andere beschimpft oder beraubt, wird das Reich Gottes nicht erben.“ (1. Korinther 6,9-10)
Paulus benennt die Eintrittsbedingungen ins Reich Gottes: Erfüllt die moralischen Standards und haltet euch an die korrekte kultische Verehrung. Aber: Decken sich diese Kriterien mit dem, was Jesus verkündet?
Jesus verurteilt in den Evangelien an keiner einzigen Stelle einen Menschen, der sich moralisch-sittlich unkorrekt verhält. Im Gegenteil, er nimmt die beim Ehebruch ertappte Frau vor der legitimen Strafe des mosaischen Gesetzes in Schutz und fordert sie auf, in Zukunft anders zu leben (vgl. Johannes 8,1-10). Was Jesus dagegen in Rage brachte und was er durchaus hart verurteilte, waren Heuchelei, Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit. Genau dies wirft er ausgerechnet denen vor, die moralisch und sittlich über jeden Zweifel erhaben sein wollen: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel, lasst aber außer Acht, was schwerer wiegt im Gesetz: das Recht, die Barmherzigkeit und die Treue (oder Glaube). Dies aber sollte man tun und jenes nicht lassen.“ (Matthäus 23,23)
Jesus macht klar, was vor allen anderen Geboten das wichtigste Anliegen des Gesetzes ist: das rechte zwischenmenschliche Verhalten. Vor allem die Barmherzigkeit ist sein großes Thema, wie sie sich in alltagspraktischen Gesten und Handlungen zeigt (vgl. Lukas 6,36.37). Dass für Jesus das ethisch-rechte Verhalten zentral ist, wird an einer anderen prominenten Stelle von ihm unterstrichen: In der großen Rede vom Weltgericht lässt er keinen Zweifel daran, wer das Reich Gottes erben wird: „Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, empfangt als Erbe das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet. Ich war krank, und ihr habt euch meiner angenommen. Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Matthäus 25,34-36)

MENSCHEN MEIDEN DIE KIRCHE – WEGEN IHRER MORAL

Sowohl Jesus als auch Paulus verbinden mit dem Eingang ins Reich Gottes Bedingungen, die zu erfüllen sind, nur könnten sie unterschiedlicher kaum sein: Bei Jesus sind diese verhaltensethischer Natur, während Paulus – wohl aufgrund des Drucks eines weitgehend dekadenten Umfelds, in dem sich die ersten Gemeinden zu behaupten hatten – moralisch-korrektes Verhalten einfordert. Wie aber gehen wir heute mit dieser Spannung um? Wenn meine Beobachtung stimmt und das Zusammenleben von Christen – mehr oder weniger bewusst – von der Orientierung an den moralisch-sittlichen Forderungen geprägt ist, dann müssen wir uns mit den Folgen beschäftigen.
Was passiert, wenn man dem neutestamentlichen Moralkodex die Definitionsmacht zuerkennt zu entscheiden, wer drinnen und wer draußen ist? Führt nicht genau diese Haltung zu einem moralisch anspruchsvollen Heiligkeitsverständnis, das auch bei vielen Menschen in den Gemeinden ein Gefühl des ständigen Ungenügens weckt? Sind wir nicht schlussendlich selbst dafür verantwortlich, wenn unsere Gemeinschaften auf Menschen von außerhalb überfordernd und unattraktiv wirken? Zugespitzt formuliert: Verhindern Sätze wie der aus 1. Korinther 6, dass wir Menschen so selbstverständlich annehmen können, wie das bei Jesus der Fall war? Sind sie für diesen Abwehrreflex verantwortlich, den viele Christen in sich spüren, sobald ein Mensch mit einem Lebensvollzug außerhalb der eigenen, vermeintlich christlichen Moralordnung die Gemeinde betritt? Ja, ich wage zu fragen: Atmen die paulinischen Lasterkataloge wirklich denselben Geist, der uns im urteilsfreien Umgang Jesu mit den „Sündern“ entgegenkommt? Ist die rüde Forderung des Paulus: „Schafft den Bösen weg aus eurer Mitte“ (1. Korinther 5,13) vereinbar mit dem Hirten, der dem selbstverschuldet Verlorenen nachgeht, bis er ihn findet? (Lukas 15,1-7)
Paulus hatte eine alles verändernde Begegnung mit dem auferstandenen Jesus vor Damaskus. Das Kreuz war für ihn fortan so zentral, er konnte gar nicht anders, als seine Theologie darauf zu konzentrieren. Aber wie viel Kenntnis hatte Paulus von den Worten und vom Handeln des irdischen Jesus? Kannte Paulus beispielsweise das Gleichnis vom verlorenen Schaf, in dem Jesus klar macht, dass die Umkehr des Sünders ganz und gar von der bedingungslosen „Suche“, sprich Zuwendung Gottes abhängig ist?
Die überwältigende Mehrheit der Neutestamentler geht davon aus, dass Paulus die Evangelien in der vorliegenden Form gar nicht kennen konnte, weil sie noch nicht verfasst waren. Könnte es also sein, dass der von Paulus wiederholt geforderte moralische Lebensvollzug der Christen wesentlich von seiner pharisäischen Vergangenheit beeinflusst war, weil er den urteilsfreien Zugang Jesu zu den Menschen nicht oder nur unvollständig kannte?

DIE ALTERNATIVE: BARMHERZIGKEIT LEBEN, DEN HEILIGEN GEIST LEITEN LASSEN

Ich frage: Was würde geschehen, wenn wir in den Gemeinden die Blickrichtung änderten und die von Jesus geforderte Barmherzigkeit lebten, wie sie uns der Vater des verlorenen Sohnes so unvergleichlich liebevoll vor Augen führt? Was würde geschehen, wenn wir es als unsere erste Berufung sähen, Menschen einzuladen, Jesus kennenzulernen, an ihn zu glauben und – vor allem anderen – ihn zu lieben? Was würde geschehen, wenn wir wirklich darauf vertrauten, dass der Heilige Geist die Menschen, die in unsere Gemeinden kommen, berühren wird? Könnten wir dann nicht getrost auf das Richten, Verurteilen und Abgrenzen verzichten? Was würde geschehen, wenn es in den Gemeinden kein drinnen und draußen mehr geben würde, sondern nur noch das Miteinander der Gebrochenen – die wir doch alle sind und irgendwie auch immer bleiben – auf dem Weg in sein Reich? Ausgerechnet Paulus, der mit äußerster Härte unmoralisch lebende Personen vom Got-tesreich und der Gemeinde ausschließt, gesteht in Römerbrief: „Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das treibe ich voran.“ (Römer 7,19) Müsste diese Einsicht in die unheimliche Ohnmacht des Menschen – auch des Christen! – uns nicht alle barmherzig machen?

BIBLISCHE AUTORITÄTEN MÜSSEN SICH AN JESUS MESSEN LASSEN

Ich möchte uns alle ermutigen, den verbreiteten Isolationismus unserer Gemeinden kritisch zu hinterfragen und uns dabei auch unbequeme und ungewohnte Fragen zu stellen. Dazu gehört auch, dass wir zu prüfen wagen, in welcher Spannung die Aussagen der biblischen Autoritäten zu dem stehen, wie Jesus das Evangelium verkündete und vor allem vorlebte. Er allein ist das Maß aller Dinge. Wenn wir uns allein an ihm ausrichten sollen, dürfen auch die Apostel an ihm gemessen werden.
Wenn ich die Gelegenheit hätte, mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit zu gelangen, dann säße ich am liebsten an einem jener Orte, an denen Jesus mit dem „Gesindel“ zusammen war und ihnen erklärte, wie das Gottes-reich funktioniert. Nichts wünsche ich mir mehr, als dass unsere Gemeinden zu solchen Orten werden. Er hat ja versprochen, dass er bei uns ist, jeden Tag bis zum letzten dieser Welt. Eigentlich eine gute Voraussetzung.

MARKUS GIGER ist Theologischer Leiter der reformierten Jugendkirche Zürich, streetchurch, und Gefängnisseelsorger. Er ist verheiratet mit Sibylle und Vater von zwei Teenagern im besten Alter.

Samuel Harfst: „Ich will nicht immer alles zerreden müssen!“

Samuel Harfst hat in seiner musikalischen Laufbahn schon so ziemlich alles erlebt. Vielleicht ist Samuel gerade deshalb ein so angenehmer Gesprächspartner, weil er sich nicht mehr beweisen muss. Ein Gespräch über den Wert des Hier und Jetzt, das Überraschende in der Kunst und Bühnenangst.

Samuel, du bist gerade viel beschäftigt. Anfang September kam das neue Album „Chronik einer Liebe“ raus, demnächst bist du wieder auf Tour durch Deutschland. In diesem Wechsel zwischen den vielen Menschen auf den Konzerten und der Zeit alleine im Hotel – welche Lieblingsmomente hast du in diesem Alltagskontrast?
Ich mag es immer, wenn Sachen passieren, die nicht geplant sind. Das Kennenlernen von interessanten Leuten beim Absacker nach dem Konzert zum Beispiel. Ich schaue mir auch sehr gerne alte Gebäude an. Oder man kommt nachts um halb vier in einer Stadt an und steht an einem Platz, den man sonst nur von Postkarten kennt. Dann hat man diesen Platz ganz für sich alleine – sowas finde ich immer großartig.

Packt dich manchmal noch die Sehnsucht, dich mit der Gitarre in die Fußgängerzone zu stellen?
Total. Mir macht Straßenmusik immer noch genauso Spaß wie früher. Leider ist es inzwischen so, dass wir so viele feste Buchungen haben, dass ein gewisses Live-Pensum erreicht ist. Dann ist man froh, wenn man nicht noch zusätzlich auf der Straße spielen muss. Das hat aber dann nie was damit zu tun, dass wir nicht auf die Straße möchten.

Welche Liebesgeschichte verbindet dich mit deiner Musik?
Musik hat mich schon immer unglaublich fasziniert und ich habe dementsprechend stark darauf reagiert, im positiven und negativen Sinne. In meiner Jugend habe ich bei einigen Musikstilen ganz schnell Kopfschmerzen bekommen. Dementsprechend hatte ich aber auch starke positive Gefühle, wenn eine Komposition oder eine Aufnahme großartig war. Wenn es die eine Liebe in meinem Leben gibt, dann ist es die Musik. Es gibt kein Loch, aus dem mich das richtige Lied nicht rausholen könnte. Vorausgesetzt ich vermag es zu schreiben oder zu spielen.

Wie arbeitest du? Wie entsteht bei dir ein Song?
Am Anfang ist da ein Gefühl, das in Worte und Töne gefasst werden möchte. Es gibt so eine Art Fährte, das kann eine Akkordfolge auf der Gitarre oder auf dem Klavier sein, das kann mal ein Text sein. Musik entsteht nicht im, aber aus dem luftleeren Raum. „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“, um es in den Worten von Hilde Domin zu sagen. Bei dem aktuellen Album hatten wir ein Lied komplett aufgenommen und dann entstand aus dem Playback ein ganz neuer Song. Dann gibt es andere Lieder, bei denen erst der Text kam wie bei dem Titel Hilde.

Auf dieser Reise zum endgültigen Song: Was würdest du sagen hat sich an deinem Schreibstil in den letzten Jahren bis heute weiterentwickelt?
Ich ziehe nach wie vor ganz viel aus meiner eigenen Biografie, allerdings nicht mehr auf die gleiche Art und Weise wie bei „Audiotagebuch“. Darin hab ich weitgehend aufgeschrieben, was Samuel Harfst zu diesem Zeitpunkt gedacht hat – das Album war wie eine Momentaufnahme meines Lebens. Heute fließen auch Geschichten von anderen mit ein. Früher dachte ich: Das Beste ist die genaue Umsetzung meiner eigenen Vorstellungen. Heute denke ich: Das Beste ist die bestmögliche Komposition. Unser Studio-Slogan lautet: Die beste Idee gewinnt. Ich bin sehr offen dafür, was Leute von außen an eigenen Eindrücken einbringen, ob das jetzt unser Produzent, die Band oder andere Komponisten sind. Das macht mir sehr viel Spaß und dementsprechend bin ich mutiger geworden. Das Nonplusultra entsteht, wenn verschiedene Perspektiven und Einflüsse zusammenfließen. Meine eigene Geschichte ist also weiterhin Inspiration, aber kein limitierender Faktor mehr.
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Yes, we Caine!

Sie kämpft für Gerechtigkeit und investiert sich in eine neue Generation von Leitern: Christine Caine ist eine der wichtigsten Weichensteller der evangelikalen Gegenwart.

Januar 2015: Christine Caine betritt die Bühne der Passion Conference in Houston, Texas. Als einzige Frau unter den Rednern fällt sie auf, aber an solche Situationen hat sie sich schon gewöhnt. Mit unglaublicher Energie und Gelassenheit zugleich nimmt sie die 20.000 Menschen im Auditorium sofort für sich ein. Sie spricht mit unbeirrbarer Klarheit und Leidenschaft, zeigt sich ebenso scharfsinnig und nahbar wie sprachgewandt und Respekt einflößend. Manchmal klingt sie wie ein altmodischer Prediger, wenn sie schreit: „Liebe Gemeinde, wie geben wir Gott auf dieser Erde die Ehre? Indem wir Menschen Gottes die Werke Gottes tun, zu denen wir berufen sind. Indem wir nicht nur darüber reden und nicht nur darüber bloggen. Wir alle möchten schöne Geschichten schreiben, aber niemand will arbeiten und diese Geschichten leben. Wir müssen dafür arbeiten!“ All das sagt sie unter donnerndem Applaus. Aber die wahre Aufmerksamkeit der Menge bekommt sie, wenn sie ganz still wird und über ihren Kampf gegen den Schilddrüsenkrebs berichtet. Sie ist verletzlich in diesem intimen Moment. Sie flüstert jetzt, aber ihre Stimme erreicht auch noch die letzte Reihe.

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Hört auf zu drängeln!

Wenn die geistige Elite an den Hochschulen gen Bachelor studiert, schwingen haufenweise Ansprüche mit. Nicht jede Erwartung ist auch berechtigt. Nicht mal die, die man an sich selbst stellt.

Ruben ist Student, und Ruben ist tiefenentspannt. Innerhalb von nur sechs Jahren hat er drei Abschlüsse gemacht, einen Bachelor mit anschließendem Master in Chemie und einen Master in Christentum und Kultur. Nebenbei hat er noch Kurse in Psychologie belegt, gerade steckt er mitten in den Recherchen für seine Bachelorarbeit. Ruben macht seine Sachen bestens, er schreibt gute Klausuren, liest in der Bibliothek nach, was ihn interessiert, und gibt seine Hausarbeiten rechtzeitig ab. Trotzdem hat Ruben immer Zeit für uns. Man hat das Gefühl, dass er sein Studium genießt. In meinem Freundeskreis ist Ruben der erfolgreichste und entspannteste Student.

Dagegen leiden die meisten Studenten, die ich kenne, unter Deadlines und eigenen Ansprüchen an ihre Noten. Masterplatz-Druck und zerschossene Lebensentwürfe durch eine verpatzte Klausur sorgen für schlaflose Nächte; Nächte geprägt von Sorgen statt von Party. Da gibt es dieses unsichtbare Monster, das ihnen den Zeitplan diktiert, die Noten versaut und sie mit Angst um Praktikumsplätze erdrückt.

 

Wie hole ich das Beste aus meinem Leben raus?

Es geht weniger um dich, als du denkst.

DIE REICH-GOTTES-ÖKONOMIE DER GLÜCKSSUCHE

Das Glück steht hoch im Kurs. Wir wollen das Leben genießen und haben auch einen Plan, wie wir das anstellen. Wir suchen uns einen geeigneten Partner, machen eine gute Ausbildung oder was nötig ist, um unsere Ziele zu erreichen. Und wenn wir dann da sind, wo wir sein wollen, melden sich bereits neue Wünsche an. Der Weg zum echten Glück ist unscharf, die Ziellinie flimmert irgendwo am Horizont. Und wenn wir alles haben, was wir uns gewünscht haben, stellt sich heraus: Nee, war doch noch nicht genug. Von Hochgefühl keine Spur, stattdessen diese gewisse Leere. Irgendwas machen wir doch falsch. Wenn all die Liebe, die Familie, der berufliche Erfolg, eine passable Gesundheit und ein bisschen Luxus uns nicht ausreichen – was brauchen wir dann noch für ein glückliches Leben?

ICH-MICH-MEINER-MIR

Wir sind das Zentrum des Universums. Das würde keiner so zugeben, aber wir leben so, als ob. Wir machen das, was wir lieben, und wenn dies nicht mehr der Fall ist, ziehen wir weiter. Liebe ist zu einem Selbstbedienungsladen verkümmert. Auch in der Beziehung zu Gott macht dieser Trend nicht Halt. Wir benutzen das Christentum, damit Gott uns segnet und wir noch ein besseres Leben haben. Wir können unzählige Bücher kaufen, die uns helfen, noch ein besseres Ich zu werden, wie zum Beispiel „Unverdiente Gunst – Dein übernatürlicher Vorteil für ein erfolgreiches Leben“. Als ginge es vorrangig darum, Gott in schöner Regelmäßigkeit an sich zu erinnern: „Ich-mich-meiner-mir, bitte Gott, segne alle vier.“ Unser einziges Ziel ist es, dass es uns gut geht. Richtig erfüllend ist das nicht. Ansonsten müssten wir Deutschen und Schweizer die glücklichsten Menschen auf der Erde sein. Wir gehören zu den Menschen, die am meisten Geld für sich selbst ausgeben, für Hobbys, Luxus und Urlaub. Wir haben alles und doch sind wir gestresst, wenn wir im Shoppingcenter stehen und merken, was wir alles nicht haben. Vielleicht ist es Zeit für einen Perspektivwechsel.

GIB DEIN LEBEN AUF UND DU WIRST ES FINDEN

Der Grund, weshalb unsere Glücksstrategie nicht funktioniert, ist, dass wir uns eine eigene Definition von Glück zurechtgelegt haben. Mit dem Glücksschlüssel der Bibel hat das wenig gemein: „Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: ‚Wer mir folgen will, muss sich und seine Wünsche aufgeben, sein Kreuz auf sich nehmen und auf meinem Weg hinter mir hergehen. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Aber wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.‘“ (Matthäus 16,24-25 GN)
Das ist ein radikal anderer Ansatz für den Weg zum Glück. Gib dein Leben auf und du wirst es finden. Das ist Reich-Gottes-Ökonomie. Nicht in deiner Selbstzentrierung, sondern in deiner Reich-Gottes-Perspektive, in einem Leben, das über dich selbst hinausreicht. Ordne deine Wünsche und Rechte seinem Ziel unter, auch wenn es dich alles kosten könnte. Auf der Welt gibt es unzählige Christen, für die Verfolgung, Armut oder Rufmord bittere Realität sind, weil sie Jesus nachfolgen. Wer sagt uns, dass sie unglücklichere Menschen sind? Jesus sagt, wer sein Leben retten und es aus eigener Kraft so gut wie möglich gestalten will, wird es verlieren. Wer sein Leben loslässt und auf Gottes Führung vertraut, wird es gewinnen und das erhalten, was Gott für in vorbreitet hat, hier auf Erden und im Himmel.

ES GEHT WENIGER UM DICH, ALS DU DENKST

Wir müssen uns wieder vor Augen bringen, worum es im Leben wirklich geht. Gott wünscht sich, dass wir zu Menschen werden, die sich für andere einsetzen und das Evangelium verkünden, damit andere denselben Segen erfahren, den wir in unserem Leben erfahren haben. „Dann sagte er zu ihnen: ‚Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet allen Menschen die rettende Botschaft.‘ “ (Markus 16,15) Wenn wir Gottes Sicht entwickeln, fangen wir an, von uns weg zu schauen und andere zu sehen. Unsere Sicht weitet sich.

Als Pastor für junge Erwachsene erlebe ich häufiger, wie wir als junge Christen den Fokus verlieren. Wir sagen Amen zu diesem Vers und beten: „Ja, ich möchte anderen von Jesus erzählen, aber nur nicht meinem Nachbarn.“ Wir wollen, dass unsere Kirchen wachsen, aber sind nicht bereit, unsere Kleingruppen für neue Leute zu öffnen. „Jetzt haben wir es so schön zusammen, da passt keine neue Person hinein.“ Unsere Bequemlichkeit kommt vor dem Wohl der anderen. Oder bei der Worshipkultur: Da staune ich nicht selten, wie wenig Kompromissbereitschaft herrscht. Geht es im Worship wirklich darum, dass uns die Lieder gefallen, oder nicht etwa, dass wir durch diese Lieder Gott anbeten? Es geht weniger um dich, als du denkst! Gottes Vision ist, dass alle gerettet weden können durch das Evangelium und so in eine persönliche Beziehung mit ihm kommen. Du bist ein Teil dieser Vision, aber du bist nicht das Ziel. Er möchte, dass durch dich Menschen Hoffnung erhalten, ihn kennenlernen und aus der Einsamkeit kommen. Er möchte, dass sich durch dich der Himmel etwas mehr ausbreitet und Leute geheilt werden, wenn du betest. Er möchte, dass andere Leute in die Gemeinschaft von Christen kommen, dass seine Braut, die Kirche, schön und vollständig ist.

Gott möchte dich an diesem riesen Projekt teilhaben lassen. Du allein hast vielleicht nicht die Liebe oder Kraft dazu, jedoch möchte Gott durch dich wirken. Gott kann in dir eine Liebe entfachen für deinen Mitmenschen, die übernatürlich ist. Und wenn diese Liebe durch dich wirkt, kann Gott durch dich die Menschen berühren. Du kannst etwas zu Gottes Sache beitragen. Das ist pures Glück.

ON MISSION

Obwohl Gottes Vision für uns alle die Gleiche ist, kennt er dich und weiß genau, wie du sein Reich bauen kannst. Er möchte, dass du mit deinen Talenten und da, wo du bist, seine Gegenwart zu den Menschen bringst. Du musst nicht Pastor sein, um auf Göttlicher Mission zu sein. Wir sind On Mission immer und überall.

Wir tun uns schwer daran, das Evangelium zu verkünden, weil wir es komplizierter gemacht haben, als es eigentlich ist. Ich bete oft: „Gott was möchtest du durch mich heute machen, ich bin ‚ON MISSION‘ und möchte nicht nur mich sehen, sondern das, was du siehst“. Vielleicht zeigt dir Gott auf, wo du großzügig mit deinem Geld sein kannst. Du kannst deinem Nachbarn helfen oder bist ein Zeugnis in der Werkstatt, weil du zwischen den Autos deinen Arbeitskollegen ermutigst. Gott braucht Botschafter, die für ihn leben, und er braucht sie überall. All das wird dich einiges kosten. Aber ich habe es selbst erlebt, wie die größte Zufriedenheit aus dem Geben kommt. Es stimmt, wenn Jesus sagt: „Geben ist gesegneter als Nehmen!“ Ein tragisches und gutes Bild ist das Tote Meer. Es ist tot, weil das Wasser nicht weiterfließt. Wir können auch ein Totes Meer sein. Wir bekommen so viel von Gott und geben es nicht weiter. Irgendwann wird das Leben mit Gott langweilig und wir suchen immer den nächsten Kick, der uns wieder etwas gibt. Wenn wir nur entdecken würden, dass das Geben den größten Kick bringt!

ES GEHT MEHR UM DICH, ALS DU DENKST

Halt! „Jetzt hast du doch gerade gesagt, es geht weniger um mich, als ich denke.“ Ja, aber auch nein. Da Gott dich auf individuelle Weise gebraucht, bist du so wichtig für seine Vision. Er hat Dinge mit dir vor, die nur du machen kannst mit deinen Fähigkeiten und deinem Charakter. Deshalb wünscht er sich, dass genau du ihm dein Leben anvertraust. Es ist auch nicht so, dass du es aus eigener Kraft machen musst. Gott möchte durch dich wirken und dich von innen nach außen verändern, damit du ihn immer mehr reflektierst. Du bist wichtig. Dein Beitrag ist matchentscheidend.
Die entscheidenden Fragen liegen auf der Hand: Wie wichtig ist dir, was Gott in dieser Welt tun möchte? Hast du dich von Jesus herausrufen lassen, um dein kleines Leben gegen die größere Perspektive des Reiches Gottes einzutauschen? Wie bereit bist du, persönliche Opfer für andere zu bringen? Bist du Teil von dem, was Gott baut hier auf der Erde, seiner Kirche? Das alles mündet in der einen Frage: Möchtest du weiterhin Jesus nachfolgen – mit allen Konsequenzen?

Jesus ist gekommen, um dir ein Leben in der Fülle zu geben. Und es fängt dort an, wo du dein Leben weggibst in seine Hände. Lasst uns das Beste aus unserem Leben rausholen!

Dem Menschen, nicht dem Konzept verpflichtet

In einer Zeit, in der die Frage nach Konzepten allgegenwärtig ist, hat die Diskussion nach dem richtigen Ansatz die bloße Wertschätzung für Evangelisation von Jugendarbeit und Gemeinde verdrängt. Ein Plädoyer für die Vielfalt persönlicher evangelistischer Überzeugungen.

Ich habe sie mitgemacht. Die Jagd nach „dem“ evangelistischen Konzept. Das erste, das ich aktiv beobachten konnte, war der Ansatz der Freundschafts- und Nachbarschaftsevangelisation meiner Mutter. Zwischen Blumengießen und Abendbrot passte immer ein Plausch über den gemeinsamen Gartenzaun unserer Reihenhaussiedlung. Links Frau Neumann, rechts Frau Homfeld. In den Friedenszeiten – das Gekläffe unseres Rauhaardackels und meine Klavierübungen zur Mittagsruhe ließen oft Unfrieden ins ansonsten so stille Hamburg-Volksdorf einziehen – nutzte meine Mutter jedes noch so unbedeutende Stichwort, das ihr wahlweise von links („Der Thomas hat jetzt eine Ausbildungsstelle!“ – „Herzlichen Glückwunsch! Hat er schon Gott dafür gedankt?“) oder von rechts („Meine Bandscheibe ist mir neulich raus gesprungen.“ ­– „Passen Sie auf Ihre Gesundheit auf, der Herrgott hat uns nur einen Körper geschenkt!“) naiv angeboten wurde.

Natürlich habe ich mich als Heranwachsender vom Ansatz meiner Eltern distanziert, vor allem auch, weil’s eben meine Eltern waren. Weder wollte ich das „Ich-nutze-sklavisch-jede-Gelegenheit“-Konzept meiner Mutter, noch das „Missionarisch-bin-ich-nur-im-Gemeindehaus-nach-dem-Gottesdienst“-Konzept meines Vaters übernehmen.

Ich lernte: Die Frage nach der richtigen Evangelisationsmethode steht und fällt mit denen, die sie ausüben, und denen, die erreicht werden sollen.

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8 Dinge, die du mal alleine gemacht haben solltest

1. Geh in eine Gemeinde, in der du niemanden kennst.

Finde heraus, ob das funktioniert mit der „Brüder- und Schwesternschaft“ im Herrn. Bist du erwünscht? Traust du dich, Leute anzusprechen? Wartest du, dass jemand auf dich zugeht? Oder verschwindest du unauffällig nach dem letzten Lied?

2. Setz dich in ein Café und beobachte die Leute.

Nimm mal bewusst wahr, was um dich herum passiert. Was verpasst du sonst immer? Hör auf die Geräusche, die Gesprächsthemen am Nachbartisch, schaue den Menschen in die Augen. Was macht sie liebenswürdig?

3. Verbring einen Abend mit Menschen, deren Sprache du nicht verstehst.

Spüre nach, wie es ist, fremd zu sein. Heute bist du der Ausländer. Ob sich so wohl Flüchtlinge fühlen?

4. Geh ins Kino.

Halte es aus, alleine unter händchenhaltenden Pärchen und lachenden Freunden zu sitzen. Mach es dir im Sessel gemütlich, freu dich, dass du das Popcorn nur für dich hast und genieße den Film!

5. Fahr ins Einrichtungshaus.

Nimm dir viel Zeit, durch die Gänge zu schlendern. Überlege, was dir wirklich gefällt und wie du dir deine Traumeinrichtung vorstellst. Triff kluge Entscheidungen. Zur Belohnung gibt’s einen Hotdog.

6. Mach einen VHS-Kurs.

Ob Klavierspielen, lyrisches Schreiben oder Karate: Lern mal was, das du schon immer können wolltest! Mach es zu deinem eigenen Projekt.

7. Spiel gegen dich selbst Tischtennis.

… und lerne, dass du nicht immer gewinnen kannst. Nicht mal gegen dich selbst.

8. Schließ dich eine Woche lang in einem Kloster ein.

Halte das Leben an und die Stille aus. Lass deine innere Stimme ausreden. Bete, so viel du willst, oder bleib im Bett liegen. Halte ein paar gute Gedanken fest. Und dann: Sei!

Make the world a better plate!

„Über den Tellerrand kochen“ bringt Flüchtlinge und Einheimische in der Küche zusammen.

Sonntagnachmittag, 17 Uhr. 15 Leute treffen sich in einer Berliner Hinterhaus-Küche zu einem Kochkurs der besonderen Art: einem Kulturkochkurs, mit einem Menü aus Pakistan, Syrien oder Afghanistan. Die Köche tragen Phantasienamen wie Modar oder Reza und haben zwei Sachen gemeinsam: Sie kochen gerne – und sie sind Flüchtlinge. Heute kocht Shaik. Als er zehenweise Knoblauch dazugibt und alles in unglaublich viel Ghee – speziellem Butterschmalz – ausbackt, erntet er skeptische Blicke der kalorienbewussten Mitkocherinnen. Die Sorge ist unbegründet: Am Ende des Abends werden sie nicht nur satt, sondern sehr bereichert nach Hause gehen.

Genau um dieses authentische Erlebnis geht es: einen Abend, der Geschmacksknospen und -welten öffnet – und Raum schafft für Begegnung. Beim gemeinsamen Schnippeln, Lachen und Erzählen verköchelt im Laufe des Abends eine kulturelle Barriere nach der anderen. „Bisher mussten wir immer die Leute um 22 Uhr rausschmeißen“, erzählt Ninon Demuth, eine der Mit-Initiatorinnen von „Über den Tellerrand kochen“. Mit strahlenden Augen schwärmt die Mittzwanzigerin von den Kochkursen von Flüchtlingen für Einheimische.

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Glaubenskünstler

GLAUBE UND KUNST SAGT MAN SEIT JEHER EIN ANGESPANNTES VERHÄLTNIS NACH. JOHANNES WETH IST ÜBERZEUGT: ES GIBT AUF BEIDEN SEITEN EINE MENGE ZU GEWINNEN. VOR ALLEM FÜR DEN GLAUBENDEN.

Ich bin Künstler und trotzdem bin ich Christ. Für viele klingt das verwirrend. Wenn meine Künstlerkollegen mitbekommen, dass ich Christ bin, schauen sie mich entweder mit einem etwas mitleidigen Blick an (nach dem Motto: „Darüber kommst du auch noch hinweg!“) oder mit belustigter Bewunderung („Abgefahren, so was Exotisches. Dass es so etwas noch gibt!“). Es ist nicht so einfach als Christ unter Künstlern.

Ich bin Christ und trotzdem bin ich Künstler. Als ich vor zwanzig Jahren beschloss, Kunst oder Musik zu studieren, riet mir meine fromme Tante direkt: „Musik ist toll, aber mit Kunst haben wir nichts zu tun. Das machʼ lieber nicht!“ Es ist nicht so einfach als Künstler unter den Christen.

Irgendetwas ist da zerbrochen zwischen der Kunst und dem Glauben. Wie bei Geschwistern, die sich zerstritten haben und nun ewig konkurrieren, obwohl sie sich gut ergänzen könnten. Was würden wir gewinnen, wenn Kunst und Glaube wieder miteinander ins Gespräch kämen und sie sich wieder aneinander freuen könnten, ohne die Unterschiede unter den Tisch zu kehren?

PURE VERSCHWENDUNG

Was es für mich bedeutet, als Künstler Christ und als Christ Künstler zu sein, ist in dem biblischen Gleichnis vom Sämann gut auf den Punkt gebracht. Dieser wirft in seiner Arglosigkeit sein Saatgut so großzügig in den Wind, dass es überall landet, nur nicht auf dem Feld. Ein Teil landet auf dem Weg, wo es zertreten und schließlich von Vögeln gefressen wird. Einiges fällt auf den Felsboden, wo es zunächst aufgeht, aber bald wieder verwelkt, da es nicht genug Feuchtigkeit bekommt. Und einiges landet direkt zwischen den Dornen, es geht auf, aber die Dornen ersticken die zarten Pfanzen wieder. Und dann – man könnte schon fast sagen, der Sämann hat noch Glück: „Einiges fel auf gutes Land und es ging auf und trug hundertfach Frucht.“ (Lukas 8,4-8)

Die Sache ist natürlich theologisch schnell erklärt. Auch die Evangelien lassen da nichts anbrennen und liefern die Deutung direkt mit: Das Wort Gottes braucht fruchtbaren Boden, alles andere ist verlorenes Land. So erklären die Christen mit dieser Geschichte bis heute, wie wichtig das richtige Umfeld für den Gläubigen ist und wieso manche den Glauben schnell wieder verlieren, weil sie keine richtigen Wurzeln schlagen können. Punkt.

Als Künstler lese ich die Geschichte ganz anders. Ich genieße das Bild, das Jesus mir vor Augen malt. Ich freue mich an der Verschwendung, mit der dieser Sämann das Saatgut in den Wind wirft. Wie er noch nicht weiß, was es alles bewirken und wo es am Ende landen wird. Wie er scheinbar gerne in Kauf nimmt, dass auch der staubige Weg, der harte Fels und die verfuchten Dornen bedacht werden. Vielleicht hat er ja die Hofnung, dass diesmal auch dort etwas aufblüht. Vielleicht hoft er es immer wieder, obwohl die Erfahrung längst bewiesen hat, dass dort nichts wachsen kann. Der Sämann nutzt den Wind, um das Saatgut zu verteilen. Dieser Wind ist nicht geizig und kleinkariert, er ist großzügig, weit und verschwenderisch. Als Künstler freue ich mich an diesem Wind, der sich nicht messen und einsperren lässt, der alle immer wieder überrascht und nicht aufhört zu wehen. Der Sämann hätte ja auch jedes Korn einzeln in den fruchtbaren Boden setzen können, es dort vor fremden Einflüssen schützen und es hegen und pfegen können. Aber das hätte seinem Wesen und seiner Freude an der Arbeit sicher widersprochen und niemals wäre eine solche Fülle auf dem Feld gewachsen.

Als Künstler erkenne ich die Motive aus dem Gleichnis auch in anderen Geschichten der Bibel wieder. Im „verlorenen“ Saatgut erkenne ich Jesus, der auf dem Weg nach Golgatha landet und von allen mit Füßen getreten wird. Ich erkenne Jesus an seinem Kreuz oben auf dem Fels, wie er durstig ist und sie ihm nur Essig zu trinken geben. Ich erkenne seinen Kopf, der mit Dornen gekrönt ist. Ich sehe Jesus und ich sehe den Sämann und ich begreife diese reine, ewige und verschwenderische Liebe Gottes. Ich spüre, dass Gott immer alles gibt, um einen Weg zu fnden, nicht nur die Frommen zu erreichen. Wie er alles gibt, damit sein Wort der Liebe und der bedingungslosen Gnade auch die erreicht, bei denen alles dagegen spricht und die vielleicht auch niemals Fromme werden können, wie sehr wir uns das auch wünschen mögen.

Als Künstler sehe ich diesen großzügigen Sämann vor mir, der mit dem Wind spielt und ich stelle mir dann meinen Gott vor, wie er ganze Sternhaufen in die Weite des Kosmos wirft, wie er sich freut an dem unbändigen Leben, das aufgeht. Wie er sich freut an den endlosen Weiten und den blühenden Welten und Universen. Wie er ganze Sonnensysteme in schwarze Löcher schmeißt in der Hoffnung, dass selbst darin noch etwas aufgeht von seiner Saat. Und wie er sich freut, dass niemals etwas leer zu ihm zurückkommt, sondern das tun muss, was ihm gefällt und wozu er es sendet. (vgl. Jesaja 55,11)

EINDEUTIGKEIT UND WEITE

Was hat das alles mit Kunst zu tun? Ich würde sagen, Kunst ist auch so ein erwartungsvolles Verschwenden. Wir Künstler verschwenden Zeit und Kraft und manchmal auch Geld, und oft wissen wir nicht, ob uns etwas auch tatsächlich gelingt. Aber wir können es nicht lassen, weil es einfach zu schön wäre, wenn es gelingen würde. Wir sehen manche Dinge, die nicht direkt vor Augen sind. So verschieden man die Dinge sehen kann, so verschieden nehmen auch Glaube und Kunst die Welt wahr. Sie widersprechen sich einander nur vordergründig.

Ich bin überzeugt: Wir brauchen beides, einerseits diese Eindeutigkeit und die Klarheit des Evangeliums und die Predigten, die in drei starken Sätzen das ganze Wort Gottes zusammenfassen können. Aber wir brauchen auch unbedingt die Weite, das Spielen, den Perspektivwechsel, das Staunen, das Unaussprechliche, die Freude an der Fülle und an der Vielfalt. Denn beides entspringt dem Wesen Gottes. So zieht es sich durch die ganze Bibel und auch durch alle Kirchen- und Menschheitsgeschichte. Gottes Geist drängt dort immer wieder auf Einheit und Klarheit dort, wo jetzt nur Chaos wohnt. Und Gottes Geist drängt dort immer wieder auf Vielfalt, wo jetzt nur Eintönigkeit zu Hause ist. Wir können Gott weder auf die eine, noch die andere Seite reduzieren. Wer sich sicher ist, die Sache mit Gott vollständig verstanden zu haben, der sollte Gott täglich für seine unbegreifiche Weite danken. Und wer sich sicher ist, Gott niemals begreifen zu können, der sollte ihm täglich für die Klarheit und Eindeutigkeit seines Wortes danken, die uns schon heute am Ziel sein lässt.

Aber immer dann, wenn wir in unserem Glauben eine reine Mathematik, eine pure Logik, eine Erlösungsformel oder ein letztgültiges Bekenntnis gefunden haben, müssen wir uns entscheiden: Nehmen wir diese „Ofenbarung“ an wie ein Brot des Glaubens, das Gott uns reicht, damit wir uns daran stärken und dann weitergehen auf unserem Weg in die Weite des Lebens? Oder nutzen wir diese Erkenntnis als das allein gültige Richtmaß, an dem alles andere gemessen und beurteilt werden muss, weshalb wir uns einigeln mit all denen, die sich mit uns auf die gleiche Formel einigen konnten? Einen solchen Glauben kann die Kunst nicht teilen. Sie muss ihn herausfordern. Denn ihre Quelle liegt in Gott, der nicht nur begrifen und verstanden werden will, sondern geliebt, und der mit uns das ganze Leben und seine ganze schöpferische Kraft teilen möchte.

VIEL MEHR ALS EIN BISSCHEN KUNST

Manchmal stellen wir uns vor, dass Gott irgendwann am Anfang der Welt der Schöpfer aller Dinge war, dass er damals vor unendlichen Zeiten die Materie hat explodieren lassen oder als „intelligenter Designer“ seinen Masterplan perfekt durchgezogen hat. Aber schaut euch doch um und seht: Gott ist bis heute als Schöpfer mit seiner Schöpfung unterwegs. Er trägt sie noch immer zu ihrer Vollendung, er freut sich mit ihr auf den siebten Tag, an dem alles in seinen Händen zur Ruhe kommt. Er ist heute noch ihr Schöpfer, er liebt sie bis zum Ziel, er bewahrt sie und er fordert sie täglich heraus. Stellt euch diese Welt einmal als ein unbegreifliches Kunstwerk Gottes vor, das er auch heute noch malt und schaft, mit dem er auch heute noch kämpft und um das er mit uns ringt. In diesem großen Kunstwerk bin ich ein wichtiges und unverzichtbares Teilchen der Komposition, und auch jeder andere Mensch, jedes Tier, jeder Baum, jeder Stern und jedes schwarze Loch. Gott gibt alles, damit ihm dieses Kunstwerk nicht auseinanderfällt, damit er es nicht zerteilen muss in Erlöste und Verdammte, denn dafür liebt er diese Schöpfung viel zu sehr, und stellt sich lieber selbst zu den Verlorenen, als sie aufzugeben.Stellt euch einmal vor, wie er uns genau diese Weite auch in unser Herz und in unsere Hände legt, wie wir mit ihm diese Welt schafen und gestalten dürfe. Als „Mitkünstler“ mit der gleichen Sorge, dass uns ja nichts auseinanderfällt, und wir immer mehr begreifen, wie weit seine Gnade geht. Die Kunst lebt genau von dieser Weite Gottes, der uns seine Schöpfung mitgestalten lässt.

Es geht um viel mehr als ein bisschen Kunst. Wir brauchen uns nicht Künstler nennen und ein Kunsthandwerk gelernt haben, um Teil dieser Geschichte zu sein. Die, die irgendwann beschließen, von nun an echte „Künstler“ zu sein, sind oft gar nicht besondere Künstler, sondern vor allem gute Selbstdarsteller (was im Übrigen in diesem Beruf nicht selten überlebenswichtig ist). Eigentlich ist ein Künstler jemand, der nicht anders kann als neugierig zu sein, der ständig alles mit neuen Augen ansieht. Der mit seiner Sehnsucht nie ans Ziel kommt, der jedes Detail der Schöpfung in sich aufsaugt, als wäre es nur für ihn geschafen. Der sich sogar freut, wenn ihm widersprochen und er hinterfragt wird, denn dadurch kann er immer noch etwas Neues entdecken. Lasst uns wie Gott mit dieser Welt noch nicht fertig sein! Das kann die Kunst dem Glauben sagen.

Mein Leben – das Beste aus zwei Welten

Ich möchte gerne noch etwas von meinem eigenen Weg erzählen, um einen Einblick zu geben, wie diese zwei Welten im Leben am Ende zusammen finden können. Ich habe entgegen dem Rat meiner Tante damals dann also doch freie Kunst studiert (dafür war ich einfach zu neugierig) und um der Rest der Welt zu beruhigen und weil es mich mindestens genauso brennend interessiert hat, parallel dazu auch evangelische Theologie. Die Kunst und die Theologie ergänzten sich super, weil sie sich ständig widersprachen und mir ganz verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit eröffneten. Mit den Künstlern diskutierte ich ständig über Theologie und mit den Theologen machte ich künstlerische Performances. Ich muss damals vielen auf die Nerven gegangen sein.

Mein Kunstprofessor, ein weltweit angesehener Maler brachte uns Studierenden immer wieder bei, uns auch ja als Genies zu fühlen und das fiel mir im Gegensatz zu manch anderem erstaunlich leicht. Ich genoss dieses Künstler-sein-dürfen, diese fröhliche Unbescheidenheit, das gemeinsame Feiern, die ungenierte Freude am Leben. Das tat mir sehr gut und selbst im Rückblick werde ich das nicht verdammen.

Aber was soll man mit einer so unseligen Berufskombination bloß anfangen? Ich wollte weder malender Pfarrer noch predigender Maler werden. So wäre am Ende doch immer nur die eine Welt der anderen nicht gerecht geworden. Aber Gott hat meinen Blick auf ungewöhnliche Weise geweitet und versöhnte für mich, was mir unversöhnlich schien und natürlich beginnt solch eine Geschichte immer mit einem Umweg: Ich durfte damals viele Geschwister im Glauben kennenlernen, die aus der ganzen Welt zu uns nach Deutschland kamen und die sich in so genannten „fremdsprachigen“ Gemeinden versammeln. Für die meisten deutschen Christen stellen sie ein gravierendes Problem, ein schwieriges Thema oder eine wichtige Herausforderung dar, aber ich erkannte in ihnen von Anfang an vor allem etwas von der verschwenderischen Freude und dem Humor Gottes, der uns diese Geschwister mit all ihrer Andersartigkeit zur Seite stellt, obwohl wir nicht darum gebeten hatten.

Ich bekam mit, wie wir „Deutschen“ nicht bereit waren, unsere kirchlichen Gebäude und gemeindlichen Traditionen einfach für die internationalen Geschwister zu öffnen und zu teilen, da wir nicht flexibel genug waren für all das, was da auf uns zukam. Ich bekam mit, wie unsere internationalen Geschwister oft nicht die rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten hatten, eigene Häuser zu bauen und sich gesellschaftlich zu etablieren. Und ich freute mich als Künstler an dieser unmöglichen Situation und dass wir Dinge probieren dürfen, neue Wege ausprobieren und Zeit und Kraft verschwenden können in der Hoffnung, dass etwas Neues entstehen kann und Gott seinen Segen dazu gibt.

Und wir fingen an, mit unseren Geschwistern einfach eine neue Stadt zu bauen, Häuser auf Rädern, die keinem deutschen Baurecht und keiner Kirchenordnung gehorchen mussten und wir machten diese umgebauten Bauwagen zu Botschaftsgebäuden vieler Nationen. Und diese Weltstadt auf Rädern brauchte einen Platz, um bleiben zu dürfen. Und eine ältere Dame aus Nordhessen rief an und berichtete, sie hätte mit ihrem Mann in den vergangenen 25 Jahren einen Berg aus Bauschutt gebaut und wollte wissen, ob wir diesen gebrauchen könnten? Sicherlich – unter normalen Umständen eine etwas ungewöhnliche Geschichte, für uns aber durchaus logisch und nachvollziehbar, denn wir brauchten ja so ein Stück Neuland. Und so kam die Weltstadt zum Berg, den wir inzwischen „Himmelsfels“ getauft hatten und heute kommen auf diesem gemeinsamen Land die internationalen Geschwister mit ihren deutschen Schwestern und Brüdern auf Augenhöhe zusammen. Das 10 Hektar große Gelände ist inzwischen baurechtlich ein Sondergebiet mit dem Titel „Kunstpark Himmelsfels“ und auch zugewanderte Bäume genießen dort den gleichen Bestandsschutz wie einheimische Bäume. Heute gibt es auf dem Himmelsfels auch ein Haus Israel und eine Kirche und der ganze Berg ist mit Mosaik überzogen. Die Arbeit wird von internationalen und deutschen Geschwistern gleichberechtigt geleitet und getragen. Viele Künstler, Musiker und Tänzer gestalten das Gelände und die Gastfreundschaft heute mit und viele deutsche Kinder und Jugendliche werden hier erstmalig Gäste einer anderen Kultur und lernen von ihren internationalen Geschwistern die Welt neu zu sehen, zu beten, zu singen und zu tanzen.

Das alles klingt sicher verrückt, aber ohne die Kunst hätten wir diesen Himmelsfels heute nicht, ohne die Kunst gäbe es einen solchen „dritten Raum“ zwischen den Kulturen nicht, ohne die Kunst hätten wir die Freiheit nicht gehabt, in ein solches Neuland aufzubrechen.

JOHANNES WETH
Jg. 1975, ev. Theologe und freischaffender Künstler, verheratet mit der Sängerin Njeri Weth, zwei Kinder, seit 2007 in der Leitung der Stiftung Himmelsfels in Spangenberg, Nordhessen. Er ist leidenschaftlicher Prediger, Künstler, Geschichtenerzähler und Erfinder. Sein Herz gilt der Vision,in Deutschland einen Leib Christi aus allen Hautfarben zu leben und zu teilen und die Trennungen und Grenzen zwischen den Kulturen zu überwinden. Johannes ist gerne theologischer Provokateur, aber auch immer auf der Suche, das alte Schiff der Kirche und der Kirchen mitzunehmen aufneue Wege des Glaubens, der Gemeinschaft mit Gott und der Hinwendung zu allen Menschen. Gemeinsam mit vielen internationalen Geschwistern und mit anderen Künstlern, Musikern, Arbeitssuchenden, Jugendlichen und Kindern gestaltet er den „Kunstpark Himmelsfels“. Der Himmelsfels ist ein einzigartiger künstlerischer Ort, an dem Menschen aus vielen Nationen mitten in Deutschland zusammen findenund Kinder und Jugendliche gefördert werden.
www.himmelsfels.de 

Flüchtlinge wider Willen

Mehr als 87.000 Menschen erreichten Italien in den ersten sieben Monaten des Jahres 2014 mit einem Boot. Manchmal, in den Fernsehnachrichten oder auf Fotos, sehen wir für einige Sekunden Gesichter, die den Zahlen Leben einhauchen. In ihren Blicken können wir ansatzweise erahnen, was diese Menschen erlebt und durchgemacht haben. Ahmad und Dana haben uns eine der mehr als 87.000 einzigartigen Lebensgeschichten erzählt.

Die einzigen Erinnerungen an ihr früheres Leben und das, was es einmal ausgemacht hat, befinden sich auf einem Samsung Smartphone. Viele Fotos sind es nicht mehr, die meisten haben Ahmad und Dana gelöscht, weil die Last der Erinnerung zu schwer wog. Ahmad und Dana – das sind die Namen von zwei der 500 syrischen Flüchtlingen, die am 17. Juni 2014 nach einer 15-tägigen Überfahrt vor der sizilianischen Küste aus dem Mittelmeer gerettet wurden. Die Geschichte, die sie uns erzählen wollen, ist die Geschichte der Reise ihres Lebens – sie führte sie von Syrien nach Europa. Etwa zehn Monate nach ihrer Ankunft bewohnt das Paar nun mit seinem sechsjährigen Sohn zwei Zimmer einer deutschen Flüchtlingsunterkunft. Die Wände sind kahl, man sieht weder Fotos, noch Bilder an den Wänden. Die Möbel könnten in jeder Jugendherberge zu finden sein. Nichts in diesen Zimmern sagt etwas über die Menschen aus, die in ihnen leben, denn sie haben nichts mehr.

Lernen von den Dodos?

WARUM GEMEINDE SICH NICHT UM SICH SELBST DREHEN SOLLTE

Der Film „Ice Age“ hat Kultstatus erreicht. Eine besonders lustige, nun ja, makaber lustige Szene zeigt eine Gruppe Dodos. Diese flugunfähigen, dicklichen Vögel mit gemütlichem Gesichtsausdruck wollen sich unter die Erde zurückziehen, nach eigenen Aussagen „einhundertausendmillionen Jahre lang“, um der drohenden Eiszeit zu entgehen. Ihr Essensvorrat besteht aus drei Melonen für eine Population von mehreren Dutzend Tieren. Als sie aufgefordert werden, eine der Melonen abzugeben, provozieren sie in spektakulären Bildern ihr eigenes Ableben – in dem verzweifelten Versuch, den Fortbestand ihrer Gattung zu sichern. Im Kampf um die letzte Melone, den sie natürlich verlieren, stirbt auch ihr letztes Weibchen. Ihr Aussterben ist damit gleich zweifach besiegelt: Sie haben weder Nahrung noch eine Möglichkeit, sich fortzupflanzen. In Wirklichkeit sind die Dodos nicht während der Eiszeit ausgestorben, sondern im 17. Jahrhundert, vermutlich, weil sie sich nicht gegen neue, auf ihre Insel eingeschleppte Fressfeinde zur Wehr setzen konnten. Auch sie haben inzwischen Kultstatus erreicht. Das wirre Durcheinander der Dodos, wie sie sich um sich selbst und ihren überlebenswerten Lifestyle drehen, erinnert mich an eine große Gemeinde, in der ich einmal in beiden Sonntagsgottesdiensten gepredigt habe. Ich war für 7:45 Uhr (!) bestellt, der Gottesdienst sollte um 10:00 Uhr beginnen. Nicht weniger als vierzig Personen waren mit Vorbereitungen beschäftigt. Ich habe nach ungefähr zehn neuen Namen aufgehört zu fragen. Es gab ein eigenes Catering-Team, das zum zweiten Frühstück einlud, einen Haufen Techniker, Bandmitglieder, Stühlerücker und Putzteams. Ein Gottesdienstbetrieb. Wir hatten sogar eine Gottesdienstdurchlaufprobe mit „Blablablabla“ als Predigtplatzhalter. Ohne Frage: Es waren zwei gut besuchte, perfekt geplante Gottesdienste. Aber fand hier wirklich der Kernauftrag von Gemeinde statt? Die minutiöse Organisation einer Veranstaltung? Gab es in dieser Gemeinde vierzig Personen, die Barmherzigkeit üben auf den Straßen ihrer Stadt? Gab es vierzig, die sich für ihre Nachbarn interessieren? Sogar der Pastor gab mir gegenüber zu, dass weit über 80% seiner Arbeit in den Gottesdienstbetrieb fließe.

WAS IST DER KERNAUFTRAG?

Für etwa neun von zehn Bürgern dieses Landes ist der Sonntagsgottesdienst, egal ob mit oder ohne Band, egal ob mit oder ohne Theaterstück, keine Option mehr. Er wird mit Kirche asso ziiert und Kirche ist für eben jene neun eine religiöse In stitution. In stitutionen misstraut man in unserer Kultur. Wenn aber – wie bei den meisten christlichen Gemeinden – der sonntägliche Gottesdienst bereits einen Großteil der Arbeitskraft der Mitarbeiter schluckt, wie kann Gemeinde ihrem Kernauftrag gerecht werden, für andere da zu sein? So hat Bonhoeffer gefordert, dass Kirche immer Kirche für andere ist. Die Urgemeinde hat es nach Kräften gelebt. Weg von der Innenorien tierung – hin zu unseren Nächsten. Die leben übrigens nicht mehr oder weniger in „der Welt“ als wir Christen. Und wenn ich ins Neue Testament schaue, dann drängt sich mir der Eindruck auf, dass Gemeinde eigentlich gemacht ist, um über sich hi nauszuwachsen. Die Realität sieht leider viel zu oft anders aus. Einmal habe ich eine Gemeinschaft untersucht, indem ich allen Gruppen in der Gemeinschaft eine simple Frage gestellt habe: Ist euer Angebot zuerst an Leute aus der Gemeinschaft gerichtet oder an Leute, die nicht zur Gemeinschaft gehören? Überwältigende 92% waren intern ausgerichtet, also an Leute aus der Gemeinschaft. Als ich der Leitung davon berichtete, stieß ich auf Unglauben. Zahlen hin oder her: Die Leitungs sitzung wurde beendet, ohne dass die Gemeinschaft sich mit ihrer Innenorientierung auseinandergesetzt hatte. Alles sei offen, keiner würde ausgeschlossen, stellten die Leiter fest. Ich sei da zu hart mit meiner Umfrage. Das könne doch gar nicht sein.

SEHNSUCHT NACH DRAUSSEN ENTWICKELN

Damals musste ich feststellen, dass man eine Kultur des Umsich- selbst-Kreisens nicht einfach mit nackten Zahlen oder nüchternen Feststellungen ändern kann. Wie aber dann? Veränderungsprozesse brauchen Gesichter, Persönlichkeiten, die sich trauen, wieder zu träumen. Sehnsucht ist ein wichtiger Bestandteil jedes Veränderungsprozesses. Es geht nicht darum, die richtigen Werkzeuge in der Hand zu haben, als sei Gemeinde etwas, das man mit geistlichen Schraubenschlüsseln „reparieren“ könne. Antoine de Saint-Exupery hat es folgendermaßen ausgedrückt: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Wonach sehnen wir uns? Ich begleite derzeit einige Initiativen von Gemeinden, die über sich hinauswachsen wollen. Viele kennen den ersten Schritt noch nicht, aber in ihnen wächst das Verlangen, zu dienen und Gemeinde für andere zu sein. Ihre Melonen zu teilen, statt sie zu verteidigen. Martin Luther Kings Traum hat ein ganzes Land verändert. Seine Sehnsucht nach Gleichheit und Freiheit hat Prozesse in Bewegung gesetzt, die keiner hatte vorhersehen können.

GEMEINDE SOLL GOTTES LIEBE SPÜRBAR MACHEN

Wer Gottes Traum von Gemeinde verstehen will, muss fragen, wozu Gemeinde da ist. Sie soll die gute Nachricht Gottes sein, sie verkörpern, spürbar machen. Diese Nachricht erschöpft sich nicht in einem wunderschönen Gottesdienst, schon gar nicht, wenn sich die wenigsten Menschen unserer Gesellschaft sonntags aus dem Bett quälen wollen, um dorthin zu gehen. Wenn Jesus mit seiner Gemeinde im Sinn gehabt hätte, dass sie nur Gottesdienste feiern, dann wäre er nur in den Synagogen Israels zu finden gewesen. Warum dann auf der Straße und in den zwielichtigen Teilen der Städte und Dörfer umherziehen? Er hat von Licht gesprochen, das in der Dunkelheit leuchtet. Ein kraftvolles Bild. Und davon, dass das Reich Gottes in ihm angefangen hat. Ich kenne eine Gemeinde, die ihre Gäste mit dem Schild begrüßt „Du betrittst jetzt das Reich Gottes“. Wenn das Reich Gottes an den Mauern der Gemeinde beginnt und endet, wäre es arm. Ich empfinde es auch als Anmaßung, dass diese Gemeinde so etwas vollmundig behauptet. Oft sieht die Realität einer Gemeinde eher so aus, wie eine Pastorin es mir einmal im Gespräch beschrieben hat: Gemeinden erkranken an und über ihrer Innenfokussierung. Ungelöste Konflikte, wenig Freiheit und starke Machtmenschen können eine Gemeinschaft dazu zwingen, sich im Übermaß mit sich selbst zu beschäftigen. Wer sich um sich selbst dreht, kommt nicht voran. Und dann gibt es auch ein krankhaftes Festhalten an Dingen, die der Gemeinde nicht helfen, ihre eigentliche Berufung zu leben. Wenn dieses Um-sich-selbst-Drehen daher rührt, dass unsere Gemeinden mit sich selbst nicht im Reinen sind, dann gibt es nur diese eine wichtige Aufgabe: mit sich ins Reine zu kommen, um diese Innenfokussierung zu überwinden. Wie können wir Versöhnung leben, wenn wir alle Sünden des Pastors aufzählen können und den Groll längst vergangener Tage mit uns herumschleppen?

VORGESCHMACK AUF DEN HIMMEL

Wozu soll Gemeinde also da sein? Wenn wir ins Kino gehen, um einen Film anzuschauen, dann läuft vorher Werbung. Ein besonderer Höhepunkt dabei sind die Filmvorschauen. Hier geben sich die Werber Mühe, das Beste aus dem kommenden Film zu zeigen, ohne zu viel zu verraten. Aber die dicksten Explosionen, die dramatischsten Wortwechsel und die heißesten Küsse werden in etwas weniger als zwei Minuten gepackt, um bei dem Zuschauer den Wunsch auszulösen: „Diesen Film muss ich unbedingt sehen!“ Wie wäre es, wenn wir Gemeinde nicht als das Reich Gottes sehen, sondern vielmehr als einen Vorgeschmack auf das Reich Gottes? Wenn Gemeinde zu den Menschen vor Ort Liebe und Annahme bringt, praktische Hilfe, Linderung von Not? Es gibt mittlerweile einige Initiativen und Projekte in Deutschland, die genau danach streben. Flüchtlingen ein Zuhause zu geben, Arbeitslosen neue Aufgaben, Senioren wieder Würde oder armen Kindern Nahrung und Wert. Dafür brauchen wir etwas, das Kinder uns voraushaben: Vorstellungskraft. Sie sehen in einem Schuhkarton ein Haus, in einer Schnur eine Seilbahn und in einem Fetzen Papier eine Tapete. Wenn Gemeinden anfangen, mit offenen Augen und kindlicher Vorstellungskraft durch die Straßen ihres Stadtteils zu gehen, um einen Vorgeschmack des Reiches Gottes dorthin zu bringen, dann würde die Fokussierung nach Innen kein Thema mehr sein. Gemeinde soll über sich hinauswachsen. Reich Gottes sichtbar, spürbar, erlebbar werden lassen, jenseits der eigenen Mauern. Das bedeutet bestimmt, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen und gesund zu werden als Gemeinschaft. Mehr noch brauchen wir die Sehnsucht danach, Kirche für Andere zu sein, konkret und sichtbar, und dann danach zu handeln. Ich habe diesen Artikel bewusst mit der Geschichte der Dodos begonnen: Wollen wir wirklich von den Dodos lernen? Was können wir von ihnen lernen? Es gibt Kirchen in der Welt, die 1500 Jahre Bestand hatten und jetzt nicht mehr da sind. Ausgestorben, weil sie sich zu sehr nach innen fokussiert haben. Die Kirche findet sich immer deutlicher an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Wir werden viel Vorstellungskraft brauchen, um das zu verändern. Wollen wir das Aussterben von den Dodos lernen? Doch wohl nicht.

BJÖRN WAGNER lebt für eine Gemeinde, die ihr Potential außerhalb ihrer selbst entfaltet.

Das Mädchen von nebenan

WARUM FRAUEN IN DER GEMEINDE SO OFT ÜBERSEHEN WERDEN

Ich stehe mit meinen drei Kindern im Schlepptau an der Kasse. Das Projekt Wocheneinkauf mit zwei Kleinkindern und einem Baby ist bis auf wenige Etappen abgeschlossen. Die Kassiererin identifiziert die zwei Kleinkinder als Mädchen. Ich nicke ihr mit einem zugegeben etwas aufgesetzten Lächeln zu. Smalltalk in der letzten Phase des Projekts ist in meinem Zeitplan nicht vorgesehen. Die Kassiererin fährt unbeirrt fort: „Und, ist das dritte ein Junge oder ein Mädchen?“ Ich – das Lächeln bereits etwas gequält aufgrund des Smalltalk-Zeitproblems: „Ein Mädchen.“ Sie: „Na ja. Hauptsache gesund, sag’ ich immer.“ Aus einem unerklärlichen Höflichkeitsreflex lächle ich immer noch, während ich den letzten Liter Milch in meinem überfüllten Einkaufswagen verstaue. Das hat sie jetzt nicht wirklich gesagt? Oder zumindest nicht so gemeint, wie sie es gesagt hat? Hoffentlich war das nur ein unüberlegter Redeschwall, ausgelöst durch drei niedliche Kinderaugenpaare. Alles andere wäre erschreckend für eine Schweizer Kleinstadt im 21. Jahrhundert. Vor ein paar Monaten kam unser Viertes auf die Welt. Ein Mädchen. Zur Geburt wurden wir überhäuft mit Haargummis, Lipgloss, Malstiften und dergleichen. Der pinke Girly-Overload bringt mein farbliches Einrichtungskonzept langsam aus dem Gleichgewicht. Zum Ausgleich habe ich den Mädels zwei Secondhandpuzzles gekauft: Autowerkstatt und Feuerwehr. Nicht, dass ich eine Anhängerin geschlechtsneutraler Erziehung wäre – japanische Comic-Kätzchen, Einhörner und Glitzerfeen finde ich einfach etwas realitätsfremd. Und ich bin immer wieder überrascht, wie hartnäckig sich Stereotype halten. Alles beginnt mit einer rosa Garderobe, langen Haaren, Puppenspielen, still sitzen, schön schreiben, guten Noten. Irgendwann sind Mädchen zickig, eitel, verrückt nach Schuhen, kommunikativ, süchtig nach Schokolade, grundsätzlich emotional, nah am Wasser gebaut und multitaskingfähig. Sie gehen gemeinsam aufs Klo, können weder einparken noch Karten lesen und finden sich zu dick. Logisch. Und doch haben sich die Zeiten geändert. Lieb und brav ist ja auch langweilig. Das Coolgirl von heute ist unabhängig, gleichwertig, bringt alles unter einen Hut, ist charakterstark und hat eine eigene Meinung. Ich bin dreißig. In der Gemeinde, in die ich gehe, stehen Frauen ganz selbstverständlich auf der Bühne und predigen, sie sitzen sogar im Leitungsteam. Im Putzteam (’tschuldigung: Housekeeping) sind nicht ausschließlich Frauen anzutreffen und die Bezeichnung Mutter- Kind-Raum ist diskriminierend für das Dutzend Papas, das sich während des Gottesdienstes auf wenigen Quadratmetern mit ihren Babys vergnügt. Das Dienstprofil von Frauen in der Gemeinde unterscheidet sich heute kolossal von den ungeschriebenen Gemeindepflichten, mit denen sich meine Mutter noch rumschlagen musste. Stichwort: Sonntagsschule, Büchertisch, Tischdekorationsteam, Frauenfrühstück. Und doch beobachte ich eine klischeehafte Zurückhaltung, wenn es darum geht, dass sich Frauen mit ihrem Potential in die Gemeinde einbringen.

„AND HIS LOVELY WIFE …“

Vor etwas mehr als zehn Jahren waren mein Mann und ich neue Mitarbeiter eines christlichen Missionswerkes. Unsere erste internationale Mitarbeiterkonferenz stand an. Abend eins im Plenum: Ehrungen und Dienstaltersgeschenke von zig Mitarbeitern. Es wurden Lobeshymnen auf die Taten und Erfolge der Jubilare gehalten. Der Name des jeweiligen Mannes, der diese Erfolge verzeichnen konnte, wurde aufgerufen, und – weil der Mann in Begleitung seiner besseren Hälfte die Bühne beschritt – wurde die Sache abgerundet mit „… and his lovely wife.“ So kamen Dr. Nicolas Smith and his lovely wife. John Miller and his lovely wife. Brian Ross and his lovely wife. Spätestens beim dritten „… and his lovely wife“ war für mich klar, dass ich nie eine solche werden wollte. Nicht aus Trotz, nicht aus aufgesetzter Emanzipiertheit oder Stolz. Einfach weil Gott sich mit mir mehr gedacht hat, als dass ich irgendjemandes lovely wife werde. Aber wenn nicht das, was dann? Frauen stehen heute so viele Türen offen wie noch nie. Ein Privileg, das den Generationen vor uns zu verdanken ist. Die theologische Diskussion ist weitgehend abgeschlossen, wir müssen uns die Türen in der Regel nicht mehr erkämpfen. Man könnte meinen, das Problem sei gelöst. Ist es aber, meiner Meinung nach, nicht. Wir Frauen gehen nämlich an den meisten Türen vorbei oder bleiben kurz vor der Schwelle stehen und sind dabei unzufriedener als die, die zwischen Büchertisch und Frauenfrühstück wählen konnten. Was hält uns davon ab, hindurchzugehen? Sind wir überfordert mit der Wahl? Brauchen wir wirklich männliche Frauenförderer, die uns in eine Aufgabe reinschubsen? Fehlen uns die weiblichen Vorbilder im deutschsprachigen Raum, die mutig Türen durchschreiten? Wollen wir wirklich warten, bis wir grau sind und uns die Vereinbarkeit von Familie und verantwortungsvollen Aufgaben in den Schoß fällt? Warum brauchen wir immer noch Veranstaltungen, women only, versteht sich, bei denen uns unerlässlich gesagt wird, wie wertvoll und innerlich hübsch wir sind? Passt das ambitionierte, etwas laute Mädchen, das mitreden und leiten will, eben doch nicht ganz zu dem Bild der Frau, das wir – vor allem wir Frauen – in der Kirche gerne sehen?

DIENST UNTER BEOBACHTUNG

Ja, wenn wir uns mal durch eine der großen Türen wagen, sind wir Eine unter Wenigen und eine Projektionsfläche unter stetiger Beobachtung – wahrscheinlich mehr als der Mann, der dasselbe tut. Das ewige Vergleichen, der Neid und die Stutenbissigkeit werden uns auch nicht weiterhelfen. Also Schluss damit, liebe Frauen! Wenn wir nicht aufhören, uns stets um uns selbst, unseren miesen Selbstwert und den ganzen Rest des christlichen Weißt-du-eigentlich-immer-noch-nicht-wie-schön-du-bist- Krams zu drehen, kommen wir auch nicht weiter. In einer in Gott gegründeten Selbstverständlichkeit Türen zu durchschreiten, das wünsche ich mir von uns. Nicht auf tausend menschliche Bestätigungen und seelische Streicheleinheiten zu warten, bevor wir es tun – und sich auch nicht entschuldigen und kleiner zu machen, sobald wir es getan haben. Und natürlich brauchen wir auch eure Hilfe, Männer. Seht uns, fördert uns, macht Platz für uns und dann schubst uns! TATSACHE FACHKRÄFTEMANGEL Tatsache ist, es liegt ein riesiges Leitungspotenzial brach. Die Wirtschaft ist uns wohl einen Schritt voraus. Die haben nämlich bereits bemerkt, dass sie sich das Brachland finanziell gar nicht mehr leisten können. Kürzlich habe ich gelesen, dass das Schweizer Sozialsystem mit der traditionellen Rollenaufteilung nicht mehr finanzierbar ist. Der Arbeitsmarkt müsse auf alle verfügbaren Ressourcen zurückgreifen. Heißt das, wenn’s fünf vor zwölf schlägt in Sachen Fachkräftemangel, dann wird doch noch auf die weiblichen Fähigkeiten zurückgegriffen? Dann holt man die Frauen direkt von der Entbindungsstation so schnell wie möglich wieder ins Boot oder friert schon vorher ihre Eizellen ein, damit sie ihre besten Jahre abbekommen. Versteht mich nicht falsch, ich halte wenig bis gar nichts von Quotenfrauen. Ich höre an einer Konferenz lieber einem begnadeten Redner zu als der Lady, die mir im Vorfeld des Anlasses mit ihrem Lächeln auf dem Flyer versichert, dass dies keine reine Männerrunde ist, die aber nicht mehr auf dem Kasten hat als meine Sonntagsschullehrerin vor 25 Jahren. Andersrum genauso: Ich will meine Kinder am Sonntagmorgen in der Gemeinde ja auch nicht einem Quotenmann in die Hände drücken. Sondern einfach Menschen, die ein Herz haben für die Kleinsten. Egal ob Männlein oder Weiblein.

GLEICHWERTIGKEIT SCHLÄGT GLEICHMACHEREI

In den Anfängen meiner Teenie-Jahre war meine innere Erlebniswelt sehr ausgeprägt. Einer meiner Tagträume sah wie folgt aus: In der überfüllten Badeanstalt stehe ich oben auf dem Sprungturm, alle erwarten einen simplen Strecksprung mit Nasezuhalten. Mein erfundenes Heroinnen-Ich absolviert aber einen Salto, wie es ausschließlich die Jungs in unserer Clique draufhatten. Anstatt mich tagträumerisch mit ihnen direkt zu messen, hätte ich mir im realen Leben doch besser mit den weiblichen Möglichkeiten Aufmerksamkeit und Bewunderung eingeholt. Was ich damit sagen will: Wenn wir wissen, dass die meisten Männer über mehr Muskelmasse verfügen als wir, warum dann Armdrücken? Das Kompetitive liegt uns in der Regel weniger und unsere Ellbogen sind eher zurückhaltend. Setzen wir der Muskelkraft doch unsere Eleganz, Smartness, unsere Empathie, unsere Fürsorge für andere oder was auch immer entgegen. Nicht nach Gleichmacherei streben, sondern nach Gleichwertigkeit. Und das ist doch der Punkt. Wozu uns Gott berufen, begabt und bewegt hat, das sollten wir tun. Wenn eine Frau leiten kann, dann soll sie es tun können. Wenn sie nicht dafür gemacht ist, soll sie es bitte lassen. Also weg mit dem Geschlechterkampf und der Stutenbissigkeit. Tauschen wir sie ein gegen wohlwollendes Miteinander-Unterwegssein in der Unterschiedlichkeit der Persönlichkeiten, Lebensentwürfe, Gaben und Positionen. Und um so etwas Simples zu sagen, habe ich tatsächlich mehr als 9.000 Zeichen gebraucht? Typisch Frau!

TAMARA BOPPART lebt mit ihrem lovely husband „Boppi“ im Großraum Zürich. Sie engagiert sich in dem Frauen-Leiternetzwerk www.morethanpretty.net

Genau unsere Baustelle

ES IST LEICHT GEWORDEN, SICH AUS DER VERANTWORTUNG ZU STEHLEN. WIR LEBEN, ALS SEI JEDER NUR FÜR SEIN EIGENES DING VERANTWORTLICH. WER ABER CHRONISCH „NICHT ZUSTÄNDIG“ FÜR DIE GEMEINSAME SACHE IST, MACHT SICH SCHULDIG, FINDET JULIA MEISTER.

„Das ist nicht meine Baustelle!“ ist einer von diesen Sätzen, der unsere Zeit ganz gut charakterisiert. Ich bin für mich verantwortlich. Und das reicht. Erstaunlich, dass auch die Bibel diesen Satz schon kennt: „Bin ich meines Bruders Hüter?“ (1. Moses 4,9), fragte Kain und wandte sich von Gott ab. Das Gegenteil zu behaupten – ja, du bist deines Bruders Hüter – ist eine steile These. Und dennoch möchte der folgende Artikel genau das tun: Er möchte dir sagen, dass du verantwortlich bist. In aller Konsequenz und mit aller Herausforderung, die Verantwortung mit sich bringt. Das Konzept von Verantwortung ist schwammig. Rechtlich gesprochen sind wir dafür verantwortlich, uns den Gesetzesvorschriften entsprechend zu verhalten. Bis zur Volljährigkeit obliegt die Verantwortung für unser eigenes Leben unseren Eltern. Danach bestimmen wir selbst über unser Leben. Und gleichzeitig zeigt sich Verantwortung in deutlich mehr Aspekten als den rein rechtlichen. Es gibt eine moralische Verantwortung, politische Verantwortung, religiöse Verantwortung und Selbstverantwortung, um nur ein paar zu nennen. Daran wird deutlich, wie vielfältig der Begriff ist und wie schwer zu fassen. Verantwortung verlangt, sich für jemand anderes oder auch eine Sache zuständig zu fühlen. Die Konsequenzen des Handelns zu tragen – meines eigenen Handelns und womöglich auch das anderer? Und da geht es schon los: Bin ich verantwortlich für meinen Nächsten? Für die politische Lage unseres Landes? Für die Menschen in Afrika? Die meisten von uns würden diese Fragen vermutlich mit „Ja, aber“ beantworten. Verantwortung ist ein großer, unklar umrissener Begriff, oft schrecken wir deshalb davor zurück. Denn aus Verantwortung folgt unmittelbar persönliche Schuld, wenn ich ihr nicht gerecht werde. Nur: Was passiert mit Verantwortung, die ich von mir weise? Löst sie sich einfach in Luft auf? Und: Wen wollen wir denn verantwortlich machen, wenn nicht uns selbst? ANTWORT AUF GOTTES SCHÖPFERISCHE LIEBE Sprachlich interessant ist die Zusammensetzung des Wortes: VerANTWORTung – da steckt Antwort drin. Antwort worauf? Biblisch gesehen stehen wir Menschen immer im Verhältnis zu Gott. Als Geschöpfe Gottes sind wir herausgefordert, unser Leben als eine Antwort auf seine Liebe zu gestalten. Von der Schöpfung der ersten Menschen an übergibt Gott ihnen eine besondere Verantwortung für diese Welt. Sie sollten seine Welt bebauen und bewahren. Zugleich spricht die Bibel von einer Verantwortung für unsere Mitmenschen, der wir uns nicht ohne Weiteres entziehen können. „Niemand suche das seine, sondern das, was dem anderen dient“, heißt es im Epheserbrief. Im Korintherbrief verwendet Paulus die Idee des Leibes, zu dem wir als Christen als einzelne Glieder gehören, der aber erst in seiner Gesamtheit Bestand hat. „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ (1. Korinther 12,26).

MITVERANTWORTLICH FÜR DAS GROSSE GANZE

Paulus Vorstellung des Leibes scheint zunächst irgendwie abstrus. Wieso sollten meine Handlungen das Wohlergehen der anderen beeinflussen? Sicherlich, bei ganz offensichtlich falschen Handlungen fällt uns das nicht schwer zu begreifen. Wenn ich jemanden bestehle, zum Beispiel. Aber auch sonst? Paulus widerspricht hier radikal unserem individualistisch geprägten Denken. Wir werden dazu erzogen, für uns selbst verantwortlich zu sein: Ich bin nun einmal ich und somit für mich und auch nur mich verantwortlich. Klar, dieser Gedanke hat definitiv etwas für sich. Schließlich wollen wir ja ungerne jemandem zur Last fallen. Gleichzeitig versperrt er aber den Blick für den Nächsten. „Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt“, heißt es so schön. Aber was, wenn das nicht aufgeht? Wenn der, der nicht meine Baustelle ist, mit seiner eigenen überfordert ist? Für Paulus funktioniert die christliche Gemeinschaft nur dann, wenn sich jeder für den anderen mitverantwortlich fühlt – und zwar gegenseitig. Wie in einer großen WG. Erst als ganze WG antworten wir angemessen auf unseren Schöpfer. Das heißt sicher nicht, dass ich immer und in jedem Moment für jeden anderen verantwortlich bin. Im Körperbild gesprochen: Wie könnte zum Beispiel der kleine Finger für den großen verantwortlich sein? Oder die Niere für das Auge? Schließlich sind beide ganz unterschiedlich, mit unterschiedlichen Aufgaben und Charakterzügen. Es geht vielmehr darum, die gemeinsame Verantwortung als Leib, also als Gemeinschaft, zu begreifen. Dann ist der kleine Finger genauso wie der große Zeh dafür verantwortlich, dass es diesem Leib gut geht. Und wenn der große Zeh schwächelt, schwächelt der ganze Leib. Dann ist es Aufgabe jedes einzelnen Gliedes, ihn zu unterstützen und zu fördern.

DIE KOMPLEXE LAGE IST EINE SCHLECHTE AUSREDE

Oft genug erwische ich mich selbst dabei, vor Verantwortung zurückzuschrecken, weil ich einfach nicht weiß, wo ich anfangen soll. Wenn’s ums Kleiderkaufen geht zum Beispiel. Ich finde es nicht richtig, was mit den Näherinnen in Bangladesch oder Indien passiert, wie sie unter den großen Konzernen leiden, die oft ohne Rücksicht auf Menschenrechte und Folgen für die Umwelt ihren Profit vermehren. Und jetzt? K lar, faire Klamotten gibt es inzwischen mehr als man denkt. Aber nicht in jedem Laden, oft nur im Internet. Und sollte ich die Verkehrslast durch Onlinelieferungen unterstützen? Werden faire Kleider auch zu umweltfreundlichen Konditionen hergestellt? Und dann ist da ja noch der liebe Geldbeutel, der bei einem Studentenbudget dann doch gewisse Grenzen vorgibt. Welche Verantwortung habe ich gegenüber Menschen, deren Lebensumstände nur bedingt von meinem Verhalten abhängen? Die Situation ist komplex. Oft lässt uns das erstarren und wir werden überhaupt nicht tätig. Aber darf das eine Ausrede sein? In meinem Wirtschaftsethikbuch schockierte mich neulich folgender Satz: „Dass die Situation differenziert und komplex ist bis zur Unübersichtlichkeit, erlaubt nicht die schlichte Leugnung solcher Verantwortlichkeit, es erlaubt nicht die Behauptung der Anonymität und Fatalität der gesamtgesellschaftlichen und der wirtschaftlichen Entwicklung, und es erlaubt daher natürlich auch nicht die Behauptung der Schuldunfähigkeit des Handelns in den genannten Positionen der Gesellschaft und des Wirtschaftslebens.“ (Eilert Herms) Kein schöner Satz, aber ein wahrer: Nur weil die Dinge komplex sind, sind wir nicht weniger verantwortlich. Und genauso auch nicht weniger schuldig, wenn wir unsere Verantwortung verpassen. „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Singen die Ärzte.

DER VERANTWORTUNG GERECHT WERDEN

Zugegeben, hier wird ein ganz schön hoher Maßstab gesetzt. Denn die Einsicht der Schuld ändert noch nichts daran, dass wir oft nicht einsehen können, wie wir jetzt ganz konkret verantwortlich handeln können. Manchmal ist die Baustelle des Anderen für uns schlichtweg zu groß und frisst unsere Kräfte. Aber vielleicht müssen wir auch gar nicht immer die Gesamtsituation begreifen. Lasst uns nicht davor zurückschrecken, dass wir die Welt nicht verändern können. Lasst uns vielmehr versuchen, unserer Verantwortung ganz konkret im Alltag gerecht zu werden. Das zeigt sich in der Handhabung mit unserer Zeit, mit Geld, in der Offenheit und Liebe, die wir anderen entgegenbringen. Klar, wir können nicht für alles verantwortlich sein. Aber wir können anfangen, uns unserer Verantwortung bewusst zu werden. Indem wir unseren Konsum kontrollieren und vielleicht doch das fünfte Kleidchen für diesen Sommer bei H&M zurück ins Regal hängen. Indem wir offen sind für die Menschen um uns herum, sei es in der Uni, am Arbeitsplatz, in der WG. Indem wir dort, wo wir sind, andere mit unseren eigenen besonderen Gaben unterstützen und fördern. Indem wir vielleicht doch vor der nächsten Wahl ein paar Stunden investieren, um zu überlegen, was unser Land eigentlich wirklich braucht. Und indem wir der Verantwortung uns selbst gegenüber gerecht werden. Uns in aller Freiheit Grenzen eingestehen. Denn wenn wir zu viel Verantwortung übernehmen, schaden wir uns manchmal selbst mehr, als es anderen gut tut. Sicherlich werden wir die Welt nicht retten können. Wie gut, dass Jesus das für uns getan hat. Das mindert nicht unsere Verantwortung, aber es nimmt die Angst davor zu scheitern. Weil Jesus unsere Schuld vergibt, dürfen wir in Freiheit verantwortungsbewusst leben.

JULIA MEISTER will ihren Teil der Verantwortung fürs Ganze wahrnehmen. Gott zuliebe.

Martin Dreyer: „Wir brauchen ein neues Jesus-Feuer!“

Er gründete die Jesus-Freaks, erfand die Volxbibel und verhalf Heiratswilligen auf Sat1 zur „Hochzeit auf den ersten Blick“: Alle paar Jahre provoziert Martin Dreyer Konservative. Dagegen ist sein neues Buchprojekt, Luthers Schriften ins „Volxbiblische“ zu übersetzen, ein fast schon biederes Unternehmen. Was macht Martin Dreyer eigentlich so mutig?

Interview: Judith Herm

Martin, definier mal Mut!

Mut ist, Dinge zu wagen, die man nach menschlichen Maßstäben eigentlich nicht schaffen könnte. Grenzen durchbrechen, die man mit natürlichen Mitteln nicht durchbrechen kann.

Du hast grade dein Buch „Martin Reloaded“ herausgebracht, in dem du Luthers Schriften in die „Volxbibel-Sprache“ übersetzt hast. Mutig! Was fasziniert dich an Luther?

Er hat nach seiner Überzeugung gelebt, seinen Glauben radikal umgesetzt, auch auf die Gefahr hin, Probleme zu bekommen. Das hat mich immer fasziniert. Die neuen Helden der christlichen Szene, zu denen man so aufschaut, haben noch viele Gelegenheiten, einen zu enttäuschen. Darunter kann der eigene Glaube sehr leiden. Luther dagegen hat seinen Lauf vollendet.

Wieso sind seine Schriften für uns noch relevant?

Luther hat sehr stark mit dem Wirken Gottes und Reden durch die Bibel gerechnet. Das ist in vielen lutherischen Kirchen und auch in den Freikirchen nicht mehr selbstverständlich. Er hat eine Revolution angestoßen – plötzlich haben die Leute wirklich für Jesus und den Glauben gebrannt. Wir Christen brauchen wieder so eine Jesus-Begeisterung, eine neue Jesus-Revolution, ein neues Jesus-Feuer.

Survivaltraining für Großstädter

7 kleine Abenteuer in der Begegnung zwischen Mensch und Tier.

Angeben im Park

Wer sein Smartphone nicht mehr nur als Statussymbol benutzen, sondern mit seinem Wissen Eindruck schinden will, sollte sich die kostenlosen Apps „Tiere und Pflanzen bestimmen“ (Android) und „Die Waldfibel“ (iOS, Android) herunterladen. Noch nie war es so einfach, beim Spaziergang durch den Park eine Ameisenspringspinne zu bestimmen und ein Eich- von einem Grauhörnchen zu unterscheiden.

Volks- äh, Vogelzählung

Jedes Jahr ruft der Tierschutzverein NABU zur Vogelzählung auf. Zehntausende machen mit – wahrscheinlich viele Rentner, aber warum nicht auch junge Stadtmenschen? Wenn man eigentlich die Hausarbeit fertig schreiben sollte, stattdessen aber nur aus dem Fenster starrt, kann man gleich das Nötige mit dem Nützlichen verbinden: Teilnahmebedingungen und Tipps, um die Vögel richtig zu bestimmen, findet man auf der Website www.nabu.de.

Nicht mit Reizen geizen

Mit wenig Mühe Schmetterlinge, Hummeln und Marienkäfer anlocken: Sommerflieder, Astern, Lavendel, Thymian und andere intensiv duftende Pflanzen einpflanzen – und nicht beleidigt sein, wenn die Raupen ein paar Blätter anknabbern. Auch ein selbstgebasteltes Insektenhotel kann helfen, um sich als Tierfreund zu etablieren (Bauanleitungen und Kosten sind schon für einen Drittklässler zu bewältigen).

Ein Haustier anschaffen

Wer testen will, ob er das Durchhaltevermögen und das Verantwortungsbewusstsein für ein eigenes Haustier hat, sollte sich an „Sea Monkeys“ ausprobieren. Online bestellt man sich die Eier mit kleinen Aquarien und ausreichend Futter. Wem es wirklich glückt, diese Tiere schlüpfen und eine angemessene Zeitspanne hindurch überleben zu lassen, kann sich an anspruchsvollere Projekte wagen: Süßwassermuscheln, Wasserschnecken, Axolotl …

Freund auf Zeit

Auf gefühlt fünf Quadratmetern, schlafen, essen, lernen und feiern – das normale Leben eines Studenten. Keine gute Umgebung für einen sabbernden Vierbeiner mit Schlappohren. Wer dennoch ein großer Hundefan ist, kann sich im Tierheim einen besten Freund ausleihen und mit ihm durch den Park toben, also Gassi gehen.

Imitation statt Besichtigung

Wer Tiere sehen will, braucht nicht 20 Euro zu bezahlen und sich mit schreienden Kindern in die vierte Reihe zu stellen, um einen kurzen Blick auf einen traurigen Elefanten werfen zu können. Landesweit gibt es kleinere Tierparks, in denen heimische Arten vor dem Aussterben bewahrt werden. Wer jetzt gähnt, hat noch nie seine Arme über seinem Kopf zum Geweih geformt und geröhrt, um zu sehen, wie der Platzhirsch auf diese Provokation reagiert. Und wer Bieber für einen schlechten Sänger hält, braucht sowieso Nachhilfe in Tierkunde.

Die künstlerische Annäherung

Es muss nicht immer wirklicher sozialer Kontakt sein, um sich Tieren näher zu fühlen. Viele Künstler haben sich bemüht, um Natur in unsere Wohnzimmer zu bringen. Eine willkürliche Auswahl: In „Verbotene Früchte“ gründen die Hanseaten Blumfeld eine Schmetterlingsgang. Tschingis Aitmatow verband den „Schneeleopard“ schicksalhaft mit einem Journalisten, als sie aus ihrer Heimat vertrieben werden. Franz Marc nahm sich vor, „die Tiere zu malen, wie sie fühlen, nicht, wie der Mensch sie sieht.“

Anna Fennema hatte ihr Survivaltraining bereits als Dorfkind. Als Stadtbewohnerin kann sie dieses heute gut anwenden.

Kann man das wörtlich nehmen? Die Bibel.

Wo kämen wir hin, wenn wir jeden Satz der Bibel so leben würden, wie er geschrieben steht? Müssten wir das nicht konsequenterweise tun? Oder allgemein: Wie lese ich die Bibel richtig?

Von Phillipp Wiens

„Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!“, sagt Jesus in seiner berühmtesten Rede, der Bergpredigt (Matthäus 5,29; EÜ). Nähmen wir die Bibel an jeder Stelle absolut, dann wären wir eine Nation von Einäugigen. Oder weniger dramatisch: Die Rostbratwurst aus Schweinefleisch wäre genauso tabu (3. Mose 11,7) wie ein T-Shirt von H&M, in dem Baumwolle und Polyester gemischt werden (3. Mose 19,19).

Wird die Bibel also gefährlich, wenn man sie zu ernst nimmt? Ziehen wir dann womöglich wieder in einen Heiligen Krieg? War es nicht der christliche Glaube, der in der Geschichte für unnötiges Blutvergießen gesorgt hat? Oder anders gefragt: Was hilft dabei, die Bibel so zu verstehen, wie sie gemeint ist?

Das Wunder von Taizé 

EIN GEBURTSTAGSBESUCH ZUM 75.

Läuft bei mir – ich gönne mir eine Woche Klostergesänge! Nein, keine Angst, ich will keine Nonne werden. Aber warum fahren so viele meiner Freunde und Bekannten nach Taizé und schließen diesen Ort ins Herz? Dieses Jahr bin ich – getarnt als Reisende – dabei und recherchiere vor Ort, auf der Suche nach dem Geheimnis des französischen Örtchens und seiner Kommunität.

Seit ich klein bin, begeistern mich Aussteiger. Einfach alles verkaufen und in die Karibik auf eine einsame Insel ziehen, auf der man sich von Kokosnüssen ernährt. Dort lässt man sich in aller Ruhe die Sonne auf den Bauch scheinen und denkt über das Leben nach – bärtig natürlich. Weit weg von H&M und 9GAG, zelebriert mit Gemütlichkeit, Bierchen und Seelenfrieden.

Nur mit dieser Sehnsucht kann ich mir das Taizé-Wunder erklären. Seit Jahren höre ich von Jugendlichen, die in den kleinen französischen Ort fahren, um dort mit Mönchen einfache Kehrverse zu singen und zu beten. Ich selbst war noch nie dort, bin aber skeptisch. Eine Woche lang lateinische Gesänge bei Kerzenschein? Wo sind da die Kokosnüsse? Die Entscheidung steht fest: Ich verordne mir eine Woche Taizé-Auszeit und setze mich der magischen Rattenfängermusik aus, die meine Freunde immer wieder an diesen Ort zurückkehren lässt. Radikale Ruhe und Zeit für Gott und mich. Halte ich das aus?

Just-Do-It. Auf der Webseite der Kommunität geht es ganz einfach. Ich melde mich an. Meine Busticket-PDF bei Regenbogenreisen (Kein Scherz!) ist auf meinem Desktop gespeichert und starrt mich an wie ein Tor zu einer anderen Welt. Auf nach Frankreich. Als ich kurz darauf beim Mittagessen in der Mensa fallen lasse, dass ich eine Woche Kloster gebucht habe, fallen meinen nichtchristlichen Freunden die Kinnladen runter. Auch sie stehen auf Yoga, Meditation und Jutebeutel, aber das ist ihnen dann doch etwas zu krass. Meine Erwartung steigt.

ANKOMMEN

So friedlich, so freundlich! Ich kann es kaum fassen. Ich sitze in meinem ersten „Abendgebet“. Wir singen von unserer Hoffnung und unserer Freude, der Stärke und dem Licht. Und von Jesus, unserer Zuversicht. Immer wieder dieselbe Textzeile mehrstimmig, melodisch und einfach wunderschön. Die Fahrt ist sehr gut verlaufen und wir wurden mit einem Teller Nudeln begrüßt – sehr sympathisch. Ich werde viel gefragt, warum ich nach Taizé fahre und woher ich komme, wie es mir geht und was ich studiere. Ich fühle mich sehr willkommen.

Mit meinem Ministadtplan in der Hand geht es dann in die Unterkünfte. Taizé ist ein kleines Dorf und gleicht einem größeren Campingplatz. Es besteht aus Aufenthaltsplätzen, Parkplätzen, Zeltplätzen, einem kleinen Park und einem Kiosk. Mittelpunkt ist die Kirche, die mit ihrem Teppichboden und ihrer Schlichtheit einen Touch „Erster-Schultag-in-der-umgebauten-Sporthalle“-Gefühl vermittelt. Da es noch recht kalt ist, schlafen wir in „Baracken“, wobei dieses Wort definitiv zu trist für diese süßen Holzhütten ist. Meine fünf anderen, sehr hilfsbereiten Roomys sollten mich noch die Woche begleiten.

„Ich schätze hier das einfache Leben und wie simpel es ist, mit Menschen und Gott in Verbindung zu treten.“
Barnabas Csomer (23), Bodrogolaszi (Ungarn)

100 JAHRE FRÈRE ROGER

Jedes Feuer beginnt mit einem Funken. Taizé begann 1940 mit Frère Roger. „Ich glaube, dass Jugendliche überall hinströmen, wo sie auf Vertrauen stoßen“, sagte der Gründer und erste Prior einmal. Die Kommunität ist eng mit seinem Namen und seinem Wunsch nach Aussöhnung verbunden. Frère Roger war ein Mann, der zuhören konnte und für seine sanfte Art bekannt war. Im Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg überwand er die Enttäuschung des Krieges mit den Mitteln seines Glaubens: Vergeben, Vertrauen und Versöhnen – Frère Roger fand einen Weg der Annäherung. So wurde 1962 ausgerechnet von jungen Deutschen die „Kirche der Versöhnung“ in Taizè gebaut. Eine Kirche in Frankreich, nach dem zweiten Weltkrieg gebaut von Deutschen mit der Organisation „Aktion Sühnezeichen“: Das gab ein starkes Bild ab. Dieses Jahr wäre der Seniorprior hundert Jahre alt geworden, hätte ihn nicht vor zehn Jahren eine psychisch kranke Besucherin getötet. Frère Alois aus Stuttgart leitet seitdem die Kommunität. Wichtiger als seine Person sei ihm immer die Botschaft gewesen, sagt Frère Alois über den Gründungsprior – einen Mann, der auf ein „Danke für das Essen“ ein „Gott heißt dich willkommen“ antwortete und statt Komplimente anzunehmen lieber zum Weiterdenken anregte.

INVITED TO WORK

In Taizé erwartet mich die gesamte Woche über ein handfester Tagesplan, hier gehen beten und arbeiten Hand in Hand. Zwei Stunden Mitarbeit am Tag sind ein guter Richtwert. Mir wurde der Tipp gegeben, möglichst viel zu arbeiten, da man dabei die Taizébesucher besser kennenlernt. Eine Woche vor Ostern halten sich schon etwa zweihundert Jugendliche in Taizé auf, zu Ostern werden es viertausend werden. Die Essensausgabe mit zu koordinieren, das wird die Aufgabe von uns drei Mädels unter unserem Boss Christopher sein. Die Wahrheit ist, dass wir Tee trinken, herumblödeln und feiern, dass wir nicht zum Kloputzen eingeteilt worden sind. Am Ende wird die hungrige Meute tatsächlich auch noch mit einem 5-Gänge-Menü als Mittagessen, versorgt: Mit einem Keks, Obst, einer Kelle erbsenoder bohnenlastiger Hauptmahlzeit, Käse und Baguette. Sehr lecker! Unsere Hauptaufgabe ist es, das Pappschild „Beautiful people this way“ zu halten und damit das Menschenknäuel zu entwirren. Mit unseren Schürzen und kleinen Kappen striegeln wir dann den Boden, bis es glänzt, während neben uns weitere Helfern singend die Plastikteller und -becher spülen.

DER GOLDFISCH

Wenn man in ein Aquarium schaut, ist das schön, bis man die Erkenntnis hat: Die Fische schwimmen immer nur im Kreis! Wie sinnlos und wie unnütz. Es ist Nachmittag und etwa fünfzig Jugendliche aus verschiedenen Nationen hören Bruder John Maries Goldfischmetapher zu. Ich denke, dieser Bruder hat es auf den Punkt gebracht. Wenn wir Menschen unserem Leben zu lange zusehen, stellen wir fest, wie sinnlos es ist. Und das ist zum Verrücktwerden. Damit befasst sich das biblische Buch Kohelet, aus dem wir während dieser Woche in der „Bibel Introduction“ Texte diskutieren. Meine Kleingruppe quält sich tagelang durch die Themen: Nächstenliebe, die Sinnlosigkeit des Lebens, das Salz der Erde, die Entstehung der Welt und die Hoffnung auf Ewigkeit. Acht Leute, acht Sichtweisen und unzählige Worte in der Sonne später sind alle Unklarheiten mehr oder weniger beseitigt. Ich fühle mich immer weniger wie ein im Kreis schwimmender Goldfisch und immer mehr herausgerissen aus meinem Leben wie ein Vogel, der über das Leben hinweggleitet und endlich mal einen Überblick gewinnt, was da so alles abgeht. Zumindest ansatzweise.

„Dies ist ein einzigartiger Ort, gefüllt mit Ruhe, Schönheit, Lachen und Gottes Anwesenheit.“
Johanna Andersson (24), Umea (Schweden)

EIN ECHTER BRUDER – FRÈRE BENOIT

Auch Frère Benoit hat sich aus dem Leben herausreißen lassen und ist vor zehn Jahren als Mönch der Kommunität beigetreten, weil er nach Einheit in seinem Herzen suchte. Taizé ist ihm zur Heimat geworden, weil er Jesus in Gemeinschaft nachfolgen möchte. „Ich möchte mein Leben nicht tauschen“, sagt der 33-jährige Bruder aus Paris. Frère Benoit ist ein angenehmer Gesprächspartner, bei dem man fast jeden Satz aus dem Kontext herausreißen und auf eine Tasse drucken möchte, so weise wählt er seine Worte. Wie die anderen Brüder verbringt er seinen Tag mit Arbeit in der Töpferei und in Gemeinschaft, im Gebet und mit der Bibel, mit Putzen und den Nachrichten aus aller Welt. „Wir wollen nicht abgeschirmt leben“, erklärt er und verrät, dass er seine Freizeit gerne mit Sport und dem Schreiben von E-Mails verbringt. Ich bin beeindruckt von diesem Mann, der eine so große Ruhe ausstrahlt und so viel Bedeutung in seine wenigen Worte packen kann.

LA SILENCE UND DIE INNERE STIMME

Dreimal am Tag wird zum Gebet geläutet und ein Teil dieser Zeit „in Stille“ verbracht. Während des Gebets lerne ich Niclas kennen, der auf der Suche nach innerem Frieden eine Woche lang „in die Stille geht“, auch wenn sich das schaurig anhört. Er wohnt etwas abseits und hat seinen eigenen „Bruder“, mit dem er Gespräche führen kann. Mir hingegen reichen die zehn Minuten Stille in der Kirche schon aus. Als ich Niclas nach einer Woche frage, ob er seinem Frieden ein gutes Stück näher gekommen ist, sagt er: „Nein. Aber ich habe festgestellt, dass meine Fragen nicht wichtig waren.“ Ein Perspektivenwechsel – kein schlechtes Ergebnis für eine Woche in Abgeschiedenheit. Frère Benoit erklärt mir dieses Phänomen. „Kann man seine innere Stimme im Sturm des Alltags überhaupt hören?“, fragt er mich. Er vergleicht das Leben mit einer Wanderung, bei der man manchmal den großen Rucksack abnehmen muss, um die Landschaft zu betrachten. Er schwärmt von der beängstigenden Schönheit der Meditation und beendet viele seiner Sätze mit einem fragenden „Non?“ Und ich muss sagen: „Oui“ – er hat Recht.

WHERE ARE YOU FROM?

Die Glocken läuten. Ich sitze im Schneidersitz in der Kirche, während die Brüder in ihren weißen Roben die Halle betreten. Vor mir sitzt Chiara aus Italien und ich kann Jeff aus Brasilien in der Menge ausmachen. Er möchte mal Schauspieler werden. Neben mir hocken Sjoukje aus den Niederlanden, die gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen hat, und Gwenoel aus Paris, der sich in einer Arbeitsgruppe mit der Beseitigung von atomarem Müll beschäftigt. Neben ihm sitzt Barnabas aus Ungarn, der letzte Woche in Schottland als Schäfer gearbeitet hat. Noch Fragen?

Auch wenn der Glaube an Gott das Band knüpft, das die Menschen hier verbindet, wird niemand nach seinem Glauben bewertet – und sei er auch noch so zaghaft oder gar nicht vorhanden. „Wir heißen alle willkommen. Niemand muss hier seinen Pass zeigen oder einer bestimmten Religion angehören … ah non!“, lädt Frère Benoit stellvertretend für die siebzig Brüder ein. Wichtig ist eine offene Haltung zu den Menschen und den Erfahrungen. Die Brüder freuen sich deshalb, wenn Menschen anderer Religionen zu ihnen kommen. Man merkt, dass man voneinander lernen kann. „Am Ende bleibt das Gefühl, dass der andere anders ist und doch gleich“, sagt Frère Benoit. Über die Jahre hat er viele Jugendliche gesehen, die schon im jungen Alter sehr verwundet waren und sich nach Taizé aufmachten, um diese Wunden abheilen zu lassen. „Verrückt, dass sie hier zu sich selbst finden, so weit weg von zu Hause und obwohl sie nur für eine Woche hier sind. Und doch sagen viele Jugendliche, dass es das Wichtigste war, sie selbst sein zu dürfen.“

DIE VERÄNDERUNG SEIN

So simpel, so gut: Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest. Wow! Der jährliche Brief aus Taizé von Frère Alois handelt von „Neuer Solidarität“. Was das heißt? Zuerst anzuerkennen, dass wir alle zu derselben Familie gehören. Und dann zu verstehen, dass unsere Solidarität sich nicht nur auf die Menschen beschränken sollte, die uns ähnlich sind. Sie sollte keine Grenzen kennen, sondern Mauern abbauen und Horizonte erweitern. Taizé ist ein Lernfeld für das Leben, ein Alltagsmodell für das Miteinander mit dem Anderen: meinem Nachbarn, dem Fremden in der U-Bahn, dem syrischen Asylbewerber. Taizé ist die Vision von einem Glauben, der sichtbar wird, weil er nicht ausgrenzt, sondern verbindet. Es geht um so viel mehr als eine halbe Stunde Multikulti-a-capella-Gesang.

„Für mich gleicht Taizé einer Utopie in einer Welt voller Hass und Einsamkeit. Ich hoffe, ich kann ein kleines Taizé um mich herum erschaffen.“
Sjoukje Nutma (25), Niederlande

Letzter Tag, ein letztes Mal gemeinsames Gebet, ehe wir uns wieder über den Erdball versprengen. Ich glaube, ich habe das Geheimnis von Taizé gelüftet. Warnung, denn ab jetzt kann es kitschig werden. Ich fühle mich wie ein Teil einer Geheimtruppe wie bei „Oceanʼs Eleven“ oder „Dumbledores Armee“. Wir sitzen zusammen und verabschieden uns nicht großartig. Es ist ein Band geknüpft worden, Freundschaften zwischen den Menschen, die bleiben werden. Ich hatte Glück, hinter die Hüllen der Menschen schauen zu dürfen und kleine Stücke ihres Innersten zu entdecken. Ich fühle, wie wichtig dieses Band ist zum Verständnis der Völker untereinander. Ich bin ein Teil der Veränderung, ein Teil eines weltumspannenden Netzwerkes. Ich bin ein bisschen Frieden.

_MIRIAM FINKHÄUSER ist überrascht, wie schnell in Taizé aus Fremden Freunde wurden.

Was ich will. Und was ich brauche.

Jesus ist das Gesicht eines Gottes, dem unser „Heil“ wichtiger ist als unsere kurzsichtigen Wünsche. Auch wenn das beizeiten für Irritation sorgt.
Von Markus Kalb

Gerade hat Jesus angefangen, öffentlich aufzutreten und zu predigen. Die Menschen lieben ihn. Zumindest lieben sie es, ihm zuzuhören. Sein Ansatz ist neu. Das ist spannend. Das ist spektakulär. Seine Worte sind fordernd – aber auch unwiderstehlich. Jesus könnte Stadien füllen, Tausende um sich sammeln. Erfolg! Einfluss! Ist er dafür nicht gekommen?

Und Jesus? Jesus zieht sich erst einmal zurück. Er geht in die Stille, nachzulesen in Markus 1,35-38. Sehr früh am Morgen verdrückt er sich in die Stille zu Gott. Und als er zurückkommt, erwarten ihn die begeisterten Jünger, noch immer berauscht vom Einfluss ihres Meisters. Komm, Jesus, alle warten auf dich! Die Leute sind schon da. Tausende. Lass uns loslegen! Und Jesus? Er sagt nein. Lässt die Massen hinter sich, will weiter ziehen. Auf zu neuen Dörfern. Warum genießt er nicht die Menge, den Einfluss, den Zuspruch, den Erfolg? Offensichtlich kennt er seinen Auftrag so gut, dass er sich von Erfolg und Misserfolg nicht ablenken lässt.

Gender Pay Gap: Da geht noch was

Das können wir uns nicht schönrechnen: Warum verdienen Frauen bei gleicher Leistung deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen?
Von Wiebke Harle

Hannah gehört zur Gründergeneration ihrer Firma. Seit zehn Jahren hält sie dem Betrieb die Treue, zehn lange Jahre, in denen Hannah zwei Gehaltserhöhungen angeboten bekommen hat. Nach ihrem Germanistikstudium war sie froh, überhaupt etwas zu finden. Die 2.200 Euro Brutto als Einstiegsgehalt waren zu dem Zeitpunkt auch völlig okay für die damals 26-Jährige. Heute steht sie bei 2.600 Euro. Richtig zufrieden ist sie damit eigentlich nicht – gemessen an dem was sie leistet. Aber nach einer Gehaltserhöhung fragen? Möchte sie nicht: „Ich weiß ja auch gar nicht, wie viel die anderen so verdienen.“ Dann jedoch bekommt sie zufällig mit, wie sich zwei ihrer Kollegen in der Kaffeeküche unterhalten. Mit den beiden teilt sie ein Büro, arbeitet an vielen Projekten mit ihnen zusammen. „Für 3000 würde ich hier nur noch Bleistifte anspitzen“, raunt der eine dem anderen zu. Der grinst nur und nickt.

Absolut Ässbar

Mit 225 g Lebensmittel entsorgt der Durchschnittsdeutsche Tag für Tag den Kaloriengehalt eines ordentlichen Frühstücks. In Österreich landen pro Jahr zwei Millionen Kilogramm Brot auf dem Müll, weil es zwei Tage alt ist und nicht mehr verkauft werden darf. Und der durchschnittliche Schweizer kommt pro Jahr auf 94 Kilogramm Essensabfälle – das sind immerhin 83 Kilogramm mehr als in Indien. Ethisch wie ökologisch lässt sich das kaum mit unserem Gewissen vereinbaren. Doch was kann man tun, anstatt sich nur über diesen Zustand zu beklagen? Eine Möglichkeit bestünde darin, sich den Konsum zunutze zu machen und eine Bäckerei zu eröffnen, die Zweitware verkauft. Willkommen in der Zürcher „Ässbar“.

„FRISCH VON GESTERN“

Das Schild fällt auf. Frech steht es auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt und weist Passanten darauf hin, dass man im dahinter liegenden Geschäft Brötchen, Gebäck und Sandwiches kaufen kann – „frisch von gestern“. Wer dem Versprechen folgt, landet in einem kleinen Laden, der früher italienisches Eis verkaufte. Nun sind die Wände hell gestrichen, Rezepte hängen gerahmt und handgeschrieben an der Wand und ein Regal aus Holzpaletten steht hinter der Theke. Darüber kleben dieselben Worte von draußen: „Frisch von gestern“.
Der kleine Laden nennt sich „Ässbar“ (hochdeutsch: Essbar – Wortspiel!) und verkauft Esswaren, die namhafte Bäckereien am Tag zuvor nicht losgeworden sind. Fahrer holen die Produkte morgens ab und bringen sie in den Laden. Dort werden sie liebevoll arrangiert und weiterverkauft. Von Anfang an wurde da rauf geachtet, die Bäckereien am Erfolg der „Ässbar“ zu beteiligen: Sie haben weniger Warenverlust und keinen Mehraufwand, weil die Ware abgeholt wird. Außerdem erhalten sie prozentual Anteile der Einnahmen. „Einerseits stärken wir damit den Wert der Bäckereien, weil es hochwertige Produkte sind, die wir weiterverkaufen. Andererseits tun wir etwas gegen Essensverschwendung“, erklärt uns Rika Schneider, die das Geschäft führt.
Apfel-Mandel-Brötchen bevölkern gemeinsam mit Vollkornbrötchen Körbe, in der Vitrine liegen Wähenstücke, Wraps, Sandwiches, Törtchen, Schoko croissants oder Müsli in Bechern, je nachdem, was übrig bleibt. Appetitlich sieht alles aus. Weil die Backwaren von unterschiedlichen Produzenten stammen, werden sie bei Anlieferung durch die gelernte Konditorin geprüft und der Zustand festgestellt. Und weil der variiert, plädiert Rika im Umgang mit den Kunden für Ehrlichkeit. „An manchen Tagen, wenn etwas zerdrückt ist oder die Kruste etwas hart, sage ich das den Kunden auch.“ Doch in den allermeisten Fällen sieht und schmeckt man das „Alter“ der Produkte nicht.
Obwohl Nachhaltigkeit für Rika nie eine Frage war, findet sie es großartig, dass es nun ein Angebot für die breite Masse gibt, sich in der Wirtschaft gegen Foodwaste einzusetzen – und „nicht nur am eigenen Herd“, wie sie grinst. Trotzdem hat sie die „Ässbar“ nicht gegründet und ist auch nicht die Inhaberin. Stattdessen erzählt sie eine Geschichte, die wie ein modernes Märchen klingt.

MÄRCHENHAFTE GRÜNDUNGSGESCHICHTE

Am Anfang standen vier Freunde, Geschäftsleute, seit ewigen Zeiten befreundet. Sie hatten 2011 den Wunsch, etwas gegen Essensverschwendung zu tun und landeten bei der Idee mit der Ässbar. Sie fragten Bäckereien an, suchten ein Lokal, leiteten die restlichen Dinge in die Wege und holten Rika vor eineinhalb Jahren mit ins Boot. Sie ackerte gerade draußen, als die Anfrage von einem der vier Gründer kam, mit dem sie Badminton spielte. Die vier suchten jemanden, der sowohl den Laden leiten würde, als auch Ahnung von den Produkten hatte, die verkauft würden. Also eine Mischung aus Geschäftsführer, Storemanager und Bäcker. Da Rika beruflich alles gemacht hatte, von einer Konditorinnen- Ausbildung über die Handelsschule bis hin zur Bio-Bäuerin, vereinte sie viele der erforderlichen Fähigkeiten – und war auch sofort interes siert: „Wir kannten uns relativ gut und ich wusste, dass ich so etwas nur mit jemandem machen würde, der sehr realistisch und bodenständig denkt. Ich halte nicht viel von Projekten auf Spendenbasis, die sich mit Ach und Krach durchschlagen“, lacht sie. Trotzdem war sie skeptisch, ob so ein kleines Unternehmen auf dem Markt funktionieren würde. Mit einem der Gründer arbeitete sie sich drei Monate lang ein. Von November bis Januar fuhren die zwei morgens ihre Tour, holten die Ware ab und standen anschließend hinter der Ladentheke. Dann kehrte dieser wieder zu seiner ursprünglichen Arbeit zurück. „Es wurde ohnehin unmöglich, die Sache zu zweit zu schmeißen“, erzählt Rika. Fahrer und Verkäufer mussten eingestellt werden, „und seitdem ist die Ässbar wie verrückt gewachsen.“

Die Ässbar entwickelte sich zum Selbstläufer. Einnahmen deckten die Ausgaben schneller als erwartet und Kunden interessierten sich neben den Waren auch für Foodwaste. Heute fragen immer mehr Bäckereien von selbst an, ob die Ässbar deren unverkaufte Produkte abnehmen möchte. Langsam denken die vier Gründer über Expansion nach: Es gibt Stände an verschiedenen Universitätsgebäuden in Zürich, bald wird ein zweiter Laden in einer anderen Stadt eröffnet. Rika ist überwältigt: „Ich war eine große Skeptikerin, doch es hat sich gezeigt, dass dieses Geschäft selbsttragend ist.“ Täglich fragen Kunden, ob sie mitarbeiten können, andere wollen Catering für einen Aperitif oder suchen eine Quartiersbäckerei. Und immer häufiger kommen Unternehmer auf sie zu, die ähnliche Konzepte auf die Beine stellen wollen und um Hilfe bitten. „Vieles müssen wir absagen, einiges ist machbar, es sprengt jedoch langsam unsere Kapazität.“

PROFESSIONELL UND MENSCHLICH

Umso wichtiger ist es Rika daher, diesen Erfolg den vier Freunden anzurechnen: „Sie waren es, die alles im Hintergrund organisierten und den Mut hatten, so etwas zu probieren.“ Noch heute werden Teile des Geschäftes wie Buchhaltung oder Business Development von den vier Gründern gemacht. Rika regelt alles rund ums Alltagsgeschäft mit Angestellten, Kunden und Partnerschaftsbäckereien. Sie sucht Bäckereien, stellt Personal ein, macht Einsatzpläne und bestimmt, wie verkauft wird. Professionalität hat für sie einen hohen Stellenwert: Auch wenn die Ässbar eine „SecondhandBäckerei“ ist, sollen ihre Verkäufer Bescheid wissen, was sie verkaufen, hygienisch und sauber arbeiten, die Dinge richtig einpacken und Kunden freundlich bedienen. „Eben alles, was man in einer normalen Bäckerei auch lernt.“ Ein zweiter Wert, Menschlichkeit, ließe sich nicht lernen, sei aber mindestens genauso wichtig:

„Meine Verkäufer sollen sich freuen, wenn ein Kunde den Laden betritt, weil es ein Mensch ist, der da kommt. Sie sollen etwas dabei gewinnen, wenn sie angelacht werden. So ein Flair für Menschen, dieses gewisse Etwas im Umgang mit ihnen, gibt es heute viel zu selten.“ Sie hat schon Kunden über die Ladentheke angestellt: „Einmal kam eine Studentin in den Laden und wir begannen zu reden. Nach einer Viertelstunde habe ich gefragt, ob sie bei mir arbeiten möchte – und es stellte sich heraus, dass sie gerade einen Job suchte.“ Ein Pärchen, Stammkunden, hat sie auf dieselbe Weise eingestellt.

BEZAHLBAR UND HOCHWERTIG

Dass gerade Studenten die Ässbar lieben, ist kein Zufall. In einer Stadt wie Zürich, die zu den teuersten von Europa gehört, wird bezahlbare Qualität geschätzt: „Ich bin nicht besonders finanzstark“, erklärt Bensch, der Psychologie studiert und sich vor Vorlesungsnachmittagen ab und zu etwas holt. „Deswegen schätze ich die Ässbar.“ Die meisten Produkte kosten nur noch vierzig Prozent ihres ursprünglichen Preises. Bezahlt wird in bar – und nur in bar. „Verkäufer haben aber auch schon Schuldscheine ausgestellt, wenn jemand kein Geld dabei hatte“, erinnert sich Rika. „Die Leute waren begeistert von unserem Vertrauen und standen kurz darauf meist wieder im Laden und haben mehr bezahlt, als sie mussten.“ Ein anderer Vertrauensvorschuss ist die Kaffeemaschine. Nespresso-Fairtrade-Pads stehen frei herum und man kann sich selbst bedienen, ohne vorher zu bezahlen.
Diese besondere Atmosphäre hat sich in der Altstadt herumgesprochen. Wenn man mit Rika durchs Niederdorf läuft, lernt man die Nachbarschaft kennen: zwei Frauen aus einem Geschäft in der Quergasse, ein Mann, der mit dem Fahrrad vorbeifährt oder ein Lieferant. Man tauscht einige Sätze, lacht, geht weiter. „Durch die Arbeit kenne ich das halbe Niederdorf“, freut sie sich. Man spürt, wie wichtig ihr neben Foodwaste die Beziehungen zu den Menschen sind, die tagtäglich ein- und ausgehen. Das spüren auch die Kunden.
Der einzige Nachteil, der sich bei einem solchen Ladenkonzept ergibt, ist der Zufall. Man weiß nie, was einem die Bäckereien übrig lassen und wie viel. Bereits das Ladenschild warnt: „Unser Sortiment wechselt naturgemäß täglich und ist kaum planbar. Wir behalten uns deshalb vor – je nach Geschäftsverlauf und Angebotslage – die eine oder andere Verkaufsstelle jeweils früher zu schließen.“ Bei einem Geschäft wie der Ässbar, das so herrlich aus der Reihe tanzt, kann man darüber ohne weiteres hinwegsehen.

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Gott, mein Leben und ich

LUKAS UND SIMON, IHR STUDIERT BEIDE THEOLOGIE. WIE STEHT IHR ZUM THEMA ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT? BIN ICH FREI, ZU GLAUBEN?

Lukas: Ich persönlich gehe davon aus, dass Gott ein liebender Gott ist, der uns Freiheit lässt und uns Verantwortung überträgt. Aus dieser Liebe heraus gibt er aber auch die Freiheit, diese Verantwortung wahrzunehmen oder abzulehnen. Im Hinblick auf den Glauben heißt das: Gott überfordert uns nicht mit seiner Gnade. Gott steckt uns nicht in so eine Art Gnadenfleischwolf, den er einmal durchdreht und dann kommen wir als Begnadigte unten raus. Ich finde es auch schwierig, wenn gelehrt wird, dass die Gnade etwas ist, gegen das man sich als Mensch kaum wehren kann. Gnade ist etwas Unverfügbares, etwas, das uns als Geschenk zukommt und wir annehmen dürfen.
Simon: Ich finde, man muss eine Sache bedenken. Wenn es dem Menschen wirklich möglich wäre, sich Gott gegenüber „frei und selbstbestimmt“ zu verhalten – egal ob in positiver oder negativer Weise: Würde das nicht den Erlösertod Christi ad absurdum führen? Die Bibel betont immer wieder: Weil Christus für uns gestorben ist, können wir wieder in ein Verhältnis zu Gott treten. Wozu braucht es den Erlösertod noch, wenn uns ja doch die Möglichkeit gegeben ist, uns Gott gegenüber so zu verhalten, wie wir wollen? Ich würde deswegen dagegenhalten: Schon die Tatsache, dass sich der Mensch überhaupt für Gott entscheiden kann, ist ein Akt der Gnade Gottes. Dass der Mensch auf diese Ebene gehoben wird, auf der er „Ja“ sagen kann, ist schon ein Handeln Gottes an ihm. Da ist schon die Frage der Auseinandersetzung ein Teil des Prozesses, in dem Gott wirkt.

DU MEINST ALSO, DASS WIR UNS NICHT FREI FÜR GOTT ENTSCHEIDEN?

Simon: Ja, das w ürde ich so sagen. Für mich hat die Rede davon, dass der Mensch Gott gegenüber frei ist, etwas Provokantes: Dass nämlich der Mensch ein Sein außerhalb Gottes beansprucht. Ich möchte etwas vor Gott sein, etwas ganz Eigenständiges, über das Gott nicht einfach verfügen kann. Diese Vorstellung leuchtet mir nicht ganz ein, weil doch in der Schöpfung die ganze Existenz von Gott abhängt. Das Sein ist abhängig von Gott, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht.

ALSO SIND WIR MARIONETTEN.

Lukas: Ich sehe das anders. Am Bild der Tür lässt sich das vielleicht ganz gut verdeutlichen, auch wenn es sehr vereinfacht ist. Auf dieser Tür steht geschrieben: „Tritt ein, entscheide dich.“ Und du trittst durch diese Tür, durch deine eigene Entscheidung. So bist du dann in Gottes Herrlichkeit. Du schaust zurück und siehst ein Schild über der Tür, auf dem steht: „Vor Entstehung der Welt erwählt.“ Ich glaube, das sind einfach zwei Perspektiven, die ein und denselben Sachverhalt beschreiben. Das eine ist unsere menschliche Wahrnehmung: „Ich entscheide“, mittels der Freiheit, die ich als Mensch zu haben meine. Das andere ist die Perspektive Gottes: Er weiß natürlich, was wir tun und wie wir uns entscheiden werden.
Simon: Dabei verstehe ich allerdings noch nicht, wie du Prädes – tination und Freiheit zusammenbekommst. Klar kriegst du das mit dem Bild auf eine anschauliche Ebene, aber auch da bleibt die Frage erhalten, ob wir nicht letztendlich Marionetten sind.
Lukas: Da sollten wir uns als Christen auf die Bibel berufen können. Und die zeichnet das Bild einer relativen Freiheit – nicht aber eines absoluten Determinismus, in dem alles vorherbestimmt ist wie in einem Marionettenspiel. Übrigens auch nicht das Bild vom Naturalismus, in dem Gott als Schöpfer alles Leben angestoßen hat und es sich in einem riesigen Dominoeffekt nach genau dieser Vorhersehung entwickelt. Auch das entspricht nicht der Bibel. Als Christ muss ich mich entscheiden, ob ich mein Bild möglichst biblisch herleite und heilsgeschichtlich einordne, oder ob ich mich um ein durch und durch logisches System bemühe.
Simon: Ich denke, genau das ist der Punkt. Gott handelt heilsgeschichtlich mit dieser Welt. Er hat einen Willen für die Welt und dieser bildet auch den Rahmen unseres Lebens. Das Wort „vorherbestimmt“ ist so negativ besetzt, als wirke Gott letzten Endes doch alles aus sich heraus. Gleichzeitig ist Vorherbestimmung das einzige Bild, mit dem ich der Allmacht Gottes und seiner Zielorientiertheit gerecht werde. Es ist sogar ein sehr seelsorgerliches Bild, weil es klar macht, dass es auch keine anderen Mächte gibt, die in dieser Welt nachhaltig etwas durchsetzen können. Nein, Gott ist es, der seinen Willen durchsetzt, vom ersten Moment bis zum letzten.

ALSO TRÄGT DER MENSCH AUCH KEINE VERANTWORTUNG, OB ER ZUM GLAUBEN KOMMT?

Simon: Nein.
Lukas: Doch! Biblisch stehen diese beiden Gottesbilder nebeneinander: Ein Gott, der die Welt aus dem Nichts schafft, vollkommen souverän handelt und über uns Menschen steht. Und zum anderen ein Gott, der von Anfang an dem Menschen eine Verantwortlichkeit zuweist, ihm einen Auftrag in dieser Welt gibt und ihn nicht der vollkommenen Beliebigkeit überlässt. Diese Verantwortung, die Gott dem Menschen überträgt, ist nur dann eine wirkliche Verantwortung, wenn sie innerhalb unserer menschlichen Freiheit geschehen kann. Und dieses Nebeneinander, meine ich, muss man einfach so stehenlassen. Ich darf immer mit dem Eingreifen Gottes und seiner Souveränität rechnen, damit, dass Gott gut ist, er zu seinem Ziel kommt und es gut mit mir meint. Aber ich darf nicht meine Verantwortung abgeben, als wäre ich eine Marionette und mein Handeln gleichgültig. Deshalb nochmal, nein, wir sind keine Marionetten!
Simon: Mir kommt die Idee vom freien Willen manchmal ein bisschen vor wie ein pädagogisches Konzept. Als ob man Angst davor hat, dass die Leute letztendlich wie die Axt im Wald leben, wenn man mit der Lehre vom unfreien Willen Ernst macht. Als ob es das mit der Verantwortung dann gewesen wäre.
Lukas: Aber schau dir mal Philipper 2,13 an, eine klassische Stelle: „Gott wirkt in uns das Wollen und Vollbringen“. Da kann man sagen: Super, da steht’s, Gott macht ja alles, es gibt Prädestination. Aber wenn man dann den Kontext anschaut und mal den Vers davor liest, geht es genau um das Gegenteil: „Schafft euer Heil mit Furcht und Zittern!“ So ein richtig krasser Imperativ, der Aufruf: Mensch, kümmer dich um dein Heil! Und nach diesem Anspruch kommt der Zuspruch: Gott schafft es in dir, du bist nicht alleine, er hilft dir. Aber biblisch ist es nie getrennt.
Simon: Klar, es entspricht ja unserer Wahrnehmung, dass wir selbst Entscheidungen treffen und einen eigenen Weg gehen müssen. Wir können ja gar nicht anders, als das so zu tun. Aber da ist trotzdem immer der Blick hinter den Vorhang und das Wissen, dass in Wahrheit ein ganz anderer die Strippen zieht und den Heilsplan ablaufen lässt. Der Mensch ist so hineingenommen, wie er nur hi neingenommen sein kann, nämlich, dass der Schöpfer durch den Menschen hindurch schafft und durch ihn seinen Heilsplan realisiert. Aber immer als ein Schöpfungsakt des Schöpfers. Ich stimme dir ganz zu Lukas: Das Evangelium verkündet, dass wir frei sind. Diese Freiheit heißt, dass wir „uns selbst gemäß“ leben dürfen. Und im Evangelium heißt es, dass diese Freiheit immer nur in der Gottesbeziehung ganz erfüllt sein kann. Nur dort lebe ich wirklich frei, weil ich mir bewusst bin, dass letztendlich alles von Gott abhängig ist. Eine andere Freiheit gibt es für den Menschen nicht. Eine andere Freiheit wäre Selbstverleugnung. Dann müsste sich der Mensch gegen sich selbst entscheiden.

UND WAS BEDEUTET DAS FÜR UNSERALLTÄGLICHES LEBEN?

Simon: Nehmen wir einmal das klassische Beispiel: Wen heirate ich? Wenn es nun eine Welt gibt, in der alles einem Masterplan gehorcht, muss ich natürlich auch den einen Partner finden, der der Richtige ist. Ich aber glaube: Wenn Gott derjenige ist, der alles wirkt, und wenn die Gottesbeziehung tatsächlich das ist, wodurch der Mensch am meisten Freiheit erfährt, dann ist auch die Wahl des Partners, der mir selbst am meisten entspricht, eine Entscheidung der Freiheit, die Gott wirkt. Deswegen kann man sich da wirklich entspannen und so ein bisschen dieses „Was wäre, wenn …“ sein lassen. Weil es eben nur eine Sache geben kann, die real wird, und das ist die, die Gott auch irgendwie für gut befunden hat.
Lukas: Ich würde da einen anderen Ansatz wählen: Wirkliche Freiheit ist, sich maximal abhängig von Gott zu machen. In der Abhängigkeit von Gott fühle ich mich wirklich frei. Weil ich dann merke, meine Last, meine Sorgen, die Dinge, die mich beschäftigen, die kann ich an ihn abgeben. Natürlich bin ich dafür verantwortlich, muss ich handeln, muss ich mich entscheiden, aber ich muss diese Last nicht tragen, sondern kann sie IHN tragen lassen und mir sicher sein, dass er die Hand über allem hat.

VIELEN DANK EUCH BEIDEN FÜR DAS GESPRÄCH.

Egosex

Christina Rammler hat ein Buch über Pornografie geschrieben: „Egosex“. Und das mit dem Namen. In sieben Interviews haben ihr fünf Männer und zwei Frauen ihre Pornobiografien gestanden. Zeit für eine Abrechnung.

Interview: Pascal Görtz und Judith Herm

Christina, andere Leute schreiben Beziehungsratgeber oder Garten-Idylle-Geschenkbücher. Du sprichst mit Fremden über Pornokonsum. Wie kommt man auf sowas?
Ich hatte eine wirklich nachhaltige Begegnung mit einem jungen Mann, der mich in seine Not in Sachen Pornografie mit hineingenommen hat. Er hat das quasi vor mir gebeichtet und ich hab mit ihm gebetet. Diese Begegnung hat mich nachher total beschäftigt. Auf dem Nachhauseweg hab ich mich mit Gott in meinem Herzen unterhalten. Da hatte ich dann einfach einen Blitzgedanken: Schreib ein Buch über Pornografie. Meine erste Reaktion war: Das ist völliger Blödsinn. Wieso soll ich ein Buch über Pornografie schreiben? Doch dann hatte ich plötzlich den Gedanken: Ich heiße ja Christina Rammler. Und plötzlich ergab alles einen Sinn, mein ganzes Leben, immer wenn sie mich verarscht haben wegen meines Namens oder ich mir immer einen blöden Spruch einfallen lassen musste, wenn ich ausgelacht wurde. Dann hab ich gedacht: Hey, Gott, wenn ich als Christina Rammler ein Buch über Pornografie schreibe, muss ich mich nicht mal mehr ums Marketing kümmern. Das ist wahrscheinlich ein Selbstläufer.

Schon seltsam: Über so ein Thema unterhält man sich eigentlich nicht. Plötzlich sitzt du als Frau vor ihnen und sie fangen an, die Hosen runterzulassen und entspannt darüber zu reden. Warum?
Vielleicht einfach, weil ich sie gefragt habe. Weil ich ihnen das Gefühl gegeben habe, dass es okay ist, was sie mir erzählen. Ich war an ihrer Geschichte interessiert. Ich wollte wissen, welche Erfahrungen sie gemacht haben, ohne, dass ich das in irgendeiner Weise bewerte, in eine Schublade stecke oder verurteile. Ich habe sie, glaube ich, mit großem Respekt behandelt. Was auch immer sie mir erzählten: Ich wollte es nicht bewerten. Hinterfragen vielleicht, aber sie wussten, ich lass es stehen und lerne daraus etwas für mich. Es war eine sehr offene, neugierige Atmosphäre.

„Das Tabu macht letzten Endes die destruktive Macht von Pornografie aus.“

Würdest du Pornografie erst als Problem bezeichnen, wenn es zur Sucht wird – oder schon den Konsum an sich?
In meinem Buch hab ich dazu geschrieben: Wenn Pornos Probleme machen, dann sind Pornos das Problem. Der besagte Interviewpartner schaut keine Pornos mehr, da er jetzt eine Freundin hat. Für mich heißt das: Der hat in seinem jugendlichen Wahnsinn, wie das halt viele machen, Pornos konsumiert, weil er neugierig war und man das unter Jungs so machte. Aber er hat kein Problem damit. Für ihn ist es ein Können, kein Muss. Er hat, das muss man bedenken, auch nicht diesen christlichen Hintergrund. Pornokonsum ist im christlichen Kontext eine ganz andere Sache. Als Christ hast du ganz andere Ansprüche an dich selbst und gewisse Glaubensüberzeugungen, das bringt eine ganz andere Sensibilität für die Folgen der Bilderflut mit sich. Da wird Pornografie schneller zum Problem. Erst gestern hatte ich wieder ein Gespräch mit einem jungen Mann, der damit kämpft. Weil er das Gefühl hat, dass sich der Pornokonsum zwischen ihn und Gott stellt.

Hast du deswegen bewusst die moralische Frage vermieden?
Ich bin ja Ethiker. Als Ethiker stellt man erst mal nicht die Frage nach Richtig und Falsch, sondern die Frage nach dem guten Leben. Ist das, was wir tun, auch wirklich gut für uns? Ist es weise, bringt es unser Leben letztendlich zum Blühen? Deswegen bin ich nicht mit einer moralisierenden Brille hingegangen. Außer, wenn Christen sie auf den Tisch gelegt haben. Bei einem Kandidaten hab ich die Frage nach dem Thema Sünde gestellt, um herauszufinden, ob er aufgrund seines Glaubens ein Bewusstsein dafür hat, das andere nicht haben. Aber: Ich muss das alles nicht bewerten. Ich muss nicht moralisieren, was andere Menschen machen. Wir bauen alle immer wieder Scheiße. Letzten Endes ist doch die gute Botschaft, die wir Christen im Gegensatz zu Nicht-Christen haben, dass wir eine Lösungsstrategie haben für allen Müll, den wir fabrizieren. Es geht letztlich nicht um Richtig und Falsch, sondern um eine Haltung, die Paulus empfiehlt: Du darfst alles tun, aber nicht alles dient dir zum Besten. Überleg dir, was du tust: Ist es gut für dich, für deine Beziehungen, deine Sexualität, für deine Beziehung zu Gott?

Das gesamte Interview gibt es in der DRAN NEXT 2/15. Gleich hier als Testabo bestellen!

Vom Fasten fasziniert

Mal für ein paar Wochen auf Fleisch verzichten, quasi als ritualisierter Leistungsnachweis, weil Gott einem soviel Opfer wohl noch wert sein dürfte – das kann doch nicht alles sein, was den Wert des Fastens ausmacht. Dorina Seitz über das Fasten als Reise zu sich selbst, dem anderen und Gott.

Eine Null-Diät ist, wenn ich förmlich sehe, wie mein Gehirn nach Glukose lechzt und der Anblick von Schokolade die Schweißdrüsen übernatürlich anregt. Ich kann da mitreden. Nur, habe ich gemerkt, bringe ich mein Gewicht eher ins Gleichgewicht, wenn ich dem Essen die richtige Gewichtung gebe … Am Aschermittwoch ruft die Kirche zu vierzig Tagen Verzicht auf – und damit startet sie sicher keinen religiös maskierten Back-up-Plan, um einem fragwürdigen Körperideal hinterherzurennen. Was also verbirgt sich hinter der Tradition des Fastens? Eines sei vorweggenommen: Es geht um’s Ganze.

Ein Ritual mit reichlich Tradition

Aus christlich-biblischer Perspektive unterliegt das Fasten keinen Regeln. Im alten Israel fastete man als Gemeinschaft oder als Einzelner in Trauerzeiten und Krisenmomenten. An Gedenktagen spürte man so körperlich dem traumatischen Schock bestimmter Ereignisse der eigenen Geschichte nach. Für alle sichtbar diente es als Zeichen der Buße und Demütigung oder der Reinigung vor einer bevorstehenden Gottesbegegnung. Einige Älteste der frühen christlichen Gemeinde verbanden vor einigen personellen Entscheidungen ihr Gebet mit dem Verzicht von Essen. Jesus hält dazu an, beim Fasten nicht die eigene Frömmigkeit zur Show zur stellen, sondern vor Gott und sich selber auf einen Lohn zu vertrauen (nachzulesen in Matthäus 6, 16-18). Obwohl kein biblischer Imperativ, hat sich in der Kirche nach den ersten Jahrhunderten eine vorösterliche Fastentradition entwickelt, die in verschiedenen Konfessionen noch unterschiedliche Ausprägungen hat. Sollte man diese Tradition so ganz postmodern über Bord werfen? Ich schlage vor: Mal über die Reling beugen, nachhaken und vielleicht einen Schatz an Land ziehen.

Freiheit durch Selbstverzicht

Fest steht: Wer zu Teilen auf etwas verzichtet, das ihm sonst als Nahrungsgrundlage dient oder für sein Leben zumindest von Bedeutung ist, hungert nach mehr. Er gibt sich mit dem scheinbar Vollkommenen nicht zufrieden. Wenn wir eine Zeit lang ohne Fleisch oder Feingebäck, ohne Feierabendbier oder Facebook leben, schränken wir uns in unserer Handlungsfreiheit bewusst ein. Wir nehmen uns ein Stück Freiheit, um sie an anderer Stelle zu bekommen. Jeder Verzicht schafft Kapazität. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, worauf wir verzichten, als vielmehr die Frage: Was stattdessen?

Fasten heißt ursprünglich „festhalten“ oder „fest werden“. Dabei lassen wir beim Verzichten erst einmal los: schlechte Gewohnheiten, ein „zu viel“ an Konsum, eine kritische Konstante unseres Alltags. Und wir stellen fest: Es geht auch ohne. Wenn etwas wegfällt, stellt sich die Frage nach dem, was bleibt: Was ist es denn, was ich als Grundfeste meines Lebens sehe? Was hält mich in Mangelzeiten? Verzicht schafft Nüchternheit. Und darin liegt die Kraft, die Tür zur eigenen Seele zu öffnen und ihr endlich, endlich mal zuzuhören. Ein Fastentagebuch hilft, aus wirren inneren Dialogen einen heilsamen roten Faden zu ziehen.

Fasten beginnt im Kopf

„Auch die Zunge muss fasten“, meint meine Freundin aus Marokko. Nicht als Seitenhieb auf mein verkohltes Mittagessen, sondern im Ernst. „Wer lästert, der fastet nicht.“ Ich husche gedanklich durch ein imaginäres Sprachprotokoll der letzten Stunde. Doch, ich finde etwas, worauf ich (und damit auch die anderen) das nächste Mal gerne verzichten könnten. Wie wäre das: in der Fastenzeit zur Abwechslung mal Worte weglassen? Vergebung aussprechen statt nur zu fluchen, Komplimente verschenken statt unsachlich zu kritisieren, aufbauen statt abzulästern, stark machen statt zu schimpfen? Ich lasse mich herausfordern.

Die evangelische Kirche lädt seit ein paar Jahren zu der Aktion „7 Wochen ohne“ ein. Dieses Mal mit der Idee, 40 Tage lang auf Gedanken zu verzichten, die das Potenzial haben, mich wie Säure anzufressen. Wenn ich anfange, mich innerlich klein zu machen und wertlos zu reden, dann darf ich ein energisches „Stopp!“ setzen. Und stattdessen ein inneres Selfie schießen und an Gottes und anderer Menschen „Gefällt mir“ denken.

Eine neue Spur zum anderen

Fastentraditionen bringen seit langer Zeit Menschen zusammen. Weil ihr Suchen nach Gott, ihr gemeinsames Ausharren oder kollektives Anliegen sie eint. Was wäre damit: eine Fastengruppe gründen, nicht (nur?) auf Facebook, sondern im wirklichen Leben mit wirklichem Austausch und echtem Ansporn? Nicht als gepflegter Jammerkreis, sondern als Gleichgesinnte, die in derselben Goldmiene buddeln. Auch das gemeinsame Gebet kann dabei zu etwas Ganzheitlichem werden: weil es eben mehr ist als das akustische Abtragen verbrauchter Wortphrasen. Vielleicht meinen das die Psalmdichter, wenn sie schreiben: „Mein ganzer Mensch verlangt nach dir.“ (Psalm 63:2)

Fasten lässt nämlich nicht nur die Seele, sondern auch den Körper sprechen. Überhaupt zu wissen, wie sich Hunger anfühlt, weckt Mitgefühl. Das macht sensibel für die, die keine Wahl haben. Auf eine horizontale Sprengkraft des Fastens wies vor fast 3000 Jahren auch Jesaja hin, Kritiker von leeren Ritualen und teilnahmslosen Herzen: Wenn ich mich selber quäle, ist keinem geholfen, sagt er. Fasten soll vielmehr ein Verzicht auf den sozialen Verzicht sein. Ich frage meist, welche Art von Enthaltsamkeit mir den größten Nutzen verschafft. Die bessere Frage ist, was mich und andere wirklich satt macht und wonach zu hungern es sich lohnt: Menschen zur Freiheit zu helfen und mit Bedürftigen zu teilen. (vgl. Jesaja 58: 1-12) Vielleicht könnte mein Verzicht jemandem zum Vorteil werden?

Die Chance auf einen Neuanfang

Nach jüdischer Tradition gingen Fastende manchmal sprichwörtlich in „Sack und Asche“, als äußeres Zeichen einer inneren Umkehr. Auch dafür ist die Fastenzeit eine Einladung: Mich aus der Routine reißen zu lassen, um an den kritischen Stellen meines Lebens das Ruder herumzureißen. Dort Vergebung zu suchen, wo ich etwas oder jemanden zerrissen habe. Trauern und loslassen, wo es Risswunden in mir selbst gibt. Die Fastenzeit endet mit dem Osterfest und der Auferstehung als zeichengebender Wirklichkeit: Ich darf ganz neu anfangen, weil am Ende das Leben steht, nicht der Tod. Ist es da nicht etwas zu kurz gegriffen, einfach nur den Schokoladenhasen im Aldi-Regal stehen zu lassen und sich über potenziell eingesparte Kalorien zu freuen?

Dorina Seitz wird die Fastenzeit zum ersten Mal bewusst wahrnehmen – und ist gespannt, was Verzicht verändert.

Der Motor in dir

„Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.“ Stimmt. Dabei könnten wir auch einfach rumsitzen und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Wiebke Harle auf der Suche nach unseren inneren Quellen.

Nachdenklich schaut der alte Mann aus dem Fenster, bevor er sich langsam umdreht. Grau ist sein Umhang, grau sein Hut und grau sein langer Bart. Nur seine Augen blitzen, als er das kleine Männchen ansieht, das da vor ihm steht und flehentlich zu ihm aufblickt. In seiner Hand ein Ring: golden, unscheinbar – doch scheint sein Gewicht die Hand immer weiter nach unten zu drücken. „Du bist doch weise und mächtig“, sagt der Kleine. „Willst du nicht den Ring nehmen?“ –„Nein!“, ruft Gandalf und fährt hoch. „Damit würde meine Macht zu groß und zu fürchterlich.“ Und der Zauberer bleibt dabei. Er lehnt den Ring ab, weil er die Versuchung kennt, die mit Macht einhergeht: Die Möglichkeit, sie zu missbrauchen. Eine weise Entscheidung, die Gandalf da trifft. Wer weiß, wie J.R.R. Tolkiens Fantasy-Trilogie „Der Herr der Ringe“ ausgegangen wäre, wenn er sich anders entschlossen hätte. Die Macht ist nicht nur eines der Hauptmotive in diesem Epos – tatsächlich, so haben Psychologen herausgefunden, ist das Streben nach Macht auch eine der drei grundlegenden Antriebskräfte des menschlichen Daseins überhaupt. Mal stärker, mal schwächer ausgeprägt, steckt doch ein Hang zur Kontrolle (unserer selbst oder unserer Mitmenschen) in jedem von uns.

Macht ist es also, die uns bewegt. Und was noch? Die Frage nach dem, was uns antreibt, trieb uns unlängst auch in der DRAN NEXT-Redaktion um. Tatsächlich gibt es in der Psychologie einen ganzen Forschungszweig, der wissen will, was uns dazu bringt, das zu tun, was wir tun: die Motivationsforschung. Sie stellt sich genau die Fragen, die uns auch beschäftigten: Warum arbeiten wir zum Beispiel eigentlich bei einer Zeitschrift mit, investieren Zeit, Kreativität und Nerven? Warum strengen wir uns im Studium an – stellen Hausarbeiten fertig, auch wenn uns das Thema null interessiert? Was bringt uns dazu, einen Hauskreis zu leiten? Und warum machen wir nicht einfach immer nur das, worauf wir Lust haben?

Ohne Antrieb kein Leben

Um es erst einmal klar zu stellen: Antrieb ist überall und in uns allen. Ohne ihn könnten wir nicht überleben. Ohne Antrieb würden wir nicht mehr essen, nicht mehr trinken, uns nicht mehr pflegen. An Aktivitäten, die über das Stillen der Grundbedürfnisse hinausgehen, wäre ohne Antrieb gar nicht zu denken. Wer keinen Antrieb mehr hat, der ist in der Regel krank: So ist fehlende Motivation oft ein Symptom bei Menschen, die an Depressionen erkrankt sind. Und auch Demenzkranke sind häufig antriebslos. Von etwas angetrieben zu sein, ist zunächst einmal gesund. Ein starker, innerer Antrieb macht mich noch nicht zu einem Getriebenen.

„Tatsächlich tun viele Menschen alles Mögliche dafür, bei anderen gut anzukommen.“

In „Antrieb“ steckt bereits ein Wort, das uns einen Hinweis liefert, was es denn ist, das uns bewegt – der Trieb. Triebe entstehen dem Psychologen Clark Hull zufolge, wenn wir uns bezüglich unserer biologischen Bedürfnisse in einem inneren Ungleichgewicht befinden. Die Spannung, die dadurch entsteht, dass wir Hunger oder Durst haben, dass wir frieren oder sexuell erregt sind, wollen wir unbedingt abbauen – also essen wir etwas, trinken, ziehen uns einen warmen Pulli über oder schlafen mit unserem Partner. Sobald das jeweilige Bedürfnis befriedigt ist, ist alles wieder im Lot. Zumindest so lange, bis wir erneut einen Mangel verspüren.

Mehr als unsere Triebe

Aber kann das schon alles sein? Nein, fanden auch die Motivationsforscher, denn nicht jedes menschliche Verhalten lässt sich ausschließlich mit der Befriedigung biologischer Bedürfnisse erklären. Schließlich tut der Mensch im Leben doch eine ganze Reihe an Dingen, die nicht in erster Linie etwas mit Trieben zu tun haben. Oder ihnen sogar diametral entgegenlaufen.

Das Streben nach Macht ist eines dieser Motive, die nicht primär der Bedürfnisbefriedigung dienen. Ein weiteres ist der Wunsch danach, anerkannt, geliebt, geachtet und respektiert zu sein. Affiliation heißt das im Fachjargon. Tatsächlich tun viele Menschen alles Mögliche dafür, bei anderen gut anzukommen. So wie vielleicht auch Max Wilderich-Lang. Keine so genannte bedeutende Persönlichkeit, niemand, den man unbedingt kennen muss. Und doch fiel mir sein Grabstein auf, als ich kürzlich über den historischen Friedhof schlenderte, der gleich bei mir um die Ecke liegt. Die Inschrift darauf: „Gründer einer Stiftung für arme und kranke Kinder“. Vielleicht, so dachte ich mir, ging es ihm tatsächlich nur um das Wohl der Kinder. Vielleicht war er aber auch einfach darauf aus, von seinen Mitmenschen geachtet zu werden. Als Wohltäter bekannt zu sein – und schließlich auch als solcher im Gedächtnis zu bleiben. Wie anders ließe sich sonst erklären, dass ausgerechnet diese Botschaft auf seiner letzten Ruhestätte verkündet wird?

Tatsächlich ist dieser Friedhof eine Fundgrube menschlicher Geschichten: Früher schien es groß in Mode gewesen zu sein, sich nicht nur Namen und Lebensdaten auf den Grabstein meißeln zu lassen, sondern die Berufsbezeichnung gleich mit. Da liegen die Gebeine von Reichsbahndirektoren neben denen von Professoren für Philosophie, die Seifenfabrikantensgattin neben dem Oberhofbräudirektor. Ganz offensichtlich lebten diese Menschen in einer Zeit, in der es unheimlich wichtig war, welchen Beruf man ausübte – und damit, welchen gesellschaftlichen Stand man innehatte. Dies war sogar so wichtig, dass die Leute es für notwendig hielten, die Nachwelt darüber zu informieren. Für Männer lautete die Maxime, einen Beruf zu ergreifen, der sie zu „jemandem machte“. Für Frauen galt es, einen Mann zu heiraten, der „jemand war“. Gesellschaftlich anerkannt zu sein – das war der Motor, der die Menschen und die Gesellschaft damals antrieb. Heute ist das vermutlich nicht viel anders, nur dass sich unsere Bestattungskultur inzwischen geändert hat.

Leistung

Ebenso die Jahrhunderte überdauert hat das sogenannte Leistungsmotiv: Menschen wollen über sich hinauswachsen, an ihre Grenzen gehen und diese überwinden. Wie die anderen beiden Motive kann auch das Leistungsmotiv positive und negative Auswirkungen haben. Je nachdem, wie man es eben auslebt: Der Grat zwischen angemessenem Fleiß und konzentriertem Tun auf der einen und Arbeitssucht auf der anderen Seite ist schmal. Gerade in einer Leistungsgesellschaft wie der unsrigen, in der sich immer mehr Menschen über ihre Leistung definieren, ist die Gefahr auszubrennen groß. Besonders für diejenigen, die für eine Sache brennen: Der Pastor, der sich für Gott und für seine Gemeinde begeistert – und aufarbeitet; der Regisseur, der eine Szene so lange wiederholen lässt, bis sie perfekt ist; die Studentin, die sich für eine gute Hausarbeit die Nächte um die Ohren schlägt. Allerdings: Gäbe es die leistungsmotivierten Menschen nicht, so hätte es viele Entwicklungen sicher nicht gegeben, die die Menschheit nach vorne gebracht haben. Vielleicht würden wir immer noch ohne Strom und fließend Wasser in irgendwelchen Höhlen hocken. Bach, Beethoven oder Händel wären die bekanntesten Vertreter der „Neueren deutschen Mittelmäßigkeit“.

Macht

Genauso ein zweischneidiges Schwert ist das Machtmotiv. Reden wir von Macht, so denken wir oft automatisch an Machtmissbrauch: In unserem Kopf entstehen dann sofort Bilder von durchgeknallten Diktatoren, die für ihre Herrscherphantasien über Leichen gehen. Vielleicht kennen wir auch selbst Beispiele aus unserem Umfeld: das Gemeindemitglied, das aus seiner großzügigen Spende ableitet, dass es ja wohl zukünftig selbstverständlich bei allen wichtigen Entscheidungen ein Wörtchen mitzureden hat. Oder die Lehrerin, die bei ihrer Notengebung gern ein bisschen Schicksal spielt. Einfach, weil sie es kann. Genauso gut gibt es jedoch auch hier Menschen, die ihre Macht weise, sinnvoll und zum Wohle anderer einsetzen – die Mitarbeiterin beim Arbeitsamt, die Verständnis zeigt und ihr Möglichstes tut, zu helfen. Den Hauskreisleiter, der nicht darauf bedacht ist, seine Mitglieder herumzukommandieren, sondern der darum bemüht ist, sie zu fördern und zu stärken.

Anerkennung

Menschen, denen wichtig ist, was andere über sie denken, die beliebt und anerkannt sein wollen, neigen eher dazu, sich bei anderen anzubiedern: Sie hängen ihr Fähnchen in den Wind und reden denen nach dem Mund, bei denen sie sich gerade lieb Kind machen wollen. Vielleicht ertappen sie sich auch immer wieder dabei, wie sie schlecht über andere reden, um selbst den ein oder anderen Lacher auf ihrer Seite zu haben. Häufig sind es dieselben, die sich für andere aufopfern, die hier die Kinderbetreuung übernehmen, dort einen Kuchen backen, für jeden immer und überall ein offenes Ohr haben: ganz einfach deshalb, weil sie nicht ,Nein‘ sagen können, aus Angst davor, dann fallen gelassen zu werden. Unsere Gesellschaft würde zusammenbrechen, wenn es sie nicht gäbe, weil sie sich ins Ehrenamt investieren wie kaum ein anderer. Weil sie gerne Beziehungen zu ihren Mitmenschen aufbauen und ihnen diese Bindung wichtig ist. Auf sie kann man sich verlassen.

Der Knackpunkt bei der Sache mit den Motiven: Mein Antrieb sagt noch nichts aus über die Richtung, in die sich die Energie freisetzt. Mal zum Guten, in anderen Momenten zum Schlechten. Deshalb ist wichtig, dass ich mich gut kenne und weiß, welches Motiv mich persönlich am stärksten antreibt. Denn nicht bei jedem Menschen sind alle drei gleich stark ausgeprägt. Und wenn ich es dann weiß, kann ich mich selbst immer wieder hinterfragen: Treffe ich diese Entscheidung, weil sie gut ist, oder nur, weil ich die Macht dazu habe? Nur, weil mich die Leistung als solche reizt? Nur, weil ich möchte, dass der andere mich mag? Wenn ich weiß, was mich antreibt, kann ich viel besser die Richtung ansteuern, in die es gehen soll. Ich will kein Spielball meiner Motive sein – sondern selbst entscheiden können, wo die Reise hingehen soll. Und, was treibt dich an?

Wiebke Harle glaubt, zu wissen, welches Motiv sie vor allem antreibt. Und hofft, gut damit umzugehen.

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Was tun 2015?!

Etwas Zeit im Ausland macht sich immer gut im Lebenslauf. Vor allem aber prägt sie den Charakter. Auf den folgenden Seiten stellen sich christliche Organisationen vor, die Kurzzeithelfer für ihre sozialen Projekte suchen – ob als Brunnenbauer, Arzthelfer oder Straßenevangelist.

Hier herunterladen (PDF): dranNEXT_Was tun 2015

Von der Herausforderung, morgen eine andere zu sein

Wir sind veränderbare Wesen. Bei aller Ungewissheit ist das vor allem eine gute Nachricht.

Das Fach Kunst war in der Schule mein wöchentlicher Albtraum. Dienstagnachmittags saß ich verzweifelt im Keller unserer Schule und starrte auf ein weißes Blatt Papier. Manchmal war es auch schon nicht mehr weiß, sondern grau und verknittert vom Radieren. Noch heute erinnere ich mich genau daran, wie ich mich fühlte: unfähig, nicht vorbereitet auf das, was von mir erwartet wurde. Woher sollte ich wissen, welche Farben gut zusammenpassten und wie viel Platz ich links und rechts brauchen würde?

Neuanfänge, egal ob freiwillig oder um des Lebens willen, sind oft ähnlich beklemmend. Neu in der Stadt zu sein ist das weiße Blatt der Lebensschule; Freunde zu verlieren oder berufliche Veränderungen sind die Radier- und Knitterspuren auf den Blättern. Nur wenige sitzen dann voller Tatendrang und einem Plan vor ihrem Noch-nicht-Kunstwerk. Denn nirgends haben wir gelernt, was von uns erwartet wird. Ich kann sie hören, die Stimme der Lebenslehrerin: „Mal einfach mal drauf los!“ Die Erwartungen an das Kunstwerk sind groß, aber die Fähigkeiten überschaubar. Also meine zumindest.

Dauernde äußere und innere Veränderungen geben einem manchmal das Gefühl, nie anzukommen. An manchen Tagen erkenne ich mich selbst nicht mehr. Das ständige Irgendwo-Ankommen und Sich-Verabschieden geht an die Substanz. Auch wer jahrelang in derselben Rolle ist, kennt das. Im Sommer war ich mit Melanie spazieren. Melanie hat mit Mitte vierzig schon sieben Kinder auf die Beine gebracht und ist zweimal mit Sack und Pack über den Ozean gezogen. Ihre Jüngste wird langsam immer selbständiger. Als sie diesen Sommer mit der ganzen Familie auf einer Hochzeit waren, war Melanie auf einmal nicht ständig im Einsatz für ihre Kinder. Es blieb Zeit, einfach mal zu sein, und sie erzählte mir: „Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht. Was machen andere Menschen auf Familienfeiern, wenn nicht Windeln wechseln? Ich hatte jahrelang nichts anderes zu tun, als Mutter zu sein, und ich spüre, dass ich irgendwann angefangen habe, mich dahinter zu verstecken. Aber wer bin ich und was verdammt noch mal macht man auf einer Party?“

30. September*
Ich steige auf mein Fahrrad und fühle mich sofort wie eine Lügnerin: Mit der perfekten Ausrüstung, die ich trage und fahre, habe ich das Gefühl, so zu tun, als wäre ich mehr als ich eigentlich bin. Ich sehe aus wie ein Profi, glaube ich, aber ich habe keine Ahnung, was ich hier tue. Noch 1400 Kilometer.

Manchmal braucht es eben eine Party, um zu merken, dass man in einer Krise steckt. Das tun wir alle – und zwar regelmäßig. Die Daumenregel lautet: Alle sieben Jahre findet sich der Mensch in einer Identitätskrise wieder. Kriseln heißt häuten. Alles infrage stellen. Mag ich die Farbe meiner Bettwäsche; und sowieso, mag ich meinen Beruf? Krisen sind vor allem emotional – Umwälzungen im Leben, die nicht verwirrend-bewegend sind, sondern klar und transparent, sind nämlich keine Krisen. Jedes Kind wächst mit der Illusion auf, dass Erwachsene ganz genau wüssten, was sie ausmacht. Es braucht mindestens die ganzen Zwanzigerjahre, so scheint es mir, um zu verstehen, dass auch die Erwachsenen keine Ahnung haben, wer sie sind.

Rollenspiel

„Bestätigen Sie Ihre Identität“, bittet mich mein PayPal-Konto, als ich mich nach längerer Zeit wieder anmelde. Wenn ich das nur könnte! Wie soll ich etwas bestätigen, was ich nicht wirklich fassen kann? Zu wissen, wer man ist, seine Identität zu kennen, heißt, die wesentlichen Merkmale seiner selbst wasserfest benennen zu können. Aber das kann ich nicht. Schon klar, ich bin Schwester, Studentin, Kollegin, Deutsche. Allein durch meine Position im Leben nehme ich im Leben anderer Rollen ein. Diese Rollen suche ich mir – manchmal – aus, sie sind definitiv Teil meiner Identität. Aber würden die Rollen bestimmen, wer ich wirklich bin, wäre es einfach: Rolle gewechselt, und zack kann ich sagen: „Ich bin jetzt nicht mehr Lehrer, sondern Bauingenieur. Ich weiß, wer ich bin.“ So einfach ist es aber nicht.

Es gibt andererseits auch Rollen, die sucht man sich weder aus, noch kann man sie so schnell wieder loswerden. Anstatt zu sagen „Welche Rollen will ich?“, müsste man sich hier fragen, wie man diese Rollen ausfüllen will. Welche Art von Kollegin will ich sein, welche Art von Tochter?

2. Oktober
Bin ich nun Radfahrerin oder Lügnerin? Als ein Rudel Rennradfahrer an mir vorbeizischt, fühlen sich mein Rad Steve und ich wie ein altes, schwer bepacktes Nashorn, das von Gazellen überholt wird. Doch die Gazellen sagen alle freundlich „Bonjour“ und nehmen mich für eine kurze Weile in ihre Mitte. Ich gehöre dazu. Das tut gut. Anstatt mich auf unsere Unterschiede zu konzentrieren, sollte ich viel eher sehen: Wir fahren alle Rad. Wir sind ein Team.

Sehnsucht, durch andere zu hören, wer wir sind

Ich bemerke, dass es mich stresst, mich selbst zu definieren. Genau wie im Kunstunterricht bin ich damit überfordert, weil ich nicht weiß, wie viel Platz ich noch brauchen werde und welche Farben ich nutzen will. Wann fühle ich mich denn mal ganz bei mir, ganz ich selbst?

Es ist dann, wenn ich einem Gegenüber von mir erzählen darf, das, was mein Herz zum Schlagen und Weinen bringt. Nie fühle ich mich so ganz, wie wenn ich alles sagen kann. Wenn jedes Wort in mir nach außen darf, auch wenn mein Gegenüber anders denkt oder anders fühlt. Nach einem Gespräch mit Becci schoss es mir durch den Kopf: „Talking to you is like taking a screenshot of my heart“. Um mich voll gesehen zu fühlen, muss der andere nicht gleich denken wie ich, nicht einmal alles verstehen, sondern einfach zuhören wollen. Wir wollen durch andere sein; und wir sind geschaffen, um durch andere zu sein. Deswegen ist es auch so schmerzhaft, wenn jemand einen selbst aus seinem Leben streicht oder verschwindet. Weil damit ein Stück eigene Identität geht. Es ist gefährlich und unglaublich bereichernd, sich selbst durch andere zu finden.

3. Oktober
Es ist der vierte Tag und inzwischen gehen mir die abstrusesten Gedanken durch den Kopf. Alte Wünsche kommen hoch, dämliche Ideen entstehen und ich frage mich, ob ich ein bisschen durchdrehe. Ich stelle alles infrage – und das ist ganz schön wackelig. Eine SMS von Elke („Mach einfach weiter. Ich mag dich. Deine Schwester“) erinnert mich, dass ich gesehen bin.

Ein Grundstein reicht

Muss ich das überhaupt: mich selbst benennen, definieren können? Einer Sache Worte zu verleihen, ist oft befreiend. Aber: Muss alles einen Stempel haben? Reicht es nicht, den Grundstein zu benennen: Ich bin ein Mensch, in Gottes Ebenbild geschaffen. Schließlich sagt Wikipedia über Identität: „Als Relation zwischen zwei gegebenen Größen bedeutet Identität die völlige Übereinstimmung.“ Joseph Ratzinger wies in seiner Einführung in das Christentum darauf hin, dass es ein Irrtum sei, dass der Mensch sich stets neu aus sich selbst heraus schaffe. „Ich werde angesprochen, also bin ich“, sagt er. Angesprochen von Gott. Das muss reichen. In anderen Worten: Was zählt, ist nicht das weiße Blatt Papier, sondern derjenige, der es mir liebevoll reicht – Gott.

Egal, ob meine Emotionen, meine Zukunftsangst und meine Schwerelosigkeit gerade etwas anderes sagen: Ich bin wer. Ob ich mich ausdrücken kann oder nicht, Gott sieht und liebt mich, und das macht mich zu meinem Ich. Die Frage danach, wer genau ich heute bin, kann ich nicht beantworten, aber irgendwie ist sie auch nicht so wichtig. Brennan Manning schreibt das auch in seinem Buch Abba’s Child: „Define yourself radically as one beloved by God. This is the true self. Every other identity is illusion.“

5. Oktober
An jedem Morgen ist es die gleiche Kacke. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht – so viele Wege und Abzweigungen vor mir, die ich bewältigen muss. Wo fang ich an? Das Sprichwort „Ein Weg entsteht dadurch, dass man ihn geht“ war für mich persönlich noch nie so wahr. Ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde und ich kenne den Weg noch nicht. Aber alles was ich tun kann, um es herauszufinden, ist voranzugehen. Ich bin so gespannt, wo ich landen werde – innerlich und mit meinem Rad. Vorwärts, in die Pedale, los!

Es wäre natürlich schön, mehrere klare Eckpfosten zu haben. Ich bin die, habe die Leidenschaft und werde das sein. Doch alles kann vergehen. Samuel Koch schreibt darüber in „Zwei Leben“. Allein der Titel des Buchs verrät den tiefen, innerlichen Umbruch, den der junge Mann durchmachen musste – vom Sportler zum Rollstuhlfahrer. Das geht natürlich an die Identitätssubstanz. „Sehr spannend finde ich die Erkenntnis, die mir erst kürzlich gekommen ist, als ich mich mit der Frage auseinandergesetzt habe, was an mir eigentlich noch so ist wie früher“, schreibt der ehemalige Stuntsportler. „Was meinen Kern, mein innerstes Wesen ausmacht. (…) Nach allem, was geschehen ist, sind nur ganz wenige Dinge in meinem Leben gleich geblieben, und dieser Kernpunkt (– das Beten –) gehört dazu.“

7. Oktober
Meine Aufgaben dieser Tage sind klar definiert: Ich bin die, die gerade Fahrrad fährt, tagein, tagaus. Den ganzen Tag mache ich mir Gedanken darüber, wo ich schlafe, was ich esse und ob die Reifen heil bleiben. Diese Rolle spiele ich gerade ganz gut. Ich wünschte, es wäre immer so klar definiert, was ich zu tun habe. Ich habe Angst vor der Zeit, in der ich durch meine täglichen Entscheidungen festlege, wer ich bin, weil irgendwie alles offen ist. Und gleichzeitig habe ich Angst vor den Momenten, wo ich eine Rolle spielen muss, die ich nicht spielen will. Nicht mehr.

Nichts im Leben bleibt wirklich außer dieser Gott, der uns sieht. Egal, ob wir einen Salto machen können oder plötzlich im Rollstuhl sitzen. So steht es in Römer 8,38: „Denn ich bin gewiss, dass (…) weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Vielleicht bedeutet also zu wissen, wer man ist, einfach zu wissen, dass man ist und dass man zu Gott gehört. Jeder, der das Lied „Who am I?“ von den Casting Crowns schon einmal gehört hat, kann sich bei dem Satz „Wer bin ich?“ kaum mehr des Ohrwurms erwehren. „Who am I“, singt Mark Hall zu sanften Tönen, „that the Lord of all the earth would care to know my name?“ Die Antwort kommt später im Lied: „Who am I? I am Yours.“ Ich bin, weil Gott mich sieht.

10. Oktober
Es regnet und regnet und regnet und ich bin ganz verzweifelt und nass. Wer mich sieht, muss mich für den ärmsten Tropf halten, der auf französischen Landstraßen rumkurvt. Kurz bevor ich im Selbstmitleid ertrinke, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: „Ja, gerade fühl ich mich ganz schön armselig und bin bemitleidenswert. Aber niemand hat erlebt, was ich erlebt habe. Ich radle hier jetzt im Regen, weil ich dieses unglaubliche Abenteuer gesucht habe. Ich bin mehr als ein Mädchen in einer Regenjacke: Hinter mir und vor mir liegen unglaubliche Erlebnisse. Und dieser Regentag ist Teil davon.“

Erfolgreiches Chance-Management

Es scheint also unsere Aufgabe im Leben zu sein, uns erfolgreich zu verändern. Mit Würde Dinge gehen zu lassen und mit offener Hand anzunehmen, was neu kommt. Wenn man es nämlich genau betrachtet, machen wir alle seit Jahren nichts anderes: Da hat man sich gerade ein Nest eingerichtet, Freundschaften geschlossen und alle Bilder aufgehängt, da steht schon wieder etwas Neues an. Das Studium ist fertig, ein Kind ist im Bauch oder der Job schickt einen nach Afrika. Und von vorne. Da kommt man einfach nicht damit nach, sich selbst zu benennen. Vielleicht muss man das auch gar nicht, vielleicht muss mein Leben keinen öffentlichen Stempel haben, der mich erklärt. Außer PayPal darf das auch wirklich keiner von mir verlangen.

12. Oktober
Angekommen. Jawohl. Tagelang war ich entwurzelt, und plötzlich sitze ich wieder mit Menschen, die mich länger als einen Tag kennen in einer Küche und esse asiatisch. Es fühlt sich völlig normal an und das ist komisch: Bin ich denn jetzt niemand anderes nach diesem Abenteuer? Bevor mich das in eine Krise stürzt beschließe ich: Schluss mit dem Sich-selbst-benennen-Wollen. Neues Projekt: Einfach sein.

„Art is what happens when you dare to be“, schrieb meine älteste Schwester sich vor einigen Jahren an ihren Spiegel. Seitdem zaubert sie wundervolle Kunstwerke mit ihrem Leben. Und ich habe inzwischen weniger Angst vor dem weißen Blatt Papier vor mir. In mancher Identitätskrise braucht man vor allem eine Gnadenfrist für das Emotionschaos – versuche ich nämlich nur wieder, schnell neue Rollen-Stempel zu finden, lande ich bei der nächsten Rollenveränderung erneut in einer Krise. Wenn mich nächstes Mal das weiße Blatt Papier vor meinen Augen anschreit, werde ich denken: „Wer bin ich? Ich weiß es nicht. Aber ich bin gewiss.“ Und eventuell setze ich dann mutig mit dem Stift an.

Uta Rosa Ströbel ist im Sommer von Köln nach Heidelberg umzogen. Trotzdem hat sie bei der Zusage für diesen Artikel noch nicht geahnt, wie extrem weiß sich gerade ihr eigenes Lebenspapier

*Anfang Oktober fuhr Uta 1400 Kilometer mit dem Fahrrad von der Atlantikküste Frankreichs nach Heidelberg. Nach dem Warum hat sie selbst nicht so viel gefragt wie sie danach von anderen gefragt wurde, aber ein Grund war definitiv der Studiumsabschluss und der Umzug in eine neue Stadt. Die eingeschobenen Texte sind Auszüge aus ihrem Tagebuch. Die ganze Tour gibt es auf www.rollingrosa.blogspot.com

Das Leben verlernen

Leben. Wir haben eine Vorstellung davon, wie das geht. Bis Jesus uns mit auf eine Reise nimmt, die uns verunsichert – und manches begreifen lässt.

Schimmernde Perlmuttknöpfe in ordentlichen Doppelreihen, die sich von der Weste nach unten hin fortsetzen zu einem Markenzeichen der Handwerkszunft: dem doppelreihigen Hosenstall. Der einzige, der seinen Namen wirklich verdient. Vor mir steht ein Zimmermann, pardon, eine Zimmerfrau (das nenne ich einmal echte Emanzipation), ich nehme sie ein Stück des Weges mit. Sie erzählt von der Walz, ihrer Wanderung, ihrem Stück Abenteuer inmitten einer digitalen, bürokratischen Welt der Sesselsitzer und Bürohengste. Warum sie auf die Walz gegangen ist, frage ich sie, sie schaut mich erstaunt an: „Um zu lernen. Schlechte Gewohnheiten ablegen und Neues lernen kann man nur unterwegs“. Ihre Worte klingen noch lange nach.

Es gibt einen herrlichen Begriff für diejenigen, die auf Wanderschaft gehen: Fremdgeschriebene. „Fremdgeschrieben“ zu sein, bedeutet für den Gesellen, dass er sich der eigenen Heimat – unter der Strafe der Ächtung – auf fünfzig Kilometer nicht nähern darf. Er soll das Fremde kennenlernen, die Art, wie andere Zimmermänner arbeiten und andere Kulturen leben. Nach drei Jahren und einem Tag endet die Walz mit der Einheimischwerdung. Nicht selten an einem neuen Ort, in einer neuen Kultur.

Als Jesus die ersten Jünger auf seinen Weg ruft, verspricht er ihnen eine Reise, die nichts anderes ist als eine Walz.

Mein Freund, der Penner

Bis vor zwei Jahren waren Obdachlose für Hanna nur eine traurige Nebenerscheinung ihrer Stadt. Inzwischen hat sie eine ganze Sammlung an Biografien von der Straße aufgelesen. Eine einzige Begegnung änderte alles.

Eine junge Frau steht an einem Parkautomat eines Münsteraner Parkhauses. Sie ist auf dem Rückweg von einem Vorstellungsgespräch. Beim Griff in ihre Tasche bemerkt sie, dass sie ihr Portemonnaie aus Nervosität vor dem Gespräch zu Hause vergessen hat. Sie kramt in ihrer Tasche nach Kleingeld, doch es fehlen ihr noch 70 Cent, um ihr Parkticket bezahlen zu können. „Kann mir jemand 70 Cent geben?“, fragt sie die umstehenden Leute. Keiner reagiert. Nur ein Mann erhebt sich vom Boden. Vor sich hat er einen gebrauchten Coffee-To-Go-Becher stehen, in dem er Kleingeld sammelt. Wortlos nimmt er 70 Cent heraus und gibt sie der jungen Frau.

Die junge Frau ist meine Schwester, der Mann ist ein Obdachloser und es ist der Beginn einer neuen Bekanntschaft für unsere ganze Familie.

Lebendige Wahrheit

Sie wurde missbraucht, wissenschaftlich versachlicht, relativiert, begrifflich abgeschafft: Die Wahrheit. Aus biblischer Sicht ist sie so viel mehr als ein paar nachvollziehbare Fakten, eine schlüssige Theorie oder logische Widerspruchsfreiheit. Wer sie erleben will, muss sich auf sie einlassen.

Es ist ein klassisches Problem, das der allseits beliebte Papst versucht zu lösen. Was ist Wahrheit? Das ist nicht erst seit Pilatus eine Frage, die mal spöttisch, mal ernsthaft gestellt wird. Über die letzten Jahrzehnte haben sich die Antworten vor allem in zwei Lager aufgeteilt. Die einen wollen Wahrheit auf „Fakten“ reduzieren – überprüfbar, verifizierbar, wissenschaftlich. Wahrheit sei objektiv und offensichtlich für jeden wahrnehmbar. Die anderen glauben, dass alle Wahrheit relativ und für jeden etwas anderes sei. Wenn jemand dann eine allgemeine Wahrheit beanspruche, wolle er eigentlich nur Macht ausüben und seine Meinung durchsetzen.

Kann ich die Welt wahrnehmen, „wie sie wirklich ist“ oder sehe ich eigentlich nur meine eigene Brille, meine eigenen Gefühle und Gedanken?

Schwarz und Weiß

In einer Welt, in der alles so grundlegend infrage gestellt wird, ziehen sich viele Christen gerne auf die erste Position zurück. Wir haben Sehnsucht nach Klarheit und Wahrheit. Jesus sagt ja schließlich, er sei die Wahrheit selbst. Und wie können wir „Heilsgewissheit” haben, wenn wir uns nicht sicher sein können, was die Bibel sagt? Wenn Gott die ganze Welt geliebt hat, wie kann dann diese Wahrheit nur für wenige Menschen Gültigkeit haben? Ein universaler Anspruch durchzieht die ganze Bibel von Adam, dem Prototypen für alle Menschen, bis zur Verwandlung der ganzen Erde.

Doch die Sehnsucht nach Wahrheit bleibt nicht bei so allgemeinen Fragen stehen, sondern reckt sich hinein bis in die letzte Ecke unseres Lebens: „Sag mir, was richtig ist! Was ich glauben soll! Was sagt Gott XY? Darf ein Christ XY tun?“ Daraus spricht zum einen ein Schwarz-weiß-Denken, das alles in ein Schema von gut und böse, richtig und falsch, sündig oder nicht-sündig einteilen will. Zum anderen steckt dahinter aber auch die Sehnsucht nach Sicherheit und die Angst, selbst Verantwortung zu übernehmen und sein Hirn einzuschalten.

Wahrheit als Geschichte

Denn die Sache mit der Wahrheit ist nicht so einfach, wie wir sie uns vielleicht wünschen. Auch die Bibel ist keine Sammlung zeitloser Wahrheiten. Sie ist weder ein mathematisches System noch ein Handbuch, in dem wir nur nach der richtigen Lösung nachschlagen müssen, um sie dann allen objektiv verständlich präsentieren zu können. Bibelverse sind keine Gesetzesparagraphen, die wir direkt in unserem Leben umsetzen können. Auch einzelne Verse aus dem Kontext zu reißen, um sie dann als „Beleg“ anzuführen, wird der Bibel nicht gerecht.

Denn die Texte der Bibel sind historisch bedingt, sie schildern Denk- und Suchprozesse von Menschen mit Gott in ihrer Zeit und Situation. Selten liefern sie uns dabei definitive Antworten auf unsere heutigen Fragen. Erst, wenn wir uns auf die Texte einlassen, sie aufsaugen und die Geschichten nacherleben, können wir behutsam und von Gottes Geist geleitet Anwendungen für uns heute finden. Die Heilige Schrift gibt sich uns eben nicht in erster Linie als Sammlung von zeitlosen Wahrheiten, sondern als Geschichte!

Eine Geschichte lässt sich nicht einfach zu einem Ergebnis „Wahrheit x = Gott liebt dich“ auflösen. Eine Geschichte muss erzählt werden, damit sie ihre ganze Wahrheit entfaltet. „Das Evangelium“ ist auch kein 4-Punkte-Fahrplan zum Heil, dem ich rational zustimmen muss, um gerettet zu sein. Das Evangelium ist die frohe Botschaft, dass Gott nun endlich König wird. Lang angekündigt (Jesaja 52,7ff.) und nun endlich Wirklichkeit geworden im Leben des Messias Jesus. Die Evangelisten schrieben keine dogmatische Abhandlung auf, sondern erzählten die Geschichte dieses Lebens. Noch erstaunlicher ist, dass die vier verschiedenen Erzählungen nicht überall hundertprozentig harmonisiert werden können. Einige Berichte widersprechen sich grundlegend in Bezug auf die „Fakten“ (Heilt Jesus einen Blinden als er nach Jericho kommt oder sich entfernt? Vgl. Markus 10,46 und Lukas 18,35). Schon unser Kanon will uns also dazu bewegen, Wahrheit nicht in einer reinen Übereinstimmung mit „Fakten“ zu suchen, sondern auf anderen Ebenen.

Jesus selbst erzählte auch Geschichten. Gleichnisse. Nicht nur, weil er Lust dazu hatte, obwohl er das Ganze auch in einer schönen dogmatischen Wahrheit hätte formulieren können. Sondern weil es keine Abkürzung zur Wahrheit gibt. Ich finde sie auf dem Weg und in der Beziehung. Das braucht oft Zeit und manchmal eine gute Geschichte, die ich auch häufiger hören muss, weil sie nicht leicht verständlich oder gar „eindeutig“ ist. Eine solche Geschichte will mir primär auch gar nicht sagen, was „richtig“ ist, sondern sie will mich verändern. Biblische Wahrheit ist ein Geheimnis; nicht eins, das wir besitzen können, das wir kennen und anderen voraus haben, sondern ein Geheimnis, das uns umhüllt und größer ist als wir selbst. Wir können die Wahrheit nicht unsere Tasche stecken, denn sie kann uns in die Tasche stecken, überwältigen und ergreifen.

Wahrheit als Beziehung

Natürlich ändert sich das, was wir mit „Wahrheit“ meinen, je nachdem, über was wir sprechen. Manche Wahrheit kann ich nachprüfen, manchmal gibt es Schwarz und Weiß. Fährt der Zug um 10 nach 10 ab oder nicht? Aber manche Wahrheit lässt sich besser mit Musik als mit einem Busfahrplan vergleichen. Im Jazz zum Beispiel spielen die Musiker auf ein Thema ihre verschiedenen Interpretationen. Vieles ist da „richtig“, aber richtig ist nicht entscheidend: Es kommt dabei vor allem auf das Gefühl und den richtigen Moment an. Und nicht jeder versteht diese Art der Musik. Sie braucht einen Zugang, eine Beziehung. Fast so, wie man eine Person kennen lernt. Das braucht Zeit, Vertrauen und Erfahrung.

Der Papst hat erkannt, dass genau diese Art von Wahrheit den christlichen Glauben ausmacht. Diese Wahrheit gibt sich uns nur in Beziehung zu dem, der sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Dieser jemand bleibt mir manchmal ein Geheimnis. Ich kann ihn nicht in mein Schema einordnen. Es ist wichtig, dass wir diesem Geheimnis Raum geben. Denn was wäre das für ein Gott, der komplett ausgedeutet ist? Auf jeden Fall nicht der Lebendige, denn das Leben ist nicht ausrechenbar. Wenn wir Gott nicht die Freiheit einräumen, auch geheimnisvoll und fremd zu sein, sondern meinen zu wissen, was er will, dann stellen wir uns letztendlich über ihn. Unser Maßstab wird Gottes Maßstab. Es gehört dazu, dass wir immer wieder neu um Wahrheit ringen und nicht in die Versuchung verfallen, sie zu schlicht und schwarz-weiß zu sehen. Denn ist einfacher, ein schnelles Urteil zu fällen, als sich auf Korrektur einzulassen.

Zwei Halteseile gegen diese Versuchung:

1. Demütige Liebe. Weil ich die Wahrheit, die in Jesus ist, nicht besitze, kann ich sie auch niemandem mit Gewalt aufzwängen. Diese Art von Wahrheit macht keine Angst. Immer wieder muss ich mich hinterfragen: Richtet sich meine Wahrheit vor allem gegen andere und rechtfertigt mich und mein Verhalten? Oder kann ich andere liebevoll ansehen? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt uns, dass Liebe und nicht die Grenze zum Anderen entscheidend ist. Die Wahrheit, die wir in Jesus erkennen, macht uns frei (Johannes 8,32). Sie macht uns frei zur Begegnung, zur Vergebung und zum Dienst, weil wir sie nicht besitzen.

2. Der Geist der Wahrheit. Gott lässt uns nicht allein. Sein Geist wird uns in alle Wahrheit leiten. Er wird uns nicht dorthin beamen. Es ist ein Weg, den wir selbst gehen müssen, ein Weg zum hohen Gipfel der Mündigkeit.

Moritz Brockhaus glaubt an die Wahrheit. Aber er will sie nicht besitzen.

Illusion Unabhängigkeit

Ist abhängig das bessere Frei? Gewöhnen wir uns lieber an die Idee, nie wirklich unabhängig zu sein – meint unsere Autorin Wiebke Harle.

Unabhängigkeit – das klingt nach Weite, nach Freiheit. Danach, sich von niemandem reinreden lassen zu müssen und ganz alleine, nur für sich selbst entscheiden zu können. Wer will sich schon Vorschriften machen lassen? Unser Bedürfnis nach Ungebundenheit ist so riesig geworden, dass wir dafür eine Menge an Sicherheiten und Lebensoptionen ungeprüft über Bord werfen, quer durch alle Lebensbereiche. So beispielsweise in der Arbeitswelt: Konventionelle Arbeitsmodelle sind in der Generation Y so unpopulär wie nie zuvor. Anstatt bei einem 9-to-5-Job an ein und demselben Ort festzusitzen und sich dem Diktat der Stempeluhr zu unterwerfen, bevorzugen wir Flexibilität – sowohl örtlich als auch zeitlich. Lieber mal früher gehen und die restliche Arbeit zu Hause oder im Café erledigen. Sich die Zeit so frei wie möglich einteilen. Dank Laptops und Internet ist das heute theoretisch möglich. Wenn das nicht geht: Homeoffice oder 4-Tage-Woche.

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David’s Tent

Tanzen, beten, dösen, essen, tanzen. Drei Tage lang. Ein Besuch im Gebetszelt, das niemals schläft.

„Herz, was erwartest du?“ Es ist Donnerstagmorgen in Steyning, England. In wenigen Stunden beginnt David’s Tent. Im dritten Jahr in Folge lautet die Einladung der Veranstalter: drei Tage lang ununterbrochener Lobpreis, komm und suche gemeinsam mit uns Gottes Gegenwart! 2013 hat das knapp 2500 Menschen nach West-Sussex gezogen. Um erfrischt in diesen 72 Stunden-Marathon zu starten – und weil ich keine so leidenschaftliche Camperin bin –, habe ich mich entschlossen, die erste Nacht in einem Bed & Breakfast mit eigenem Bad und weichem Bett zu verbringen. Auf diesem Bett sitze ich also und stelle mir selbst die Frage: „Herz, was erwartest du?“

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„Werkstatt der Träume“

Kreativität vermischt mit Business und Arbeitsintegration – das ist die Vision von „theDreamlab“.

Tim ist Hochzeitsfotograf. Früher knipste er alleine an Hochzeiten, inzwischen kommt er meistens in Begleitung. Tim nimmt einen interessierten Jugendlichen mit, der ihm sprichwörtlich über die Schulter guckt und hin und wieder selbst Fotos schießt. So hat auch Micha* seine Leidenschaft fürs Fotografieren entdeckt. Er ist momentan arbeitslos. Das Fotografieren tut ihm gut. Tim ermutigt ihn und zeigt Micha, dass er gebraucht wird. Nach einem Anlass wertet Tim die Fotos mit Micha zusammen aus und bearbeitet sie am Mac. So lernt Micha bei jedem Event etwas dazu und kann Erfahrungen sammeln. Wenn er weiter so große Fortschritte macht, kann Micha schon bald als eigenständiger Fotograf auf Hochzeiten unterwegs sein, sagt Tim.

Weniger reden, mehr tun

Tim ist beinahe seit dem Start vom Dream- lab dabei, das vor einem knappen Jahr in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Wetzikon gegründet wurde. Hinter dem Projekt steckt eine Stiftung von ICF, genannt ACTS: Die Initiatoren hatten den Wunsch, etwas Praktisches anzupacken, um Menschen gezielt zu helfen.
Also weniger reden und umso mehr tun. Außerdem fiel ihnen auf, wie viele kreative Menschen es in der ICF Zürich gibt, die ihre Kreativität aber nicht fördern, weil kein passendes Angebot besteht.

Als Vorbild diente die Jobfactory in Basel. In der Schweiz ist jeder Zehnte Jugendliche arbeitslos, auf ganz Europa betrachtet bedeutet dies, fast ein Viertel aller europäischen Jugendlichen. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Um solchen Jugendlichen eine Chance zu geben, bietet die Jobfactory verschiedene Berufspraktika an. Obwohl sie sich hauptsächlich dafür einsetzt, Jugendliche zu integrieren, ist sie mittlerweile auch wirtschaftlich gesehen ein erfolgreiches Unternehmen. Das hat das Team fasziniert: theDreamlab wurde ins Leben gerufen.

theDreamlab beschreiben sich als „ein kreatives Unternehmen mit großer sozialer Zielsetzung. Eine Kombination aus Hochzeits-Agentur, Arbeitsintegrationsprogramm und Kreativspielplatz“. Den Wunsch, Jugendlichen zu helfen und Kreativität zu fördern, wollen sie bewusst mit Business kombinieren. So möchten sie ihre Arbeit möglichst selbst finanzieren. Da sie noch in der Aufbauphase sind, wird ihre Arbeit im Moment noch zu einem großen Teil durch die Stiftung ACTS finanziert, dem sozialdiakonischen Bereich der Kirche ICF.

Ins Zeug legen – Wunder erleben

Ich platze mitten in die Mittagspause. Zwischen Pausenbrot und Mikrowellengeschirr wird geredet und gefeixt, Privates verschwimmt mit Beruflichem, immer wieder kommt das Gespräch zurück auf theDreamlab. „Wie wollen wir im Winter diesen Raum heizen?“, fragt einer mehr oder weniger ernsthaft. Ein Heizsystem gibt es nämlich nicht. Am liebsten wäre ihnen ja ein Holzofen, mitten im Dreamlab. Doch ob das wirklich zweckmäßig ist, da gehen ihre Meinungen noch auseinander. Schnell dreht sich das Gespräch auch wieder um andere Dinge.

Nach einer Tasse Kaffee werde ich von Michi, dem Co-Leiter, durch theDreamlab geführt. Damit aus der ehemaligen Fabrikhalle ein gemütlicher Ort wird, haben sie sich richtig ins Zeug gelegt. Das Meiste haben sie selbst umgebaut, so auch die Wand mit ganz verschiedenen alten Fenstern, die sie sich vonüberall her zusammengesucht haben.
Die ganze Halle atmet so etwas wie improvisierte Professionalität. Hier wird die Leidenschaft spürbar, mit der das Team seine Vision von der „Werkstatt der Träume“ in die Realität umsetzt. Begeistert erzählt Michi, wie sie dabei immer wieder Wunder erleben. Als der Lebensmitteltechnologe kam, um zu prüfen, ob die Backstube die Hygienestandards erfüllt, schenkte der ihnen die Gebühren. Einfach so. Jemand anderes spendierte ihnen ein Schweißgerät. Wieder andere spenden Geld. Das reicht im Moment, um vier Personen teilzeit anzustellen. Alle anderen arbeiten ehrenamtlich mit. Für all diese Dinge sind sie dankbar und staunen, wie sich ihnen immer wieder Türen öffnen.

Playground

„Kreativität ist eine Gabe von Gott, dem Schöpfer. Etwas erschaffen gehört somit zu seinem Plan und ist ein göttliches Prinzip“, ist Michi überzeugt. Häufig fehle einfach der Raum, um sich kreativ entfalten zu können. Genau deshalb gibt es im Dreamlab den sogenannten Playground (Kreativspielplatz). Wie der Name bereits sagt, ist der Ort geschaffen worden, damit Menschen kreativ sein und sich gegenseitig inspirieren können. In Workshops, die offen für alle Interessierten sind, unabhängig von Alter oder Religion, lernen die Teilnehmer Cupcakes backen, Fotografieren oder ein Skateboard mit Laser- Gravur bauen. Wer eine eigene Idee hat, kann sie zum Beispiel während dem OpenLab verwirklichen. Zu bestimmten Zeiten ist die Werkstatt nämlich genau dafür offen. Ob Workshop oder OpenLab, die Vision ist die gleiche: Kreativität fördern, sich gegenseitig inspirieren und Gemeinschaft genießen.

Während Michael nun meine Fragen beantwortet, sitzen wir an einem Tisch mitten im Dreamlab. Immer wieder kommt jemand zur Tür herein und wird fröhlich begrüßt. Während der Fotograf direkt hinter uns sein Studio aufbaut, ist Micha in der Werkstatt mit Schweißen beschäftigt. Markus beginnt, den Laser zu reparieren, der seit kurzem kaputt ist. Andere sind in ein Gespräch vertieft, um Ideen weiterzuentwickeln. Die Atmosphäre ist leger und ungezwungen – die nächste gute Idee liegt bereits in der Luft. Zum Beispiel die Sofas aus Paletten und Schaumstoff, die praktisch zum Transportieren sind und gleichzeitig super aussehen. Solche Arbeiten sind ideal für das Dreamlab, denn sie eignen sich hervorragend für die Integration von Jugendlichen.

Absage um Absage

Jugendliche wie Hassan. Mit dem Ende seiner Ausbildung, die er erfolgreich abschließen kann, muss er seinen Ausbildungsbetrieb verlassen. Hassan fällt in eine Beschäftigungslücke. Die Berufswelt ist wie vernagelt: Hassan erhält Absage um Absage, fühlt sich wertlos, da er scheinbar nicht gebraucht wird. Ein Kreislauf, aus dem ihn theDreamlab rausholt, indem sie ihm anbieten, dort mitzuarbeiten. Hier kann Hassan mithelfen, die Sofas zu bauen, und auch eigene Ideen einbringen. Doch in der ehemaligen Fabrik kann er nicht nur arbeiten, er wird auch von Fachleuten gecoacht. Zwei Sozialarbeiter unterstützen Hassan bei der Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit und helfen ihm, aus vergangenen Fehlern zu lernen. Im Moment sind sie dabei, die Zusammenarbeit mit den Behörden zu regeln, denn sie wünschen sich einen guten und engen Kontakt.

Noch stehen sie ja in der Anfangsphase. Aber ihr Wunsch ist es, Berufspraktika anzubieten, damit Jugendliche wie Hassan regelmäßig bei ihnen arbeiten können und merken, dass sie gebraucht werden. Um das zu realisieren, möchten sie verschiedene Firmen gründen, alle unter dem Dach von theDreamlab. Den Anfang dazu macht der tirz-Bakeshop. Tirzah, die Gründerin, ist gelernte Bankkauffrau und eine leidenschaftliche Bäckerin. Für den Shop hat sie sogar ihr Wirtschaftsstudium geschmissen. Sie liebt es, Cookies oder Cupcakes herzustellen. In wenigen Monaten soll es möglich sein, via Internet Bestellungen aufzugeben. „Ich wollte ein Business eröffnen, das wirtschaftlich, aber gleichzeitig auch sozial ist. Das ehrt Gott“, beschreibt sie ihre Motivation.

Träume groß

Das Team will nicht klein träumen, sondern weiterdenken und große Träume verfolgen. Neben einer Verkaufsstelle in Zürich möchten sie auch ein Restaurant und Café eröffnen, Startup-Beratung und Betreuung anbieten, eine Event- Schreinerei gründen und ein Wohnheim eröffnen. Doch das ist Zukunftsmusik. Das Team erwartet Großes und investiert viel, um seine Idee zu verwirklichen und andere zu inspirieren. Vor kurzem hat eine Gemeinde aus einem anderen Ort angefragt, ob sie ebenfalls ein Dream lab gründen dürfen. Das mit dem Inspirieren funktioniert doch schon ganz gut.

Text: Stephanie Rieben

*Die Namen wurden im Interesse der Jugendlichen verändert.

Mehr Informationen unter: www.thedreamlab.ch

Heilig

„Heilig, heilig, heilig ist der Herr!“ Das ist leichter gesungen als gelebt. Mit der Kampagne „Was ist dir heilig?“ brachte der Musiker Daniel-John Riedl die Leute zum Nachdenken über die Bedeutung des Heiligen – das Ergebnis kann man auf seiner CD bewundern. 

Daniel, ihr habt im Juni euer erstes deutschsprachiges Album „heilig“ herausgebracht. Kannst du spontan deine absolute Lieblingszeile zitieren?

Ja, und zwar: „Es ist sehr krass, dass er trotz aller Herrschaft dich auf dem Herz hat.“

Was macht diese Zeile so wichtig?

Das kann ich gar nicht genau sagen. Die Größe Gottes wird in dieser Zeile irgendwie stärker auf den Punkt gebracht als in allen anderen. Weil es sehr umgangssprachlich und nah klingt.

Wie kam es zu dem Albumtitel „heilig“?

Beim Surfen bin ich auf einen Beitrag in einem Forum gestoßen, der hieß „Was ist dir heilig?“. Da erzählten junge Mädels, dass der Pfarrer im Konfirmationsunterricht gesagt hatte, sie sollten etwas mitbringen, das ihnen heilig ist. Und sie diskutierten, ob sie ihre beste Freundin mitbringen könnten. Diese Auseinandersetzung fand ich sehr spannend, weil es den Begriff „heilig“ aus dieser Transzendenz herausholt.

Für eure Vorabkampagne habt ihr diese Frage „Was ist dir heilig?“ euren Freunden gestellt und sie gebeten, sie mit Fotos zu beantworten. Hast du ein Fazit: Was ist den Leuten heilig?

Was die Leute eingeschickt haben, sieht man auf dem Cover. Das sind sehr alltägliche Dinge: ein Zigarettenautomat, ein Playstation- Controller, eine beste Freundin, auch mal eine Bibel. Manche fragen uns: „Warum sind da Bilder aus dem Alltag und dann steht darüber ‚heiligʻ? Das sind doch keine heiligen Dinge.“ Genau darum geht es aber. Hätten die typischen heiligen Dinge irgendwas mit deiner Lebensrealität zu tun? Mit Uni, Arbeit, Freizeit? Nein. Sie haben höchstens etwas mit Sonntag zu tun. Wenn wir das mal ein bisschen runterbrechen, ist Christus genau dafür gekommen: Nicht, um sich in irgendwelchen Bibelbergen zu suhlen, sondern für die Menschen, so, wie sie sind. Natürlich sagen wir nicht, dass die Dinge auf den Fotos alle heilig sind, aber sie sind die Realität. Dort kann Gott stattfinden.

Welche Antwort hat dich am meisten überrascht?

Eigentlich keine, weil wir ja die Leute herausgefordert haben, wegzugehen von der Antwort „Heiliger Geist“ oder „Bibel“. Was mich eher überrascht hat, war, dass unter den ersten zehn Bildern, die eingesendet wurden, vier aus meiner Agentur waren, die nichts mit Glauben zu tun haben. Dass Menschen, die nicht aus dem freikirchlichen Sektor kommen, sehr viel positiver auf diese Kampagne reagieren.

Und das, obwohl wir in den Gemeinden eine Menge über Heiligk eit reden. Dafür gibt es kaum Formen im Gemeindeleben, die dieser Eigenschaft Gottes gerecht werden. Hast du eine Empfehlung für Gemeinden, die Gottes Heiligk eit wiederentdecken wollen?

Unsere Erfahrung ist, dass ich einen Umstand wie Heiligkeit nur verstehen kann, wenn ich versuche, mich selbst da hineinzubringen. Wenn ich über Gottes Heiligkeit singe, heißt das noch lange nicht, dass ich sie begreife. Abgesehen davon, dass Gottes Heiligkeit so groß ist, dass wir sie eh nicht begreifen können, sonst wäre Gott nicht Gott. Mir hilft es, wenn ich zulasse, dass Gott mir, so unvollkommen wie ich bin, begegnen kann. Gott ist mehr als das, was man immer über ihn hört. Was du da ganz persönlich empfindest, ist ein Moment Heiligkeit. Von daher glaube ich, dass Gemeinden mehr die persönliche Beziehung zu Gott suchen sollten.

Euch war wichtig, dieses Album in deutscher Sprache aufzunehmen. Was ist anders, wenn man in seiner Muttersprache singt?

Wir verstehen in Bruchteilen von Sekunden, was wir sagen. Irgendwie empfindet man englischen Gesang als komfortabel. Man kommt sich nicht wie ein Christen-Freak vor, weil alles wie im Radio klingt. Damit will ich nicht die englische Musik schlecht machen. Anbetung heißt aber, wissentlich und aus der persönlichen Empfindung heraus zu sagen: Gott, du bist groß. Zum Beispiel „I sing a simple song of love“. Das hat man schon oft gehört. Wenn du aber singst: „Ich singe dir ein Liebeslied“, merkst du auf einmal, was das für eine emotionale Aussage ist. Dann fragst du dich: Tue ich das wirklich? Ist das, was ich Gott gegenüber empfinde auch nur im Ansatz so stark, wie das, was ich für meinen Freund empfinde oder für meine Frau, meine Kinder? Ist es das Gefühl? Denn so sollte es ja eigentlich sein oder sogar noch stärker. Die deutsche Sprache ist für uns sehr wichtig, um in diese bewusste Anbetung reinzukommen.

Auf der CD gibt es einen Poetry- Beitrag , also eine Predigt in Reimform. Wieso Poetry slam auf einer Worship-CD?

So eine Worship-Veranstaltung bestehtoft aus aneinandergereihten Liedern, aber das Wesentliche ist die Predigt. Ohne Predigt ist Musik Kunst, und Kunstist Interpretation. Du weißt dann nicht, mit welcher Botschaft die Leute aus der Veranstaltung gehen. Darum wollten wir auf der Platte neben den Songs auch eine Predigt. Irgendwann habe ich Marco Michalzik, einen Poetry Slammer, kennengelernt. Er hat innerhalb von fünf Stunden das Ding geschrieben. Meiner Meinung nach ist das der beste Track auf der Platte, inhaltlich gesehen. Aus diesen sechs Minuten zieht man mehr klare Botschaft als aus all den Liedern. Nicht, dass die Lieder schlecht sind; ich habe die Musik ja teilweise mitgeschrieben. Aber das gesprochene Wort geht ohne Umschweife ins Herz.

Habt ihr bei euren Liveworship- Events auch manchmal Poetry- Parts?

Bisher hatten wir immer normale Predigten. Wir überlegen gerade, kleine Sessions mit Musik und Poetry-Parts als Predigt an verschiedenen Standorten, wo Jugendabende stattfinden, zu machen. Es ist uns aber auch wichtig, Jugendgruppen die Möglichkeit zu geben, eigene Lobpreisabende zu gestalten. Deswegen haben wir zu den Poetry-Parts jetzt noch ein Video, das als Predigt gezeigt werden kann.

Also viele unterschiedliche kreative Formen. Was ist denn dein Lieblingsmoment auf diesen Events?

Da gibt es einige, weil wir viel improvisieren. Die Lieder werden nicht einfach runtergespielt. Es gibt keine feste Band, sondern es können immer neue Musiker dazukommen. Der beste Moment bei jedem livewo rship ist f ür mich, wenn ich merke: Die Leute sind angekommen. Die Musiker fühlen, dass sie am richtigen Platz sind, und die Songs fangen an zu fliegen. Manche Leute sagen, wir machen eine gute Jamsession. Ich finde den Begriff ein bisschen fade, weil es da zum großen Teil darum geht, dass sich die Musiker in ihrer Exzellenz selbst abfeiern. Wir fordern sehr stark heraus: Konzentriere dich nicht auf die Lichtshow, nicht auf einzelne Musiker, sondern mach die Augen zu, lass dich von dem Sound und den Texten mitreißen und streck dich danach aus, dass du heute eine ganz persönliche Begegnung mit Gott hast. Diesen Kontaktpunkt mit Gott zu suchen, das sind die speziellsten Momente an so einem Abend.

Du meintest vorhin, dass die Events ziemlich spontan und interaktiv sind. Heißt das, Leute können einfach mitmachen?

Man kann nicht einfach am Abend auf die Bühne kommen, dafür haben wir andere Veranstaltungen. Aber bei Liveworship gibt es keine festen Bands. Man kann sich vorher bei uns anmelden, wenn man mal mitmachen möchte. Dann führen wir ein Gespräch mit den Leuten und stellen sozusagen für jedes Event eine neue Band zusammen.

Geht das auch mal schief?

Natürlich hatten wir schon Leute dabei, die schief gesungen haben und Gitarristen, die sehr am Anfang standen. Der Punkt ist: Was ist die Alternative? Um diese Momente von Unsicherheit zu vermeiden, dürfte man all die Leute, die vielleicht noch nicht so weit sind, nicht mitspielen lassen. Und das kann nicht der Anspruch sein. Bei Liveworship versuchen wir, cooles Zeug zu machen, aber der Kern ist eigentlich immer: Wenn du Hilfe brauchst, wenn du Material haben willst, wenn wir dir helfen können, selbst etwas zu starten, dann sag Bescheid!

Also geht es euch eigentlich nicht um Perfektion. Worum geht es dann? Was wäre dein Tipp für guten Worship?

Wenn ich die Aussage „Uns geht es nicht um Perfektion“ stehen lasse, würde die zerrissen werden. Zu Recht. Es geht darum, sein Bestes zu geben. Das trifft es eigentlich besser als Perfektion. Zu sehen, welches Potenzial ich habe, es im besten Fall voll auszuschöpfen, und dann Gas zu geben. Das reicht meiner Meinung nach völlig aus, um wirklich coolen Worship zu machen und gute Songs zu schreiben. Dafür muss ich nicht der Beste in meinem Fach sein. Die Starken und die guten Leute gehen ihren Weg. Lasst uns doch gucken: Wo sind die jungen Leute, die normalerweise nicht in die erste Reihe kommen, noch nicht mal in die zweiteoder dritte Reihe? Lasst uns die herausfordern, ihr Potenzial auszuschöpfen. Die meisten Gemeinden in Deutschland sind nicht dreihundert Mann stark und haben auch keine grandiose Worship- Band. Aber sie haben junge Leute, die Gitarre spielen. Also lasst uns denen helfen, Worship zu machen. Der schwache Gitarrist, den wir hatten, hat dann eben mit einem starken Gitarristen zusammengespielt. Letzterer war dann natürlich auf den Boxen lauter. Aber der Junge war auf der Bühne, konnte Erfahrung sammeln und unheimlich viel lernen. Fakt ist, dass er heute in seiner Gemeinde Lobpreis leitet. Dass das keine Riesenevents sind, ist völlig egal. Er setzt sich ein. Und das finde ich genial!

Der Ruf der Wildnis

Die Duck Dynasty – eine christliche Familie?

„Sie sind nicht so dumm, wie Sie aussehen!“

Phil Robertson ist ein Exot. Zumindest für deutsche Begriffe. In unserem Land belächeln wir Spießer, meiden Proleten, präsentieren uns selbst als Hipster oder versuchen, in keine Schublade gesteckt zu werden. Was aber sollen wir von einem denken, der sich selbst als „Redneck“ bezeichnet? Sind das nicht die reaktionären und ungebildeten, dem Zeitgeist weit hinterher hinkenden Bauern der amerikanischen Südstaaten? Falls Phil Robertson so einer ist, fragt sich der schlaue Leser zu Recht, warum er dessen Buch zur Hand nehmen soll. Zeit ist kostbar und kann nicht zurückgedreht werden, wird also unter keinen Umständen an rückwärtsgewandte Lebensweisheiten verschwendet. Darum folgt hier eine effiziente, ernsthafte, darf ich sagen deutsche? Auseinandersetzung mit den „goldenen Regeln des Duck Commanders“. Spaß beiseite!

Ein wichtiger Punkt vorweg: Streng genommen reden wir gar nicht über die Biografie eines einzelnen Mannes, sondern über die einer ganzen Familie. Seit Phil Robertson mit 16 Jahren vor den Traualtar trat, musste er Rücksicht auf andere nehmen. Ob als Selbstversorger, Wilderer, Kiffer, Kneipenbesitzer, bußfertiger Fischer oder Hersteller von Entenlockpfeifen: alleine war er nie. Dieser Umstand fördert ehrliche Bekenntnisse und tiefe Erkenntnisse eines Mannes zutage, der zeitweisemehr Krisen ausgelöst als gemeistert hat. Auch seine Söhne – mindestens so wild wie er – kämpften mit dem Alkohol, liebten zu viele Mädchen und rivalisierten miteinander. Doch wenn sich am Ende jeder Folge die „Duck Dynasty“ am Esstisch versammelt, das Tischgebet spricht und gemeinsam eine selbstgekochte Mahlzeit genießt, atmet man auf: Auch wilde Typen in schwierigen Situationen können offensichtlich zu einem füreinander sorgenden Team zusammenwachsen.

„Praktische“ Theologie

Das Oberhaupt dieser Familie bietet uns in seiner Biografie kein Standardrezept für gelingende Beziehungen an. Stattdessen macht er uns hungrig danach. Vor allem ein Missverständnis räumt er aus: Um ein guter Christ, Familienvater und Geschäftsführer zu sein, braucht man nicht zahm zu werden. Seine Bekehrung bewirkte, dass er plötzlich groß träumen und seine Energie in andere Bahnen lenken konnte. Er hing seinen sicheren Job als Lehrer an den Nagel und kehrte der Stadt den Rücken zu. Er zog zurück in die Sümpfe rund um den Mississippi, ging fischen, jagte Enten und versorgte damit seine Familie. Intensives Bibelstudium machte ihn zu einem sehr praktischen Theologen: Sah er, dass sich jemand an seinen Netzen zu schaffen machte, schenkte er den Dieben seineFischvorräte. Damit überwand er das Böse durch das Gute und entwickelte sich zu einem hingegebenen Alltagsmissionar, dessen Geschäfte prächtig liefen.

Kein Wunder, dass dieser Mann seinen Segen weitergeben will. Er ermutigt den Leser und Zuschauer zu weniger Technologie, mehr Zeit in der Natur, genug Bewegung und zu einem erwartungsvollen Abenteuergeist. Das erzählt uns jeder Lehrer – Phil Robertson hingegen führt es praktisch vor und verwandelt dadurch idealistische Tagträume in ein spannendes Experiment.

Von Anna-Maria Fennema


 

Die Robertsons lösen Probleme auf ihre Art!

Im tiefen Süden der USA ticken die Uhren noch anders. In Louisiana, der Heimat der als „Duck Dynasty“ berühmt gewordenen Familie Robertson, sind die Lebensumstände rau und Geschlechterklischees noch lebendig: Die Männer sind bärtig, ungestüm und vertreiben sich die Freizeit auf der Jagd; die Frauen backen Muffins und versuchen das von den Herren verursachte Chaos einzudämmen. Und genau dieses Chaos ist es, was den Reiz der Sendung ausmacht. Denn tief in uns drin sehnen wir uns doch alle nach ein bisschen mehr Leidenschaft, Wildheit und Dreck. Eigentlich scheint der Alltag der Robertsons dem Traum eines jeden Dreizehnjährigen entsprungen: Den ganzen Tag lang durchs Dickicht rennen, Biwaks bauen und sich, mit Moos und Ästen bedecken – bis es abends wieder nach Hause geht und man Mutti erklären muss, wie die Flecken in die gute Kleidung gekommen sind. Auch die oftmals kindlich- naiven Lösungen, mit denen die Probleme des Alltags bestritten werden, erfüllen uns eher mit Freude als mit hochnäsiger Besserwisserei: Biberdämme mit Dynamit zu sprengen, um die lästigen Nager loszuwerden, ist natürlich keine „erwachsene“ Lösung. Aber lustig ist es allemal – und wäre es nicht schön, das Dilemma mit dem überhängenden Apfelbaum aus Nachbars Garten auch so lösen zu können?

Problemlösung auf eigene Art

Zugegeben, es klingen auch ernste Themen in der Sendung an, aber die leichten, absurden und unterhaltsamen Augenblickeüberwiegen glücklicherweise. Es sind Situationen, die uns vorführen und schmackhaft machen, dass nichts daran verkehrt ist, manche Momente des Lebens genau so zu bestreiten: leicht, absurd und unterhaltsam. Anstatt sich spießig und rational zu verhalten, statt zu diskutieren, zu grummeln oder im Stress zu versinken, lösen die Robertsons Probleme auf ihre Art und Weise: Familienmitglieder werden vor wichtigen Entscheidungen mit Donuts bestochen, Langschläfer mit Gewehrsalven geweckt und Sohnemanns Beziehungskisten im großen Familienverband bei der Jagd besprochen.

Im Lichte der bierernsten Lehrplan-Diskussion, die immer wieder durch deutsche Schulen und Medien geistert, ist es einfach befreiend, vor dem Fernseher über die Vertretungsstunde der „Duck Dynasty“ an einer lokalen Grundschule zu lachen. Im Bio-Unterricht erklärt Phil den Kindern anhand eines selbstgefangenen Schauobjektes, wie man eine Ente ausnimmt. Auch nervige Teenage-Melancholie löst sich in Luft auf, wenn man Opa Robertson dabei zuhört, wie er seinem Enkel Nachhilfe in Beziehungssachen gibt. Solange das Mädchen Eichhörnchen kochen kann, soll man sich nicht zu viele Gedanken über ihr Aussehen machen und aufhören zu grübeln, ob sie „die Richtige“ ist. Endlich mal einer, der Hoffnung macht!

Man lacht über die skurrilen Episoden der Robertsons, aber irgendetwas lösen sie auch in einem aus. Vermutlich, dass man sich wünscht, die Welt hier wäre ein bisschen mehr wie am Mississippi, wo man in Zeitlupe und mit Rock’n’Roll-Musik unterlegt fliegenden Enten die Köpfe wegblasen und gleichzeitig ein guter Christ sein kann. Lediglich Vegetarier kommen hier nicht auf ihre Kosten.

Von Johannes Heinemann

Klimadepression

Warum Messdaten allein das Problem nicht lösen

Kriegen wir unser Klima je in den Griff? „Nein!“, sagt der britische Klimatologe Mike Hulme. Statt auf den großen weltpolitischen Wurf zu warten, plädiert er für einen Weg der kleinen Schritte, der sich auf allen gesellschaftlichen Feldern konstruktiv mit den Bedingungen des Klimawandels beschäftigt – und uns damit unserer Idee von einer besseren Welt deutlich näher kommen lässt.

Der Klimawandel ist kein „Problem“, das eine „Lösung“ braucht. Er ist ein ökologisches, kulturelles und politisches Phänomen, das die Art verändert, wie wir über uns, unsere Gesellschaften und unsere Zukunft denken. Und er wirft bedeutende Fragen auf: Woher stammt unsere Vorstellung von den Folgen des Klimawandels? Was bedeutet er für unterschiedliche Menschen an unterschiedlichen Orten? Warum sind wir uns darüber so uneinig? Wenn wir darauf Antworten finden wollen, brauchen wir einen konstruktiven Ansatz. Und wir müssen uns darüber klar werden, welche politischen Folgen dieser Ansatz hat.

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Mensch auf Abruf

Eingestöpselt in nicht-lebens-erhaltende Maschinen

Je nachdem, wen man fragte, war das Internet – genauso wie Facebook oder das smartphone – mal cool, mal gefährlich. Jetzt, da fast alle trotzdem dabei sind, sollten wir lernen, wie man es vernünftig Nutzt. Das Zwischenfazit einer selbstkritischen Kulturoptimistin.

Man stelle sich vor: In ein paar Jahrzehnten gucken sich unsere Enkel Szenen von heute an. Wir-beim-Bahn-Fahren und Wir-beim-Essen-Gehen. Und immer glotzt einer blöd auf sein Smartphone. Das wird peinlich. „Wusstet ihr denn nicht, dass das ungesund ist, süchtig macht und echte Beziehungen zerstört?“, werden sie uns fragen – und dabei ungefähr so klingen, wie wir uns anhören, wenn wir kopfschüttelnd den exzessiven Zigarettenkonsum in französischen Film-Noir-Produktionen der 1950er-Jahre kommentieren.

Das Internet hat sich durchgesetzt, wider Erwarten einiger ZDF- und Bravo-Experten. Obwohl wir uns alle Mühe gaben, es kritisch zu sehen. Trotzdem haben die meisten mitgemacht, auch wenn eigentlich für niemanden abzusehen war, was dieses Internet und die Erfindung von Smartphones für unsere Leben bedeuten würde. Die Omnipräsenz des Internets in jeder Lebenssituation ist längst akzeptiert. Zeit für eine ehrliche Annäherung nach der Phase, in der Facebook-Verzicht cool war, und noch vor dem Tod aller Zeitzeugen, die von den Tagen ohne Internet berichten können.

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„Tut Buße!“

Umkehr – eine tägliche Übung

„Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“, ermutigt der auferstandene Jesus seine Jünger. Und weckt damit ein ungeheures Potential: den Glauben an Veränderung. 

Man hat bekanntlich nur eine Gelegenheit, einen ersten Eindruck zu hinterlassen. Nur eine Chance für einen bedeutungsvollen, richtungsweisenden ersten Satz. „Famous first words“ taugen durchaus zur Legendenbildung: Der kleine Steven Spielberg soll „Why?“ gefragt haben, Picasso forderte seinen „Piz“, also einen Bleistift, die Schauspielerin Julie Andrews brachte „Home“ über die Lippen. So etwas ist süß. Und Jesus? War schon etwas älter, als nach dem Evangelium von Matthäus die ersten Worte überliefert werden: „Tut Buße, denn das Königreich der Himmel ist nahegekommen!“ So etwas ist verwirrend.

Alles beginnt mit der Haltung

In unseren Ohren steckt in diesem „Tut Buße!“ ein gewisser Widerspruch: Die Hoffnung auf den Himmel ist begründet, weil er nahe ist. Fantastisch. Das ist unser Evangelium. Aber sie kommt mit der seltsamen Aufforderung, Buße zu tun, als gäbe es einen inneren Zusammenhang zwischen der objektiven Ankündigung eines Ereignisses und der Notwendigkeit, innerlich umzukehren. Nach dem Motto: Meint ihr nicht, es wäre Zeit, JETZT umzukehren, wo der Himmel doch zum Greifen nahe ist?
Das ist nicht unbedingt das, was wir hören wollen. Da würden wir den „Call to action“ – tut was! – jederzeit dem Ruf zur inneren Umkehr vorziehen. Entscheidend ist doch, was wir tun, und nicht, wie wir über uns denken. Falsch. Mit seiner ersten Amtshandlung schickt Jesus seine Zuhörer auf eine Reise in ihr Innerstes. Sein Aufruf bedeutet: Lasst alles Handeln aus einer veränderten Haltung gegenüber Gott resultieren! Verändert eure Einstellung und ihr verändert euer Handeln. Oder anders gesagt: Du willst als Christ leben? Dann fang damit an, täglich zu Gott umzukehren, und du wirst einen Lebensstil entwickeln, der dem von Jesus ähnelt. Umkehr als tägliche Chance, sich dem Himmel zu öffnen und aus tiefen Überzeugungen heraus zu leben, nicht in oberflächlichen Gesten. Von dieser Seite betrachtet, bekommt die Buße einen ganz neuen Anstrich, grün schimmernd wie die Hoffnung.

Unsere Buße legt offen, wie Gott ist

„Ich tat dir kund meine Sünde und habe meine Ungerechtigkeit nicht zugedeckt.Ich sagte: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen; und du, du hast vergeben die Ungerechtigkeit meiner Sünde.“ (Psalm 32,5)
In dem Aufruf zur Buße drückt Jesus Entscheidendes über das Wesen Gottes aus. Gott will uns nicht zum Feind haben. Er sorgt sich vielmehr um den Zustand unseres Herzens und verleiht ihm dadurch einen Wert und eine Würde, die sich nicht aus unseren Handlungen, unserem Scheitern und unserer sündhaften Natur ablesen lassen. Die gute Nachricht, die Jesus in seinem ersten Satz verpackt, lautet: Gott kennt einen Neuanfang. Das ist von dramatischer Bedeutung in Situationen, in denen wir wissen, wie nötig wir ihn haben. Petrus ist wohl das bekannteste Beispiel dafür, wie Jesus mit unserer Schuld umgeht. Aus Petrus, dem Feigling, der es im entscheidenden Moment nicht schafft, sich zu seinem Freund und Herrn zu bekennen, wird Petrus, der Fels, auf dem Jesus seine Kirche baut. Die Evangelisten erzählen die wenig rühmlichen Episoden des scheiternden Petrus nicht, um ihn vorzuführen, sondern um zu zeigen, wie viele Gelegenheiten zur Umkehr in jedem von uns stecken. Auf den Tränen echter Reue errichtet Jesus einen unbändigen, überzeugenden Glauben. Erst im Zerbruch „Tut Buße!“ Umkehr – eine tägliche Übung Text: Levian Scheidthauer 38 durchdachtes dran NEXT 7.14 erlebt Petrus eine persönliche Dimension des Evangeliums, ohne die er nie ein solch überzeugender Evangelist hätte werden können. Ein Neuanfang ist möglich. Jederzeit.

Unsere Buße legt offen, wie wir sind

„Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“ (Römer 7, 19-20)
Aber nicht jedem steht der Zerbruch des eigenen Lebens so plastisch vor Augen wie Petrus. Mit seiner Aufforderung zur Buße wendet sich Jesus nicht an die besonders krassen Fälle menschlicher Verfehlung, sondern auch an uns alle. An die Alltagssünder, die Gelegenheitszweifler, Grauzonenbespieler und Winkeladvokaten. Wir halten uns gerne für besser als wir sind. Aber wer ehrlich genug forscht, findet den „Stachel im eigenen Fleisch“ und erkennt sich als Mensch, der Gottes Plan und sich selbst im Weg steht.
Buße ist nur möglich mit einem Bewusstsein für die eigene Schuld, die wir gern weit von uns wegschieben. Dabei liegt das Befreiungsmoment darin, sich mit ihr zu beschäftigen, sie zu überwinden. Das allein ist ein Paradox, das nur der erlebt, der sich Gott zuwendet. Denn Schuld reduziert sich nicht, indem man sie für sich behält. Weder vor Gott, noch vor seinem Nächsten oder sogar vor sich selbst.

Beichte: Gelebte Buße

„Wahrlich ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.“ (Matthäus 18,18)
Ein erprobter Weg gelebter Buße ist die Beichte. Nicht nur im sakramentalen Sinn, sondern als Übung, sich selbst vor dem Hintergrund der Heiligkeit Gottes zu betrachten und die eigene Schuld zu benennen. Jesus selbst hat uns die Schlüssel in die Hand gegeben, Vergebung auszusprechen und einander vom Druck der Sünde zu befreien. Der mächtige Gott bindet sich an unsere Bereitschaft zur Vergebung.
Aus dieser Autorität erwächst die Verantwortung, den Menschen Gottes Vergebung zuzusprechen, wenn sie die Chance zur inneren Umkehr ergreifen. An uns entscheidet sich, ob andere sich durchs Leben schleppen oder Last ablegen.
In den meisten Mönchstraditionen ist die Beichte Bestandteil der täglichen Routine – und das nicht nur in ritualisierter Form. In der Reihe derer, die in der Beichte eine regelmäßige Glaubensübung gefunden haben, stehen auch Luther, Bonhoeffer oder Mutter Teresa. Große Persönlichkeiten, die sich in der Beichte eine demütige Haltung vor Gott und den Menschen bewahrt haben. Vielleicht hat gerade das ihre menschliche Größe ausgemacht.
In der Chance zur Umkehr weist Gott uns den Weg in die Freiheit. Ob wir ihn gehen, hat tatsächlich nichts damit zu tun, ob wir uns Christ nennen oder nicht. Sondern damit, ob wir den Rucksack unseres Lebens ablegen und täglich in den kleinen Entscheidungen des Lebens umkehren. Ob wir uns Gottes Wesen aussetzen und daran glauben, in dieser Begegnung ganz Mensch zu werden.

Francois Goeske: „Ich hoffe, dass ich sterben werde, ohne zu leiden!“

In seinem aktuellen Film „Besser als nix“ schlüpfte Francois Goeske in die Rolle eines Bestatter-Azubis. Ob man dabei als Schauspieler auch über den eigenen Tod grübelt?

Interview: Fabienne Iff

Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit dem Berufsberater? Und hast du auf ihn gehört?
Mein „Berufsberater“ war damals niemand anderes als die Schule selbst. Als ich damals den Flyer für ein Casting heimlich im Lehrerzimmer kopierte und meine erste Hauptrolle als Kreuzkamm Juniors in „Das fliegende Klassenzimmer“ bekam, war das der Anfang, meinen Berufsberatern langsam aber sicher den Rücken zuzukehren. Für Tom in „Besser als Nix“ war es natürlich mehr als richtig, auf die Berufsberaterin zu hören.

Was hat dich gereizt, jemanden wie Tom zu spielen?
Viele kennen mich bestimmt noch aus „Das fliegende Klassenzimmer“ und „Französisch für Anfänger“. Ich habe seitdem noch viele andere Filme gedreht, aber Tom in „Besser als Nix“ hat allein schon durch seinen gothic-artigen Style eine ganz andere Facette, die mich gereizt hat. Er hat schwarze Fingernägel, schwarze Klamotten und benutzt Kajal. Es hat Spaß gemacht, in diese Rolle zu schlüpfen. Was ich aber überhaupt an diesem Film sehr mag, ist, dass auch der Tod ein großes Thema ist, aber mit sehr viel Witz behandelt wird. Diesen Gegensatz von Ernsthaftigkeit und Trauer einerseits und dem komödiantischen, fast Slapstick-Artigen andererseits zu spielen, war eine Herausforderung für mich.

Was hat dir geholfen, deine Figur zu verstehen?
Als ich damals mit meinen ungefähr 11 Jahren als Schauspieler angefangen habe, war ich wie Tom auch so eine Art Außenseiter in der Schule. Es gab die Bewunderer, aber eben auch die Neider mit ihren Sprüchen. Bei Letzteren habe ich vielleicht wirklich das Gefühl gehabt, „von Idioten umzingelt“ zu sein. Und auch mein Beruf als Schauspieler fiel – wie bei Tom auch – sehr aus dem üblichen Rahmen. Auch kenne ich ähnliche Spannungen wie in Toms Familie. Ich kann in gewisser Hinsicht also nachvollziehen, wie er sich als Außenseiter gefühlt haben muss.

Wie war es, geschminkt rumzulaufen?
Ich fand’s toll, weil es etwas Geheimnisvolles hatte und …es war eben anders! Ich war überrascht, wie gut mir Kajal steht und habe auch nach dem Dreh noch mit Crackling-Nagellack herumexperimentiert. Es war spannend für mich zu beobachten, wie die Leute draußen auf den Straßen darauf reagierten. In Berlin zum Beispiel weniger als in München.

Was war das Skurrilste, was dir während der Dreharbeiten passiert ist?
Den letzten Drehtag haben wir in diesem Obduktionsraum verbracht und anschließend den Abschluss des gesamten Drehs gefeiert. Die gute Musik, das kleine Buffet, die Getränke, die feiernden Teammitglieder zwischen den ganzen sterilen Lampen, Liegen mit Abflüssen und Schläuchen und dem Edelstahl waren schon sehr skurril … So etwas erlebt man nicht so oft in seinem Leben.

In der Romanvorlage sagt Tom: „Sterben ist für alle eine krasse Sache“. Inwiefern hast du dir durch den Film Gedanken über den Tod gemacht?
Ich habe mir schon vor dem Film Gedanken über den Tod gemacht, aber durch den Film werden diese Gedanken jetzt mit einem inneren Lächeln in mir verbunden. „Besser als Nix“ nimmt die Schwere aus solchen Themen mithilfe eines nach wie vor sehr wichtigen Mittels: Humor.

Was glaubst du, was danach kommt?
Ich weiß es nicht, aber ich habe keine Angst, alt zu werden, hoffe aber, dass ich sterben werde, ohne zu leiden und wünsche mir, dass die mir wichtigen und bis dahin schon verstorbenen Menschen „da oben“ auf mich warten.

Und was kommt als nächstes? Der nächste verquere Charakter oder darf’s auch mal ein angepasster sein?
Weder noch, aber mehr verrate ich nicht (grinst).

Bild: NFP

Das Zeit-Luxusproblem

„Zerstreuung“ liegt im Trend. Was für die einen mit purer Zeitverschwendung und Freizeitstress verbunden ist, klingt in den Ohren der anderen nach wilder Kreativität und Entspannung. Denn Zeit ist purer Luxus. Und das unabhängig davon, wie sinnvoll wir sie nutzen.

Überall dabei sein wollen. Ständig abgelenkt, statt ganz bei der Sache. Zerstreut wie eine Tütensuppe auf dem Ozean. Oder: Endlich mal nichts leisten müssen. Gedanken fließen lassen, statt gleich Sinn schaffen zu müssen. Zerstreut wie jemand, der sich selbst vergessen kann.

Kaum ein Begriff verändert sich so sehr, je nachdem, aus welcher Perspektive man ihn betrachtet. Petra Löffler hat ihn mit ihrem Buch „Verteilte Aufmerksamkeit: Eine Mediengeschichte der Zerstreuung“ durch die Diskurse der Geschichte begleitet. Sie skizziert, wie sich Verständnis und Bewertung von Aufmerksamkeit und Zerstreuung seit dem 18. Jahrhundert gewandelt haben, wie sich parallel zur Industriellen Revolution auf breiterer gesellschaftlicher Ebene etwas Neues und Nennenswertes herausbildet: die Trennung von Arbeit und Freizeit. Damit kam für die Menschen zunehmend auch die Frage auf, wie Freizeit gut zu gestalten sei.

Diese, für uns so vertraute Frage, war damals tatsächlich neu. Man hatte bis dahin jedes bisschen freie Zeit genutzt, um sich von der Anstrengung der Arbeit zu erholen. Freizeitgestaltung, wie wir sie heute kennen und verfolgen, war eher ein Privileg der Fürsten und Könige. Und diese brauchten für ihr aufwändiges Unterhaltungsprogramm meistens viel von dem Geld des Volkes und nicht selten unglaublich viel Personal. Erst durch Technik entstanden in den Städten „Schauplätze der öffentlichen Zerstreuung“, die Theatersäle, Kinos und deren Vorstufen, die bald schon einer breiten Masse zugänglich sein sollten.

Zerstreuung als Geisteszustand

Denkt man bei Zerstreuung eher an Figuren wie Hans-guck-in-die-Luft, dann kann Zerstreuung auch als Gemüts- und Geisteszustand betrachtet werden. Lange galt übermäßige Zerstreutheit als pathologisches Phänomen, dem Ärzte bis ins 18. Jahrhundert hinein mit einer eigenen Therapie auf die Pelle rückten: Als Behandlungsmethode wurde ein Drehapparat verwendet, auf dem der Patient so lange gedreht wurde, bis ihm regelrecht schlecht wurde. Damit hoffte man, die Person so zu über-zerstreuen, dass sie sich doch endlich wieder fokussieren wolle. Das klappte natürlich schon damals nicht.

Zerstreuung, normal bedenklich

Aber geht es nicht auch andersherum? Ist das Zerstreutsein nicht eher der Normalzustand, während die fokussierte Aufmerksamkeit die Ausnahme darstellt? Kulturwissenschaftler und Philosophen werben um ein positives Verständnis der „verteilten Aufmerksamkeit“ und verweisen auf unser Bewusstsein, das zweifelsfrei in der Lage ist, sehr schnell zwischen verschiedenen Gegenständen hin- und her zu springen. Zerstreuung schaffe die Voraussetzungen, um die Lebens- und Arbeitsansprüche der modernen Welt bewältigen zu können. Grundsätzlich ist diese Fähigkeit deshalb überlebensnotwendig und vielleicht sogar trainierbar. Totale Zerstreuung bedeutet in dieser Denkweise ebenso das Aus wie die uneingeschränkte Aufmerksamkeitskonzentration. Einfache Beispiele findet man im Straßenverkehr: Der zerstreutabwesende Spaziergänger ist ebenso wenig verkehrstüchtig wie der absolutfokussierte Autofahrer: Der Spaziergänger wird leider überfahren, während ein Autofahrer, der wirklich nur auf die Straße konzentriert ist, den von links reinschlendernden Spaziergänger nicht bemerkt. Fast alle Tätigkeiten erfordern ein breites Streuen unserer Aufmerksamkeit – wir müssen in der Regel mitbekommen, was links, rechts und um uns herum passiert.

Kritik ist nicht neu

Aber überfordern uns die vielen kleinen, großen und vor allem medialen Zerstreuungen im Alltag heute nicht eher? Ganz bestimmt! Nur ist die große Skepsis an zerstreuenden Massenphänomenen im Bereich der Technik- und Kulturkritik absolut nichts Neues. Noch im späten 19. Jahrhundert behaupteten Kulturpessimisten, der Mensch würde seelisch durchbrennen, wenn er sich im Zug oder im Auto schneller fortbewegte, als er laufen kann. Der Mensch wundert sich seit jeher, wie viel Information er in kürzester Zeit aufnehmen kann. Daher: Wir können das aushalten!

Spätestens seit unsere Telefone schlauer geworden sind, fällt auf, dass die Zerstreuungsoptionen massiv zugenommen haben. Allerdings sind sie nicht Auslöser des Zerstreuungstrends, sie haben ihn nur deutlich beschleunigt und sich mit gesellschaftlichen Trends wie Individualisierung, Neues Lernen, New Work, Konnektivität, Globalisierung und gestiegener Mobilität zu einem Lifestyle zusammengetan. Wir können ständig mündlich, lautlos schriftlich mit Bildern und Videos in Echtzeit oder zeitversetzt kommunizieren. Wir können unterwegs aktuelle Infos aus dem Internet ziehen oder nebenbei ein bisschen arbeiten. Sind wir neu irgendwo, planen wir die genaue Route nicht mehr vorher, sondern ad hoc an der nächsten Straßenecke. Wann genau ist diese Verwandlung vom unbeschwerten Hans-guck-in-die- Luft zum immer abgelenkten Smartphonezombie vonstattengegangen? Kein Wunder, dass Menschen hier andere Sehnsüchte entwickeln als die, die in und mit Zerstreuung zu befriedigen sind.

Entspann dich.

Vor ein paar Monaten stellte ich diese Frage einem meiner Dozenten, der in einem Nebensatz über den Unterschied von Zerstreuung und Entspannung referierte. Er meinte: Fernsehschauen am Abend kann natürlich eine gute Art von Entspannung sein. Wenn man jedoch nach etwa einer Stunde die Kurve, den Fernseher abzuschalten nicht kriegt, gehe diese Entspannung schnell in Zerstreuung über. Zerstreuung, so der Dozent, sei dann keine Entspannung mehr, sondern wäre in sich wieder eher aufreibend oder gar anstrengend – ganz sicher jedoch spätestens dann, wenn man ins „Zappen“ überginge. „Aber wie geht dann Entspannung richtig?“, fragte ihn die Studiengruppe. Er meinte, um das zu verstehen, solle man sich mit dem Gegenteil der Zerstreuung beschäftigen: mit Sammlung.

Eine gute Idee, denn in Romano Guardinis „Das Gute, das Gewissen und die Sammlung“ aus dem Jahr 1929 stößt man tatsächlich auf wahre, richtig gut verständliche, kleine Schätze. Der katholische Theologe vertrat die Meinung, „dass das Innere, Tiefe, Gesammelte das Wichtigere ist; der Mensch aber eine Neigung ins Äußere, Oberflächliche, Zerstreute hat“ und „daher die dringlichere Aufgabe nach der gefährdeten Seite hin liegt“. Er plädierte dafür, diese Sammlung auch ganz praktisch zu üben. Das kann man tun, indem man etwas bewusst in Ordnung bringt. Oder indem man einfach einmal die Klappe hält, obwohl man eine Nachricht, eine Geschichte, einen Einfall zum Gespräch beitragen könnte. Indem man lernt, einmal nicht zum anderen zu laufen, sondern für sich zu bleiben, um sein Urteil und seinen Entschluss selbstständiger werden zu lassen. Indem man einmal durch eine belebte Straße gehe, ohne mich von der Fülle an Eindrücken ablenken zu lassen. Indem man aus der Jagd des Geschehens, dem täglichen Tun, Wollen, Suchen heraustritt – auch und gerade in der Stille, im Gebet.

Wir brauchen das heute mehr denn je als Gegenpol zu unserem Durchschnittsalltag, als Gegenpol zu unserer Durchschnittsfreizeitgestaltung und vielleicht sogar als Gegenpol zu unserer Durchschnittsreligiösität. Aber lasst uns doch noch einmal genau auf das Zitat schauen: Neigt nicht selbst Guardini zum Differenzieren? Fragt er nicht sogar relativ offen nach der „gefährdeten Seite“? Dem Gesammelten mag dann der Satz vielleicht auch sagen: „Hey, entspann dich und verteile doch fröhlich mehr von deiner Aufmerksamkeit – nicht wohin du solltest, sondern wohin du möchtest.“

Die Stadt, wie sie uns gefällt

Warum Quartiersarbeit im Trend liegt

Wer am Sonntagabend den „Tatort“ im Wittener Wiesenviertel allein vor seinem Fernseher schaut, ist selbst Schuld. Nein, echte Szene-Wittener trifft man jetzt im Knuts auf ne Fritz-Kola vor der Großbildleinwand. An anderen Tagen sieht man hier Freunde, die den lauen Sommerabend im Garten genießen, Mamas, die gemeinsam stricken, ein Französischstammtisch, der bei einer Flasche Wein plaudert oder Kreative, die über ihre Laptops gebeugt neue Projekte planen.

In immer mehr Städten machen sich junge Kreative daran, sich für eine neue Art von Nachbarschaft zu engagieren. Denn nur wer mitmacht, gestaltet die Stadt von morgen.

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Daten wie Karlsson in Paris

Ben, 25, ist ganz allein mit seiner Welt hinter dem Velux-Fenster.

Eigentlich sollte sie mal ein Geheimnis bleiben, unsere kleine Dachterrasse, die mein ehemaliger WG-Mitbewohner und ich damals entdeckten. Irgendwie war das wie bei Narnia, als wir diese unscheinbare Tür, zwischen WG und Wäscheraum öffneten. Wie zwei kleine Jungs kämpften wir uns durch Spinnweben die alte Holztreppe hinauf. Oben endeten die Stufen in einem Dachboden, den seit Urzeiten keiner mehr betreten hatte.

Dann war dort dieses kleine Velux-Fenster, durch das wir das erste Mal in die wunderbare Welt des Kinderhelden Karlsson vom Dach eintauchten. Eine kleine Rutschpartie
über Pfannen später erreichten wir ein kleines Flachdach. Von dort aus sahen wir unsere Stadt, wie wir sie zuvor noch nie gesehen hatten …

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„Man meint, die machen was ganz Wichtiges …“ – Patrick Güldenberg über die junge Generation und ihre produktive Fassade

In seiner WG-Komödie „Wir sind die Neuen“ hat Autor und Regisseur Ralf Westhoff den Clash der Generationen in ein Mehrfamilienhaus verlegt. Patrick Güldenberg spielt einen der jungen Spiesser, die auf eine Frührentner-WG mit Hippieambitionen stossen. Wir wollten wissen, wie viel Spiesser in ihm steckt – und ob er glaubt, dass da was dran ist am Bild der überstrebsamen Jugend.

Patrick, du hattest eine längere Kinopause. Wie war es, wieder für die Leinwand zu spielen?
Ich war ein bisschen aufgeregt, wie es wird; ich habe jetzt vier Jahre lang nur Theater gespielt. Es war aber ganz schnell wieder wie ‚nach Hause kommen‘.

Ralf Westhoff war nicht nur Regisseur, sondern auch Drehbuchautor. Gab es so etwas wie künstlerische Freiheit oder Austausch?
Einen Austausch gab es. Aber mit dem Text konnten wir nicht wirklich frei umgehen. Da ist Ralf schon ein sehr außergewöhnlicher Fall, weil er seine Drehbücher selbst schreibt und an jedem Wort hängt.

Wodurch hat dich das Drehbuch überzeugt?
Was ich dramaturgisch gut gemacht finde, ist diese Brücke, die zwischen den zwei Generationen geschlagen wird. Beide nehmen voneinander etwas mit und merken, wie wenig fremd sie sich eigentlich sind, wie man sich fast auf Augenhöhe begegnet. Das finde ich toll, weil ich es aus meinem Leben kenne. Ich arbeite mit Schauspielern sehr eng zusammen, die dreißig Jahre älter sind als ich und mittlerweile auch mit Schauspielern, die zehn Jahre jünger sind. Ich hab die Chance, ihnen auf einer sehr menschlichen Ebene begegnen zu können, nicht auf einer hierarchischen Altersebene.

Was ist für dich eine Botschaft des Films?
Was man an den Jungen sieht: Die arbeiten total emsig für ihr Studium. Wenn man aber hinter die Kulissen schaut, merkt man, dass alles nur Fassade ist und sie ihr Leben eigentlich gar nicht auf die Reihe bekommen. Hier sehe ich Parallelen zur Bankenkrise. Bis vor ein paar Jahren dachte man: In den Banken und Wirtschaftsunternehmen wird richtig hart gearbeitet, die sind total fleißig. Nach außen hin haben sie einen Anzug an und laufen geschäftig vom Taxi ins Büro. Man meint, die machen was ganz Wichtiges, aber eigentlich machen sie nur Quatsch. Der Film zeigt, dass dieser Weg letztendlich nicht ins Glück, sondern eher in Krisen, Schmerz und Stress führt. Er öffnet den Blick dafür zu fragen: Wo findet das Leben statt oder wo kann ich mich mal frei machen von diesem ganzen Leistungsdruck?

Du spielst einen jungen Jura-Studenten, der in einer WG wohnt. Hast du selbst WG-Erfahrungen?
Ich habe drei Jahre in einer WG gewohnt, als ich in Hannover Schauspiel studiert habe. Das war super, weil ich sehr viel in der Schauspielschule war und kaum rausgekommen bin. Meine Mitbewohner haben was ganz anderes gemacht: Sonderschullehramt und Sozialpädagogik.

Die WG-Atmosphäre war wahrscheinlich ein wenig anders als im Film …
Genau, die Atmosphäre war eher so wie in der WG der älteren Leute.

Kommt dir der Lebensstil der jungen Generation aus deinem eigenen Umfeld bekannt vor?
Dieses Angespannte, sehr Ehrgeizige? Komischerweise nicht so richtig. Die meisten Leute in meinem Umfeld sind kreativ tätig. Ich bin ja auch schon ein bisschen älter als die Generation, die im Film porträtiert wird, aber nach meinem Gefühl spalten sich die heutigen 25-Jährigen in zwei Lager: Die einen, die total exzessiv Party machen, und die anderen, die schon in einer Firma arbeiten oder BWL studieren und möglichst schnell Karriere machen wollen. Die feiern dann gar nicht mehr und haben auch ihre Facebook- Profile total clean aus Angst, durch negatives Partyverhalten aufzufallen. Da gibt es unter den jungen Leuten so eine extreme Angst, aus dem Raster zu fallen und irgendwann sein Leben nicht mehr finanzieren zu können. Im Alter arm zu sein, keinen guten Job zu bekommen, in die Unterschicht abzurutschen. In den Zeitungen wird ja eine Angst vor der neuen Unterschicht geschürt.

Auch Angst vor falschen Entscheidungen?
Auf dieser Business-Generation lastet ein totaler Druck. Eine Freundin von mir, die in einer Immobilienfirma arbeitet, hat jetzt eine Gruppe 27-jähriger Neueinsteiger in ihrem Team. Die hatten sich total lange gesträubt, den Job anzunehmen, weil sie gehofft hatten, irgendwo eine bessere Bezahlung zu bekommen. Sie wollten sich bis ganz kurz vor knapp noch alles offen halten. Diese junge Generation macht ja teilweise schon nach zwölf Jahren Abitur und fängt ohne Zivildienst oder Bund an zu studieren. Nach drei Jahren sind sie mit dem Bachelor fertig und mit 21 auf dem Arbeitsmarkt. Und diese Zeit, in der man sich mal ausprobieren kann oder eine Weltreise macht, findet heutzutage kaum noch statt.

Hast du das Gefühl der Leistungsdruck ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen? Ja, wahrscheinlich. Schon vor zehn Jahren, als ich mich entschieden habe, welchen Weg ich gehen will, hat man gesagt: Die Wirtschaft steht kurz vor dem Kollaps, und man muss sich anstrengen, überhaupt dabeizubleiben.

Der ältere Johannes sagt zu dir als Thorsten im Film: „Bitter ist, wenn man den Erfolg des Lebens in Euro misst.“ Was macht für dich persönlich ein erfolgreiches Leben aus?
Das ist eine sehr existenzielle Frage (lacht). Ich glaube mir ist es recht wichtig, mich kreativ ausdrücken zu können. Das ist einer der wichtigsten Aspekte, der für mich ein erfülltes Leben ausmacht. Außerdem ein stückweit in Frieden mit mir selbst zu kommen und eine gute soziale Struktur. Viele Freunde, herzliche Verbindungen mit Menschen.

Glaubst du, dass konservative Werte, die durch die 68er verdrängt wurden, jetzt wieder im Kommen sind? Heiraten und so?
Heiraten ist natürlich ein klassisches Beispiel. Diese traditionellen Familienwerte. Ich glaube zumindest, dass es eine Sehnsucht nach einer überschaubaren Welt mit klaren Wertvorstellungen gibt. Ob das dann immer so funktioniert, ist eine andere Frage.

Im Film wird das Internet von den Mitgliedern der älteren WG etwas kritisch betrachtet. Wie stehst du zu modernen Kommunikationsmedien?
Ich bin lustigerweise ein ziemlicher Technik-Loser. Da bin ich immer so fünf Jahre später dran als alle anderen. Ich hatte beispielsweise erst 2002 eine Mailadresse und erst 2005 einen eignen Internetanschluss in meiner Wohnung. Aber mittlerweile nutze ich das total: Ich gehe morgens an den Computer, gucke erst mal bei Facebook, was so los ist und checke meine Mails. Das ist mein klassisches Morgenritual. Ich habe auch mein Handy immer dabei. Da bin ich nicht frei von.

Im Film fragt Anne: „Wer gibt euch die Zeit zurück, die euch das Internet klaut?“ Siehst du das auch so?
Jein, das ist eine zweischneidige Angelegenheit. Auf der einen Seite hat man viel mehr Input, ist vernetzter, nimmt mehr am öffentlichen Leben teil. Auf der anderen Seite finde ich dieses ständige Smartphone-Getippe total erschreckend, auch wenn es mir selbst genauso geht. Überall wo du bist, tippt gerade irgendjemand in sein Smartphone. Neulich habe ich ein Foto gesehen, von Leuten, die am Bahnhof auf den Zug warten: Alle gucken auf ihr Smartphone, nur einer schaut geradeaus und darüber steht „What the fuck is wrong with him?“ Wofür könnte man Wartezeiten sonst nutzen? Man kann sie nutzen, um einfach mal im Moment anzukommen. Zu realisieren, dass man gerade nichts machen muss, einfach nur da sein kann. Das fällt mir selbst total schwer.

Im Film spielst du einen sehr neurotischen jungen Mann. Wie ist das im wahren Leben?
Ich bin da nicht frei von (lacht). Ich mache mir oft schon abends mein Frühstück, bevor ich ins Bett gehe, damit ich das morgens einfach nur aus dem Kühlschrank rausnehmen muss.

Na, ob das als neurotisch durchgeht?
Na ja, ein bisschen gestört ist es schon.

Vielleicht ein bisschen schrullig.
Ja, genau.

Die drei älteren im Film ziehen kurz vor ihrer Rente zusammen in eine WG. Machst du dir schon Gedanken über dein Rentnerdasein?
Ehrlich gesagt nur am Rande. Das Gute am Schauspielberuf ist ja, dass man nicht aufhören muss, wenn man nicht gesundheitlich dazu gezwungen wird. Ich will gar nicht mit 65 oder 67 aufhören zu arbeiten und an die Ostsee ziehen, um Geranien zu pflanzen. Meine Eltern haben auch nach der Rente noch weitergearbeitet. Deswegen kommt das in meinem Lebensmodell so nicht vor.

Siehst du bei deinen Eltern Parallelen zur älteren Generation im Film?
Nein, meine Eltern sind noch einmal zehn Jahre älter und haben deshalb diese Hippiezeit nicht so mitbekommen. Aber ich höre von extrem vielen Leuten aus meinem Freundeskreis, dass die sich schon durch den Trailer oder das, was ich vom Film erzähle, extrem angesprochen fühlen. Ich habe einen sehr breiten Freundeskreis, so ungefähr im Alter von 20 bis 60 Jahren. Die Leute zwischen 50 und 60 haben schon das Gefühl, wilder zu sein als die Jugend von heute. Neulich habe ich das mal erlebt: Ich bin mit einer Bekannten, die Ende 50 ist, Fahrrad gefahren und da rief uns ein Jugendlicher BWL-ler hinterher: „Das ist kein Fahrradweg hier!“ Das fand ich ziemlich passend zum Thema des Films.

Noch ein schöner Satz im Film ist: „Es ist ein Drama,dass ihr über all diese Kommunikationsmedien verfügt und nichts zu sagen habt.“ Glaubst du, da steckt ein Funken Wahrheit drin?
Ich finde, wenn man sich Facebook-Pinnwände anschaut, hat man schon das Gefühl, dass Leute sich für extrem viel einsetzen. Der Unterschied zu den 68ern liegt eher darin, dass es nicht mehr so eindeutig ist, wohin die Stoßrichtung geht. Es gibt wahrscheinlich genauso viele Leute auf Facebook, die sich für christliche Werte aussprechen, wie dafür, dass das Trinkwasser nicht privatisiert wird. Es gibt kein eindeutiges Feindbild mehr. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Und dann gibt es noch den Begriff der Politikverdrossenheit in Deutschland. Als ich jung war, war klar, dass wir alle gegen Umweltverschmutzung demonstrieren. Heute ist alles viel komplexer und komplizierter.

Interview: Anna Koppri

PRACHTWERK – Eine neue Szeneadresse für Neukölln

Mitten im Berliner Multi-Kulti-Kiez überrascht ein Café-Projekt, das sich beim genauen Hinhören als Initiative von Christen herausstellt

Neukölln, Berlins Schmelztiegel der Kulturen und Religionen, Spielplatz für Kreative. Seit ein paar Jahren entwickelt er sich vom sozialen Brennpunkt zum Szene-Bezirk. Noch immer leben hier viele Einwandererfamilien und alt-eingesessene Berliner, die sich den Bezirk mit einer steigenden Zahl von Studenten und Künstlern teilen. Die Straßen sind schmuddelig-gemütlich, jedes dritte Geschäft ist eine Dönerbude und es gibt einen türkischen Markt, wo Obst und Gemüse, Stoffe und allerlei Kleinodien angeboten werden.

Mitten im Viertel hat im Frühjahr das PRACHTWERK aufgemacht. Schon erste Eindruck des neuen Szene-Cafés ist imposant: Ich bin kaum über die Türschwelle, da überkommt mich dieses unbestimmte Gefühl von Größe, eine Ahnung, die sich anfühlt wie ein Versprechen. Ein großes, lichtdurchflutetes Loft mit weißen Säulen, einer Theke aus massivem Holz, riesigen Kunstwerken an den Wänden, Retro-Sesseln und einer großen Bühne.

Den ganzen Artikel kannst du in der aktuellen Dran-next lesen.

Bildnachweis: flickr.com/hallenser_CC BY 2.0

Meine Entscheidung (nicht deine) – Warum sich Glaube und Zwang ausschließen

Der freie Wille ist eine Idee Gottes, die wir respektieren sollten. Und zwar zuallerst bei uns selbst.

Der einzige Ort, an dem ich gerne Schlange stehe, ist Starbucks. Drei Mal kann ich überlegen, was ich will, fünf Mal entscheide ich mich um. Schon verrückt: Ich zermartere mir freiwillig das Hirn über die Entscheidung zwischen schaumig-cremigem Latte und schokoladegetränktem White Mocha. Niemand zwingt mir hier etwas auf. Ich könnte aus der Schlange treten und weitere 15 Minuten überlegen, ich könnte Freundinnen bitten, für mich zu bestellen, oder Starbucks verlassen, ohne etwas getrunken zu haben … Das ist die maximale Freiheit in Erwartung von etwas ganz Großem.

Erstaunlich, aber dasselbe gilt auch für den Glauben: Niemand zwingt mich, den Jesus-Weg durchs Leben zu wählen – er selbst schon gar nicht.

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Bild: Thomas Northcut/Thinkstock

Jesus und das Banale

„Wenn Gott sich doch so gerne in Essensgemeinschaft zeigt, warum kümmern wir uns nicht viel häufiger um Magen und Seele gleichzeitig?“

Was lehrt uns das Leben des Gottessohns über den Umgang mit dem Alltäglichen?
Jesus braucht für den Heiligen Augenblick kein geistliches TAMTAM. Er heiligt ihn durch seine Gegenwart.

Mit den Evangelien ist es wie im Kino: Wenn gepredigt, geliebt und geheilt wird, ist die Kamera an; aber dass auch der Sohn Gottes wie wir alle Stuhlgang hatte, behalten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes für sich. Wen interessiert schon das Banale? Man könnte den Eindruck bekommen, als seien die drei Jahre, die Jesus mit seinen Jüngern durch Galiläa zieht, ein einziges Highlightfeuerwerk. Der Eindruck täuscht.
Denn es gibt auch die anderen Momente. Momente, in denen Menschen zu sehen sind, wie sie mit ihrem Alltag beschäftigt sind. Wasser holen am Brunnen. Fischen. Freunde besuchen. Oder essen – eine banale Handlung, die zum Leben dazugehört und eigentlich keiner Erwähnung wert ist. Es sei denn, das Heilige bricht mitten hinein ins Selbstverständliche, stellt Lebensentwürfe in Sekundenbruchteilen auf den Kopf, aus heiterem Himmel sozusagen. Dann erscheint eine einfache Begegnung am Brunnen plötzlich als Chance zur Bekehrung, die Tischgemeinschaft als Hort des Segens. Zufall?

Essen, trinken, hungern – wie banal
Was ist in der Bibel schon zufällig? 85 Mal ist im Neuen Testament die Rede vom Essen, 16 Mal vom Durst und 28 Mal vom Hungern. Darunter Bibelstellen, die jeder schon mal irgendwo gehört hat. „Wenn jemand Durst hat, soll er zu mir kommen und trinken!“, ruft Jesus den Menschen seiner Zeit zu (Johannes 7,37). Unsere Leben wird er an der ethischen Prämisse messen: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken.“ (Matthäus 25,35)

Nicht umsonst lehrt Jesus seine Jünger die ein oder andere Lektion beim Essen. „Gebt ihr ihnen zu essen!“, gibt er den verdutzt dreinschauenden Jüngern zur Antwort, als sie wissen wollen, wie Jesus den Hunger der „5000“ praktisch stillen will (Matthäus 14,16b). „Während des Abendessens“ überschüttet Maria Magdalena Jesu Kopf mit Salböl. „Während des Abendessens“ wird der Zöllner Matthäus von jetzt auf gleich ein anderer Mensch. Während des Abendessens gibt Jesus seinen Jüngern vor seiner Auslieferung am Gründonnerstag sein Vermächtnis weiter. Und während des Abendessens gibt sich der Auferstandene den Emmaus-Jüngern zu erkennen. Das ist kein Zufall.

Ich habe Hunger.
Ich bin bedürftig.
Jesus wusste, was uns das Essen bedeutet. Es ist mit das Elementarste, was unser Menschsein ausmacht. Es berührt ein primäres Bedürfnis. Atmen, trinken und essen. Wir können nicht ohne leben. Das macht es zu etwas Besonderem, auch wenn es noch so profan ist. Im gemeinsamen Essen sind wir uns unserer Bedürftigkeit bewusst. Hier trifft uns Jesus ganz „nackt“ und „elementar“. Das macht das gemeinschaftliche Essen zu einem banalen wie wirksamen Nährboden für das Erleben des Heiligen. Es öffnet uns für die gemeinschaftliche Erfahrung unserer Menschlichkeit, trotz aller Individualität und Unterschiedlichkeit. Im Essen sind wir alle gleich.

Diese Erfahrung teilen wir auch beim Abendmahl. Wenn wir uns gemeinsam daran erinnern, wie Jesus durch sein Leben und Sterben für uns zu „Brot und Wein“ wurde, sehen wir den Gottessohn, der unsere Bedürftigkeit auf seinen Schultern trägt. Im scheinbar Banalen lässt uns Gott teilhaben an seinem göttlichen Wesen und seiner freimachenden Offenbarung.

Können wir daraus nicht was für unseren Alltag lernen? Für den Tag am See oder den Grillabend auf der Dachterrasse? Warum laden wir Gott nicht ein, dass er uns durch seinen Geist so eins macht, dass wir als Tischgemeinschaft offen sind für seine Wirklichkeit? Wenn Gott sich doch so gerne in Essensgemeinschaft zeigt, warum kümmern wir uns nicht viel häufiger um Magen und Seele gleichzeitig?
Da, wo ich Gott zutraue, mich mit seiner Gegenwart umzuhauen, ist plötzlich nichts mehr so banal, wie es scheint. Deshalb: Vergesst nicht zu leben! Und Gottes Gegenwart im Alltäglichen zu erwarten.

Pascal Görtz will Gott zutrauen, jeden noch so belanglosen Moment des Lebens in etwas Besonderes zu verwandeln.

Bild: flickr.com/Johannes Gilger_CC BY-SA 2.0

Die Kunst schlägt zurück – „Art war“: Die ägyptische Revolution und der poetische Krieg ums Bewusstsein

Im Umbruch ist alles politisch, auch die Kunst, sagt Marco Wilms. Drei Jahre lang hat der Dokumentarfilmer die Revolution in Ägypten mit seiner Kamera festgehalten. Sein Film „Art War“ zeigt die politische Dimension der Street-ArTists: die Kunst als Waffe.

Herr Wilms, Sie sind angetreten, den Weg der Äg ypter zur Demokratie filmisch zu dokumentieren. Am Ende steht ein Film über Widerstandskunst. Sind Sie von den Entwicklungen überrascht worden?
Marco Wilms: Ja, ich war immer wieder überrascht. Zuerst vom hohen Wahlsieg der Islamisten, dann von ihrem kometenhaften Absturz nach nur einem Jahr an der Macht. Jetzt nach drei Jahren steht die gesellschaftliche Entwicklung in Richtung demokratischer Mitbestimmung wieder am Anfang.

Kunst ist für die jungen Äg ypter ein Medium ihres Widerstands. Was macht Kunst zur Waffe?
In einem revolutionären Umbruchsprozess ist alles politisch, also auch die Kunst. Denn das ist es, worum es in der Essenz geht: um eine neue Gesellschaftsform, ein neues Bewusstsein, einen anderen, demokratischeren, freieren Umgang der Menschen miteinander. Die Graffitis sindindividueller, persönlicher Ausdruck des Künstlers, der sie erschaffen hat. In einer Gesellschaft wie der ägyptischen haben die- seBilder eine ganz andere Sprengkraft als in Deutschland, wo man Individualität grundsätzlich akzeptiert. Die Künstler führen einen poetischen Krieg um das Bewusstsein der Menschen.

Den ganzen Artikel gibt es in der aktuellen dran-next.

(Bildquelle: Marco Wilms)

Hopp, Brasil

Wir hätten an dieser Stelle lieber Fotos der fertigen Stadien und feiernden Anhängern der SeleÇÃo gezeigt. Aber selbst ein paar Wochen vor der FuSS ball-WM sind nicht alle Kräne, geschweige denn alle Misstöne beseitigt. Warum tut sich das Gastgeberland Brasilien so schwer mit der FuSS ball-WM?

Wer die Berichterstattung über die kommende Fußball-WM verfolgt, reibt sich verwundert die Augen. Sind das die fußballbegeisterten Brasilianer, die da zu Wutbürgern mutiert sind? Große Teile der Bevölkerung sind noch immer nicht warm geworden mit ihrer Fußball-WM. Tatsächlich gibt es einiges, was noch nicht gut läuft im Land des Fußballs: Wir nennen die zehn wichtigsten Brennpunkte.

Soziale Schräglage Schon jetzt steht fest: Das Gastgeberland wird sich von einer Seite zeigen, die die Realität der allermeisten Brasilianer weitgehend ausblendet. In dem boomenden Schwellenland, etwa doppelt so groß wie die Europäische Union, leben gut 200 Millionen Menschen. Geschichtsbedingt ist die soziale Schere in Brasilien gravierend, und das ist sie auch nach den Maßnahmen der Regierung unter Lula da Silva. Der Kolonialismus steckt tief in den gesellschaftlichen Strukturen des Landes.

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(Bildquelle: StringerBrasil)

„Lass meine Mutter aus dem Spiel“ – Spuren von Mama in meinem Leben

Dieselbe Stupsnase, denselben Sicherheitsfimmel? Warum es so nervt, mit seinen Eltern verglichen zu werden.

Vier schöne Frauen, die sich auffällig ähneln, sitzen auf dem Balkon zwischen Blumen und trinken Wein. „Be-you-tiful!“, sagt die eine, die Älteste der vier, und die anderen prusten los. „Also, das war jetzt eindeutig ein Mama-Wortspiel, ganz klassischer Mama- Humor!“, kommentiert die Zweitälteste. Das ist ausgerechnet die, die immer genau wie Mama ein zweites Paar Schuhe überall hin mitnimmt, „nur für den Fall.“ Die Dritte hat auch einen Mama- Tick, der hier verschwiegen sein soll; und die Jüngste glaubt bis jetzt, dass sie nur die süße Stupsnase der Mama geerbt hat.

Genau wie Mama
Die vier haben eine wundervolle Mutter. Eine liebevolle, fleißige, schöne Frau. Und in vielen Bereichen wollen sie ihre Kinder später sehr ähnlich erziehen, wie sie erzogen worden sind. Und doch schwelt auch in ihnen eine ganz bestimmte Angst, die Angst, wie die eigene Mutter zu werden. Diese Furcht hat einen Namen: Matrophobie. Sie kommt bei Söhnen wie bei Töchtern vor. Dabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, ob die eigene Mutter eine von den Guten war oder eben nicht. Viel eher geht es hierbei um Identität. Um das zu verstehen, muss man schon vor der Geburt beginnen.

Man muss sich das mal bildlich vorstellen, diese absoluteAbhängigkeit im Bauch der Mutter, die enge körperliche und dadurch auch emotionale Verbindung. Die Tonhöhe beim Lachen, die Vorliebe für klassische Musik oder Sushi: Das allessteckt nicht in den Genen. Es sind schlicht die ersten Eindrückeder Welt, die wir noch vor unserer Geburt aufnehmen –Eindrücke aus der Lebenswelt unserer Mütter. Dann kommen die ersten Jahre, auch die sind extrem prägend. Als Kind lernt man hauptsächlich von seinen Eltern, durch Vorbild. Gibt man Obdachlosen Geld? Wie reagiert man auf Stress? Wie oft wird das Bad geputzt? Von Mama saugen wir mit der Muttermilch auf, „wie Dinge gemacht werden“. Wir sind auf so besondere Art mit ihr verbunden, dass Psychologen von der „Urbindung“ sprechen.

Typisch „Ich“
So wichtig diese Bindung ist, so sehr sorgt sie später für Spannungen. Um ein eigenständiger Mensch zu werden, muss man sich aus dieser Symbiose lösen, angestoßen durch den Wunsch nach Einzigartigkeit. Ein Wunsch, der meistens in der Pubertät unsanft die Familienidylle durchrüttelt. Was Kindern noch gar nicht auffällt, macht Teenagern auf einmal Angst: „Ich bin ja wie meine Eltern!“ Bis jetzt hat man von ihnen gelernt und ist dabei gewachsen – aber plötzlich ist da der Wunsch nach einem eigenen „Ich“. Nach einem „Typisch Ich“, nach der Besonderheit meiner Selbst. Das geht nicht ohne Ablösung. In der Begegnung mit anderen, Spielkameraden und deren Eltern zum Beispiel, wird klar, dass man viel eher ein Produkt der Eltern als eine eigene Persönlichkeit ist. Da ist es erstmal egal, ob es gute oder schlechte Eigenschaften sind: Es sind die der Mutter, nicht die eigenen. Etwas rebelliert in uns.

Zweitens werden viele der Verhaltensweisen und Ansagen der Mutter mit Zurechtweisung, Erziehung und Pflichten gleichgesetzt. Man könnte auch sagen: „Das Mütterliche hat einen schlechten Ruf.“ Noch schnell mit dem Spuckefinger den Marmeladenfleck von der Backe gerieben, die Mahnung „Nimm dir deine Jacke mit“ und der Hinweis auf den nötigen Friseurbesuch – all das kommt in den meisten Fällen von der Mama. Je nachdem wie viele andere Facetten man an seiner Mutter noch wahrgenommen hat, verbindet man mit ihr fast ausschließlich diesen erzieherischen Meckeranteil. Kein Wunder, dass es nervt, Mama-Züge an sich zu entdecken: Wer will sich schon diese Erzieherrolle anziehen?

Je älter, desto ähnlicher?
Soweit die Entwicklungspsychologie. Warum aber bringt ein Satz wie „Du bist genau wie deine Mutter“ auch noch manch erwachsene Töchter und Söhne auf die Palme? Caro findet: „Je älter ich werde, desto öfter werde ich mit meiner Mutter verglichen!“ Und auch selbst fällt es ihr immer mehr auf, wie sie Redensarten, Lachen und Gewohnheiten von ihrer Mutter übernommen hat. Dass die Kommentare mit dem Alter zunehmen, heißt nicht, dass Caro täglich mehr und mehr wie ihre Mutter wird. Es heißt eher, dass sie dem Alter näher kommt, in dem andere ihre Mutter kennen oder einmal kennengelernt haben. Ein „Du-bist-wie-deine-Mutter“-Kommentar, der nicht negativ gemeint ist, geht dann trotzdem gegen den inneren Wunsch nach Fortschritt.

Wenn es außerdem gehäuft negative Dinge sind oder eigene positive Eigenschaften ausschließlich auf die Mutter zurückgeführt werden, kann das so oder so sehr nerven. Das weiß auch Sarah Biasini, die Zeit ihres Lebens versucht hat, sich irgendwie von dem Schatten ihrer Mutter Romy Schneider abzugrenzen. „Vor ein paar Jahren kam es sogar vor, dass ich die Frage, ob ich die Tochter von Romy Schneider sei, mit ‚Nein‘ beantwortet habe“, erzählte sie einer französischen Zeitung. Und Rebecka bekommt auf Familienfesten schon mal zu hören, dass sie ja äußerlich genau die gleichen Problemzonen wie ihre Mutter hätte. „ Irgendwie sind es oft die negativen Sachen, die anderen aufallen und klar kriegt man dann Schiss, dass sie stimmen könnten“, erzählt sie. Viele Mama-Ticks kommen auch erst mit den eigenen Kindern ans Tageslicht. Jessi erzählt, dass sie gerade wenn sie mit ihren eigenen Kindern spricht, ganz oft ihre eigene Mutter im Ohr hat. „Das ist manchmal schon ein beängstigendes Gefühl.“ An sich ist das ganz logisch: Wen haben wir am meisten bei der Kindererziehung beobachtet? Die eigene Mutter. Von ihr lernt man folglich, wie man Kinder erzieht.

Will ich mir die Macke leisten?
Wichtig ist herauszufinden, ob die Mama-Macken, die man an sich bemerkt, nur Mama-Macken oder wirkliche Problemesind. Das beginnt damit, sich zu fragen: „Welche Eigenschaften habe ich von meiner Mutter übernommen, was steckt überhaupt dahinter und wie sehr nerven sie mich wirklich?“ Etwas per se doof zu finden, weil man es von Mama hat, ist genauso blöd, wie sich auf einer Macke auszuruhen, „weil ich das nun mal geerbt habe“. Verständnis für die eigene Mutter und ihre Eigenheiten ist dabei auf jeden Fall wichtig, nicht nur, weil es manchmal auch dazu führt, eigene Verhaltensweisen besser zu verstehen.

Einige Stunden nach dem Wein-Blumen-Moment auf dem Balkon liegt eine der Schwestern im Bett und muss lächeln, als sie an ihre Mama mit den verrückten Wortspielen denkt, ihrer Liebe zum Garten, ihrem ständigen Summen, ihrer Ausstrahlung. Und dann holt sie ein Blatt Papier heraus und schreibt darauf: „Was ich von dir gelernt habe, Mama“ und sammelt all das Gute, was in ihrem Leben die Handschrift ihrer Mutter trägt. Die Liste wird das Muttertags-Geschenk.

Uta Rosa Ströbel grüßt hiermit ihre Mama, die Beste, von der sie sehr viel Gutes und Wertvolles gelernt hat. Und natürlich geht auch ein Herzensgruß raus an die Oma.

(Bildquelle: Isabela Pacini)

Why wait?

Wir sind gespannt auf eure Antworten in den Kommentaren!

(Quelle: thinkstockphotos.com)

Eine neue Schöpfung

„Gemeinde ist mehr als nur Sammelstelle für komplizierte Persönlichkeiten.“

 

Gemeinde. Dieses Wort ruft ambivalente Gefühle hervor. Es spuckt Bilder von guten Freunden, Gotteserfahrungen und ermutigenden Erlebnissen, aber auch Gedanken an verkrustete Strukturen, Engstirnigkeit und um sich greifende Langeweile aus. Und doch ist Gemeinde mehr als nur eine Sammelstelle für komplizierte Persönlichkeiten und Hort der Mittelmäßigkeit. Sie ist Träger einer großartigen Hoffnung. Sie gilt für alle Gemeinden, ob traditionelle Großkirchengemeinden, kämpferische Freikirchen, hippe Jugendkirchen, emergente Freelancer oder eigenbrötlerische Hauskirchen. Denn Gemeinde ist mehr als nur ein paar Leute, die das Gleiche glauben und zusammen kommen. Sie ist eine Konsequenz dessen, was Gott ist, fühlt und mit dieser Welt vorhat. Sie ist Teil des Planes Gottes, der sich in der Geschichte entfaltet. Gemeinde ist die Gemeinschaft der Leute, die von Gott zum wahren Leben erweckt werden!

Dafür müssen wir ein bisschen weiter vorne ansetzen. Wir machen eine kleine, rasante Rundreise durch die Storyline der Bibel. Gleich zu Beginn wird von einem einzigartig angelegten Garten erzählt, in dem Gott, der König, die Welt durch seine Verwalter, die Menschen, regiert. Sie haben einen Auftrag: Sie sollen seine Herrlichkeit und Schönheit in die Welt tragen. Von Anfang an sind diese zwei Kickstarter von Gott auf Gemeinschaft angelegt. Alles scheint perfekt, doch dann ist da diese Frucht. Die Menschen wollen ihr eigener Herr sein, das Böse infiltriert die Welt und bringt den Tod. Beziehungen zerbrechen, Gemeinschaften lösen sich auf. Gott hat keine Schönheitsträger mehr und die Welt ist voll von Hass und Leid statt voller Herrlichkeit. Das Projekt droht zu scheitern, gleich nachdem es begonnen hat.

Doch so leicht gibt Gott nicht auf. Er wählt sich einzelne Personen und schließlich ein Volk, um sein Projekt auf die richtige Bahn zu bringen. Diese ausgewählten Menschen sollen die Keimzelle sein, in der Gottes gute Regierung Wirklichkeit wird und sich von da aus in alle Welt ausbreitet (1. Mose 12,2). Wenn schon seine Herrlichkeit nicht die ganze Welt durchflutet, dann soll sie wenigstens an einem festen Ort, im Tempel, zu finden sein. Hier soll Leben so gelebt werden, wie es gemeint war: Harmonisch, in Beziehungen, die heilen und Gott verherrlichen.

Doch das Böse macht auch keinen Halt vor diesen Auserwählten. Sie scheitern, das Volk Israel muss ins Exil. Gott fühlt sich so, als sei seine Braut, die er aufopfernd liebt, fremdgegangen (siehe Hosea und Hesekiel 16). Aber auch nachdem das Volk aus dem Exil zurückgekehrt ist, regiert nicht Gott in Israel, sondern fremde Völker. Die ganze Zeit aber schlummert diese Hoffnung im Volk, dass Gott sein Projekt noch nicht aufgegeben hat. Dass er sie ein für allemal aus dem Exil und von den Feinden befreit und sein Volk wiederherstellt. Wenn das passiert, wenn Gott wieder König wird und über die Menschen regiert, sodass sie zu seinen Schönheitsträgern werden, dann – so hoffte man sehnsüchtig – werden nicht nur die Römer aus dem

Land vertrieben, sondern der wahre Feind, der Tod, könnte keine Macht mehr haben. Diese „Rückkehr des Königs“ würde die Welt so erschüttern, dass die, die immer treu zu ihm gehalten haben, auferstehen werden. Damit würde die Story wieder neu von vorne aufgerollt: eine neue Schöpfung durch Gottes Geist. Malerische Bilder wie ein Feld voller toter Knochen, das zum Leben erweckt wird (Hesekiel 37), erzählen von dieser Hoffnung: Der Geist Gottes belebt und erfüllt seine Kinder (Joel 3,1-2). Manchmal wird diese Hoffnung auch in einer Person gebündelt, einem neuen König, einem Auserwählten Gottes, der stellvertretend für sein Volk und die Menschen all das bewirken würde – der Gesalbte, der Messias bzw. Christus.

Als dann Jesus von Nazareth auftritt, stellt er sich durch seine Worte und Taten als derjenige dar, der diese Hoffnung in Realität verwandelt: „Der Geist des Herrn hat von mir Besitz ergriffen, weil der Herr mich gesalbt und bevollmächtigt hat. Er hat mich gesandt, den Armen gute Nachricht zu bringen, den Gefangenen zu verkünden, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen werden. Den Misshandelten soll ich die Freiheit bringen, und das Jahr ausrufen, in dem der Herr sich seinem Volk gnädig zuwendet.“ (Lukas 4,18-19).

Eine neue Menschheit
Diese lange Vorgeschichte weitet unseren Blick für das, was Gemeinde eigentlich ist. Ein buntes Prisma an Bildern öffnet sich, von dem die neutestamentlichen Autoren vielfältigen Gebrauch machen: eine neue Menschheit, eine neue Schöpfung, der Leib des Messias, der Tempel, die Geliebte Gottes.
Denn mit Jesus sollte die Story nicht enden. Er ist nur der erste des erneuerten Gottesvolkes (Kolosser 1,18). Mit ihm wird das Projekt neu gestartet. Durch ihn und in ihm soll das Volk Gottes wiederhergestellt werden (Titus 2,14): „Ihr aber seid das erwählte Volk, das Haus des Königs, die Priesterschaft, das heilige Volk, das Gott selbst gehört. Er hat euch aus der Dunkelheit in sein wunderbares Licht gerufen, damit ihr seine machtvollen Taten verkündet.“ (1. Petrus 2,9) Die Juden und überhaupt alle Menschen finden wieder zu ihrer wahren Bestimmung, sie werden wieder zu Schönheitsträgern verwandelt und bringen Gottes Herrlichkeit in die ganze Welt und zu allen Menschen. Sie erstehen zum wahren Leben auf. Jetzt schon symbolisch und in der Zukunft ganz leibhaftig.

Eine neue Schöpfung
In 2. Korinther 5,17 drückt Paulus das sinngemäß so aus: „Wenn jemand im Messias ist; ist er eine NEUE SCHÖPFUNG!“ Es entsteht etwas ganz Neues. Nicht nur dieser Mensch ist neu, sondern auch um ihn herum und in seinen Beziehungen lässt Gott neues Leben aufblühen. Die Gemeinde überhaupt ist ein Zeichen davon. Die neue Menschheit ist geprägt von Versöhnung (Epheser 2,15): Gott macht aus verfeindeten Gruppen, Juden und Heiden, eine neue Einheit. Er reißt die Mauern, die wir so oft zwischen „uns“ und „den anderen“ aufbauen, nieder! In der neuen Messiasfamilie, in der alle Söhne und Töchter Gottes sind, werden Fremde und mir so ganz und gar nicht Seelenverwandte zu Brüdern und Schwestern, wie die häufige Anrede von Paulus belegt; mit allen Schwierigkeiten, die sich in einer Familie so auftun.

Der Leib
Diese neue Gemeinschaft wird durch den Geist Gottes möglich, der durch Jesus in die Herzen der Menschen ausgegossen wird (Apostelgeschichte 2,17+33). Sie sind dadurch eng mit ihm verbunden, sind sein Leib (1. Korinther 12). Das ist eine Erkenntnis aus dem Abendmahl (1. Korinther 10,16-17) und aus Paulus Erfahrung auf dem Weg nach Damaskus. Der auferstandene Jesus begegnet ihm und fragt: „Warum verfolgst du MICH?“ Dabei hatte Paulus doch die Nachfolger Jesu verfolgt. So eng war die Verbindung, dass Paulus sie als organische Einheit beschrieb. Darum passt das etwas unbequem und alt anmutende Wort „Leib“ auch viel besser, um diese Beziehung zu beschreiben, denn es bezeichnet immer nur etwas Lebendiges. „Körper“ bezeichnet oft auch statische und kalte Objekte, z.B. in der Mathematik. Ganz offensichtlich geht es auch nicht um Einzelne, die lose zu einer Gruppe gehören, sondern um eine Gruppe, die aufeinander bezogen ist, in der der Einzelne seinen Nächsten braucht. Wenn jemand zu Jesus gehört, dann kann er oder sie das nie alleine. Denn wenn jemand zum Messias Jesus gehört (das Neue Testament benutzt meistens die Worte „IN Christus/ IM Messias“), dann ist er sofort eingebunden in diesen Leib.

Die Baustelle
Dabei besteht diese Gemeinschaft immer noch aus ganz normalen Menschen, die auch zerbrochen, verletzlich und verletzend sind. In sich selbst und zu ihren Mitmenschen. Die Gemeinde ist eine große Baustelle. Zum Glück ist Jesus schon der Grundstein und der Baumeister. Durch ihn wird sie zu dem Haus erbaut, in dem Gott selbst wohnen will. In aller Unvollkommenheit wohnt der Geist Gottes in diesen porösen Mauern: „Denn ihr seid ja in den Bau eingefügt, dessen Fundament die Apostel und Propheten bilden, und der Eckstein im Fundament ist Jesus Christus. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten, durch ihn, den Herrn, wächst er auf zu einem heiligen Tempel. Weil ihr zu Christus gehört, seid auch ihr als Bausteine in diesen Tempel eingefügt, in dem Gott durch seinen Geist wohnt.“ (Epheser 2,20-22) Menschen werden zur Wohnung Gottes, zu einem heiligen Ort.

Die Braut
Trotz ihrer Fehler: Jesus liebt die Gemeinde. Sie ist die Braut, die sich wieder auf dem Weg zurück zu ihrem Bräutigam, dem Epheser 5 über die Ehe redet und wie Frau und Mann miteinander umgehen sollen, da scheint es ihn plötzlich zu packen. Er wendet sich kurz ab von seinem roten Faden, weil er so begeistert ist von der Liebe Jesu: „Ihr Männer, liebt eure Frauen so, wie Christus die Gemeinde geliebt hat! Er hat sein Leben für sie gegeben … Denn er wollte sie als seine Braut in makelloser Schönheit vor sich stellen, ohne Flecken und Falten oder einen anderen Fehler, heilig und vollkommen. Ihr kennt das Wort: »Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter, um mit seiner Frau zu leben. Die zwei sind dann eins, mit Leib und Seele.« In diesem Wort liegt ein tiefes Geheimnis. Ich beziehe die Aussage auf Christus und die Gemeinde.“ (Epheser 5,25-32) Jesus verlässt seine Herrlichkeit, um die verlorene Menschheit zu suchen und zu gewinnen, so sehr liebt er sie. So sehr liebt er diesen trägen Haufen, die konservativen Spießer, die anstrengenden Erneuerer, die Gemeindehopper und alle anderen. Vielleicht können wir langsam lernen, uns selbst zu lieben, auch als Gemeinschaft.

Die Sendung
Der Kern der Identität von Gemeinde als neue Menschheit ist – wie schon am Anfang der Welt –, die Erde mit Gottes Herrlichkeit und Schönheit zu füllen. Als Leib des Messias soll sie seinen Auftrag weiterführen. Deshalb kann nur da Gemeinde sein, wo auch Mission ist, wo Menschen in Gemeinschaft diesen Auftrag wahrnehmen und sich zu den Menschen senden lassen! Jesus benutzt die Bilder von Salz und Licht, um die Identität seiner Nachfolger zu beschreiben. Salz erfüllt nur seinen Zweck, wenn es sich zerstreut und etwas anderes als sich selbst salzt. Mit dem Licht verhält es sich ebenso. Gemeinde ist nie Selbstzweck, sonst verliert sie ihre Identität als Gemeinde. Eigentlich müsste der Großteil der Energie unserer Gemeinden nicht in Selbsterhaltung, sondern nach außen fließen!
Konkret bedeutet das: Für die Schwachen der Gesellschaft einstehen (Jakobus 1,27), seine Feinde lieben (Lukas 6,35), gastfreundlich sein (Römer 12,13), Frieden und Vergebung in die Welt tragen (Johannes 20,21-23), Menschen mit Gottes Versöhnungshandeln in Kontakt bringen (2. Korinther 5,20). Auch die Treffen einer Gemeinde sind dann zuallererst nicht zur Anbetung und zum frommen Wohlfühlen gedacht, sondern zum „Bauen“. Wir bauen das Haus Gottes, wir kitten Bruchstellen und ermutigen uns gegenseitig, damit alle in ihrem Alltag Gott dienen und ihn anbeten können (Römer 12).
Als Gemeinschaft der Messiasnachfolger sind wir berufen, ein Leben voller Schönheit, Weisheit und Liebe zu führen. Wir sind auferweckt zum wahren Leben, mitten hinein in die Aufs und Abs dieser Welt, um die Welt durch Liebe, Dienen und Gerechtigkeit zu revolutionieren. Das ist mal mehr als nur ein paar Leute, die das Gleiche glauben

Moritz Brockhaus ist in das ganz große Bild eingetaucht – um Gemeinde nicht kleiner zu machen, als sie ist.

(Bildquelle: Tami Doikas)

Wasserhahn marsch!

Soulbottles sind nicht nur ethisch korrekter als Plastikflaschen, sondern auch cooler, günstiger und gesünder. Damit erspart Firmengründer Paul Kupfer seinen Kunden die Nachhaltigkeitskeule.

Das „Ende aller Wegwerfbeziehungen“ beginnt im dritten Hinterhof eines Backsteinfabrik-Geländes irgendwo in Berlin- Kreuzberg. In der Luft liegt eine zarte Marihuana-Note, die zahllosen kreativen, diskutierfreudigen und ökologischen Start-ups versprühen Weltveränderer-Atmosphäre. Ich frage mich durch die vollgestellten Flure und Großraumbüros, Sitzecken und kleinen Bürofeiern, bis ich ihn gefunden habe: Paul Kupfer, 25, super gelaunt, die Wollmütze lässig in die Stirn gezogen. Vor gut drei Jahren hat er mit seinem Freund Georg Tarne das vielbeachtete Start-up-Unternehmen „soulbottles“ gegründet.
Ihm macht sichtlich Spaß, was er tut. Auch wenn es unterm Strich nicht viel mehr ist als „nur Flaschen verkaufen“, wie er belustigt sagt. Überhaupt lacht er viel und nimmt sich selbst erfrischend wenig ernst, als er mir die Erfolgsgeschichte von „soulbottles“ erzählt. Von der ersten Produktion mit 10.000 Flaschen sind in knapp drei Monaten schon die Hälfte verkauft worden. Das Produkt hat einen Nerv getroffen – und verändert ganz nebenbei die Welt.

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(Bildquelle: www.soulbottles.com)

Wo bist du? Einsamkeit – Ein Gruppenphänomen

Durchschnittlich fühlen wir uns 48 Tage im Jahr einsam. Entsprechend selten ist Theresa mit dem Gefühl allein.

Sonntagnachmittag. Der Geruch von Espresso in der Luft, Klirren von Geschirr und Wortfetzen von der sich unterhaltenden Masse. Ich sitze auf einem gemütlichen Sessel in der Ecke meines Lieblingscafés und beobachte das Geschehen von Weitem, wenn ich nicht gerade in mein Buch vertieft bin. „Du gehst alleine ins Café? Kommst du dir da nicht komisch vor?“, fragte mich kürzlich eine Bekannte. Keineswegs! Das ist fester Bestandteil meiner Woche und das Sahnehäubchen des Sonntags. Ich genieße die Atmosphäre und das Alleinsein. Mit niemandem reden müssen (besonders angenehm nach einer Acht-Stunden- Schicht im Callcenter).

Ein Alleinsein, das gut tut und mir gefällt. Anders sind diese Abende, an denen man alleine ist und es eigentlich gar nicht sein will. Gefühlte fünf von sieben Abenden der Woche sind schon gefüllt mit Aktivitäten: Sport, Kleingruppe, Kochabend in der WG, Kino oder Gottesdienst.

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(Bildquelle: Rebecca Insam)

Schnitt in die Seele

Genitalverstümmelung verletzt Menschenrechte. Trotzdem ist die Praxis in Sierra Leone, wo neun von zehn Frauen beschnitten sind, ein Handwerksberuf. Rugiatu Turay hätte eine von ihnen werden sollen, Doch sie entschied sich gegen die Tradition. Ihr Kampf gegen die Beschneidungspraxis ist vor allem ein Kampf gegen das Schweigen.

Rugiatu Turay trägt ein weiß-rotes Kleid. Wie so oft. Es sind nicht ihre Lieblingsfarben: Es ist eine Provokation, ihr Protest gegen eine mächtige Bevölkerungsgruppe. Weiß und rot sind die traditionellen Farben der Beschneiderinnen in dem kleinen westafrikanischen Staat Sierra Leone. Jeder weiß das, jeder erkennt sie daran, jeder achtet sie. In einem Land, in dem Männer den Ton angeben, genießen die Beschneiderinnen hohe gesellschaftliche Anerkennung. Obwohl sie bekannt sind, wissen angeblich viele, vor allem die Männer, nicht, was diese Frauen eigentlich machen. Und die, die es wissen, reden nicht darüber. Rugiatu Turay weiß es. Und sie redet darüber. Bei jeder Gelegenheit.

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„Mein Gott ist ein Gott des Alltags.“ – Singer-Songwriter Dennis Maassen im Interview

Christ ist Dennis Maassen erst seit einigen Jahren und doch wirbelt der 24-jährige Singer-Songwriter seit seinem Debütalbum „Maasslos geliebt“ die christliche Musikszene auf. Wie es war, als Katholik auf einmal die freikirchliche Szene kennenzulernen, wie er Studium und Musik unter einen Hut bekommt und worum es auf seinem neuen Album geht, verrät er im Interview.

Dennis, Zeit für eine kurze Selbstvorstellung: Wer bist du und was machst du so?

Ich bin ein 24-jähriger gebürtiger Viersener, der jetzt in Wuppertal lebt, auf Lehramt studiert, irgendwann eher zufällig ein Demo beim Hänssler-Musikchef eingereicht hat und seitdem versucht, so viel Musik zu machen wie möglich.

Warum lohnt es sich, noch einem Singer-Songw riter eine Chance zu geben und mal in deine Songs reinzuhören?

Weil ich glaube, dass Gott mich nicht umsonst in verschiedene Situationen schickt. Ich habe viele Sachen durchlebt oder beobachtet und in den Liedern verarbeitet. Ich glaube, dass Gott diese Sachen dazu benutzt, um anderen Menschen Hilfestellung zu geben.

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Worte haben Macht!

„Vielleicht ist es für andere nicht einmal begreiflich, warum uns ein Wort so sehr berührt hat, warum uns ein bestimmter Satz noch Jahrelang verfolgt.“

„Das Wort, das mich meint“ ist mehr als ein Satz, gesagt zum richtigen Zeitpunkt. Es ist eine Offenbarung. Ein Seelenöffner. Ein Weltveränderer.

„Sie müssen sein Verhalten nicht entschuldigen – er hat Sie enttäuscht und Ihnen nicht gegeben, was Ihnen zustand. Es ist in Ordnung, das einfach mal so auszusprechen und dann auch stehenzulassen.“ Ich sitze da wie vom Donner gerührt. Ja, sie hat recht. Sie hat einfach recht. Auf seltsame Weise fühle ich mich erleichtert und befreit.

Kann plötzlich aufhören, nach Rechtfertigungen für die Fehler anderer Menschen zu suchen und endlich die Gefühle zulassen, die sie bei mir ausgelöst haben. Es war das richtige Wort zur richtigen Zeit. Über sechs Jahre ist das jetzt her – dieses Gespräch mit meiner damaligen Seelsorgerin. Über sechs Jahre, und noch immer wirken die Worte in mir nach. In manchen Situationen, wenn ich wieder drauf und dran bin, Ausflüchte für andere zu erfinden, rufe ich mir diese beiden Sätze ins Gedächtnis – und sie sind immer noch genauso gültig und befreiend wie damals. Es sind für mich „wahre Worte“, wie man sie nicht so oft im Leben zu hören kriegt. Denn damit aus Worten „wahre Worte“ werden, müssen einige Faktoren zusammenkommen: der richtige Zeitpunkt, der richtige Ort und die Bereitschaft, diese Worte auch anzunehmen. Wenn all das stimmt, wenn uns tatsächlich einmal jemand ein solches Wort zuspricht, dann ist das ein ganz besonderer Moment, der sich ins Gedächtnis einbrennt. Und hilft. Oft ein Leben lang.

Das Sehnen nach Worten
Tief in meinem Inneren sehne ich mich aber nicht nur danach, solche Worte zu hören. Ich will sie auch aussprechen. Es muss ja nicht gleich die ganz große Erleuchtung sein – fürs erste würde mir reichen, jemandem einen kleinen Lichtblick zu geben. Der evangelische Theologe Jörg Zink spricht in seinem Buch „Die goldene Schnur. Anleitung zu einem inneren Weg“ davon, selbst zum Wort zu werden. „Ein Wort sein, das kann so aussehen, dass ein Mensch durch dich und das, was du ihm sagst, ermutigt wird, dass er Trost findet, dass er ein Stück Freiheit findet, dass er in der nächsten Stunde seinen Schritt mit mehr Vertrauen setzt.“

Ermutigen, trösten, befreien – das klingt schön. Erstrebenswert. Und überfordernd zugleich. Denn die Frage, die daraus folgt, lautet doch: Wie bekomme ich das hin? Wie kann ich selbst zum Wort werden? Eine Psychologin, die muss so was ja können. Ein Pfarrer vielleicht auch. Aber ich? Ich kann das nicht so einfach. Jemanden tatsächlich auf diese Art in seinem Inneren zu berühren, dafür bin ich nicht weise genug. Dafür fehlt mir die Lebenserfahrung. Und eine Seelsorge- Ausbildung habe ich auch noch nicht hinter mir.

Reden, was gut ist
Das hatten die Leute in Ephesus, an die Paulus schrieb, allerdings auch nicht. Und trotzdem steht im Epheserbrief ein Satz wie der Folgende: „Redet, was gut ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“ (Epheser 4,9) Punkt. Ohne Wenn und Aber. Ohne große Erklärungen. Kein „Das kann möglicherweise schwierig sein“, sondern ein „Tu es einfach“. Allerdings: Die Frage nach dem Wie bleibt trotzdem. Doch auch hierfür hat die Bibel den wohl entscheidenden Hinweis parat. Wie das Vorhaben „Wort werden“ gelingen kann, verrät der Jakobusbrief: „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“ (Jakobus 1,19) Ein einfacher Vers. Einfach und unmissverständlich. Auf der Suche nach den „wahren Worten“ schlägt er einen Wechsel der Blickrichtung vor. Er schlägt vor, den Fokus neu zu setzen, eine andere Perspektive einzunehmen. Eine Idee, die alles verändern kann. Denn tatsächlich geht es wohl nicht darum, was ich zu sagen habe. Um meine Weisheit. Um meine Worte. Beim „Wort werden“ geht es Jakobus zufolge wohl eigentlich gar nicht um die Worte an sich. Das Reden kommt erst an zweiter Stelle. Auf der Suche nach den „wahren Worten“ geht es vielmehr darum zu hören. Zuzuhören. Sich tatsächlich auf den anderen einzulassen und ein Gespür dafür zu entwickeln, was er eigentlich braucht. Vielleicht kann derjenige das selbst nicht artikulieren. Vielleicht ist er sich seiner Wünsche, Sehnsüchte, Bedürfnisse auch gar nicht bewusst. Wenn wir ihm aber tatsächlich zuhören und anfangen, zwischen den Zeilen zu lesen, dann kann es uns gelingen, „wahre Worte“ zu sprechen, die etwas in Bewegung setzen.

Worte, die bleiben
Schnell sind wir oft mit wohlmeinenden Ratschlägen bei der Hand. Oder sind bestrebt, dem anderen zu zeigen, wie messerscharf wir seine Situation analysieren können. In solchen Momenten reden wir nur von uns selbst und streicheln unter dem Deckmantel „offenes Ohr“ ein wenig unsere Egos. Worte – in diesem Geist gesprochen – sind selten belebend, sondern meist hohl. So intelligent sie auch klingen mögen. Wer Worte sprechen möchte, die bleiben, sollte sich dem Anderen stattdessen also ganz zuwenden. Erst dann können Worte entstehen, die tatsächlich in das Herz des anderen finden. Jörg Zink beschreibt die Empfindung eines Menschen, dem ein anderer zum Wort geworden ist, folgendermaßen: „Er ist – für mich – das Wort, das mich meint.“ Mich, nur mich und niemanden sonst. Vielleicht ist es für andere nicht einmal begreiflich, warum uns ein Wort so sehr berührt hat, warum uns ein bestimmter Satz noch jahrelang verfolgt. Aber das, was zählt, ist, dass er für mich wichtig ist; ich brauche dieses „Wort, das mich meint“ niemandem zu erklären.

Wort werden
Selbstverständlich benötigt das schnelle Hören und langsame Reden Übung. Manchen fällt es leichter, andere haben damit größere Schwierigkeiten. Manche können von Natur aus ihre Mitmenschen einschätzen, für andere bleiben diese auch nach Jahren ein Buch mit sieben Siegeln. Und zudem erscheint in einer Welt voller Selbstdarsteller das Reden dann häufig doch angebrachter zu sein als das Hören. Ein Trugschluss. Letztlich lohnt sich der Versuch, Wort zu werden, weil er Wege ins Leben eröffnet. Manchmal ahnen wir nicht, was wir mit unserem Dasein, unseren Worten und unseren Taten in einem Menschen bewirken. Aber auf uns kommt es dabei ja schließlich auch gar nicht an. Ob meine Seelsorgerin weiß, wie sehr sie mir damals mit ihren Sätzen weitergeholfen hat? Ich habe es ihr nie gesagt. Aber ihre Worte helfen noch heute dabei, mein Leben zu gestalten.

Wiebke Harle wäre lieber häufiger Wort als sonderlich wortreich.

Oben unten links rechts – Vom Sinn christlicher Rituale

Schon wieder ist ein bedeutender Fußballer gestorben. Schon wieder tragen alle Spieler Trauerflor. Schon wieder gibt es vor dem Anpfiff eine Schweigeminute, die weder im Schweigen noch in der Länge ihrem Namen gerecht wird. Schon wieder ein paar rührselige Worte des Fernsehkommentators. Und bevor es losgeht, bekreuzigt sich ein Drittel der Spieler.

Ich weiß, das klingt zynisch. Ein bisschen ist es das vielleicht auch. Aber solche Gesten wirken doch mittlerweile hohl, perfekt eintrainiert wie jeder Doppelpass und sinnentleert. Nur ein Ritual. Pure Konvention. Handlungen, die keine echte Bedeutung für die Beteiligten haben. Oder die Bedeutung liegt fast ausschließlich im Ritual selbst, das irgendwie durchgeführt werden muss, auch wenn der Sinn verloren gegangen ist.

Wie bei einem Heiratsantrag, der eigentlich gar nicht mehr stattfinden müsste, weil schon vorher die Entscheidung gemeinsam getroffen wurde und die Hochzeit schon halb geplant ist. Trotzdem will sie erleben, wie er sich vor ihr hinkniet und Ringe dabeihat. Und wie schaut’s aus mit spirituellen Ritualen, wie z.B. dem gemeinsamen Gebet des Vaterunsers oder einen auswendig gelerntes Tischgebet? Werden da nicht auch meist einfach nur fremde Worte heruntergeplappert, die wenig davon ausdrücken, was man in diesem Moment denkt oder fühlt? Rituale – das sind besondere Formen unseres menschlichen Daseins. Sie haben einen geregelten und vorbestimmten Ablauf. Gestaltete Worte, Gesten und Handlungen, die wiederholbar und oft gemeinschaftlich sind und symbolisch etwas vermitteln wollen.

Ein heiliger Verdacht

Grundsätzlich sind Rituale in der evangelischen Theologie immer schon etwas verdächtig gewesen. Die Reformation kritisierte die lateinischen Messen, die für das Volk unverständlich waren, und den Ablasshandel, an dem Luther bezeichnenderweise nicht vorrangig die Ausbeutung der Gläubigen kritisierte, sondern dass dem Gläubigen fälschlicherweise Sündenvergebung als Gegenwert für eine einfache Geldzahlung garantiert wurde. Die Reformatoren sahen darin bloß äußere Handlungen, bei denen der Sinn auf der Strecke blieb. Wichtig wurde dann in der weiteren Entwicklung ausschließlich die innere Hinwendung und Hingabe an Gott. Äußerlichkeiten und sichtbare Handlungen wurden immer fragwürdiger. Alles in allem keine schlechte Entwicklung.

Wir beten Gott im Geist und in der Wahrheit an. Großspurige Worten sind da nicht nötig (vgl. Matthäus 6,5ff.). Schon die Propheten im Alten Testament verachteten die Opfer und Riten, die ohne die richtige Herzenshaltung und Ethik ausgeführt werden (vgl. Jesaja 1,13-17, Amos 5,21-24). Überhaupt wurde das ganze Opfersystem durch Jesu Tod ja für beendet erklärt. Gott lässt sich nicht durch bestimmte Handlungen, Beschwörungen oder Formeln manipulieren. Rituale haben nicht allein in ihrem äußerlichen Vollzug irgendeine übernatürliche Macht. Ich muss nicht bestimmte Worte sprechen, damit mein Gebet bei Gott landet und wirksam ist. Gott sieht unser Herz an (1. Samuel 16,7).

Ein Platz zwischen allen Stühlen – Das „Freedom Theatre Jenin“ in Palästina

„Keiner ist diesem Projekt beigetreten um zu heilen“, sagt Juliano Mer-Khamis, der jüdische Gründer des Freedom Theatre Jenin. „Wir sind keine Heiler. Wir sind keine guten Christen. Wir sind Friedenskämpfer.“ Fünf Jahre später ist er tot. Weil der Kampf gegen die Extreme kaum zu gewinnen ist.

Friedensgespräche sind im Idealfall Anlass zur Hoffnung. Nicht so in Jenin. Niemand hier glaubt an die neu aufgenommenen Friedensgespräche zwischen den israelischen und palästinensischen Verhandlungsführern. Zu brisant ist die Situation in Brennpunkten wie der 35.000 Einwohner großen Stadt im von Israel besetzen Westjordanland. Jenin gilt als Terroristenhochburg und ist deswegen immer wieder den Kontrollen des israelischen Militärs ausgesetzt. Während also tagsüber die Friedensverhandlungen laufen, marschieren nachts israelische Soldaten durch das Flüchtlingslager. Doch die israelische Armee findet nicht nur Terroristen bei ihren Razzien. Monat für Monat werden unschuldige Menschen verletzt, in Gefängnisse gebracht und sogar getötet.

Wiederaufstehen Ein ehemaliger Führer der Al-Aqsa-Brigaden und der jüdische Künstler und Aktivist Juliano Mer-Khamis haben einen Traum. Sie wollen ein Theater aufbauen, in dem Kinder, junge Erwachsene und Frauen einen Platz außerhalb der zerrütteten Gesellschaft finden. Der Gedanke ist naheliegend: Julianos Mutter Arna baute viele Jahre zuvor das „Stone Theatre“. Schon seit 1987 versuchte sie mit dem Projekt, Kinder von der Straße zu holen und ihnen eine Alternative zu bieten: Theater spielen statt Steine werfen! Doch das Theater scheitert zu Beginn des Jahrtausends an der Zweiten Intifada, dem gewalttätigen Volksaufstand der Palästinenser gegen die jahrelange Besatzung. Trotzdem dauert es nur vier Jahre, bis Juliano die Idee seiner Mutter erneut aufgreift.

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Uli Eggers: „Wir brauchen Wahrheits- Revolutionäre!“

Kaum ein Wort wird so oft falsch ausgesprochen wie „Authentizität“. Zufall? Oder interessiert uns Wahrhaftigkeit weniger als wir behaupten? Wir fragten bei Ulrich Eggers nach, Autor des Buches „Ehrlich glauben“ und Verlagsleiter des SCM Bundes-Verlags in Witten, in dem auch DRAN NEXT erscheint. Gewissensbisse? Überhaupt nicht.

Uli – mal ehrlich: Welchen Herrn Eggers sehen wir denn jetzt? Den Verlagsleiter, den Buchautor oder den Lebensgemeinschafts-Uli? Oder hätten die alle dasselbe Buch geschrieben?

Das ist untrennbar verwoben und lebt ja gerade voneinander. Als Verlagsleiter   kenne ich die christliche Szene gut und habe viel Einblick – auch in schwierige und unheile Strukturen. Und als jemand, der in einer Lebensgemeinschaft dabei ist, mache ich intensive Erfahrungen mit den anderen und mir selbst – da schaut man sehr schnell hinter die Kulissen von Menschen, gerade auch hinter fromme Kulissen. Wir wollten alles anders und besser machen als „WegGemeinschaft“ – und haben sicher auch manches bewegt. Aber zur ehrlichen Analyse gehört: Alles, was bei anderen Menschen oder Gemeinden ein Problem ist, steckt auch in mir selbst drin und muss bearbeitet werden – oder wird ignoriert. Und wenn es ignoriert wird, führt es dann zum Doppelleben und Lügen …

Dein Buch fragt nach dem Wert der Wahrheit. Du kommst zu dem Ergebnis: „Es gibt keine guten Gründe für Unwahrheit.“ Ab er es scheint sich doch zu lohnen, hier und da nicht völlig ehrlich zu sein …

Das lohnt sich überall – in der Gesellschaft genauso wie in Vereinen, Parteien oder christlichen Gemeinden. Und es wird überall „eigentlich“ abgelehnt und schlecht gefunden. Aber oft ist es nützlich, weil man den Betrieb so nicht stört und sich selbst schützt. Man baut eine Biotop-gerechte Fassade auf und schwimmt mit dem Strom, unterdrückt seine Fragen und Zweifel und macht mit. Man predigt den offiziellen Kurs – der Firma, der Partei, des Vereins, der Gemeinde – und denkt sich seinen Teil oder merkt vielleicht, dass man das manchmal selbst nicht glaubt oder lebt. Aber wir haben den Eindruck: besser nichts sagen, sonst schade ich mir. In Wirklichkeit ist das großer Müll, weil es einen kaputt macht und auch die Systeme verschleißt. Kein Wunder, dass die Leute heute so Partei-, Vereins- oder Gemeinde-müde sind. Man hat den Eindruck, da nicht auf echtes, ehrliches Menschsein zu stoßen. Nur wer ehrlich ist, merkt, dass das alles auch in einem selbst steckt. Dieser Wunsch nach Anpassung, die Angst, die Versuchung, mit Lügen einen billigen Weg zu gehen.

Grundsätzlich ist Aufrichtigkeit doch ein allgemein akzeptierter Wert. Warum hast du gerade jetzt das Bedürfnis, dem Wert auf die Beine zu helfen?

Weil ich überall sehe, wie viel Zerstörung ein unaufrichtiger Lebensstil anrichtet. Bei anderen – uns Christen geht die Glaubwürdigkeit und Autorität verloren – und bei uns selbst: Wir leben ein Doppelleben und pflegen fromme Fassaden (oder andere – je nachdem, wo wir gerade sind …). Aber das ist eine Form von Unfreiheit, die sich immer rächt und die einen hohen Preis verlangt. Kurzfristig meint man, mit Lügen besser zu fahren – langfristig zerstören sie mein Leben. Die Bibel ist da eben sehr realistisch und weise, wenn sie uns zur Aufrichtigkeit einlädt: „Deine Rede sei Ja, Ja – Nein, Nein.“

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Bitterarm – aber wunschlos glücklich?!

Noch immer bietet der Inselstaat ein Bild der Verwüstung – trotz der Milliardenhilfen aus dem Westen und dem Einsatz der Hilfsorganisationen. Cathleen Kötzing ist zum Anpacken hingefahren.

 

Ich sitze auf der vergitterten Ladefläche des Hilfstransporters, der sich mühsam durch die Straßen von Port-au-Prince quält. Noch immer sieht man in der Hauptstadt Haitis die Spuren des verheerenden Erdbebens, das im Januar 2010 die Uhren auf Null stellte. Um mich herum überall Müll, Lärm und Gestank. Und noch mehr Lärm. Unser Fahrer manövriert uns gekonnt durch die verstopften Straßen, vorbei an heruntergekommenen Zeltstädten, eingestürzten Gebäuden, die noch bewohnt und genutzt werden und einer Müllhalde. Im Vorbeifahren erkenne ich, dass die vermeintlich gut sortierte Müllhalde in Wirklichkeit ein Markt ist.

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Liebe mit Bedingungen

DEN CHRISTENFREUND LIEBEN, DAS KANN JEDER.

WIE SIEHT’S MIT DEM NÄCHSTEN AUS, DER EINFACH NICHT GLAUBEN WILL?

KAI HEUBERGER PLÄDIERT FÜR LIEBE UNABHÄNGIG VOM TAUFSCHEIN.

Mein Mitbewohner ist eigentlich ein ganz cooler Typ. Nach drei Jahren, in denen ich nun schon mit ihm in einer WG wohne, kann ich das wirklich sagen. Er ist ordentlich, schließt nach getaner Arbeit stets den Klodeckel, hinterlässt keine Zahnpastareste im Waschbecken und lässt vor allem nichts im Kühlschrank vergammeln. Musikalisch sind wir zwar nicht immer ganz auf einer Wellenlänge, aber wir kommen trotzdem ganz gut miteinander klar. Wenn ich es mir recht überlege, kommen wir sogar ziemlich gut miteinander aus. Wir stehen gerade gemeinsam die Examenszeit durch, lernen gemeinsam, kochen zusammen, reden über Ernstes und Blödsinn, schauen Fußball, trinken Bier und gehen feiern. Soweit wäre alles schön und wunderbar, wenn es da nicht dieses klitzekleine Problem gäbe: Er ist kein Christ.

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Unidurchhalten

War sie nicht schön, die vorlesungsfreie Zeit? Und jetzt der Bammel vor dem

nächsten Semester. Wer mal ein Studium zu Ende gebracht hat,

weiSS : Konditionelle Schwächen sind völlig normal. Haltet durch!

Achtung. Nur weiterlesen, wenn du im Bezug auf die Uni schon mal dachtest: Wie soll ich das durchhalten? Das hier ist nichts für diejenigen, die ihr Studium lieben, die von Wissenschaft nicht genug bekommen können, die genau das Richtige studieren und denen das Studium viel zu schnell vorbeigeht. Das hier ist für die anderen, für Menschen wie mich, die sich manchmal ein bisschen schwer tun und nur zeitweilig denken „Mein Studium geht viel zu schnell vorbei“ für alle, die meistens denken „Mein Studium wird nie enden“.

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Aufstehen!

Wir empören uns gerne und tun dann nichts – aber Protest ist eine Möglichkeit, unsere Gesellschaft zu gestalten.

Die sozialen Proteste der Anderen aus meinem Ohrensessel betrachtet

Wie wir sie bewundern, die Protestierenden und Widerständler, die Mutigen, die Wahrheitssucher und die Standhaften. Martin Luther King zum Beispiel. In Washington hielt er 1963 seine berühmte „I have a dream“-Rede. Vor 250.000 versammelten Menschen ließ er die vorbereiteten Worte beiseite und seiner Leidenschaft freien Lauf: Wir haben doch genug von Rassentrennung und Benachteiligung! Ich habe den Traum, dass wir das nicht mehr hinnehmen und gemeinsam für dieses Ziel einstehen!

Oder Aung San Suu Kyi, die myanmarische Friedensnobelpreisträgerin. Freie Wahlen und Demokratie in Myanmar sind ihr Lebensziel. Dafür setzt sie all ihre Energie ein – und bekommt dafür wieder und wieder Gefängnisstrafen und Hausarrest auferlegt. Ihren eigenen Mann durfte die Politikerin nicht mehr sehen, sieben Jahre lang, bis zu dessen Tod. Dennoch erklärte sie: „Ich muss gesund bleiben, bis wir die Demokratie erhalten. Erst dann darf ich eine gewöhnliche alte Frau sein.“

Stille Bewunderung für Wasserwerfer

In den letzten Monaten und Jahren sind zahlreiche Bilder von beherzten Bürgern und entschlossenen Revoluzzern zu uns hinübergeschwappt. Der arabische Frühling, #occupygezi im Gezi-Park in Istanbul, Proteste gegen die Homo-Ehe in Frankreich. Emotionsgeladene Bilder von jungen Leuten, die in Athen, Río, Istanbul und Madrid auf die Straße gingen. Auch von Wasserwerfern, Polizeipräsenz und Bildern von blutüberströmten Demonstranten ließen sie sich nicht einschüchtern.

Wir betrachten diese Bilder in stiller Bewunderung, aber doch am liebsten aus der Ferne, so scheint es. Gehen dann ins Büro, zur Uni, mit den Kindern auf den Spielplatz. Alltag ist ja auch anstrengend. Natürlich hat es keinen Wert an sich, auf die Barrikaden zu gehen. Schreiend ins Fernsehen zu kommen, sich im Getümmel sehen zu lassen, nur um dabei zu sein – alles kein Verdienst. Wir müssen auch nicht schnell etwas reißen, weil Protest in Río und Madrid in Mode gekommen ist. Und in den arabischen Ländern haben wir gesehen, wie Konflikte eskalieren können, wenn Widerstand mit Gewalt gegen Personen und Sachen verbunden ist.

In Deutschland lässt sich aber beobachten, dass die Empörung weit weniger Menschen zu Demonstrationen auf die Straßen treibt – von Antifaschismus- Demos und Stuttgart21 mal abgesehen. Bei Stuttgart21 waren junge Menschen außerdem deutlich in der Minderzahl. Sie engagieren sich eben lieber im Kleinen, punktuell, von Fall zu Fall, ganz pragmatisch.

Alles kein Grund zu demonstrieren?

Müssen wir uns gegen nichts weiter wehren? Geht es allen so gut? Regeln die Politiker schon alles, ziemlich genau so, wie wir uns das vorstellen? Wohl kaum. Ja, wir kommen im Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn meistens gut weg, in punkto Jugendarbeitslosigkeit zum Beispiel. Dennoch gibt es genügend Anliegen: Immer mehr junge Menschen werden mit befristeten Arbeitsverträgen oder sozialabgabenfreien Minijobs abgespeist. Unsere Renten sind alles andere als sicher. Die Schere zwischen arm und reich klafft weiter auseinander und Kinder in sozial benachteiligten Familien kommen auf der Bildungsschiene nicht mit.

Die Konsequenzen werden wir tragen müssen, wenn wir uns nicht wehren. Zum Glück interessieren sich junge Menschen schon für gesellschaftliche Anliegen. Sie tauschen sich gerne im Netz aus, schicken ironische Bilder an Freunde und Bekannte, unterzeichnen auch mal eine Online-Petition. 70 Prozent der Jugendlichen finden, man müsse sich gegen Missstände in der Arbeitswelt und Gesellschaft zur Wehr setzen, befand die jüngste Shell-Jugendstudie. Die jungen Leute würden sich politisch beteiligen, wenn ihnen eine Sache wichtig ist. 77 Prozent würden an einer Unterschriftenaktion teilnehmen und 44 Prozent auch an einer Demonstration. Dass sie es eher selten tun, liegt vielleicht daran, dass sie sich für ihr Leben so viel vorgenommen haben: die Arbeit exzellent zu machen (egal, unter welchen Bedingungen), eine glückliche Familie zu haben, viel von der Welt zu sehen. Ehrgeiz und Fleiß sind für 60 Prozent der Jugendlichen wichtig. Das mag mit Nachrichten über sozialen Abstieg und das Schrumpfen der Mittelschicht zusammenhängen. Denn wer Angst hat, von dem Kuchen nicht genügend abzukommen, arbeitet umso härter, um genügend für sich herauszuholen.

Sich wehren beginnt mit dem Verstehen

Oft springt der Protestfunke aber auch nicht über, weil wir unsere Welt nicht verstehen. Zur Zeit des Nationalsozialismus oder des Kalten Krieges waren die Konfliktlinien klarer. Und wer von der Stasi abgehört wurde, wusste, wohin seine Freiheit entschwunden war. Aber heute – wer hört uns da aus welchem Grund bei der NSA ab? Sind wir gegen den Euro-Rettungsfonds ESM oder nicht? Wie funktioniert die Spekulation mit Nahrungsmitteln? Es ist schwierig, sich gegen etwas zu wehren, das man nicht verstanden hat.

„Die Welt ist groß, wir spüren die Interdependenzen, leben in Kreuz- und Querverbindungen wie noch nie. Um wahrzunehmen, dass es in dieser Welt auch unerträglich zugeht, muss man genau hinsehen, muss man suchen. Ich sage den Jungen: Wenn ihr sucht, werdet ihr finden. ‚Ohne mich’ ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann“, schreibt Stéphane Hessel in seiner Streitschrift „Empört Euch!“. Der 93-Jährige war Mitglied der französischen Widerstandsbewegung Résistance, überlebte das KZ Buchenwald und verfasste als Mitautor die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen.

„Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank des Engagements der Vielen (…).“ Der Franzose sieht drei große Aufgaben für die nahe Zukunft: Die Schere zwischen Arm und Reich, der Kampf um Menschenrechte und den Zustand unseres Planeten. Für ihn gehört die Zukunft der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der Kulturen.

Die Werte sind immer wieder verhandelbar

Demokratien zeichnet unter anderem aus, dass das Gemeinwohl a posteriori, also hinterher, festgelegt wird. Nicht ein Despot legt uns auf, was wir zu wollen haben, sondern alle sollen ihre divergierenden Anliegen und Interessen in den großen Topf werfen. Soziale Bewegungen sind dabei Teil des Aushandlungsprozesses in der Öffentlichkeit. Selbst bei unseren Eltern, die hoffentlich immer das Beste für uns wollen, haben wir ja gelernt, uns für unsere Anliegen einzusetzen. In westlichen Demokratien gibt es meistens schon Übereinkunft über die großen Werte, die den Rahmen der Gesellschaft bilden sollen: Offenheit und Demokratie, Vernunft und Ehrlichkeit, Gleichheit und Freiheit.

Doch auch bei gleichen Grundwerten sind verschiedene Gesellschaftsentwürfe denkbar: Gleichheit kann in gleiche Ausgangschancen, oder aber in gleiche Einkommenshöhen übersetzt werden. Deswegen brauchen wir den öffentlichen Diskurs. Soziale Bewegungen können dabei Teile der Bevölkerung mobilisieren, die sich in der Diskussion nicht vertreten fühlen. Und sie können Themen in die Öffentlichkeit trommeln, die sonst in der Zukunftsgestaltung zu kurz kommen. Es ist wahr, dass das System Fehler enthält. Es gibt erschreckende Geschichten über den Missbrauch von Polizeigewalt. Nicht immer ist dem Staat das Versammlungsrecht heilig. Lobbyisten haben ausgeklügelt, wie sie ihre Anliegen durchsetzen.

Doch wir brauchen den Kopf nicht in den Sand zu stecken – weil es so viele Möglichkeiten gibt, sich zu engagieren, so viele Aktionsformen, die genutzt werden können: Mahnwachen oder Großdemonstrationen, Infostände, Unterschriftensammlungen und Sitzblockaden. Es gibt Proteste zu Regierungsgipfeln und solche zu großen Globalisierungsthemen wie Hunger, Sklaverei und Klimawandel. Manche Bürger engagieren sich für Ökologie und Frieden, andere bilden Bürgerinitiativen zu Infrastrukturprojekten. Es gibt Online-Petitionen und Twitter- Kampagnen wie die Anti-Sexismus-Kampagne #Aufschrei. Auch internationale Kampagnen mobilisieren Menschen: 1997 erhielt die „Internationale Kampagne zum Verbot von Landminen“ den Friedensnobelpreis. Es ist gut zu wissen, dass wir unsere Wut und Empörung nicht verpuffen lassen müssen. Dass wir sie in Bahnen leiten können, wo sie etwas bewegen – und unsere Gesellschaft so gestalten können, dass wir stolz auf sie sind.

Eine andere Sicht auf die Welt

Delfine in den Wellen, Basketballspiele an Deck und ungestörte Ruhe – so sieht die Reise auf einem Containerschiff aus. Anja Reumschüssel über einen herrlich einsamen Ort.

Wenn ihr das stählerne Herz das kochend heiße Öl durch die Adern pumpt, zittert sie am ganzen Körper. Trotzig kämpft sich die Ever Chivalry in dieser Nacht durch die Elbe, während der Wind um die Ecken der Aufbauten heult und an den zugeschraubten Fenstern rüttelt. Aber im Inneren des Schiffs sind die menschlichen Stimmen verstummt. Es ist, als sei ich ganz allein in diesem metallenen Kasten, zehn Meter über den aufgetürmten Containern, an denen der Wind zerrt und reißt, dass sich ihr metallisches Ächzen und Stöhnen unter das Heulen des Windes mischt. Am nächsten Morgen leuchten die Container rot, grün und blau im goldenen Morgenlicht.

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Die perfekte WG – Diese Regeln braucht jede Lebensgemeinschaft auf Zeit

Der Wohnungsmarkt ist ein einziges Schlachtfeld. Es wird ausgeschrieben und abgelehnt, geschleimt und getrickst, gefeiert, geputzt und nicht geputzt. Mittendrin: Die WG, jene Wohnform, die immer besser fürs Portemonnaie ist und im besten Fall auch gut fürs Herz. DRAN NEXT stellt die wichtigsten Wohn-Prinzipien vor.

Der erste Abend in der ersten WG meines Lebens – fünf sich völlig fremde Menschen sitzen sich bei Hawaii-Toast gegenüber. Unser neuer Arbeitgeber hatte uns zusammengestellt. „Wie geht man das jetzt an?“, fragt mein neuer Mitbewohner etwas unsicher in die Runde, „so was hab ich noch nie gemacht.“ Eine Sache machten wir schon mal richtig, wie ich heute weiß, wenn ich – vier WGs später – auf jenen Abend zurückblicke:

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