Sag´ bescheid

Asphalt.Paradies

SIE IST EIN SCHMELZTIEGEL DER KULTUREN, SEHNSUCHTSRAUM, ERWACHSENENSPIELPLATZ: DIE STADT WAR SCHON IMMER MEHR ALS EINFACH NUR EIN ORT, AN DEM MENSCHEN LEBEN. SIE PULSIERT ÜBERALL DORT, WO MENSCHEN SICH ENTSCHEIDEN, DAS LEBEN HINTER DEN GRAUEN HÄUSERFASSADEN MITZUGESTALTEN.

Die abendlichen Sonnenstunden im Stadtpark um den Grill genießen, eisessend durch die überfüllte Fußgängerzone schlendern, sich im stressigen Feierabendgewusel über einen Sitzplatz in der S-Bahn freuen, an unzähligen Menschen, die man nicht kennt, vorbeistreifen, mal ein Lächeln erhaschen, mal einen grimmigen Blick oder ein luftleeres Vor-sich-hin-Starren, fremde Sprachen im Bus hören und sich über den neuen indischen Imbiss an der Ecke freuen: Die Stadt ist zuallererst ein Lebensgefühl. Das Lebensgefühl unbegrenzter Möglichkeiten, Kreatives verwirklichen zu können, Verrücktes zu tun und unbefangen zu sein. Aber auch das Gefühl von Enge, vom Chaos in der Menschenmenge, in der ich fremd und allein bin. Das Gefühl von Kurzweiligkeit und Hektik, das Gefühl, nicht zu wissen, wie man dem Obdachlosen am U-Bahneingang begegnet, die Trauer und die Wut über die sozialen Unterschiede, die sich beim genauen Hinschauen in den Städten auftun. Die Stadt ist so viel mehr als eine Ansammlung von Häusern, sie ist ein Lebensphänomen.

EIN NETZ AUS BEZIEHUNGEN
Das hat auch der Soziologe Louis Wirth erkannt, als er die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts als buntes Mosaik beschrieb. Wir können sie in den schillerndsten Farben erleben und zugleich zeigen sich in ihr in aller Deutlichkeit die Brüche des menschlichen Lebens. Einsamkeit und Distanz wohnen hier direkt neben Lebensfreude und Selbstverwirklichung. Ähnlich mosaikartig sind die Beziehungsnetze, die wir uns in unserer Stadt aufbauen. Freundes- und Bekanntenkreise werden unterschiedlichen Orten und Tätigkeiten zugeordnet – der Uni, dem Arbeitsplatz, der Gemeinde – und haben als Gruppen häufig wenige Berührungspunkte miteinander. Dazu kommt das Phänomen, das Wirth als „Schizophrenie der Stadt“ bezeichnete: Zwar begegnet man im Vergleich zu Menschen, die in ländlichen Gegenden wohnen, tagtäglich deutlich mehr Personen, gleichzeitig kennt man den Großteil davon viel weniger und viel weniger intensiv. Gegenüber dörflichen Strukturen, die meist über Jahrzehnte gewach-sen sind und in denen „jeder jeden kennt“, ist so manchem Stadtbewohner der Nachbar ein vollkommen Fremder – man kennt gerade noch den Namen auf seinem Briefkasten. Und doch suchen wir genau dieses städtische Leben: Dreiviertel aller Deutschen leben inzwischen in der Stadt. Weltweit sind es 53 Prozent, Tendenz steigend.

MENSCHEN GESTALTEN STÄDTE
Das Phänomen der Urbanisierung „verändert von Grund auf die Art, wie Men-schen zusammen leben“, stellte der Theologe Harvey Cox schon in den 1960er Jahren fest und kam zu dem Schluss: „Die Art, wie Menschen miteinander leben, beeinflusst in höchstem Maß die Art, wie sie die Sinnfrage des Lebens beantworten.“ Die Stadt als soziales Konstrukt kann verändert werden, Menschen gestalten sie nach ihren Wünschen und Vorstellungen. In den vormodernen Städten zeigte sich das zum Bei-spiel daran, dass die Kirche stets einen zentralen Ort innerhalb der Stadt bildete. Heute sind unsere Städte im Hinblick auf Lebensvorstellungen deutlich bunter und vielfältiger geworden. Dort, wo unterschiedliche Menschen auf engem Raum miteinander leben, treffen die verschiedensten Werte und Zukunftsentwürfe aufeinander. Gemeinsame Lebensvorstellungen lassen sich daher heute am ehesten in Kiezen und Nachbarschaften wiederfinden, in denen Menschen mit ähnlichen Interessen und „Antworten auf die Sinnfrage“ ihr Viertel gestalten.

DAS BESTE FÜR DIE STADT SUCHEN
Auch als Christen sind wir herausgefordert, unsere Städte zu prägen. Einer der viel zitierten Bibelstellen zum Thema Stadt kommt aus Jeremia 29. Dort ruft der Prophet den Israeliten zu, nachdem sie ins Exil nach Babel gekommen sind: „Sucht den Frieden der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum HERRN.“ (Jeremia 29,7) Luther übersetzt: „Suchet der Stadt Bestes.“ Was das Beste für eine Stadt ist, ist gar nicht leicht zu fassen. Denn gerade unter Christen neigen wir schnell dazu, die Stadt nur als ein notwendiges Übel zu sehen. Als Gegensatz zum paradiesischen Garten, in den der Mensch eigentlich gehört. Man denke nur an die Hintergrundfolien in der Lobpreiszeit – die wunderschönen Sonnenuntergänge und grünen Auen, soweit das Auge reicht. Selten ist da mal eine überfüllte U-Bahn bei. Und sicherlich spricht einiges dafür: Die Bibel lobt die Schöpfung der Natur in besonderer Weise und preist und verbindet mit ihr Bilder des Friedens und der Ruhe. Zum Beispiel, wenn Gott als Hirte dargestellt wird, der auf grüne Wiesen führt (Psalm 23) oder für sein mächtiges Schöpfungswerk gelobt wird (Psalm 104). Aber werden wir der Stadt gerecht, wenn wir sie nur in Abgrenzung zur Natur verstehen? Ist Stadt automatisch Sodom und Gomorra? Der Ort der Sünde und der Verführung schlechthin?

STÄDTE IN BIBLISCHER TRADITION
In der Bibel zeigt sich eine lange Geschichte Gottes mit den Menschen und ihren Lebensräumen. Schon bald nach der Schöpfungsgeschichte im Garten Gottes erfahren wir von ersten Städten, von Menschen, die auf engem Raum zusammenleben und Strukturen des Zusammenlebens entwickeln. Eigent-lich kein Wunder vor dem Hintergrund des alttestamentlichen Menschenbildes, das den Menschen immer als Sozialwesen darstellt. Für ihn gibt es nichts Schlimmeres als den sozialen Tod und die Ausgrenzung an den Stadttoren. Ort der Hoffnung, im Alten wie im Neuen Testament, ist Jerusalem, die Stadt Gottes. Hier wirkt Jesus, begegnet Kranken und Aussätzigen und wird letztendlich von der Meute der Stadt hingerichtet. Und dann endet das Neue Testament, ganz anders als das Alte begonnen hat, mit dem Bild einer himmlischen Stadt. Des neuen Jerusalems, das alles überstrahlt, weil Gott selbst dort herrschen und es keine Ausgrenzungen und Ungerechtigkeiten mehr geben wird. Wenn man es also genau betrachtet, kennt auch die Bibel das mosaikartige Bild der Stadt: Mal wird sie als verirrt und verfehlt dargestellt, mal als Ort der Begegnung und des gesunden Zusammenlebens, zu guter Letzt als hoffnungsvoller Ausblick auf das zukünftige Leben in Gottes unmittelbarer Gegenwart. Der Mensch und die Stadt – das passt gut ins biblische Menschenbild: nicht in Isolation, sondern in Gemeinschaft soll er leben, wurde geschaffen, um in der Fremdheit des Anderen das Gegenüber des Geschöpfes zu erkennen. Paulus verwendet die Metapher des Leibes, als er die ideale Form des Menschlichen darzustellen versucht. Wie Ohr und Auge, Hand und Fuß einander bedürfen und ergänzen, so sollen die Mitglieder der Gemeinde einander wahrnehmen und wertschätzen (1. Korinther 12). Die Offenbarung erweitert diese Vorstellung von der Gemeinde auf die ganze Stadt. Hier leben alle Bewohner, „eine große Volksmenge, die nie-mand zählen konnte“ (Offenbarung 7,9), in Frieden beieinander und loben Gott, der gerecht herrscht. „Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und es wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21, 3-4)

DIE EWIGE STADT: FREUDE UND LICHT
Was für ein Bild! Die Stadt, mit der die Bibel endet, kennt keine Ungerechtigkeit mehr, keine sozialen Unterschiede, keine argwöhnende Distanz zum Nachbarn. Stattdessen Freude und Licht, weil Gott selbst präsent ist. Die Beziehungen, wie sie hier dargestellt werden, sind intakt. Menschen begeg-nen einan der in Wertschätzung und Liebe. Das Bild, das hier von Stadt gemalt wird, überrascht und begeistert zugleich. Es überrascht, weil es unseren städtischen Realitäten oft so fremd ist, und es begeistert, weil es eine wunderschöne Hoffnung in Aussicht stellt. Wenn wir danach fragen, was „das Beste einer Stadt suchen“ heißt, dann gibt dieses Bild die Perspektive vor. Sicher, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes weltfremd, aber sie erinnert daran, dass Gott, der „Gedanken des Friedens“ über uns hat (Jeremia 29,11), auch Gedanken des Friedens über unsere Städte hat. „Suchet der Stadt Bestes“ kann dann zu einer Herzenshaltung werden, mit der ich die Stadt wahrnehme und mitgestalte. Klar, das wird nicht immer leicht, manchmal sogar ganz schön frustrierend, weil Gottes Vision so fern zu sein scheint. Dann wünscht man sich nichts sehnlicher, als endlich die Stadt zu verlassen und raus ins Grüne zu kommen. Auch Jesus verzweifelte an Jerusalem und weinte über die Stadt. „Wenn du doch nur erkannt hättest, was dir Frieden bringt!“ (Lukas 19,42), würden wir ebensogerne unseren Städten zurufen. Zum Glück stehen wir nicht alleine mit unseren urbanen Herausforderungen. Als Christen und Gemeinden dürfen wir gemeinsam klagen über die Schattenseiten und Brüche, die unsere Städte tragen. Und wir dürfen Gott loben für die Schönheit der urbanen Lebensräume, für die menschlichen Mosaike, die das Leben erst richtig bunt machen.

JULIA MEISTER findet, wir sollten viel mehr mitgestalten, als über die Schattenseiten unserer Städte zu lamentieren.

Sag´ bescheid

Hinterlasse doch Kommentare  |  0

Kommentar verfassen