Sag´ bescheid

Auf Augenhöhe

WAS ES BEDEUTET, SEINEN VATER ZU EHREN

Das schwierige Verhältnis zum eigenen Vater scheint so alt wie die Menschheit. Unzählige Autoren haben sich in Romanen und Gedichten daran abgearbeitet, Sängerinnen wie Pink und Beyonce ringen mit dem eigenen Vaterbild in ihren Liedern. Nach dem Motto: Wenn wir schon nicht glücklich damit werden, machen wir wenigstens einen guten Song draus.
Auch in unserer Altersgruppe erleben viele das Verhältnis zum Vater als gebrochen, schwierig oder zumindest angespannt. Wir sind Kinder einer Generation, die über neue Männer- und Frauenbilder nachdenkt, die den Vater genauso in der Verpflichtung für die Kindererziehung sieht wie die Mutter; die Tradiertes hinterfragt und neue Möglichkeiten für ein glückliches Familienleben sucht. Gleichzeitig sind wir oftmals in traditionellen Familienrollen aufgewachsen. Unsere Väter waren stark, verlässlich. Im Beruf unersetzbar. Sie haben die Familie versorgt und uns Reitstunden bezahlt. Sonntags auf dem Fußballplatz waren sie stolz auf uns – genauso wie wir stolz waren, Kind unseres Papas zu sein. Und trotzdem hatte dieses Bild Risse, die wir heute als Erwachsene bewusster wahrnehmen. Papa, der oft erst spät abends erschöpft nach Hause kam. Papa, der eine kühle Distanz wahrte, der keinen Zugang hatte zu den Gefühlsregungen einer 16-Jährigen, die ihren ersten Liebeskummer im Herzen trägt oder eines 19-Jährigen, der den Sprung ins Unileben nicht so problemlos schafft wie alle anderen.

Wenn Kinder erwachsen werden
Gerade die Beziehung zu unseren Eltern ist geprägt von hohen Erwartungen. Als Kinder haben wir von ihnen ungebrochene Liebe erwartet, Fairness und Fürsorge. Wo diese Erwartungen enttäuscht worden sind, haben wir Brüche erlebt, die wir oft erst als Erwachsene zu reflektieren lernen. Der Lebensabschnitt der 20er – zwischen Elternhaus, Ausbildung, Studium, der ersten eigenen Arbeitsstelle und womöglich der eigenen Familie – ist für viele ein wichtiger Zeitraum, um die eigene Prägung und Herkunft zu überdenken und aufzuarbeiten. Warum bin ich, wie ich bin? Bin ich nicht ganz anders als meine Eltern? Oder möglicherweise doch nicht? Und ist das gut oder schlecht?

„Wir erwarten im Gespräch mit unseren Eltern, dass auch sie unsere Beziehung jetzt reflektierter wahrnehmen. Erwarten Schuldeingeständnisse, Liebesbezeugungen, den gleichen Wunsch zur Aussprache.“

Aus der Distanz der Wohnheim-WG, im Gespräch mit dem Hauskreis in der neuen Stadt wird vieles klarer. Beziehungsnetze werden neu entschlüsselt, das eigene Verhalten verständlicher. Und während wir einen reflektierten Umgang mit uns und unseren Familien lernen, erwarten wir unbewusst von unserer Umwelt, dass sie diesen Schritt mitgeht. Wir erwarten im Gespräch mit unseren Eltern, dass auch sie unsere Beziehung jetzt reflektierter wahrnehmen. Erwarten Schuldeingeständnisse, Liebesbezeugungen, den gleichen Wunsch zur Aussprache, die es früher nicht gegeben hat. Hier setzt die Krise an, die viele erleben, die endlich die Brüche im Verhältnis zu ihren Vätern aufarbeiten wollen und doch feststellen, dass es nicht oder nur sehr mühsam vorangeht. Letztendlich erwarten wir von unseren Vätern, dass sie sich anders verhalten, als sie es früher gemacht haben. Wir erwarten ein unrealistisches Verhalten. Familienratgeber weisen immer wieder daraufhin, wie wichtig es ist, als erwachsenes Kind eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu den Eltern zu leben. Aber wie kann das funktionieren, wenn der andere nicht mitspielen will – oder kann? Wenn Väter den Kontakt meiden, Schwierigkeiten haben, über Gefühle zu sprechen. Wer trägt die Verantwortung für unsere Beziehung? Ich oder meine Eltern?

Das Vierte Gebot
Manchmal scheint es fast weltfremd, dass die Bibel gerade an die Beziehung zu unseren Eltern die Verheißung für ein erfülltes Leben knüpft. So heißt es im vierten der Zehn Gebote: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir’s wohlgehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.“ (5.Mose 5,16) Vieles an diesem Gebot verwundert. Nach den Geboten, die die Beziehung zu Gott betreffen, ist es das erste, das auf die Beziehung zu unseren Mitmenschen zielt. Ist es wirklich wichtiger, die eigenen Eltern zu ehren, als nicht zu töten, stehlen oder neidisch zu sein?

Martin Luther hat sich intensiv mit diesem Gebot beschäftigt. Er weist darauf hin, dass die Zehn Gebote das Beziehungsnetz in den Blick nehmen, in denen der Mensch lebt. Die ersten drei Gebote betrachten die Beziehung zu Gott, die anderen sieben die zum Mitmenschen. Die Beziehungen, die wir in der Familie erleben, sind dabei Schlüssel für unseren Umgang mit anderen Menschen. Wenn wir in der Familie gelernt haben, Verlässlichkeit und Fürsorge zu leben, dann können wir das auch in anderen Beziehungen. „Wohlergehen“ und ein langes Leben meinen also für Luther keinen materiellen Reichtum, sondern ein Leben im gesunden Miteinander.

Sperrig bleibt nach wie vor der Begriff „ehren“. Ein nicht gerade gängiger Ausdruck in unserem Sprachgebrauch, den wir eher mit einem Sportler oder einer hohen Persönlichkeit verbinden als mit der Beziehung zu unseren Eltern. Ehren ist anders als lieben. Nach Luther ist „ehren“ sogar höher als „lieben“, denn es umfasst Achtung, Demut und Respekt. Es ist Luther ein großes Anliegen zu betonen, dass vor Gott zwar alle Menschen gleich sind, es im menschlichen Zusammenleben aber Unterschiede gibt. Menschen übernehmen verschiedene Funktionen und Verantwortungen, damit Gemeinschaft funktionieren kann. Vater und Mutter stehen in der Funktion als Eltern, das heißt sie sind verantwortlich und zuständig für ein Kind, das auf ihren Schutz und ihre Fürsorge angewiesen ist.

Vom Kind erwartet Luther, diese Rollenverteilung anzuerkennen. Das bedeutet einerseits, sich als Kind auf diese Schutzfunktion verlassen zu dürfen. Auch in der UN-Kinderrechtskonvention heißt es: „Ein Kind hat … soweit möglich das Recht, seine Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden“ (Artikel 7). Andererseits appelliert das Vierte Gebot an Kinder, ihre Eltern in deren Rolle zu „ehren“. Ehren hat für Luther drei Ebenen: es meint erstens, die Eltern zu lieben, zweitens, nicht schlecht über sie zu reden und ihre Worte ernst zu nehmen, und drittens, sie zu versorgen und ihnen zu helfen, wenn sie selbst hilfsbedürftig sind. Dass dies nicht immer leicht fällt, weiß auch Luther. Dennoch ermutigt er dazu „zu denken, ob sie gleich gering, arm, gebrechlich und seltsam seien, dass sie dennoch Vater und Mutter sind, von Gott gegeben.“

Leben in gegenseitiger Verantwortung
Luthers Erwartungen an die Kinder sind hoch, gleichzeitig sind sie nur eine Seite der Medaille. Denn das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, schließt auch die Verantwortung der Eltern mit ein. Es liegt in ihrer Verantwortung, eine Atmosphäre zu schaffen, in der es Kindern leicht fällt, sie als Eltern zu ehren. Wenn sie ihren Kindern einen liebevollen und respektvollen Umgang miteinander vorleben, lernen Kinder früh, was ehren bedeuten kann. Denn „wie sie gelebt haben, so leben die Kinder hinnach“ (Luther).

„Wer trägt die Verantwortung für unsere Beziehung? Ich oder meine Eltern?“

Das Verhältnis zu den Eltern ist in Luthers Auslegung der Zehn Gebote die Basis für ein Leben in gesunden Beziehungen. Für uns kann es ein Zweifaches bedeuten: Einerseits sind wir aufgefordert, unsere Eltern zu ehren. Wir sollen sie – soweit es uns möglich ist –lieben, den Umgang auf Augenhöhe suchen und sie unterstützen im Alter und in der Krankheit. Gleichzeitig dürfen wir uns eingestehen, dass Eltern und Kinder andere Rollen ausfüllen. Auch als Erwachsene bleiben wir gegenüber unseren Eltern Kind und dürfen von ihnen erwarten, ihre eigene Rolle auszufüllen. Unsere Eltern haben mindestens genauso viel Verantwortung, die Beziehung zu gestalten, wie wir. Luther warnt uns hier vor einer Überverantwortlichkeit, die einen falschen Druck auf uns als erwachsene Kinder ausübt, allein für die Beziehung zu unserer Eltern zuständig zu sein.

In einem Zeitungsinterview berichtet ein Manager, dass er über die vielen Dienstreisen und langen Arbeitsstunden am Abend den Zugang zu seinem Sohn verloren hat. Er verstehe seine Sprache nicht mehr. Das Wiederfinden der gemeinsamen Sprache kann ein langer und schmerzhafter Prozess sein. Mit Luther dürfen wir uns eingestehen, dass beide – Väter und Kinder – in der Verantwortung stehen, die Sprache des anderen immer wieder neu zu lernen.

Julia Meister ist selbst Tochter. Das ist genug Legitimation für diesen Beitrag.

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