Sag´ bescheid

Aufstehen!

Wir empören uns gerne und tun dann nichts – aber Protest ist eine Möglichkeit, unsere Gesellschaft zu gestalten.

Die sozialen Proteste der Anderen aus meinem Ohrensessel betrachtet

Wie wir sie bewundern, die Protestierenden und Widerständler, die Mutigen, die Wahrheitssucher und die Standhaften. Martin Luther King zum Beispiel. In Washington hielt er 1963 seine berühmte „I have a dream“-Rede. Vor 250.000 versammelten Menschen ließ er die vorbereiteten Worte beiseite und seiner Leidenschaft freien Lauf: Wir haben doch genug von Rassentrennung und Benachteiligung! Ich habe den Traum, dass wir das nicht mehr hinnehmen und gemeinsam für dieses Ziel einstehen!

Oder Aung San Suu Kyi, die myanmarische Friedensnobelpreisträgerin. Freie Wahlen und Demokratie in Myanmar sind ihr Lebensziel. Dafür setzt sie all ihre Energie ein – und bekommt dafür wieder und wieder Gefängnisstrafen und Hausarrest auferlegt. Ihren eigenen Mann durfte die Politikerin nicht mehr sehen, sieben Jahre lang, bis zu dessen Tod. Dennoch erklärte sie: „Ich muss gesund bleiben, bis wir die Demokratie erhalten. Erst dann darf ich eine gewöhnliche alte Frau sein.“

Stille Bewunderung für Wasserwerfer

In den letzten Monaten und Jahren sind zahlreiche Bilder von beherzten Bürgern und entschlossenen Revoluzzern zu uns hinübergeschwappt. Der arabische Frühling, #occupygezi im Gezi-Park in Istanbul, Proteste gegen die Homo-Ehe in Frankreich. Emotionsgeladene Bilder von jungen Leuten, die in Athen, Río, Istanbul und Madrid auf die Straße gingen. Auch von Wasserwerfern, Polizeipräsenz und Bildern von blutüberströmten Demonstranten ließen sie sich nicht einschüchtern.

Wir betrachten diese Bilder in stiller Bewunderung, aber doch am liebsten aus der Ferne, so scheint es. Gehen dann ins Büro, zur Uni, mit den Kindern auf den Spielplatz. Alltag ist ja auch anstrengend. Natürlich hat es keinen Wert an sich, auf die Barrikaden zu gehen. Schreiend ins Fernsehen zu kommen, sich im Getümmel sehen zu lassen, nur um dabei zu sein – alles kein Verdienst. Wir müssen auch nicht schnell etwas reißen, weil Protest in Río und Madrid in Mode gekommen ist. Und in den arabischen Ländern haben wir gesehen, wie Konflikte eskalieren können, wenn Widerstand mit Gewalt gegen Personen und Sachen verbunden ist.

In Deutschland lässt sich aber beobachten, dass die Empörung weit weniger Menschen zu Demonstrationen auf die Straßen treibt – von Antifaschismus- Demos und Stuttgart21 mal abgesehen. Bei Stuttgart21 waren junge Menschen außerdem deutlich in der Minderzahl. Sie engagieren sich eben lieber im Kleinen, punktuell, von Fall zu Fall, ganz pragmatisch.

Alles kein Grund zu demonstrieren?

Müssen wir uns gegen nichts weiter wehren? Geht es allen so gut? Regeln die Politiker schon alles, ziemlich genau so, wie wir uns das vorstellen? Wohl kaum. Ja, wir kommen im Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn meistens gut weg, in punkto Jugendarbeitslosigkeit zum Beispiel. Dennoch gibt es genügend Anliegen: Immer mehr junge Menschen werden mit befristeten Arbeitsverträgen oder sozialabgabenfreien Minijobs abgespeist. Unsere Renten sind alles andere als sicher. Die Schere zwischen arm und reich klafft weiter auseinander und Kinder in sozial benachteiligten Familien kommen auf der Bildungsschiene nicht mit.

Die Konsequenzen werden wir tragen müssen, wenn wir uns nicht wehren. Zum Glück interessieren sich junge Menschen schon für gesellschaftliche Anliegen. Sie tauschen sich gerne im Netz aus, schicken ironische Bilder an Freunde und Bekannte, unterzeichnen auch mal eine Online-Petition. 70 Prozent der Jugendlichen finden, man müsse sich gegen Missstände in der Arbeitswelt und Gesellschaft zur Wehr setzen, befand die jüngste Shell-Jugendstudie. Die jungen Leute würden sich politisch beteiligen, wenn ihnen eine Sache wichtig ist. 77 Prozent würden an einer Unterschriftenaktion teilnehmen und 44 Prozent auch an einer Demonstration. Dass sie es eher selten tun, liegt vielleicht daran, dass sie sich für ihr Leben so viel vorgenommen haben: die Arbeit exzellent zu machen (egal, unter welchen Bedingungen), eine glückliche Familie zu haben, viel von der Welt zu sehen. Ehrgeiz und Fleiß sind für 60 Prozent der Jugendlichen wichtig. Das mag mit Nachrichten über sozialen Abstieg und das Schrumpfen der Mittelschicht zusammenhängen. Denn wer Angst hat, von dem Kuchen nicht genügend abzukommen, arbeitet umso härter, um genügend für sich herauszuholen.

Sich wehren beginnt mit dem Verstehen

Oft springt der Protestfunke aber auch nicht über, weil wir unsere Welt nicht verstehen. Zur Zeit des Nationalsozialismus oder des Kalten Krieges waren die Konfliktlinien klarer. Und wer von der Stasi abgehört wurde, wusste, wohin seine Freiheit entschwunden war. Aber heute – wer hört uns da aus welchem Grund bei der NSA ab? Sind wir gegen den Euro-Rettungsfonds ESM oder nicht? Wie funktioniert die Spekulation mit Nahrungsmitteln? Es ist schwierig, sich gegen etwas zu wehren, das man nicht verstanden hat.

„Die Welt ist groß, wir spüren die Interdependenzen, leben in Kreuz- und Querverbindungen wie noch nie. Um wahrzunehmen, dass es in dieser Welt auch unerträglich zugeht, muss man genau hinsehen, muss man suchen. Ich sage den Jungen: Wenn ihr sucht, werdet ihr finden. ‚Ohne mich’ ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann“, schreibt Stéphane Hessel in seiner Streitschrift „Empört Euch!“. Der 93-Jährige war Mitglied der französischen Widerstandsbewegung Résistance, überlebte das KZ Buchenwald und verfasste als Mitautor die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen.

„Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank des Engagements der Vielen (…).“ Der Franzose sieht drei große Aufgaben für die nahe Zukunft: Die Schere zwischen Arm und Reich, der Kampf um Menschenrechte und den Zustand unseres Planeten. Für ihn gehört die Zukunft der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der Kulturen.

Die Werte sind immer wieder verhandelbar

Demokratien zeichnet unter anderem aus, dass das Gemeinwohl a posteriori, also hinterher, festgelegt wird. Nicht ein Despot legt uns auf, was wir zu wollen haben, sondern alle sollen ihre divergierenden Anliegen und Interessen in den großen Topf werfen. Soziale Bewegungen sind dabei Teil des Aushandlungsprozesses in der Öffentlichkeit. Selbst bei unseren Eltern, die hoffentlich immer das Beste für uns wollen, haben wir ja gelernt, uns für unsere Anliegen einzusetzen. In westlichen Demokratien gibt es meistens schon Übereinkunft über die großen Werte, die den Rahmen der Gesellschaft bilden sollen: Offenheit und Demokratie, Vernunft und Ehrlichkeit, Gleichheit und Freiheit.

Doch auch bei gleichen Grundwerten sind verschiedene Gesellschaftsentwürfe denkbar: Gleichheit kann in gleiche Ausgangschancen, oder aber in gleiche Einkommenshöhen übersetzt werden. Deswegen brauchen wir den öffentlichen Diskurs. Soziale Bewegungen können dabei Teile der Bevölkerung mobilisieren, die sich in der Diskussion nicht vertreten fühlen. Und sie können Themen in die Öffentlichkeit trommeln, die sonst in der Zukunftsgestaltung zu kurz kommen. Es ist wahr, dass das System Fehler enthält. Es gibt erschreckende Geschichten über den Missbrauch von Polizeigewalt. Nicht immer ist dem Staat das Versammlungsrecht heilig. Lobbyisten haben ausgeklügelt, wie sie ihre Anliegen durchsetzen.

Doch wir brauchen den Kopf nicht in den Sand zu stecken – weil es so viele Möglichkeiten gibt, sich zu engagieren, so viele Aktionsformen, die genutzt werden können: Mahnwachen oder Großdemonstrationen, Infostände, Unterschriftensammlungen und Sitzblockaden. Es gibt Proteste zu Regierungsgipfeln und solche zu großen Globalisierungsthemen wie Hunger, Sklaverei und Klimawandel. Manche Bürger engagieren sich für Ökologie und Frieden, andere bilden Bürgerinitiativen zu Infrastrukturprojekten. Es gibt Online-Petitionen und Twitter- Kampagnen wie die Anti-Sexismus-Kampagne #Aufschrei. Auch internationale Kampagnen mobilisieren Menschen: 1997 erhielt die „Internationale Kampagne zum Verbot von Landminen“ den Friedensnobelpreis. Es ist gut zu wissen, dass wir unsere Wut und Empörung nicht verpuffen lassen müssen. Dass wir sie in Bahnen leiten können, wo sie etwas bewegen – und unsere Gesellschaft so gestalten können, dass wir stolz auf sie sind.

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