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Baustelle Körper: „Ich habe heute leider kein Bild für dich“

JULIA WARKENTIN ÜBER DEN MODERNEN KÖRPERKULT UND EIN „EWIG“ LEIDIGES THEMA

Stell dir vor, du sitzt als noch ungeborene Seele bei Gott im Himmel. Es ist Zeit, als Mensch auf die Erde zu kommen, und Gott zeigt dir schon einmal vorab, welchen Körper er für dich ausgesucht hat. Er zeigt dir dein Gesicht, deine Nase, Augen und Mund. Deine Haut. Er zeigt dir deine Beine und deine Arme, Hände und Füße. Deine Größe. Körbchengröße A, B, C oder sogar Doppel-D. Und dann fragt er: Wirst du dich in diesem Körper zu Hause fühlen?

92 Prozent aller Frauen hätten hier die Chance genutzt, wenigstens einen Aspekt ihres Äußeren noch einmal zu diskutieren. Laut der Studie einer Kosmetik-Produktlinie unter dreitausend Frauen aus elf westlichen Ländern finden sich nur zwei Prozent aller Frauen schön. Jede zweite hält sich für zu dick. 72 Pro-zent aller Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren meiden bestimmte Aktivitäten, weil sie mit ihrem Äußeren unzufrieden sind. So sehr sich Körper-Zufriedenheitsstudien auch um Frauen drehen: Bei Männern sind die Ansprüche an ihren Körper nicht weniger stark gestiegen. Viele kämpfen hart, um ihren Körper „wettbewerbsfähig“ zu machen. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Mann das Wort „Körperpflege“ noch im Duden nachschlagen musste.

MEIN KÖRPER – OPTIMIERTES KONSUMGUT?
„Bin ich schön?“ Wenn es um den Körper geht, bewegt die Menschheit seit jeher dieselbe große Frage. Schon  immer gab es schönere und nicht so schöne Menschen, wobei die Schönen – menschheitsgeschichtlich nachgewiesen – mit günstigeren Voraussetzungen ins Leben starten: Schöne Babys bekommen mehr Aufmerksamkeit, schöne Kinder die besseren Schulnoten. Schöne Menschen finden später schneller einen Job und bekommen ein höheres Gehalt. Britische Wissenschaftler wiesen nach, dass unsere Gehirne auf bestimmte Gesichter, die als schön empfunden werden, stärker reagieren. Bei der Betrachtung eines schönen Gesichts wird ein neurologischer Belohnungsmechanismus ausgelöst. Andere Studien legen nahe, dass ein grundsätzliches Empfinden für Schönheit allen Menschen über kulturelle und geschichtliche Grenzen hinweg angeboren ist. Schon  Babys im Alter von einer Woche betrachten Gesichter, die auch von Erwachsenen als schön eingestuft wurden, sehr viel länger und lieber als Gesichter, die als eher unattraktiv eingeschätzt wurden.

Körperliche Schönheit ist ein „ökonomischer Vorteil“, den wir uns  sichern wollen. Wir leben deshalb mit  einem gesteigerten Körperbewusstsein, das ständiger Aufmerksamkeit und Kontrolle bedarf. Der Körper ist nicht mehr das, worin und wodurch wir leben, sondern vielmehr ein Objekt, das wir gestalten – ein medizinisch optimierbares Konsumgut. Diese Beobachtung hat auch die Psychologin Susie Orbach gemacht. In dem Buch „Bodies – Schlachtfelder der Schönheit“ beschreibt sie, wie der Körper mehr und mehr zur Baustelle wird, zu einem persönlichen Projekt und Objekt, an dem ich zu arbeiten habe. Nach außen ist er unsere Visitenkarte: Er signalisiert unsere Wachsamkeit und harte Arbeit oder andernfalls unser Versagen und Schlamperei.

ERHEBLICHE UNZUFRIEDENHEIT
Doch der Glaube, dass der Körper perfektionierbar ist und wir freudig oder zumindest willig die dazu angebotenen Möglichkeiten nutzen sollten, hat die Frage „Bin ich schön?“ nicht entspannt, sondern verschärft. Der Körper wird in  einem alarmierenden Maß zu einem immer größeren Ort erheblicher Unzufriedenheit und schwerwiegender Störungen. Laut einer Studie der deutschen Gesellschaft für Ernährung gilt jede zweite deutsche Frau als essgestört. Jedes zweite Mädchen unter 18 Jahren hat schon eine oder mehrere Diäten gemacht. Es gibt kaum eine Frau, die auf ganz natürliche Weise mit dem Essen umgehen kann, die keine Waage, keine Diät kennt und isst, worauf sie Appetit hat. Die meisten Frauen haben ihre Mütter Diät halten sehen und diese Herangehensweise ans Essen gelernt: Wenn man etwas für sich tun will, macht man eine Diät. Diätprodukte- Hersteller rechnen übrigens mit einer Rückfallquote von 95 Prozent.

Zwar sind es häufig noch Frauen, die sich mit ihren Idealvorstellungen quälen, doch auch die Anzahl der männlichen Essgestörten steigt kontinuierlich an. Seit Frauen für ihren Lebensunterhalt häufig selbst aufkommen, sind auch ihre Ansprüche an die körperliche Attraktivität der Männer gestiegen. Immer häufiger erleben Männer, dass sie nicht nur aufgrund ihres Intellekts, Witzes und Geldbeutels als potenzielle Partner beurteilt werden, sondern aufgrund ihrer körperlichen Vorzüge. Neben vielen anderen Aspekten hat dies dazu geführt, dass auch Männer ihre körperliche Attraktivität mittlerweile immer wichtiger nehmen. Männliche durchtrainierte Models und Filmstars kratzen nun auch an der Selbsteinschätzung der Männer. Und beide Geschlechter leiden mittlerweile unter der Diskrepanz zwischen ihrem tatsächlichen Äußeren und dem, was sie als attraktiv empfinden.

KÖRPERKULT ALS RELIGIONSERSATZ
Die äußere Erscheinung, das gute Aussehen und Fitness sind heutzutage zum Maßstab für den eigenen sozialen Wert geworden. Der Körper wird letztlich zum wesentlichen Kern der eigenen Identität erhoben. Kultursoziologen wie Thomas Luckmann und Robert Gugutzer diagnostizieren den Körperkult als eine „neue Sozialform der Religion“ oder auch „Diesseitsreligion“, die an die Stelle der institutionellen Religion getreten ist. Und wirklich lassen sich im Körperkult eine Menge Parallelen zur religiösen Sinnsuche finden. Der Erlösungsversuch findet im Diesseits durch die Arbeit am Körper statt. Das Heilsversprechen liegt in den Parolen wie „Endlich schön und fit“ und moderne Gurus, wie Fitnesstrainer und Ernährungsberater stellen Regeln und Gesetze auf, welche Trainingseinheiten und -rituale angemessen und welche Nahrungsmittel gut oder böse sind. Wer gegen seine Diät verstößt, hat „gesündigt“. Die Gläubigen treffen sich in Fitnesstempeln und Wellnessfarmen und arbeiten an ihrer Erlösung. Statt um Ethik geht es nun um Ästhetik und statt auf Wallfahrt geht der moderne Mensch zum Marathonlauf – und macht sich auf den langen Weg zu sich selbst.

Manche Phänomene, die mit diesem Körperkult einhergehen, sind mehr als erschreckend: Mit 160 Milliarden Dollar Jahresumsatz ist die Schönheitsindustrie vom Volumen her etwa so groß wie ein Drittel der weltweiten Stahlindustrie. 2006 wurden etwa 21 Millionen Eingriffe vorgenommen. Jährlich steigt die Zahl der Schönheitsoperationen um zehn bis fünfzehn Prozent und jeder vierte Deutsche träumt von einer solchen OP. In Argentinien gehören Schönheitsoperationen so selbstverständlich zum Leben, dass sie von Krankenversicherungen übernommen werden. Fünfzig Prozent aller jungen Koreanerinnen lassen sich einem Eingriff unterziehen, der ihre Augenlieder dem westlichen Ideal anpasst. Zahlreiche Chinesinnen lassen ihre Beine mit Hilfe von Metallstangen in den Oberschenkeln um einige Zentimeter verlängern, damit sie „auf Augenhöhe“ mitspielen können. „Egal ob zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu hell, zu dunkel – in der Angebotspalette der ästhetischen Chirurgie gibt es kaum noch etwas, was es nicht zu kaufen gibt“, resümiert Susie Orbach.

Als Kehrseite nimmt die Brandmarkung des Dickseins als tadelns- und verachtenswert zu. „Dicke“ Menschen begegnen zusehends auch gesellschaftlicher Diskriminierung. Wer nicht mitmacht, wird gemobbt. Seit dem letzten Jahr wissen wir auch, dass Fettleibigkeit die größte Gefahr für die Finanzierbarkeit des deutschen Gesundheitssystems darstellt. Seitdem weniger geraucht wird, ist Übergewicht der größte Kostentreiber der Krankenkassenbeiträge. Tatsächlich sind heute schon 17,2 Prozent aller Jugendlichen übergewichtig, Tendenz steigend. Die Schere geht in atemberaubender Geschwindigkeit auseinander.

DER FARRAH-EFFEKT
Einen deutlichen Beitrag leistet die Werbung mit ihren unrealistischen Schönheitsvorgaben. Die meisten Bilder, die wir in Werbekampagnen der Zeitschriftenwelt sehen, sind digital nachbearbeitet – mit immer schmaleren Taillen, immer größeren Brüsten und runderen Hintern an immer zierlicheren Körpern. Gekoppelt an das Versprechen, dass mit diesen Körpern auch das Glück in unser Leben einkehrt. Die visuelle Dauerberieselung ist allgegenwärtig. Wir können uns ihr nicht entziehen und sie prägt unsere Vorstellung von Schönheit. Nicht die Bilder werden als falsch wahrgenommen, sondern wir fühlen uns falsch, weil wir den gängigen Bildern nicht entsprechen. Wir geben uns voller Energie dem Versuch hin, diesen Bildern nachzueifern. Um dazuzugehören.
Wie real die gesellschaftliche Prägung durch die medialen Bilder ist, zeigt eine Studie, die den sogenannten Farrah-Effekt beschreibt. Männliche Singles wurden in einem Experiment gebeten, die Attraktivität verschiedener Frauen zu beurteilen. Hatten sie zuvor eine Fernsehserie mit einer Menge schöner Frauen gesehen, beurteilten sie die vorgelegten Frauengesichter sehr viel negativer – ihr Anspruch war gestiegen, die Chancen auf eine Beziehung folglich gesunken. Die gesellschaftlichen Folgen des westlichen Schönheitsideals waren auch auf den  Fidschi-Inseln zu erkennen: Binnen drei Jahren nach Einführung des Fernsehens 1995 entwickelten nicht weniger als 11,9 Prozent der jungen Mädchen willentlich herbeigeführtes Erbrechen – als Folge des Ringens darum, den eigenen Körper den Körpern der westlichen Fernsehdarstellerinnen anzugleichen. In Deutschland diktierte derselbe Körperwahn im Frühling das Fernsehprogramm an jedem  x-beliebigen Donnerstagabend. Wer sich nicht mit Modelfiguren messen kann, ahnt, dass er oder sie „heute leider kein Bild“ von der Top-Modell-Jury bekäme. Fernsehen als Katalysator der Schuldkultur. Die Quote rockt.

WER IST SCHULD?
Es wäre aber zu einfach, Körperunbehagen oder Essstörungen nur auf die Parolen von Mode und Medien zurückzuführen. Sie wachsen auf einem Boden, der empfänglich für solche Botschaften ist. Die Psychotherapeutin Susie Orbach beschreibt, dass viele ihrer Klienten, die von einem extremen Köperunbehagen gequält werden, häufig als Kleinkinder und Babys durch ein zu viel oder ein zu wenig an Fürsorge und Bedürfnisbefriedigung durch ihre Eltern das Gefühl bekommen haben, irgendetwas an ihnen sei „nicht in Ordnung“. Gleichzeitig haben viele Kinder das Essverhalten ihrer Mütter und deren Sorge um das eigene Körpergewicht beobachtet und als angemessene Lösung für die eigene Herangehensweise übernommen. Hier ist es wichtig, tief sitzende Unsicherheiten in einem seelsorgerlichen oder therapeutischen Prozess aufzuarbeiten. Denn je bewusster ich mir und meinem inneren Kern bin, umso weniger kann mir der äußere Druck etwas anhaben.

Schönheitsideale sind Ausdruck ihrer Zeit und daher relativ.  Ohne existenzielle Not haben wir das Diktat eines Schönheitsideals übernommen, das uns kaputt macht. Wir sind gut beraten, die Bilder, die unser Bewusstsein prägen, zu erkennen und zu hinterfragen. Denn falsch sind häufig nicht die Fragen, die wir stellen, und unsere Sehnsucht nach Annahme und Wert, sondern die Orte, an denen wir nach Antworten suchen. „Schön“ liegt letztenendes im Auge des Betrachters. „Und Gott sah, dass es gut war.“

Julia Warkentin hat sich entschieden, mit Photoshop bearbeitete Körperbilder nicht zum Maßstab für das eigene Glück zu machen.

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