Sag´ bescheid

Das Leben ist eine Vertrauensübung

Die Erfahrung zeigt: Niemand kann auf alles vorbereitet sein. Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Das Unerwartete drängt sich uns auf und fordert Schritte ins Ungewisse. Was uns fehlt, ist das Vertrauen in die eigene Trittsicherheit.

Sie ist ein Wirbelwind, kaum zu bändigen. Von klein auf erkundet sie die Räuberhöhle, auf allen Vieren und zwei Beinen. Als sie alt genug ist, schickt Vater Mattis seine Tochter Ronja Räubertochter eines Tages raus in den Wald. Sie soll lernen, sich zurecht zu finden. Zuvor warnt er sie noch vor allerlei Gefahren. Als sie wissen möchte, was sie tun soll, wenn sie trotzdem in eine gefährliche Situation gelangt, weiß er stets zu antworten: „Dann wirst du schon merken, was du tun musst.“ Es kommt wie es kommen muss – Ronja macht ihre ersten Erfahrungen mit den Gefahren ihres Heimatwaldes. Sie wird von unheimlichen Kreaturen überfallen, die ihr Übles wollen. Aber ihr Papa kann sie gerade noch retten. Anstatt die Konsequenz daraus zu ziehen, nie wieder in den Wald zu gehen und alle Gefahren zu meiden, entschließt sich Ronja, zu üben „sich zu hüten“. Sie ist ganz glücklich, als sie eine Stelle im Wald findet, an der sie zwei Sachen gleichzeitig üben kann: sich zu hüten, in den Fluss zu plumpsen, und keine Angst zu haben.

Wie Ronja gerate auch ich in brenzlige Situationen und meistere sie im ersten Anlauf eher schlecht als recht. Zum Beispiel meinen ersten Auffahrunfall. Klar bin ich vorsichtig gefahren, aber als sich einer entschloss, mir die Vorfahrt auf der Hauptstraße zu nehmen, konnte ich nicht rechtzeitig bremsen. Nach dem Anruf bei der Polizei habe ich – natürlich – bei meinen Erzeugern durchgeklingelt. War ja auch schließlich ihr Auto. Ich konnte die Verhandlungen mit den Ordnungshütern führen, aber ich gebe zu, es hat mir geholfen, dass dabei jemand hinter mir stand, der zur Not einspringen konnte. Ich bekam Recht. Der Schaden am Auto war schnell repariert – deutlich länger brauchte es, bis ich wieder Vertrauen in mein Fahrverhalten zurückgewann. Die nächsten Monate schaltete ich auf Hauptstraßen mit Zufahrtswegen immer vorsorglich einen Gang runter. Ich war verunsichert.

DIE LERNZONE BETRETEN
Eine Situation, die ich im Leben immer wieder erfahre. Und dann steh ich da – sehe auf Erfahrungen in der Vergangenheit und Herausforderungen in der Zukunft. Das lähmt; macht im Hier und Jetzt handlungsunfähig. Selbstvertrauen ist kein Problem, bis mir das Leben das Gegenteil beweist. Es fühlt sich an wie eine Ausnahmesituation. Immer dann, wenn die ersten Schritte auf unbekanntem Territorium anstehen. Ich bin gezwungen, mich auf die eigenen Fertigkeiten zu verlassen. Darauf zu vertrauen: Ich schaff das!
Der Schriftsteller Emil Gött weiß: „Gefühl von Grenze darf nicht heißen: hier bist du zu Ende, sondern: hier hast du noch zu wachsen.“ Verunsicherung signalisiert mir, wo ich gerade die Grenze meiner Komfortzone überquere. Mehr nicht. Sie sagt nichts darüber aus, ob ich einer Situation gewachsen bin oder nicht. Sie gibt lediglich das Signal: „Auf diesem Weg bist du bisher noch nicht gegangen.“ Ich bin herausgefordert, auf unbekanntem Gelände einen Weg zu finden. Natürlich bin ich da unsicher!

GELASSENHEIT TRIFFT EHRGEIZ
Vor allem im ersten Semester gilt es, neues Land zu erobern: die Uni-Mensa, Bibliothek, Vorlesungspläne, neue Leute kennenlernen. Zum ersten Erkunden gibt es diese „Interessententage“. Von denen kehrt man dann wie die Kundschafter aus dem Land Kanaan zurück – mit geteilter Meinung: die einen sehen den Numerus Clausus, die Berge an Pflichtlektüre und Mauern an Aufnahmebedingungen – und was das alles kostet. Andere freuen sich auf die Freiheit eines WG-Lebens, ausgelassene Wohnheim-Partys oder das Abenteuer Auslandssemester. Für sie ist der Campus ein Land, in dem Milch und Honig fließt. Andere Länder, andere Sitten – das bedeutet in diesem Fall, sich mit Semesterstart in einem neuen Alltag zurecht zu finden: Welche Module bestehe ich mit dem geringsten Aufwand? Welche Vorlesungen muss ich wählen, damit ich montags und freitags nicht in die Uni muss? Wo gibt es den günstigsten Coffe-to-go? Wie überlebt man acht Stunden Vorlesung mit vier Stunden Schlaf? Wie hoch kann ich das Geschirr in der Spüle stapeln? Das erfordert Experimentierfreude und klappt die ersten Monate auch echt gut.

Aber dann besteht man die erste wichtige Prüfung nicht. Blackout. Die letzten 336 Stunden Intensivstudium sind wie ausgelöscht. Als hätte ein Kurzzeitgedächtnis-Staubsauger alles entsorgt. Und plötzlich ist sie da – die Grenze zum Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Zwei Wochen Lernpower scheinen nicht mehr auszureichen, um zu bestehen. Eine Erfahrung, die man ungern wiederholt. Also heißt es: Backen zusammenkneifen und mehr arbeiten. Der Fleiß soll ausgleichen, was die Fähigkeiten nicht hergeben. Der Krampf beginnt. Seitenweise lernt man Skripte auswendig, kann sie vorwärts und rückwärts aufsagen. Von der Gelassenheit schwingt das Pendel zum Ehrgeiz. Panische Sorge um die Durchschnittsnote beschenkt mit Nächten ohne Schlaf und lässt Nerven zusammenbrechen. Das Ergebnis ist das gleiche: knapp durchgerasselt und anschließend zwei Wochen krankgeschrieben.

NEUE WEGE FINDEN
Wie gehe ich damit um? Ich brauche eine neue Antwort. Dass ich eine finde – daran zweifle ich oft. Anstatt mir Zeit zum Überlegen zu nehmen, schufte ich hastig los. Dabei hilft es womöglich viel mehr, wenn ich mir die Zeit nehme und die Situation abkühlen lasse. Ich habe die Wahl, ob ich mich der nächsten Prüfungssituation mit der gleichen Herangehensweise stelle oder ob ich versuche einen Weg zu gehen, der diesmal besser funktioniert. Zum Beispiel mein Vertrauen mehr in das Langzeitgedächtnis zu setzen und den Stoff schon neben den Vorlesungen portionsweise einzuprägen. Dann kann das Kurzzeitgedächtnis sich um all die unwichtigen Details kümmern, die ich mir in meiner Panik kurz vorher einflöße und gar nicht in der Prüfung brauche. Das kann dann auch getrost vergessen werden.

Die Erfahrung bleibt: Schwitzende Hände und ein Herz, das höher schlägt, sind unangenehm. Ich spüre meine Pulsader am Hals und gehe einen Schritt zurück. Lieber gehe ich dem Unangenehmen aus dem Weg. Wenn ich aber aus meiner Nervosität lerne und weiß, dass sie ein Signal dafür ist, dass ich meine Komfortzone verlasse, dann weiß ich, dass mich am Ende ein Erfolgserlebnis erwartet. Der Erfolg, sich der Situation erneut oder überhaupt gestellt zu haben. Neue Kommilitonen, Zahnarztwechsel, Friseurbesuch, das Vorstellungsgespräch auf den Kellnerjob im Café –  mit jeder Herausforderung wächst das Vertrauen in mich selbst und meine Beziehungen. Ich stelle mich meiner Verunsicherung, gebe mir die Chance, eine neue Sicherheit zu gewinnen und zu einer Standfestigkeit zu gelangen. So gesehen, kann das Leben nie genug Verunsicherung beinhalten. Sie führt mich in das Selbstvertrauen, dass ich trotz Unsicherheiten dem Leben gewachsen bin und einen eigenen Weg finde. Auch wenn die eigenen Erwartungen zunächst nicht erfüllt sind.

ORIENTIERUNGSLINIEN IM LEBEN ZIEHEN
Gut zu wissen, dass es in all den Ungewissheiten aber auch so etwas wie physikalische Gesetze gibt. Das Leben wäre komplizierter, wenn ich mit jedem Schritt überlegen müsste, ob mich der Boden unter mir trägt; wenn ich beim Aufstehen überprüfen müsste, ob die Erdanziehung heute auch noch vorhanden ist. Es vereinfacht mein Leben, wenn Oben und Unten, Rechts und Links einmal geklärt sind. Ich weiß, dass man grundsätzlich nicht durch Wände gehen kann. Diese Fixpunkte geben mir Sicherheit. Sie setzen den Rahmen, in dem ich lebe. Dennoch: Anders als in der Naturwissenschaft ist mein Leben keine Gleichung. A und B ergeben nicht immer C, sondern mal K und mal P.

Es ist mehr wie ein dehnbares Netz aus elastischen Gummiseilen: Bei zu viel Belastung reißt ab und an ein Seil, dann kann ich es flicken. Manchmal verfängt sich mein Fuß in den Maschen. Dann muss ich ihn zuerst befreien, bevor ich weitergehen kann. Jedes Gummiseil steht für einen meiner Lebensbereiche: Studium, Beziehungen, Gemeinde, Hobbies. Die Knotenpunkte zwischen den Seilen heißen „Vergebung“, „Dienen“, „Mut“, „Geduld“, „Freundschaft“ oder „Liebe“. Ich kann sie bewusst in mein Lebensnetz hineinknüpfen. Das geschieht durch viele kleine Entscheidungen, die ich oft situationsgebunden treffe. Zu Semesterbeginn mag das Lernen auf die Semesterabschlussprüfung nicht unbedingt höchste Priorität haben, dafür umso mehr zu Semesterende. Wenn mich Menschen verletzen, stärke ich mit jeder Entscheidung für die Liebe den Netzfaden der „Vergebung“. Ebenso hält mich die Angst vor Prüfungen nicht davon ab, mein Studium zu schaffen. Sondern dann stelle ich mich der Situation und gehe gestärkt daraus hervor.

Verunsicherung weitet die Grenzen meiner Komfortzone. Sie baut mein Netz aus – es wird größer und von mehr Gummiseilen durchzogen. Ich bin ein Glückspilz wie Ronja und bekomme die Gelegenheit, zu üben, mich zu hüten und zugleich keine Angst zu haben. Ich kann üben, die Auswirkungen abzusehen und trotzdem souverän Schritte zu gehen. Ich habe das Glück, zu leben – mit Netz und ohne doppelten Boden!

MELANIE ECKMANN nimmt sich ein Beispiel an Ronja und versucht sich im Räuber-tochter-Dasein.

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