Sag´ bescheid

Das Mädchen von nebenan

WARUM FRAUEN IN DER GEMEINDE SO OFT ÜBERSEHEN WERDEN

Ich stehe mit meinen drei Kindern im Schlepptau an der Kasse. Das Projekt Wocheneinkauf mit zwei Kleinkindern und einem Baby ist bis auf wenige Etappen abgeschlossen. Die Kassiererin identifiziert die zwei Kleinkinder als Mädchen. Ich nicke ihr mit einem zugegeben etwas aufgesetzten Lächeln zu. Smalltalk in der letzten Phase des Projekts ist in meinem Zeitplan nicht vorgesehen. Die Kassiererin fährt unbeirrt fort: „Und, ist das dritte ein Junge oder ein Mädchen?“ Ich – das Lächeln bereits etwas gequält aufgrund des Smalltalk-Zeitproblems: „Ein Mädchen.“ Sie: „Na ja. Hauptsache gesund, sag’ ich immer.“ Aus einem unerklärlichen Höflichkeitsreflex lächle ich immer noch, während ich den letzten Liter Milch in meinem überfüllten Einkaufswagen verstaue. Das hat sie jetzt nicht wirklich gesagt? Oder zumindest nicht so gemeint, wie sie es gesagt hat? Hoffentlich war das nur ein unüberlegter Redeschwall, ausgelöst durch drei niedliche Kinderaugenpaare. Alles andere wäre erschreckend für eine Schweizer Kleinstadt im 21. Jahrhundert. Vor ein paar Monaten kam unser Viertes auf die Welt. Ein Mädchen. Zur Geburt wurden wir überhäuft mit Haargummis, Lipgloss, Malstiften und dergleichen. Der pinke Girly-Overload bringt mein farbliches Einrichtungskonzept langsam aus dem Gleichgewicht. Zum Ausgleich habe ich den Mädels zwei Secondhandpuzzles gekauft: Autowerkstatt und Feuerwehr. Nicht, dass ich eine Anhängerin geschlechtsneutraler Erziehung wäre – japanische Comic-Kätzchen, Einhörner und Glitzerfeen finde ich einfach etwas realitätsfremd. Und ich bin immer wieder überrascht, wie hartnäckig sich Stereotype halten. Alles beginnt mit einer rosa Garderobe, langen Haaren, Puppenspielen, still sitzen, schön schreiben, guten Noten. Irgendwann sind Mädchen zickig, eitel, verrückt nach Schuhen, kommunikativ, süchtig nach Schokolade, grundsätzlich emotional, nah am Wasser gebaut und multitaskingfähig. Sie gehen gemeinsam aufs Klo, können weder einparken noch Karten lesen und finden sich zu dick. Logisch. Und doch haben sich die Zeiten geändert. Lieb und brav ist ja auch langweilig. Das Coolgirl von heute ist unabhängig, gleichwertig, bringt alles unter einen Hut, ist charakterstark und hat eine eigene Meinung. Ich bin dreißig. In der Gemeinde, in die ich gehe, stehen Frauen ganz selbstverständlich auf der Bühne und predigen, sie sitzen sogar im Leitungsteam. Im Putzteam (’tschuldigung: Housekeeping) sind nicht ausschließlich Frauen anzutreffen und die Bezeichnung Mutter- Kind-Raum ist diskriminierend für das Dutzend Papas, das sich während des Gottesdienstes auf wenigen Quadratmetern mit ihren Babys vergnügt. Das Dienstprofil von Frauen in der Gemeinde unterscheidet sich heute kolossal von den ungeschriebenen Gemeindepflichten, mit denen sich meine Mutter noch rumschlagen musste. Stichwort: Sonntagsschule, Büchertisch, Tischdekorationsteam, Frauenfrühstück. Und doch beobachte ich eine klischeehafte Zurückhaltung, wenn es darum geht, dass sich Frauen mit ihrem Potential in die Gemeinde einbringen.

„AND HIS LOVELY WIFE …“

Vor etwas mehr als zehn Jahren waren mein Mann und ich neue Mitarbeiter eines christlichen Missionswerkes. Unsere erste internationale Mitarbeiterkonferenz stand an. Abend eins im Plenum: Ehrungen und Dienstaltersgeschenke von zig Mitarbeitern. Es wurden Lobeshymnen auf die Taten und Erfolge der Jubilare gehalten. Der Name des jeweiligen Mannes, der diese Erfolge verzeichnen konnte, wurde aufgerufen, und – weil der Mann in Begleitung seiner besseren Hälfte die Bühne beschritt – wurde die Sache abgerundet mit „… and his lovely wife.“ So kamen Dr. Nicolas Smith and his lovely wife. John Miller and his lovely wife. Brian Ross and his lovely wife. Spätestens beim dritten „… and his lovely wife“ war für mich klar, dass ich nie eine solche werden wollte. Nicht aus Trotz, nicht aus aufgesetzter Emanzipiertheit oder Stolz. Einfach weil Gott sich mit mir mehr gedacht hat, als dass ich irgendjemandes lovely wife werde. Aber wenn nicht das, was dann? Frauen stehen heute so viele Türen offen wie noch nie. Ein Privileg, das den Generationen vor uns zu verdanken ist. Die theologische Diskussion ist weitgehend abgeschlossen, wir müssen uns die Türen in der Regel nicht mehr erkämpfen. Man könnte meinen, das Problem sei gelöst. Ist es aber, meiner Meinung nach, nicht. Wir Frauen gehen nämlich an den meisten Türen vorbei oder bleiben kurz vor der Schwelle stehen und sind dabei unzufriedener als die, die zwischen Büchertisch und Frauenfrühstück wählen konnten. Was hält uns davon ab, hindurchzugehen? Sind wir überfordert mit der Wahl? Brauchen wir wirklich männliche Frauenförderer, die uns in eine Aufgabe reinschubsen? Fehlen uns die weiblichen Vorbilder im deutschsprachigen Raum, die mutig Türen durchschreiten? Wollen wir wirklich warten, bis wir grau sind und uns die Vereinbarkeit von Familie und verantwortungsvollen Aufgaben in den Schoß fällt? Warum brauchen wir immer noch Veranstaltungen, women only, versteht sich, bei denen uns unerlässlich gesagt wird, wie wertvoll und innerlich hübsch wir sind? Passt das ambitionierte, etwas laute Mädchen, das mitreden und leiten will, eben doch nicht ganz zu dem Bild der Frau, das wir – vor allem wir Frauen – in der Kirche gerne sehen?

DIENST UNTER BEOBACHTUNG

Ja, wenn wir uns mal durch eine der großen Türen wagen, sind wir Eine unter Wenigen und eine Projektionsfläche unter stetiger Beobachtung – wahrscheinlich mehr als der Mann, der dasselbe tut. Das ewige Vergleichen, der Neid und die Stutenbissigkeit werden uns auch nicht weiterhelfen. Also Schluss damit, liebe Frauen! Wenn wir nicht aufhören, uns stets um uns selbst, unseren miesen Selbstwert und den ganzen Rest des christlichen Weißt-du-eigentlich-immer-noch-nicht-wie-schön-du-bist- Krams zu drehen, kommen wir auch nicht weiter. In einer in Gott gegründeten Selbstverständlichkeit Türen zu durchschreiten, das wünsche ich mir von uns. Nicht auf tausend menschliche Bestätigungen und seelische Streicheleinheiten zu warten, bevor wir es tun – und sich auch nicht entschuldigen und kleiner zu machen, sobald wir es getan haben. Und natürlich brauchen wir auch eure Hilfe, Männer. Seht uns, fördert uns, macht Platz für uns und dann schubst uns! TATSACHE FACHKRÄFTEMANGEL Tatsache ist, es liegt ein riesiges Leitungspotenzial brach. Die Wirtschaft ist uns wohl einen Schritt voraus. Die haben nämlich bereits bemerkt, dass sie sich das Brachland finanziell gar nicht mehr leisten können. Kürzlich habe ich gelesen, dass das Schweizer Sozialsystem mit der traditionellen Rollenaufteilung nicht mehr finanzierbar ist. Der Arbeitsmarkt müsse auf alle verfügbaren Ressourcen zurückgreifen. Heißt das, wenn’s fünf vor zwölf schlägt in Sachen Fachkräftemangel, dann wird doch noch auf die weiblichen Fähigkeiten zurückgegriffen? Dann holt man die Frauen direkt von der Entbindungsstation so schnell wie möglich wieder ins Boot oder friert schon vorher ihre Eizellen ein, damit sie ihre besten Jahre abbekommen. Versteht mich nicht falsch, ich halte wenig bis gar nichts von Quotenfrauen. Ich höre an einer Konferenz lieber einem begnadeten Redner zu als der Lady, die mir im Vorfeld des Anlasses mit ihrem Lächeln auf dem Flyer versichert, dass dies keine reine Männerrunde ist, die aber nicht mehr auf dem Kasten hat als meine Sonntagsschullehrerin vor 25 Jahren. Andersrum genauso: Ich will meine Kinder am Sonntagmorgen in der Gemeinde ja auch nicht einem Quotenmann in die Hände drücken. Sondern einfach Menschen, die ein Herz haben für die Kleinsten. Egal ob Männlein oder Weiblein.

GLEICHWERTIGKEIT SCHLÄGT GLEICHMACHEREI

In den Anfängen meiner Teenie-Jahre war meine innere Erlebniswelt sehr ausgeprägt. Einer meiner Tagträume sah wie folgt aus: In der überfüllten Badeanstalt stehe ich oben auf dem Sprungturm, alle erwarten einen simplen Strecksprung mit Nasezuhalten. Mein erfundenes Heroinnen-Ich absolviert aber einen Salto, wie es ausschließlich die Jungs in unserer Clique draufhatten. Anstatt mich tagträumerisch mit ihnen direkt zu messen, hätte ich mir im realen Leben doch besser mit den weiblichen Möglichkeiten Aufmerksamkeit und Bewunderung eingeholt. Was ich damit sagen will: Wenn wir wissen, dass die meisten Männer über mehr Muskelmasse verfügen als wir, warum dann Armdrücken? Das Kompetitive liegt uns in der Regel weniger und unsere Ellbogen sind eher zurückhaltend. Setzen wir der Muskelkraft doch unsere Eleganz, Smartness, unsere Empathie, unsere Fürsorge für andere oder was auch immer entgegen. Nicht nach Gleichmacherei streben, sondern nach Gleichwertigkeit. Und das ist doch der Punkt. Wozu uns Gott berufen, begabt und bewegt hat, das sollten wir tun. Wenn eine Frau leiten kann, dann soll sie es tun können. Wenn sie nicht dafür gemacht ist, soll sie es bitte lassen. Also weg mit dem Geschlechterkampf und der Stutenbissigkeit. Tauschen wir sie ein gegen wohlwollendes Miteinander-Unterwegssein in der Unterschiedlichkeit der Persönlichkeiten, Lebensentwürfe, Gaben und Positionen. Und um so etwas Simples zu sagen, habe ich tatsächlich mehr als 9.000 Zeichen gebraucht? Typisch Frau!

TAMARA BOPPART lebt mit ihrem lovely husband „Boppi“ im Großraum Zürich. Sie engagiert sich in dem Frauen-Leiternetzwerk www.morethanpretty.net

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  1. Evelyne

    Super Text, Tamara! „Ellbögeln“ ist mir zuwider, „mutiges über-die-Schwelle-schreiten“ ist angesagt.

  2. Anita

    Wie sieht deine Türe aus?
    Meine Türe ist einladend, aus Holz mit wunderschönem Bauernschnitzerei verziert und durch sie hört man Kindergelächter.

    Ich bin dreifache Mutter, ebenfalls nur Mädchen. Immer wieder werde ich gefragt, was ich nebenbei arbeite und merke wie selbstverständlich die Leute davon ausgehen, dass man nebenbei arbeitet. Auch in der Kirche werde ich gefragt, wo engagierst du dich? Und wenn ich sage:“ nichts bzw. nirgends, ich bin 100% Mutter und bin absolut zufrieden damit.“ Sehe ich oft Erstaunen, Entsetzen und Sprachlosigkeit. Gerne engagiere ich mich in der Kirche, wenn bei der Kinderbetreuung jemand fehlt, oder der Frühjahrsputz ansteht… Ich helfe gerne, wenn ich die Zeit dazu habe. Aber ich definiere mich nicht durch meine Arbeit, durch meine Leistung und Position.
    Ich weis wer ich bin, ich weis dass ich schön bin und ich weis dass ich wertvoll bin. Und wie Ivera schreibt: „Aber gleichzeitig wünsche ich mir, dass Mut zur Lücke ebenso Applaus bekommt.“
    Ich bin gleicher Meinung wie Tamara, man ist nicht auf tausend menschliche Bestätigung und seelische Streicheleinheiten angewiesen. Und wir brauchen die Hilfe der Männer. Ja, seht uns, und fördert uns. Und das im Alltag. Ich habe einen „lovely husband“ der mich ermutigt und wertschätzt in meiner Aufgabe als Mutter.
    Gott hat mich zur Mutterschaft berufen, er hat mir die Begabungen „einfühlsam, geduldig und liebend“ gegeben. Ich bin durch meine Türe gegangen. Meine Türe ist die Türe der Familie. Ich habe mich dafür entschieden und bin überwältigend glücklich. Ich würde meine Türe gegen keine Andere austauschen.
    Ich möchte euch ermutigen: Ihr dürft euch trauen „nur“ Mutter zu sein.
    (Ich unterstütze den Text von Tamara, für diejenigen, die die Berufung zu mehr haben und nicht trauen durch die Schwelle zu gehen.)

  3. Friederike

    „Gleichwertigkeit statt Gleichmacherei“ – sehr gut! Trifft es einfach. Ich finde es traurig, dass man mir als Frau immer noch so wenig zutraut. Dass die Arbeit, die ich tue so wenig geschätzt wird. Dass mir „Frauenaufgaben“ zugeteilt werden, auch wenn sie mir gar ncht liegen oder gefallen. Es gibt einem das Gefühl, sich immer wieder neu beweisen zu müssen. Ich wünsche mir, dass (nicht nur Frauen, sondern alle) Christen mehr auf einander Acht geben. Mehr das Potenzial im Anderen sehen, es fördern und dann in Aktion leiten. Sich gegenseitig respektieren und wirklich wertschätzen.

  4. Ivera

    Liebe Tamara
    Danke für deine 9000 Zeichen, einfach wunderbar geschrieben. Intelligent und durchdacht, direkt und doch humorvoll. Eigentlich hätte ich ja gar keine Zeit zum Lesen gehabt, bin ich doch eine von denen, die mutig waren (ja, das war ich wirklich!) und Türen durchschritten haben, indem ich in meiner Gemeinde als Laie, einzige U30 und als allererste Frau den Schritt auf die Kanzel wagte. Bitte richtig verstehen, es geht mir hier keinesfalls um Eigenlob. Aber meine erste Predigt ist nun fast 4 Jahre her und seither bin ich ein zweites Mal Mama geworden. Und eben heute Abend sitze ich mal wieder hier, um eine weitere Predigt zu gebären. Ja genau, dieses Wort wähle ich absichtlich. Mein aktueller Gemütszustand: Froh, dass im Kinderzimmer endlich Ruhe eingekehrt ist. Angespannt, weil bis Sonntagmorgen nur noch wenig Zeit bleibt. Aber ich will vertrauen, dass Jesus mir auch heute hilft. Die Wäscheberge, den leeren Kühlschrank, den Hund auf dem Sofa (das darf er eigentlich nicht…!) und meine Müdigkeit und Erschöpfung nach einem Tag Dirigieren, Organisieren, Erziehen blende ich aus. So gut wie‘s geht, halt. Du fragst, ob wir wirklich warten wollen, bis wir grau sind und uns die Vereinbarkeit von Familie und verantwortungsvollen Aufgaben in den Schoss fallen? Natürlich nicht! Und trotzdem muss ich mir eingestehen, dass eben genau solche „verantwortungsvollen Aufgaben“ neben Familie & Co. eine grosse Zerreissprobe sein können. Dann, wenn das Kind zahnt und die Nächte noch kürzer sind, wenn der Mann im Stau steht und mir das nicht freie Relax-Zeit beschert, sondern wertvolle Arbeitszeit raubt. Wenn Familie und Haushalt mich so brauchen, dass meine 100%, die ich pro Tag zur Verfügung habe, abends um 20 Uhr verbraucht sind, das Predigtskript aber noch leer ist… Nein, es liegt mir fern, zu jammern! Ich liebe meinen Job, weil ich weiss, dass Gott mich genau dort haben will. Am Sonntagmorgen auf der Kanzel, dem ganzen Chaos zu Hause, weil alles andere daneben liegen geblieben ist, zum Trotz!
    Ich bin sicher, du kennst das alles. Und noch mehr, als 4fache Mami. Dass du Hingabe und ein Reinstehen verlangst von uns Frauen, finde ich richtig und wichtig! Aber gleichzeitig wünsche ich mir, dass Mut zur Lücke ebenso Applaus bekommt. Die letzten 5 Jahre als Mami haben mich gelehrt, dass eben doch nicht alles mit Familie zu vereinbaren ist. Und auch nicht vereinbart werden muss. Selbst dann nicht, wenn ich es eigentlich gerne vereinbart hätte. Weisheit und gute Skills, die helfen, verantwortungsvolle Aufgaben neben Familie & Co. zu planen (oder ist alles doch nur eine Frage der Organisation?) ist wohl das, was wir Frauen von heute so dringend brauchen.
    Ich freue mich, noch mehr von dir zu lesen 🙂

  5. Doris Gasser

    Danke Tamara! Super! Habe auch deinen Artikel zum Muttertag irgendwo gelesen: war ebenfalls seeeeehrt gut! Weiter so! Liebs Grüessli, Doris Gasser.

  6. Renate

    differenziert ausgedrückt. gefällt mir.

  7. Böser Mann

    Ja natürlich, wenn demütiges Dienen zu wenig ist, dann hat Gott einen einfach zu Höherem/Anderem berufen. Den Vorgang des Berufenwerdens möchte ich gerne einmal live erleben um dann zu analysieren ob es nicht doch einfach der Wunsch des ambitioniertenn Aspiranten ist.

  8. Genial und super versprachlicht!

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