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Das Wunder von Taizé 

EIN GEBURTSTAGSBESUCH ZUM 75.

Läuft bei mir – ich gönne mir eine Woche Klostergesänge! Nein, keine Angst, ich will keine Nonne werden. Aber warum fahren so viele meiner Freunde und Bekannten nach Taizé und schließen diesen Ort ins Herz? Dieses Jahr bin ich – getarnt als Reisende – dabei und recherchiere vor Ort, auf der Suche nach dem Geheimnis des französischen Örtchens und seiner Kommunität.

Seit ich klein bin, begeistern mich Aussteiger. Einfach alles verkaufen und in die Karibik auf eine einsame Insel ziehen, auf der man sich von Kokosnüssen ernährt. Dort lässt man sich in aller Ruhe die Sonne auf den Bauch scheinen und denkt über das Leben nach – bärtig natürlich. Weit weg von H&M und 9GAG, zelebriert mit Gemütlichkeit, Bierchen und Seelenfrieden.

Nur mit dieser Sehnsucht kann ich mir das Taizé-Wunder erklären. Seit Jahren höre ich von Jugendlichen, die in den kleinen französischen Ort fahren, um dort mit Mönchen einfache Kehrverse zu singen und zu beten. Ich selbst war noch nie dort, bin aber skeptisch. Eine Woche lang lateinische Gesänge bei Kerzenschein? Wo sind da die Kokosnüsse? Die Entscheidung steht fest: Ich verordne mir eine Woche Taizé-Auszeit und setze mich der magischen Rattenfängermusik aus, die meine Freunde immer wieder an diesen Ort zurückkehren lässt. Radikale Ruhe und Zeit für Gott und mich. Halte ich das aus?

Just-Do-It. Auf der Webseite der Kommunität geht es ganz einfach. Ich melde mich an. Meine Busticket-PDF bei Regenbogenreisen (Kein Scherz!) ist auf meinem Desktop gespeichert und starrt mich an wie ein Tor zu einer anderen Welt. Auf nach Frankreich. Als ich kurz darauf beim Mittagessen in der Mensa fallen lasse, dass ich eine Woche Kloster gebucht habe, fallen meinen nichtchristlichen Freunden die Kinnladen runter. Auch sie stehen auf Yoga, Meditation und Jutebeutel, aber das ist ihnen dann doch etwas zu krass. Meine Erwartung steigt.

ANKOMMEN

So friedlich, so freundlich! Ich kann es kaum fassen. Ich sitze in meinem ersten „Abendgebet“. Wir singen von unserer Hoffnung und unserer Freude, der Stärke und dem Licht. Und von Jesus, unserer Zuversicht. Immer wieder dieselbe Textzeile mehrstimmig, melodisch und einfach wunderschön. Die Fahrt ist sehr gut verlaufen und wir wurden mit einem Teller Nudeln begrüßt – sehr sympathisch. Ich werde viel gefragt, warum ich nach Taizé fahre und woher ich komme, wie es mir geht und was ich studiere. Ich fühle mich sehr willkommen.

Mit meinem Ministadtplan in der Hand geht es dann in die Unterkünfte. Taizé ist ein kleines Dorf und gleicht einem größeren Campingplatz. Es besteht aus Aufenthaltsplätzen, Parkplätzen, Zeltplätzen, einem kleinen Park und einem Kiosk. Mittelpunkt ist die Kirche, die mit ihrem Teppichboden und ihrer Schlichtheit einen Touch „Erster-Schultag-in-der-umgebauten-Sporthalle“-Gefühl vermittelt. Da es noch recht kalt ist, schlafen wir in „Baracken“, wobei dieses Wort definitiv zu trist für diese süßen Holzhütten ist. Meine fünf anderen, sehr hilfsbereiten Roomys sollten mich noch die Woche begleiten.

„Ich schätze hier das einfache Leben und wie simpel es ist, mit Menschen und Gott in Verbindung zu treten.“
Barnabas Csomer (23), Bodrogolaszi (Ungarn)

100 JAHRE FRÈRE ROGER

Jedes Feuer beginnt mit einem Funken. Taizé begann 1940 mit Frère Roger. „Ich glaube, dass Jugendliche überall hinströmen, wo sie auf Vertrauen stoßen“, sagte der Gründer und erste Prior einmal. Die Kommunität ist eng mit seinem Namen und seinem Wunsch nach Aussöhnung verbunden. Frère Roger war ein Mann, der zuhören konnte und für seine sanfte Art bekannt war. Im Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg überwand er die Enttäuschung des Krieges mit den Mitteln seines Glaubens: Vergeben, Vertrauen und Versöhnen – Frère Roger fand einen Weg der Annäherung. So wurde 1962 ausgerechnet von jungen Deutschen die „Kirche der Versöhnung“ in Taizè gebaut. Eine Kirche in Frankreich, nach dem zweiten Weltkrieg gebaut von Deutschen mit der Organisation „Aktion Sühnezeichen“: Das gab ein starkes Bild ab. Dieses Jahr wäre der Seniorprior hundert Jahre alt geworden, hätte ihn nicht vor zehn Jahren eine psychisch kranke Besucherin getötet. Frère Alois aus Stuttgart leitet seitdem die Kommunität. Wichtiger als seine Person sei ihm immer die Botschaft gewesen, sagt Frère Alois über den Gründungsprior – einen Mann, der auf ein „Danke für das Essen“ ein „Gott heißt dich willkommen“ antwortete und statt Komplimente anzunehmen lieber zum Weiterdenken anregte.

INVITED TO WORK

In Taizé erwartet mich die gesamte Woche über ein handfester Tagesplan, hier gehen beten und arbeiten Hand in Hand. Zwei Stunden Mitarbeit am Tag sind ein guter Richtwert. Mir wurde der Tipp gegeben, möglichst viel zu arbeiten, da man dabei die Taizébesucher besser kennenlernt. Eine Woche vor Ostern halten sich schon etwa zweihundert Jugendliche in Taizé auf, zu Ostern werden es viertausend werden. Die Essensausgabe mit zu koordinieren, das wird die Aufgabe von uns drei Mädels unter unserem Boss Christopher sein. Die Wahrheit ist, dass wir Tee trinken, herumblödeln und feiern, dass wir nicht zum Kloputzen eingeteilt worden sind. Am Ende wird die hungrige Meute tatsächlich auch noch mit einem 5-Gänge-Menü als Mittagessen, versorgt: Mit einem Keks, Obst, einer Kelle erbsenoder bohnenlastiger Hauptmahlzeit, Käse und Baguette. Sehr lecker! Unsere Hauptaufgabe ist es, das Pappschild „Beautiful people this way“ zu halten und damit das Menschenknäuel zu entwirren. Mit unseren Schürzen und kleinen Kappen striegeln wir dann den Boden, bis es glänzt, während neben uns weitere Helfern singend die Plastikteller und -becher spülen.

DER GOLDFISCH

Wenn man in ein Aquarium schaut, ist das schön, bis man die Erkenntnis hat: Die Fische schwimmen immer nur im Kreis! Wie sinnlos und wie unnütz. Es ist Nachmittag und etwa fünfzig Jugendliche aus verschiedenen Nationen hören Bruder John Maries Goldfischmetapher zu. Ich denke, dieser Bruder hat es auf den Punkt gebracht. Wenn wir Menschen unserem Leben zu lange zusehen, stellen wir fest, wie sinnlos es ist. Und das ist zum Verrücktwerden. Damit befasst sich das biblische Buch Kohelet, aus dem wir während dieser Woche in der „Bibel Introduction“ Texte diskutieren. Meine Kleingruppe quält sich tagelang durch die Themen: Nächstenliebe, die Sinnlosigkeit des Lebens, das Salz der Erde, die Entstehung der Welt und die Hoffnung auf Ewigkeit. Acht Leute, acht Sichtweisen und unzählige Worte in der Sonne später sind alle Unklarheiten mehr oder weniger beseitigt. Ich fühle mich immer weniger wie ein im Kreis schwimmender Goldfisch und immer mehr herausgerissen aus meinem Leben wie ein Vogel, der über das Leben hinweggleitet und endlich mal einen Überblick gewinnt, was da so alles abgeht. Zumindest ansatzweise.

„Dies ist ein einzigartiger Ort, gefüllt mit Ruhe, Schönheit, Lachen und Gottes Anwesenheit.“
Johanna Andersson (24), Umea (Schweden)

EIN ECHTER BRUDER – FRÈRE BENOIT

Auch Frère Benoit hat sich aus dem Leben herausreißen lassen und ist vor zehn Jahren als Mönch der Kommunität beigetreten, weil er nach Einheit in seinem Herzen suchte. Taizé ist ihm zur Heimat geworden, weil er Jesus in Gemeinschaft nachfolgen möchte. „Ich möchte mein Leben nicht tauschen“, sagt der 33-jährige Bruder aus Paris. Frère Benoit ist ein angenehmer Gesprächspartner, bei dem man fast jeden Satz aus dem Kontext herausreißen und auf eine Tasse drucken möchte, so weise wählt er seine Worte. Wie die anderen Brüder verbringt er seinen Tag mit Arbeit in der Töpferei und in Gemeinschaft, im Gebet und mit der Bibel, mit Putzen und den Nachrichten aus aller Welt. „Wir wollen nicht abgeschirmt leben“, erklärt er und verrät, dass er seine Freizeit gerne mit Sport und dem Schreiben von E-Mails verbringt. Ich bin beeindruckt von diesem Mann, der eine so große Ruhe ausstrahlt und so viel Bedeutung in seine wenigen Worte packen kann.

LA SILENCE UND DIE INNERE STIMME

Dreimal am Tag wird zum Gebet geläutet und ein Teil dieser Zeit „in Stille“ verbracht. Während des Gebets lerne ich Niclas kennen, der auf der Suche nach innerem Frieden eine Woche lang „in die Stille geht“, auch wenn sich das schaurig anhört. Er wohnt etwas abseits und hat seinen eigenen „Bruder“, mit dem er Gespräche führen kann. Mir hingegen reichen die zehn Minuten Stille in der Kirche schon aus. Als ich Niclas nach einer Woche frage, ob er seinem Frieden ein gutes Stück näher gekommen ist, sagt er: „Nein. Aber ich habe festgestellt, dass meine Fragen nicht wichtig waren.“ Ein Perspektivenwechsel – kein schlechtes Ergebnis für eine Woche in Abgeschiedenheit. Frère Benoit erklärt mir dieses Phänomen. „Kann man seine innere Stimme im Sturm des Alltags überhaupt hören?“, fragt er mich. Er vergleicht das Leben mit einer Wanderung, bei der man manchmal den großen Rucksack abnehmen muss, um die Landschaft zu betrachten. Er schwärmt von der beängstigenden Schönheit der Meditation und beendet viele seiner Sätze mit einem fragenden „Non?“ Und ich muss sagen: „Oui“ – er hat Recht.

WHERE ARE YOU FROM?

Die Glocken läuten. Ich sitze im Schneidersitz in der Kirche, während die Brüder in ihren weißen Roben die Halle betreten. Vor mir sitzt Chiara aus Italien und ich kann Jeff aus Brasilien in der Menge ausmachen. Er möchte mal Schauspieler werden. Neben mir hocken Sjoukje aus den Niederlanden, die gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen hat, und Gwenoel aus Paris, der sich in einer Arbeitsgruppe mit der Beseitigung von atomarem Müll beschäftigt. Neben ihm sitzt Barnabas aus Ungarn, der letzte Woche in Schottland als Schäfer gearbeitet hat. Noch Fragen?

Auch wenn der Glaube an Gott das Band knüpft, das die Menschen hier verbindet, wird niemand nach seinem Glauben bewertet – und sei er auch noch so zaghaft oder gar nicht vorhanden. „Wir heißen alle willkommen. Niemand muss hier seinen Pass zeigen oder einer bestimmten Religion angehören … ah non!“, lädt Frère Benoit stellvertretend für die siebzig Brüder ein. Wichtig ist eine offene Haltung zu den Menschen und den Erfahrungen. Die Brüder freuen sich deshalb, wenn Menschen anderer Religionen zu ihnen kommen. Man merkt, dass man voneinander lernen kann. „Am Ende bleibt das Gefühl, dass der andere anders ist und doch gleich“, sagt Frère Benoit. Über die Jahre hat er viele Jugendliche gesehen, die schon im jungen Alter sehr verwundet waren und sich nach Taizé aufmachten, um diese Wunden abheilen zu lassen. „Verrückt, dass sie hier zu sich selbst finden, so weit weg von zu Hause und obwohl sie nur für eine Woche hier sind. Und doch sagen viele Jugendliche, dass es das Wichtigste war, sie selbst sein zu dürfen.“

DIE VERÄNDERUNG SEIN

So simpel, so gut: Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest. Wow! Der jährliche Brief aus Taizé von Frère Alois handelt von „Neuer Solidarität“. Was das heißt? Zuerst anzuerkennen, dass wir alle zu derselben Familie gehören. Und dann zu verstehen, dass unsere Solidarität sich nicht nur auf die Menschen beschränken sollte, die uns ähnlich sind. Sie sollte keine Grenzen kennen, sondern Mauern abbauen und Horizonte erweitern. Taizé ist ein Lernfeld für das Leben, ein Alltagsmodell für das Miteinander mit dem Anderen: meinem Nachbarn, dem Fremden in der U-Bahn, dem syrischen Asylbewerber. Taizé ist die Vision von einem Glauben, der sichtbar wird, weil er nicht ausgrenzt, sondern verbindet. Es geht um so viel mehr als eine halbe Stunde Multikulti-a-capella-Gesang.

„Für mich gleicht Taizé einer Utopie in einer Welt voller Hass und Einsamkeit. Ich hoffe, ich kann ein kleines Taizé um mich herum erschaffen.“
Sjoukje Nutma (25), Niederlande

Letzter Tag, ein letztes Mal gemeinsames Gebet, ehe wir uns wieder über den Erdball versprengen. Ich glaube, ich habe das Geheimnis von Taizé gelüftet. Warnung, denn ab jetzt kann es kitschig werden. Ich fühle mich wie ein Teil einer Geheimtruppe wie bei „Oceanʼs Eleven“ oder „Dumbledores Armee“. Wir sitzen zusammen und verabschieden uns nicht großartig. Es ist ein Band geknüpft worden, Freundschaften zwischen den Menschen, die bleiben werden. Ich hatte Glück, hinter die Hüllen der Menschen schauen zu dürfen und kleine Stücke ihres Innersten zu entdecken. Ich fühle, wie wichtig dieses Band ist zum Verständnis der Völker untereinander. Ich bin ein Teil der Veränderung, ein Teil eines weltumspannenden Netzwerkes. Ich bin ein bisschen Frieden.

_MIRIAM FINKHÄUSER ist überrascht, wie schnell in Taizé aus Fremden Freunde wurden.

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  1. Cori

    hab mich mega gefreut, dass ein artikel über taizé kam und hab ihn sofort gelesen, als ich die dran aus dem briefkasten geholt hab 🙂 ich bin auch so ein mensch, der da am liebsten dauernd hinfahren würde, weil es einfach der wahnsinn ist 🙂
    nur zum thema klo putzen: du weißt ja gar nicht, was du verpasst hast 😀 selbst klo putzen ist in taizé ne super sache 😀
    grüße
    cori

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