Sag´ bescheid

Das Zeit-Luxusproblem

„Zerstreuung“ liegt im Trend. Was für die einen mit purer Zeitverschwendung und Freizeitstress verbunden ist, klingt in den Ohren der anderen nach wilder Kreativität und Entspannung. Denn Zeit ist purer Luxus. Und das unabhängig davon, wie sinnvoll wir sie nutzen.

Überall dabei sein wollen. Ständig abgelenkt, statt ganz bei der Sache. Zerstreut wie eine Tütensuppe auf dem Ozean. Oder: Endlich mal nichts leisten müssen. Gedanken fließen lassen, statt gleich Sinn schaffen zu müssen. Zerstreut wie jemand, der sich selbst vergessen kann.

Kaum ein Begriff verändert sich so sehr, je nachdem, aus welcher Perspektive man ihn betrachtet. Petra Löffler hat ihn mit ihrem Buch „Verteilte Aufmerksamkeit: Eine Mediengeschichte der Zerstreuung“ durch die Diskurse der Geschichte begleitet. Sie skizziert, wie sich Verständnis und Bewertung von Aufmerksamkeit und Zerstreuung seit dem 18. Jahrhundert gewandelt haben, wie sich parallel zur Industriellen Revolution auf breiterer gesellschaftlicher Ebene etwas Neues und Nennenswertes herausbildet: die Trennung von Arbeit und Freizeit. Damit kam für die Menschen zunehmend auch die Frage auf, wie Freizeit gut zu gestalten sei.

Diese, für uns so vertraute Frage, war damals tatsächlich neu. Man hatte bis dahin jedes bisschen freie Zeit genutzt, um sich von der Anstrengung der Arbeit zu erholen. Freizeitgestaltung, wie wir sie heute kennen und verfolgen, war eher ein Privileg der Fürsten und Könige. Und diese brauchten für ihr aufwändiges Unterhaltungsprogramm meistens viel von dem Geld des Volkes und nicht selten unglaublich viel Personal. Erst durch Technik entstanden in den Städten „Schauplätze der öffentlichen Zerstreuung“, die Theatersäle, Kinos und deren Vorstufen, die bald schon einer breiten Masse zugänglich sein sollten.

Zerstreuung als Geisteszustand

Denkt man bei Zerstreuung eher an Figuren wie Hans-guck-in-die-Luft, dann kann Zerstreuung auch als Gemüts- und Geisteszustand betrachtet werden. Lange galt übermäßige Zerstreutheit als pathologisches Phänomen, dem Ärzte bis ins 18. Jahrhundert hinein mit einer eigenen Therapie auf die Pelle rückten: Als Behandlungsmethode wurde ein Drehapparat verwendet, auf dem der Patient so lange gedreht wurde, bis ihm regelrecht schlecht wurde. Damit hoffte man, die Person so zu über-zerstreuen, dass sie sich doch endlich wieder fokussieren wolle. Das klappte natürlich schon damals nicht.

Zerstreuung, normal bedenklich

Aber geht es nicht auch andersherum? Ist das Zerstreutsein nicht eher der Normalzustand, während die fokussierte Aufmerksamkeit die Ausnahme darstellt? Kulturwissenschaftler und Philosophen werben um ein positives Verständnis der „verteilten Aufmerksamkeit“ und verweisen auf unser Bewusstsein, das zweifelsfrei in der Lage ist, sehr schnell zwischen verschiedenen Gegenständen hin- und her zu springen. Zerstreuung schaffe die Voraussetzungen, um die Lebens- und Arbeitsansprüche der modernen Welt bewältigen zu können. Grundsätzlich ist diese Fähigkeit deshalb überlebensnotwendig und vielleicht sogar trainierbar. Totale Zerstreuung bedeutet in dieser Denkweise ebenso das Aus wie die uneingeschränkte Aufmerksamkeitskonzentration. Einfache Beispiele findet man im Straßenverkehr: Der zerstreutabwesende Spaziergänger ist ebenso wenig verkehrstüchtig wie der absolutfokussierte Autofahrer: Der Spaziergänger wird leider überfahren, während ein Autofahrer, der wirklich nur auf die Straße konzentriert ist, den von links reinschlendernden Spaziergänger nicht bemerkt. Fast alle Tätigkeiten erfordern ein breites Streuen unserer Aufmerksamkeit – wir müssen in der Regel mitbekommen, was links, rechts und um uns herum passiert.

Kritik ist nicht neu

Aber überfordern uns die vielen kleinen, großen und vor allem medialen Zerstreuungen im Alltag heute nicht eher? Ganz bestimmt! Nur ist die große Skepsis an zerstreuenden Massenphänomenen im Bereich der Technik- und Kulturkritik absolut nichts Neues. Noch im späten 19. Jahrhundert behaupteten Kulturpessimisten, der Mensch würde seelisch durchbrennen, wenn er sich im Zug oder im Auto schneller fortbewegte, als er laufen kann. Der Mensch wundert sich seit jeher, wie viel Information er in kürzester Zeit aufnehmen kann. Daher: Wir können das aushalten!

Spätestens seit unsere Telefone schlauer geworden sind, fällt auf, dass die Zerstreuungsoptionen massiv zugenommen haben. Allerdings sind sie nicht Auslöser des Zerstreuungstrends, sie haben ihn nur deutlich beschleunigt und sich mit gesellschaftlichen Trends wie Individualisierung, Neues Lernen, New Work, Konnektivität, Globalisierung und gestiegener Mobilität zu einem Lifestyle zusammengetan. Wir können ständig mündlich, lautlos schriftlich mit Bildern und Videos in Echtzeit oder zeitversetzt kommunizieren. Wir können unterwegs aktuelle Infos aus dem Internet ziehen oder nebenbei ein bisschen arbeiten. Sind wir neu irgendwo, planen wir die genaue Route nicht mehr vorher, sondern ad hoc an der nächsten Straßenecke. Wann genau ist diese Verwandlung vom unbeschwerten Hans-guck-in-die- Luft zum immer abgelenkten Smartphonezombie vonstattengegangen? Kein Wunder, dass Menschen hier andere Sehnsüchte entwickeln als die, die in und mit Zerstreuung zu befriedigen sind.

Entspann dich.

Vor ein paar Monaten stellte ich diese Frage einem meiner Dozenten, der in einem Nebensatz über den Unterschied von Zerstreuung und Entspannung referierte. Er meinte: Fernsehschauen am Abend kann natürlich eine gute Art von Entspannung sein. Wenn man jedoch nach etwa einer Stunde die Kurve, den Fernseher abzuschalten nicht kriegt, gehe diese Entspannung schnell in Zerstreuung über. Zerstreuung, so der Dozent, sei dann keine Entspannung mehr, sondern wäre in sich wieder eher aufreibend oder gar anstrengend – ganz sicher jedoch spätestens dann, wenn man ins „Zappen“ überginge. „Aber wie geht dann Entspannung richtig?“, fragte ihn die Studiengruppe. Er meinte, um das zu verstehen, solle man sich mit dem Gegenteil der Zerstreuung beschäftigen: mit Sammlung.

Eine gute Idee, denn in Romano Guardinis „Das Gute, das Gewissen und die Sammlung“ aus dem Jahr 1929 stößt man tatsächlich auf wahre, richtig gut verständliche, kleine Schätze. Der katholische Theologe vertrat die Meinung, „dass das Innere, Tiefe, Gesammelte das Wichtigere ist; der Mensch aber eine Neigung ins Äußere, Oberflächliche, Zerstreute hat“ und „daher die dringlichere Aufgabe nach der gefährdeten Seite hin liegt“. Er plädierte dafür, diese Sammlung auch ganz praktisch zu üben. Das kann man tun, indem man etwas bewusst in Ordnung bringt. Oder indem man einfach einmal die Klappe hält, obwohl man eine Nachricht, eine Geschichte, einen Einfall zum Gespräch beitragen könnte. Indem man lernt, einmal nicht zum anderen zu laufen, sondern für sich zu bleiben, um sein Urteil und seinen Entschluss selbstständiger werden zu lassen. Indem man einmal durch eine belebte Straße gehe, ohne mich von der Fülle an Eindrücken ablenken zu lassen. Indem man aus der Jagd des Geschehens, dem täglichen Tun, Wollen, Suchen heraustritt – auch und gerade in der Stille, im Gebet.

Wir brauchen das heute mehr denn je als Gegenpol zu unserem Durchschnittsalltag, als Gegenpol zu unserer Durchschnittsfreizeitgestaltung und vielleicht sogar als Gegenpol zu unserer Durchschnittsreligiösität. Aber lasst uns doch noch einmal genau auf das Zitat schauen: Neigt nicht selbst Guardini zum Differenzieren? Fragt er nicht sogar relativ offen nach der „gefährdeten Seite“? Dem Gesammelten mag dann der Satz vielleicht auch sagen: „Hey, entspann dich und verteile doch fröhlich mehr von deiner Aufmerksamkeit – nicht wohin du solltest, sondern wohin du möchtest.“

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