Sag´ bescheid

Der Motor in dir

„Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.“ Stimmt. Dabei könnten wir auch einfach rumsitzen und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Wiebke Harle auf der Suche nach unseren inneren Quellen.

Nachdenklich schaut der alte Mann aus dem Fenster, bevor er sich langsam umdreht. Grau ist sein Umhang, grau sein Hut und grau sein langer Bart. Nur seine Augen blitzen, als er das kleine Männchen ansieht, das da vor ihm steht und flehentlich zu ihm aufblickt. In seiner Hand ein Ring: golden, unscheinbar – doch scheint sein Gewicht die Hand immer weiter nach unten zu drücken. „Du bist doch weise und mächtig“, sagt der Kleine. „Willst du nicht den Ring nehmen?“ –„Nein!“, ruft Gandalf und fährt hoch. „Damit würde meine Macht zu groß und zu fürchterlich.“ Und der Zauberer bleibt dabei. Er lehnt den Ring ab, weil er die Versuchung kennt, die mit Macht einhergeht: Die Möglichkeit, sie zu missbrauchen. Eine weise Entscheidung, die Gandalf da trifft. Wer weiß, wie J.R.R. Tolkiens Fantasy-Trilogie „Der Herr der Ringe“ ausgegangen wäre, wenn er sich anders entschlossen hätte. Die Macht ist nicht nur eines der Hauptmotive in diesem Epos – tatsächlich, so haben Psychologen herausgefunden, ist das Streben nach Macht auch eine der drei grundlegenden Antriebskräfte des menschlichen Daseins überhaupt. Mal stärker, mal schwächer ausgeprägt, steckt doch ein Hang zur Kontrolle (unserer selbst oder unserer Mitmenschen) in jedem von uns.

Macht ist es also, die uns bewegt. Und was noch? Die Frage nach dem, was uns antreibt, trieb uns unlängst auch in der DRAN NEXT-Redaktion um. Tatsächlich gibt es in der Psychologie einen ganzen Forschungszweig, der wissen will, was uns dazu bringt, das zu tun, was wir tun: die Motivationsforschung. Sie stellt sich genau die Fragen, die uns auch beschäftigten: Warum arbeiten wir zum Beispiel eigentlich bei einer Zeitschrift mit, investieren Zeit, Kreativität und Nerven? Warum strengen wir uns im Studium an – stellen Hausarbeiten fertig, auch wenn uns das Thema null interessiert? Was bringt uns dazu, einen Hauskreis zu leiten? Und warum machen wir nicht einfach immer nur das, worauf wir Lust haben?

Ohne Antrieb kein Leben

Um es erst einmal klar zu stellen: Antrieb ist überall und in uns allen. Ohne ihn könnten wir nicht überleben. Ohne Antrieb würden wir nicht mehr essen, nicht mehr trinken, uns nicht mehr pflegen. An Aktivitäten, die über das Stillen der Grundbedürfnisse hinausgehen, wäre ohne Antrieb gar nicht zu denken. Wer keinen Antrieb mehr hat, der ist in der Regel krank: So ist fehlende Motivation oft ein Symptom bei Menschen, die an Depressionen erkrankt sind. Und auch Demenzkranke sind häufig antriebslos. Von etwas angetrieben zu sein, ist zunächst einmal gesund. Ein starker, innerer Antrieb macht mich noch nicht zu einem Getriebenen.

„Tatsächlich tun viele Menschen alles Mögliche dafür, bei anderen gut anzukommen.“

In „Antrieb“ steckt bereits ein Wort, das uns einen Hinweis liefert, was es denn ist, das uns bewegt – der Trieb. Triebe entstehen dem Psychologen Clark Hull zufolge, wenn wir uns bezüglich unserer biologischen Bedürfnisse in einem inneren Ungleichgewicht befinden. Die Spannung, die dadurch entsteht, dass wir Hunger oder Durst haben, dass wir frieren oder sexuell erregt sind, wollen wir unbedingt abbauen – also essen wir etwas, trinken, ziehen uns einen warmen Pulli über oder schlafen mit unserem Partner. Sobald das jeweilige Bedürfnis befriedigt ist, ist alles wieder im Lot. Zumindest so lange, bis wir erneut einen Mangel verspüren.

Mehr als unsere Triebe

Aber kann das schon alles sein? Nein, fanden auch die Motivationsforscher, denn nicht jedes menschliche Verhalten lässt sich ausschließlich mit der Befriedigung biologischer Bedürfnisse erklären. Schließlich tut der Mensch im Leben doch eine ganze Reihe an Dingen, die nicht in erster Linie etwas mit Trieben zu tun haben. Oder ihnen sogar diametral entgegenlaufen.

Das Streben nach Macht ist eines dieser Motive, die nicht primär der Bedürfnisbefriedigung dienen. Ein weiteres ist der Wunsch danach, anerkannt, geliebt, geachtet und respektiert zu sein. Affiliation heißt das im Fachjargon. Tatsächlich tun viele Menschen alles Mögliche dafür, bei anderen gut anzukommen. So wie vielleicht auch Max Wilderich-Lang. Keine so genannte bedeutende Persönlichkeit, niemand, den man unbedingt kennen muss. Und doch fiel mir sein Grabstein auf, als ich kürzlich über den historischen Friedhof schlenderte, der gleich bei mir um die Ecke liegt. Die Inschrift darauf: „Gründer einer Stiftung für arme und kranke Kinder“. Vielleicht, so dachte ich mir, ging es ihm tatsächlich nur um das Wohl der Kinder. Vielleicht war er aber auch einfach darauf aus, von seinen Mitmenschen geachtet zu werden. Als Wohltäter bekannt zu sein – und schließlich auch als solcher im Gedächtnis zu bleiben. Wie anders ließe sich sonst erklären, dass ausgerechnet diese Botschaft auf seiner letzten Ruhestätte verkündet wird?

Tatsächlich ist dieser Friedhof eine Fundgrube menschlicher Geschichten: Früher schien es groß in Mode gewesen zu sein, sich nicht nur Namen und Lebensdaten auf den Grabstein meißeln zu lassen, sondern die Berufsbezeichnung gleich mit. Da liegen die Gebeine von Reichsbahndirektoren neben denen von Professoren für Philosophie, die Seifenfabrikantensgattin neben dem Oberhofbräudirektor. Ganz offensichtlich lebten diese Menschen in einer Zeit, in der es unheimlich wichtig war, welchen Beruf man ausübte – und damit, welchen gesellschaftlichen Stand man innehatte. Dies war sogar so wichtig, dass die Leute es für notwendig hielten, die Nachwelt darüber zu informieren. Für Männer lautete die Maxime, einen Beruf zu ergreifen, der sie zu „jemandem machte“. Für Frauen galt es, einen Mann zu heiraten, der „jemand war“. Gesellschaftlich anerkannt zu sein – das war der Motor, der die Menschen und die Gesellschaft damals antrieb. Heute ist das vermutlich nicht viel anders, nur dass sich unsere Bestattungskultur inzwischen geändert hat.

Leistung

Ebenso die Jahrhunderte überdauert hat das sogenannte Leistungsmotiv: Menschen wollen über sich hinauswachsen, an ihre Grenzen gehen und diese überwinden. Wie die anderen beiden Motive kann auch das Leistungsmotiv positive und negative Auswirkungen haben. Je nachdem, wie man es eben auslebt: Der Grat zwischen angemessenem Fleiß und konzentriertem Tun auf der einen und Arbeitssucht auf der anderen Seite ist schmal. Gerade in einer Leistungsgesellschaft wie der unsrigen, in der sich immer mehr Menschen über ihre Leistung definieren, ist die Gefahr auszubrennen groß. Besonders für diejenigen, die für eine Sache brennen: Der Pastor, der sich für Gott und für seine Gemeinde begeistert – und aufarbeitet; der Regisseur, der eine Szene so lange wiederholen lässt, bis sie perfekt ist; die Studentin, die sich für eine gute Hausarbeit die Nächte um die Ohren schlägt. Allerdings: Gäbe es die leistungsmotivierten Menschen nicht, so hätte es viele Entwicklungen sicher nicht gegeben, die die Menschheit nach vorne gebracht haben. Vielleicht würden wir immer noch ohne Strom und fließend Wasser in irgendwelchen Höhlen hocken. Bach, Beethoven oder Händel wären die bekanntesten Vertreter der „Neueren deutschen Mittelmäßigkeit“.

Macht

Genauso ein zweischneidiges Schwert ist das Machtmotiv. Reden wir von Macht, so denken wir oft automatisch an Machtmissbrauch: In unserem Kopf entstehen dann sofort Bilder von durchgeknallten Diktatoren, die für ihre Herrscherphantasien über Leichen gehen. Vielleicht kennen wir auch selbst Beispiele aus unserem Umfeld: das Gemeindemitglied, das aus seiner großzügigen Spende ableitet, dass es ja wohl zukünftig selbstverständlich bei allen wichtigen Entscheidungen ein Wörtchen mitzureden hat. Oder die Lehrerin, die bei ihrer Notengebung gern ein bisschen Schicksal spielt. Einfach, weil sie es kann. Genauso gut gibt es jedoch auch hier Menschen, die ihre Macht weise, sinnvoll und zum Wohle anderer einsetzen – die Mitarbeiterin beim Arbeitsamt, die Verständnis zeigt und ihr Möglichstes tut, zu helfen. Den Hauskreisleiter, der nicht darauf bedacht ist, seine Mitglieder herumzukommandieren, sondern der darum bemüht ist, sie zu fördern und zu stärken.

Anerkennung

Menschen, denen wichtig ist, was andere über sie denken, die beliebt und anerkannt sein wollen, neigen eher dazu, sich bei anderen anzubiedern: Sie hängen ihr Fähnchen in den Wind und reden denen nach dem Mund, bei denen sie sich gerade lieb Kind machen wollen. Vielleicht ertappen sie sich auch immer wieder dabei, wie sie schlecht über andere reden, um selbst den ein oder anderen Lacher auf ihrer Seite zu haben. Häufig sind es dieselben, die sich für andere aufopfern, die hier die Kinderbetreuung übernehmen, dort einen Kuchen backen, für jeden immer und überall ein offenes Ohr haben: ganz einfach deshalb, weil sie nicht ,Nein‘ sagen können, aus Angst davor, dann fallen gelassen zu werden. Unsere Gesellschaft würde zusammenbrechen, wenn es sie nicht gäbe, weil sie sich ins Ehrenamt investieren wie kaum ein anderer. Weil sie gerne Beziehungen zu ihren Mitmenschen aufbauen und ihnen diese Bindung wichtig ist. Auf sie kann man sich verlassen.

Der Knackpunkt bei der Sache mit den Motiven: Mein Antrieb sagt noch nichts aus über die Richtung, in die sich die Energie freisetzt. Mal zum Guten, in anderen Momenten zum Schlechten. Deshalb ist wichtig, dass ich mich gut kenne und weiß, welches Motiv mich persönlich am stärksten antreibt. Denn nicht bei jedem Menschen sind alle drei gleich stark ausgeprägt. Und wenn ich es dann weiß, kann ich mich selbst immer wieder hinterfragen: Treffe ich diese Entscheidung, weil sie gut ist, oder nur, weil ich die Macht dazu habe? Nur, weil mich die Leistung als solche reizt? Nur, weil ich möchte, dass der andere mich mag? Wenn ich weiß, was mich antreibt, kann ich viel besser die Richtung ansteuern, in die es gehen soll. Ich will kein Spielball meiner Motive sein – sondern selbst entscheiden können, wo die Reise hingehen soll. Und, was treibt dich an?

Wiebke Harle glaubt, zu wissen, welches Motiv sie vor allem antreibt. Und hofft, gut damit umzugehen.

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Hinterlasse doch Kommentare  |  2

  1. WiebkeHarle

    Hallo! Ich bin gerade erst durch Zufall auf deinen Kommentar gestoßen. Ist ja jetzt schon eine Weile her. Freut mich sehr, dass dir mein Artikel gefallen hat Für mich als Nicht-Psychologin war das zugegebenermaßen kein ganz leichtes Thema – umso schöner finde ich dein Feedback!

  2. AndyMaraBraun

    Ich studiere Psychologie und beschäftige mich gerade im Rahmen eines Seminars viel mit Motivation und den drei Hauptmotiven; der Artikel ist wirklich sehr gut geschrieben: gut fundiert, für den (Nicht-Fach)-Leser sehr gut verständlich und anregend! Ein großes Lob!:)

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