Sag´ bescheid

Die Angst davor, keine Angst mehr zu haben

„Wir haben Angst, etwas zu verlieren, weil wir so viel haben.“

Wir alle haben Angst vor der Zukunft, vor Krankheit oder Enttäuschung. Dabei könnten wir eigentlich recht sorgenfrei durchs Leben gehen.

Stellen wir uns eine junge Frau vor, nennen sie Vanessa, und fragen uns mal, was eigentlich ihr Problem ist: Sie ist Mitte zwanzig, bald mit dem Studium fertig, lebt in einer hübschen WG, wobei der Vater ihre Miete zahlt. Einen Nebenjob hat sie trotzdem, denn für den eigenen Lebensunterhalt will sie unbedingt selbst aufkommen. Sie ist krankenversichert und auf ihrer letzten Geburtstagsparty waren fast fünfzig Gäste, natürlich auch ihre vier besten Freundinnen, denen sie alles anvertrauen kann.

Vanessa ist zwar keine Bombenschönheit, aber irgendwie schon recht ansehnlich und supernett, weshalb sie schon ein paar Dates mit wirklich interessanten Männern hatte, sich aber noch nicht so richtig entscheiden konnte, mit wem sie wirklich länger zusammen sein will. Ach ja, einen deutschen Pass hat sie auch, wobei sie wahrscheinlich gar nicht im Blick hat, was das wirklich heißt. In ihrer hippen Gemeinde hütet sie jeden zweiten Sonntag die Kleinkinder, weil sie so erzogen worden ist, dass Gott für seine Kinder sorgt und sie das auch wirklich glaubt und das irgendwie weitergeben will, auch wenn sie noch nicht so wirklich weiß, was das jetzt mit der Krabbelgruppe zu tun hat. Also, wo ist das Problem?

ANGST – DER IRRATIONALE DAUERZUSTAND

Vanessa hat kein Problem, sondern erlebt einen Dauerzustand, der uns ebenso irrational wie bekannt vorkommt: Angst. Und hier geht es jetzt nicht um Angst vor Monstern, Hunden oder Spinnen in der Dusche, sondern um die Angst vor der Zukunft, vor Enttäuschungen, vor Krankheiten oder vor materiellen Verlusten. Jeder hat solche Ängste – und steht damit wirklich nicht alleine da.

Die umfangreiche Shell-Jugendstudie fragt unter anderem regelmäßig Angstthemen ab, und da kommt immer wieder das Gleiche raus: Junge Deutsche haben vor allem Angst vor einer schlechten Wirtschaftslage und der drohenden Armut und Arbeitslosigkeit, die damit verbunden ist. Fast drei Viertel der Befragten haben diese Themen ganz oben auf ihrer Liste angekreuzt. Über die Hälfte hat Angst vor Krankheit, immerhin fast 40 Prozent vor Angriffen auf die eigene Person. Ein Drittel fürchtet sich außerdem vor Diebstahl.

Aber auch die Erwachsenen haben ähnliche Ängste: Hier stehen steigende Lebenshaltungskosten an erster Stelle. Als Pflegefall zu enden oder als Rentner einen geringeren Lebensstandard zu haben, befürchtet immerhin noch die Hälfte. Außerdem prominent: Einsamkeit im Alter (fast ein Drittel) und das Zerbrechen von Partnerschaften (16 Prozent). Dazu kommen Naturkatastrophen, Kriege, Terrorismus – und, leider ja – Ausländer. Ein optimistischer Blick in die Zukunft sieht anders aus.

Auch Vanessa ist in ihrem Umfeld keine Exotin. Ihre jüngere Schwester macht gerade eine Ausbildung zur Goldschmiedin, ist sich aber nicht sicher, ob es das wirklich was für sie ist. Schließlich will sie nicht mit vierzig Jahren unzufrieden in ihrem Job festhängen. Vanessas beste Freundin ist seit vier Jahren mit ihrem Freund zusammen. Eigentlich passt alles, aber sie hat Angst, sich mit einer Heirat den Rest des Lebens zu verbauen – es könnte ja doch noch ein besserer Partner irgendwo auf sie warten.

ANGST VOR DEM UNKONTROLLIERBAREN

Man könnte diese Beispiele endlos weiter führen: Die Angst, einer Aufgabe nicht gerecht zu werden. Die Angst, am Ende des Lebens zurückzuschauen und zu denken: Ich hätte es anders machen müssen. Die Angst, als ewiges Talent verkannt geblieben zu sein. Aber auch etwas greifbarere Ängste machen bei uns die Runde: Die Angst vor schweren Krankheiten, die Angst, eine geliebte Person zu verlieren, oder ganz allgemein: Die Angst vor allem Unkontrollierbaren.

Grob lassen sich unsere Ängste, die zwar noch so persönlich und individuell sind, in drei Gruppen einteilen: Materielle Ängste wie zu wenig Auskommen oder der klassische Wohnungsbrand, zweitens die Angst um das eigene Wohl – körperlich um die eigene Gesundheit und seelisch um die Akzeptanz anderer Menschen – und drittens die Angst vor einer ungewissen Zukunft und den damit verbundenen Entscheidungen, die auf uns warten.

Dabei sollte uns schnell auffallen, dass viele Ängste jeglicher Grundlage entbehren: Wer von uns wurde tatsächlich schon einmal ausgeraubt? Wer hat auf einen Schlag schon einmal alles Hab und Gut verloren? Wie realistisch ist ein Terroranschlag? Was bringt es, sich über den Euro-Wert in sechzig Jahren zu sorgen?

WIE EXISTENTIELL IST UNSERE ANGST?

Wir wollen ja gar nicht die große Moralkeule schwingen. Aber unsere Ängste sind größtenteils First-World-Problems, also Probleme, mit denen sich ein Großteil der Menschheit überhaupt nicht herumschlagen muss, weil er ganz andere, existenziellere Ängste hat. Diese kennen wir gar nicht, denn in Deutschland wartet nicht hinter jeder Straßenecke jemand mit einer Pistole, der Staat ist – zumindest im Vergleich – eigentlich auf unserer Seite, wir haben jeden Tag genug zu essen. Und selbst wenn uns all unser Hausrat gestohlen wird, haben wir ihn doch versichert. Wenn wir krank werden, werden wir exzellent versorgt, ohne dass wir den Arzt bestechen müssen. Was ist schon unsere Angst davor, sich mit einer unkonventionellen Meinung zu blamieren und deshalb aus Freundeskreisen ausgegrenzt zu werden, gegenüber der Angst anderer Menschen, für eine unkonventionelle Meinung gehängt zu werden?

Unserem Land geht es so gut, uns selbst geht es so gut. Wir haben alle Möglichkeiten, uns selbst zu verwirklichen. Unicef veröffentlicht regelmäßig Berichte zur Lage der Kinder und Jugendlichen im internationalen Vergleich, zum Beispiel die Ausgangslagen und Zukunftschancen junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Deutschland steht ziemlich weit oben – die Angst vor Arbeitslosigkeit hat trotzdem jeder vierte Jugendliche. Zum Vergleich: Die USA stehen, was das Lebensumfeld als Bedingung für einen erfolgreichen Einstieg in den Arbeitsmarkt betrifft, im Vergleich von 21 untersuchten Industriestaaten am Tabellenende – doch dort hat nicht einmal jeder Zehnte eine so trübe Sicht auf seine Zukunft. Niemand sonst ist im Vergleich so ängstlich wie wir. „In Deutschland dominiert die Gefahr des Scheiterns das Denken“, resümieren daher die Soziologen Hans Bertram und Steffen Kohl von der Humboldt- Universität zu Berlin in ihrer Unicef-Untersuchung. In den USA gehöre hingegen ein gesunder Optimismus zur gesellschaftlichen Kultur. Kommt hier wieder der typisch deutsche Pessimismus zum Vorschein? Ist unsere Zukunftsangst vielleicht sogar soziokulturell anerzogen?

ES KÖNNTE IMMER BESSER SEIN

Aus den Untersuchungen lassen sich zwei Ursachen für unsere Ängste herauslesen: Erstens sind wir unzufrieden mit unserem im Weltmaßstab elitär hohen Lebensstandard oder vertrauen nicht darauf, dass er anhält. Wir können uns nicht vorstellen, dass wir tatsächlich glücklich sein können, weil es kein Glück ohne Haken gibt. Es kann immer besser gehen, es muss immer besser gehen. Schlechte Wachstumsprognosen sind schlechte Glücksprognosen. Wir sind durch Erziehung oder gar durch die Geschichte unseres Landes darauf getrimmt, es bloß richtig zu machen. Alle Möglichkeiten auszuschöpfen und nichts zu verpassen.

Zweitens sind die Ängste Früchte der Möglichkeiten, die wir haben. Wir haben nur Angst davor, den falschen Partner zu wählen, weil wir uns unseren Partner aussuchen können. Wir haben Angst vor einem falschen Job, weil wir uns unseren Job aussuchen können. Wir haben Angst, etwas zu verlieren, weil wir so viel haben. Wir haben Angst vor der Zukunft, weil wir sie gestalten können. Nur weil es uns so gut geht, haben wir Angst.

Bündeln wir all unsere Ängste, geht es hier um Kontrolle. Es könnte eben doch das Unplanbare geschehen, das Leben aus unserer Hand gleiten. Wir können nicht kontrollieren, ob unser Job uns glücklich macht oder unser Partner uns treu bleibt. Die größte Freiheit, die wir in diesem Land „genießen“ – die Selbstbestimmung –, erzeugt bei uns die größten Ängste. Wir könnten uns ja falsch selbstbestimmen. Der wirkliche Großteil der Weltbevölkerung kann darüber nur lachen und verständnislos den Kopf schütteln – wenn überhaupt.

ANGST VOR DER DEM KONTROLLVERLUST

Da war noch etwas, was wir mit Vanessa gemeinsam haben. Haben wir nicht gelernt, dass es einen Vater gibt, der sich nicht den unkontrollierbaren Schicksalsschlägen dieser Welt unterordnet und stattdessen für uns, jeden einzelnen, sorgt? Haben wir nicht alle schonmal die Geschichte von den Vögeln gehört, die nicht säen und ernten und trotzdem versorgt werden?

Wir haben Angst, bei der eigenen Lebensverwirklichung die Kontrolle zu verlieren – dabei wissen wir doch, dass uns erst dieser Kontrollverlust Gottes Sicherheit spüren lassen würde. Wir könnten unser Leben in seine Hände geben, alle Kontrolle abgeben. Obwohl wir wissen, dass es uns von jetzt auf gleich aller Ängste entledigen würde, haben wir die größte Angst vor eben genau dieser totalen Kontrollabgabe.

Wenn wir schon nicht begreifen können, wie gut es uns im Vergleich mit anderen geht, wie unbegründet unsere Ängste teilweise sind, und stattdessen trotzdem Sorgen-Weltmeister bleiben: Wie viel schwerer fällt uns offensichtlich der Glaube an und das Vertrauen in ein noch viel besseres Leben, das wir haben könnten?

Ist es das, wovor wir uns fürchten?

Text: Simon Wörpel hat schon viele Ängste besiegt, aber immernoch nicht die vor großen Hunden.

 

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  1. Ängste gehören weinfach zum Leben. Manchen sollte man sich stellen. Manchen wohl eher nicht (z. B. vom Hochhaus springen).

    Ängste hinter sich zu lassen bringt Freiheit, doch es hat einfach auch seine Grenzen.

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