Sag´ bescheid

Die Verspotteten

IN DER DDR ALS JUNGER CHRIST ZU LEBEN, FORDERTE FAST IMMER ENTSCHEIDUNGEN ZWISCHEN MITMACHEN UND MUT. WIR BLICKEN ZURÜCK IN DIE GESCHICHTE, DIE UNS HERAUSFORDERT, HEUTE UNSEREN GLAUBEN ZU LEBEN.

Ich bin Ossi. Das merkt man, wenn ich „übelst toll“ sage. Und daran, dass ich für Ausbildung und Arbeit in ein anderes Bundesland gezogen bin. Aber ich bin 1985 geboren. In meiner Kindheit wöchentlich die vergammelten Kartoffeln im Gemüseladen zu riechen, daran kann ich mich noch erinnern. Das ist meine persönliche DDR. Meine Eltern sind auch Ossis, sogar Christen-Ossis. Das merkt man daran, dass sie auf dem Standstreifen halten und Gott für die Friedliche Revolution danken, wenn sie über die ehemalige Grenze fahren. Man merkt es, wenn sie über die fünfzig Euro für einen neuen Pass nicht schimpfen, sondern staunend Sachen sagen wie: „Mensch, ich geh hier aufs Amt und bekomme einfach so meinen Pass!“. Oder daran, dass wir gebührend mit Kuchen feierten, als ich zum ersten Mal wählen durfte. Meine Eltern hatten beide in der zehnten Klasse einen Einser-Durchschnitt und beide durften kein Abitur machen und nicht studieren. Weil sie weder bei den „Pionieren“ noch in der „Freien Deutschen Jugend“ waren, den Jugend-Organisationen der DDR und weil sie die Jugendweihe ablehnten. Rein formell wurde Religionsfreiheit in der DDR-Verfassung garantiert. Aber Karl Marx zufolge galt Religion als „Opium des Volkes“: Die Hoffnung auf den Himmel lenke den Menschen von den Problemen auf der Erde ab oder vertröste ihn nur. Marx wollte aber den „Klassenkampf“ und die Herrschaft des Proletariats. Die Ablenkung von diesen Zielen war inakzeptabel.

Daher waren Sozialismus und Atheismus in der DDR eng verknüpft. Massen organisationen sollten die Bürger zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erziehen – die dann an ihre „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ (SED) glaubten und sie mit fast religiös anmutenden Liedern priesen wie: „Sie hat uns alles gegeben, (…) und sie geizte nie, wo sie war, war das Leben, was wir sind, sind wir durch sie. Sie hat uns niemals verlassen (…) Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“ (Im selben Lied wird die Partei positiv auf Stalin und Lenin gegründet …).

1953, als die Menschen überall in der DDR gegen das noch junge Regime auf die Straße gingen, wurde die „Junge  Gemeinde“, die Jugendarbeit der Landeskirchen, verfolgt und als „illegale Organisation“ angeschwärzt. Junge Christen kamen ins Gefängnis. Später ging man subtiler vor: Firmung und Konfirmation wurden durch die „Jugendweihe“ ersetzt, Religion als Schulfach abgeschafft, Kirchen gesprengt, Schüler verspottet, Karrieren verbaut, aktive Christen von Spitzeln der „Staatssicherheit“ ausspioniert, Publikationen zensiert und Freizeitgestaltung wie Sport und Spiel in der Kirche verboten: christliche Freizeiten mussten in der DDR „Rüstzeit“ heißen, um ihren verpönten christlichen Charakter klar zu kennzeichnen. Und christliche Begriffe wurden aus der Sprache gelöscht: Man sagte nicht mehr „fünfhundert Jahre vor Christus“, sondern „vor unserer Zeitrechnung“, nicht „Engel“, sondern „geflügelte Jahresendfiguren“.

Mit Erfolg: Gab es 1950 in der DDR noch 85 Prozent evangelische Christen in den Landeskirchen, waren es 1989 nur noch 25 Prozent. Andererseits formierte sich durch den Druck von außen die  Opposition in den Kirchen gegen das  Regime vermutlich stärker, als sie es sonst getan hätte – und die mit ihren Montagsgebeten schließlich entscheidend zu den Umwälzungen beitrug. Der jahrelange Druck hat bis heute seine Spuren hinterlassen: Man steht der Gesellschaft skeptischer gegenüber als im Westen, verschließt sich vielleicht stärker und erwartet schneller Gegenwind, wenn andere vom eigenen Glauben erfahren. Dieses Gefühl hat – mit dem Geruch von vergammelten Kartoffeln – auch in mir überlebt.Nicht alle Christen wurden in der DDR diskriminiert und auch nicht alle auf dieselbe Art. Manche durften studieren, obwohl sie nicht in der FDJ waren. Und manche Lehrer fingen den politischen Druck ab und leiteten ihn nicht an ihre Schüler weiter. Aber jedem Christen stellten sich Gewissensfragen: Verleugne ich Jesus, wenn ich zu den „Pionieren“ gehe? Ist mir mein Glaube so viel wert, dass ich den Spott meiner Mitschüler und ein verbautes Studium ertrage? Ist es überhaupt weise, sich komplett gegen das Regime zu stellen oder braucht man nicht gerade hier Christen in allen Gesellschaftsschichten, auch unter den Akademikern? Oft machten Eltern und Lehrer Druck, wollten Kindern die Zukunft nicht verbauen. Manche Christen wählten den Kompromiss, feierten Jugendweihe und ein Jahr später Konfirmation. Anderen ging auch das zu weit.

Am 3. Oktober feiere ich den Untergang eines Landes, das ich nur noch aus Erzählungen kenne. Und überhaupt: Es war nicht alles schlecht in der DDR und heute ist nicht alles gut. Grund zum Feiern habe ich am 3. Oktober trotzdem genug. Ich feiere eine Revolution ohne Blut – so einmalig in der Geschichte, dass es keine Verwechslung gibt, wenn man nur „Friedliche Revolution“ sagt. Ich feiere, dass  Gebete Mauern einreißen können. Ich feiere Freiheit und Selbstbestimmung. Ich feiere Religionsfreiheit und Demokratie – und dass diese großen Worte keine Selbstverständlichkeit sind. Ich feiere jeden Stempel im Pass, der bedeutet, dass ich frei bin zu reisen. Ich will mich erinnern und dankbar werden. Wir kennen das Happy End. Wissen, dass die Mauer fiel. Wirklich mutig, wer das nicht wusste – und trotzdem Nein sagte. Darum will ich weiter  Geschichten hören von Menschen, die nicht zu allem nicken, und mich daran erinnern, was Kurt Tucholsky schrieb: „Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“

Lydia Schubert ist in D-Zwickau geboren und hat in D-Leipzig studiert.

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