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Eine neue Schöpfung

„Gemeinde ist mehr als nur Sammelstelle für komplizierte Persönlichkeiten.“

 

Gemeinde. Dieses Wort ruft ambivalente Gefühle hervor. Es spuckt Bilder von guten Freunden, Gotteserfahrungen und ermutigenden Erlebnissen, aber auch Gedanken an verkrustete Strukturen, Engstirnigkeit und um sich greifende Langeweile aus. Und doch ist Gemeinde mehr als nur eine Sammelstelle für komplizierte Persönlichkeiten und Hort der Mittelmäßigkeit. Sie ist Träger einer großartigen Hoffnung. Sie gilt für alle Gemeinden, ob traditionelle Großkirchengemeinden, kämpferische Freikirchen, hippe Jugendkirchen, emergente Freelancer oder eigenbrötlerische Hauskirchen. Denn Gemeinde ist mehr als nur ein paar Leute, die das Gleiche glauben und zusammen kommen. Sie ist eine Konsequenz dessen, was Gott ist, fühlt und mit dieser Welt vorhat. Sie ist Teil des Planes Gottes, der sich in der Geschichte entfaltet. Gemeinde ist die Gemeinschaft der Leute, die von Gott zum wahren Leben erweckt werden!

Dafür müssen wir ein bisschen weiter vorne ansetzen. Wir machen eine kleine, rasante Rundreise durch die Storyline der Bibel. Gleich zu Beginn wird von einem einzigartig angelegten Garten erzählt, in dem Gott, der König, die Welt durch seine Verwalter, die Menschen, regiert. Sie haben einen Auftrag: Sie sollen seine Herrlichkeit und Schönheit in die Welt tragen. Von Anfang an sind diese zwei Kickstarter von Gott auf Gemeinschaft angelegt. Alles scheint perfekt, doch dann ist da diese Frucht. Die Menschen wollen ihr eigener Herr sein, das Böse infiltriert die Welt und bringt den Tod. Beziehungen zerbrechen, Gemeinschaften lösen sich auf. Gott hat keine Schönheitsträger mehr und die Welt ist voll von Hass und Leid statt voller Herrlichkeit. Das Projekt droht zu scheitern, gleich nachdem es begonnen hat.

Doch so leicht gibt Gott nicht auf. Er wählt sich einzelne Personen und schließlich ein Volk, um sein Projekt auf die richtige Bahn zu bringen. Diese ausgewählten Menschen sollen die Keimzelle sein, in der Gottes gute Regierung Wirklichkeit wird und sich von da aus in alle Welt ausbreitet (1. Mose 12,2). Wenn schon seine Herrlichkeit nicht die ganze Welt durchflutet, dann soll sie wenigstens an einem festen Ort, im Tempel, zu finden sein. Hier soll Leben so gelebt werden, wie es gemeint war: Harmonisch, in Beziehungen, die heilen und Gott verherrlichen.

Doch das Böse macht auch keinen Halt vor diesen Auserwählten. Sie scheitern, das Volk Israel muss ins Exil. Gott fühlt sich so, als sei seine Braut, die er aufopfernd liebt, fremdgegangen (siehe Hosea und Hesekiel 16). Aber auch nachdem das Volk aus dem Exil zurückgekehrt ist, regiert nicht Gott in Israel, sondern fremde Völker. Die ganze Zeit aber schlummert diese Hoffnung im Volk, dass Gott sein Projekt noch nicht aufgegeben hat. Dass er sie ein für allemal aus dem Exil und von den Feinden befreit und sein Volk wiederherstellt. Wenn das passiert, wenn Gott wieder König wird und über die Menschen regiert, sodass sie zu seinen Schönheitsträgern werden, dann – so hoffte man sehnsüchtig – werden nicht nur die Römer aus dem

Land vertrieben, sondern der wahre Feind, der Tod, könnte keine Macht mehr haben. Diese „Rückkehr des Königs“ würde die Welt so erschüttern, dass die, die immer treu zu ihm gehalten haben, auferstehen werden. Damit würde die Story wieder neu von vorne aufgerollt: eine neue Schöpfung durch Gottes Geist. Malerische Bilder wie ein Feld voller toter Knochen, das zum Leben erweckt wird (Hesekiel 37), erzählen von dieser Hoffnung: Der Geist Gottes belebt und erfüllt seine Kinder (Joel 3,1-2). Manchmal wird diese Hoffnung auch in einer Person gebündelt, einem neuen König, einem Auserwählten Gottes, der stellvertretend für sein Volk und die Menschen all das bewirken würde – der Gesalbte, der Messias bzw. Christus.

Als dann Jesus von Nazareth auftritt, stellt er sich durch seine Worte und Taten als derjenige dar, der diese Hoffnung in Realität verwandelt: „Der Geist des Herrn hat von mir Besitz ergriffen, weil der Herr mich gesalbt und bevollmächtigt hat. Er hat mich gesandt, den Armen gute Nachricht zu bringen, den Gefangenen zu verkünden, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen werden. Den Misshandelten soll ich die Freiheit bringen, und das Jahr ausrufen, in dem der Herr sich seinem Volk gnädig zuwendet.“ (Lukas 4,18-19).

Eine neue Menschheit
Diese lange Vorgeschichte weitet unseren Blick für das, was Gemeinde eigentlich ist. Ein buntes Prisma an Bildern öffnet sich, von dem die neutestamentlichen Autoren vielfältigen Gebrauch machen: eine neue Menschheit, eine neue Schöpfung, der Leib des Messias, der Tempel, die Geliebte Gottes.
Denn mit Jesus sollte die Story nicht enden. Er ist nur der erste des erneuerten Gottesvolkes (Kolosser 1,18). Mit ihm wird das Projekt neu gestartet. Durch ihn und in ihm soll das Volk Gottes wiederhergestellt werden (Titus 2,14): „Ihr aber seid das erwählte Volk, das Haus des Königs, die Priesterschaft, das heilige Volk, das Gott selbst gehört. Er hat euch aus der Dunkelheit in sein wunderbares Licht gerufen, damit ihr seine machtvollen Taten verkündet.“ (1. Petrus 2,9) Die Juden und überhaupt alle Menschen finden wieder zu ihrer wahren Bestimmung, sie werden wieder zu Schönheitsträgern verwandelt und bringen Gottes Herrlichkeit in die ganze Welt und zu allen Menschen. Sie erstehen zum wahren Leben auf. Jetzt schon symbolisch und in der Zukunft ganz leibhaftig.

Eine neue Schöpfung
In 2. Korinther 5,17 drückt Paulus das sinngemäß so aus: „Wenn jemand im Messias ist; ist er eine NEUE SCHÖPFUNG!“ Es entsteht etwas ganz Neues. Nicht nur dieser Mensch ist neu, sondern auch um ihn herum und in seinen Beziehungen lässt Gott neues Leben aufblühen. Die Gemeinde überhaupt ist ein Zeichen davon. Die neue Menschheit ist geprägt von Versöhnung (Epheser 2,15): Gott macht aus verfeindeten Gruppen, Juden und Heiden, eine neue Einheit. Er reißt die Mauern, die wir so oft zwischen „uns“ und „den anderen“ aufbauen, nieder! In der neuen Messiasfamilie, in der alle Söhne und Töchter Gottes sind, werden Fremde und mir so ganz und gar nicht Seelenverwandte zu Brüdern und Schwestern, wie die häufige Anrede von Paulus belegt; mit allen Schwierigkeiten, die sich in einer Familie so auftun.

Der Leib
Diese neue Gemeinschaft wird durch den Geist Gottes möglich, der durch Jesus in die Herzen der Menschen ausgegossen wird (Apostelgeschichte 2,17+33). Sie sind dadurch eng mit ihm verbunden, sind sein Leib (1. Korinther 12). Das ist eine Erkenntnis aus dem Abendmahl (1. Korinther 10,16-17) und aus Paulus Erfahrung auf dem Weg nach Damaskus. Der auferstandene Jesus begegnet ihm und fragt: „Warum verfolgst du MICH?“ Dabei hatte Paulus doch die Nachfolger Jesu verfolgt. So eng war die Verbindung, dass Paulus sie als organische Einheit beschrieb. Darum passt das etwas unbequem und alt anmutende Wort „Leib“ auch viel besser, um diese Beziehung zu beschreiben, denn es bezeichnet immer nur etwas Lebendiges. „Körper“ bezeichnet oft auch statische und kalte Objekte, z.B. in der Mathematik. Ganz offensichtlich geht es auch nicht um Einzelne, die lose zu einer Gruppe gehören, sondern um eine Gruppe, die aufeinander bezogen ist, in der der Einzelne seinen Nächsten braucht. Wenn jemand zu Jesus gehört, dann kann er oder sie das nie alleine. Denn wenn jemand zum Messias Jesus gehört (das Neue Testament benutzt meistens die Worte „IN Christus/ IM Messias“), dann ist er sofort eingebunden in diesen Leib.

Die Baustelle
Dabei besteht diese Gemeinschaft immer noch aus ganz normalen Menschen, die auch zerbrochen, verletzlich und verletzend sind. In sich selbst und zu ihren Mitmenschen. Die Gemeinde ist eine große Baustelle. Zum Glück ist Jesus schon der Grundstein und der Baumeister. Durch ihn wird sie zu dem Haus erbaut, in dem Gott selbst wohnen will. In aller Unvollkommenheit wohnt der Geist Gottes in diesen porösen Mauern: „Denn ihr seid ja in den Bau eingefügt, dessen Fundament die Apostel und Propheten bilden, und der Eckstein im Fundament ist Jesus Christus. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten, durch ihn, den Herrn, wächst er auf zu einem heiligen Tempel. Weil ihr zu Christus gehört, seid auch ihr als Bausteine in diesen Tempel eingefügt, in dem Gott durch seinen Geist wohnt.“ (Epheser 2,20-22) Menschen werden zur Wohnung Gottes, zu einem heiligen Ort.

Die Braut
Trotz ihrer Fehler: Jesus liebt die Gemeinde. Sie ist die Braut, die sich wieder auf dem Weg zurück zu ihrem Bräutigam, dem Epheser 5 über die Ehe redet und wie Frau und Mann miteinander umgehen sollen, da scheint es ihn plötzlich zu packen. Er wendet sich kurz ab von seinem roten Faden, weil er so begeistert ist von der Liebe Jesu: „Ihr Männer, liebt eure Frauen so, wie Christus die Gemeinde geliebt hat! Er hat sein Leben für sie gegeben … Denn er wollte sie als seine Braut in makelloser Schönheit vor sich stellen, ohne Flecken und Falten oder einen anderen Fehler, heilig und vollkommen. Ihr kennt das Wort: »Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter, um mit seiner Frau zu leben. Die zwei sind dann eins, mit Leib und Seele.« In diesem Wort liegt ein tiefes Geheimnis. Ich beziehe die Aussage auf Christus und die Gemeinde.“ (Epheser 5,25-32) Jesus verlässt seine Herrlichkeit, um die verlorene Menschheit zu suchen und zu gewinnen, so sehr liebt er sie. So sehr liebt er diesen trägen Haufen, die konservativen Spießer, die anstrengenden Erneuerer, die Gemeindehopper und alle anderen. Vielleicht können wir langsam lernen, uns selbst zu lieben, auch als Gemeinschaft.

Die Sendung
Der Kern der Identität von Gemeinde als neue Menschheit ist – wie schon am Anfang der Welt –, die Erde mit Gottes Herrlichkeit und Schönheit zu füllen. Als Leib des Messias soll sie seinen Auftrag weiterführen. Deshalb kann nur da Gemeinde sein, wo auch Mission ist, wo Menschen in Gemeinschaft diesen Auftrag wahrnehmen und sich zu den Menschen senden lassen! Jesus benutzt die Bilder von Salz und Licht, um die Identität seiner Nachfolger zu beschreiben. Salz erfüllt nur seinen Zweck, wenn es sich zerstreut und etwas anderes als sich selbst salzt. Mit dem Licht verhält es sich ebenso. Gemeinde ist nie Selbstzweck, sonst verliert sie ihre Identität als Gemeinde. Eigentlich müsste der Großteil der Energie unserer Gemeinden nicht in Selbsterhaltung, sondern nach außen fließen!
Konkret bedeutet das: Für die Schwachen der Gesellschaft einstehen (Jakobus 1,27), seine Feinde lieben (Lukas 6,35), gastfreundlich sein (Römer 12,13), Frieden und Vergebung in die Welt tragen (Johannes 20,21-23), Menschen mit Gottes Versöhnungshandeln in Kontakt bringen (2. Korinther 5,20). Auch die Treffen einer Gemeinde sind dann zuallererst nicht zur Anbetung und zum frommen Wohlfühlen gedacht, sondern zum „Bauen“. Wir bauen das Haus Gottes, wir kitten Bruchstellen und ermutigen uns gegenseitig, damit alle in ihrem Alltag Gott dienen und ihn anbeten können (Römer 12).
Als Gemeinschaft der Messiasnachfolger sind wir berufen, ein Leben voller Schönheit, Weisheit und Liebe zu führen. Wir sind auferweckt zum wahren Leben, mitten hinein in die Aufs und Abs dieser Welt, um die Welt durch Liebe, Dienen und Gerechtigkeit zu revolutionieren. Das ist mal mehr als nur ein paar Leute, die das Gleiche glauben

Moritz Brockhaus ist in das ganz große Bild eingetaucht – um Gemeinde nicht kleiner zu machen, als sie ist.

(Bildquelle: Tami Doikas)

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