Sag´ bescheid

Finishing well

Das Leben verläuft in Rhythmen. Kommen und Gehen gehört dazu wie die Gezeiten oder der Lauf der Sonne. Mit Abschiedsszenen müssen wir einfach umgehen lernen. Ein Plädoyer für die Schönheit des guten Endes.

Text: Levian Scheidthauer

Was ist einfacher? Eine Sache anzufangen oder eine Sache zu einem guten Ende zu bringen? Ich habe mich das schon häufi ger gefragt. Vermutlich ist beides gleich wichtig, nur dazwischen verflacht der Spannungsbogen etwas. Von Natur aus fällt mir da Anfangen leichter. Ich liebe es, Ideen auszusprechen, auch wenn ich sie dann umsetzen muss. „Jedem Anfang liegt ein Zauber inne“, heißt es. Mich hat schon so manche Idee verzaubert. Wenn es aber darum geht, ein Projekt sauber über die Bühne zu kriegen oder über einen längeren Zeitraum dranzubleiben, geht mir hintenraus häufig die Lust daran verloren. An dieser Stelle könnte ich einfach stehenbleiben und sagen: So bin ich halt. Aber das ist mir zu wenig. Am Ende meines Lebens möchte ich zurückschauen und meinen Frieden haben mit der Vergangenheit. Ich will möglichst wenig schuldig bleiben. Die Menschen sollen sich gerne an mich erinnern, auch wenn ich einige in den Irrungen und Wirrungen des Lebens verloren haben werde. Ich möchte Spuren hinterlassen. Und zwar nicht durch überfällige oder verdaddelte Abschiede – oder enttäuschende, halbherzige, zornige, verpasste, in die Länge gezogene, ausgesessene, missverständliche, undenkbare, heimliche, unausge-sprochene, plötzliche, unvorbereitete. Deshalb ist dieser Text auch vom Ende her gedacht. Gibt es Parameter, die aus einem Abschied einen guten Abschied machen? Wie will ich auf Lebensphasen, Beziehungen und Projekte zurückblicken?

Eingrooven in die Lebensrhythmen

Die wichtigste Erkenntnis zuerst: Das Leben ist in ständiger Bewegung. Es gibt haufenweise Abschiede, die wortwörtlich zu meinem Alltag dazugehören wie Tag und Nacht. Es gibt eine Zeit zum Säen und eine Zeit zum Ernten. Zeit, einen Menschen willkommen zu heißen und eine Zeit, ihn zu verabschieden. Salomos Erkenntnis gehört für mich zu den realistischsten und entspanntesten Sichtweisen auf das Leben (Prediger 3). Es gibt Lebensphasen, die kann man einfach nicht festhalten, so sehr man es auch versucht. So wie die Blumen verblühen, wie sie aufgegangen sind: ohne unser Dazutun. Vieles verlieren wir erst recht, wenn wir uns mit aller Kraft daran klammern. Wir werden mit 60 nicht mehr als Jugendliche wahrgenommen werden, selbst wenn wir uns postpubertär benehmen wie die Axt im Wald, sondern als komischer Alter. Die Frage lautet dann eher: Sind wir in der Lage, uns bewusst davon zu verabschieden? Das Leben bereitet uns auf solche Momente vor, indem es Vorboten schickt. Wer es schafft, diese zu erkennen und mit diesen guten Rhythmen zu grooven statt immer nur dagegen, hat es nicht nur leichter, das Alte ziehen zu lassen; er kann auch das Neue leichter umarmen und die Zwischenzeiten aushalten.

Überhaupt mal irgendwo wirklich sein

Mit Zwischenzeiten meine ich die Phasen des Übergangs, in denen Entscheidungen getroffen wurden, man aber noch im Alten lebt. Abschiede sind eine Sache des Timings. Wer inner-lich zu früh damit anfängt, verliert die „Spannung“. Ich erinnere mich noch gut, wie Johannes* mir damals erklärte, warum das Lobpreisteam nichts für ihn wäre. Er wisse doch nicht mal, wo er in zwei Jahren sei. Dann würde er sicher studieren und ob dann seine Gemeinde noch viel von ihm zu sehen bekäme, werde sich zeigen. Jetzt so kurz vor dem Studium noch ein solches Fass aufzumachen, das sei nicht sein Stil. Und genau so benahm er sich dann auch. Auf den Punkt gebracht, bekam er nichts auf die Kette. Aus meiner Sicht hat er da eine Menge Talent verschwendet, Freunde enttäuscht, weil er das Ende kommen sah und sich einfach zu früh innerlich verabschiedete. Johannes war zwei Jahre lang nicht mehr richtig anwesend – und jeder merkte es. Zwei Jahre später ging er nach Hamburg. Er hätte deutlichere Spuren hinterlassen können. Mich ärgert das, weil ich sein Mentor war und es nicht geschafft habe, ihn von der Schönheit des „Ganz-da-Seins“ zu überzeugen. Er hat die Gegenwart für den nächsten Lebensabschnitt verschenkt. Andererseits macht mich das nachdenklich. Weil ich doch selbst weiß, wie schwer es ist, sich ganz der zu Ende gehenden Phase zu widmen, während die nächste bereits am Horizont schimmert. Die Gegenwart verdient mein ungeteiltes Herz, hundert Prozent von mir – bis an den Tag, an dem ich Lebewohl sage. Dann habe ich auch die nötige Spannung für die letzten Wochen.

Gehen, wenn die Zeit reif ist

Allzu oft verlaufen aber auch Dinge im Sand. Da verpassen zwei den Absprung aus der halbherzigen Beziehung und heiraten aus Verlegenheit. Ist in meinem Freundeskreis wirklich passiert. Hielt 1,5 Jahre. Da geht ein Projekt über seinen Zenit und keiner spricht es an. Welchen Wert hat das? Wir reiten ein totes Pferd lieber, als dass wir es beerdigen. Wenn wir ehrlich sind, kennen wir alle diese Momente, in denen uns bewusst geworden ist: Our time is up. Große Persönlichkeiten finden den richtigen Zeitpunkt zum Abschied: Sie klammern sich nicht an einer Position fest, schätzen ihre Bedeutung realistisch ein und werden ihr auch im Abgang noch gerecht, bauen ihren eigenen Nachfolger auf, treten nicht nach. Wenn ich später zurückschaue, wünsche ich mir diese Größe zu erkennen, in solchen Momenten das Richtige getan zu haben. Einfach, weil ich intuitiv darum gewusst habe.

Stimmig bleiben

Größe heißt im Abschied auch: authentisch und nachvollziehbar sein. Ich habe mir vorgenommen, in meinen Abschieden ganz ich zu bleiben: mir selbst treu und aufrichtig in den Reaktionen. Wenn ich erst zum Abschied die große Rede schwinge, kann ich es mir gleich sparen. In der ganzen Sentimentalitätssuppe, die in den Wochen rund um einen Abschied gekocht wird, sagt man schon mal Sachen, von denen man denkt, man müsste sie in solchen Momenten sagen. Um nett zu sein. Wofür sollte ich Versprechungen machen, die ich nicht halten kann? Oder einer Nachbarin zuraunen, wie sehr ich unser Miteinander vermissen werde, wenn wir uns nur in der Waschküche begegnet sind? Als sich Jesus verabschiedet, wählt er dazu nicht die große Bühne. Er setzt sich mit dem Inner-circle-of-Friends an einen Tisch und isst mit ihnen, wie unzählige Male zuvor. Und er weiß, was er ihnen noch mitgeben will. Der Mann ist stimmig bis zur letzten Minute.

Mit dem unvollendeten versöhnen

Zuletzt die zweitwichtigste Erkenntnis: Manches lässt sich einfach nicht zu einem guten Ende bringen. Für meine Abirede hatte ich mir vorgenommen, meinem Deutschlehrer mein LK-Meisterstück zu beichten: In der 11 hatte ich eine Doppelstunde lang Nietzsche-Aphorismen an der Tafel besprochen. Der Haken: Ich hatte sie mir alle ausgedacht. Als der Lehrer ein Jahr vor der Abiprüfung verstarb, stand ich da mit meinem schlechten Gewissen. Natürlich hatte ich ausgiebig damit angegeben und angekündigt, zum Abi die Katze aus dem Sack zu lassen. Tja. Abi war dann aber zu spät. Und so musste ich das Unvollständige akzeptieren. Mit dem Alter wird das Unvollendete anwachsen. Es passiert schon jetzt: Ein Freund hat wegen eines Jobangebots seinen Doktor in Medizin aufgegeben. Das Studium wird unvollendet bleiben – aber das macht ihn zu keinem schlechten Arzt. Ich muss an all die Freundinnen denken, die gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht haben – und dafür alles stehen und liegen gelassen haben. Jobs, Karriereaussichten, Beziehungen. Da wird vieles Stückwerk bleiben. Es lässt sich vieles, aber eben nicht alles zu einem guten Ende bringen. Gott gebe uns die Gelassenheit, das zu ertragen – und die Reife, alle anderen Abschiede mit der gebotenen Würde zu gestalten.

*Der Name ist frei erfunden. Er könnte für jeden von uns stehen.

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