Sag´ bescheid

Freiheit mal anders

Dietrich Bonhoeffer war sich sicher: Jede Freiheit ist nur so gut wie die Absicht, der sie dient

Auf dem Papier waren wir nie freier als heute. Wer will, kriegt sein Leben weitgehend selbstständig auf die Reihe: Wir basteln an unseren individuell abgestimmten Berufswegen, gestalten unsere Freizeit, wie wir das wollen, können uns frei entscheiden zwischen normal, bio und Fair Trade oder welchen Partner wir an uns binden. In einer Welt voller Angebote, Möglichkeiten und Meinungen entscheiden und denken wir, was wir wollen. Ab und zu befällt mich allerdings der Zweifel: Was ist das eigentlich für eine Freiheit, die ich da lebe? Darf ich alles, solange es nicht illegal ist? Bestimmt dann mein subjektives Wohlbefinden, wer ich bin und sein soll? Klar bin ich „es wert“ und so, aber nicht selten stresst mich die Qual der Wahl. Und was ist eigentlich mit der Alleinerziehenden, die gar keine Zeit hat, nach beruflicher Selbstverwirklichung zu fragen? Oder welche Freiheit hat der versklavte Minenarbeiter in Afrika, der das Coltan für mein neues Smartphone ausgräbt? Habe ich meine Freiheit nur, weil andere sie nicht haben? Die postmoderne Weisheit scheint jedenfalls nicht für alle zu stimmen. Oder fehlt mir einfach das Egoismus-Gen und ich bin verloren in der reichen Welt, weil ich mich bedauerlicherweise immer noch nicht selbst gefunden habe? Bin ich vielleicht zu idealistisch?

Zurück zu Adam und Eva
Von dem Pfarrer und Theologen Dietrich Bonhoeffer, der wegen seines aktiven Widerstands gegen das Nazi-Regime nach zwei Jahren Haft mit nur 39 Jahren hingerichtet wurde, habe ich einiges über die Freiheit des (Christen-)Menschen in der Welt gelernt. Für ihn ist der Mensch Gottes Ebenbild, weil er frei ist. Gott behält seine absolute Freiheit nicht für sich, sondern gibt sie weiter an Adam und Eva, weil er mit ihnen gemeinschaftlich verbunden sein möchte. So kann der Mensch sich nach Herzenslust vermehren, die Natur erforschen, sie kultivieren und sich zu eigen machen und mit Gott im Garten Eden umherspazieren. Und trotzdem bleibt der Mensch gebunden: an einen Partner, ohne den die Fortpflanzung nicht funktioniert, an die Natur als Lebensraum, die ihn hält, ernährt und trägt und an Gott, der alles Leben erst möglich macht. Dass Freiheit und Gebundenheit hier gar keine Gegensätze sind, sondern miteinander einhergehen, drückt die biblische Bildsprache durch den Baum des Lebens (das Leben, das Gott schenkt) einerseits und den verbotenen Baum der Erkenntnis (die Beschränkung, weil dem Menschen allein eben nicht alles möglich ist) andererseits aus, die beide bezeichnenderweise in der Mitte des Gartens Eden stehen (1. Moses 3,3b).

Sich binden, um frei zu sein
Anders gesagt: Freiheit und Begrenzung bilden ganz selbstverständlich gemeinsam die Lebensmitte, um die sich der Mensch dreht. Dass der Mensch nicht alles alleine sein kann, stört ihn gar nicht, es hilft ihm vielmehr zu erfahren, wer er ist: Denn gäbe es die Tiere nicht, wüsste er nicht, dass er ein Mensch ist. Gäbe es Eva nicht, wüsste Adam nicht, dass er ein Mann ist. Könnte er alles, wäre er Gott. Das Eigene kann man nur erfahren, wenn es ein Anderes gibt, von dem man sich unterscheidet. Und mit dem Wissen, dass Freiheit und Gebundensein zusammengehören, weiß der Mensch auch etwas damit anzufangen, dass er sich Gottes Ebenbild nennen darf. Er weiß, dass er wie Gott seine Freiheit nicht für sich hat, sondern um sie für andere einzusetzen. Adam und Eva sind zwei selbstständige Individuen, die sich die Freiheit nehmen, sich dem anderen hinzugeben und eine Gemeinschaft zu gründen. Liebe verbindet Freiheit und Bindung, das ist Gottes Geheimnis des Lebens. Gerade dadurch, dass er sich binden kann, weiß der Mensch, dass er wahrhaft frei ist.

Wir – das Mass aller Dinge?
Das klingt erst mal recht paradox – und auch irgendwie zu schön, um wahr zu sein. Denn so leben wir nicht. Irgendetwas hat uns davon überzeugt, dass Grenzen unserer Freiheit im Weg stehen und wir nur souverän und beinahe gottgleich leben können, wenn wir möglichst viel selbst wissen. Unsterblichkeit, die Million, Autonomie – alles ist möglich, wenn wir nur das richtige Know-how mitbringen. Mit der biblischen Symbolsprache ausgedrückt: Indem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen, haben sie die Grenze übertreten, sind in die Lebensmitte eingedrungen, in der Freiheit und Abhängigkeit kein Widerspruch waren, haben damit Gottes Platz eingenommen und sich sein Geheimnis zu eigen gemacht. Jetzt ist der Mensch das Maß aller Dinge, stört sich an allem, was ihn einschränkt und will über Leben verfügen, ohne selbst verfügbar zu sein. Er kennt seine Bestimmung nicht mehr, lebt aus Angst vor dem Nichts und vor der Bedeutungslosigkeit und muss sich selbst krampfhaft beweisen, dass er es verdient zu leben. In seiner verzweifelten Suche nach Selbstverwirklichung vergreift er sich immer wieder am Leben anderer, verstrickt sich in Schuld und macht sein Lebensrecht noch fragwürdiger. Er hat die Macht, aber er hat nicht mehr die Freiheit, sich auf andere einzulassen und eine liebende Gemeinschaft zu leben. Damit will Bonhoeffer nicht sagen, dass Selbstständigkeit und freier Wille grundsätzlich schlecht sind. Nur versteht der Mensch seine Gott gegebene Freiheit falsch, wenn er sie nur auf sich ausrichtet und sich von Gott unabhängig macht. Dann hat die Freiheit keinen Rahmen, innerhalb dessen sie frei sein kann, keine Orientierung, um sie richtig und fruchtbar einzusetzen. Sie kann zur zerstörerischen Maßlosigkeit und Willkür verkommen, die jede Verantwortung von sich schiebt.

Jesus – Freiheit, die den Nächsten sieht
Durch Jesus zeigt Gott dann noch mal, wie es richtig geht. Jesus wählt nicht zwischen unzähligen Möglichkeiten und haut ab, als es brenzlig wird, sondern tut Gottes Willen, setzt sich für andere ein und will die Menschheit von ihrer Selbstsucht befreien. Die Menschen aber, die Angst haben, dass Jesus ihre Macht infrage stellen könnte, vergreifen sich an seinem Leben, machen ihn zum geächteten Mensch und bringen ihn schließlich um. Der zerstörerische Egoismus, den Jesus dadurch am eigenen Leib zu spüren bekommt, wird aber durch die Auferstehung gebrochen. Die Lüge der Grenzenlosigkeit und Eigenmächtigkeit ist damit entlarvt, Freiheit und Bindung als Doppelpack machen wieder Sinn. Durch Jesus sind liebende soziale Beziehungen wieder möglich, weil die Vergebung da vermitteln kann, wo unsere Freiheit den Nächsten vergisst.

Freiheit ist Beziehungssache
Freiheit im biblischen Sinne – zumindest nach Auffassung Bonhoeffers – ist also weder grenzenlos noch egoistisch. Sie meint gar nicht primär die individuelle Wahl- oder Handlungsfreiheit und verfolgt keine Ideologie der Selbstzufriedenheit. Sie ist kein selbstverständlicher Besitz oder das Ziel, frei von allen Bindungen zu sein. Ausgehend von Gott, der seine Freiheit für die Menschen einsetzt, erfährt Freiheit ihre Erfüllung erst, wenn sie für einen Nächsten eingesetzt werden kann: „Das ist die Botschaft des Evangeliums selbst, dass Gottes Freiheit sich an uns gebunden hat, dass Gott nicht für sich frei sein will, sondern für den Menschen. Weil Gott in Christus frei ist für den Menschen, weil er seine Freiheit nicht für sich behält, darum gibt es für uns ein Denken der Freiheit nur als des ‚Freiseins- für …‘.“ Freiheit ist Beziehungssache. Sie meint nicht primär mich, meine Selbstverwirklichung und Wahlfreiheit, sondern geht darüber hinaus. Sie will dem Leben als solches und der Welt die Freiheit geben, bunt und vielfältig zu werden. So, wie die Melodie eines Musikstücks erst durch Mehrstimmigkeit und das Zusammenspiel vieler selbstständiger Instrumente spannend und lebendig wird. Meine Freiheit fängt damit an, dass ich weiß, dass ich mein freiheitliches Leben von Gott bekommen habe. Ich muss mich nicht selbst erfinden, nicht alles können und wissen und auch nicht in Konkurrenz zu anderen bestehen. Sondern bin würdig, bedeutungsvoll und frei, mich zu entfalten, meinen Stärken und Begabungen nachzugehen, meine Möglichkeiten zu nutzen und den Beruf zu wählen, der mir Spaß macht. Ich bin auch frei, meinem Leben verschiedene Phasen zuzugestehen – Zeiten der Freude, Motivation und des Glücks sind genauso drin wie Schmerz, Unproduktivität und Einsamkeit – und es als buntes, freiheitliches Lebenskunstwerk zu gestalten. Aber hier darf es nicht aufhören, denn Freisein allein um des Freiseins Willen führt zu Chaos. Befreit von der Angst, zu kurz zu kommen oder mich zu verlieren, muss ich mich nicht mehr um mich selber drehen. Ich kann gleichzeitig anderen die Freiheit zugestehen, ihre Ebenbildlichkeit auszuleben, ohne mich bedroht zu fühlen oder meine Schuld mit anderen zu vergleichen. Das macht mich frei, mit den Weinenden zu weinen und mich mit den Fröhlichen zu freuen. Ich bin frei, mich mitzuteilen, zu verschenken und dadurch zu binden, zu lieben, verletzbar zu werden und ehrliche Beziehungen zu wagen. Entscheidend ist nicht, was ich dabei verliere, nämlich die Selbstbezogenheit, sondern das, was ich gewinne, nämlich Leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen. Ich habe meine Eigenständigkeit, Selbstverantwortlichkeit, Stärke und Freiheit nicht, um mich im Konkurrenzkampf zu behaupten, sondern um sie bewusst einzusetzen. Ich muss nicht vor der komplizierten Welt und der Fülle ihrer Aufgaben und Fragen wegrennen, sondern kann mich in das Getümmel hineinwagen, eigene Antworten finden und etwas tun. Ich bin also auch frei, Verantwortung zu übernehmen, die mir zugetraut wird.

Du bist der Nächste
Die eigentliche Freiheit ist in mir drin, und sie hat nichts mit meinen Möglichkeiten zu tun. Wenn ich theoretisch davon ausgehe, alles erreichen zu können, werde ich glauben, dass ich das auch muss und mich ständig vor mir selbst rechtfertigen, warum ich dies und das nicht geschafft habe. Von dem Druck, den mir dieses Freiheitsverständnis beschert, spricht Gott mich frei und bietet mir gleichzeitig eine neue Freiheit an, in der ich mich auf den Nächsten ausrichten und freie, liebevolle Beziehungen zu anderen Menschen eingehen kann. Selbstverwirklichung in diesem Sinne lässt sich also nicht am Karrieregrad oder dem Kontostand messen, sondern an den offenen Augen für das Hier und Jetzt, in das ich gestellt bin. Egal wo. Dass dem Menschen die Freiheit von Gott als Geschenk und Auftrag zugleich gegeben ist, hat Bonhoeffer selbst ganz eindrücklich gezeigt, indem er sich der politischen Herausforderung seiner Zeit gestellt hat und nicht geflohen ist, als er es noch konnte. Die Frage danach, wer denn der Nächste eigentlich sei, beantwortete er übrigens mit den Worten: „Nicht fragen sollst du, sondern tun. Die Antwort ist: Du selbst bist der Nächste. Gehe hin in der Tat der Liebe.“

Elisabeth Deutscher hat von Bonhoeffer viel über Freiheit gelernt.

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  1. schinese

    Schöner Beitrag

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