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Gefühlstitanen

WIE VIEL GEFÜHL WOLLEN WIR UNS EIGENTLICH GEBEN? EIN KALKULIERTER GEFÜHLSAUSBRUCH

Da stand sie vor mir und weinte – und ehrlich: Diesmal konnte ich nichts dafür. Wir kannten uns eigentlich nur flüchtig, unser Kontakt war eher beruflicher Natur. Jetzt hatten wir uns zufällig auf dieser Party von gemeinsamen Freunden getroffen und waren beide zum Luftschnappen auf den Balkon geflohen – wobei sie die frische Luft vor dem Inhalieren noch einmal durch die Zigarette zog. Das Jahr war schon fast um, da bot sich ein persönlicher Jahresrückblick an. Nichts Ernstes, mehr Smalltalk als Talkshow. Wer hätte auch ahnen können, wie beschissen ihr Jahr gewesen war. Dass sie überlegte, ihren Job zu schmeißen, weil der nicht so richtig passt. Und Ber-lin, ach, das sei auch nicht so geil, wie alle sagen, ein richtiges Drecksloch sei das. Und überhaupt gehöre sie nicht zu den Men-schen, die für 40 Stunden Arbeit die Woche geschaffen wären. Ihr Leben fühle sich total falsch und scheiße an, das sei einfach alles ein bisschen viel gerade … Dann flossen die Tränen.
Viel geredet hatte ich bis dahin noch nicht. Sie hingegen hatte alles Gefühl des Augenblicks in einen Monolog investiert, der in mir eine Menge Fragen aufwarf. Natürlich hören wir uns zu, wenn ein anderer sich vor uns ins Gefühlschaos stürzt. Aber musste das jetzt sein? Hatte ihr das geholfen, so mit ihren Gefühlen in die Öffentlichkeit zu gehen? Woher kam ihr Anspruch, in der geilsten Stadt der Welt zu leben und das auch so zu empfinden? Und finally: Dürfen wir uns jederzeit ungefragt unsere Gefühle zumuten?

GEFÜHLE, WOHIN MAN HÖRT

Gefühle sind salonfähig geworden, negative wie positive. Wir feiern Menschen, denen bei ihrer Rede die Stimme wegbricht, als „authentisch“, als gelte es, unser Innerstes jederzeit sichtbar nach außen zu kehren. Wir reden darüber auf Partys, auf dem eigenen YouTube-Channel, thematisieren sie auf Facebook. Befindlichkeiten genießen mehr Aufmerksamkeit als je zuvor, werden gelikt [sic!], kommentiert, am Küchentisch analysiert.
Wir nehmen uns wichtig. Wie in Jakob van Hoddis expressi-onistischem Gedicht „Weltende“ beschrieben: „Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.“ Selbst wenn die Welt heute unterginge, wären wir noch ganz bei uns: bei unseren Wehweh-chen und Befindlichkeiten.
Oder bei unserer emotionalen Reaktion auf ein Ereignis, das weltweit wahrgenommen wird. Als Terroristen vor gut einem Jahr leitende Redakteure von Charlie Hebdo niederstreckten, waren wir für ein paar Tage alle Charlie – bis wir nochmal genauer nachdachten, uns ein Bild von dem Magazin machten und sich so mancher dachte: So viel Provokation ist eigentlich gar nicht meine Art. Erst mit etwas Abstand gelang uns eine angemessene emotionale Einordnung des Geschehens. Bis dahin hatten wir uns aber alle ein paar Tage lang wie „Charlie“ gefühlt – oder gut erklären müssen, wenn nicht.

HEY – ES SIND DOCH NUR GEFÜHLE!

So wichtig, wie sich Gefühle anfühlen, sind sie einfach nicht. Noch nicht einmal unsere eigenen. Mein Opa hat das neulich gut auf den Punkt gebracht. Es ging mal wieder um seine Jugend, nach dem Kriegsende ging es mit 16 auf den Bauernhof im Nachbardorf, wo er sich in Zwölf-Stunden-Schichten das Abendessen und den Schlafplatz verdiente. Jahrelang. Da war nix mit Selbstentfaltung und um die eigenen Gefühle küm-mern. Da ging es ums Überleben. Wenn Opa davon erzählt, bin ich es, der ihn fragt, wie sich das angefühlt hat. Naja: Wie sich körperliche Arbeit eben anfühlt. Anstelle eines emotionalen Tagebuchs zeigt er mir Zusammenhänge auf, erklärt seinen Weg, innerlich versöhnt mit den verpassten Lebenschancen. Und von denen gab es genug: Mein Opa ist wegen dieser Lebensphase weit hinter seinen intellektuellen Möglichkeiten zurückgeblieben, hat weder eine Ausbildung noch Karriere gemacht. Opa hatte offenbar kein naturgegebenes Anrecht auf emotionale Entfaltung. Trotzdem wirkt er glücklich.
Wir hingegen nähern uns der Zukunft mit emotionaler Erwartung: Der Job sollte schon erfüllende Berufung sein, nicht schnödes Geldverdienen. Die Gemeinde stete Quelle spiritueller Inspiration. Der Urlaub darf mich nicht einfach entspannen – einmal Paragleiten sollte schon drin sein. Nicht nur für Facebook, nein, auch für die ungesättigte Seele.
Aus Angst, wichtige Gefühle zu verpassen, wechseln wir den Partner, wenn das letzte Hoch zu lange her ist, kündigen bei Langeweile schnell den Job, schenken uns Jochen-Schweitzer-Geschenkgutscheine zum Geburtstag. Wie eine gehetzte Meute, die sich von der Sehnsucht nach dem nächsten Höhepunkt durchs Leben schubsen lässt. „Here we are now. Entertain us.“ (Kurt Cobain)

ES GIBT EIN „ZU VIEL“

Mir ist das manchmal zu viel. Ich beobachte so etwas wie eine Überreizung, als wollten wir zu viel Gefühl auf einmal. Eindrücke können nicht mehr wirken, weil sie von neuen Erfahrungen überlagert werden. Wir packen zu viel in zu kurze Zeit – so wie japanische Reisegruppen, die in 5 Tagen Europareise 10 Städte sehen und 12.000 Fotos schießen, ohne auch nur einen einzigen Ort wirken lassen zu können. Die Gefühlssehnsucht scheitert an den emotionalen Kapazitäten der Seele.
Das ging auch einer Freundin so, die sich vor ihrer Hochzeit derart akribisch auf das Buffet vorbereitete, dass ihr der Koch entgegnete: „Sorgen Sie sich mehr um den Geschmack ihrer Gäste als um ihren eigenen. Sie selbst werden nicht viel vom Buffet haben vor lauter Aufregung.“ Er sollte Recht behalten. Der schönste Tag ihres Lebens rauschte einfach an ihr vorbei, ohne dass sie sich bei der Fülle an Eindrücken wirklich ein-fühlen konnte.
Gefühle sind nur so wertvoll, wie wir sie noch wahrnehmen können. Deswegen haben wir mehr davon, wenn wir den Eindrücken genügend Zeit lassen, uns zu erreichen. Genuss beginnt mit Bewusstheit und Konzentration. Alles auf einmal lässt sich überhaupt nicht mehr „fühlen“.

GEFÜHLE, DIE SICH UNS AUSSUCHEN

Und dann gibt es Gefühle, um die haben wir nicht gebeten und die taugen auch nicht für Facebook. Die wollen wir uns nicht gönnen und trotzdem sind sie da. Aber: Sind wir ihnen wirklich hilflos ausgeliefert? Ich glaube nein. Wenn ich meinen Opa sehe, erkenne ich: Er musste lernen, eigenständig über den negativen Gefühlen und den Erfahrungen des Scheiterns zu stehen. Ganz anders wir: Bis wir heute erwachsen sind, haben wir gelernt, dass sich jemand darum kümmert. Wir schieben die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle an andere ab. Und machen Gefühle dramatischer als sie sind. „Jeder Mensch braucht einen Coach“, behauptet ein Personal-Life-Coach auf seinem Youtube-Kanal. Ach, wirklich? Für das, was in mir passiert, muss ich zuallererst selbst die Verantwortung übernehmen. Dafür muss ich einsehen, dass ich mit meinen Gefühlen nicht im luftleeren, privaten Raum lebe, sondern mit ihnen wahrgenommen und zum Spielball fremder Interessen werde. Die großen Inszenierungen unserer Zeit zielen auf unseren Gefühlshaushalt – Nordkoreas Militärparaden genauso wie die Championsleague, der Winterschlussverkauf oder der nächste Wahlkampf. Man könnte meinen, wir seien alle Teil einer riesigen Gefühlsmaschinerie, die der Philosoph Peter Sloterdijk vor Jahren „Erregungsgemeinschaft“ nannte und im Interview mit dem Spiegel vor ihr warnte, solche emotionalen Liturgien würden nach bestimmten Regeln erzeugt und seien von Haus aus instrumentalisierbar. „Die Samstagsunterhaltung und der Wille zum Krieg sind psychologische Verwandte.“ Können wir uns angesichts dieses Verdrängungskampfes um unsere Gefühle überhaupt leisten, das alles in uns aufzusaugen, uns unreflektiert mitzuärgern oder enthemmt zu applaudieren?

SELBSTBEHERRSCHUNG – EINE VERGESSENE TUGEND

Abhilfe verspricht eine vergessene Tugend: Die emotionale Selbstbeherrschung. In der griechischen Philosophieschule der Stoa galt es als erstrebenswert, sein Los akzeptieren zu  lernen und in der Selbstbeherrschung Gelassenheit und Seelenruhe zu entwickeln. Für die Stoiker galt das auch als Prämisse ihrer Lebensentwürfe: „Züchtige deine Leidenschaften, damit du nicht von ihnen gezüchtigt wirst“, befand Epiktet. Würdevolle Einfachheit als Gegenentwurf zu üppiger, emotional-überreizter Lebensführung – gut möglich, dass sich die frühen Christen in Griechenland von den Stoikern inspirieren ließen, die zur Zeit der ersten Gemeindegründungen die vorherrschende Philoso-phenströmung darstellten. Paulus jedenfalls klingt ganz ähnlich, wenn er nüchtern die Rahmenbedingungen seines Lebens in der Nachfolge einordnet: „Da ich weiß, dass es für Christus geschieht, bin ich mit meinen Schwächen, Entbehrungen, Schwierigkeiten, Verfolgungen und Beschimpfungen versöhnt. Denn wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ (2. Korinther 12,10)

In unserer gefühlsverwöhnten Kultur könnte der Wert von Gelassenheit ganz neu an Bedeutung gewinnen. Gelassen das Rennen um das nächste Must-Feel abblasen. Gelassen den möglichen Schicksalsschlag einkalkulieren und davon ausgehen, dass auch der mich nicht umhauen kann. Gelassen Phasen der Langeweile aushalten und das Scheitern akzeptieren. Gelassen nicht anstecken lassen von der reflexartigen Reaktion der anderen – im Fußballstadion, in der Politik, in der Gemeinde. Wir könnten zumindest mal versuchen, uns etwas zusammenzureißen. Damit Gefühle nicht mehr Raum einnehmen, als ihnen zusteht. In der richtigen Dosis bedeuten sie sogar Lebensqualität und -intensität. Und das wäre doch für alle Beteiligten erstrebenswert: die nächste Party ohne emotionalen Zusammenbruch überstehen zu können.

PASCAL GÖRTZ  will sich weniger unnötig ärgern und erfolgreich gegen Gefühlsvereinnahmung immunisieren.

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  1. FS

    Keine schlechten Gedanken von dem Herrn Görtz. Für mich mit cholerischem Einschlag hilfreich. LG

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