Sag´ bescheid

Glaubenskünstler

GLAUBE UND KUNST SAGT MAN SEIT JEHER EIN ANGESPANNTES VERHÄLTNIS NACH. JOHANNES WETH IST ÜBERZEUGT: ES GIBT AUF BEIDEN SEITEN EINE MENGE ZU GEWINNEN. VOR ALLEM FÜR DEN GLAUBENDEN.

Ich bin Künstler und trotzdem bin ich Christ. Für viele klingt das verwirrend. Wenn meine Künstlerkollegen mitbekommen, dass ich Christ bin, schauen sie mich entweder mit einem etwas mitleidigen Blick an (nach dem Motto: „Darüber kommst du auch noch hinweg!“) oder mit belustigter Bewunderung („Abgefahren, so was Exotisches. Dass es so etwas noch gibt!“). Es ist nicht so einfach als Christ unter Künstlern.

Ich bin Christ und trotzdem bin ich Künstler. Als ich vor zwanzig Jahren beschloss, Kunst oder Musik zu studieren, riet mir meine fromme Tante direkt: „Musik ist toll, aber mit Kunst haben wir nichts zu tun. Das machʼ lieber nicht!“ Es ist nicht so einfach als Künstler unter den Christen.

Irgendetwas ist da zerbrochen zwischen der Kunst und dem Glauben. Wie bei Geschwistern, die sich zerstritten haben und nun ewig konkurrieren, obwohl sie sich gut ergänzen könnten. Was würden wir gewinnen, wenn Kunst und Glaube wieder miteinander ins Gespräch kämen und sie sich wieder aneinander freuen könnten, ohne die Unterschiede unter den Tisch zu kehren?

PURE VERSCHWENDUNG

Was es für mich bedeutet, als Künstler Christ und als Christ Künstler zu sein, ist in dem biblischen Gleichnis vom Sämann gut auf den Punkt gebracht. Dieser wirft in seiner Arglosigkeit sein Saatgut so großzügig in den Wind, dass es überall landet, nur nicht auf dem Feld. Ein Teil landet auf dem Weg, wo es zertreten und schließlich von Vögeln gefressen wird. Einiges fällt auf den Felsboden, wo es zunächst aufgeht, aber bald wieder verwelkt, da es nicht genug Feuchtigkeit bekommt. Und einiges landet direkt zwischen den Dornen, es geht auf, aber die Dornen ersticken die zarten Pfanzen wieder. Und dann – man könnte schon fast sagen, der Sämann hat noch Glück: „Einiges fel auf gutes Land und es ging auf und trug hundertfach Frucht.“ (Lukas 8,4-8)

Die Sache ist natürlich theologisch schnell erklärt. Auch die Evangelien lassen da nichts anbrennen und liefern die Deutung direkt mit: Das Wort Gottes braucht fruchtbaren Boden, alles andere ist verlorenes Land. So erklären die Christen mit dieser Geschichte bis heute, wie wichtig das richtige Umfeld für den Gläubigen ist und wieso manche den Glauben schnell wieder verlieren, weil sie keine richtigen Wurzeln schlagen können. Punkt.

Als Künstler lese ich die Geschichte ganz anders. Ich genieße das Bild, das Jesus mir vor Augen malt. Ich freue mich an der Verschwendung, mit der dieser Sämann das Saatgut in den Wind wirft. Wie er noch nicht weiß, was es alles bewirken und wo es am Ende landen wird. Wie er scheinbar gerne in Kauf nimmt, dass auch der staubige Weg, der harte Fels und die verfuchten Dornen bedacht werden. Vielleicht hat er ja die Hofnung, dass diesmal auch dort etwas aufblüht. Vielleicht hoft er es immer wieder, obwohl die Erfahrung längst bewiesen hat, dass dort nichts wachsen kann. Der Sämann nutzt den Wind, um das Saatgut zu verteilen. Dieser Wind ist nicht geizig und kleinkariert, er ist großzügig, weit und verschwenderisch. Als Künstler freue ich mich an diesem Wind, der sich nicht messen und einsperren lässt, der alle immer wieder überrascht und nicht aufhört zu wehen. Der Sämann hätte ja auch jedes Korn einzeln in den fruchtbaren Boden setzen können, es dort vor fremden Einflüssen schützen und es hegen und pfegen können. Aber das hätte seinem Wesen und seiner Freude an der Arbeit sicher widersprochen und niemals wäre eine solche Fülle auf dem Feld gewachsen.

Als Künstler erkenne ich die Motive aus dem Gleichnis auch in anderen Geschichten der Bibel wieder. Im „verlorenen“ Saatgut erkenne ich Jesus, der auf dem Weg nach Golgatha landet und von allen mit Füßen getreten wird. Ich erkenne Jesus an seinem Kreuz oben auf dem Fels, wie er durstig ist und sie ihm nur Essig zu trinken geben. Ich erkenne seinen Kopf, der mit Dornen gekrönt ist. Ich sehe Jesus und ich sehe den Sämann und ich begreife diese reine, ewige und verschwenderische Liebe Gottes. Ich spüre, dass Gott immer alles gibt, um einen Weg zu fnden, nicht nur die Frommen zu erreichen. Wie er alles gibt, damit sein Wort der Liebe und der bedingungslosen Gnade auch die erreicht, bei denen alles dagegen spricht und die vielleicht auch niemals Fromme werden können, wie sehr wir uns das auch wünschen mögen.

Als Künstler sehe ich diesen großzügigen Sämann vor mir, der mit dem Wind spielt und ich stelle mir dann meinen Gott vor, wie er ganze Sternhaufen in die Weite des Kosmos wirft, wie er sich freut an dem unbändigen Leben, das aufgeht. Wie er sich freut an den endlosen Weiten und den blühenden Welten und Universen. Wie er ganze Sonnensysteme in schwarze Löcher schmeißt in der Hoffnung, dass selbst darin noch etwas aufgeht von seiner Saat. Und wie er sich freut, dass niemals etwas leer zu ihm zurückkommt, sondern das tun muss, was ihm gefällt und wozu er es sendet. (vgl. Jesaja 55,11)

EINDEUTIGKEIT UND WEITE

Was hat das alles mit Kunst zu tun? Ich würde sagen, Kunst ist auch so ein erwartungsvolles Verschwenden. Wir Künstler verschwenden Zeit und Kraft und manchmal auch Geld, und oft wissen wir nicht, ob uns etwas auch tatsächlich gelingt. Aber wir können es nicht lassen, weil es einfach zu schön wäre, wenn es gelingen würde. Wir sehen manche Dinge, die nicht direkt vor Augen sind. So verschieden man die Dinge sehen kann, so verschieden nehmen auch Glaube und Kunst die Welt wahr. Sie widersprechen sich einander nur vordergründig.

Ich bin überzeugt: Wir brauchen beides, einerseits diese Eindeutigkeit und die Klarheit des Evangeliums und die Predigten, die in drei starken Sätzen das ganze Wort Gottes zusammenfassen können. Aber wir brauchen auch unbedingt die Weite, das Spielen, den Perspektivwechsel, das Staunen, das Unaussprechliche, die Freude an der Fülle und an der Vielfalt. Denn beides entspringt dem Wesen Gottes. So zieht es sich durch die ganze Bibel und auch durch alle Kirchen- und Menschheitsgeschichte. Gottes Geist drängt dort immer wieder auf Einheit und Klarheit dort, wo jetzt nur Chaos wohnt. Und Gottes Geist drängt dort immer wieder auf Vielfalt, wo jetzt nur Eintönigkeit zu Hause ist. Wir können Gott weder auf die eine, noch die andere Seite reduzieren. Wer sich sicher ist, die Sache mit Gott vollständig verstanden zu haben, der sollte Gott täglich für seine unbegreifiche Weite danken. Und wer sich sicher ist, Gott niemals begreifen zu können, der sollte ihm täglich für die Klarheit und Eindeutigkeit seines Wortes danken, die uns schon heute am Ziel sein lässt.

Aber immer dann, wenn wir in unserem Glauben eine reine Mathematik, eine pure Logik, eine Erlösungsformel oder ein letztgültiges Bekenntnis gefunden haben, müssen wir uns entscheiden: Nehmen wir diese „Ofenbarung“ an wie ein Brot des Glaubens, das Gott uns reicht, damit wir uns daran stärken und dann weitergehen auf unserem Weg in die Weite des Lebens? Oder nutzen wir diese Erkenntnis als das allein gültige Richtmaß, an dem alles andere gemessen und beurteilt werden muss, weshalb wir uns einigeln mit all denen, die sich mit uns auf die gleiche Formel einigen konnten? Einen solchen Glauben kann die Kunst nicht teilen. Sie muss ihn herausfordern. Denn ihre Quelle liegt in Gott, der nicht nur begrifen und verstanden werden will, sondern geliebt, und der mit uns das ganze Leben und seine ganze schöpferische Kraft teilen möchte.

VIEL MEHR ALS EIN BISSCHEN KUNST

Manchmal stellen wir uns vor, dass Gott irgendwann am Anfang der Welt der Schöpfer aller Dinge war, dass er damals vor unendlichen Zeiten die Materie hat explodieren lassen oder als „intelligenter Designer“ seinen Masterplan perfekt durchgezogen hat. Aber schaut euch doch um und seht: Gott ist bis heute als Schöpfer mit seiner Schöpfung unterwegs. Er trägt sie noch immer zu ihrer Vollendung, er freut sich mit ihr auf den siebten Tag, an dem alles in seinen Händen zur Ruhe kommt. Er ist heute noch ihr Schöpfer, er liebt sie bis zum Ziel, er bewahrt sie und er fordert sie täglich heraus. Stellt euch diese Welt einmal als ein unbegreifliches Kunstwerk Gottes vor, das er auch heute noch malt und schaft, mit dem er auch heute noch kämpft und um das er mit uns ringt. In diesem großen Kunstwerk bin ich ein wichtiges und unverzichtbares Teilchen der Komposition, und auch jeder andere Mensch, jedes Tier, jeder Baum, jeder Stern und jedes schwarze Loch. Gott gibt alles, damit ihm dieses Kunstwerk nicht auseinanderfällt, damit er es nicht zerteilen muss in Erlöste und Verdammte, denn dafür liebt er diese Schöpfung viel zu sehr, und stellt sich lieber selbst zu den Verlorenen, als sie aufzugeben.Stellt euch einmal vor, wie er uns genau diese Weite auch in unser Herz und in unsere Hände legt, wie wir mit ihm diese Welt schafen und gestalten dürfe. Als „Mitkünstler“ mit der gleichen Sorge, dass uns ja nichts auseinanderfällt, und wir immer mehr begreifen, wie weit seine Gnade geht. Die Kunst lebt genau von dieser Weite Gottes, der uns seine Schöpfung mitgestalten lässt.

Es geht um viel mehr als ein bisschen Kunst. Wir brauchen uns nicht Künstler nennen und ein Kunsthandwerk gelernt haben, um Teil dieser Geschichte zu sein. Die, die irgendwann beschließen, von nun an echte „Künstler“ zu sein, sind oft gar nicht besondere Künstler, sondern vor allem gute Selbstdarsteller (was im Übrigen in diesem Beruf nicht selten überlebenswichtig ist). Eigentlich ist ein Künstler jemand, der nicht anders kann als neugierig zu sein, der ständig alles mit neuen Augen ansieht. Der mit seiner Sehnsucht nie ans Ziel kommt, der jedes Detail der Schöpfung in sich aufsaugt, als wäre es nur für ihn geschafen. Der sich sogar freut, wenn ihm widersprochen und er hinterfragt wird, denn dadurch kann er immer noch etwas Neues entdecken. Lasst uns wie Gott mit dieser Welt noch nicht fertig sein! Das kann die Kunst dem Glauben sagen.

Mein Leben – das Beste aus zwei Welten

Ich möchte gerne noch etwas von meinem eigenen Weg erzählen, um einen Einblick zu geben, wie diese zwei Welten im Leben am Ende zusammen finden können. Ich habe entgegen dem Rat meiner Tante damals dann also doch freie Kunst studiert (dafür war ich einfach zu neugierig) und um der Rest der Welt zu beruhigen und weil es mich mindestens genauso brennend interessiert hat, parallel dazu auch evangelische Theologie. Die Kunst und die Theologie ergänzten sich super, weil sie sich ständig widersprachen und mir ganz verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit eröffneten. Mit den Künstlern diskutierte ich ständig über Theologie und mit den Theologen machte ich künstlerische Performances. Ich muss damals vielen auf die Nerven gegangen sein.

Mein Kunstprofessor, ein weltweit angesehener Maler brachte uns Studierenden immer wieder bei, uns auch ja als Genies zu fühlen und das fiel mir im Gegensatz zu manch anderem erstaunlich leicht. Ich genoss dieses Künstler-sein-dürfen, diese fröhliche Unbescheidenheit, das gemeinsame Feiern, die ungenierte Freude am Leben. Das tat mir sehr gut und selbst im Rückblick werde ich das nicht verdammen.

Aber was soll man mit einer so unseligen Berufskombination bloß anfangen? Ich wollte weder malender Pfarrer noch predigender Maler werden. So wäre am Ende doch immer nur die eine Welt der anderen nicht gerecht geworden. Aber Gott hat meinen Blick auf ungewöhnliche Weise geweitet und versöhnte für mich, was mir unversöhnlich schien und natürlich beginnt solch eine Geschichte immer mit einem Umweg: Ich durfte damals viele Geschwister im Glauben kennenlernen, die aus der ganzen Welt zu uns nach Deutschland kamen und die sich in so genannten „fremdsprachigen“ Gemeinden versammeln. Für die meisten deutschen Christen stellen sie ein gravierendes Problem, ein schwieriges Thema oder eine wichtige Herausforderung dar, aber ich erkannte in ihnen von Anfang an vor allem etwas von der verschwenderischen Freude und dem Humor Gottes, der uns diese Geschwister mit all ihrer Andersartigkeit zur Seite stellt, obwohl wir nicht darum gebeten hatten.

Ich bekam mit, wie wir „Deutschen“ nicht bereit waren, unsere kirchlichen Gebäude und gemeindlichen Traditionen einfach für die internationalen Geschwister zu öffnen und zu teilen, da wir nicht flexibel genug waren für all das, was da auf uns zukam. Ich bekam mit, wie unsere internationalen Geschwister oft nicht die rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten hatten, eigene Häuser zu bauen und sich gesellschaftlich zu etablieren. Und ich freute mich als Künstler an dieser unmöglichen Situation und dass wir Dinge probieren dürfen, neue Wege ausprobieren und Zeit und Kraft verschwenden können in der Hoffnung, dass etwas Neues entstehen kann und Gott seinen Segen dazu gibt.

Und wir fingen an, mit unseren Geschwistern einfach eine neue Stadt zu bauen, Häuser auf Rädern, die keinem deutschen Baurecht und keiner Kirchenordnung gehorchen mussten und wir machten diese umgebauten Bauwagen zu Botschaftsgebäuden vieler Nationen. Und diese Weltstadt auf Rädern brauchte einen Platz, um bleiben zu dürfen. Und eine ältere Dame aus Nordhessen rief an und berichtete, sie hätte mit ihrem Mann in den vergangenen 25 Jahren einen Berg aus Bauschutt gebaut und wollte wissen, ob wir diesen gebrauchen könnten? Sicherlich – unter normalen Umständen eine etwas ungewöhnliche Geschichte, für uns aber durchaus logisch und nachvollziehbar, denn wir brauchten ja so ein Stück Neuland. Und so kam die Weltstadt zum Berg, den wir inzwischen „Himmelsfels“ getauft hatten und heute kommen auf diesem gemeinsamen Land die internationalen Geschwister mit ihren deutschen Schwestern und Brüdern auf Augenhöhe zusammen. Das 10 Hektar große Gelände ist inzwischen baurechtlich ein Sondergebiet mit dem Titel „Kunstpark Himmelsfels“ und auch zugewanderte Bäume genießen dort den gleichen Bestandsschutz wie einheimische Bäume. Heute gibt es auf dem Himmelsfels auch ein Haus Israel und eine Kirche und der ganze Berg ist mit Mosaik überzogen. Die Arbeit wird von internationalen und deutschen Geschwistern gleichberechtigt geleitet und getragen. Viele Künstler, Musiker und Tänzer gestalten das Gelände und die Gastfreundschaft heute mit und viele deutsche Kinder und Jugendliche werden hier erstmalig Gäste einer anderen Kultur und lernen von ihren internationalen Geschwistern die Welt neu zu sehen, zu beten, zu singen und zu tanzen.

Das alles klingt sicher verrückt, aber ohne die Kunst hätten wir diesen Himmelsfels heute nicht, ohne die Kunst gäbe es einen solchen „dritten Raum“ zwischen den Kulturen nicht, ohne die Kunst hätten wir die Freiheit nicht gehabt, in ein solches Neuland aufzubrechen.

JOHANNES WETH
Jg. 1975, ev. Theologe und freischaffender Künstler, verheratet mit der Sängerin Njeri Weth, zwei Kinder, seit 2007 in der Leitung der Stiftung Himmelsfels in Spangenberg, Nordhessen. Er ist leidenschaftlicher Prediger, Künstler, Geschichtenerzähler und Erfinder. Sein Herz gilt der Vision,in Deutschland einen Leib Christi aus allen Hautfarben zu leben und zu teilen und die Trennungen und Grenzen zwischen den Kulturen zu überwinden. Johannes ist gerne theologischer Provokateur, aber auch immer auf der Suche, das alte Schiff der Kirche und der Kirchen mitzunehmen aufneue Wege des Glaubens, der Gemeinschaft mit Gott und der Hinwendung zu allen Menschen. Gemeinsam mit vielen internationalen Geschwistern und mit anderen Künstlern, Musikern, Arbeitssuchenden, Jugendlichen und Kindern gestaltet er den „Kunstpark Himmelsfels“. Der Himmelsfels ist ein einzigartiger künstlerischer Ort, an dem Menschen aus vielen Nationen mitten in Deutschland zusammen findenund Kinder und Jugendliche gefördert werden.
www.himmelsfels.de 

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