Sag´ bescheid

Heilig

„Heilig, heilig, heilig ist der Herr!“ Das ist leichter gesungen als gelebt. Mit der Kampagne „Was ist dir heilig?“ brachte der Musiker Daniel-John Riedl die Leute zum Nachdenken über die Bedeutung des Heiligen – das Ergebnis kann man auf seiner CD bewundern. 

Daniel, ihr habt im Juni euer erstes deutschsprachiges Album „heilig“ herausgebracht. Kannst du spontan deine absolute Lieblingszeile zitieren?

Ja, und zwar: „Es ist sehr krass, dass er trotz aller Herrschaft dich auf dem Herz hat.“

Was macht diese Zeile so wichtig?

Das kann ich gar nicht genau sagen. Die Größe Gottes wird in dieser Zeile irgendwie stärker auf den Punkt gebracht als in allen anderen. Weil es sehr umgangssprachlich und nah klingt.

Wie kam es zu dem Albumtitel „heilig“?

Beim Surfen bin ich auf einen Beitrag in einem Forum gestoßen, der hieß „Was ist dir heilig?“. Da erzählten junge Mädels, dass der Pfarrer im Konfirmationsunterricht gesagt hatte, sie sollten etwas mitbringen, das ihnen heilig ist. Und sie diskutierten, ob sie ihre beste Freundin mitbringen könnten. Diese Auseinandersetzung fand ich sehr spannend, weil es den Begriff „heilig“ aus dieser Transzendenz herausholt.

Für eure Vorabkampagne habt ihr diese Frage „Was ist dir heilig?“ euren Freunden gestellt und sie gebeten, sie mit Fotos zu beantworten. Hast du ein Fazit: Was ist den Leuten heilig?

Was die Leute eingeschickt haben, sieht man auf dem Cover. Das sind sehr alltägliche Dinge: ein Zigarettenautomat, ein Playstation- Controller, eine beste Freundin, auch mal eine Bibel. Manche fragen uns: „Warum sind da Bilder aus dem Alltag und dann steht darüber ‚heiligʻ? Das sind doch keine heiligen Dinge.“ Genau darum geht es aber. Hätten die typischen heiligen Dinge irgendwas mit deiner Lebensrealität zu tun? Mit Uni, Arbeit, Freizeit? Nein. Sie haben höchstens etwas mit Sonntag zu tun. Wenn wir das mal ein bisschen runterbrechen, ist Christus genau dafür gekommen: Nicht, um sich in irgendwelchen Bibelbergen zu suhlen, sondern für die Menschen, so, wie sie sind. Natürlich sagen wir nicht, dass die Dinge auf den Fotos alle heilig sind, aber sie sind die Realität. Dort kann Gott stattfinden.

Welche Antwort hat dich am meisten überrascht?

Eigentlich keine, weil wir ja die Leute herausgefordert haben, wegzugehen von der Antwort „Heiliger Geist“ oder „Bibel“. Was mich eher überrascht hat, war, dass unter den ersten zehn Bildern, die eingesendet wurden, vier aus meiner Agentur waren, die nichts mit Glauben zu tun haben. Dass Menschen, die nicht aus dem freikirchlichen Sektor kommen, sehr viel positiver auf diese Kampagne reagieren.

Und das, obwohl wir in den Gemeinden eine Menge über Heiligk eit reden. Dafür gibt es kaum Formen im Gemeindeleben, die dieser Eigenschaft Gottes gerecht werden. Hast du eine Empfehlung für Gemeinden, die Gottes Heiligk eit wiederentdecken wollen?

Unsere Erfahrung ist, dass ich einen Umstand wie Heiligkeit nur verstehen kann, wenn ich versuche, mich selbst da hineinzubringen. Wenn ich über Gottes Heiligkeit singe, heißt das noch lange nicht, dass ich sie begreife. Abgesehen davon, dass Gottes Heiligkeit so groß ist, dass wir sie eh nicht begreifen können, sonst wäre Gott nicht Gott. Mir hilft es, wenn ich zulasse, dass Gott mir, so unvollkommen wie ich bin, begegnen kann. Gott ist mehr als das, was man immer über ihn hört. Was du da ganz persönlich empfindest, ist ein Moment Heiligkeit. Von daher glaube ich, dass Gemeinden mehr die persönliche Beziehung zu Gott suchen sollten.

Euch war wichtig, dieses Album in deutscher Sprache aufzunehmen. Was ist anders, wenn man in seiner Muttersprache singt?

Wir verstehen in Bruchteilen von Sekunden, was wir sagen. Irgendwie empfindet man englischen Gesang als komfortabel. Man kommt sich nicht wie ein Christen-Freak vor, weil alles wie im Radio klingt. Damit will ich nicht die englische Musik schlecht machen. Anbetung heißt aber, wissentlich und aus der persönlichen Empfindung heraus zu sagen: Gott, du bist groß. Zum Beispiel „I sing a simple song of love“. Das hat man schon oft gehört. Wenn du aber singst: „Ich singe dir ein Liebeslied“, merkst du auf einmal, was das für eine emotionale Aussage ist. Dann fragst du dich: Tue ich das wirklich? Ist das, was ich Gott gegenüber empfinde auch nur im Ansatz so stark, wie das, was ich für meinen Freund empfinde oder für meine Frau, meine Kinder? Ist es das Gefühl? Denn so sollte es ja eigentlich sein oder sogar noch stärker. Die deutsche Sprache ist für uns sehr wichtig, um in diese bewusste Anbetung reinzukommen.

Auf der CD gibt es einen Poetry- Beitrag , also eine Predigt in Reimform. Wieso Poetry slam auf einer Worship-CD?

So eine Worship-Veranstaltung bestehtoft aus aneinandergereihten Liedern, aber das Wesentliche ist die Predigt. Ohne Predigt ist Musik Kunst, und Kunstist Interpretation. Du weißt dann nicht, mit welcher Botschaft die Leute aus der Veranstaltung gehen. Darum wollten wir auf der Platte neben den Songs auch eine Predigt. Irgendwann habe ich Marco Michalzik, einen Poetry Slammer, kennengelernt. Er hat innerhalb von fünf Stunden das Ding geschrieben. Meiner Meinung nach ist das der beste Track auf der Platte, inhaltlich gesehen. Aus diesen sechs Minuten zieht man mehr klare Botschaft als aus all den Liedern. Nicht, dass die Lieder schlecht sind; ich habe die Musik ja teilweise mitgeschrieben. Aber das gesprochene Wort geht ohne Umschweife ins Herz.

Habt ihr bei euren Liveworship- Events auch manchmal Poetry- Parts?

Bisher hatten wir immer normale Predigten. Wir überlegen gerade, kleine Sessions mit Musik und Poetry-Parts als Predigt an verschiedenen Standorten, wo Jugendabende stattfinden, zu machen. Es ist uns aber auch wichtig, Jugendgruppen die Möglichkeit zu geben, eigene Lobpreisabende zu gestalten. Deswegen haben wir zu den Poetry-Parts jetzt noch ein Video, das als Predigt gezeigt werden kann.

Also viele unterschiedliche kreative Formen. Was ist denn dein Lieblingsmoment auf diesen Events?

Da gibt es einige, weil wir viel improvisieren. Die Lieder werden nicht einfach runtergespielt. Es gibt keine feste Band, sondern es können immer neue Musiker dazukommen. Der beste Moment bei jedem livewo rship ist f ür mich, wenn ich merke: Die Leute sind angekommen. Die Musiker fühlen, dass sie am richtigen Platz sind, und die Songs fangen an zu fliegen. Manche Leute sagen, wir machen eine gute Jamsession. Ich finde den Begriff ein bisschen fade, weil es da zum großen Teil darum geht, dass sich die Musiker in ihrer Exzellenz selbst abfeiern. Wir fordern sehr stark heraus: Konzentriere dich nicht auf die Lichtshow, nicht auf einzelne Musiker, sondern mach die Augen zu, lass dich von dem Sound und den Texten mitreißen und streck dich danach aus, dass du heute eine ganz persönliche Begegnung mit Gott hast. Diesen Kontaktpunkt mit Gott zu suchen, das sind die speziellsten Momente an so einem Abend.

Du meintest vorhin, dass die Events ziemlich spontan und interaktiv sind. Heißt das, Leute können einfach mitmachen?

Man kann nicht einfach am Abend auf die Bühne kommen, dafür haben wir andere Veranstaltungen. Aber bei Liveworship gibt es keine festen Bands. Man kann sich vorher bei uns anmelden, wenn man mal mitmachen möchte. Dann führen wir ein Gespräch mit den Leuten und stellen sozusagen für jedes Event eine neue Band zusammen.

Geht das auch mal schief?

Natürlich hatten wir schon Leute dabei, die schief gesungen haben und Gitarristen, die sehr am Anfang standen. Der Punkt ist: Was ist die Alternative? Um diese Momente von Unsicherheit zu vermeiden, dürfte man all die Leute, die vielleicht noch nicht so weit sind, nicht mitspielen lassen. Und das kann nicht der Anspruch sein. Bei Liveworship versuchen wir, cooles Zeug zu machen, aber der Kern ist eigentlich immer: Wenn du Hilfe brauchst, wenn du Material haben willst, wenn wir dir helfen können, selbst etwas zu starten, dann sag Bescheid!

Also geht es euch eigentlich nicht um Perfektion. Worum geht es dann? Was wäre dein Tipp für guten Worship?

Wenn ich die Aussage „Uns geht es nicht um Perfektion“ stehen lasse, würde die zerrissen werden. Zu Recht. Es geht darum, sein Bestes zu geben. Das trifft es eigentlich besser als Perfektion. Zu sehen, welches Potenzial ich habe, es im besten Fall voll auszuschöpfen, und dann Gas zu geben. Das reicht meiner Meinung nach völlig aus, um wirklich coolen Worship zu machen und gute Songs zu schreiben. Dafür muss ich nicht der Beste in meinem Fach sein. Die Starken und die guten Leute gehen ihren Weg. Lasst uns doch gucken: Wo sind die jungen Leute, die normalerweise nicht in die erste Reihe kommen, noch nicht mal in die zweiteoder dritte Reihe? Lasst uns die herausfordern, ihr Potenzial auszuschöpfen. Die meisten Gemeinden in Deutschland sind nicht dreihundert Mann stark und haben auch keine grandiose Worship- Band. Aber sie haben junge Leute, die Gitarre spielen. Also lasst uns denen helfen, Worship zu machen. Der schwache Gitarrist, den wir hatten, hat dann eben mit einem starken Gitarristen zusammengespielt. Letzterer war dann natürlich auf den Boxen lauter. Aber der Junge war auf der Bühne, konnte Erfahrung sammeln und unheimlich viel lernen. Fakt ist, dass er heute in seiner Gemeinde Lobpreis leitet. Dass das keine Riesenevents sind, ist völlig egal. Er setzt sich ein. Und das finde ich genial!

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  1. Phil

    Danke für diesen mega Artikel!

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