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Jesus Culture

Was ist eigentlich eine Jesus-Kultur?

Wie würde heute Jesus streiten, provozieren, heilen? Welchen Politikern würde er den Kampf ansagen, welches Sozialprojekt loben und welche Zeitung abonnieren? Würde er überhaupt? Oder würde er sich doch eher einsam in einen Wald zurückziehen mit seinen Nachfolgern? Und wenn ja: Mit welcher Absicht?

Um das zu verstehen, zoomen wir etwas zurück auf die Meta-Ebene und fragen: Wie würde sich Jesus heute zur Kultur allgemein verhalten? So ganz theoretisch. Kultur meint dabei nicht das neue Buch von Autor Soundso oder den abgedrehten Arthouse-Film, den du dir letzte Woche angeschaut hast, sondern allgemein jeden Aspekt der Lebensweise, angefangen von Grundannahmen, Weltbild und Werten bis hin zu jeder sichtbaren Äußerung dieser Kernüberzeugungen, die eine Gesellschaft oder Gruppe ausmachen.

Schlaue Köpfe haben versucht, die unterschiedlichen Arten und Weisen wie sich Christen (bzw. Jesus) gegenüber „der Kultur“ verhalten können, in Kategorien zu ordnen. Als einer der ersten schlug Reinhold Niebuhr fünf solche Schubladen vor: Christus gegen die Kultur, Christus in der Kultur, Christus über der Kultur, Christus und Kultur als Paradox und Christus verändert Kultur. Etwas weiterentwickelt hat das ganze Timothy Keller (Center Church Deutsch). Seine Konstruktion stellen wir etwas ausführlicher vor. Nicht, weil sein Modell der Weisheit letzter Schluss wäre oder die Realität perfekt wiedergäbe – niemand wird sich oder seinen Jesus eins zu eins in einem Modell wiederfinden. Sondern, weil es schnell zu lernen ist und eine Landkarte zeichnet, auf der jeder sich selbst und sein Jesusbild einordnen kann.

Timothy Keller unterscheidet vier Modelle: Die Zwei-Reiche-Lehre, das Relevanzmodell, das Gegenkulturmodell und das Transformationsmodell.

 

DIE ZWEI-REICHE-LEHRE: GLAUBE IM ZENTRUM

Die Zwei-Reiche-Lehre geht auf Luthers Rede von zwei Reichen zurück. Vereinfacht ausgedrückt sagt dieses Modell, dass es zum einen das weltliche Reich gibt, über das Gott herrscht und dem jeder Mensch angehört. In diesem Reich soll jeder einzelne Christ vorbildlich leben, aber der säkularen Gesellschaft sollen keine christlichen Maßstäbe übergestülpt werden. Andererseits gibt es das geistliche Reich der Gemeinde, die sich in erster Linie um die Verkündigung des Glaubens zu kümmern hat. In dem Modell der Zwei-Reiche-Lehre verhält sich ein Christ im Berufsalltag wie jeder andere Mensch auch. Er/sie nimmt an der Kultur teil wie jede/r andere auch. Die Kultur dieser Welt wird grundsätzlich als eher positiv angesehen. Gottes allgemeine Gnade – so lautet der theologische Fachbegriff dafür, im Gegensatz zu seiner speziellen Gnade, mit der er in Jesus rettet und erlöst – ist auf vielfältige Weise am Werk in dieser Welt, auch außerhalb der Gemeinde. Allerdings wird nicht viel Veränderung oder „christliche Durchdringung“ der Kultur erwartet. Der Zwei-Reiche-Lehre-Jesus würde sich also vor allem um seine Botschaft kümmern und sie in die Welt hinausposaunen, aber auch weiter gewissenhaft seinem Beruf nachgehen, um der beste Schreiner, Informatiker oder Bankangestellte zu werden. Ihm geht es zuallererst um den Glauben; was sonst so in der Welt passiert, ist nur in zweiter Linie von Bedeutung.

DAS RELVANZMODELL: MITWIRKEN

Anders das Relevanzmodell: Hier wird die Frage gestellt, „wo können wir mitwirken an dem, was Gott schon sowieso in der Welt tut?“ Gottes Geist steckt hier hinter allen guten Entwicklungen, die auf der Welt passieren. Der relevante 21st Century Jesus würde also mit sozialen Initiativen, Weltverbesserern und ökologischen Start-ups zusammenarbeiten, sie in ihrer Arbeit unterstützen und vielleicht seinen jesusmäßigen Touch reinbringen. Er ist aufgeschlossen gegenüber kulturellen Trends, versucht sie für Gottes Reich fruchtbar zu machen und sich für das Wohlergehen von allen einzusetzen. In diesem Modell ist Gottes allgemeine Gnade auch stark, außerdem bringen sich Jesus und seine Leute auch aktiv in allen möglichen Bereichen in der Welt ein und glauben daran, dass Veränderung zum Positiven möglich ist. Der Friede Gottes, Shalom, ist keine Utopie oder Vertröstung auf die neue Schöpfung, sondern beginnt Stück für Stück und immer mehr auf dieser Welt.

DAS GEGENKULTURMODELL: EIN NEUE ART ZU LEBEN

Wie der Name schon sagt, liegt das Gegenkulturmodell am anderen Ende des Spektrums. Der Gegenkultur-Jesus würde „die Welt“ sehr kritisch beäugen. Das System, in dem wir leben, ist in dieser Weltsicht so korrupt und kaputt, dass eine Zusammenarbeit eigentlich ausgeschlossen ist. Die allgemeine Gnade Gottes wirkt schwach in diesem Modell, die Welt ist gefallen. Die Kultur soll nicht erreicht oder verändert werden. Das ist hoffnungslos. Das Gegenkulturmodell schlägt vor, Gemeinde als krasse Alternative zu den vorherrschenden Werten und Entwicklungen zu sehen. Anders leben und nicht mitmachen bei den teuflischen Kreisläufen von Macht, Geld und Konsum lautet die Devise. Jede tiefere Interaktion mit dieser Kultur, auch im Bestreben sie zu verändern, färbt letztlich ab und korrumpiert den Leib Jesu. Der Gegenkultur-Jesus würde zurückgezogen mit seinen Anhängern ein neue Art zu leben entwerfen, die nicht vom Raubtierkapitalismus, hierarchischen Zwängen und sozialer Kälte geprägt ist. Er würde sich voll mit den Armen und Ausgegrenzten identifizieren und in Einfachheit und enger Gemeinschaft dienen und beten.

DAS TRANSFORMATIONSMODELL: ALLES MUSS SICH ÄNDERN

Auch das Transformationsmodell ordnet die Kultur eher negativ ein.* Die Welt ist gefallen und braucht Veränderung auf jeder Ebene durch Gottes Geist und das Wirken von Jesus und seinen Nachfolgern. Allerdings besteht hier die Hoffnung, dass sie durch das Wirken Gottes verändert und geheilt werden kann. Im Gegensatz zur Zwei-Reiche-Lehre soll in diesem Modell jeder Nachfolger Jesus auch seine säkulare Arbeit als spezifisch christlichen Auftrag verstehen und versuchen, Gottes Königsherrschaft auch dort immer mehr zum Durchbruch zu bringen. Der Transformation-Jesus würde also nicht nur anstreben, ein herausragender Schreiner zu sein, sondern sich auch fragen, wie er seinen Beruf zur Ehre Gottes und zur Verbreitung seines Reiches ausüben kann. Jeder Aspekt der Kultur soll unter Gottes Herrschaft kommen. Dieser Jesus würde sich in politische Debatten einbringen und versuchen, Deutschland christlicher zu machen, zum Beispiel was Gesetzgebung und einen moralischen Kompass angeht – sei es in der Politik, in der Wirtschaft, im Sozialwesen oder einfach im Miteinander.

 

So what?

Für jedes dieser Modelle gibt es ganz praktische Beispiele und gute Gründe. Gemeinden zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen haben sehr unterschiedliche Ansätze gewählt und doch immer wieder versucht, mit dem, was sie tun, Jesus nachzufolgen. Wer will sich da schon anmaßen, letztgültig zu entscheiden, wie Jesus heute handeln würde? Timothy Kellers Modell ist dennoch eine Denkhilfe. Weil sie uns und unsere Art, den Glauben zu leben, klug hinterfragt. In welchem Modell finden wir unser eigenes Leben und Handeln am ehesten wieder? Welches Modell fordert uns am meisten heraus? Wenn wir mit der Brille dieser vier Modelle die Bibel lesen, wo würden wir den Jesus der Bibel am ehesten eintüten? Gibt es da eine Facette, die wir bisher überhaupt nicht wahrgenommen haben? Würde Jesus heute noch im selben Schema auftreten oder hat sich unsere Kultur im Vergleich zu damals so verändert, dass etwas anderes gefragt ist? Viele offene Fragen, aber zum Schluss doch noch eine Antwort. Der 21st Century Jesus würde eines tun, was er schon damals besonders gut konnte: Alle Kategorien sprengen.

 

MORITZ BROCKHAUS stellt sich die Frage nach der „Jesuskultur“ auch im Gemeindekontext. Seinen Berufseinstieg hat er als Gemeindereferent einer Brüdergemeinde absolviert.

 

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