Sag´ bescheid

Kino im Kopf

Wozu Träume gut sind

Schlafträume übernehmen verschiedene Aufgaben für unser Seelenleben. Wer sich die Mühe macht, sie zu deuten, findet nicht selten Impulse zu einem ganzheitlicheren Leben. Der Traumexperte Ulrich Kühn stellt die fünf häufigsten Traumarten vor – und verrät, was dahinter stecken könnte

 

  1. Träume zeigen, was im Alltag übersehen wird

Im Traum zeigen sich Lebensmöglichkeiten und -äußerungen, die der Träumende im Alltag nicht wahrnimmt.

Vor acht Monaten starb Ninas Vater. Seitdem ist sie immer wieder mit der Trauer um ihren Vater beschäftigt. Ihr Mann kann nicht verstehen, warum Nina so intensiv trauert. Sie müsste doch längst darüber hinweg sein. Nina fühlt sich von ihrem Mann alleingelassen in ihren Schmerz um den Verlust. Zwischen sich und ihrem Mann spürt sie eine wachsende innere Entfernung, kann darüber aber nicht mit ihm sprechen. Sie fürchtet, dass der Abstand dadurch noch größer wird und die Ehekrise sich nur verschlimmert.

In dieser Zeit träumt sie folgenden Traum: Ich gehe in die meiner Wohnung gegenüberliegende Kirche. Auf dem Weg über den Mittelgang zum Altar weine ich. Neben mir geht eine Gestalt mit. Am Altar angekommen, merke ich, es ist mein Mann. Wir legen unsere Hände ineinander. Das Weinen hört auf.

Der Traum zeigt Nina, dass sie mit ihrem Mann doch stärker verbunden ist, als sie es im Alltag sieht und erlebt. Ihr Mann ist in ihrer Nähe und an ihrer Seite, ja sie gehen Hand in Hand. Dieser Blick des Traumes auf ihre Trauer und die Ehekrise gibt ihr wieder Hoffnung und Kraft, den Weg durch die Trauer weiterzugehen. Vor allem stärkt er ihr Vertrauen, dass es mit ihrer Ehe gut wird. Das hatte sie aus dem Blick verloren. Dieses Vertrauen konnte sie bisher nicht leben.

 

  1. Träume bringen Unerledigtes zur Sprache

Gespräche, Begegnungen und Erlebnisse, die wir nicht ausreichend verarbeitet haben, melden sich in Träumen. Gefühle, die mit Alltagsereignissen verbunden sind, aber dort nicht geäußert werden, zeigen sich auf der Traumbühne. Was der Alltag tatsächlich mit uns macht, erhellt das Traumerleben.

Tom ist Abteilungsleiter eines größeren Unternehmens. Er träumt über einige Monate hinweg mehrere gleich ablaufende kurze Träume, die ihn aufschrecken. Er springt jedes Mal aus dem Bett, landet auf seinen Hausschuhen, die vor dem Bett stehen und kriecht anschließend mit schmerzenden Füßen wieder zurück. Tom träumt: Ich fahre schnell mit meinem Auto vor eine Betonwand, ohne in irgendeiner Weise fahrerisch reagieren zu können.

Nachdem er diesen Traum zum vierten Mal geträumt hat, wird er beim täglichen Autofahren unsicher. Der Traum geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Längere Strecken machen ihm Angst. Die üblichen Fragen, um den Traum zu verstehen, helfen nicht weiter: „Was fällt Ihnen zu der Mauer ein? Was verbinden Sie mit dem Begriff ‚Auto‘? Welche Assoziationen und Gefühle kommen Ihnen zu dem Begriff ‚Unfall‘?“ Das Traumerleben bleibt ohne Bezug zur Alltagsrealität und damit unverstanden. Auch die Frage: „Wer oder was hat sich Ihnen in den Weg gestellt?“ führt zu keiner tieferen Erkenntnis.

Schließlich stellen wir die Traumszene nach. Der Stuhl wird zum Fahrersitz und eine aufgestellte Matratze bildet die Mauer. Die Unmittelbarkeit des Erlebens bringt eine fast vier Jahre zurückliegende Erinnerung an einen ungelösten und verletzenden beruflichen Konflikt ins Bewusstsein: Der Betriebsratsvorsitzende beschimpfte Tom, weil er einen Mitarbeiter mit einem Alkoholproblem nicht in seine Abteilung übernehmen wollte. Es sollte erst geklärt werden, ob dies ein vorübergehendes oder dauerhaftes Problem des Mitarbeiters ist. Darüber hinaus geriet Tom unter Druck: Ihm wurde mit einer Verleumdungsklage gedroht, weil er den Namen des Informanten, der ihn über das Alkoholproblem des Mitarbeiters informiert hatte, nicht nennen wollte. Tom wurde daraufhin noch übler beschimpft und verletzt.

Tom erkennt und versteht in der Arbeit an seinem Traum, dass die verletzende Behandlung durch den Betriebsratsvorsitzenden seiner Seele offenbar mehr ausgemacht hat als ihm bewusst war. Er hat ihn ausgebremst. Seine Integrität wurde durch die massiven Angriffe beschädigt. Der Traum will die so genannte „ungeschlossene (Erlebnis-) Gestalt“ aus dem beruflichen Konflikt schließen, was durch die Arbeit an dem Traum gelingt. Die unerledigte Situation wird abgeschlossen, indem Tom den Zusammenhang zwischen dem Traum und der damaligen beruflichen Konfliktsituation erkennt. Die Alpträume hören sofort auf.

 

  1. Träume gleichen eine einseitige Lebensweise aus

Um in der inneren Balance zu bleiben, schafft sich die Seele im Traum ein Korrektiv zu übertriebenen Verhaltensweisen, die den Alltag bestimmen. Familiäre Einflüsse formen unterschiedliche Persönlichkeitsstile und führen zu einseitigen Verhaltensmustern, die sich in Alltagsrollen zeigen.

Jan erzählt nach meinem Vortrag über Träume einen häufig wiederkehrenden Traum, der ihn sehr irritiert. Er ist förmlich erschrocken und fragt sich, was er denn wohl für ein Mensch sei, wenn er solche Träume hat. Er träumt: Ich bin mit einem Messer bewaffnet. Immer wieder ersteche ich Menschen. Ich bringe sie einfach um.

Jan wundert sich, was das wohl zu bedeuten habe, da er sonst ein sehr friedliebender Mensch sei und solche Aggressivität bei sich gar nicht kenne. Im Gegenteil, sie ist ihm völlig fremd. Als Außendienstmitarbeiter behandle er seine Kunden ausgesprochen freundlich und zuvorkommend, was wesentlich zu seinem beruflichen Erfolg beitrug.

In dem kurzen Dialog, der sich zwischen uns ergibt, wird Jan klar, dass er aus beruflichen Gründen die aggressive Seite seiner Seele nicht in einem für ihn gesunden Maß leben kann und sie sich darum in seinem Traum Ausdruck verschafft. Da kommt ihm die Idee, zum Ausgleich dieser Einseitigkeit Kampfsport zu betreiben. Eine gute Idee. Die aggressive Seite seines Wesens kann sich ausleben, ohne dabei Schaden anzurichten.

 

  1. Träume helfen, innere Konflikte zu verarbeiten

Als junger Pastor besuchte ich gelegentlich Heinz. Er ist 82 Jahre alt, lebt allein in der oberen Etage seines Hauses; die untere bewohnt die Tochter mit ihrem Mann. Er ist sehr krank, und es scheint, dass er nicht mehr lange leben wird. Er erzählt gerne aus seinem Leben und immer wieder stolz von seinem Haus, das er mit eigenen Händen gebaut hat. Es ist sein Lebenswerk.

Bei einem Besuch frage ich mich, was Heinz den Abschied aus diesem Leben so schwer macht, zumal er eine große Erleichterung für ihn wäre und er sich nach dem Himmel sehnt. Ob er doch zu sehr an seinem Leben, an seinem Haus, seinem Lebenswerk, festhält und es nicht loslassen kann? Befindet er sich möglicherweise in einem Loslösungskonflikt? Einerseits steht er vor der Aufgabe, sich von seinem Leben zu verabschieden, und andererseits will er festhalten, was ihm lieb und teuer ist – sein Haus.

Da erzählt er mir einen Traum, den er vor zwei Tagen träumte: Ich gehe noch einmal durch jedes Zimmer meines Hauses und sehe sie mir genau an. Ich erinnere mich dabei noch einmal daran, wie alles entstanden ist. Wenige Tage später stirbt Heinz. Als ich es erfahre, fällt mir sofort sein Traum ein. Im Traum hatte sich Heinz von seinem Lebenswerk verabschiedet. Bewusst war er dazu nicht in der Lage gewesen, weshalb sein Unbewusstes diese Aufgabe in Gestalt dieses Traumes übernommen hatte. Der Traum löste den inneren Konflikt zwischen festhalten und loslassen.

 

  1. Träume geben Entwicklungsimpulse

Träume zeigen, welche Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten im Menschen stecken. Man spricht dann von Individuationsträumen.

Ein Beispiel eines Individuationstraumes aus meiner Familie. Es ist Heiligabend. Geschenke werden ausgepackt. Meine Frau überrascht mich mit einem Keyboard, das ich mir seit längerem gewünscht hatte. Sonja, damals acht Jahre alt, interessiert sich für die schwarzen und weißen Tasten. Zwei Tage später hat sie einen Traum mit zwei Szenen und erzählt mit einer bemerkenswerten Bestimmtheit, die uns Eltern aufhorchen ließ. Sie träumte: (1) Ich sitze am Klavier. Neben mir sitzt mein Klavierlehrer und unterrichtet mich. (2) Es ist Gottesdienst. Die Gottesdienstbesucher haben Platz genommen. Ich sitze am Klavier und gebe ein Konzert.

Als Eltern nahmen wir diesen Traum ernst. Sonja bekam zwei Monate später ein Klavier und erhielt Unterricht. Im Laufe der Zeit stellte sich immer mehr heraus, dass es ihr Instrument wurde. Inzwischen spielt sie leidenschaftlich gerne. Die Entwicklung einer Begabung zeigte sich im Traum und wurde aufgegriffen. Inzwischen ist die zweite Szene teilweise verwirklicht. Sie wirkte gelegentlich musikalisch bei der Gestaltung von Gottesdiensten mit. Heute ist sie beruflich in einer Branche tätig, in der Musik eine große Rolle spielt.

Individuationsträume zeigen, was es noch im Leben zu verwirklichen gilt. Sie laufen der eigenen Entwicklung voraus und bieten deshalb eine hilfreiche Orientierung für die Lebensgestaltung. Auch in den Erzvätergeschichten des Alten Testaments kommt ein Traum vor, in dem sich die Zukunft andeutet. Josefs (Traum-)Karriere am Hofe des Pharaos in Ägypten und das spätere Machtgefälle zu seiner Ursprungsfamilie zeigen sich bereits in den Träumen seiner Jugend (1. Mose 37,1–11).

Individuationsträume tauchen auch verstärkt in den Übergängen unseres Lebens auf, etwa im Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden, von der ersten zur zweiten Lebenshälfte und vom Erwerbsleben zum Ruhestand.

Ulrich Kühn ist Seelsorger im Diakonischen Werk Bethanien.

Sag´ bescheid

Hinterlasse doch Kommentare  |  0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.