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„Lass meine Mutter aus dem Spiel“ – Spuren von Mama in meinem Leben

Dieselbe Stupsnase, denselben Sicherheitsfimmel? Warum es so nervt, mit seinen Eltern verglichen zu werden.

Vier schöne Frauen, die sich auffällig ähneln, sitzen auf dem Balkon zwischen Blumen und trinken Wein. „Be-you-tiful!“, sagt die eine, die Älteste der vier, und die anderen prusten los. „Also, das war jetzt eindeutig ein Mama-Wortspiel, ganz klassischer Mama- Humor!“, kommentiert die Zweitälteste. Das ist ausgerechnet die, die immer genau wie Mama ein zweites Paar Schuhe überall hin mitnimmt, „nur für den Fall.“ Die Dritte hat auch einen Mama- Tick, der hier verschwiegen sein soll; und die Jüngste glaubt bis jetzt, dass sie nur die süße Stupsnase der Mama geerbt hat.

Genau wie Mama
Die vier haben eine wundervolle Mutter. Eine liebevolle, fleißige, schöne Frau. Und in vielen Bereichen wollen sie ihre Kinder später sehr ähnlich erziehen, wie sie erzogen worden sind. Und doch schwelt auch in ihnen eine ganz bestimmte Angst, die Angst, wie die eigene Mutter zu werden. Diese Furcht hat einen Namen: Matrophobie. Sie kommt bei Söhnen wie bei Töchtern vor. Dabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, ob die eigene Mutter eine von den Guten war oder eben nicht. Viel eher geht es hierbei um Identität. Um das zu verstehen, muss man schon vor der Geburt beginnen.

Man muss sich das mal bildlich vorstellen, diese absoluteAbhängigkeit im Bauch der Mutter, die enge körperliche und dadurch auch emotionale Verbindung. Die Tonhöhe beim Lachen, die Vorliebe für klassische Musik oder Sushi: Das allessteckt nicht in den Genen. Es sind schlicht die ersten Eindrückeder Welt, die wir noch vor unserer Geburt aufnehmen –Eindrücke aus der Lebenswelt unserer Mütter. Dann kommen die ersten Jahre, auch die sind extrem prägend. Als Kind lernt man hauptsächlich von seinen Eltern, durch Vorbild. Gibt man Obdachlosen Geld? Wie reagiert man auf Stress? Wie oft wird das Bad geputzt? Von Mama saugen wir mit der Muttermilch auf, „wie Dinge gemacht werden“. Wir sind auf so besondere Art mit ihr verbunden, dass Psychologen von der „Urbindung“ sprechen.

Typisch „Ich“
So wichtig diese Bindung ist, so sehr sorgt sie später für Spannungen. Um ein eigenständiger Mensch zu werden, muss man sich aus dieser Symbiose lösen, angestoßen durch den Wunsch nach Einzigartigkeit. Ein Wunsch, der meistens in der Pubertät unsanft die Familienidylle durchrüttelt. Was Kindern noch gar nicht auffällt, macht Teenagern auf einmal Angst: „Ich bin ja wie meine Eltern!“ Bis jetzt hat man von ihnen gelernt und ist dabei gewachsen – aber plötzlich ist da der Wunsch nach einem eigenen „Ich“. Nach einem „Typisch Ich“, nach der Besonderheit meiner Selbst. Das geht nicht ohne Ablösung. In der Begegnung mit anderen, Spielkameraden und deren Eltern zum Beispiel, wird klar, dass man viel eher ein Produkt der Eltern als eine eigene Persönlichkeit ist. Da ist es erstmal egal, ob es gute oder schlechte Eigenschaften sind: Es sind die der Mutter, nicht die eigenen. Etwas rebelliert in uns.

Zweitens werden viele der Verhaltensweisen und Ansagen der Mutter mit Zurechtweisung, Erziehung und Pflichten gleichgesetzt. Man könnte auch sagen: „Das Mütterliche hat einen schlechten Ruf.“ Noch schnell mit dem Spuckefinger den Marmeladenfleck von der Backe gerieben, die Mahnung „Nimm dir deine Jacke mit“ und der Hinweis auf den nötigen Friseurbesuch – all das kommt in den meisten Fällen von der Mama. Je nachdem wie viele andere Facetten man an seiner Mutter noch wahrgenommen hat, verbindet man mit ihr fast ausschließlich diesen erzieherischen Meckeranteil. Kein Wunder, dass es nervt, Mama-Züge an sich zu entdecken: Wer will sich schon diese Erzieherrolle anziehen?

Je älter, desto ähnlicher?
Soweit die Entwicklungspsychologie. Warum aber bringt ein Satz wie „Du bist genau wie deine Mutter“ auch noch manch erwachsene Töchter und Söhne auf die Palme? Caro findet: „Je älter ich werde, desto öfter werde ich mit meiner Mutter verglichen!“ Und auch selbst fällt es ihr immer mehr auf, wie sie Redensarten, Lachen und Gewohnheiten von ihrer Mutter übernommen hat. Dass die Kommentare mit dem Alter zunehmen, heißt nicht, dass Caro täglich mehr und mehr wie ihre Mutter wird. Es heißt eher, dass sie dem Alter näher kommt, in dem andere ihre Mutter kennen oder einmal kennengelernt haben. Ein „Du-bist-wie-deine-Mutter“-Kommentar, der nicht negativ gemeint ist, geht dann trotzdem gegen den inneren Wunsch nach Fortschritt.

Wenn es außerdem gehäuft negative Dinge sind oder eigene positive Eigenschaften ausschließlich auf die Mutter zurückgeführt werden, kann das so oder so sehr nerven. Das weiß auch Sarah Biasini, die Zeit ihres Lebens versucht hat, sich irgendwie von dem Schatten ihrer Mutter Romy Schneider abzugrenzen. „Vor ein paar Jahren kam es sogar vor, dass ich die Frage, ob ich die Tochter von Romy Schneider sei, mit ‚Nein‘ beantwortet habe“, erzählte sie einer französischen Zeitung. Und Rebecka bekommt auf Familienfesten schon mal zu hören, dass sie ja äußerlich genau die gleichen Problemzonen wie ihre Mutter hätte. „ Irgendwie sind es oft die negativen Sachen, die anderen aufallen und klar kriegt man dann Schiss, dass sie stimmen könnten“, erzählt sie. Viele Mama-Ticks kommen auch erst mit den eigenen Kindern ans Tageslicht. Jessi erzählt, dass sie gerade wenn sie mit ihren eigenen Kindern spricht, ganz oft ihre eigene Mutter im Ohr hat. „Das ist manchmal schon ein beängstigendes Gefühl.“ An sich ist das ganz logisch: Wen haben wir am meisten bei der Kindererziehung beobachtet? Die eigene Mutter. Von ihr lernt man folglich, wie man Kinder erzieht.

Will ich mir die Macke leisten?
Wichtig ist herauszufinden, ob die Mama-Macken, die man an sich bemerkt, nur Mama-Macken oder wirkliche Problemesind. Das beginnt damit, sich zu fragen: „Welche Eigenschaften habe ich von meiner Mutter übernommen, was steckt überhaupt dahinter und wie sehr nerven sie mich wirklich?“ Etwas per se doof zu finden, weil man es von Mama hat, ist genauso blöd, wie sich auf einer Macke auszuruhen, „weil ich das nun mal geerbt habe“. Verständnis für die eigene Mutter und ihre Eigenheiten ist dabei auf jeden Fall wichtig, nicht nur, weil es manchmal auch dazu führt, eigene Verhaltensweisen besser zu verstehen.

Einige Stunden nach dem Wein-Blumen-Moment auf dem Balkon liegt eine der Schwestern im Bett und muss lächeln, als sie an ihre Mama mit den verrückten Wortspielen denkt, ihrer Liebe zum Garten, ihrem ständigen Summen, ihrer Ausstrahlung. Und dann holt sie ein Blatt Papier heraus und schreibt darauf: „Was ich von dir gelernt habe, Mama“ und sammelt all das Gute, was in ihrem Leben die Handschrift ihrer Mutter trägt. Die Liste wird das Muttertags-Geschenk.

Uta Rosa Ströbel grüßt hiermit ihre Mama, die Beste, von der sie sehr viel Gutes und Wertvolles gelernt hat. Und natürlich geht auch ein Herzensgruß raus an die Oma.

(Bildquelle: Isabela Pacini)

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