Sag´ bescheid

Lebendige Wahrheit

Sie wurde missbraucht, wissenschaftlich versachlicht, relativiert, begrifflich abgeschafft: Die Wahrheit. Aus biblischer Sicht ist sie so viel mehr als ein paar nachvollziehbare Fakten, eine schlüssige Theorie oder logische Widerspruchsfreiheit. Wer sie erleben will, muss sich auf sie einlassen.

Es ist ein klassisches Problem, das der allseits beliebte Papst versucht zu lösen. Was ist Wahrheit? Das ist nicht erst seit Pilatus eine Frage, die mal spöttisch, mal ernsthaft gestellt wird. Über die letzten Jahrzehnte haben sich die Antworten vor allem in zwei Lager aufgeteilt. Die einen wollen Wahrheit auf „Fakten“ reduzieren – überprüfbar, verifizierbar, wissenschaftlich. Wahrheit sei objektiv und offensichtlich für jeden wahrnehmbar. Die anderen glauben, dass alle Wahrheit relativ und für jeden etwas anderes sei. Wenn jemand dann eine allgemeine Wahrheit beanspruche, wolle er eigentlich nur Macht ausüben und seine Meinung durchsetzen.

Kann ich die Welt wahrnehmen, „wie sie wirklich ist“ oder sehe ich eigentlich nur meine eigene Brille, meine eigenen Gefühle und Gedanken?

Schwarz und Weiß

In einer Welt, in der alles so grundlegend infrage gestellt wird, ziehen sich viele Christen gerne auf die erste Position zurück. Wir haben Sehnsucht nach Klarheit und Wahrheit. Jesus sagt ja schließlich, er sei die Wahrheit selbst. Und wie können wir „Heilsgewissheit” haben, wenn wir uns nicht sicher sein können, was die Bibel sagt? Wenn Gott die ganze Welt geliebt hat, wie kann dann diese Wahrheit nur für wenige Menschen Gültigkeit haben? Ein universaler Anspruch durchzieht die ganze Bibel von Adam, dem Prototypen für alle Menschen, bis zur Verwandlung der ganzen Erde.

Doch die Sehnsucht nach Wahrheit bleibt nicht bei so allgemeinen Fragen stehen, sondern reckt sich hinein bis in die letzte Ecke unseres Lebens: „Sag mir, was richtig ist! Was ich glauben soll! Was sagt Gott XY? Darf ein Christ XY tun?“ Daraus spricht zum einen ein Schwarz-weiß-Denken, das alles in ein Schema von gut und böse, richtig und falsch, sündig oder nicht-sündig einteilen will. Zum anderen steckt dahinter aber auch die Sehnsucht nach Sicherheit und die Angst, selbst Verantwortung zu übernehmen und sein Hirn einzuschalten.

Wahrheit als Geschichte

Denn die Sache mit der Wahrheit ist nicht so einfach, wie wir sie uns vielleicht wünschen. Auch die Bibel ist keine Sammlung zeitloser Wahrheiten. Sie ist weder ein mathematisches System noch ein Handbuch, in dem wir nur nach der richtigen Lösung nachschlagen müssen, um sie dann allen objektiv verständlich präsentieren zu können. Bibelverse sind keine Gesetzesparagraphen, die wir direkt in unserem Leben umsetzen können. Auch einzelne Verse aus dem Kontext zu reißen, um sie dann als „Beleg“ anzuführen, wird der Bibel nicht gerecht.

Denn die Texte der Bibel sind historisch bedingt, sie schildern Denk- und Suchprozesse von Menschen mit Gott in ihrer Zeit und Situation. Selten liefern sie uns dabei definitive Antworten auf unsere heutigen Fragen. Erst, wenn wir uns auf die Texte einlassen, sie aufsaugen und die Geschichten nacherleben, können wir behutsam und von Gottes Geist geleitet Anwendungen für uns heute finden. Die Heilige Schrift gibt sich uns eben nicht in erster Linie als Sammlung von zeitlosen Wahrheiten, sondern als Geschichte!

Eine Geschichte lässt sich nicht einfach zu einem Ergebnis „Wahrheit x = Gott liebt dich“ auflösen. Eine Geschichte muss erzählt werden, damit sie ihre ganze Wahrheit entfaltet. „Das Evangelium“ ist auch kein 4-Punkte-Fahrplan zum Heil, dem ich rational zustimmen muss, um gerettet zu sein. Das Evangelium ist die frohe Botschaft, dass Gott nun endlich König wird. Lang angekündigt (Jesaja 52,7ff.) und nun endlich Wirklichkeit geworden im Leben des Messias Jesus. Die Evangelisten schrieben keine dogmatische Abhandlung auf, sondern erzählten die Geschichte dieses Lebens. Noch erstaunlicher ist, dass die vier verschiedenen Erzählungen nicht überall hundertprozentig harmonisiert werden können. Einige Berichte widersprechen sich grundlegend in Bezug auf die „Fakten“ (Heilt Jesus einen Blinden als er nach Jericho kommt oder sich entfernt? Vgl. Markus 10,46 und Lukas 18,35). Schon unser Kanon will uns also dazu bewegen, Wahrheit nicht in einer reinen Übereinstimmung mit „Fakten“ zu suchen, sondern auf anderen Ebenen.

Jesus selbst erzählte auch Geschichten. Gleichnisse. Nicht nur, weil er Lust dazu hatte, obwohl er das Ganze auch in einer schönen dogmatischen Wahrheit hätte formulieren können. Sondern weil es keine Abkürzung zur Wahrheit gibt. Ich finde sie auf dem Weg und in der Beziehung. Das braucht oft Zeit und manchmal eine gute Geschichte, die ich auch häufiger hören muss, weil sie nicht leicht verständlich oder gar „eindeutig“ ist. Eine solche Geschichte will mir primär auch gar nicht sagen, was „richtig“ ist, sondern sie will mich verändern. Biblische Wahrheit ist ein Geheimnis; nicht eins, das wir besitzen können, das wir kennen und anderen voraus haben, sondern ein Geheimnis, das uns umhüllt und größer ist als wir selbst. Wir können die Wahrheit nicht unsere Tasche stecken, denn sie kann uns in die Tasche stecken, überwältigen und ergreifen.

Wahrheit als Beziehung

Natürlich ändert sich das, was wir mit „Wahrheit“ meinen, je nachdem, über was wir sprechen. Manche Wahrheit kann ich nachprüfen, manchmal gibt es Schwarz und Weiß. Fährt der Zug um 10 nach 10 ab oder nicht? Aber manche Wahrheit lässt sich besser mit Musik als mit einem Busfahrplan vergleichen. Im Jazz zum Beispiel spielen die Musiker auf ein Thema ihre verschiedenen Interpretationen. Vieles ist da „richtig“, aber richtig ist nicht entscheidend: Es kommt dabei vor allem auf das Gefühl und den richtigen Moment an. Und nicht jeder versteht diese Art der Musik. Sie braucht einen Zugang, eine Beziehung. Fast so, wie man eine Person kennen lernt. Das braucht Zeit, Vertrauen und Erfahrung.

Der Papst hat erkannt, dass genau diese Art von Wahrheit den christlichen Glauben ausmacht. Diese Wahrheit gibt sich uns nur in Beziehung zu dem, der sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Dieser jemand bleibt mir manchmal ein Geheimnis. Ich kann ihn nicht in mein Schema einordnen. Es ist wichtig, dass wir diesem Geheimnis Raum geben. Denn was wäre das für ein Gott, der komplett ausgedeutet ist? Auf jeden Fall nicht der Lebendige, denn das Leben ist nicht ausrechenbar. Wenn wir Gott nicht die Freiheit einräumen, auch geheimnisvoll und fremd zu sein, sondern meinen zu wissen, was er will, dann stellen wir uns letztendlich über ihn. Unser Maßstab wird Gottes Maßstab. Es gehört dazu, dass wir immer wieder neu um Wahrheit ringen und nicht in die Versuchung verfallen, sie zu schlicht und schwarz-weiß zu sehen. Denn ist einfacher, ein schnelles Urteil zu fällen, als sich auf Korrektur einzulassen.

Zwei Halteseile gegen diese Versuchung:

1. Demütige Liebe. Weil ich die Wahrheit, die in Jesus ist, nicht besitze, kann ich sie auch niemandem mit Gewalt aufzwängen. Diese Art von Wahrheit macht keine Angst. Immer wieder muss ich mich hinterfragen: Richtet sich meine Wahrheit vor allem gegen andere und rechtfertigt mich und mein Verhalten? Oder kann ich andere liebevoll ansehen? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt uns, dass Liebe und nicht die Grenze zum Anderen entscheidend ist. Die Wahrheit, die wir in Jesus erkennen, macht uns frei (Johannes 8,32). Sie macht uns frei zur Begegnung, zur Vergebung und zum Dienst, weil wir sie nicht besitzen.

2. Der Geist der Wahrheit. Gott lässt uns nicht allein. Sein Geist wird uns in alle Wahrheit leiten. Er wird uns nicht dorthin beamen. Es ist ein Weg, den wir selbst gehen müssen, ein Weg zum hohen Gipfel der Mündigkeit.

Moritz Brockhaus glaubt an die Wahrheit. Aber er will sie nicht besitzen.

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