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Never travel alone

WARUM SICH MIT GOTT VERSÖHNEN BEDEUTET, MIT GOTTES MÖGLICHKEITEN ZU RECHNEN

In dem jungen afrikanischen Staat Südsudan herrscht seit 2014 Bürgerkrieg. Wie in Ruanda stecken die zwei größten ethnischen Gruppierungen in einem undurchsichtigen Geflecht von Streitigkeiten. Die Tiefe ihres Konflikts wurde erst so richtig bei den ersten „Friedensgesprächen“ in Addis Abeba deutlich, als sich zeigte, dass es im Grunde gar nichts zu verhandeln oder zu besprechen gab. Die beiden Lager hatten sich nichts zu sagen. Der ehemalige anglikanische Erzbischof Rowan Williams kommentierte das mit einem Zitat des christlichen Mystikers Thomas Merton: „Each side travelled alone“. Jede der beiden Seiten reiste allein. Es ging einzig und allein darum, wer die Macht an sich reißen würde; eine gemeinsame Zukunft war keine echte Option.

Wer von einer machthungrigen Ideologie getrieben ist, verliert die Fähigkeit, mit anderen zu sprechen. Und wer nicht miteinander sprechen kann, wird sich niemals versöhnen. Das ist bei Kriegsparteien offensichtlich. Aber auch in vielen alltäglichen Begegnungen, wenn wir zwar miteinander reden, aber den Anderen insgeheim darauf festgelegt haben, dass er nicht zu unserer Welt gehört. Und sei es der seltsame Nachbar, mit dem ein ehrliches Gespräch und eine echte Begegnung außerhalb unserer Vorstellungskraft liegt. Am Ende reist jeder allein.

„Each side travelled alone“ – welche christliche Gemeinschaft kennt das nicht, das elitäre Leben in einer religiösen Privat blase? Wer kann da noch daran glauben, dass das Evangelium dem Nachbarn genauso gilt wie einem selbst? „Christ“ oder „Nicht-Christ“ – das ist dann bald die einzige Frage.

DAS GEHEIMNIS DER VERSÖHNUNG
Aber was tun? Moralische Appelle – so beliebt sie in Kirche und Politik auch sind – helfen gar nichts. Sie stressen, aber sie gewinnen keine Herzen. Ebenso wenig werden die christlichen Kirchen das Geheimnis der Versöhnung wiederentdecken, indem sie sich kluge Strategien überlegen, neue Worte finden, Versöhnungsinitiativen beginnen. Das ist alles gut und sogar notwendig. Aber es muss aus der Begegnung mit Gott heraus geschehen. Darunter geht es nicht. Warum waren die ersten Christen durch nichts zu stoppen? Weil sie so überwältigt davon waren, dass sich Gott mit ihnen versöhnt hatte. Sie wussten zum ersten Mal, wer Gott wirklich ist. So viel menschlicher und näher als alle ihre religiösen Vorstellungen. Sie wussten, sie waren nun neue Menschen: Gott hatte für sie alles Alte, Unversöhnte mit Jesus sterben lassen. Jetzt waren sie mit Jesus zu einem neuen Leben auferstanden, das auf geheimnisvolle Weise mit Gott selbst verbunden ist. Gott hatte eine gemeinsame, neue Welt eröffnet – in der Er gegenwärtig ist. Im letzten Buch der Bibel, der Johannesoffenbarung, wird in überwältigenden Bildern vom „Neuen Jerusalem“ gesprochen, in dem Gott unter den Menschen wohnt: „Der Herr selbst, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm.“ (Offenbarung 21,22)

Die Art und Weise, wie das Neue Testament mit dem Thema Versöhnung umgeht, ist erstmal überraschend: Es geht nicht primär um die Frage, wie sich Menschen versöhnen können. Es geht zuerst um das Wunder, dass Gott sich mit uns versöhnt. Er, den niemand je gesehen hat – er schenkt uns ein neues Leben, eine neue Welt, in der wir versöhnt und vertraut mit ihm sein dürfen. Jesus verkörpert diese Versöhnung. Er sucht vorbehaltlos die Gemeinschaft der Menschen, auch wenn er weiß, dass sie ihn ans Kreuz bringen werden.

Es ist paradox: Erst in dem Moment, in dem Gott sich als unser Versöhner zu erkennen gibt, merken wir, dass wir seine Versöhnung mit jeder Faser unserer Existenz brauchen. Dass wir seine Feinde waren und mit ihm um unser Leben konkurrierten. Wir dachten, wir könnten unser Glück nur finden, wenn wir unser Leben an uns reißen und uns unsere kleinen Nischen suchen, in die uns niemand reinredet. Philosophen haben von der „Angst des Lebens“ gesprochen, die uns von Gott wegtreibt – der Angst, unser Leben zu verlieren, wenn wir Gott nahekommen.

Aber Gott durchbricht das Prinzip „Each side travelled alone“, indem er uns nahekommt und nichts von sich zurückbehält. Es zeichnet den Gott der Bibel aus, dass er die Welt nicht gleichgültig in ihr Verderben rennen lässt. Stattdessen sucht er die Eskalation, weil er ihre Versöhnung will. Denn am Kreuz eskaliert doch alles: Der Typ, den wir alle toll finden, weil er so liebevoll den Menschen begegnete, wird auf grausamste Weise hingerichtet – und gerade die Menschen, die ihn direkt erlebt hatten, bilden die hasserfüllte Geräuschkulisse für seine letzten Stunden. Hier tritt zutage, wer die Menschen, die Gott liebt, wirklich sind. Und hier tritt zutage, wer Gott, den wir Menschen ans Kreuz bringen, wirklich ist: Einer, der aus freien Stücken sein heiliges Leben hingibt zur Versöhnung mit seinen Feinden.

Es ist nicht selbstverständlich, dass der auferstandene Jesus zu seiner Versöh-nungsbotschaft steht. Seine ersten Worte an die Jünger, von denen er am Kreuz verlassen wurde, lauten: „Friede sei mit euch!“ (Johannes 20,21) Dann haucht er die Jünger an und sagt: „Empfangt den heiligen Geist.“ Das erinnert an die Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 2, in der Gott dem Menschen seinen Atem einhaucht. Gott schafft einen neuen Raum, den die Menschen betreten und erobern dürfen, indem sie auf gute, menschliche, neue Weise Gott antworten. Das hat viel mit Umkehr und Vergebung zu tun: „Gib mir meine Freude zurück und lass mich wieder fröhlich werden, denn du hast mich zerbrochen. Sieh meine Sünde nicht mehr an und vergib mir meine Schuld. Gott, erschaffe in mir ein reines Herz und gib mir einen neuen, aufrichtigen Geist.“ (Psalm 51,10-12) Nichts ist so befreiend, wie zu hören, dass Gott sich mit mir versöhnt hat und diese Welt neu macht. Dieses Evangelium verändert alles. Es zerbricht die kleine Welt, die wir uns nach unseren Vorstellungen eingerichtet haben. Es zerbricht unsere Maßstäbe, Wünsche, unser Selbstbild, unsere Ängste. Wir dürfen in einer Welt mit Gott leben – ja, Gott selbst ist der Motor unseres Lebens geworden, denn wir leben nicht mehr aus uns, sondern aus dem Heiligen Geist. Das Neue Jerusalem, in dem Gott selbst unter den Menschen wohnt, existiert schon heute: Gott hat in uns Wohnung genommen, in unseren Herzen und in unseren Gemeinschaften.

Die junge Gemeinschaft der Christen reagiert darauf mit vorbehaltloser Hingabe. Sie riskiert etwas, sie will die Versöhnung Jesu leben. Spätestens jetzt wird klar, dass die Versöhnung mit Gott zur Versöhnung unter den Men-schen führt. Denn zum ersten Mal in der Geschichte des Römischen Reiches wird so etwas denkbar wie eine gemeinsame Welt, in der Juden und Heiden gemeinsam leben. Bis dahin galt: „Each side travelled alone“. Aber wenn es nur einen Gott gibt, der kompromisslos alle Men-schen liebt und in der ganzen Welt gehört werden will, hat das Konsequenzen. Es lässt manche Konflikte – wie etwa die Frage nach der Beschneidung, nach sozialen Rangordnungen oder Sexualität – erst richtig aufflammen. Als jeder auf seinem Planeten blieb, gab es auch keine Konflikte. Aber plötzlich leben etwa Herren und Sklaven unter einem gemeinsamen Himmel: „Denkt immer daran, dass ihr beide denselben Herrn im Himmel habt, der keinen Menschen bevorzugt.“  (Epheser 6,9b) Auf diese Weise wird ihre Beziehung von innen heraus verändert.

Dass Menschen sich versöhnen, bleibt trotzdem ein Wunder. Eine Partei kann die andere nicht dazu zwingen, sich mit ihr zu versöhnen. Das wäre absurd. Aber wer an Jesus Christus glaubt, muss sich nicht mit dem Prinzip „Each side travelled alone“ zufrieden geben. Er gewinnt die Freiheit, zwei Dinge zu tun: Erstens kann er aktiv Wege der Versöhnung gehen – sich entschuldigen, sich öffnen, für seine Feinde beten – und zweitens andere Menschen von der Festlegung befreien, dass sie nicht zu seiner Welt gehören. Er darf sie unter der Verheißung „versöhnt“ sehen. Trotzdem scheint in vielen Fällen Annäherung und Versöhnung unmöglich. Menschen sind uns völlig fremd, Situationen festgefahren. Unser Mangel an Perspektive ist aber meist ein Zeichen dafür, dass wir insgeheim nur mit unseren eigenen Möglichkeiten rechnen. Echte Hoffnung kommt immer dann auf, wenn wir uns auf Gottes Versöhnung konzentrieren – und dieses Wunder anbetend bestaunen. Gott hat sich für diese Welt hingegeben, als sie ihm Feind war – das ist die Quelle unserer Versöhnung miteinander. Es ist der Geist Gottes, der dieses Wunder unter uns auch heute immer wieder vollbringen kann.

„Seht, ich mache alles neu!“ – so beginnt die Vision des Neuen Jerusalems in Offenbarung 21. Der neue Himmel und die neue Erde von denen die Bibel hier spricht, bedeuten, dass wir Menschen tief versöhnt mit Gott, uns selbst und unserem Nächsten leben dürfen und leben werden. Niemand darf mehr festgelegt werden auf Altes – und niemand darf sich selbst da rauf festlegen. Jeder darf in ein neues, von Gott geheiligtes und für seinen Geist ganz durchlässiges Leben hineingehen.

Es ist nicht meine Aufgabe, an Gottes Versöhnungskraft zu zweifeln. Es ist meine Bestimmung, seine Versöhnung zu ergreifen und zu leben. Never travel alone!

Philip Geck reist gerne in Gemeinschaft – unter einem gemeinsamen Himmel.

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