Sag´ bescheid

„Nutzt den Frieden, solange er anhält!“

IM LIBANON HERRSCHT DAS PURE  CHAOS, SEIT HUNDERTTAUSENDE  SYRISCHE FLÜCHTLINGE INS LAND  STRÖMEN. EDMOND GEORGI, GEBÜRTIGER LIBANESE UND KRISENMANAGER DES  MISSIONSWERKS „CAMPUS FÜR CHRISTUS“ IM NAHEN OSTEN, SPRICHT VON SZENEN  WIE IM WILDEN WESTEN. IN DIESER  UNÜBERSICHTLICHEN SITUATION VERGEBEN  CHRISTEN IHREN FEINDEN – UND MACHEN SO EINEN GROSSEN UNTERSCHIED.

In keinem anderen arabischen Land ist die Religionsfreiheit in der Verfassung festgeschrieben. Bedeutet das, dass ihr unter den Flüchtlingen frei über euren Glauben reden könnt?

Tatsächlich nutzt Gott den relativen religiösen Frieden. Der Li-banon wird zum Zufluchtsort für viele – oft nicht nur vor der Gewalt in ihrer Heimat, sondern auch vor dem Islam. Trotzdem: Genauso, wie es Religionsfreiheit im Libanon gibt, existiert auch die Freiheit, jemanden willkürlich zu erschießen.

Deshalb flohen tausende Christen vor diesem Terror der islamischen Hisbollah-Miliz. Weshalb bleibst du?

Ich habe gelernt, dass Krieg immer auch bedeutet, dass Gott offene Türen schenkt. Vielerorts herrschen chaotische Zustände: Wir werden richtiggehend überschwemmt von bisher mehr als zwei Millionen syrischen Flüchtlingen. Und das in einem Land mit nur vier Millionen Einwohnern. Wir helfen in drei großen Flüchtlingslagern ganz praktisch, indem wir Nahrungsmittel, Kleidung und Medikamente verteilen. Das ist unsere Tür.

Im Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 wurden viele Christen durch die syrische Armee umgebracht – und jetzt helft ihr den Syrern?

Jede christliche Familie hat im Bürgerkrieg Angehörige verloren. Bereits als kleine Kinder wurde uns eingebläut, dass nur ein toter Moslem ein guter Moslem sei. Aber bei ganz vielen Christen fing Gottes Geist an zu wirken. Als wir das Leiden der syrischen Flüchtlinge sahen, wurde uns klar: Unser Hass muss weg, Liebe muss her. Wir haben den Syrern vergeben und nun helfen wir ihnen.

Wie geht es den syrischen Flüchtlingen nach ihrer Flucht?

Manchen ist nur das nackte Leben geblieben. Alle haben Verwandte im Krieg verloren. Sie stehen unter Schock. Keiner von ihnen hätte es für möglich gehalten, dass so etwas Schreckliches in Syrien geschehen könnte.

Wie begegnet ihr ihnen in diesem Schockzustand?

Wir kümmern uns ganzheitlich um sie. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Hilfsorganisationen, die nur Nahrung und Kleidung bringen. Viele werden durch unsere umfassende und herzliche Hilfe so berührt, dass sie sich vom Islam abwenden und zu Jesus bekehren.

Was ist eigentlich der Fokus eurer Arbeit: den Flüchtlingen helfen oder sie bekehren?

Die Leute wissen, dass wir Christen sind und ganzheitliche Hilfe anbieten. So betreiben wir Medizinstationen, in denen sich die Flüchtlinge zuerst von Ärzten betreuen lassen und danach auch Medikamente erhalten können. Vor dem Ausgang bieten wir ihnen – auf freiwilligen Wunsch hin – an, für sie um Heilung zu beten. Viele Moslems nutzen dieses Angebot und werden sofort oder wenig später geheilt. Diese Storys verbreiten sich rasend schnell im Flüchtlingslager und führen noch mehr Menschen zu uns.

Und die Hisbollah-Miliz schaut dabei zu?

Sie sehen das natürlich gar nicht gerne. Oft versuchen sie, die Empfänger unserer Hilfe mit Drohungen unter Druck zu setzen, lassen uns aber in Ruhe.

Weshalb das?

Schon im Krieg der Hisbollah gegen Israel 2006 sahen wir die offenen Türen und taten, was Jesus getan hätte: Wir versorgten notleidende Hisbollah-Milizen und ihre Familien mit Nahrung und Kleidung. Für diese praktische Hilfe waren sie uns so dankbar, dass sie uns nun gewähren lassen.

Das scheint ziemlich abenteuerlich. Wann wäre für dich persönlich die Bedrohung so groß, dass du mit dieser Hilfe aufhören würdest?

Wenn ich wegen einer Bedrohung einfach aufhören würde, wäre das bereits vor Jahren geschehen. Trotzdem, die Angst vor Bedrohung ist immer unser größter Feind, denn sie kann uns lähmen. Deshalb müssen wir sie überwinden. Vor einigen Jahren starb einer unserer Mitarbeiter bei einem Bombenanschlag. Nach der Trauer haben wir entschieden, umso entschlossener unsere Arbeit zu tun und den Menschen zu helfen. Wir lehren unseren Leuten, weise zu handeln und sich keinem unnötigen Risiko auszusetzen. Am Ende kann uns so oder so nur Gott beschützen – wie das übrigens überall der Fall ist.

Das ist ein hoher Preis, den man bereit sein muss zu zahlen.

Ja, aber genau die Höhe dieses Preises ist es, die den Libanon verändert. Einen Menschen zu sehen, der Gottes Liebe erlebt, ist mehr wert als jedes noch so große Risiko.

Wann fällt es dir am schwersten, „den Preis zu zahlen“?

Richtig schwierig wird es, wenn meine Familie oder mein Team bedroht sind. Dann frage ich mich: Weshalb lässt du das zu, dass andere wegen dir in Gefahr geraten? In diesen Momenten muss ich mir immer bewusst werden, dass unsere menschliche Wahrnehmung bruchstückhaft ist, Gott aber das ganze Bild sieht. Bei diesem Gedanken gewinne ich neuen Mut und Kraft.

Womit erklärst du dir, dass die Hingabe in einem Land, in dem die Gefahr so real ist, so viel höher ist al in den westeuropäischen Ländern?

Es stimmt: Die Hingabe nimmt im Gleichschritt mit der Verfolgung zu. Denn mit zunehmendem Druck von außen merkst du, dass alles Weltliche nichts taugt und Gottes Plan für dein Leben der einzig sichere Wert ist. Es ist mein Herzenswunsch, dort zu sein, wo Gott mich haben will. Und das ist hier im Libanon.

Das scheint mir etwas zu banal.
Jeden Sommer mache ich einen Monat lang bei einem Missionseinsatz unter Moslems in der Schweiz mit. Ich genieße diese Zeit und die vielen Freiheiten den Moslems von Gott zu erzählen. Doch ich bin jedes Mal richtig glücklich, wenn ich wieder nach Hause in mein arabisches Umfeld zurückkehren kann – an den Ort meiner Berufung.

Das Interview führte Lukas Herzog.

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