Sag´ bescheid

Oben unten links rechts – Vom Sinn christlicher Rituale

Schon wieder ist ein bedeutender Fußballer gestorben. Schon wieder tragen alle Spieler Trauerflor. Schon wieder gibt es vor dem Anpfiff eine Schweigeminute, die weder im Schweigen noch in der Länge ihrem Namen gerecht wird. Schon wieder ein paar rührselige Worte des Fernsehkommentators. Und bevor es losgeht, bekreuzigt sich ein Drittel der Spieler.

Ich weiß, das klingt zynisch. Ein bisschen ist es das vielleicht auch. Aber solche Gesten wirken doch mittlerweile hohl, perfekt eintrainiert wie jeder Doppelpass und sinnentleert. Nur ein Ritual. Pure Konvention. Handlungen, die keine echte Bedeutung für die Beteiligten haben. Oder die Bedeutung liegt fast ausschließlich im Ritual selbst, das irgendwie durchgeführt werden muss, auch wenn der Sinn verloren gegangen ist.

Wie bei einem Heiratsantrag, der eigentlich gar nicht mehr stattfinden müsste, weil schon vorher die Entscheidung gemeinsam getroffen wurde und die Hochzeit schon halb geplant ist. Trotzdem will sie erleben, wie er sich vor ihr hinkniet und Ringe dabeihat. Und wie schaut’s aus mit spirituellen Ritualen, wie z.B. dem gemeinsamen Gebet des Vaterunsers oder einen auswendig gelerntes Tischgebet? Werden da nicht auch meist einfach nur fremde Worte heruntergeplappert, die wenig davon ausdrücken, was man in diesem Moment denkt oder fühlt? Rituale – das sind besondere Formen unseres menschlichen Daseins. Sie haben einen geregelten und vorbestimmten Ablauf. Gestaltete Worte, Gesten und Handlungen, die wiederholbar und oft gemeinschaftlich sind und symbolisch etwas vermitteln wollen.

Ein heiliger Verdacht

Grundsätzlich sind Rituale in der evangelischen Theologie immer schon etwas verdächtig gewesen. Die Reformation kritisierte die lateinischen Messen, die für das Volk unverständlich waren, und den Ablasshandel, an dem Luther bezeichnenderweise nicht vorrangig die Ausbeutung der Gläubigen kritisierte, sondern dass dem Gläubigen fälschlicherweise Sündenvergebung als Gegenwert für eine einfache Geldzahlung garantiert wurde. Die Reformatoren sahen darin bloß äußere Handlungen, bei denen der Sinn auf der Strecke blieb. Wichtig wurde dann in der weiteren Entwicklung ausschließlich die innere Hinwendung und Hingabe an Gott. Äußerlichkeiten und sichtbare Handlungen wurden immer fragwürdiger. Alles in allem keine schlechte Entwicklung.

Wir beten Gott im Geist und in der Wahrheit an. Großspurige Worten sind da nicht nötig (vgl. Matthäus 6,5ff.). Schon die Propheten im Alten Testament verachteten die Opfer und Riten, die ohne die richtige Herzenshaltung und Ethik ausgeführt werden (vgl. Jesaja 1,13-17, Amos 5,21-24). Überhaupt wurde das ganze Opfersystem durch Jesu Tod ja für beendet erklärt. Gott lässt sich nicht durch bestimmte Handlungen, Beschwörungen oder Formeln manipulieren. Rituale haben nicht allein in ihrem äußerlichen Vollzug irgendeine übernatürliche Macht. Ich muss nicht bestimmte Worte sprechen, damit mein Gebet bei Gott landet und wirksam ist. Gott sieht unser Herz an (1. Samuel 16,7).

Sag´ bescheid

Hinterlasse doch Kommentare  |  1

  1. Thomas Petri

    Und doch beten wir das „Vater Unser“…

    Können Rituale nicht doch wichtig sein???

    Die Frage sollte meiner Meinung nicht sein, ob wir sinnentleerte Rituale noch praktizieren sollten oder gebrauchen können, sondern viel mehr, welcher Nutzen in der Verwendung von ritualisierten Formen der Frömmigkeit liegt.

    Denn gerade Rituale, seien es Gebete, Psalmen, Lieder oder auch geistliche Minimalhandlungen wie das Bekreuzigen zu bestimmten Anlässen, bieten Menschen Worte und Grundhaltungen in Situationen an, in denen das Formulieren eigener Worte versagt (aus welchem Grund auch immer …)

    Die evangelikale Kritik an einer von Ritualen geprägten Glaubenshaltung (deren Berechtigung ich in weiten Teilen durchaus nachvollziehen kann – nämlich da, wo tatsächlich eine vollkommene Sinnentleerung der rein menschlichen Handlung stattgefunden hat) lässt an manchen Stellen die Wortlosen außer Acht, denen diese Rituale viel bedeuten; und zwar weil sie über das Zeichen hinaus auf das Bezeichnete verweisen.

    Zu diesem Zweck hat Jesus z.B. Seinen Zuhörern ein Minimal-User-Interface an die Hand gegeben, um ohne sich mühsam den Kopf über die adäquate Formulierung zu zerbrechen mit Gott ins Gespräch zu kommen. Deshalb sind nicht nur die Aussagen des „Vater Unsers“ bedeutsam und richtig, sondern auch die Einfacheit der Worte ist wertvoll, wenn mir das Wasser so bis zum Hals steht, dass mir beim besten Willen keine echten, aufrichtigen, spontanen…. (die Liste von scheinbaren Qualitätsmerkmalen, die gegen ritualisierte Formulierungen spräche,kann beliebig weitergeführt werden) eigenen Worte einfallen wollen.

    Ebenso können mir beliebige Bibelverse zu Gebeten werden, können traditionsreiche Kirchenlieder meine tiefste Glaubensgewissheit auf den Punkt bringen, ritualisierte Handlungen ein Ausdruck meiner Gottesbeziehung sein oder ein „einfaches“ Psalmwort (wobei die fast nie einfach sind) ein super Worshipvers werden…

    Manchmal wünsche ich mir für unsere Gottesdienste und auch für unser Glaubensleben als evangelikale Christen mehr Liturgie, mehr Rituale und mehr Tradition. Nicht weil mir die Handlungen und eingeübten Worte wichtig sind, sondern, weil durch die vertrauten Worte und selbstverständlichen Handlungen eine ganz bestimmte Intensität in meiner Gottesbeziehung zum Ausdruck kommen kann.

    Ich habe durch feste Formen und Rituale ein Gefühl bei Gott wieder zu Hause angekommen zu sein und drücke durch sie eine Ur-Verbundenheit mit dem aus, der hinter den – und im Zentrum der Worte und Handlungen steht.

Kommentar verfassen