Sag´ bescheid

Ohr am Herz

(Quelle: pexels.com_Rawpixel)

WARUM SEELSORGE WAS FÜR UNS ALLE IST

Es ist irgendwann im Winter 2010, ich sitze in Deborahs vollgestopfter WG-Küche. Es gibt brasilianische Käsebrötchen und Chai-Tee – und ich darf einfach erzählen. Davon, wie schwer es mir fällt, mich nach zwölf Monaten Freiwilligendienst in Peru wieder in der deutschen Kultur einzuleben. Von meiner Angst, keinen Studienplatz zu bekommen, während all meine Freunde in neuen Städten, neue aufregende Leben leben. Deborah ist zu dieser Zeit ehrenamtliche Seelsorgerin im CVJM Frankfurt. Und sie ist eine ausgezeichnete Zuhörerin. So geben unsere Gespräche nicht nur Raum für meine alltäglichen Sorgen, sondern sind auch ein Ort, an dem grundlegende Lebensthemen zur Sprache kommen; es geht um Glaube, Familie und den Wert, den wir uns selbst beimessen. Auch wenn wir uns damals nur einige Wochen lang getroffen haben, hat mich Deborahs Begleitung nachhaltig verändert. Durch unsere Gespräche wurden viele Gedanken angestoßen, die mich bis heute begleiten.

ES GEHT DIR SCHLECHT? DANN TU‘ WAS DAGEGEN!

In einer Gesellschaft, die von stetiger Selbstoptimierung geprägt ist, wird es uns oft als Schwäche ausgelegt, wenn wir offen über unsere Zukunftssorgen oder Selbstzweifel sprechen. Deprimiert sein ist nicht wirklich „sexy“ und wir scheuen uns häufig davor, unsere Mitmenschen mit den eigenen Problemen zu belästigen. „Es geht dir schlecht? Dann tu was dagegen!“, lautet die Devise. Und das tun wir. Sei es indem wir uns mit der letzten Staffel unserer Lieblingsserie betäuben oder uns bei Zalando die neusten Sneakers besorgen. Für die großen „Katastrophen“ gibt es Experten, die sich auf das Zuhören spezialisiert haben. In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach Psychotherapie drastisch angestiegen. Therapiepraxen sind so überlaufen, dass man heute im Schnitt achtzig Tage auf ein Erstgespräch warten muss. Dieser „Therapieboom“ hat natürlich viele Gründe. Als einen davon beschreibt die Psychologische Psychotherapeutin Dr. Gitta Jacob den zunehmenden Wegfall von gemeinschaftlichen Strukturen, die uns in schwierigen Lebensphasen auffangen. Dazu gehören z.B. Großfamilien, und auch kirchliche Seelsorge spielt dabei eine wichtige Rolle: Wo Menschen früher Ermutigung und Unterstützung durch Pastoren oder ehrenamtliche Seelsorger erhielten, werden heute schneller Therapeuten in Anspruch genommen. Dabei brauchen wir manchmal einfach nur die Freundin mit dem Chai-Tee, der wir uns anvertrauen können. Nicht jeder Mensch, der durch herausfordernde Zeiten geht oder der sich danach sehnt, wieder mit sich selbst ins Reine zu kommen, braucht gleich eine Psychotherapie.

JEDER CHRIST IST ZUR SEELSORGE BERUFEN UND BEFÄHIGT

Was meinen wir eigentlich genau, wenn wir von Seelsorge sprechen? Der evangelische Theologe und Autor Tobias Faix beschreibt Seelsorge als „Nothilfe für jemanden, der mit einem Problem aus seinem Leben nicht zurechtkommt“. Seelsorger begleiten Menschen in einer Vielfalt von Lebenslagen: nach der Geburt eines Kindes, bei Beziehungskrisen oder im Schatten von Krankheit und Tod. Aber Seelsorge kann auch viel bodenständiger und alltäglicher aussehen und weniger einschneidende Ereignisse zum Anlass haben – siehe Käsebrötchen. Sie muss auch nicht immer durch „Berufschristen“ geschehen. Wenn Paulus im Galaterbrief davon spricht, dass wir „einander die Lasten“ tragen sollen, hat er keine Seelsorge-Sessions beim örtlichen Pfarrer im Sinn. Es geht vielmehr um ein sich Beistehen in schwierigen Situationen oder ein gegenseitiges Für-einander-da-Sein in den Stürmen des Alltags. Das kann ein kurzes wohltuendes Gespräch an der Bushaltestelle sein oder eine Einladung zum Abendessen, bei dem ich mir einfach Zeit nehme, meiner Freundin länger zuzuhören. Im christlichen Verständnis ist jeder Christ zu dieser alltäglichen Form der Seelsorge berufen – und auch befähigt. Wir glauben an einen Gott, der nicht nur selbst verwundbar geworden ist, sondern auch an aller Verwundbarkeit seiner Kinder Anteil nimmt. Jesus‘ erste Worte nach seiner Auferstehung sind an Maria aus Magdala gerichtet und lauten: „Warum weinst du?“ Jesus stigmatisiert unsere Traurigkeit nicht, sondern nennt die Bedrückten sogar selig und gibt ihnen damit einen festen Platz in der Mitte der Gemeinschaft. Sie sollen getröstet werden.

WO HAT SEELSORGE IHRE GRENZEN?

Aber wo stoßen wir in der Begleitung Anderer an unsere Grenzen? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sich mir als junge Jugendleiterin eine Teilnehmerin anvertraute, die regelmäßig zuhause verprügelt wurde. Ich erinnere mich an die Überforderung und Hilflosigkeit, die ihre Erzählungen in mir auslösten. Christliche Gemeinschaften haben oft eine besondere Anziehungskraft auf Menschen mit psychischen Belastungen, weil sie dort Annahme und Begleitung erfahren, die ihnen ansonsten verwehrt bleibt. Das ist erst einmal etwas Gutes – solange wir im Dienst am Anderen auch ein Gefühl dafür entwickeln, was wir selbst als Seelsorgende tragen können. Seelsorge kann nicht mit Psychotherapie gleichgesetzt werden. Die Arbeit mit psychischen Störungsbildern gehört nicht in unseren „Zuständigkeitsbereich“ und sollte auch weiterhin durch Experten geschehen. Um zu verhindern, dass Seelsorgende selbst Schaden nehmen, müssen Gemeinden auch für sie Verantwortung übernehmen und sie begleiten. Seelsorgende müssen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn ihnen alles über den Kopf wächst. Hier ist es als Gemeinde hilfreich, sich mit Einrichtungen zu vernetzen, die professionelle Psychotherapie oder Beratung anbieten.

BEGLEITER AUF DEM WEG DER HEILUNG SEIN

In Psalm 147 schreibt der Psalmist: „[Gott] heilt, die zerbrochenen Herzens sind und verbindet ihre Schmerzen.“ Wir dürfen Begleiter auf diesem Weg der Heilung sein, indem wir als Seelsorgende an der Bedürftigkeit unserer Mitmenschen Anteil nehmen, so wie Jesus es getan hat. Und wir dürfen auch in unserer eigenen Begrenztheit darauf vertrauen, dass letztendlich Gott derjenige ist, der die zerbrochenen Herzen seiner Kinder kennt – und auch heilen kann.

SARAH KOLB schätzt als angehende Psychotherapeutin sowohl die „professionelle“ Seite als auch die ganz alltägliche Seelsorge.

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