Sag´ bescheid

Schein und Sein

Niemand ist gerne oberflächlich. Ebenso wahr ist: Jeder hat eine Oberfläche, die viel darüber verrät, was sich dahinter verbirgt.

Ich liebe gute Geschichten. In Filmen, in Romanen. Und in meinem eigenen Kopf. Wenn ich im Café sitze oder in der U-Bahn unterwegs bin, schaue ich mir die Menschen um mich herum an – und beinahe reflexartig beginne ich, mir ihr Leben vorzustellen. Woher sie kommen, wohin sie unterwegs sind. Ob die beiden Frauen dort drüben zum Beispiel wohl Schwestern sind, die sich lange nicht gesehen haben. Jetzt ist die Mutter gestorben und sie müssen sich gezwungenermaßen damit auseinandersetzen, wie es weitergehen soll. Die Beerdigung, das gemeinsam geerbte Haus. Die Vergangenheit, die plötzlich wieder lebendig wird, auch wenn sie sich so lang in Verdrängung geübt haben. Dann der junge Mann, der am Fenster vorbeieilt. Der mit dem Anzug, in den er erst hineinwachsen muss. Bestimmt macht er eine Banklehre, zu der ihm seine Eltern geraten haben: „Mach erstmal was Solides, danach kannst du immer noch was anderes ausprobieren.“ Der Obdachlose: Job verloren, Alkohol, Frau weg, jetzt auf der Straße.

Ob an meinen Fantasien irgendetwas dran ist, werde ich in den meisten Fällen wohl nie erfahren. Und wenn ich ehrlich bin, sind sie häufig nur ein Griff in die Klischeekiste. Ich vergleiche die Informationen, die ich auf den ersten Blick über eine Person bekomme – Aussehen, Geruch, Stimme – mit Erfahrungen, die ich gemacht oder auch nur mit Dingen, die ich irgendwann mal irgendwo gehört oder gelesen habe. Und ratzfatz habe ich mir ein fertiges Bild vom anderen zusammengestellt. Eine Geschichte, die noch so plausibel und vorstellbar sein kann, aber nicht ein einziges Körnchen Wahrheit enthalten muss. Denn alles, was ich von diesen Leuten kenne, ist ihre Oberfläche.

 

Die zweidimensionale Welt

Und das ist erst einmal völlig in Ordnung. Wir Menschen sind Wesen, die einander zuallererst als Ansammlung von Oberflächen wahrnehmen. In einer Welt voller Eindrücke und Möglichkeiten ist die Oberfläche das, was uns in einer neuen, unbekannten Situation Orientierung bietet. Der berühmte erste Eindruck entscheidet häufig darüber, neben welche Person wir uns im Hörsaal oder in der U-Bahn setzen. Unsere persönlichen Vorlieben, unser Geschmack, unser Sinn für Ästhetik bringen uns dazu, nach einer bestimmten Zeitschrift am Kiosk zu greifen oder diese CD von einer Band zu entdecken, die wir vorher nicht kannten. Dabei verlassen wir uns darauf, dass die „Verpackung“, das Äußere, tatsächlich wahrheitsgemäß Auskunft über das „Produkt“, das Innere, gibt. Was drauf steht, soll auch drin sein. Im Großen und Ganzen geht das gut – ein bewährtes Verhaltensmuster, das uns Menschen beim (Über-) Leben hilft. Personen und Dinge nach ihrem Äußeren einschätzen zu können, erleichtert uns den Alltag und schützt uns in Extremfällen sogar vor Gefahren.

Als oberflächlich bezeichnet werden möchte aber dann doch keiner. Oberflächlich, das sind die, die sich mit dem zufrieden geben, was ganz offensichtlich ist. Die, die nicht tiefer graben. Die ihr Herz an Äußerlichkeiten hängen. Die die Fassade bewundern, ohne jemals ins Haus zu gehen. Oberflächlichkeit ist ein vernichtender Vorwurf. Dabei erliegen wir alle dem schönen (oder weniger schönen) Schein von Zeit zu Zeit. Wir sind nun einmal Menschen, und was das heißt, wusste schon das Alte Testament: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist.“ (1. Samuel 16, 7a) Mit anderen Worten: Wir können einfach zunächst einmal nicht anders. Mir meine Beeinflussbarkeit von Äußerlichkeiten bewusst zu machen, ist allerdings schon mal der erste Schritt in eine andere Richtung. Denn wenn ich an der Oberfläche Halt mache, verpasse ich vielleicht das, worauf es eigentlich ankommt.

 

Wenn der Schein zum Urteil verführt

Meine selbst erdachten Geschichten halte ich für relativ harmlos, sie machen mir Freude und tun niemandem weh. Kritisch wird es erst, wenn ich vom Einschätzen zum Bewerten komme. Der Schritt dazwischen ist nicht groß, Vorurteile sind schnell gefällt. Wer schon einmal die Erfahrung gemacht hat, jemanden näher kennenzulernen, der sich dann als vollkommen anders entpuppt hat als gedacht, kennt vielleicht dieses „Ertappt!“- Gefühl. Wenn die Nachbarin, die so arrogant wirkt, dich dann trotzdem mit dem Auto mitnimmt und sich herausstellt, dass sie einfach nur ständig im Stress ist. Oder wenn der immer gelangweilt wirkende Kommilitone, der aus Prinzip zehn Minuten zu spät in die Vorlesung kommt, dich mit seinem Referat total vom Hocker haut und anschließend noch äußerst eloquent auf Fragen antworten kann.

Umgekehrt gibt es das Ganze natürlich auch: Die Entdeckung, dass der Freund, die Kollegin, die Bekannten nicht diejenigen sind, für die ich sie gehalten habe. Wenn ich erfahre, dass mein weltoffen scheinender Freund rassistisches Gedankengut hegt; dass die Kollegin, die ich für integer gehalten habe, hinter meinem Rücken intrigiert; dass die Bekannten, die ihren Wohlstand gerne zur Schau stellen, tatsächlich nur auf Pump leben. Die Folge: Enttäuschung, im wahrsten Sinne des Wortes. Weil die Täuschung verfliegt, der ich erlegen bin. Mit anderen Worten: Die Fassade bröckelt, der Lack ist ab.

 

Wer Werte vorgibt, muss liefern

Die deutsche Sprache kennt so einige Redewendungen, die dieses Phänomen beschreiben. Es ist also nichts Außergewöhnliches, wenn Äußeres und Inneres nicht miteinander übereinstimmen. Gleichzeitig ist es legendär verpönt und gesellschaftlich geächtet: Konservative, moralinsaure Politiker, die eine außereheliche Affäre haben, der Leiter einer sozialen Einrichtung für Wohnungslose, der einen Luxusschlitten fährt – Menschen, die Wasser predigen und Wein saufen, können kaum auf Verständnis hoffen. Wer für bestimmte Werte steht, muss sich auch an ihnen messen lassen. Und diese „Regel“ scheint für eine Personengruppe in besonderem Maße zu gelten: für uns als Christen. Denn das Übereinstimmen von Oberfläche und dem, was darunter liegt, ist Ausdruck von Ehrlichkeit. Was wir vorgeben zu glauben, sollten wir Ernst nehmen, indem wir es leben.

Eine Folge der Netflix-Serie „Easy“ verhandelt genau dieses Thema: Grace ist eine Jugendliche, die eigentlich nichts mit Kirche und Glauben am Hut hat. Trotzdem schleppen ihre Eltern sie – mehr oder weniger als disziplinarische Maßnahme – mit in ihre Kirchengemeinde, in der beide aktive Mitglieder sind. Gleich beim ersten Gottesdienst erzählt der Pastor das Gleichnis von dem Reichen, dem Kamel und dem Nadelöhr. Für Grace zunächst ein gefundenes Fressen: Ihre Familie ist sehr wohlhabend und sie beginnt, ihren Eltern die biblischen Statements zu Reichtum und Armut unter die Nase zu reiben. Immer mit der Frage: Wie könnt ihr sagen, dass ihr die Bibel ernst nehmt, und trotzdem auf eurem Wohlstand hocken bleiben? Der Vorwurf: Heuchelei.

Für die Eltern wird es bald richtig ungemütlich. Sie fühlen sich ertappt – sie wissen, dass ihre Tochter irgendwie Recht hat. Gleichzeitig sind sie nicht bereit, an ihrem Lebensstil etwas zu ändern. Grace durchschaut die halbgaren Antworten und Ausflüchte und gibt keine Ruhe. Als sich das Mädchen an der Ausgabe von Lebensmitteln an Bedürftige beteiligt, ändert sich ihre Motivation. Von Armut Betroffenen zu helfen, wird für sie zur Herzensangelegenheit: Sie lädt Obdachlose zu sich nach Hause ein, schenkt ihnen Zelte, Schlafsäcke und Lebensmittel und geht schließlich sogar so weit, ihr Sparkonto fürs College aufzulösen und ihre gesamten Ersparnisse der Kirche zu spenden. Ihre Eltern sind außer sich. Vor Wut. Der Pastor auch. Allerdings vor Freude, denn mit dem Geld kann er endlich den heiß ersehnten neuen Altar finanzieren. Aus Marmor, mit allem Zipp und Zapp. Als Grace davon erfährt, rastet sie aus – und bricht mit der Kirche.

 

Innen und Außen stimmig

Der überteuerte Altar als Sinnbild für eitle Oberflächlichkeit und falsch verstandenen Gottesdienst – immer wieder müssen sich Christen fragen, in welchem Verhältnis Außen und Innen zueinander stehen sollen. Fromm daherreden ist das eine – den Glauben im Alltag zur Entfaltung verhelfen, etwas ganz anderes. Dabei geht es um Authentizität: Immer wieder gibt es Diskussionen darüber, wie viel Show die gute Botschaft braucht. Ob Prunk in Gold und Brokat in der katholischen Kirche des Mittelalters oder die Durchinszenierung von Gottesdiensten mit professionellem Lichtspektakel heute: Zwischen „gut“ und „zu viel“ verläuft ein schmaler Grat.

Auch das Bedürfnis nach Schönheit, nach Ästhetik ist in uns angelegt. Unsere Umwelt zu gestalten, gibt uns die Möglichkeit, uns auszudrücken und unsere Kreativität mit anderen zu teilen. Daran ist nichts oberflächlich – darin liegt ein Wert an sich, den es immer wieder neu zu entdecken gilt. Erst wenn das Äußere alles dominiert, und wenn dann hinter der glänzenden Fassade nur gähnende Leere zum Vorschein kommt, sollten wir uns vielleicht einmal fragen, ob wir so nicht vielleicht das Beste vom Leben verpassen. In jedem Menschen könnte etwas stecken, das wir auf den ersten Blick überhaupt nicht vermutet hätten. Was, wenn unter der Oberfläche reiche Schätze auf uns warten?

Wiebke Malik kann stundenlang dasitzen und Menschen beobachten. Weil sie hinter der Oberfläche Tiefe wittert.

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