Sag´ bescheid

Streitet euch!

GEWINNBRINGEND DIE FETZEN FLIEGEN ZU LASSEN, WILL GELERNT SEIN. EIN WECKRUF FÜR DIE STREITMÜDEN.

MEINUNGSCRASH ODER GLEICHGÜLTIGE HARMONIE?
Zwei Phänomene begegnen mir dieser Tage, wenn ich Facebook aufrufe. Zum einen sehe ich erhitzte Gemüter und Leute, die sich buchstäblich anschreien (!!!!). Zum anderen fällt auf, dass mir überraschend viele Posts gut gefallen und sich lauter zustimmende Kommentare darunter finden. Das ist alles ein bisschen zu friedlich. Ich merke auch, dass ich oft zu müde bin, um mich in Streitgespräche einzumischen. Wenn da sowieso nur Meinungen ohne Knautschzone aufeinanderprallen, sodass sie danach noch weiter auseinanderdriften, lohnen sich da meine Leidenschaft, mein Gehirnschmalz, meine Zeit? Da ist es doch schöner, bis zur nächsten Harmonieoase weiterzuscrollen. Bis auf wenige heiße Themen, wie die Flüchtlingskrise, ist unsere Generation doch immer noch in Sachen Politik ziemlich desinteressiert und streitfaul. Eine Petition unterzeichnen und sich auf sozialen Medien zerfleischen – läuft. Sich inhaltlich tiefgehend auseinandersetzen und konstruktiv streiten – läuft eher nicht. In christlichen Dunstkreisen kann man diese Polarität auch wahrnehmen. In ethischen Fragen ist in Gemeinden oft eine gewisse Gleichgültigkeit – oder soll ich Feigheit sagen? – zu spüren. Die Abweichungen vom evangelikalen sexuellen Mainstream werden toleriert, solange sie im Verborgenen bleiben. Aber wenn herauskommt, dass der langjährige Jugendmitarbeiter mit seiner nichtchristlichen Freundin schläft und auch noch mit ihr zusammenziehen will, dann knallt es. Zur wirklichen Auseinandersetzung kommt es oft nicht. Eher sind da verhärtete Fronten und die größere Autorität obsiegt. Auch die Diener-Parzany-Kontroverse hat offenbart, dass unter Christen heutzutage lieber mal ein offener Brief geschrieben wird, als das persönliche Gespräch zu suchen.

IST STREITEN UNCHRISTLICH?
Aber meist streiten wir uns doch gar nicht mehr so wirklich, vor allem nicht um Theologie, wenn man die ersten christlichen Jahrhunderte mit ihren Streitigkeiten um die rechte Lehre als Vergleich heranzieht. Wir decken lieber alles unter den Mantel der geschwisterlichen Liebe und Harmonie. Plötzlich fällt uns Protestanten ein, dass Paulus doch ganz viel von Einheit geschrieben habt und das ja viel wichtiger sei als theologische Klarheit und Wahrheit. Auch im Persönlichen werden aufflammende Streitherde mit eimerweise Friedensrhetorik gelöscht. Streiten ist moralisch anstößig. Den Satz „In einer christlichen Ehe wird nicht gestritten!“ habe ich nicht nur einmal von älteren Glaubensgeschwistern gehört. Grundsätzlich ist an Versöhnung ja nichts  auszusetzen. Darauf läuft schließlich die gesamte Heilsgeschichte zu. Ja, in Christus hat Gott schon die Welt mit sich versöhnt, und wir sollen Botschafter dieser Versöhnung sein (2Kor 5,19f.). In der Bergpredigt hat Jesus uns eindrucksvolle Anweisungen gegeben, um Streit auszuhalten, zu vermeiden und zu transformieren.

STREITEN – JA, BITTE!
Streit zu unterdrücken, ist dagegen ganz und gar nicht jesusmäßig. Streit ist nötig. Um der Wahrheit willen. Denn Streit ist im besten Sinne freier Austausch von Überzeugungen, Argumenten und Fakten. Wo das eingeschränkt wird, hat die Wahrheit keine Schnitte mehr und der Mächtigere gewinnt und drückt seine Meinung auf. Der Ruf zu Frieden und Versöhnung kann so ein feiger Versuch sein, einen – möglicherweise berechtigten – Angriff im Keim zu ersticken. Das ist nicht friedliebend, sondern heuchlerisch. Frieden kann nicht einfach ausgerufen werden, den Umständen und widerstreitenden Meinungen zum Trotz (Jer 8,11). Streitigkeiten werden heute oft erbittert, verletzend und ohne Ergebnis geführt. Das turnt die Streitlust eher ab. Aber aus diesen tumorartigen Auswüchsen darf nicht der Schluss gezogen werden, dass Streiten grundsätzlich schlecht sei. Der Gott der Bibel präsentiert sich selbst als streitbarer Gott. Einer, der Ungerechtigkeit nicht einfach stehen lässt. Einer, der eifersüchtig seine Leute verteidigt und in Schutz nimmt. Gott kämpft und streitet. Am Jabbok fordert er sogar selbst zum Kampf heraus und gibt Jakob am Ende einen neuen Namen. Israel, das heißt „Gott streitet“. Auch die Propheten dieses Gottes waren eher vom kampflustigen Typ Gimli als vom  friedfertigen Typ Frodo. In Zeiten des scheinbaren Friedens prangerten sie Missstände an und lehnten sich gegen die Oberschicht auf. In 1. Könige 22 bricht Micha die Harmonie der 400 Propheten des Königs und stellt sich gegen den Mainstream. Jesus reiht sich geschmeidig in diese prophetische Tradition ein. Da ist nicht nur seine berühmte Tempelreinigung. Immer wieder sucht er die  Auseinandersetzung mit den Anführern des Volkes. Er sagt von sich selbst: „Ich bin nicht gekommen, um den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt 10,34). Wer Jesus nachfolgt, der kann nicht immer beim Friede-Freude-Eierkuchen-Tanz mitmachen. Streit ist vorprogrammiert in Gottes Plan mit dieser Welt.

Warum? In Galater 2,14 klagt Paulus Petrus vor der ganzen Gemeinde an, weil er nicht „nach der Wahrheit des Evangeliums“ handelt. Wenn der Kern der Botschaft auf dem Spiel steht, dann erfordert das auch mal etwas drastischere Maßnahmen. Beim Apostelkonzil in Jerusalem (Apg 15) wird ebenso heftig gestritten und um die Wahrheit gerungen. Es gibt Dinge, die sind wichtiger als eine dauerhafte Kuschelatmosphäre. In Galater 2 ist es geheuchelte Reinheit, genauso wie in Apostelgeschichte 15, wenn Menschen die Gnade Gottes vorenthalten wird und ihnen ungebührliche Regeln auferlegt werden. Aus dieser Perspektive erscheint auch die evangelikale Streitfrage der Homosexualität in einem anderen Licht. Wenn das die christlichen Hauptkriterien sind, um einen Streit anzufangen, dann haben wir noch viel Streitarbeit in unseren Gemeinden vor uns!

ENTSPANNT SPANNUNGSVOLL STREITEN
Ganz entscheidend muss dabei jedoch sein, dass wir uns nicht hineinziehen lassen in den Strudel der Polemik und Aggressivität.  Christen suchen den Streit nicht selbst, sondern fühlen sich dazu gedrängt, wenn die Ungerechtigkeit zum Himmel schreit und Wahrheit unterdrückt wird. Sie suchen zuerst das persönliche Gespräch (Mt 18,15-20). Im Streit wird die Würde des anderen geachtet, sein Gewissen und seine Freiheit zu einer anderen Meinung. Ohne Liebe zum anderen sind unsere Argumente blecherner Lärm, der in den Ohren scheppert und wehtut (1Kor 13,1). Die Liebe freut sich an der Wahrheit, aber erzwingt sie nicht. Die Feinde lieben und für sie beten – nicht, dass sie doch bitte zur Umkehr von ihrer Meinung kämen, sondern, dass sie Gottes Segen erleben – das ist der dritte Weg zwischen verbalem Grabenkrieg und Gleichgültigkeit.

Oft wird ein Gegensatz hergestellt zwischen Wahrheitsliebe und der Toleranz gegenüber anderen Meinungen. Dabei ist das eine ohne das andere gar nicht wirklich möglich. Denn meine eigene Erkenntnis ist begrenzt. Es besteht immer die Möglichkeit, dass ich mich irre. Genau deshalb ist der offene Austausch im Streit, in dem ich um das Richtige ringe, nötig. Eine tolerante Person kann sich durchaus ihrer eigenen Meinung sehr gewiss sein. Aber sie hat ein Verständnis für die Komplexität und Mehrdeutigkeit des Lebens. Andere Meinungen werden von so einer Person wahrgenommen und toleriert ohne sie gleich zu torpedieren. Sie ist entspannt und muss nicht durch Ausübung ihres Machteinflusses schnell wieder Ordnung herstellen, sondern kann die Spannung von unfertigen Situationen und widerstreitenden Meinungen aushalten. Die Gefahr ist, dass wir nur die Optionen sehen, sich entweder zu streiten oder friedlich miteinander zu leben. Aber wer sagt denn, dass nicht beides zugleich gelingen kann? Die Einheit in Vielfalt zu leben, den anderen wertzuschätzen und Gemeinschaft mit ihm zu haben, obwohl man in der Sache weit auseinander liegt?

Versöhnung passiert nicht von heute auf morgen, Versöhnung ist immer auch Prozess. Aber müssen wir immer bis zum vollendeten Frieden warten, bis wir Gemeinschaft mit unseren Streitkumpanen haben? In vielen Dingen haben wir das in Kirchen und Gemeinden schon ganz gut gelernt. Wir können uns über Tauffrage, ökologischen Lebensstil oder Finanzen streiten ohne uns den Glauben abzusprechen. Wir  können fröhlich darüber streiten und trotzdem gemeinsam ein Bier trinken, den Streitenden als Person achten und wertschätzen. Auch wenn wir uns bei anderen Fragen noch schwer tun, sollten wir es angehen – um der Wahrheit willen, die in erster Linie nicht dogmatische Richtigkeit, sondern eine Person ist. Jesus.

MORITZ BROCKHAUS glaubt an einen streitenden Gott und sieht in Wahrheitsliebe und Meinungstoleranz alles andere als Gegensätze.

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