Sag´ bescheid

Toleranz – Geht gar nicht oder doch?

„Wahre Toleranz verlangt, dass wir unser

Gegenüber ernsthaft annehmen.“

 

Zuerst dachte ich, das sei nur ein blöder Aprilscherz. Aber wie sich zeigen sollte, war Lisa nicht nach scherzen zumute. Den ganzen Abend über hatte sie auffällig hibbelig in der Hauskreisrunde gesessen, konnte es offenbar kaum erwarten, bis endlich die Austauschrunde begann, und dann das:

„Es gibt was Neues!“, platzte es aus ihr heraus. „Ich habe einen Freund.“ Das war natürlich eine Sensation. Und es gab keinen, der ihr das nicht gönnte. Wie lange hatte sie schon darunter gelitten, noch keinen „abbekommen“ zu haben. Aber da kannten wir auch noch nicht die Details. „Letzte Woche haben wir uns kennengelernt, ein Traum von einem Mann, diese braunen Augen, er heißt Mustafa, naja, er ist schon ein bisschen älter als ich, okay, zehn Jahre, aber, er ist so lustig …“

Langsam verstummte der Hauskreis. Irgendwie wollte keiner so recht was dazu sagen, und so endete der Abend mit einem Berg an Unausgesprochenem. Mustafa, 32 und Lisa, 22, noch dazu Christin – geht doch gar nicht. Oder doch? Bitte politisch korrekt! Sicher, Lisas Situation ist überspitzt. Und dennoch standen die meisten von uns vermutlich schon einmal vor diesem Dilemma: Die Politische Korrektheit verlangt von mir, das Verhalten anderer zu tolerieren. Aber kann ich etwas moralisch gut heißen, was mir so ganz widerstrebt? Bin ich als Christ nicht sogar dazu verpflichtet, den Anderen zu ermahnen? Wer gibt mir andererseits das Recht, über das Leben und die Entscheidungen Anderer zu urteilen? Ein Dilemma, bei dem es sich viele leicht machen.

Ist doch klar, der Andere wird toleriert. Basta. Das heißt, dass ich seine individuellen Entscheidungen und seine persönliche Moral stehen lasse und gefälligst meinen Rand halte. Gerade von uns Christen wird oft gefordert, mehr von dieser Toleranz zu leben, nicht jeden Diskurs mit dem Argument „in der Bibel steht aber“ im Keim zu ersticken. Aber handelt es sich bei dieser Forderung wirklich noch um Toleranz? Besteht nicht die große Gefahr gerade darin, dass wir uns hinter einer vermeintlich toleranten Haltung verschanzen und in Wahrheit gleichgültig bleiben? Gleichgültig gegenüber den Bedürfnissen des Anderen, seinem Recht, anders zu sein als ich – und damit auch gleichgültig gegenüber seiner Person?

Ein gleichgültiger Mensch „ist gewissermaßen egozentrisch, jedoch nicht aus Bosheit“ (Wikipedia). Wer gleichgültig ist, sieht nur, was ihn selber interessiert, ihn selber direkt betrifft. Die Meinung des Anderen kann dann gut stehen gelassen werden, weil sie letztendlich egal ist. Der Philosoph Karl Jaspers hat es treffend auf den Punkt gebracht: „Gleichgültigkeit ist die mildeste Form der Intoleranz.“ Wollen wir zu solchen Menschen werden? Wollen wir die anderen einfach aus unserer Wirklichkeit ausklammern?

Andererseits kann es auch nicht andersherum funktionieren. Dort, wo ich Menschen verurteile, ihnen ihre Handlungen vorwerfe und meine eigenen überstülpe, gestehe ich ihnen nicht mehr zu, auch anders sein zu dürfen als ich. Damit erreiche ich nichts. Außer, dass meine Umwelt sich von mir, „dem Moralapostel“, distanziert. Wahre Toleranz verlangt, dass wir unser Gegenüber ernsthaft annehmen. Scheinbar gibt es da keine einfache Lösung. Weder ein zu schnelles „geht gar nicht“ noch ein leicht daher gesagtes „oder doch?“ wird den Menschen gerecht. Im Fall von Lisa und ihrem Mustafa ist das leichter gesagt als getan. Zumal ich mich frage, was ich mir in Lisas Haut wünschen würde, wie mit mir umgegangen wird.

Toleranz braucht klare Standpunkte

Toleranz im ursprünglichen Sinne bedeutet, einen Standpunkt oder eine Meinung, die anders ist als meine eigene, zu ertragen, sie stehen lassen zu können. Dazu gehört aber ganz wesentlich, dass ich einen eigenen Standpunkt habe. Tolerant heißt in keinem Falle, dass ich meine eigenen Positionen und Meinungen aufgeben muss. Es bedeutet, dem Anderen zuzugestehen, alternative Meinungen zu vertreten, ja mehr noch dafür Sorge zu tragen, dass er seine Meinung frei vertreten kann. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst sein, dass auch Toleranz ihre Grenzen hat. Wir leben in einem Rechtsstaat, der gewisse moralische Forderungen an uns stellt. Dass die Polizei einen Mörder festnimmt, hat nichts mit Intoleranz zu tun, sondern ist eine angemessene Reaktion auf eine Gesetzesübertretung.

Schwieriger wird es mit solchen Konventionen, die nicht explizit gesetzlich festgehalten sind. Damit meine ich unausgesprochene Regeln, die uns vorgeben, wie wir uns in bestimmten Situationen zu verhalten haben. Dass ich zum Beispiel in einem feinen Restaurant nicht mit den Fingern esse. Oder nachts nicht mehr bei meinem Nachbarn klingle. Diese Art von Regeln ist deutlich unschärfer gefasst – je nach Situation und Kreis, in dem wir uns umgeben, halten wir uns mal mehr und mal weniger dran. Nicht immer stehen sie irgendwo geschrieben. Und das führt zu Konflikten, wenn Andere ein anderes Verständnis haben als ich. Gerade in Gemeinden kennen wir diese Regeln oft nur zu gut. Dass ich nicht lügen soll, ist ein deutliches Gebot Gottes an mich. Dass Lisa keinen nichtchristlichen Freund haben soll, verstößt doch eher gegen inoffizielle Regeln, nicht gegen die Gemeindesatzung. Das macht die Beurteilung nicht leichter.

Toleranz auf biblischem Fundament

Versteht mich nicht falsch, ich will hier gar nicht werten, was denn nun richtig oder falsch ist. Vielmehr geht es mir darum herauszufordern, einen eigenen Standpunkt zu finden, auf dessen Basis es sich tolerant leben lässt. Wie gut, dass wir Christen als Orientierungshilfe die Bibel zur Hand haben. Jeder Standpunkt braucht ein gesundes Fundament, einen klaren Werterahmen, wie die Bibel ihn verkörpert. Die Frage des rechten Zusammenlebens hat auch damals schon die Menschen beschäftigt und kann uns heute noch als Leitfaden dienen.

Im Römerbrief fordert Paulus von seiner Gemeinde, tolerant miteinander zu leben. Was das bedeutet, wird besonders deutlich im Vers „Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig im Trübsal, beharrlich im Gebet.“ (Römer 12, 12) Diese Hoffnung ist es, die uns Christen – damals wie heute – hilft, zu einem eigenen Standpunkt zu finden. Sie fordert mich heraus, mein Leben dieser Hoffnung gemäß zu leben. Jesus nennt als höchstes Gebot unseres Lebens, Gott zu lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all unserer Kraft (Markus 12,30). Damit verbunden ist auch, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst. Jesus fordert, dass unser ethisches Verhalten, die Moral nach der wir leben, aus diesem Gebot entspringt. Der Orientierungspunkt wird dann: Lebe ich danach, mit meinem Leben Gott die Ehre zu geben, indem ich meinen Nächsten liebe?

Aus diesem Verständnis heraus kann ich auch Lisas Situation neu betrachten. Das Zusammensein mit einem Nichtchristen ist kein biblisches Gebot, das Lisa vermeintlich gebrochen hat. Aber es kann dann zu einer Schwierigkeit werden, wenn der Partner den eigenen Glauben nicht respektiert und fordert, etwas anderes als Gott an die höchste Stelle des eigenen Lebens zu setzen. Auf diese Gefahr kann ich Lisa hinweisen und ihr meine Besorgnis ausdrücken.

Spannung aushalten lernen

Und jetzt kommt die Toleranz ins Spiel. Denn ob Lisa mit mir übereinstimmt oder nicht, liegt kein bisschen in meiner Hand. Wenn Toleranz auch mit Weitherzigkeit zu übersetzen ist, dann liegt genau hierin die Spannung. Weitherzigkeit bedeutet, auszuhalten, dass jemand, der mir wichtig ist, auch anderer Meinung als ich sein kann und darf. „Seid beharrlich im Trübsal“, kann dann zu einer sehr schmerzlichen Erfahrung werden.

Es zu ertragen, dass eine Person, die mir wichtig ist, einen anderen Weg geht, als ich ihn für gut heiße, kann zu einer wahren Zerreißprobe werden. Dennoch ist das die einzige Möglichkeit, wie ich ihn als selbstverantwortlichen Menschen gelten lassen kann. Beruhigend, dass Paulus hier aber nicht abbricht, sondern das Gebet hinzufügt und damit eine ganz neue Perspektive aufwirft. „Seid beharrlich im Gebet.“ Damit ist sicherlich nicht gemeint, dass jetzt, wenn Lisa schon nicht auf mich hört, ich doch einfach Gott bitte: „Mach, dass Lisa erkennt, dass ich Recht habe.“ Aber ich darf Gott bitten, Lisa zu begegnen und ihr zu helfen, in dieser Situation Gottes und nicht meinen Willen zu erkennen.

Diese Beharrlichkeit im Gebet drückt aus, dass wir eben doch nicht einander gleichgültig sind, sondern uns trotz unterschiedlicher Meinungen in Liebe ertragen und aufeinander Acht geben können. Toleranz wider die Gleichgültigkeit. Geht gar nicht! Oder doch?

Julia Meister wünscht sich gelebte Toleranz auch für ihre eigenen, christlichen Standpunkte.

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