Sag´ bescheid

„Tut Buße!“

Umkehr – eine tägliche Übung

„Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“, ermutigt der auferstandene Jesus seine Jünger. Und weckt damit ein ungeheures Potential: den Glauben an Veränderung. 

Man hat bekanntlich nur eine Gelegenheit, einen ersten Eindruck zu hinterlassen. Nur eine Chance für einen bedeutungsvollen, richtungsweisenden ersten Satz. „Famous first words“ taugen durchaus zur Legendenbildung: Der kleine Steven Spielberg soll „Why?“ gefragt haben, Picasso forderte seinen „Piz“, also einen Bleistift, die Schauspielerin Julie Andrews brachte „Home“ über die Lippen. So etwas ist süß. Und Jesus? War schon etwas älter, als nach dem Evangelium von Matthäus die ersten Worte überliefert werden: „Tut Buße, denn das Königreich der Himmel ist nahegekommen!“ So etwas ist verwirrend.

Alles beginnt mit der Haltung

In unseren Ohren steckt in diesem „Tut Buße!“ ein gewisser Widerspruch: Die Hoffnung auf den Himmel ist begründet, weil er nahe ist. Fantastisch. Das ist unser Evangelium. Aber sie kommt mit der seltsamen Aufforderung, Buße zu tun, als gäbe es einen inneren Zusammenhang zwischen der objektiven Ankündigung eines Ereignisses und der Notwendigkeit, innerlich umzukehren. Nach dem Motto: Meint ihr nicht, es wäre Zeit, JETZT umzukehren, wo der Himmel doch zum Greifen nahe ist?
Das ist nicht unbedingt das, was wir hören wollen. Da würden wir den „Call to action“ – tut was! – jederzeit dem Ruf zur inneren Umkehr vorziehen. Entscheidend ist doch, was wir tun, und nicht, wie wir über uns denken. Falsch. Mit seiner ersten Amtshandlung schickt Jesus seine Zuhörer auf eine Reise in ihr Innerstes. Sein Aufruf bedeutet: Lasst alles Handeln aus einer veränderten Haltung gegenüber Gott resultieren! Verändert eure Einstellung und ihr verändert euer Handeln. Oder anders gesagt: Du willst als Christ leben? Dann fang damit an, täglich zu Gott umzukehren, und du wirst einen Lebensstil entwickeln, der dem von Jesus ähnelt. Umkehr als tägliche Chance, sich dem Himmel zu öffnen und aus tiefen Überzeugungen heraus zu leben, nicht in oberflächlichen Gesten. Von dieser Seite betrachtet, bekommt die Buße einen ganz neuen Anstrich, grün schimmernd wie die Hoffnung.

Unsere Buße legt offen, wie Gott ist

„Ich tat dir kund meine Sünde und habe meine Ungerechtigkeit nicht zugedeckt.Ich sagte: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen; und du, du hast vergeben die Ungerechtigkeit meiner Sünde.“ (Psalm 32,5)
In dem Aufruf zur Buße drückt Jesus Entscheidendes über das Wesen Gottes aus. Gott will uns nicht zum Feind haben. Er sorgt sich vielmehr um den Zustand unseres Herzens und verleiht ihm dadurch einen Wert und eine Würde, die sich nicht aus unseren Handlungen, unserem Scheitern und unserer sündhaften Natur ablesen lassen. Die gute Nachricht, die Jesus in seinem ersten Satz verpackt, lautet: Gott kennt einen Neuanfang. Das ist von dramatischer Bedeutung in Situationen, in denen wir wissen, wie nötig wir ihn haben. Petrus ist wohl das bekannteste Beispiel dafür, wie Jesus mit unserer Schuld umgeht. Aus Petrus, dem Feigling, der es im entscheidenden Moment nicht schafft, sich zu seinem Freund und Herrn zu bekennen, wird Petrus, der Fels, auf dem Jesus seine Kirche baut. Die Evangelisten erzählen die wenig rühmlichen Episoden des scheiternden Petrus nicht, um ihn vorzuführen, sondern um zu zeigen, wie viele Gelegenheiten zur Umkehr in jedem von uns stecken. Auf den Tränen echter Reue errichtet Jesus einen unbändigen, überzeugenden Glauben. Erst im Zerbruch „Tut Buße!“ Umkehr – eine tägliche Übung Text: Levian Scheidthauer 38 durchdachtes dran NEXT 7.14 erlebt Petrus eine persönliche Dimension des Evangeliums, ohne die er nie ein solch überzeugender Evangelist hätte werden können. Ein Neuanfang ist möglich. Jederzeit.

Unsere Buße legt offen, wie wir sind

„Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“ (Römer 7, 19-20)
Aber nicht jedem steht der Zerbruch des eigenen Lebens so plastisch vor Augen wie Petrus. Mit seiner Aufforderung zur Buße wendet sich Jesus nicht an die besonders krassen Fälle menschlicher Verfehlung, sondern auch an uns alle. An die Alltagssünder, die Gelegenheitszweifler, Grauzonenbespieler und Winkeladvokaten. Wir halten uns gerne für besser als wir sind. Aber wer ehrlich genug forscht, findet den „Stachel im eigenen Fleisch“ und erkennt sich als Mensch, der Gottes Plan und sich selbst im Weg steht.
Buße ist nur möglich mit einem Bewusstsein für die eigene Schuld, die wir gern weit von uns wegschieben. Dabei liegt das Befreiungsmoment darin, sich mit ihr zu beschäftigen, sie zu überwinden. Das allein ist ein Paradox, das nur der erlebt, der sich Gott zuwendet. Denn Schuld reduziert sich nicht, indem man sie für sich behält. Weder vor Gott, noch vor seinem Nächsten oder sogar vor sich selbst.

Beichte: Gelebte Buße

„Wahrlich ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.“ (Matthäus 18,18)
Ein erprobter Weg gelebter Buße ist die Beichte. Nicht nur im sakramentalen Sinn, sondern als Übung, sich selbst vor dem Hintergrund der Heiligkeit Gottes zu betrachten und die eigene Schuld zu benennen. Jesus selbst hat uns die Schlüssel in die Hand gegeben, Vergebung auszusprechen und einander vom Druck der Sünde zu befreien. Der mächtige Gott bindet sich an unsere Bereitschaft zur Vergebung.
Aus dieser Autorität erwächst die Verantwortung, den Menschen Gottes Vergebung zuzusprechen, wenn sie die Chance zur inneren Umkehr ergreifen. An uns entscheidet sich, ob andere sich durchs Leben schleppen oder Last ablegen.
In den meisten Mönchstraditionen ist die Beichte Bestandteil der täglichen Routine – und das nicht nur in ritualisierter Form. In der Reihe derer, die in der Beichte eine regelmäßige Glaubensübung gefunden haben, stehen auch Luther, Bonhoeffer oder Mutter Teresa. Große Persönlichkeiten, die sich in der Beichte eine demütige Haltung vor Gott und den Menschen bewahrt haben. Vielleicht hat gerade das ihre menschliche Größe ausgemacht.
In der Chance zur Umkehr weist Gott uns den Weg in die Freiheit. Ob wir ihn gehen, hat tatsächlich nichts damit zu tun, ob wir uns Christ nennen oder nicht. Sondern damit, ob wir den Rucksack unseres Lebens ablegen und täglich in den kleinen Entscheidungen des Lebens umkehren. Ob wir uns Gottes Wesen aussetzen und daran glauben, in dieser Begegnung ganz Mensch zu werden.

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