Sag´ bescheid

Von der Herausforderung, morgen eine andere zu sein

Wir sind veränderbare Wesen. Bei aller Ungewissheit ist das vor allem eine gute Nachricht.

Das Fach Kunst war in der Schule mein wöchentlicher Albtraum. Dienstagnachmittags saß ich verzweifelt im Keller unserer Schule und starrte auf ein weißes Blatt Papier. Manchmal war es auch schon nicht mehr weiß, sondern grau und verknittert vom Radieren. Noch heute erinnere ich mich genau daran, wie ich mich fühlte: unfähig, nicht vorbereitet auf das, was von mir erwartet wurde. Woher sollte ich wissen, welche Farben gut zusammenpassten und wie viel Platz ich links und rechts brauchen würde?

Neuanfänge, egal ob freiwillig oder um des Lebens willen, sind oft ähnlich beklemmend. Neu in der Stadt zu sein ist das weiße Blatt der Lebensschule; Freunde zu verlieren oder berufliche Veränderungen sind die Radier- und Knitterspuren auf den Blättern. Nur wenige sitzen dann voller Tatendrang und einem Plan vor ihrem Noch-nicht-Kunstwerk. Denn nirgends haben wir gelernt, was von uns erwartet wird. Ich kann sie hören, die Stimme der Lebenslehrerin: „Mal einfach mal drauf los!“ Die Erwartungen an das Kunstwerk sind groß, aber die Fähigkeiten überschaubar. Also meine zumindest.

Dauernde äußere und innere Veränderungen geben einem manchmal das Gefühl, nie anzukommen. An manchen Tagen erkenne ich mich selbst nicht mehr. Das ständige Irgendwo-Ankommen und Sich-Verabschieden geht an die Substanz. Auch wer jahrelang in derselben Rolle ist, kennt das. Im Sommer war ich mit Melanie spazieren. Melanie hat mit Mitte vierzig schon sieben Kinder auf die Beine gebracht und ist zweimal mit Sack und Pack über den Ozean gezogen. Ihre Jüngste wird langsam immer selbständiger. Als sie diesen Sommer mit der ganzen Familie auf einer Hochzeit waren, war Melanie auf einmal nicht ständig im Einsatz für ihre Kinder. Es blieb Zeit, einfach mal zu sein, und sie erzählte mir: „Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht. Was machen andere Menschen auf Familienfeiern, wenn nicht Windeln wechseln? Ich hatte jahrelang nichts anderes zu tun, als Mutter zu sein, und ich spüre, dass ich irgendwann angefangen habe, mich dahinter zu verstecken. Aber wer bin ich und was verdammt noch mal macht man auf einer Party?“

30. September*
Ich steige auf mein Fahrrad und fühle mich sofort wie eine Lügnerin: Mit der perfekten Ausrüstung, die ich trage und fahre, habe ich das Gefühl, so zu tun, als wäre ich mehr als ich eigentlich bin. Ich sehe aus wie ein Profi, glaube ich, aber ich habe keine Ahnung, was ich hier tue. Noch 1400 Kilometer.

Manchmal braucht es eben eine Party, um zu merken, dass man in einer Krise steckt. Das tun wir alle – und zwar regelmäßig. Die Daumenregel lautet: Alle sieben Jahre findet sich der Mensch in einer Identitätskrise wieder. Kriseln heißt häuten. Alles infrage stellen. Mag ich die Farbe meiner Bettwäsche; und sowieso, mag ich meinen Beruf? Krisen sind vor allem emotional – Umwälzungen im Leben, die nicht verwirrend-bewegend sind, sondern klar und transparent, sind nämlich keine Krisen. Jedes Kind wächst mit der Illusion auf, dass Erwachsene ganz genau wüssten, was sie ausmacht. Es braucht mindestens die ganzen Zwanzigerjahre, so scheint es mir, um zu verstehen, dass auch die Erwachsenen keine Ahnung haben, wer sie sind.

Rollenspiel

„Bestätigen Sie Ihre Identität“, bittet mich mein PayPal-Konto, als ich mich nach längerer Zeit wieder anmelde. Wenn ich das nur könnte! Wie soll ich etwas bestätigen, was ich nicht wirklich fassen kann? Zu wissen, wer man ist, seine Identität zu kennen, heißt, die wesentlichen Merkmale seiner selbst wasserfest benennen zu können. Aber das kann ich nicht. Schon klar, ich bin Schwester, Studentin, Kollegin, Deutsche. Allein durch meine Position im Leben nehme ich im Leben anderer Rollen ein. Diese Rollen suche ich mir – manchmal – aus, sie sind definitiv Teil meiner Identität. Aber würden die Rollen bestimmen, wer ich wirklich bin, wäre es einfach: Rolle gewechselt, und zack kann ich sagen: „Ich bin jetzt nicht mehr Lehrer, sondern Bauingenieur. Ich weiß, wer ich bin.“ So einfach ist es aber nicht.

Es gibt andererseits auch Rollen, die sucht man sich weder aus, noch kann man sie so schnell wieder loswerden. Anstatt zu sagen „Welche Rollen will ich?“, müsste man sich hier fragen, wie man diese Rollen ausfüllen will. Welche Art von Kollegin will ich sein, welche Art von Tochter?

2. Oktober
Bin ich nun Radfahrerin oder Lügnerin? Als ein Rudel Rennradfahrer an mir vorbeizischt, fühlen sich mein Rad Steve und ich wie ein altes, schwer bepacktes Nashorn, das von Gazellen überholt wird. Doch die Gazellen sagen alle freundlich „Bonjour“ und nehmen mich für eine kurze Weile in ihre Mitte. Ich gehöre dazu. Das tut gut. Anstatt mich auf unsere Unterschiede zu konzentrieren, sollte ich viel eher sehen: Wir fahren alle Rad. Wir sind ein Team.

Sehnsucht, durch andere zu hören, wer wir sind

Ich bemerke, dass es mich stresst, mich selbst zu definieren. Genau wie im Kunstunterricht bin ich damit überfordert, weil ich nicht weiß, wie viel Platz ich noch brauchen werde und welche Farben ich nutzen will. Wann fühle ich mich denn mal ganz bei mir, ganz ich selbst?

Es ist dann, wenn ich einem Gegenüber von mir erzählen darf, das, was mein Herz zum Schlagen und Weinen bringt. Nie fühle ich mich so ganz, wie wenn ich alles sagen kann. Wenn jedes Wort in mir nach außen darf, auch wenn mein Gegenüber anders denkt oder anders fühlt. Nach einem Gespräch mit Becci schoss es mir durch den Kopf: „Talking to you is like taking a screenshot of my heart“. Um mich voll gesehen zu fühlen, muss der andere nicht gleich denken wie ich, nicht einmal alles verstehen, sondern einfach zuhören wollen. Wir wollen durch andere sein; und wir sind geschaffen, um durch andere zu sein. Deswegen ist es auch so schmerzhaft, wenn jemand einen selbst aus seinem Leben streicht oder verschwindet. Weil damit ein Stück eigene Identität geht. Es ist gefährlich und unglaublich bereichernd, sich selbst durch andere zu finden.

3. Oktober
Es ist der vierte Tag und inzwischen gehen mir die abstrusesten Gedanken durch den Kopf. Alte Wünsche kommen hoch, dämliche Ideen entstehen und ich frage mich, ob ich ein bisschen durchdrehe. Ich stelle alles infrage – und das ist ganz schön wackelig. Eine SMS von Elke („Mach einfach weiter. Ich mag dich. Deine Schwester“) erinnert mich, dass ich gesehen bin.

Ein Grundstein reicht

Muss ich das überhaupt: mich selbst benennen, definieren können? Einer Sache Worte zu verleihen, ist oft befreiend. Aber: Muss alles einen Stempel haben? Reicht es nicht, den Grundstein zu benennen: Ich bin ein Mensch, in Gottes Ebenbild geschaffen. Schließlich sagt Wikipedia über Identität: „Als Relation zwischen zwei gegebenen Größen bedeutet Identität die völlige Übereinstimmung.“ Joseph Ratzinger wies in seiner Einführung in das Christentum darauf hin, dass es ein Irrtum sei, dass der Mensch sich stets neu aus sich selbst heraus schaffe. „Ich werde angesprochen, also bin ich“, sagt er. Angesprochen von Gott. Das muss reichen. In anderen Worten: Was zählt, ist nicht das weiße Blatt Papier, sondern derjenige, der es mir liebevoll reicht – Gott.

Egal, ob meine Emotionen, meine Zukunftsangst und meine Schwerelosigkeit gerade etwas anderes sagen: Ich bin wer. Ob ich mich ausdrücken kann oder nicht, Gott sieht und liebt mich, und das macht mich zu meinem Ich. Die Frage danach, wer genau ich heute bin, kann ich nicht beantworten, aber irgendwie ist sie auch nicht so wichtig. Brennan Manning schreibt das auch in seinem Buch Abba’s Child: „Define yourself radically as one beloved by God. This is the true self. Every other identity is illusion.“

5. Oktober
An jedem Morgen ist es die gleiche Kacke. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht – so viele Wege und Abzweigungen vor mir, die ich bewältigen muss. Wo fang ich an? Das Sprichwort „Ein Weg entsteht dadurch, dass man ihn geht“ war für mich persönlich noch nie so wahr. Ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde und ich kenne den Weg noch nicht. Aber alles was ich tun kann, um es herauszufinden, ist voranzugehen. Ich bin so gespannt, wo ich landen werde – innerlich und mit meinem Rad. Vorwärts, in die Pedale, los!

Es wäre natürlich schön, mehrere klare Eckpfosten zu haben. Ich bin die, habe die Leidenschaft und werde das sein. Doch alles kann vergehen. Samuel Koch schreibt darüber in „Zwei Leben“. Allein der Titel des Buchs verrät den tiefen, innerlichen Umbruch, den der junge Mann durchmachen musste – vom Sportler zum Rollstuhlfahrer. Das geht natürlich an die Identitätssubstanz. „Sehr spannend finde ich die Erkenntnis, die mir erst kürzlich gekommen ist, als ich mich mit der Frage auseinandergesetzt habe, was an mir eigentlich noch so ist wie früher“, schreibt der ehemalige Stuntsportler. „Was meinen Kern, mein innerstes Wesen ausmacht. (…) Nach allem, was geschehen ist, sind nur ganz wenige Dinge in meinem Leben gleich geblieben, und dieser Kernpunkt (– das Beten –) gehört dazu.“

7. Oktober
Meine Aufgaben dieser Tage sind klar definiert: Ich bin die, die gerade Fahrrad fährt, tagein, tagaus. Den ganzen Tag mache ich mir Gedanken darüber, wo ich schlafe, was ich esse und ob die Reifen heil bleiben. Diese Rolle spiele ich gerade ganz gut. Ich wünschte, es wäre immer so klar definiert, was ich zu tun habe. Ich habe Angst vor der Zeit, in der ich durch meine täglichen Entscheidungen festlege, wer ich bin, weil irgendwie alles offen ist. Und gleichzeitig habe ich Angst vor den Momenten, wo ich eine Rolle spielen muss, die ich nicht spielen will. Nicht mehr.

Nichts im Leben bleibt wirklich außer dieser Gott, der uns sieht. Egal, ob wir einen Salto machen können oder plötzlich im Rollstuhl sitzen. So steht es in Römer 8,38: „Denn ich bin gewiss, dass (…) weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Vielleicht bedeutet also zu wissen, wer man ist, einfach zu wissen, dass man ist und dass man zu Gott gehört. Jeder, der das Lied „Who am I?“ von den Casting Crowns schon einmal gehört hat, kann sich bei dem Satz „Wer bin ich?“ kaum mehr des Ohrwurms erwehren. „Who am I“, singt Mark Hall zu sanften Tönen, „that the Lord of all the earth would care to know my name?“ Die Antwort kommt später im Lied: „Who am I? I am Yours.“ Ich bin, weil Gott mich sieht.

10. Oktober
Es regnet und regnet und regnet und ich bin ganz verzweifelt und nass. Wer mich sieht, muss mich für den ärmsten Tropf halten, der auf französischen Landstraßen rumkurvt. Kurz bevor ich im Selbstmitleid ertrinke, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: „Ja, gerade fühl ich mich ganz schön armselig und bin bemitleidenswert. Aber niemand hat erlebt, was ich erlebt habe. Ich radle hier jetzt im Regen, weil ich dieses unglaubliche Abenteuer gesucht habe. Ich bin mehr als ein Mädchen in einer Regenjacke: Hinter mir und vor mir liegen unglaubliche Erlebnisse. Und dieser Regentag ist Teil davon.“

Erfolgreiches Chance-Management

Es scheint also unsere Aufgabe im Leben zu sein, uns erfolgreich zu verändern. Mit Würde Dinge gehen zu lassen und mit offener Hand anzunehmen, was neu kommt. Wenn man es nämlich genau betrachtet, machen wir alle seit Jahren nichts anderes: Da hat man sich gerade ein Nest eingerichtet, Freundschaften geschlossen und alle Bilder aufgehängt, da steht schon wieder etwas Neues an. Das Studium ist fertig, ein Kind ist im Bauch oder der Job schickt einen nach Afrika. Und von vorne. Da kommt man einfach nicht damit nach, sich selbst zu benennen. Vielleicht muss man das auch gar nicht, vielleicht muss mein Leben keinen öffentlichen Stempel haben, der mich erklärt. Außer PayPal darf das auch wirklich keiner von mir verlangen.

12. Oktober
Angekommen. Jawohl. Tagelang war ich entwurzelt, und plötzlich sitze ich wieder mit Menschen, die mich länger als einen Tag kennen in einer Küche und esse asiatisch. Es fühlt sich völlig normal an und das ist komisch: Bin ich denn jetzt niemand anderes nach diesem Abenteuer? Bevor mich das in eine Krise stürzt beschließe ich: Schluss mit dem Sich-selbst-benennen-Wollen. Neues Projekt: Einfach sein.

„Art is what happens when you dare to be“, schrieb meine älteste Schwester sich vor einigen Jahren an ihren Spiegel. Seitdem zaubert sie wundervolle Kunstwerke mit ihrem Leben. Und ich habe inzwischen weniger Angst vor dem weißen Blatt Papier vor mir. In mancher Identitätskrise braucht man vor allem eine Gnadenfrist für das Emotionschaos – versuche ich nämlich nur wieder, schnell neue Rollen-Stempel zu finden, lande ich bei der nächsten Rollenveränderung erneut in einer Krise. Wenn mich nächstes Mal das weiße Blatt Papier vor meinen Augen anschreit, werde ich denken: „Wer bin ich? Ich weiß es nicht. Aber ich bin gewiss.“ Und eventuell setze ich dann mutig mit dem Stift an.

Uta Rosa Ströbel ist im Sommer von Köln nach Heidelberg umzogen. Trotzdem hat sie bei der Zusage für diesen Artikel noch nicht geahnt, wie extrem weiß sich gerade ihr eigenes Lebenspapier

*Anfang Oktober fuhr Uta 1400 Kilometer mit dem Fahrrad von der Atlantikküste Frankreichs nach Heidelberg. Nach dem Warum hat sie selbst nicht so viel gefragt wie sie danach von anderen gefragt wurde, aber ein Grund war definitiv der Studiumsabschluss und der Umzug in eine neue Stadt. Die eingeschobenen Texte sind Auszüge aus ihrem Tagebuch. Die ganze Tour gibt es auf www.rollingrosa.blogspot.com

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