Sag´ bescheid

Was macht mich als Christ aus?

Doro Mandler ringt mit der Frage, was ihren Glauben ausmacht jenseits frommer Formen und Taufschein. Auch wenn sie noch hadert: Gott hält das aus.

 

Was genau macht mich zur Christin? Klar, der Glaube an Jesus Christus. Und was noch? Was bedeutet das für mein Leben, meinen Alltag? Lange Zeit hab ich auf das volle Programm gesetzt: Ich hatte einen Hauskreis, bin sonntags in den Gottesdienst gegangen, war hin und wieder beim Lobpreisabend und habe als Mitarbeiterin Jungscharlern biblische Geschichten erzählt. Nach dem Abi war ich zwei Jahre lang auf einer Bibelschule. Alles brav abgehakt. Jedenfalls fast alles. Weil zugegeben, die Stille Zeit war immer ein Problem. Früh aufstehen und schlaftrunken in der Bibel lesen, hab ich nie regelmäßig auf die Reihe bekommen. Vielleicht habe ich die Bequemlichkeit also schon früh in mein Christenleben gelassen, vielleicht ist das die Wurzel allen Übels, denn: Ich hab keine Lust mehr.

Nicht, dass ich nicht mehr glaube. Erst recht geht es nicht darum, dass so ein christlicher Alltag falsch wäre. Für viele ist all das und noch manches andere die gewohnte und vertraute Art, in der ihr Glaube Gestalt annimmt und sie Gott spüren. Um das gleich deutlich zu sagen: Macht bitte weiter so! Wer Gott in seiner Gemeinde, in Gebetszeiten, Gottesdiensten und Hauskreisgesprächen begegnet, der ist zu beglückwünschen.

Nicht bei allen verläuft der christliche Werdegang in so geordneten Bahnen. Manch einer erlebt intensive geistliche Gemeinschaft in seinem Hauskreis, hat aber seit Jahren keine Gemeinde mehr von innen gesehen. Andere sind in Gemeinde X, in der sie mit Begeisterung den Jugendkreis leiten und in Gemeinde Y, wenn es an den Sonntagsgottesdienst geht. Den besten Lobpreis gibt’s dann noch mal woanders. Man sucht sich einfach das Beste aus allen Angeboten. Wieder anderen scheint es einfach schwerzufallen, regelmäßig dranzubleiben. Gottesdienst gerne, solange am Samstag davor nicht zu hart gefeiert wurde. Gebetszeiten sind auch ’ne tolle Sache, nur bitte nicht nach Kalender und Stoppuhr, sondern wenn man gerade dran denkt. Wenn jeder sein eigenes Ding macht, wenn Institutionen mehr und mehr ihren Stellenwert und ihre Deutungshoheit verlieren, ist das dann überhaupt noch Glaube?

FREMDELN MIT DEM SELBSTVERSTÄNDLICHEN

Man kann die Frage auch andersherum stellen: Wer sagt eigentlich, dass Glaube nur so geht, nach genau einem Schema und nicht anders? Mir war zunehmend unbegreiflich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich der ein oder andere fromme Kommilitone morgens früh um sechs aus dem Bett gequält hat, um vor dem Frühstück noch eine halbe Stunde Bibellesen und Gebet mitzunehmen, wo ich mich lieber noch mal rumgedreht habe. Muss mein Glaubensleben wehtun, damit ich mich als Christin selbstvergewissere? So manche Predigt, die über fünfzig Minuten in der Wiederholungsschleife steckte, hat mich grübeln lassen, ob das vielleicht Absicht war, weil so ein bisschen Leiden eben dazugehört, wenn man „sein Kreuz auf sich nehmen will“.

Ich will nicht ironisch werden. Ich weiß: Niemand hat vor, mich damit zu gängeln. Nicht mit schlechten Predigten noch mit nachdrücklichen Empfehlungen, regelmäßig die Bibel zu lesen. Niemand ist gegen mich. Und es deckt sich auch nicht mit dem, was ich über Gottesdienste und Stille Zeiten gelernt und nicht selten erfahren habe: Das alles ist gut für mich, weil es dazu dient, Jesus näherzukommen, mich zu stärken und zu ermutigen. Das Ding ist: Zunehmend fühlten sich einige Elemente meines Glaubenslebens nicht mehr so an. Sie wurden für mich zu einer leeren Hülle, einer Pflichterfüllung, deren konkrete Gestalt mich immer wieder auf die Palme brachte. Mir konnte schlicht keiner so richtig erklären, warum es eben so und nicht anders gemacht werden muss.

Nicht nur die Formen störten mich: Ich verstehe bis heute nicht, warum wir eine so exklusive Sprache verwenden müssen, um darüber zu reden, was wir als Christen machen. Wer kann mir erklären, wo noch mal der Unterschied zwischen Lobpreis und Worship liegt? Freiwillige vor. Und jeder, der schon einmal versucht hat, Menschen ohne christlichen Hintergrund das Wort „Hauskreis“ begreiflich zu machen, wird bemerkt haben: Man braucht dazu ganz schön viele andere Wörter und außerdem die Fähigkeit, das zunehmende Stirnrunzeln der Gesprächspartnerin elegant zu ignorieren. Die „Stille Zeit“ schneidet im Verständlichkeitstest auch nicht besser ab. Es ist gar nicht so leicht, einen „missionarischen Lebensstil“ an den Tag zu legen, wenn unsere christliche Kultur ein eigenes Lexikon braucht. Als Mensch will ich, soweit das möglich ist, von meinen Mitmenschen verstanden werden. Da bleibe ich am besten gleich in meiner christlichen Filterblase, Problem gelöst.

Ich spüre, wie mich die modernen Rituale, die christliche Binnensprache und das angeblich „christliche“ Leben davon abhalten, zum Kern meines Glaubens durchzudringen. Das alles beschäftigt mich so sehr, dass es mich verunsichert. Da ist plötzlich dieser Abstand zum vermeintlich Selbstverständlichen und die drängende Frage: Was machen wir hier?

WO GENAU HÖRT DER GLAUBE AUF, GLAUBE ZU SEIN?

Was wäre also, wenn ich einfach aufhören würde, diesen „frommen“ Lebensstil zu leben? Gäbe es Jesus dann überhaupt noch in meinem Leben? Wie viel darf man überhaupt infrage stellen? Wo ist die Grenze zur Beliebigkeit erreicht? Patentrezepte gibt’s nicht, so viel ist klar. Fragen, die da sind, dürfen und müssen gestellt werden. Es kann zur Klarheit beitragen, wenn wir uns als Fragende auf den Weg machen, zum Kern des Glaubens vorzudringen, nämlich der Frage, warum wir überhaupt glauben.

Auf diese Frage fällt mir die Antwort leicht. Denn selbst wenn ich manches nicht verstehe und die eben noch so vertraute Welt Kopf steht, weiß ich doch eines sicher: Ein Leben ohne Gott wäre möglich, aber so ein Leben will ich nicht. Ich glaube, weil ich Gott vertrauen kann. Das ist mehr als Kindergottesdienstabfragewissen und mehr als bloßes Lippenbekenntnis. Dass Gott vertrauenswürdig ist, habe ich in meinem Leben mehr als einmal erfahren – diese Erfahrung kann ich mir selbst nicht nehmen. Ich vertraue darauf, dass er stark ist, wo ich schwach bin, und weise, wo ich einen begrenzten Blick auf mein eigenes Leben und das meiner Mitmenschen habe.

Das zweite ist, dass ich von Jesus bedingungslos geliebt bin. Der Satz „Jesus liebt dich!“, so inflationär er auch in den Predigten und Andachten meines Lebens gefallen ist, steht als geglaubte Tatsache über meinem Leben. Ich bin geliebt. Was immer ich tue oder lasse, was mir gelingt und wo ich scheitere, ich bin geliebt. Das ist die Konstante im Durcheinander. Etty Hillesum hatte da mit viel existenzielleren und bedrohlicheren Fragen zu kämpfen. Sie schreibt mit Blick auf den Holocaust, den sie erleben musste: „Mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, Gott, sondern dass wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen.“

Moment, das ist jetzt wirklich zu wenig. Der Gott der Bibel ist viel mehr als das, oder? Doch selbst wenn wir theologisch zu anderen Ergebnissen kommen sollten, wird etwas sehr Wichtiges deutlich: Inmitten des Zweifels und der Erschütterung bleibt der Wunsch nach Gottes Nähe in uns. Und das ist doch eine ganze Menge. Mehr noch, wenn alle Unruhe darüber, wie wir eigentlich glauben, uns auf die Frage zurückführt, wer Jesus für uns ist und ob es da noch die Sehnsucht nach ihm gibt, ist damit mehr gewonnen, als aufs Spiel gesetzt wurde. Es geht auf einmal ums Zentrum unseres Glaubens, um Jesus selbst. Da dürfen die Alltagsfragen mal kurz zurücktreten – auch die, wie wichtig diese Stille Zeit jetzt wirklich ist.

DEM GLAUBEN NEUEN AUSDRUCK VERLEIHEN

Wer versucht, ganz und gar auf einen christlichen Lebensstil zu verzichten, merkt irgendwann: Da fehlt was. Form und Inhalt bedingen einander nun mal. Wenn der Glaube gar keinen Ausdruck mehr im eigenen Erleben fi ndet, verschwindet er mehr und mehr. Glaube, verstanden als Beziehungsgeschehen, braucht einfach ein Gegenüber. Wir brauchen als Christen die Gemeinschaft, sowohl mit anderen Glaubenden als auch mit Gott. Manch einer ist all dessen überdrüssig. Dann lasst uns dieses Gefühl kommunizieren. Geben wir der Glaubensbeziehung noch eine Chance, indem wir offen darüber reden.

Bleiben ein paar Fragen: Reicht es, in Zeiten des Zweifels seinen Glauben nur als Hintergrundrauschen zu erleben? Reicht es grundsätzlich, „nur“ zu glauben, oder muss dieser Glaube jederzeit und auf eine bestimmte Weise praktiziert werden? Und hinter all dem: Welchen substanziellen Unterschied macht es für mein Leben, ob es Gott gibt – jenseits der religiösen Formen?

 

ANTWORTEN GIBT ES IM DAZWISCHEN

Reicht es, „nur“ zu glauben? Klares Ja. Ich muss überhaupt nichts tun, damit es bei Gott reicht, damit ich Zugang zu ihm bekomme. Liebe kann man sich nicht verdienen. Diese Erkenntnis ist nun wirklich nicht revolutionär, aber erst im Zweifel wird neu deutlich, was das bedeutet. Ich muss nichts tun, um Gott zu gefallen. Und ich kann alles tun, ohne je seine Zuneigung zu verlieren.

Überhaupt: Gott kann ganz schön was aushalten. Dann bin ich eben gerade mal verunsichert und verärgert über manche sinnlos erscheinende Glaubenstradition. Wer so empfindet, der tut sich keinen Gefallen damit, die unguten Gefühle schnell wieder wegzupacken und einfach weiterzumachen. Es gibt keine verbotenen Fragen, manches muss einfach raus. Das ist oft nicht mit einem Gespräch, mit einem Gebet erledigt, sondern viel mehr ein Prozess, der Zeit braucht. Aber wer fragt, der ist ja immer noch im Gespräch. So lange ist Gott für uns ein Gegenüber, genau der, dem manche schon als Kinder ihre Sorgen erzählt haben. Nur dass wir inzwischen seltener für Sonnenschein beten, sondern uns häufiger beschweren, warum die Sache mit dem Glauben nicht auch ein bisschen einfacher sein kann.

SEHNSUCHT WIEDER ENTFACHEN

Antworten gibt es nicht von heute auf morgen, sondern in dem Dazwischen. Auch wenn sich mein Glaube zurzeit etwas gestaltlos zeigt, lebt es sich ganz gut damit. Wer verstanden hat, dass es genügt, vor Gott einfach zu sein, dem fällt eine Last von den Schultern. Es geht mit einem Mal nicht mehr darum, Erwartungen gerecht zu werden.

Natürlich gibt es die Beispiele von Menschen, deren Glaube an Fragen und Zweifeln zerbrochen ist, weil Gott mit der Zeit in Frage gestellt wurde, bis letztlich nichts mehr blieb. Aber was würden wir unserem Glauben und auch Gott selbst zutrauen, wenn wir das Risiko deshalb nicht eingingen und überall Mauern um uns hochzögen, um ja nicht „vom Glauben abzufallen“? Es gibt schließlich auch was zu gewinnen: eine neue Sehnsucht nach Gott und die sichtbare Bedeutung Gottes im eigenen Leben.

GOTT AN VERTRAUTEN ORTEN NEU BEGEGNEN

Und plötzlich werden vertraute Orte zu Orten, an denen wir ihm neu begegnen. Weil sich der Hauskreis darüber austauscht, welche Schwierigkeiten der einzelne schon mit dem Glauben hatte. Oder man gibt dem Gottesdienst nochmal eine Chance, in der Zuversicht, dass der ein oder andere Gedanke in der Predigt doch relevant sein könnte. Und wer es gerade nicht schafft, mit Gott im Gebet zu sprechen, dem kann ein vorformuliertes Gebet helfen, die eigenen Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Wem auch das zu viel ist, der kann Freunde darum bitten, für sich zu beten und vor allem, als Gesprächspartner da zu sein.

Vielleicht gibt es auch unerwartete Orte, an denen Gottes Liebe plötzlich wieder erlebbar wird, sei es der Spaziergang in der Natur oder der Kaffee mit der besten Freundin. Denn selbst wer weiß, dass er keinen Erwartungen genügen muss, fährt gut damit, erwartungsvoll zu bleiben, was Gott tun kann.

Für mich gibt es noch immer mehr Fragen als Antworten, mehr Zweifel als Gewissheiten. Trotzdem weiß ich mich gehalten und getragen und das hilft im Umgang mit den Fragen, die bleiben. Was ich verstanden habe ist, dass ich keine Leistungsträgerin im Glauben sein muss. Aber wenn ich mich an Gottes Versprechen festhalte, dann halte ich auch an der Gemeinschaft mit ihm fest. Dann erlebe ich auch Gemeindeleben nicht mehr nur als Zwang, sondern wieder mehr als Angebot. Und das ist doch schon was.

 

DORO MANDLER hat gerade mehr Fragen als Antworten. Und es fühlt sich gar nicht so schlimm an.

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