Sag´ bescheid

Werd‘ doch mal erwachsen!

Erwachsensein? Kann man das fühlen, denken, wollen? Auch Wiebke muss sich mit dem Erwachsenwerden erst noch anfreunden?

Text: Wiebke Harle

„Mist. Mist! Mist! Mist!“ Ich könnte ausrasten. Nix als Ärger mit den Behörden! Und wieder schicken die mir so’n Schrieb, für den ich mir Zeit aus den Rippen schneiden muss, um in Warteschleifen rumzuhängen, bis sich endlich irgendein hemdsärmliger Beamter mit mir auseinandersetzt. Überflüssig bis zum Geht-nicht-mehr, und ich ertappe mich dabei, wie ich ganz laut MAMA denke. MAMA, kannst du das nicht machen?

Umgehend schäme ich mich für diesen Gedanken. Denn, ganz klar: Ich hatte einen Rückfall. Einen Rückfall in die Zeit, als ich noch dachte: Erwachsenwerden? Ich mach’ ja viel Scheiß mit, aber nicht jeden. Diese Haltung kenne ich nicht nur von mir. Das scheint so ein Generationending zu sein. Keinen Bock zu haben auf dieses mysteriöse Erwachsenwerden. Bei uns gehört das quasi zum guten Ton. Als hätten wir heute Morgen alle mit Peter Pan geduscht, der Kinderbuchfigur von J. M. Barrie, die einfach nicht erwachsen wird und in Nimmerland ein Abenteuer nach dem anderen erlebt.
Wär das wirklich so schlimm, erwachsen zu werden? Pippi Langstrumpf und ihre Freunde Tommy und Annika sind sich einig: „Dann kann man ja nicht mehr so schön spielen. Die Erwachsenen sind immer viel zu ernst.“ Ist es etwa das, was wir befürchten? Dass wir, sind wir erstmal erwachsen, nur noch langweilig auf dem Sofa hocken, die Abende beim Krimischauen vor dem Fernseher verbringen und zum Lachen in den Keller gehen? Wenn wir erwachsen werden – das ist auf jeden Fall eine der Ängste – dann verlieren wir unsere Fantasie, unsere Ideale, werden zu eingefahrenen Realisten. Fakten statt Fiktion. Staubtrocken statt sprudelnd vor Ideen. Wenn ich allerdings genauer darüber nachdenke, warum sich so hartnäckig der Mythos hält, dass Erwachsene keine Fantasie hätten, kann ich eigentlich gar nicht nachvollziehen. Denn wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, erkennt recht bald: Wie Erwachsene ihren Lebensraum gestalten, ist oft sogar ziemlich fantastisch. Selbstverständlich denke ich da an Künstler, Schriftstellerinnen, Musiker, die aus (fast) nichts etwas machen, die sich inspirieren lassen und wiederum andere inspirieren. An Filmemacherinnen, die ihre eigenen Welten erschaffen. Aber ebenso an Gärtner, Architekten, Schreinerinnen, die unsere Alltagswelt mitgestalten.

Fantasie ist kein kindliches Vorrecht
Keine Frage – viele Kinder sind extrem fantasievoll. Aber längst nicht alle. Die einen malen frei Schnauze die tollsten Gemälde, die anderen malen nach Zahlen. Für die einen ist ihr Bett ein Floß und der Zimmerboden ein reißender Strom, die anderen kochen in ihrer Puppenküche Schnitzel und Kartoff elbrei. Das bedeutet nicht, dass das eine besser und das andere schlechter ist. Sondern einfach nur, dass Fantasie auch bei Kindern keine Selbstverständlichkeit, sondern eine individuelle Begabung ist. Und das setzt sich später fort. Als Erwachsene müssen wir uns einfach mehr anstrengen, unserer Fantasie Raum zu geben. Wenn sie aber vorher da war, ist sie nicht in der Minute weg, in der wir unsere Kindheit hinter uns lassen.

Tatsächlich haben Erwachsene, was das betrifft, sogar einen ganz entscheidenden Vorteil gegenüber Kindern: Während die in der Regel noch nicht gelernt haben, ihre Kreativität zu kanalisieren, haben sich Erwachsene bereits das nötige Handwerkszeug angeeignet, um sich und ihre Ideen auszudrücken. Wenn ein Kind sich beispielsweise gerne Geschichten ausdenkt, aber noch nicht schreiben kann – dann sind seiner Kreativität klare Grenzen gesetzt. Erwachsene jedoch beherrschen bereits vieles, was sie brauchen, um ihren Ideen Gestalt zu geben. Die Angst, beim Erwachsenwerden unsere Fantasie zu verlieren, ist eher irrational.

Kinder wollen nicht klein bleiben
Auch wenn uns Kinderbuchfiguren wie Pippi Langstrumpf oder Peter Pan etwas anderes weismachen wollen: Der Wunsch, nicht erwachsen zu werden, setzt häufig noch gar nicht in der Kindheit ein. Das sagt mir zumindest meine Erfahrung. Alle Kinder, die ich kenne, wollen am liebsten schon groß sein. Im Kindergarten freuen sie sich auf die Schule, lassen ihre Überlegenheit über die jüngeren Geschwister raushängen. Sie spielen mit Barbies den Alltag von Erwachsenen nach. Mein Freund hat mir mal erzählt, dass er mit Vorliebe „Büro“ gespielt hat, als er klein war. Mit selbstgebasteltem Papp-Laptop und allem.

Auch ich wollte, als ich im Teenageralter war, noch unbedingt erwachsen werden. Ich malte mir aus, wie das wohl sein würde: eine eigene Wohnung haben. Oder einen Mann. Arbeiten gehen. Geld verdienen. Kinder kriegen. Vor allem aber: für voll genommen werden. Lieber heute als morgen, dachte ich mir. Und dann ist es soweit, man zieht aus, steht mehr oder weniger auf eigenen Beinen. Und ist plötzlich doch ein wenig überfordert mit der ganzen Selbstständigkeit. Merkt, dass das Leben weg von zu Hause doch nicht das reinste Zuckerschlecken ist. Selbst ein Studium besteht nicht nur aus durchtanzten Nächten. Ich fand mich auf einmal wieder auf Fluren von Behörden –  beim Einwohnermeldeamt, dem BaföG-Amt, dem Finanzamt. Musste gucken, wie ich mit meinen lausigen paar Euro über die Runden kam. Musste alleine dafür sorgen, dass der Waschmaschinenreparaturdienst zwischen 10 und 17 Uhr in meine Wohnung konnte. Und so weiter und sofort. Wenn das erwachsen sein soll, dachte ich, dann: Nein danke, kein Interesse!

Kind bleiben – eine unwirkliche Alternative
Allerdings – haben wir überhaupt eine andere Wahl? Müssen wir nicht zwangsläufig erwachsen werden? Pippi Langstrumpf sagt: Nein! In ihrem Küchenschrank bewahrt sie Krummelusepillen auf. Ein Wundermittel, dessen Einnahme das Erwachsenwerden ganz einfach verhindert – was sie und ihre Freunde auch ausprobieren. Danach stellen sie sich vor, was sie wohl in fünfzig Jahren tun werden, wenn der Zauber klappt: „Dann spielen wir drei noch genauso wie heute!“
Eine schöne Vorstellung. Eine schöne Vorstellung? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr zweifle ich daran. Denn was sind das eigentlich für Aussichten, die ich mir da ausmale? Ziemlich schnell hört sich das für mich nicht mehr verlockend an, sondern nach Stillstand. Mich überkommen Bilder von mir selbst in Latzhose, jenseits der 50, wie ich neben meiner 82-jährigen Mama hocke und sie dabei beobachte, wie sie meine Treppe wischt.

Das ist nicht wirklich das, was ich mir für mein Leben wünsche. Es ist inzwischen schon eine Weile her, dass mir klar wurde: In der Kindheit oder Jugend festzuhängen, ist keine Alternative dazu, mich weiterzuentwickeln. Stattdessen fielen mir einige entscheidende Faktoren ein, die eindeutig fürs Erwachsensein sprechen. Und ich meine da nicht nur, dass mich dann niemand mehr daran hindert, mir Süßigkeiten vor dem Essen reinzuziehen. Oder sogar als Hauptmahlzeit.

Initiationsmomente
Ich erinnere mich noch gut daran, in welchem Augenblick ich mich das erste Mal erwachsen fühlte. Ich war schon lange von zu Hause ausgezogen, hatte mein Studium abgeschlossen und arbeitete seit einem halben Jahr – war also finanziell mehr oder weniger unabhängig von meinen Eltern. Aus heiterem Himmel hatte ich den Impuls, meinen Job an den Nagel zu hängen, um noch ein zweites Studium anzufangen, das in eine völlig andere Richtung ging als bisher. Zugegebenermaßen hatte ich ein bisschen Angst, meinen Eltern davon zu erzählen. Sie waren so froh gewesen, dass ich nach meinem geisteswissenschaftlichen Studium (überhaupt) eine Stelle gefunden hatte und auf eigenen Füßen stand. Und jetzt alles hinschmeißen? Nochmal von vorne beginnen? Wie sollte ich ihnen das verkaufen?

Tatsächlich verliefen die Gespräche am Telefon so ähnlich, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Mutter zeigte nach einer Schrecksekunde vorsichtiges Verständnis. Mein Vater aber konnte meine Entscheidung überhaupt nicht nachvollziehen. Mein „Ich bin erwachsen“- Erlebnis daran: Ich stellte plötzlich fest, dass das vollkommen in Ordnung für mich war. Schließlich war das eine Entscheidung, die ich treffen und mit der ich dann auch leben musste. Ich und nicht meine Eltern. Ihre Meinung war mir nicht egal, aber sie war auch nicht entscheidend. Schließlich musste ich selbst hinter dem stehen können, was ich mit meinem Leben anfange. In diesem Moment zeigte sich, was Erwachsensein auch bedeutet: unpopuläre Entscheidungen zu treffen und dann auch dazu zu stehen. Das ist nicht immer einfach, andererseits steckt darin eine große Freiheit.
Wie gesagt – erwachsen zu sein ist auch mit vielem verbunden, was unangenehm oder nervig ist. Und ich habe meine Phasen, in denen ich die Verantwortung für anstehende Entscheidungen und Pflichten gerne abgeben würde. Dann erinnere ich mich daran, wie großartig es ist, mein Leben selbst gestalten zu dürfen. Dass ich nicht bei allem um Erlaubnis fragen muss, sondern einfach machen kann. Ich habe noch längst nicht alles Kindliche über Bord geworfen (und das habe ich auch nicht vor) –  aber ich habe beschlossen, dass „erwachsen“ jetzt das ist, was ich bin. Und auch sein möchte.

Sag´ bescheid

Hinterlasse doch Kommentare  |  0

Kommentar verfassen