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„Werkstatt der Träume“

Kreativität vermischt mit Business und Arbeitsintegration – das ist die Vision von „theDreamlab“.

Tim ist Hochzeitsfotograf. Früher knipste er alleine an Hochzeiten, inzwischen kommt er meistens in Begleitung. Tim nimmt einen interessierten Jugendlichen mit, der ihm sprichwörtlich über die Schulter guckt und hin und wieder selbst Fotos schießt. So hat auch Micha* seine Leidenschaft fürs Fotografieren entdeckt. Er ist momentan arbeitslos. Das Fotografieren tut ihm gut. Tim ermutigt ihn und zeigt Micha, dass er gebraucht wird. Nach einem Anlass wertet Tim die Fotos mit Micha zusammen aus und bearbeitet sie am Mac. So lernt Micha bei jedem Event etwas dazu und kann Erfahrungen sammeln. Wenn er weiter so große Fortschritte macht, kann Micha schon bald als eigenständiger Fotograf auf Hochzeiten unterwegs sein, sagt Tim.

Weniger reden, mehr tun

Tim ist beinahe seit dem Start vom Dream- lab dabei, das vor einem knappen Jahr in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Wetzikon gegründet wurde. Hinter dem Projekt steckt eine Stiftung von ICF, genannt ACTS: Die Initiatoren hatten den Wunsch, etwas Praktisches anzupacken, um Menschen gezielt zu helfen.
Also weniger reden und umso mehr tun. Außerdem fiel ihnen auf, wie viele kreative Menschen es in der ICF Zürich gibt, die ihre Kreativität aber nicht fördern, weil kein passendes Angebot besteht.

Als Vorbild diente die Jobfactory in Basel. In der Schweiz ist jeder Zehnte Jugendliche arbeitslos, auf ganz Europa betrachtet bedeutet dies, fast ein Viertel aller europäischen Jugendlichen. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Um solchen Jugendlichen eine Chance zu geben, bietet die Jobfactory verschiedene Berufspraktika an. Obwohl sie sich hauptsächlich dafür einsetzt, Jugendliche zu integrieren, ist sie mittlerweile auch wirtschaftlich gesehen ein erfolgreiches Unternehmen. Das hat das Team fasziniert: theDreamlab wurde ins Leben gerufen.

theDreamlab beschreiben sich als „ein kreatives Unternehmen mit großer sozialer Zielsetzung. Eine Kombination aus Hochzeits-Agentur, Arbeitsintegrationsprogramm und Kreativspielplatz“. Den Wunsch, Jugendlichen zu helfen und Kreativität zu fördern, wollen sie bewusst mit Business kombinieren. So möchten sie ihre Arbeit möglichst selbst finanzieren. Da sie noch in der Aufbauphase sind, wird ihre Arbeit im Moment noch zu einem großen Teil durch die Stiftung ACTS finanziert, dem sozialdiakonischen Bereich der Kirche ICF.

Ins Zeug legen – Wunder erleben

Ich platze mitten in die Mittagspause. Zwischen Pausenbrot und Mikrowellengeschirr wird geredet und gefeixt, Privates verschwimmt mit Beruflichem, immer wieder kommt das Gespräch zurück auf theDreamlab. „Wie wollen wir im Winter diesen Raum heizen?“, fragt einer mehr oder weniger ernsthaft. Ein Heizsystem gibt es nämlich nicht. Am liebsten wäre ihnen ja ein Holzofen, mitten im Dreamlab. Doch ob das wirklich zweckmäßig ist, da gehen ihre Meinungen noch auseinander. Schnell dreht sich das Gespräch auch wieder um andere Dinge.

Nach einer Tasse Kaffee werde ich von Michi, dem Co-Leiter, durch theDreamlab geführt. Damit aus der ehemaligen Fabrikhalle ein gemütlicher Ort wird, haben sie sich richtig ins Zeug gelegt. Das Meiste haben sie selbst umgebaut, so auch die Wand mit ganz verschiedenen alten Fenstern, die sie sich vonüberall her zusammengesucht haben.
Die ganze Halle atmet so etwas wie improvisierte Professionalität. Hier wird die Leidenschaft spürbar, mit der das Team seine Vision von der „Werkstatt der Träume“ in die Realität umsetzt. Begeistert erzählt Michi, wie sie dabei immer wieder Wunder erleben. Als der Lebensmitteltechnologe kam, um zu prüfen, ob die Backstube die Hygienestandards erfüllt, schenkte der ihnen die Gebühren. Einfach so. Jemand anderes spendierte ihnen ein Schweißgerät. Wieder andere spenden Geld. Das reicht im Moment, um vier Personen teilzeit anzustellen. Alle anderen arbeiten ehrenamtlich mit. Für all diese Dinge sind sie dankbar und staunen, wie sich ihnen immer wieder Türen öffnen.

Playground

„Kreativität ist eine Gabe von Gott, dem Schöpfer. Etwas erschaffen gehört somit zu seinem Plan und ist ein göttliches Prinzip“, ist Michi überzeugt. Häufig fehle einfach der Raum, um sich kreativ entfalten zu können. Genau deshalb gibt es im Dreamlab den sogenannten Playground (Kreativspielplatz). Wie der Name bereits sagt, ist der Ort geschaffen worden, damit Menschen kreativ sein und sich gegenseitig inspirieren können. In Workshops, die offen für alle Interessierten sind, unabhängig von Alter oder Religion, lernen die Teilnehmer Cupcakes backen, Fotografieren oder ein Skateboard mit Laser- Gravur bauen. Wer eine eigene Idee hat, kann sie zum Beispiel während dem OpenLab verwirklichen. Zu bestimmten Zeiten ist die Werkstatt nämlich genau dafür offen. Ob Workshop oder OpenLab, die Vision ist die gleiche: Kreativität fördern, sich gegenseitig inspirieren und Gemeinschaft genießen.

Während Michael nun meine Fragen beantwortet, sitzen wir an einem Tisch mitten im Dreamlab. Immer wieder kommt jemand zur Tür herein und wird fröhlich begrüßt. Während der Fotograf direkt hinter uns sein Studio aufbaut, ist Micha in der Werkstatt mit Schweißen beschäftigt. Markus beginnt, den Laser zu reparieren, der seit kurzem kaputt ist. Andere sind in ein Gespräch vertieft, um Ideen weiterzuentwickeln. Die Atmosphäre ist leger und ungezwungen – die nächste gute Idee liegt bereits in der Luft. Zum Beispiel die Sofas aus Paletten und Schaumstoff, die praktisch zum Transportieren sind und gleichzeitig super aussehen. Solche Arbeiten sind ideal für das Dreamlab, denn sie eignen sich hervorragend für die Integration von Jugendlichen.

Absage um Absage

Jugendliche wie Hassan. Mit dem Ende seiner Ausbildung, die er erfolgreich abschließen kann, muss er seinen Ausbildungsbetrieb verlassen. Hassan fällt in eine Beschäftigungslücke. Die Berufswelt ist wie vernagelt: Hassan erhält Absage um Absage, fühlt sich wertlos, da er scheinbar nicht gebraucht wird. Ein Kreislauf, aus dem ihn theDreamlab rausholt, indem sie ihm anbieten, dort mitzuarbeiten. Hier kann Hassan mithelfen, die Sofas zu bauen, und auch eigene Ideen einbringen. Doch in der ehemaligen Fabrik kann er nicht nur arbeiten, er wird auch von Fachleuten gecoacht. Zwei Sozialarbeiter unterstützen Hassan bei der Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit und helfen ihm, aus vergangenen Fehlern zu lernen. Im Moment sind sie dabei, die Zusammenarbeit mit den Behörden zu regeln, denn sie wünschen sich einen guten und engen Kontakt.

Noch stehen sie ja in der Anfangsphase. Aber ihr Wunsch ist es, Berufspraktika anzubieten, damit Jugendliche wie Hassan regelmäßig bei ihnen arbeiten können und merken, dass sie gebraucht werden. Um das zu realisieren, möchten sie verschiedene Firmen gründen, alle unter dem Dach von theDreamlab. Den Anfang dazu macht der tirz-Bakeshop. Tirzah, die Gründerin, ist gelernte Bankkauffrau und eine leidenschaftliche Bäckerin. Für den Shop hat sie sogar ihr Wirtschaftsstudium geschmissen. Sie liebt es, Cookies oder Cupcakes herzustellen. In wenigen Monaten soll es möglich sein, via Internet Bestellungen aufzugeben. „Ich wollte ein Business eröffnen, das wirtschaftlich, aber gleichzeitig auch sozial ist. Das ehrt Gott“, beschreibt sie ihre Motivation.

Träume groß

Das Team will nicht klein träumen, sondern weiterdenken und große Träume verfolgen. Neben einer Verkaufsstelle in Zürich möchten sie auch ein Restaurant und Café eröffnen, Startup-Beratung und Betreuung anbieten, eine Event- Schreinerei gründen und ein Wohnheim eröffnen. Doch das ist Zukunftsmusik. Das Team erwartet Großes und investiert viel, um seine Idee zu verwirklichen und andere zu inspirieren. Vor kurzem hat eine Gemeinde aus einem anderen Ort angefragt, ob sie ebenfalls ein Dream lab gründen dürfen. Das mit dem Inspirieren funktioniert doch schon ganz gut.

Text: Stephanie Rieben

*Die Namen wurden im Interesse der Jugendlichen verändert.

Mehr Informationen unter: www.thedreamlab.ch

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