Sag´ bescheid

Wie komme ich hier nur raus?

Live-Escape-Games sind das Geo-Caching der Gegenwart. Was macht ihren Reiz aus? Zu Besuch in Deutschlands größtem Lockroom.

Gnadenlos ticken die Sekunden runter. In vier Minuten sind wir entweder hier raus oder das war’s. Jetzt bloß nicht in Hektik verfallen! Angespannt drehe ich alle Räder des zylindrischen Zahlenschlosses hin und her, ohne zu wissen, wie das Ding wirklich funktioniert. Wo zum Henker ist die Zahlenkombination? Fahrig öff net Fiona im antiken Bücherregal ein Buch nach dem anderen. Mein britischer Freund Richard, bestens vertraut mit Sherlock Holmes Geschichten, durchwühlt die Schubladen im Nebenraum. Und Clemens untersucht zum dritten Mal die große Bilder-Collage an der Wand, die detailgetreu den Stammbaum der Familie von Professor Moriarty nachzeichnet. Nicht in Hektik verfallen – das ist leichter gesagt als getan. Fiona, Clemens, Richard und ich spielen die Mission „Sherlock Holmes“ im Escape Berlin, Europas größtem Live Escape Game. Nicht virtuell am Rechner oder im Internet – sondern ganz real im echten Leben. Dazu wurden wir 60 Minuten in einem aufwendig eingerichteten Setting eingesperrt und ersuchen seitdem, die verschiedenen Rätsel so schnell wie möglich zu lösen und die letzte Tür in die Freiheit zu öffnen. Um in die Geschichte der Mission tief einzutauchen, schmücken allerlei historisch anmutende Gegenstände die Räume: Antike Kronleuchter, ein Leinwandgemälde mit Bergpanorama, eine in Formaldehyd eingelegte Schlange auf einem alten kolonialen Sekretär, die an Holmes’ vielfältige Fähigkeiten in den unterschiedlichsten Wissenschaften erinnert.

SPIELEN AM LIMIT
Live-Escape-Games poppen gerade überall aus dem Boden. Seit dem ersten Raum, der im August 2013 eröffnet wurde, sind über 100 weitere allein in Deutschland hinzugekommen. Escape-Berlin gehört zu den neuesten. Warum wollen sich plötzlich alle irgendwo einsperren lassen? Psychologen wie Professor Dr. Walschburger von der FU Berlin erklären sich den Erfolg der Escape-Games mit der komplexen psychologischen Herausforderung, denen sich die Spieler auf engstem Raum gemeinsam stellen müssten. Tatsächlich stammt das Spielprinzip aus der psychologischen Forschung, wo es seit den 1970er-Jahren erfolgreich angewandt wird. Wer in den Lockrooms freiwillig  die Tür hinter sich zufallen lässt, simuliere die Komplexität alltäglicher Herausforderungen – er „spielt“ ernsthafte Problemstellungen durch. Der Mensch sei eben ein Homo Ludens, der für sein Leben gerne spiele.

Auch unser Spieltrieb ist schnell geweckt. Die Aufgaben, die wir bewältigen müssen, sind vielfältig. Logikrätsel und Geschicklichkeitsaufgaben wechseln sich immer wieder ab: Wir lösen mathematische Aufgaben, verwenden ein Morsealphabet. Anders als in den meisten Escape-Räumen gibt es bei der Sherlock Holmes-Mission keinen Off-Sprecher, der bei Schwierigkeiten weiterhilft. Da ist bei der Suche nach Hinweisen Selbständigkeit und organisiertes Vorgehen gefragt. Bei uns führt der Zeitdruck zu chaotischem Verhalten: Immer wieder öffne und schließe ich die kleine Mahagoni-Truhe, um sie anschließend wieder zu öffnen. Als ich sie links liegen lasse, schnappt sich Clemens die Truhe – ebenso erfolglos. Schaden muss das nicht: vorhin hat Richard vergeblich versucht, mit einem Schlüssel einen Schrank zu öffnen. Schlüssel passt also nicht. Später versuchte es Fiona – siehe da, passt doch! Gut, dass wir es ein zweites Mal probiert haben. „Alleine schafft man das nicht“, wird Clemens nach dem Spiel einräumen. „Manche Rätsel kann man nur zu zweit lösen. Und wenn ich begriffsstutzig war und bei einem Rätsel nicht weiterkam, hat ein anderer um die Ecke gedacht und uns auf die Lösung gebracht. Das hat im Team sehr viel Spaß gemacht.“

KOMPLEX, ABER UNGEFÄHRLICH
Lockrooms leben von der Grenzerfahrung – persönlich und in der Gruppe. Die Zeit tickt gnadenlos runter, die Spieler stellen sich einer langen Stunde Daueranspannung. Beizeiten geht es deshalb in den abgeschlossenen Räumen ganz schön brachial zu. „Wir hatten hier schon Leute, die uns die Kissenbezüge abgezogen und die Möbel verschoben haben“, erzählt Heiner Häntze, Gründer und Spieleentwickler von Escape Berlin, der vor Beginn persönlich in das Spielprinzip einführt. Seine Räume sind komplex, aber ungefährlich: Statt gefährdender Operationen wie Räuberleiter oder einer menschlichen Pyramide ist Köpfchen gefragt.

Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt er auch, dass wir bei der Mission nicht wirklich alleine sind. „Zur Beruhigung aller, die bei geschlossenen Räumen tendenziell klaustrophobisch reagieren könnten, begleiten unsere Kameras und Mikrophone euch während des Spiels. Der Spielleiter kann zusätzlich, falls die Spieler mal länger an einem Rätsel hängen bleiben, auf einem Bildschirm im Raum einen kurzen Hinweis einblenden.“ Frustration soll beim Spielen ja nicht aufkommen, die Spannung und der Spaß bleiben trotzdem erhalten, wie wir während des Spiels feststellen können. „Es gab auch schon Spieler, die meinten, dass ein Hinweis sie in die Irre führen soll. Da mussten wir schon sehr deutlich werden, denn hängen lassen wollen wir unsere Spieler nicht.“ Damit wirklich jeder mitspielen kann, ist kein Vor- oder Spezialwissen erforderlich. Selbst Kenner gängiger Detektivliteratur haben keinen Vorteil.

50.000 EURO PRO SPIELSETTING
Escape Berlin gibt es erst seit wenigen Monaten. Dass man sich den Titel „Europas größtes Live Escape Game“ gibt, kommt nicht von ungefähr: Mit 2.000 Quadratmetern nutzbarer Grundfläche übersteigt Escape Berlin tatsächlich das europaweit nächstgrößte Areal in Athen deutlich – dort gibt es nur 600 Quadratmeter Spielfl äche. Noch ist reichlich Platz in den Räumen, der mit Requisiten gefüllt werden will. „Wir sind ständig auf der Suche nach passenden Gegenständen für unsere Spielesettings, die wir häufig über eBay oder bei Wohnungsauflösungen finden“, so Heiner. Ein komplettes Spielsetting mit mehreren Räumen einzurichten, kostet zwischen 25.000 und 50.000 Euro. „Wir erweitern dann Schritt für Schritt die Räume mit weiteren Objekten.“

Neben Sherlock Holmes existiert aktuell die Mission „Big Bang“, ein satirisch angelegtes Spiel, das auf die gleichnamige amerikanische Sitcom „The Big Bang Theory“ Bezug nimmt. Für dieses Spiel wurde sogar die Synchronstimme eines Darstellers als Off -Sprecher eingekauft, der die Mission in Berlin begleitet, wie uns Heiner stolz erzählt.
Eigentlich schade, dass man jede Mission nur einmal machen kann. Denn die Rätsel sind jedem Spieler anschließend bekannt, sodass eine Wiederholung der gleichen Mission nicht in Frage kommt. Der Preis von mindestens 19 € pro Person für eine zweite Runde war aus unserer Sicht ein wenig zu hoch. Aber in Berlin, wo es bereits 17 (!) verschiedene Escape-Game-Anbieter gibt und die Preise zwischen 16 und 30 € pro Person liegen, finden sich reichlich Escape-Missionen, die man noch auf sich nehmen kann.

TIM MÜLLER UND SEINE MITSTREITER haben die „Arbeitsatmosphäre“ im Lockroom von Escape Berlin sehr genossen. Kommt ja auch nicht alle Tage vor.

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