Sag´ bescheid

Worte haben Macht!

„Vielleicht ist es für andere nicht einmal begreiflich, warum uns ein Wort so sehr berührt hat, warum uns ein bestimmter Satz noch Jahrelang verfolgt.“

„Das Wort, das mich meint“ ist mehr als ein Satz, gesagt zum richtigen Zeitpunkt. Es ist eine Offenbarung. Ein Seelenöffner. Ein Weltveränderer.

„Sie müssen sein Verhalten nicht entschuldigen – er hat Sie enttäuscht und Ihnen nicht gegeben, was Ihnen zustand. Es ist in Ordnung, das einfach mal so auszusprechen und dann auch stehenzulassen.“ Ich sitze da wie vom Donner gerührt. Ja, sie hat recht. Sie hat einfach recht. Auf seltsame Weise fühle ich mich erleichtert und befreit.

Kann plötzlich aufhören, nach Rechtfertigungen für die Fehler anderer Menschen zu suchen und endlich die Gefühle zulassen, die sie bei mir ausgelöst haben. Es war das richtige Wort zur richtigen Zeit. Über sechs Jahre ist das jetzt her – dieses Gespräch mit meiner damaligen Seelsorgerin. Über sechs Jahre, und noch immer wirken die Worte in mir nach. In manchen Situationen, wenn ich wieder drauf und dran bin, Ausflüchte für andere zu erfinden, rufe ich mir diese beiden Sätze ins Gedächtnis – und sie sind immer noch genauso gültig und befreiend wie damals. Es sind für mich „wahre Worte“, wie man sie nicht so oft im Leben zu hören kriegt. Denn damit aus Worten „wahre Worte“ werden, müssen einige Faktoren zusammenkommen: der richtige Zeitpunkt, der richtige Ort und die Bereitschaft, diese Worte auch anzunehmen. Wenn all das stimmt, wenn uns tatsächlich einmal jemand ein solches Wort zuspricht, dann ist das ein ganz besonderer Moment, der sich ins Gedächtnis einbrennt. Und hilft. Oft ein Leben lang.

Das Sehnen nach Worten
Tief in meinem Inneren sehne ich mich aber nicht nur danach, solche Worte zu hören. Ich will sie auch aussprechen. Es muss ja nicht gleich die ganz große Erleuchtung sein – fürs erste würde mir reichen, jemandem einen kleinen Lichtblick zu geben. Der evangelische Theologe Jörg Zink spricht in seinem Buch „Die goldene Schnur. Anleitung zu einem inneren Weg“ davon, selbst zum Wort zu werden. „Ein Wort sein, das kann so aussehen, dass ein Mensch durch dich und das, was du ihm sagst, ermutigt wird, dass er Trost findet, dass er ein Stück Freiheit findet, dass er in der nächsten Stunde seinen Schritt mit mehr Vertrauen setzt.“

Ermutigen, trösten, befreien – das klingt schön. Erstrebenswert. Und überfordernd zugleich. Denn die Frage, die daraus folgt, lautet doch: Wie bekomme ich das hin? Wie kann ich selbst zum Wort werden? Eine Psychologin, die muss so was ja können. Ein Pfarrer vielleicht auch. Aber ich? Ich kann das nicht so einfach. Jemanden tatsächlich auf diese Art in seinem Inneren zu berühren, dafür bin ich nicht weise genug. Dafür fehlt mir die Lebenserfahrung. Und eine Seelsorge- Ausbildung habe ich auch noch nicht hinter mir.

Reden, was gut ist
Das hatten die Leute in Ephesus, an die Paulus schrieb, allerdings auch nicht. Und trotzdem steht im Epheserbrief ein Satz wie der Folgende: „Redet, was gut ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“ (Epheser 4,9) Punkt. Ohne Wenn und Aber. Ohne große Erklärungen. Kein „Das kann möglicherweise schwierig sein“, sondern ein „Tu es einfach“. Allerdings: Die Frage nach dem Wie bleibt trotzdem. Doch auch hierfür hat die Bibel den wohl entscheidenden Hinweis parat. Wie das Vorhaben „Wort werden“ gelingen kann, verrät der Jakobusbrief: „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“ (Jakobus 1,19) Ein einfacher Vers. Einfach und unmissverständlich. Auf der Suche nach den „wahren Worten“ schlägt er einen Wechsel der Blickrichtung vor. Er schlägt vor, den Fokus neu zu setzen, eine andere Perspektive einzunehmen. Eine Idee, die alles verändern kann. Denn tatsächlich geht es wohl nicht darum, was ich zu sagen habe. Um meine Weisheit. Um meine Worte. Beim „Wort werden“ geht es Jakobus zufolge wohl eigentlich gar nicht um die Worte an sich. Das Reden kommt erst an zweiter Stelle. Auf der Suche nach den „wahren Worten“ geht es vielmehr darum zu hören. Zuzuhören. Sich tatsächlich auf den anderen einzulassen und ein Gespür dafür zu entwickeln, was er eigentlich braucht. Vielleicht kann derjenige das selbst nicht artikulieren. Vielleicht ist er sich seiner Wünsche, Sehnsüchte, Bedürfnisse auch gar nicht bewusst. Wenn wir ihm aber tatsächlich zuhören und anfangen, zwischen den Zeilen zu lesen, dann kann es uns gelingen, „wahre Worte“ zu sprechen, die etwas in Bewegung setzen.

Worte, die bleiben
Schnell sind wir oft mit wohlmeinenden Ratschlägen bei der Hand. Oder sind bestrebt, dem anderen zu zeigen, wie messerscharf wir seine Situation analysieren können. In solchen Momenten reden wir nur von uns selbst und streicheln unter dem Deckmantel „offenes Ohr“ ein wenig unsere Egos. Worte – in diesem Geist gesprochen – sind selten belebend, sondern meist hohl. So intelligent sie auch klingen mögen. Wer Worte sprechen möchte, die bleiben, sollte sich dem Anderen stattdessen also ganz zuwenden. Erst dann können Worte entstehen, die tatsächlich in das Herz des anderen finden. Jörg Zink beschreibt die Empfindung eines Menschen, dem ein anderer zum Wort geworden ist, folgendermaßen: „Er ist – für mich – das Wort, das mich meint.“ Mich, nur mich und niemanden sonst. Vielleicht ist es für andere nicht einmal begreiflich, warum uns ein Wort so sehr berührt hat, warum uns ein bestimmter Satz noch jahrelang verfolgt. Aber das, was zählt, ist, dass er für mich wichtig ist; ich brauche dieses „Wort, das mich meint“ niemandem zu erklären.

Wort werden
Selbstverständlich benötigt das schnelle Hören und langsame Reden Übung. Manchen fällt es leichter, andere haben damit größere Schwierigkeiten. Manche können von Natur aus ihre Mitmenschen einschätzen, für andere bleiben diese auch nach Jahren ein Buch mit sieben Siegeln. Und zudem erscheint in einer Welt voller Selbstdarsteller das Reden dann häufig doch angebrachter zu sein als das Hören. Ein Trugschluss. Letztlich lohnt sich der Versuch, Wort zu werden, weil er Wege ins Leben eröffnet. Manchmal ahnen wir nicht, was wir mit unserem Dasein, unseren Worten und unseren Taten in einem Menschen bewirken. Aber auf uns kommt es dabei ja schließlich auch gar nicht an. Ob meine Seelsorgerin weiß, wie sehr sie mir damals mit ihren Sätzen weitergeholfen hat? Ich habe es ihr nie gesagt. Aber ihre Worte helfen noch heute dabei, mein Leben zu gestalten.

Wiebke Harle wäre lieber häufiger Wort als sonderlich wortreich.

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