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Zero Waste

Einkaufen und dabei keinen Müll verursachen – Unverpacktläden befeuern den Traum vom alternativen Einkaufen. Zu Besuch in der Tübinger Konsum-Nische.

 

Noch ist es ruhig in Tübingens „Speicher“. Zwei Freundinnen stöbern durch die neuesten Produkte im vorderen Teil des Ladens. Neben mir sitzen zwei Kunden in den gemütlichen Polstersesseln und warten auf ihren Kaffee. Es herrscht Wohnzimmeratmosphäre. Kurz wird es unruhig: Die Kaffeemaschine ist kaputt. „Ich könnte euch heiße Schokolade auf dem Herd machen“, schlägt Sofia vor, die heute hinterm Tresen steht. Klar, die Kunden sind einverstanden und alles kehrt zu seiner spätvormittäglichen Gemütlichkeit zurück. Wenig erinnert im Speicher an einen klassischen Supermarkt. Statt Neonbeleuchtung, warmes Licht; statt Hektik, Ruhe; statt Plastikverpackung, Holzkörbe voller Gemüse und Nudeln.

DER TRAUM VON EINER SOLIDARISCHEN WIRTSCHAFT

Unverpackt und umgedacht – das ist das Motto des Lebensmittelladens mitten in der Tübinger Altstadt. Eröffnet haben ihn Andrea Kurrle-Ortanca und Caner Ortanca. Andrea ist gelernte Schauwerbegestalterin, ihr Mann Caner arbeitete bei einem Risiko-Management-Unternehmen in Stuttgart. Es belastete ihn jedoch sehr, mit Konzernen zusammenzuarbeiten, die die allgemein gängige Wachstumsphilosophie vertraten. Als auch für Andrea Unzufriedenheit in ihrem Job dazukam, war schnell für beide klar: Zeit, umzudenken. Etwas ganz Neues auszuprobieren. Den Traum von einer solidarischen, nachhaltigen Wirtschaft zu leben. Andrea: „Die Idee war schon vor Jahren da, als der Original-Unverpackt- Laden in Berlin eröffnet hat. Das haben wir verfolgt und fanden es eine großartige Idee.“ So entstand das Konzept: einen Laden zu eröffnen, der auf nachhaltig produzierte Ware setzt. Der gezielt die Landwirte aus der Region unterstützt. Der auf Plastikmüll so weit wie möglich verzichtet. Und der eine Anlaufstelle für Gleichgesinnte sein soll, die wie Andrea und Caner Alternativen leben wollen zur unpersönlichen, intransparenten Konsumwelt.

Sie machten sich auf die Suche nach einem passenden Laden und fanden schließlich eine alte Schreinerei mitten im Zentrum Tübingens. Ein Jahr dauerte der Umbau, es wurde gewerkelt und renoviert. Am Ende trafen die beiden die Entscheidung, mehr daraus zu machen als ursprünglich geplant: Vorne gibt es nun den Unverpackt-Laden, hinten ist ein kleines Bistro entstanden, in dem ein warmer Mittagstisch angeboten wird. Im Speicher ist nun vieles möglich: sich begegnen und austauschen, verweilen und einkaufen – unverpackt einkaufen.

FEINDBILD PLASTIK

Unverpackt-Läden stehen für die Bekämpfung von Plastikmüll in Supermärkten. Plastikmüll gilt inzwischen als einer der größten Umweltverschmutzer. Das Problem: Plastik ist biologisch nicht abbaubar. Experten schätzen, dass es 350– 400 Jahre dauert, bis es völlig zersetzt ist. Bis dahin zerfällt der Müll in kleine Teile, die der Umwelt schaden und vor allem von Tieren verschluckt werden. Die Meere sind besonders von dieser Müllflut betroffen. Bis 2050, heißt es vom UN Generalsekretär, wird es mehr Müll als Fisch im Meer geben, wenn sich nicht bald etwas ändert.

Dass die geschätzten 78 Millionen Tonnen an weltweit verbrauchter Plastikverpackung reduziert werden müssen, kommt zwar immer mehr ins Bewusstsein von Politik und Bevölkerung, doch es mangelt an Konsequenz in der Umsetzung alternativer Verpackungsformen. Die großen Lebensmittelhändler tun – vermutlich aus Angst vor dem Kunden – wenig dafür, den Plastikmüll aus ihren Regalen zu entfernen. Seit Beginn des Jahres dürfen Supermarktketten keine kostenlosen Plastiktüten mehr ausgeben – eine Vorgabe der EU. Nach wie vor werden jedoch die meisten Lebensmitteln in Plastikverpackungen verkauft: Die Gurke im Plastikmantel, der Jogurt im Plastikbecher und der eingeschweißte Käse sind klassische Produkte, die tagtäglich ihren Weg vom Supermarkt in die deutschen Kühlschränke finden. Selbst wenn man es wollte, wäre es in den großen Supermarktketten nahezu unmöglich, plastikfrei einzukaufen.

Unverpackt-Läden bieten eine vollständige Alternative: In großen Abfüllbehälter werden die Trockenwaren wie Getreide oder Müsli verkauft. Obst und Gemüse gibt es offen. Flüssige Produkte wie Öle gibt es in großen Glaskaraffen. Als Kunde kann man selbst entscheiden, wie viel man in die mitgebrachten Glasbehälter abfüllen möchte. Gewogen und bezahlt wird an der Kasse. Und für die Vergesslichen und Spontanen gibt es die praktische Glasbar am Eingang des Ladens: saubere Glasbehälter, von anderen Kunden gestiftet, aus der man sich je nach Bedarf bedienen kann.

LIEBER WENIGER – UND DAS REGIONAL

Neben Müllvermeidung ist Nachhaltigkeit ein großes Thema für die beiden Tübinger Unverpackt-Pioniere. Nicht das Biozertifikat steht im Vordergrund, sondern die regionale Produktion. Das mag zunächst überraschen, scheint Bio doch die Zauberformel für biologischen Anbau zu sein. Eines wird dabei aber oft übersehen: Bio-Zertifikate sind mit hohen Kosten für die Landwirte verbunden und daher nicht für alle bezahlbar. „Mit Bio ist es oft so, dass du wieder auf Großhandel und Massenproduktion zurückgreifen musst. Wir wollen die regionalen Produzenten unterstützen“, erklärt Andrea. Caner ergänzt: „Tatsächlich geht es um einen reduktiven Ansatz, da die Themen Verpackung und Logistik insgesamt lediglich ein Symptom globaler Wertschöpfungsketten darstellen.“ Die Wege von Produkten und Einzelkomponenten würden hauptsächlich durch die stetige Optimierung von sogenannten Grenzkosten verlängert. Produzierende Unternehmen versuchten, diese Grenzkosten mit einer steigenden Produktionsmenge zu verringern, um im globalen Wettbewerb zu bestehen. „Das führt zu einer aus unserer Sicht fragwürdigen Bedürfnisindustrie, die uns tagtäglich davon überzeugen muss, Produkt XY kaufen zu müssen.“

Bei der Auswahl ihrer Produzenten und Lieferanten stehen deshalb kurze Wege und faire Bezahlung im Fokus. Diese wählen Andrea und Caner persönlich aus, besuchen Betriebe und Anbaugebiete, überlegen, welche Produkte zum Speicher-Konzept passen. Dabei gilt die Faustformel: Wenn Produkte nicht aus der Region besorgt werden können, dann aus Deutschland, wenn auch das nicht möglich ist, wenigstens aus Europa und dann mit Bio- und Fairtrade- bzw. Directtrade-Zertifikat. Vieles ist jedoch inzwischen regional erhältlich: Süßkartoffeln aus dem schwäbischen Rommelsbach, Quinoa aus dem Münsterland, regionale Linsen. Besonders stolz sind die beiden auf die Zusammenarbeit mit der Tübinger Solidarischen Landwirtschaft. Diese steht für ein neues Wirtschaftskonzept, das Lebensmittel nicht über die klassischen Absatzwege vertreibt, sondern innerhalb eines eigenen Wirtschaftskreislaufes anbietet. Die Idee, Konsumenten und Produzenten in eine verantwortungsvolle, transparente und persönliche Beziehung zu bringen, gefiel den Tübinger Speicher-Besitzern. Inzwischen sind sie Abholund Infostation für „SoLaWi Prosumenten“ und verkaufen einen Teil der naturgemäß anfallenden Überproduktion.

VON DEN EINEN GELIEBT – VON ANDEREN BEÄUGT

Die wachsende Zahl an Unverpackt-Läden in Deutschland zeigt, dass eine große Nachfrage besteht: Viele Konsumenten wollen inzwischen Alternativen zu den klassischen Supermärkten und sind dankbar über die Möglichkeit, müllfrei einzukaufen. Auch in der Kleinstadt Tübingen haben viele die Eröffnung des Ladens sehnsüchtig erwartet. Dennoch gibt es auch Skeptiker, wie die Tübinger Ladenbesitzer wissen. „Ihr verkauft doch nicht wirklich müllfrei“, wird ihnen dann zum Beispiel vorgeworfen. Andrea ärgern solche Kommentare: „Manche denken, wir kriegen alles in kleinen Päckchen, kaufen es womöglich noch in irgendwelchen Quatschläden und packen es aus. Da sag ich: ‚Na klar, dazu haben wir auch noch Zeit!‘“

Andere hinterfragen die Hygienebedingungen des Unverpackt- Konzeptes. Kann unverpackte Ware genauso vor Schädlingen geschützt werden wie die sicher in Plastik verschlossene? Grundsätzlich gilt: Unverpackt-Läden unterliegen strengeren Hygienevorschriften als andere Läden. Dennoch lässt sich nicht hundertprozentig garantieren, dass nicht doch Schädlinge in die Waren kommen, da nicht alle Getreidesorten luftdicht verpackt werden dürfen. Vor allem Motten sind ein großes Problem, mit dem alle Verkäufer von Naturprodukten zu kämpfen haben. Der Tübinger Speicher blieb bisher verschont. Dennoch sind Andrea und Caner vorbereitet und machen sich viele Gedanken zur Schädlingsprophylaxe: „Ich gehe davon aus, dass wir das Problem bekommen werden, weil es auch ein Stückweit normal ist. Da müssen wir gucken, dass wir es in den Griff kriegen und die Leute auch darauf vorbereiten: ‚Bringt es uns wieder, das ist keine Katastrophe, das ist normal. Das sind Naturprodukte und da stehen Motten drauf.‘“

Vieles klappt jedoch besser als ursprünglich erwartet: „Am Anfang habe ich immer gesagt: STOP, ich will keinen Käse, ich will keine Milch“, berichtet Andrea ihre ursprünglichen Sorgen, weil die Milchverordnungen sehr streng sind. Inzwischen gibt es einen Milchspender im Laden, der alle Vorschriften erfüllt: Die Milch wird direkt vom TÜBIO-Milchbauern, Thomas Schäfer, mit Pasteurisierungsanlage abgeholt und kann dann im Laden selbst abgefüllt werden.

TRANSPARENZ WICHTIGER ALS PERFEKTION

Andere Supermärkte setzen auf die Perfektion ihrer Waren: der makellose Apfel, die Gurke nach Maßgröße, der Kürbis nach Standardgewicht. Caner und Andrea geben darauf nicht viel. Stattdessen hat Transparenz oberste Priorität. Die Kundinnen und Kunden sollen wissen, wo die Produkte herkommen, dass sie nachhaltig hergestellt werden und dass künstliche Mittel wie Glyphosat oder andere Spritzmittel nicht verwendet werden. Dass nicht alle Produzenten ein Bio-Zertifikat haben, verlangt aber auch Vertrauen seitens der Kundschaft. Es kam durchaus schon vor, dass Kunden einzelne Produkte angezweifelt haben, erzählen die Besitzer. Dieser oder jener Betrieb verwende das schädliche Mittel Glyphosat, heißt es dann zum Beispiel. Caner und Andrea reagieren, indem sie die Betriebe besuchen, nachfragen und sich mit ihrem Netzwerk an Experten austauschen. So konnten bisher alle Zweifel ausgeräumt werden. Gleichzeitig sind die beiden offen für Kundenanregungen – solange sie zum Konzept passen: „Wir werden nicht auf jeden Wunsch eingehen können. Wir kriegen viele Produkte nicht im Großgebinde. Auch Sachen, wo wir nicht dahinterstehen, zum Beispiel Erzeugnisse mit Palmöl, wollen wir einfach vermeiden.“

Was für die meisten Kunden großer Supermärkte unsichtbar bleibt, sind die enormen Mengen an Plastikverpackung hinter den Kulissen, in denen die Waren angeliefert werden. Auch für Unverpackt-Ladner ist es nicht immer einfach, Lieferanten zu finden, die bereit sind, auf diesen Müll zu verzichten. Um auch diesen zu bekämpfen, hat sich im Mai 2017 eine Genossenschaft von 60 Unverpackt-Ladnern gegründet. Gemeinsam, so die Hoffnung der Mitglieder, können Lieferanten „erzogen“ werden, Alternativen für die Plastikverpackungen zu finden. Der Speicher in Tübingen, selbst Mitglied der Genossenschaft, kennt diese Probleme nur zu gut. „Bei manchen Sachen ist es richtig schwierig“, so die Inhaber. Andere Lieferanten gehen darauf ein, liefern zum Beispiel Nudeln in 10 kg Papiertüten, Obst und Gemüse in Pfandkisten.

Kurz vor 12 Uhr wird es geschäftig im Speicher in Tübingen. Köchin Vroni ist krank, Sofia muss einspringen. Es gibt Rote-Beete-Eintopf. Der Laden füllt sich, Kunden nutzen die Mittagspause für einen kurzen Stop. Eine der sogenannten „Bulk-Bins“, wie die Abfüllmaschinen aus Glas, Edelstahl und Holz der Firma GLASBIN aus München heißen, ist undicht, Cornflakes rieseln nach. „Arbeit haben wir hier genug“, scherzt Andrea und greift persönlich zum Besen. Auch das gehört dazu auf dem Weg in eine solidarischere Wirtschaftswelt.

 

JULIA MEISTER kann sich vorstellen, zukünftig bewusster mit dem Thema Verpackungsmüll umzugehen. Ein Anfang ist gemacht.

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