Sag´ bescheid

Die Zeit steht still

Warum empfinden wir Langeweile als negativ? Weil wir uns selbst nicht mehr aushalten, sagt Zeitfroscher Marc Wittmann. Was unser Smartphone damit zu tun hat, erzählt er im Interview.

Interview: Julia Kallauch

HERR WITTMANN, WIE ENTSTEHT EIGENTLICH LANGEWEILE?
Langeweile entsteht meistens bei einer Unterforderung oder Überforderung. Also klassisch – man ist irgendwo in der Uni in einer Vorlesung und es wird etwas besprochen, das man schon kennt. Dann ist mir dort einfach langweilig, weil ich unterfordert bin. Oder es läuft etwas, das ich überhaupt nicht verstehe. Wenn ich mich in eine Veranstaltung zu den mathematischen Grundlagen der Quantenphysik setzen würde, wäre ich völlig überfordert und würde nichts kapieren. Auch dort kann man sich langweilen.

WIESO EMPFINDEN WIR DAS ALS ETWAS NEGATIVES?
Überspitzt formuliert, hat es damit zu tun, dass wir uns selbst nicht aushalten. Sowohl bei Unterforderung als auch in einer Wartezeit am Bus, werde ich mit mir konfrontiert. Plötzlich erlebe ich mich selbst und kann nichts mit mir anfangen.

HABEN WIR ES VERLERNT, UNS ZU LANGWEILEN?
Ja, so könnte man das sagen. Wir sind permanent medial abgelenkt durch Fernsehen, Telefonieren, Nachrichten schreiben oder das Surfen im Internet. Sogar wenn die Leute joggen gehen, müssen sie Musik hören, weil ihnen das Laufen allein zu langweilig ist.

DESHALB HOLEN WIR, SOBALD WIR IRGENDWO WARTEN, UNSER SMARTPHONE RAUS. WIR MÜSSEN UNS ALSO GAR NICHT MEHR LANGWEILEN. ABER WAS PASSIERT, WENN MAN VERGESSEN HAT, DIE BATTERIE AUFZULADEN?
Dann entsteht Panik, weil wir so daran gewöhnt sind, keine leeren Wartezeiten mehr aushalten zu müssen. Letztendlich verlieren wir irgendwann den Kontakt zu uns selbst und wenn es dann keine Gelegenheit gibt, uns abzulenken, werden wir nervös.

VERÄNDERT DIESES VERHALTEN WIE WIR DIE ZEIT WAHRNEHMEN?
Ja, wenn wir panisch überlegen, wie wir die Zeit rumkriegen können, hat das genau den gegenteiligen Effekt – man nimmt sie eher noch intensiver wahr. Es fühlt sich dann an, als wenn die Zeit langsamer vergeht und sich mehr ausdehnt.

WORAN LIEGT DAS?
Das hat mit emotionaler und kognitiver Selbstkontrolle zu tun. Leute, die mehr emotionale Kontrolle haben, haben weniger Langeweile, denn sie können sich mit ihrem Geist beschäftigen und fühlen sich so besser. Dann ist man fähig zu sagen: „Alles ist so hektisch, aber jetzt habe ich mal Zeit und genieße einfach die Ruhe.“ Oder ich denke darüber nach, was ich heute Abend machen will, wie es mir eigentlich geht, oder was ich in den letzten Tagen so erlebt habe.

WIE MISST MAN SO ETWAS SUBJEKTIVES WIE DAS ZEITEMPFINDEN?
Wir haben eine Studie dazu gemacht, in der wir die Leute experimentell haben warten lassen. Sie waren für 7,5 Minuten in einem Raum ohne Uhren, Handys oder einer anderen Möglichkeit, sich zu beschäftigen. Die Rahmengeschichte war, dass sie gleich drankommen, um eine Aufgabe am Computer zu machen. Wir haben sie exakt 7,5 Minuten warten lassenund dann gefragt: Wie lange haben Sie jetzt gewartet und wie haben Sie sich dabei gefühlt? Je unangenehmer die Situation für die Testperson war, desto länger kam ihr auch die Zeit vor. Die haben sie dann deutlich überschätzt. Oder die Zeit verging für sie subjektiv langsamer. Anhand der Fragen zur Persönlichkeit, die wir gestellt haben, konnte man sehen: Je mehr emotionale und kognitive Selbstkontrolle die Leute haben, desto angenehmer war die Situation für sie und desto schneller verging die Zeit.

WENN WIR PANISCH ÜBERLEGEN, WIE WIR DIE ZEIT RUMKRIEGEN, HAT DAS GENAU DEN GEGENTEILIGEN EFFEKT – WIR NEHMEN SIE EHER NOCH INTENSIVER WAHR.

 

WIE KANN MAN DENN LERNEN, GELASSENER MIT LEEREN ZEITEN UMZUGEHEN?
Ich mache da gerne den Vorschlag der paradoxen Intervention: Zum Beispiel, sich einfach mal an der längsten Schlange im Supermarkt anzustellen. Man könnte auch sagen, es geht um ein gedankliches Umstrukturieren, indem ich mir sage: Ich kann diese Zeit für mich nutzen, jetzt bin ich mal für drei oder vier Minuten ruhig. Nachher bin ich dann wieder auf Autopilot und rase durch die Gegend.

IST UNSERE GENERATION DESHALB SO INTENSIV AUF DER SUCHE NACH RUHE?
Ich denke, viele Menschen merken, dass sie Probleme mit der Ruhe haben oder damit, mal nichts zu tun. Bei vielen aktuell sehr beliebten Angeboten zur Meditation lernt man vor allem, mit der Stille und der eigenen Körperlichkeit umzugehen.

DAS GEGENTEIL VON LANGEWEILE IST, PERMANENT UNTER STROM ZU STEHEN.
Auch in diesem Fall bemerke ich mich selbst nicht, weil ich nur noch zukunfts- und zielorientiert bin statt im Hier und Jetzt.

WAS HILFT DAGEGEN? MÜSSEN WIR ÖFTER „NEIN“ SAGEN?
Das sagt sich natürlich leicht – geht aber nicht immer. Zum Beispiel im Job. Gelassenheit und Akzeptanz zu lernen, muss aber gar nicht kompliziert sein. Ein einfacheres Beispiel ist, ab und zu mal rauszugehen, gerade wenn man maximal unter Stress steht und das Gefühl hat, alles bricht über einem zusammen und man kommt nicht mehr mit. Dann ist man nicht mehr synchron mit den Vorgängen in der Außenwelt. Ausgerechnet dann eine Runde um den Block zu drehen, hilft wieder zu sich selbst zu finden. Plötzlich können sich Gedanken wieder formieren, weil man nicht mehr in den Automatismen festhängt.

VIELEN DANK FÜR DAS GESPRÄCH!

DR. MARC WITTMANN
ist Psychologe und Humanbiologe und forscht am Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie.

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