Sag´ bescheid

Einheit in Vielfalt

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) vertritt mehr als 660.000 junge Menschen, die in unterschiedlichen Verbänden organisiert sind. Thomas Andonie (27) gehört zum vierköpfigen Bundesvorstand und träumt von weniger Vourteilen und mehr Ökumene.

WO LIEGT EIGENTLICH DER UNTERSCHIED ZWISCHEN EINEM KATHOLIKENTAG UND EINEM EVANGELISCHEN KIRCHENTAG?
Thomas Andonie: Das Format ist natürlich sehr ähnlich, aber die Inhalte unterscheiden sich. Da ist zum Beispiel die Freiheit der theologischen Ausdeutung, die Frage der Liturgie oder der Umgang mit Sünde. Ich denke, in diesen Fragen sieht man die konfessionellen Unterschiede. Grundsätzlich ist es aber gar nicht verkehrt, dass sich der Katholikentag und der Evangelische Kirchentag ähnlicher werden. Junge Menschen haben immer weniger Verständnis dafür, dass es zwei verschiedene Kirchen gibt. Und es wäre mein Wunsch, die Unterschiede nicht aufzuheben, aber sie so zu thematisieren, dass sie uns nicht mehr trennen.

2021 IST DER ÖKUMENISCHE KIRCHENTAG. MÜSSTE MAN NICHT ALS JUGENDBEWEGUNG FORDERN, DASS ES NUR NOCH ÖKUMENISCHE KIRCHENTAGE GIBT?
Das wäre bestimmt ein starkes Signal. Die Frage ist, wie lässt sich das organisatorisch verwirklichen? Es gibt definitiv mehr was uns verbindet, als uns trennt.

WIE SEHR BRAUCHEN JUNGE MENSCHEN SO EINE GROSSVERANSTALTUNG FÜR IHR GLAUBENSLEBEN?
Großevents wie der Katholikentag oder die 72-Stunden- Aktion des BDKJ helfen, den Glauben anders zu erfahren. Man bekommt frische Impulse und trifft verschiedene Menschen. Hier kann man auftanken und Neues lernen. Wichtig ist aber die kontinuierliche Arbeit vor Ort. Zum Beispiel die wöchentliche Gruppenstunde der Pfadfinder oder regelmäßig Gottesdienste zu feiern.

JUNGE MENSCHEN SUCHEN DOCH AUCH NACH ZUGEHÖRIGKEIT UND WOLLEN VIELLEICHT GAR KEINER „RIESEN-ÖKUMENE“ ANGEHÖREN?
Wir als katholische Kirche leben Einheit in der Vielfalt. Es gibt ganz verschiedene Orte und Gelegenheiten, an denen wir Kirche sind. Da haben wir die großen katholischen Jugendverbände, aber auch kleinere Bewegungen, die ihre eigene Spiritualität und unterschiedliche Form von Gemeinschaft leben – Vielfalt ist sehr wertvoll. Wir müssen den Menschen da begegnen, wo sie zu Hause sind. Es ist toll, wenn junge Menschen eine Heimat finden, sich entwickeln und verwirklichen können. Wichtig ist, dass wir die anderen Wege nicht ablehnen. Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. Und was uns zusammenhält ist der Glaube an Gott und Jesus Christus.

WAS SIND DIE WACHSTUMSTRENDS IN DER KATHOLISCHEN KIRCHE?
Im BDKJ haben wir, trotz sinkender Katholikenzahlen und demographischem Wandel, seit Jahren konstant 660.000 Mitglieder in den Jugendverbänden. Die Pfadfinder, die Landjugend oder die Kolpingjugend nehmen beispielsweise zu. Das zeigt: Die Räume sind also immer noch zeitgemäß. Wir öffnen uns aber auch bewusst für neue geistliche Bewegungen, die nach unseren Grundsätzen arbeiten.

VIELE JUNGE MENSCHEN HABEN SCHWIERIGKEITEN IHREN GLAUBEN ZU ERKLÄREN. WAS TUT DER BDKJ, UM JUNGE CHRISTEN SPRACHFÄHIG ZU MACHEN?
Junge Menschen sind sehr sensibel für Glaubensinhalte. Die kirchliche Sprache ist zum Teil weit weg von der Lebenswelt junger Menschen. Ich erlebe, dass sie in Jugendverbänden eine eigene Sprache und ihre eigenen Ausdrucksformen finden, wie beispielsweise die katholischen Pfadfinder der DPSG. Die haben ein starkes spirituelles Profil, welches im Jahresmotto „Lebendig. Kraftvoll. Schärfer. Glaubste?“ anklingt.

DER FÜR DIE JUGEND ZUSTÄNDIGE BISCHOF OSTER HAT GESAGT, DASS IM BEREICH DES BDKJ ZU WENIG ÜBER JESUS GEREDET WIRD.
Katholische Jugendverbände haben ein starkes christliches Fundament und handeln selbstverständlich aus dem Glauben heraus. Ich komme aus der Kolpingjugend und bin sehr stark von der christlichen Soziallehre geprägt, mit der Grundfrage: Wie verändere ich die Welt aus dem Glauben heraus, damit sich alle Menschen hier zu Hause fühlen? Theologisch gesagt: Was ist mein Anteil am kommenden Reich Gottes auf Erden? Wir als Dachverband BDKJ schaffen gute Rahmenbedingungen und eine vernünftige Struktur, damit die Leute vor Ort bestmöglich arbeiten können. Bischof Oster wollte bewusst mit uns ins Gespräch kommen und provokant fragen: Wo müssen wir was verändern? Und wir können bestimmt gut über das spirituelle Profil in jedem unserer Jugendverbänden sprechen, das hat eine gemeinsame Veranstaltung im Februar auch gezeigt.

HILFT DAS POSITIVE ÖFFENTLICHE BILD VON PAPST FRANZISKUS JUNGEN LEUTEN DABEI, SICH AUF DEN GLAUBEN EINZULASSEN?
Junge Menschen sind sehr sensibel, wenn es um moralische Instanzen geht. Sie fragen: Ist dieser Mensch integer? Kann ich ihm glauben oder erzählt er Blödsinn? Papst Franziskus ist für viele junge Menschen eine sehr authentische Person und teilt ihre Vorstellung davon, wie Kirche aussehen sollte. Aussagen wie „Gehen wir in die Welt hinein und trauen uns auch Fehler zu machen“ kommen bei jungen Menschen gut an. Sie fühlen sich wahrgenommen. Auch die Jugendsynode hat viel bewegt – zum ersten Mal in der Kirchengeschichte waren alle jungen Menschen – nicht nur Katholikinnen und Katholiken – weltweit eingeladen, ihre Meinung einzubringen.

NEBEN DEM ANSATZ DER BETEILIGUNG, BEOBACHTEN VIELE AUCH EINE SEHNSUCHT NACH KLAREN UND EINFACHEN ANTWORTEN.
In den Jugendverbänden wird einem kritisch-differenzierten Denken Raum gegeben, denn es ist wichtig, einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Der Wunsch nach Klarheit ist nachvollziehbar, aber diese Klarheit muss plausibel sein und darf nicht mit einfachen Antworten auf komplexe Fragestellungen gleichgesetzt werden. Ich kann kirchliche Dogmen hinnehmen, wenn sie nachvollziehbar und logisch sind. Aber wenn eine junge Frau zu mir kommt und nicht versteht, warum sie nicht Priesterin werden kann, dann ist das Verbot nicht nachvollziehbar. Die Antwort auf die Frage, warum Frauen vom Weiheamt in der katholischen Kirche ausgeschlossen sind, ist theologisch dringend zu diskutieren. Es ist eine Frage von Gerechtigkeit und Berufung.

WIE SIEHT DIE ÖKUMENE IN DER KIRCHE 2028 AUS? TRÄUMEN SIE MAL MIT UNS!
Ich würde mich freuen, wenn wir als Katholische und Evangelische mehr zusammenwachsen und miteinander neue Wege finden. Wir haben mit der evangelischen Jugend bereits eine sehr gute Zusammenarbeit, die vertieft werden kann. Ich hoffe, dass die Eucharistie oder das Abendmahl in konfessionell- gemischten Ehen in Zukunft selbstverständlich ist. Und ich wünsche mir, dass die Entscheidungen gemeinsam, von den Kirchenmitgliedern und wie oft von den Klerikern getroffen werden. Außerdem hoffe ich, dass wir als katholische und evangelische Christen gemeinsam zu den gesellschaftlich wichtigen Fragen klare Ansagen machen.

CHRIS PAHL
ist Projektleiter des Christivals 2022 und wünscht sich weniger Vorurteile unter Christen.

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