Sag´ bescheid

FÜR MICH SOLL’S ROTE ROSEN REGNEN

VON EINER, DIE GENUG HAT VOM NICHT-GENUG-HABEN

„FÜR MICH SOLL’S ROTE ROSEN REGNEN“ – ZUM ERSTEN MAL HÖRTE ICH DAS LIED MIT VIERZEHN IM KINOFILM „CRAZY“; GESUNGEN A CAPELLA VON INTERNATMÄDCHEN FÜR DEN JUNGEN MIT SPASMUS. DAS ORIGINAL VON HILDEGARD KNEF LERNTE ICH ERST DANACH KENNEN. DAS LIED VERFOLGT MICH SEITDEM MIT  SEINER GROSSTRÄUMEREI. KLEINES GLÜCK ODER GROSSES LEBEN? ICH SCHIELE  OFT NACH LETZTEREM.

MIT SECHZEHN SAGTE ICH STILL, ICH WILL, WILL GROSS SEIN …
Ich kann mich an dieses Gefühl damals im Kinosessel erinnern. Liebeskummer, Pickel und nachher noch Hausaufgaben, aber gerade zum ersten Mal das Gefühl: Da muss noch was Großes kommen, kein 0815-Leben. Jetzt, fünfzehn Jahre danach, hat mich dieses Gefühl noch nicht losgelassen. Diese leise Angst, dass sonst mein Leben vielleicht so ganz normal, so unausgeschöpft verstreicht. Wer will schon ein gewöhnliches Leben? Wir warten auf den großen Wurf: den Traumberuf, die perfekte Idee, die ganzganzganz große Liebe. Bei der Warterei übersieht man leicht mal, was alles schon geklappt hat. Denn ich muss zugeben: Ganz schön oft lief es bisher ganz schön gut. Studium, Freunde, Wohnung, Job, alles da. Ich habe mehr, als viele Menschen auf der Erde je haben werden. Ja, das Ding mit den Kindern in Afrika, die froh wären … Stimmt ja auch. Aber diese Betroffenheits-Zufriedenheit, weil es anderen schlechter geht, hält leider meist nur einen moralischen Moment lang. Und dann kommt sie wieder, die Unruhe. Was könnte noch besser laufen? Wonach sehne ich mich? Und warum kann ich nicht das haben, was XY hat?

Mit Neid kenne ich mich aus. Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist für mich oft grüner. Meine Supermarktkassenschlange ist garantiert die langsamste, mein Hotelzimmerblick bestimmt schlechter als der der anderen. Im Freibad sind plötzlich nur noch sehr dünne Leute. Ach hätte ich doch nur glatte Haare, längere Beine, was anderes studiert. First World Problems, vielleicht, aber ein Problem bleibt es. Nicht unbedingt das mit den glatten Haaren, aber das System dahinter: ´Haben wollen, was andere haben. Überlegen, was gewesen wäre, wenn… wäre ich dann glücklicher? Ein „Hätte, hätte, Fahrradkette“-Leben. Wir haben viele Wahlmöglichkeiten in unserer privilegierten Gesellschaft. Hört sich gut an, wird aber schnell schwierig. Denn dauernd hätten wir – zumindest fühlt es sich so an – eine andere Abzweigung nehmen kön-nen und zack, wären wir vielleicht besser, schöner, glücklicher. Manchmal ist das Überangebot an Möglichkeiten furchtbar anstrengend. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum sich manche nach vermeintlich einfacheren Zeiten zurücksehnen, nach einer Gesellschaft, die Rollen, Schubladen und Lebenswege einfach vorgibt. Klingt verlockend? Ist aber ein bisschen kurz gedacht. Wenn mich beim Pizzabestellen die fünfseitige Bestellbroschüre überfordert, dann ist nicht die Lösung, dass die Pizzeria ihr Angebot auf zwei Pizzen reduziert. Ich muss sicherer wissen, was ich will. Und zwar ohne dann beim Essen auf den Teller der anderen zu starren und mich zu fragen, ob das, was der hat, nicht vielleicht besser schmeckt. Wenn wir uns sicherer wären, wer wir sind und was wir wollen, könnte uns das Gras hinter allen Zäunen gestohlen bleiben.

… WILL SIEGEN …
Das wollte ich schon immer, das ist bei mir was Genetisches. Denn in unse-rer Familie wird schon mal zornig das Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett umgeworfen. Wir verlieren nicht gerne. Wer tut das schon? Es fühlt sich nun mal scheiße an, der Letzte zu sein, zu schlecht oder zu schwach, zu doof, zu klein, zu groß. Abgewiesen, ausgemustert, das ist nicht schön. Also strengt man sich an. Ich habe das Gefühl, in den letzten Jahren strengen sich sogar alle noch viel mehr an als früher. Als meine Eltern klein waren, war ein Hauptschulabschluss vollkommen in Ordnung. Es gab kein Assessment-Center und das Wort „Karriere“ benutzten nur wenige. Hört sich nach „Früher war alles besser“-Gerede an? Aber vielleicht war es das in diesem Punkt tatsächlich. Wir, vierzig Jahre später, strengen uns in allem so furchtbar an, dass es manchmal verbissen wird. Zerbrechen uns den Kopf über die beste Uni, den vorteilhaftesten Lebenslauf. Macht mich ein Mandarin-Sprachkurs wettbewerbsfähiger? Welche Praktika bringen mir später am meisten, mit welchem Abschlussthema kriege ich schon einen Fuß in die Berufstür? Wir haben eine individualisierte Gesellschaft, klingt vielleicht erst mal nicht schlecht. Das Individuum zählt. Aber wenn jeder seines Glückes Schmied sein soll, dann heißt das im Umkehrschluss: Wer nicht das Allerbeste aus seinem Leben herausholt, ist selbst schuld. Das will ja keiner sein, und deswegen strengen wir uns an, lassen nicht locker, passen uns an. Wir sind Übererfüller, freiwillige Selbstoptimierer. Laut neuester Sinus-Studie ist der größte Wunsch des deutschen Durchschnittsjugendlichen „so zu sein wie alle anderen.“ Hoffentlich haben das nur wenige Alt-68er mitbekommen; die fragen sich sonst, wie sie so eine langweilige Enkelgeneration großziehen konnten. Wir wollen siegen, und zwar nicht dadurch, herauszustechen oder etwas ganz Neues zu machen, sondern dadurch, im Schwarm vorn mit-zuschwimmen. Und das, obwohl wir die Generation sind, die „Sei ein lebend’ger Fisch“ doch jahrelang im Kindergottesdienst gegrölt hat.

… WILL FROH SEIN, NIE LÜGEN …
Das Siegenwollen endet nicht unbedingt beim Studienabschluss oder Feierabend. Nach dem Feierabend muss die Freizeit möglichst gut ausgefüllt werden. Bin ich die einzige, die sich durch Facebook/Snapchat/Instagram-Fotos regelmäßig unter Druck gesetzt fühlt, auch so ein vorzeigbares Freizeitleben wie anscheinend alle meine Freunde zu haben? Ich seh da nur frohe Menschen beim Sport, vor Kobe-Steaks respektive veganem Couscouspfanne, irgendwo in Australien. Generell scheint sich das gesamte Freizeitleben unserer Generation um Varianten von #gymtime, #foodporn und #ilovetravel zu drehen. Noch veganer, noch cleaner und mit noch mehr Fitnessarmbändern, damit ich auch bloß keine Zuckung in mir drin verpasse. Ich nehme mich da nicht aus. Und wenn ich versuche, aus diesem Karussell mal auszusteigen, und mit einer Tüte glutamatverseuchter Chips ganz allein und herzlich unfroh auf dem Sofa zu sitzen, fühle ich mich sofort wie jemand, der den Ruf nicht gehört hat. Der was verpasst. Unterbewusst taucht die Frage auf, warum ich meine Freizeit nicht hipper, glamouröser, abbildungswürdiger – letztlich: beneidenswerter – verbringe. Irgendwo gäbe es doch sicher gerade in geselliger Runde eine Flasche handgerührte Berliner Kreuzberg-Zitronenlimo bei Sonnenuntergang zu trinken. Vergleichen von Freizeitcoolness, das haben wir erfun-den. Diesen Druck machen wir uns selbst und spätestens seit Facebook auch noch gegenseitig. Dürfte keiner mehr darüber informieren, was er gerade Cooles tut, müssten vielleicht auch nicht alle dauernd etwas Cooles tun. Früher hat man sich – zumindest in Poesiealben und Elternermahnungen – eher gegenseitig darin bestärkt, den Ball flach zu halten. „Bescheidenheit ist eine Zier“. Und sich mit dem gottgegebenen Platz im Leben zu arrangieren, war einmal eine Tugend, die ziemlich hoch im Kurs stand. Vielleicht auch nicht immer das Wahre, aber trotzdem bleibt die Frage, warum wir uns auch noch gegenseitig dabei befeuern, das Stress- und Vergleichslevel hochzuhalten. Wäre es nicht viel schöner, wenn wir uns gegenseitig mal sagen würden, dass es reicht, wie es ist?

… WILL ALLES ODER NICHTS.
Das ist das Problem, das Alleswollen: Zeit. Geld. Abenteuer. Liebe. Neues. Vertrautes. Ruhe. Aufregung. Und von allem viel. Immer besser werden und es immer besser haben. Wenn es nicht nur mir so geht, sondern vielen, dann haben wir alle zusammen ein Problem. Denn glücklich macht das Ganze nicht. Und wenn wir ehrlich sind, ist es auch ziemlich egoistisch. Denn wer alles will, nach dem ganz Großen strebt, sich vergleicht, der hat wenig Zeit, sich um mehr als sich selbst zu kümmern. Den interessieren die anderen nur als Vergleichsmaterial. Was kann man dagegen tun? Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu finden. Auch als Christ ist das schwierig. Christsein schützt vor Torheit nicht, auch nicht davor, neidisch und unruhig, egois-tisch und getrieben, Selbstoptimierer und Selbstdarstellungsjunkie zu sein. Ich bin zum Beispiel auch Christin und sehne mich trotzdem nach dem Rosenregen. Und glücklich macht mich diese Einstellung selten. Aber wir haben einen entscheidenden Vorteil: Wir glauben, dass Gott uns etwas zu sagen hat. Er sagt uns zum Beispiel: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Kor. 12,9) Das hat man schon tausendmal gehört, aber wenn man mal fünf Minuten darüber nachdenkt, dann geht das ganz schön tief. Da kommt Gnade drin vor, also nichts Selbsterarbeitetes, Zusammenoptimiertes, Verdientes. Es kommt „genügen“ vor, etwas, das einfach reicht, womit man zufrieden sein kann, das man nicht toppen muss. Lass dir an meiner Gnade genügen. Etwas zwischen Gott und mir, bei dem das, was der andere hat, gar keine Rolle spielt. Es wird für mich reichen. Das ist wie eine Atempause. Eine, in der man nichts mehr werden muss, in der es genügt, wie man gerade ist. Wo kein Hamsterrad und kein Vergleichen nötig ist. Das ist so viel wert und wird von uns so oft vergessen. Die Lösung im Rote-Rosen-Stress ist nicht, alles zu bekommen oder sich alles zu erarbeiten. Sondern zu verstehen, dass es reicht, was Gott für uns bereithält. Und das ist viel individueller als unsere eigenen Pläne. Von Dietrich Bonhoeffer gibt es den berühmten Ausspruch „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche“. Das kann jemand sagen, der sich wirklich an Gottes Gnade genügen lässt. „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ Wenn wir das verinnerlichen könnten, wirklich darauf vertrauen, den Satz jeden Morgen vor dem Aufstehen dreimal sagen würden, hätten wir vielleicht mehr Zeit für anderes und andere. Ein Versuch ist das allemal wert.

Hildegard Knef mochte übrigens das Lied gar nicht. Kein Wunder.

TABEA MUSSGNUG will sich nicht von schrägen Sehnsüchten durchs Leben schubsen lassen.

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  1. josua57

    hammer Beitrag. es entsteht ein echter flow beim lesen und der rote faden ist immer da…sau gut 🙂

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