Sag´ bescheid

Ist das personen- und kulturabhängig, was wir für verboten empfinden?

Meine Freundin und ich wollten mit zwei Jungs aus dem Jugendkreis zum Freakstock. Einer hat ein großes 4er-Zelt, das wir uns teilen wollten. Aber jetzt macht meine Freundin einen Rückzieher. Mit Jungs in einem „Raum“ übernachten, das geht ihr einfach zu weit. Jetzt steht die ganze Fahrt auf der Kippe. Muss die sich so anstellen?

Für viele christliche Jugendliche ist Zurückhaltung bei vorehelichem Sex typisch. Ob man mit allem bis zur Ehe warten muss, da sind die Meinungen geteilt. Aber grundsätzlich Treue einüben und sich nicht leichtfertig verhalten, das finden die meisten richtig und wichtig.

Wo genau liegt die Grenze? Heißt das, dass man vorher auch nicht in einem Zimmer übernachten darf, auch wenn man zwei Betten benutzt? Darf man nicht mal zu zweit in den Urlaub, selbst wenn man getrennte Zimmer hat? Oder wie in diesem Fall, zu viert in einem Zelt schlafen? Viele Christinnen und Christen können sich beim beschriebenen Beispiel gar nicht vorstellen, dass es in einer solchen Konstellation ein Problem gibt. Vier Christen auf einem christlichen Festival – was soll da passieren?

Die Bibel kann solche Fragen naturgemäß nicht im Detail beantworten. Woran orientiert man sich dann? Paulus behandelt im Neuen Testament einige solche Streitfragen ausführlich. Es geht dort um Probleme, bei denen uns das Verständnis fehlt: Fleischessen, das vorher Götzen geopfert wurde (1. Korinther 10,23 ff; Römer 14). Wir würden spontan sagen: Soll doch jeder machen, was er für richtig hält. Das ist eine Haltung, die in der Kultur des Neuen Testaments undenkbar wäre. Man macht nicht einfach sein Ding. Es gehört zu einer Gemeinschaft, sich auch in solchen Dingen abzusprechen.

Paulus kommt zu einer merkwürdigen Lösung. Grundsätzlich ist Freiheit in solchen Fragen zwar richtig, wenn man für sich entscheidet (1. Korinther 10,29). Aber in der Gemeinschaft nimmt man Rücksicht auf die Grenzen der Schwachen (1. Korinther 10,28), auch wenn die dabei im Irrtum sind. Heißt das, dass die engen Gewissen alles bestimmen dürfen? Nun, wir leben und denken heute individualistischer als die Menschen zur Zeit des Neuen Testaments, und das können wir nicht einfach so ignorieren. Deshalb kann die Lösung in einem Verhandlungsprozess bestehen, der alle herausfordert. Gemeinsame Lösungen können zwar anstrengend sein, aber ohne solche Verhandlungsprozesse riskiert eine Gemeinschaft ihren eigenen Bestand.

Im konkreten Beispiel: Wenn die Freundin findet, dass das gemeinsame Zelt für sie zu weit geht, darf sie das. Es ist heute eine anerkannte Grundregel der Ethik: Es ist wichtiger, Schaden zu vermeiden, als Gutes zu gewinnen. So dachte Paulus auch schon. Menschen sind in ihrem Schamempfinden und ihrem Bedürfnis nach Privatsphäre sehr unterschiedlich. Vielleicht könnt ihr ein zweites Zelt auftreiben. Oder ihr lasst dieses Festival sausen und diskutiert daheim diese Fragen aus. Wo sind meine Grenzen und was heißt es, diese zu respektieren?

Aber ist das nicht Relativismus, dass sich jeder selbst aussucht, was für ihn gut und was böse ist? Nein, es ist eine Haltung der Liebe, solche Unterschiede wahrzunehmen und zu respektieren.

 

WIE STEHT ES UM UNSERE MORAL … in kniffligen Situationen, wenn Richtig und Falsch nicht auf der Hand liegen? Thorsten Dietz und seine TABOR-Theologie-Studierenden wägen ethische Argumente für unübersichtliche Alltagsfragen ab.

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