Sag´ bescheid

Ist denn auch mal „genug“?

Warum unser Konsum nicht nur unsere Sache ist.

Wer heutzutage seinen Einkauf erledigt, hat die Qual der Wahl: Massen an quietschbunten Produkten locken in prall gefüllten Supermarktregalen. Fast alles ist billig und schnell zu haben in unserer Konsumgesellschaft. Wir können wöchentlich T-Shirts für 4,99 Euro kaufen, die wir nie anziehen, und für 39 Euro von Berlin nach Amsterdam fliegen, wann immer es uns wegzieht. Was vor 50 Jahren noch puren Luxus bedeutete, ist heute so normal geworden, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken. Wir konsumieren weitgehend besinnungslos.

Der Mensch hatte in seiner Geschichte auf Erden schon viele Namen: Jäger, Sammler, Krieger, Arbeiter, Bauer oder Bürger. Heute sind wir vor allem Konsumenten. In den letzten wenigen Jahrhunderten ist der Konsum – der Erwerb, Nachschub und Verbrauch von Dingen – zum bestimmenden Merkmal unseres Lebens geworden. In den materiell reichen Ländern, zu denen Deutschland definitiv gehört, werden beinahe alle Bereiche von dem bestimmt, was wir konsumieren: Geschmack, Erscheinung, Lebensstil. Wer wir sind oder sein wollen, all das wird heute maßgeblich durch unseren Konsum geprägt.

UND ES REICHT DOCH NIE

10.000 Dinge. So viel besitzt heute jeder und jede in Europa im Durchschnitt. So viel, wie noch niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Doch egal, wie viel wir unser Eigen nennen, eigentlich ist es doch nie genug. Irgendwas fehlt immer. Irgendwo bleibt immer etwas leer. Eine Lücke im Regal, ein (Kleidungs-) Stück zum Glück. Und egal, wie viel wir tun und leisten, irgendwie gibt es doch immer etwas zu verbessern – an uns und unserem Leben. Wir könnten mehr erleben, in kürzerer Zeit. Mehr erreichen, im Vergleich mit anderen.

Die Logik des Konsums hinterlässt letztlich eine Leerstelle in uns, in unserer Suche nach Liebe, Anerkennung und unserem „Genug“. Diese Logik folgt dem Glauben: „Jeder ist sich selbst der Nächste“ und „Nimm dir, was du willst – und davon immer mehr“. Wie die vollgestopften Supermarktregale sind auch unsere Leben oft randvoll – mit Dingen, Aktivitäten und Terminen. Über unseren Köpfen leuchtet die meiste Zeit das Besetzt- Schild. Ständig sind wir busy, aber nur selten berührt. Wir haben tausende Kontakte auf Facebook, aber keine Verbindung zu den Menschen, die hinter unseren Produkten stehen.

DIE GESCHICHTE UNSERER DINGE – UNSER LEBENSSTIL HINTERLÄSST SPUREN

Während wir also in Konsumlangeweile verfallen, überhören wir die Geschichten, die uns die Produkte erzählen können. Sie können uns berichten von den Händen, die sie gefertigt und den Orten, die sie durchlaufen haben. Von all den Rohstoff en der Erde, die in ihnen stecken und von all den Kilometern, die sich auf ihrem Meilenkonto sammeln. So bilden sie eine lange Kette der Wertschöpfung. Eine Kette, die oft Wunden in die Würde des Menschen und Verletzungen in die Versorgungssysteme der Erde gerissen hat. Sie führt uns zu all den Orten und Menschen, die die Kosten des Konsums tragen. Denn die unwürdigen Arbeitsbedingungen, die Mengen an Müll und Landverbrauch fallen größtenteils in anderen Erdregionen an. Wenn wir genauer hinsehen, wird die Wirklichkeit hinter der Konsumgesellschaft sichtbar: Ihr gesamtes wirtschaftliches System ist darauf angelegt, Gewinner und Verlierer zu produzieren – und viele verlieren dabei sogar ihr Leben.

Es gibt kein „Außen“ der Weltgesellschaft. Egal, was wir produzieren an Müll, schmutziger Arbeit oder Abgasen. Es gelangt in diese Welt und besteht in ihr weiter. In dieser Welt gibt es keine Stacheldrahtzäune, die die Länder voneinander trennen. Es gibt keine luftdichten unterirdischen Dunkelkammern, in denen wir die Folgen unserer Lebensweise für immer versenken könnten. CO2-Emissionen lassen sich nicht durch Grenzposten kontrollieren.

MUSS ICH IMMER ALLES MACHEN, WAS ICH KANN? – DIE FREIHEIT, SICH GRENZEN ZU SETZEN

Grenzposten braucht vielmehr unser Konsum. Im Deutschen gibt es ein Wort, das etwas aus der Mode gekommen ist: genug. Wenn es uns gelänge, den Wert dieses Wortes wiederzuentdecken, könnten wir nach Lösungen suchen, die allen Menschen ein Leben in Fülle und Würde ermöglichen. Fülle braucht Genügsamkeit. Fülle braucht Grenzen.

Unser Konsum ist ein Akt der Nächstenliebe. Globale Nächstenliebe begrenzt sich selbst zum Wohle der anderen. Für uns heißt das: Wir müssen nicht alles tun, was wir könn(t)en. Von Jesus können wir einen Lebensstil lernen, der die Würde eines jeden Einzelnen und den Wert der Schöpfung achtet. Das „Gnadenjahr-Prinzip“ der Bibel zeigt uns natürliche Grenzen: Nur wenn wir die Natur – die Wachstumszyklen und Regenerationsphasen in der Schöpfung – respektieren und ihren Wert achten und bewahren, können auch noch künftige Generationen von sauberem Wasser, klarer Luft und fruchtbaren Böden leben (Lev 25+Luk 4,19). Christliche Nachfolge ist keine Individualreise mit Allinclusive-Angeboten. Sie wählt einen Weg, der Respekt zeigt für alle Generationen der Schöpfungsgemeinschaft Gottes. Wir können nicht so tun, als wären wir allein auf der Welt.

GRENZEN IM DENKEN ÜBERWINDEN – UNS VON DER WELT HER VERSTEHEN LERNEN

Wir brauchen heute eine neue Perspektive auf die Welt und unsere Rolle darin: In Gottes Schöpfung ist alles mit allem verbunden – in einer sich globalisierenden Welt ist es das sowieso. Wir sind immer auch Teil einer größeren Ordnung. Für unser Konsumverhalten bedeutet das: Selbst, wenn wir als Einzelne verändertes Verhalten zeigen, können wir doch noch immer Teil des Problems sein. Und auch dafür müssen wir Verantwortung übernehmen.

Die Logik der Konsumgesellschaft schädigt und gefährdet durch unsere gesammelten und gehäuften Konsummuster das Gleichgewicht der Schöpfung. Wir sollten deshalb lernen, auch die Lösungen in anderen Größenordnungen zu denken. Natürlich ist es wichtig, dass wir unser individuelles Handeln immer wieder prüfen und anpassen an ein Leben im Gleichgewicht mit den Rhythmen und Regenerationsbedürfnissen der Natur. Ebenso wichtig ist unser Blick und Handeln hin auf die nächstgrößeren Systeme – sei es unsere Familie, die Gemeinde, die Stadt oder das Land, in dem wir leben.

GEMEINSCHAFT GEFRAGT – GEMEINSAM AKTIV WERDEN

Wenn wir unser Denken in der Logik des Reiches Gottes erneuern, lernen wir eine neue Wirklichkeit kennen (Röm 12,2). Hier sind wir nicht mehr allein, leben nicht für uns selbst. In Jesus kommt alles zusammen, in ihm ist alles verbunden. Jesus war und ist ein Mann des Volkes, ein Mensch für alle Völker, ein Versöhner für die gesamte Schöpfung. Mit ihm erfahren wir uns als Teil einer göttlichen Gemeinschaft (Kol 1,16–19). Einer Gemeinschaft, die nicht für sich selbst existiert, sondern sich Größerem verschreibt. Eine solche Gemeinschaft arbeitet für das Gemeinwohl – also für alle Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch jedem Einzelnen ein Leben in Würde und in der Fülle Gottes ermöglichen.

BIS ZUM HORIZONT UND WEITER – DIE BERUFUNG DER GEMEINDE ZUR WELT

Die Gemeinde Jesu ist in dieser verbundenen Welt besonders beauftragt. Sie ist berufen als Vorbild zu dienen. Ihr Horizont der Nächstenliebe reicht bis an die Enden der Erde, wo sie der Spur des Reiches Gottes folgt. Gemeinden können Leuchttürme sein in unserer Welt. Durch sie können die tiefen Veränderungen, die heute nötig sind, konkreten Ausdruck und Anstoß finden.

Hier und heute ist es an uns, neue Wege aufzuspüren. Wege, die den Teufelskreislauf von „Immer mehr – Nie genug“ durchbrechen. Wege, die das „Weiter-wie-gewohnt“ überwinden und Jesus auf seinem Weg der Würde nachfolgen – damit Gottes Fülle zum „Genug-für-alle“ werden kann.

STEFANIE LINNER kämpft mit Micha Deutschland e. V. für ein Leben in Würde am anderen Ende der Produktionskette.

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