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Lernen von den Dodos?

WARUM GEMEINDE SICH NICHT UM SICH SELBST DREHEN SOLLTE

Der Film „Ice Age“ hat Kultstatus erreicht. Eine besonders lustige, nun ja, makaber lustige Szene zeigt eine Gruppe Dodos. Diese flugunfähigen, dicklichen Vögel mit gemütlichem Gesichtsausdruck wollen sich unter die Erde zurückziehen, nach eigenen Aussagen „einhundertausendmillionen Jahre lang“, um der drohenden Eiszeit zu entgehen. Ihr Essensvorrat besteht aus drei Melonen für eine Population von mehreren Dutzend Tieren. Als sie aufgefordert werden, eine der Melonen abzugeben, provozieren sie in spektakulären Bildern ihr eigenes Ableben – in dem verzweifelten Versuch, den Fortbestand ihrer Gattung zu sichern. Im Kampf um die letzte Melone, den sie natürlich verlieren, stirbt auch ihr letztes Weibchen. Ihr Aussterben ist damit gleich zweifach besiegelt: Sie haben weder Nahrung noch eine Möglichkeit, sich fortzupflanzen. In Wirklichkeit sind die Dodos nicht während der Eiszeit ausgestorben, sondern im 17. Jahrhundert, vermutlich, weil sie sich nicht gegen neue, auf ihre Insel eingeschleppte Fressfeinde zur Wehr setzen konnten. Auch sie haben inzwischen Kultstatus erreicht. Das wirre Durcheinander der Dodos, wie sie sich um sich selbst und ihren überlebenswerten Lifestyle drehen, erinnert mich an eine große Gemeinde, in der ich einmal in beiden Sonntagsgottesdiensten gepredigt habe. Ich war für 7:45 Uhr (!) bestellt, der Gottesdienst sollte um 10:00 Uhr beginnen. Nicht weniger als vierzig Personen waren mit Vorbereitungen beschäftigt. Ich habe nach ungefähr zehn neuen Namen aufgehört zu fragen. Es gab ein eigenes Catering-Team, das zum zweiten Frühstück einlud, einen Haufen Techniker, Bandmitglieder, Stühlerücker und Putzteams. Ein Gottesdienstbetrieb. Wir hatten sogar eine Gottesdienstdurchlaufprobe mit „Blablablabla“ als Predigtplatzhalter. Ohne Frage: Es waren zwei gut besuchte, perfekt geplante Gottesdienste. Aber fand hier wirklich der Kernauftrag von Gemeinde statt? Die minutiöse Organisation einer Veranstaltung? Gab es in dieser Gemeinde vierzig Personen, die Barmherzigkeit üben auf den Straßen ihrer Stadt? Gab es vierzig, die sich für ihre Nachbarn interessieren? Sogar der Pastor gab mir gegenüber zu, dass weit über 80% seiner Arbeit in den Gottesdienstbetrieb fließe.

WAS IST DER KERNAUFTRAG?

Für etwa neun von zehn Bürgern dieses Landes ist der Sonntagsgottesdienst, egal ob mit oder ohne Band, egal ob mit oder ohne Theaterstück, keine Option mehr. Er wird mit Kirche asso ziiert und Kirche ist für eben jene neun eine religiöse In stitution. In stitutionen misstraut man in unserer Kultur. Wenn aber – wie bei den meisten christlichen Gemeinden – der sonntägliche Gottesdienst bereits einen Großteil der Arbeitskraft der Mitarbeiter schluckt, wie kann Gemeinde ihrem Kernauftrag gerecht werden, für andere da zu sein? So hat Bonhoeffer gefordert, dass Kirche immer Kirche für andere ist. Die Urgemeinde hat es nach Kräften gelebt. Weg von der Innenorien tierung – hin zu unseren Nächsten. Die leben übrigens nicht mehr oder weniger in „der Welt“ als wir Christen. Und wenn ich ins Neue Testament schaue, dann drängt sich mir der Eindruck auf, dass Gemeinde eigentlich gemacht ist, um über sich hi nauszuwachsen. Die Realität sieht leider viel zu oft anders aus. Einmal habe ich eine Gemeinschaft untersucht, indem ich allen Gruppen in der Gemeinschaft eine simple Frage gestellt habe: Ist euer Angebot zuerst an Leute aus der Gemeinschaft gerichtet oder an Leute, die nicht zur Gemeinschaft gehören? Überwältigende 92% waren intern ausgerichtet, also an Leute aus der Gemeinschaft. Als ich der Leitung davon berichtete, stieß ich auf Unglauben. Zahlen hin oder her: Die Leitungs sitzung wurde beendet, ohne dass die Gemeinschaft sich mit ihrer Innenorientierung auseinandergesetzt hatte. Alles sei offen, keiner würde ausgeschlossen, stellten die Leiter fest. Ich sei da zu hart mit meiner Umfrage. Das könne doch gar nicht sein.

SEHNSUCHT NACH DRAUSSEN ENTWICKELN

Damals musste ich feststellen, dass man eine Kultur des Umsich- selbst-Kreisens nicht einfach mit nackten Zahlen oder nüchternen Feststellungen ändern kann. Wie aber dann? Veränderungsprozesse brauchen Gesichter, Persönlichkeiten, die sich trauen, wieder zu träumen. Sehnsucht ist ein wichtiger Bestandteil jedes Veränderungsprozesses. Es geht nicht darum, die richtigen Werkzeuge in der Hand zu haben, als sei Gemeinde etwas, das man mit geistlichen Schraubenschlüsseln „reparieren“ könne. Antoine de Saint-Exupery hat es folgendermaßen ausgedrückt: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Wonach sehnen wir uns? Ich begleite derzeit einige Initiativen von Gemeinden, die über sich hinauswachsen wollen. Viele kennen den ersten Schritt noch nicht, aber in ihnen wächst das Verlangen, zu dienen und Gemeinde für andere zu sein. Ihre Melonen zu teilen, statt sie zu verteidigen. Martin Luther Kings Traum hat ein ganzes Land verändert. Seine Sehnsucht nach Gleichheit und Freiheit hat Prozesse in Bewegung gesetzt, die keiner hatte vorhersehen können.

GEMEINDE SOLL GOTTES LIEBE SPÜRBAR MACHEN

Wer Gottes Traum von Gemeinde verstehen will, muss fragen, wozu Gemeinde da ist. Sie soll die gute Nachricht Gottes sein, sie verkörpern, spürbar machen. Diese Nachricht erschöpft sich nicht in einem wunderschönen Gottesdienst, schon gar nicht, wenn sich die wenigsten Menschen unserer Gesellschaft sonntags aus dem Bett quälen wollen, um dorthin zu gehen. Wenn Jesus mit seiner Gemeinde im Sinn gehabt hätte, dass sie nur Gottesdienste feiern, dann wäre er nur in den Synagogen Israels zu finden gewesen. Warum dann auf der Straße und in den zwielichtigen Teilen der Städte und Dörfer umherziehen? Er hat von Licht gesprochen, das in der Dunkelheit leuchtet. Ein kraftvolles Bild. Und davon, dass das Reich Gottes in ihm angefangen hat. Ich kenne eine Gemeinde, die ihre Gäste mit dem Schild begrüßt „Du betrittst jetzt das Reich Gottes“. Wenn das Reich Gottes an den Mauern der Gemeinde beginnt und endet, wäre es arm. Ich empfinde es auch als Anmaßung, dass diese Gemeinde so etwas vollmundig behauptet. Oft sieht die Realität einer Gemeinde eher so aus, wie eine Pastorin es mir einmal im Gespräch beschrieben hat: Gemeinden erkranken an und über ihrer Innenfokussierung. Ungelöste Konflikte, wenig Freiheit und starke Machtmenschen können eine Gemeinschaft dazu zwingen, sich im Übermaß mit sich selbst zu beschäftigen. Wer sich um sich selbst dreht, kommt nicht voran. Und dann gibt es auch ein krankhaftes Festhalten an Dingen, die der Gemeinde nicht helfen, ihre eigentliche Berufung zu leben. Wenn dieses Um-sich-selbst-Drehen daher rührt, dass unsere Gemeinden mit sich selbst nicht im Reinen sind, dann gibt es nur diese eine wichtige Aufgabe: mit sich ins Reine zu kommen, um diese Innenfokussierung zu überwinden. Wie können wir Versöhnung leben, wenn wir alle Sünden des Pastors aufzählen können und den Groll längst vergangener Tage mit uns herumschleppen?

VORGESCHMACK AUF DEN HIMMEL

Wozu soll Gemeinde also da sein? Wenn wir ins Kino gehen, um einen Film anzuschauen, dann läuft vorher Werbung. Ein besonderer Höhepunkt dabei sind die Filmvorschauen. Hier geben sich die Werber Mühe, das Beste aus dem kommenden Film zu zeigen, ohne zu viel zu verraten. Aber die dicksten Explosionen, die dramatischsten Wortwechsel und die heißesten Küsse werden in etwas weniger als zwei Minuten gepackt, um bei dem Zuschauer den Wunsch auszulösen: „Diesen Film muss ich unbedingt sehen!“ Wie wäre es, wenn wir Gemeinde nicht als das Reich Gottes sehen, sondern vielmehr als einen Vorgeschmack auf das Reich Gottes? Wenn Gemeinde zu den Menschen vor Ort Liebe und Annahme bringt, praktische Hilfe, Linderung von Not? Es gibt mittlerweile einige Initiativen und Projekte in Deutschland, die genau danach streben. Flüchtlingen ein Zuhause zu geben, Arbeitslosen neue Aufgaben, Senioren wieder Würde oder armen Kindern Nahrung und Wert. Dafür brauchen wir etwas, das Kinder uns voraushaben: Vorstellungskraft. Sie sehen in einem Schuhkarton ein Haus, in einer Schnur eine Seilbahn und in einem Fetzen Papier eine Tapete. Wenn Gemeinden anfangen, mit offenen Augen und kindlicher Vorstellungskraft durch die Straßen ihres Stadtteils zu gehen, um einen Vorgeschmack des Reiches Gottes dorthin zu bringen, dann würde die Fokussierung nach Innen kein Thema mehr sein. Gemeinde soll über sich hinauswachsen. Reich Gottes sichtbar, spürbar, erlebbar werden lassen, jenseits der eigenen Mauern. Das bedeutet bestimmt, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen und gesund zu werden als Gemeinschaft. Mehr noch brauchen wir die Sehnsucht danach, Kirche für Andere zu sein, konkret und sichtbar, und dann danach zu handeln. Ich habe diesen Artikel bewusst mit der Geschichte der Dodos begonnen: Wollen wir wirklich von den Dodos lernen? Was können wir von ihnen lernen? Es gibt Kirchen in der Welt, die 1500 Jahre Bestand hatten und jetzt nicht mehr da sind. Ausgestorben, weil sie sich zu sehr nach innen fokussiert haben. Die Kirche findet sich immer deutlicher an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Wir werden viel Vorstellungskraft brauchen, um das zu verändern. Wollen wir das Aussterben von den Dodos lernen? Doch wohl nicht.

BJÖRN WAGNER lebt für eine Gemeinde, die ihr Potential außerhalb ihrer selbst entfaltet.

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