Sag´ bescheid

Muss ich wirklich immer vergeben?

Im Mitarbeiterkreis meiner Gemeinde wurde mir von einem „Bruder“ übel mitgespielt. Nachdem ich mehrfach sein Verhalten als Nachrede und Mobbing kritisiert habe, hat er sich entschuldigt. Es wurde besser, aber nicht gut. Jetzt möchte ich in diesem Kreis nicht mehr mitarbeiten, werde aber dafür von anderen kritisiert: Jesus sagt doch, Christen müssten immer vergeben.

Text: Thorsten Dietz

Müssen Christen immer vergeben? Auf den ersten Blick scheint dieser Fall ganz klar zu sein. Im Vaterunser lässt Jesus seine Jünger sprechen: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ (Matthäus 6,12). Anschließend schärft er ihnen ein: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ (Matthäus 6, 14–15)
Dieses Thema war Jesus offenbar richtig wichtig. Auch das sogenannte Gleichnis vom „Schalksknecht“ handelt davon (Matthäus 18,21–35). Da erfährt ein Schuldner ungeheure Großzügigkeit. Ihm wird ein unermesslich großer Betrag erlassen. Anschließend erweist er sich als hartherzig und geizig gegenüber einem anderen, der bei ihm (viel geringfügiger) in der Schuld steht. Die Botschaft scheint eindeutig: Gott hat uns unendlich viel vergeben. Daher dürfen wir nicht hartherzig bleiben, sondern müssen anderen vergeben, wo sie an uns schuldig geworden sind. Und nein, für Vergebung gibt es keine Obergrenze, wie Petrus vorschlug, als er fragte: „Ist’s genug siebenmal?“ (Matthäus 18,21)

Ist nun alles klar? Ganz so einfach ist es leider nicht. Was ist mit Vergebung gemeint? Eines ist durch die ganze Bibel hindurch eindeutig: der Verzicht auf Rache. „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben“. (Römer 12,19) Wer es anderen heimzahlt, der hält den Kreislauf des Bösen in Gang. Ja, Gott erwartet von uns Verzicht auf Vergeltung. Je schlimmer Menschen verletzt worden sind, desto schwerer mag das sein. Aber Verzicht auf Rache ist das Minimum der Vergebung.
Heißt Vergebung aber auch, dass ich stets zu einer völligen Aussöhnung bereit sein muss? Dass ich weiter mit Menschen zusammenarbeite oder zusammenlebe, egal, wie schlimm sie mich verletzt haben – weil es ihnen doch inzwischen leidtut?

Vergebung ist kein Gesetz, sondern eine Gnade. Völlige Aussöhnung ist wunderbar. Aber sie ist und bleibt ein Wunder. Vertrauen, Harmonie und unbeschwertes Miteinander sind leicht zu zerstören – und nur schwer wiederzugewinnen. Menschen können Dinge nicht ungeschehen machen. Dass Gott Frieden verheißt, ist ein Wunder, das unser Denken und Verstehen weit übertrifft. Auch das Neue Testament kennt Trennungen zwischen Mitarbeitern wie zwischen Paulus und Barnabas (Apostelgeschichte 15,36–41). So etwas ist tragisch. Aber es gibt Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit.
Muss ich immer vergeben? Vergeben kann man nicht „müssen“. Ich kann und soll auf Rache verzichten und mich für das Wunder der Aussöhnung offenhalten. Vergebung ist der Weg dazwischen, aber ans Ziel bringt uns Gott allein.

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