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Politisch glauben?

Der Glaube ist Privatsache, sagen die einen. Aber wenn wir beten „Dein Reich komme!“ – ist das nicht irgendwie auch politisch?

Nachdem im Juli ein katholischer Priester in Frankreich während einer Messe von islamistischen Terroristen hingerichtet wurde, kam es unter dem Facebook-Post eines gerade sehr angesagten christlichen Redners zu einer intensiven Diskussion. Sein Ruf nach konsequenter Abschiebung von Geflüchteten und Migranten, die straffällig werden, provozierte meine Frage, ob das aus christlicher Perspektive die Antwort sein könne. Martin Luther schrieb dazu einmal brandaktuell: „Die Herrschaft soll sein inmitten deiner Feinde. Und wer das nicht leiden will, der will nicht sein von der Herrschaft Christi, sondern er will inmitten von Freunden sein, in den Rosen und Lilien sitzen, nicht bei bösen, sondern bei frommen Leuten sein. O ihr Gotteslästerer und Christi Verräter! Wenn Christus getan hätte, als ihr tut, wer wäre immer selig geworden?“ Wer Christus nachfolgen will, kann sich nicht dem Bösen dieser Welt entziehen. Die prompte Antwort war vorhersehbar: Ja, im „privaten“ Leben als Christ treffe das natürlich zu, aber was politisch gefordert sei, liege auf einer ganz anderen Ebene. Auch wenn ich als privater Christ für Vergebung sei, müsse der Staat doch durchgreifen und strafen.
Ist die politische Sphäre wirklich so losgelöst von meinem Glauben? Sollte mein Glaube nicht eine Auswirkung auf meine politischen Entscheidungen haben? Oder spielen türkische Deals, Drohnenangriffe oder die Frage, wo der nächste exklusive „Saunaclub“ gebaut wird, in einer anderen Welt, in der christliche Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe eine untergeordnete Rolle spielen?

Weltflucht oder Übergriffigkeit?
In der Frage, was Politik mit dem Glauben zu tun hat, sind konservative christliche Kreise zumeist individualistisch geprägt, mit einem Fokus auf das Jenseits und das eigene Seelenheil. Man hält sich heraus aus den Angelegenheiten dieser Welt. Entscheidend ist, dass Menschen zum Glauben kommen und gerettet werden. Politik ist da überflüssige Zeitverschwendung oder nur eine temporäre Notwendigkeit.
Allerdings gibt es auch den Ausschlag auf der anderen Seite des Pendels, wie gerade wieder bei den Wahlen in den USA zu beobachten ist, z.B. wenn Christen sich dafür aussprechen, dass der „christlichste Kandidat“ gewählt werden solle und seine Rechtgläubigkeit statt seine politische Kompetenz zum entscheidenden Kriterium erhoben wird. Außerdem reicht ein Blick in die Kirchengeschichte, um die negativen Folgen davon zu sehen, wenn Kirche und Staat eng verwoben sind und die Kirche ihre Werte gewaltsam durchzusetzen versucht.

Zwei Reiche mit Problemen
Wer das Verhältnis von Kirche und Staat oder noch allgemeiner von „Glaube zu Gesellschaft“ bestimmen will,  kommt um Martin Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“ nicht herum. Was genau diese Lehre kennzeichnet, ist gar nicht so einfach zu fassen, weil Luther selbst keinen systematischen Entwurf einer Zwei-Reiche-Lehre vorlegte und seine situationsgebundenen Aussagen in der Folge sehr verschieden interpretiert wurden. Zudem unterscheidet Luther nicht nur zwei Reiche, sondern auch zwei Regimente. Zum einen regiert Gott das Reich der Welt durch Obrigkeit und Gesetze – das weltliche Regiment. Zum anderen regiert er es durch Wort und Geist, vor allem innerlich in den Menschen – das geistliche Regiment. Das Reich Gottes ist davon unabhängig und braucht keine Regimente. Als Christ lebt man in beiden Reichen und handelt verschieden, je nachdem in welchem Reich man sich gerade befindet.
Relevant sind in dieser theologischen Tradition vor allem Texte wie Römer 13 oder die Frage nach der Steuer, die Jesus gestellt wird. Laut Römer 13 sei die staatliche Gewalt von Gott als Autorität eingesetzt. Ihr müsse daher gehorcht werden. Aus dieser Perspektive war Paulus ein römischer Bürger, der ziemlich zufrieden mit dem Imperium Rom war und es als seine Aufgabe sah, von Jesus zu erzählen und die Menschen zu Jüngern zu machen. Dem Kaiser sollen Steuern gezahlt werden, während Gott Ehre erwiesen werden solle. Die beiden Sphären seien getrennt und unterlägen unterschiedlichen Regeln.

Die Gefahr für christliche Gemeinschaften ist aber offensichtlich: Sie halten sich raus aus dem öffentlichen Dialog und Themen, die eigentlich die prophetische Stimme der Gerechtigkeit bräuchten.

Diese Lesart hat durch die unterschiedliche Aufgabenverteilung für Kirche und Staat viel Positives erwirkt. Die „Trennung von Kirche und Staat“ oder besser „die Unparteilichkeit des Staates in Bezug auf Religionen“ ist eine Grundlage unserer westlichen Gesellschaften, die sie fair und tragfähig gemacht haben. Die Gefahr für christliche Gemeinschaften ist aber offensichtlich: Sie halten sich raus aus dem öffentlichen Dialog und Themen, die eigentlich die prophetische Stimme der Gerechtigkeit bräuchten. Ihren traurigen Tiefpunkt erreichte diese Passivität unter dem Nationalsozialismus, als lutherisch geprägte Theologen auch aufgrund ihrer Theologie der weltlichen Obrigkeit vertrauten, statt sich dem Unrechtsregime entgegenzustellen. Eine Unterscheidung zweier Reiche scheint unausweichlich, die Frage ist jedoch, wie die sich zueinander verhalten.
Die, die sich dem NS-Regime entgegenstellten in der Bekennenden Kirche, taten dies auch, weil ihre theologische Überzeugung sie dazu drängte. Unter anderem Karl Barth war der Meinung, dass Christus als Herr über alle Lebensbereiche regiere. Der irdische unvollkommene Staat müsse im Sinne des Reiches Gottes verändert werden. In diesem Ansatz sind die zwei Reiche zwar unterschieden, aber nicht ohne Berührungspunkte. Die Gefahr hier ist jedoch auch augenfällig: Eine Kirche, die sich vollkommen um politische Angelegenheiten dreht oder der pluralistischen Gesellschaft ihre Maßstäbe aufdrückt. Dabei ist Gottes Souveränität keine, die machtvoll von oben agiert und übergriffig ist. Gott ermöglicht es uns, wir selbst zu sein, auch wenn sein Willen damit nicht zur Durchsetzung kommt.

Die ganz andere Revolution
Es gibt einen dritten Weg, wie Christen sich in Gesellschaft und Politik engagieren können, zwischen Weltflucht und Kulturkampf, zwischen Untätigkeit und Übergriffigkeit: den Weg von Jesus. Das ist ein engagierter Glaube, der kreativ Wege sucht, die Weisheit Gottes in allen Lebensbereichen durchscheinen zu lassen. Die politische Sphäre ist dabei nicht losgelöst von unserem Glauben, sondern ganzheitlich damit verbunden.
Als Jesus die Frage gestellt bekommt, ob man Steuern zahlen soll, wollen seine Gegner ihn in eine Falle locken (Markus 12,13-17). Entweder er outet sich als Revolutionär, der das System umstürzen möchte (Kampf), oder er ist doch nur jemand, der wie die Jerusalemer Elite mit den Römern gemeinsame Sache macht (Flucht). Wenn wir davon ausgehen, dass Jesus nicht in diese Falle tappt, dann muss seine Antwort eine andere sein als diese beiden. Zunächst stellt er eine Gegenfrage: Wessen Bild und Aufschrift ist auf dieser Münze zu sehen? Damit führt er seinen Gegnern ihre eigene Heuchelei vor Augen. Denn auf der Münze war ein Bild des Kaisers zu sehen – was im jüdischen Verständnis schon an sich anstößig war – und die gotteslästerliche Aufschrift, dass dieser Kaiser ein Sohn Gottes war („Tiberius, Sohn des göttlichen Augustus“). Jesus fragt damit indirekt: „Warum besitzt ihr überhaupt solche gotteslästerlichen Münzen? Ihr hättet dieses Geld gar nicht annehmen dürfen. Nicht ich kollaboriere hier mit der gottlosen Macht, sondern ihr selbst tut es schon!“

Auch das abschließende Statement, „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört!“ ist keine Aufforderung zur sauberen Trennung von Politik und Religion. Eine Feinheit des Originaltextes geht in der deutschen Übersetzung meist verloren. Denn dort steht wortwörtlich: „Gebt dem Kaiser zurück, was dem Kaiser gehört.“ Es ist nicht unwahrscheinlich, dass hier auch der bildliche Sinn von „jemandem etwas zurückzahlen“ gemeint ist. Gebt dem Kaiser das, was er verdient hat! Indem er diesen Satz so sagt, spricht er sich also nicht nur für Revolution aus oder dafür brav seine Steuern zu zahlen, sondern er tut im Prinzip beides gleichzeitig.

„Gebt Gott, was Gott gehört“ ist ebenso revolutionär. Ihm allein steht die Ehre zu, nicht dem Kaiser, der sie fälschlicherweise für sich beansprucht. Betet Gott an und niemanden sonst. Aber die Revolution, die Jesus ins Leben ruft, ist keine, die gewaltsam einen Umsturz herbeiführt. Jesus ruft nicht dazu auf, sich anzupassen und den Glauben in die private Kammer zu schließen, ebenso wenig wie er dazu ermutigt, übergriffig und gewaltsam das Reich Gottes herbeizuführen. Er fordert vielmehr dazu auf, bei einer Revolution der Liebe dabei zu sein, die von seinem Leben der Hingabe bestimmt ist. Das heißt aber, dass die Mächte und Systeme dieser Welt nicht einfach weitermachen können, während wir brav unsere Steuern zahlen und uns damit möglicherweise mitschuldig machen.

„Die politische Sphäre ist nicht losgelöst von unserem Glauben, sondern ganzheitlich damit verbunden.“

Auch mit Paulus ändert sich nicht plötzlich alles hin zu einer absoluten Trennung von Politik und Religion. In Römer 13 stellt Paulus den Staat als Ordnungsmacht dar, aber eine, die eben nicht eine eigene Autorität hat, sondern unter Gott steht und sich letztlich ihm verantworten muss. Das allein muss für das römische Imperium schon eine Herausforderung gewesen sein. Für Paulus war klar: Jesus ist der Messias, der wahre König (z.B. aus Jesaja 11,10, zitiert von Paulus in Römer 15,12). Er ist Herr, nicht der Kaiser Roms. Alle Mächte müssen sich ihm unterordnen, sie spielen nicht ihr eigenes Spiel, sondern finden ihren Platz in dem eigentlichen Drama mit Jesus im Zentrum. Das Wort Evangelium hatte in Paulus‘ Welt aber noch eine andere Resonanz: Es bedeutete die „gute Nachricht“ der Thronbesteigung oder der Geburt eines Königs, insbesondere die des Kaisers von Rom. Diese – durchaus indirekte, aber gezielte – Kritik am Imperium, tief verwurzelt in der jüdischen Tradition, zeigt, wie der Kern von Paulus‘ Glauben, das Evangelium, direkte politische Auswirkungen hat, die nicht nur sein Seelenheil betreffen.

Liebe ist politisch
Aber Paulus wollte keine gewaltsame Revolution. Die Offenbarung, dass Jesus der Messias ist, bedeutete für ihn nicht nur, dass das Reich Gottes nun angebrochen ist, sondern auch, dass dieses Reich vom gekreuzigten Messias regiert wird. Der Sieg Gottes am Kreuz über die Mächte dieser Welt war keiner der gewaltsamen und machtvollen Übernahme, sondern des Leidens und Ertragens aus Liebe für diese Welt. In Philipper 2,5-11 sagt Paulus, dass uns genau diese Haltung zum Vorbild ist. Wenn wir nicht politisch glauben, dann lassen wir Jesus nicht Herr über alle Lebensbereiche sein. Aber wenn wir politisch glauben, dann muss unsere Politik von derselben Liebe und Hingabe geprägt sein, die wir selbst empfangen haben. Oder einfacher ausgedrückt: Gott ist Liebe. Und Liebe ist politisch.

Autor: Moritz Brockhaus glaubt an die verändernde Kraft der Liebe. Hier und jetzt.

Weiterlesen
Miroslav Volf, Öffentlich glauben in einer pluralistischen Gesellschaft, Marburg 2015
John Howard Yoder, Die Politik Jesu, Schwarzenfeld 2012

Foto: Stocksy/DANIL NEVSKY

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