Sag´ bescheid

Selbstkritik – wie viel tut uns gut?

Na, wieder mal hinter den eigenen Ansprüchen zurückgeblieben? So what, findet unsere Autorin und fragt: Warum haben wir so wenig Selbst-Mitgefühl?

 

Es war am letzten Donnerstag. Meine Schwester saß mit tränenverquollenen Augen auf dem Sofa und schimpfte, was für ein Idiot sie doch sei. Sie hatte ihre Fahrprüfung zum zweiten Mal nicht bestanden. Verzweifelt erklärte sie mir Punkt für Punkt, weshalb es völlig ausgeschlossen sei, dass sie eines Tages alleine am Steuer sitzen könne. Wie viele Stunden, fragte ich mich, würde es brauchen, um sie vom Gegenteil zu überzeugen?

Der innere Kritiker

Jeder kennt diese innere Stimme, die ständig etwas zu kritisieren hat. Diese Stimme stellt unser Können in Frage und zieht unsere Fähigkeiten in Zweifel. Ob an der Uni, auf der Arbeit, beim Sport oder in der Familie – nie sind wir gut genug. Viele Menschen wären froh, wenn sie diesen kritischen Quälgeist leiser stellen könnten, der ihnen selbst ihre Erfolge kleinredet. Womit wir bei der eigentlichen Frage wären: Warum hören wir eigentlich auf diese Stimme, wenn sie uns doch offenbar nicht gut tut?

Schon als kleines Kind begreift man, dass man aus seinen Fehlern zu lernen hat. Wer einmal mit seinen Fingern auf die heiße Herdplatte gefasst hat … Als Erwachsene können wir uns selbst den Spiegel vorhalten, indem wir rückblickend unser Handeln reflektieren und bewerten. Das bewahrt uns vor so manchem naiven Fehler, verhindert aber – wenn wir es übertreiben – die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten. Selbstkritik legt die Finger in die Wunde, konfrontiert uns mit den eigenen Schwächen und versäumten Gelegenheiten. Und niemand ist so unbarmherzig mit unseren Fehlern wie wir selbst.

Möglich wird die kritische Selbstbetrachtung erst durch einen Maßstab, an dem wir uns messen können. Auf den ersten Blick liegt es nahe, dass wir uns mit denen vergleichen, die unter denselben Umständen wie wir leben, studieren oder arbeiten. Je nachdem, wie stabil das Selbstwertgefühl ist, verunsichern uns die Erfolge der anderen. Sie lassen uns in einem schlechteren Licht dastehen. Wir meinen, die Erfolge unserer Mitmenschen könnten die Anerkennung gefährden, die wir so sehr brauchen.

Immer besser, immer mehr

Mich motiviert diese Ausgangslage regelmäßig, mir selbst und den anderen das Gegenteil zu beweisen. Ich meine, Herausragendes leisten zu müssen, um mich als wertvoll ansehen zu können. Die Leistungsfähigkeit der anderen setzt die Messlatte für meine eigenen Ziele. Da ist die Enttäuschung schon vorprogrammiert.

Mein Vorsatz für Januar lautete: Im nächsten Monat werde ich dreimal pro Woche zum Sport gehen. Enttäuscht muss ich am Monatsende feststellen, dass ich es nicht geschafft habe, dreimal pro Woche beim Sport gewesen zu sein. Auch wenn ich jede Woche sowohl joggen als auch schwimmen war, ist diese Bilanz eine harte Niederlage für meinen Ehrgeiz. Die sichtbaren Erfolge haben für uns, sobald sie hinter den angestrebten Superlativen zurückzubleiben, bereits den Beigeschmack des Versagens. Und der innere Kritiker findet’s super.

Lieblingsthemen

Es lohnt sich, dem inneren Kritiker, wie er in der Psychotherapie genannt wird, auf die Schliche zu kommen, indem man ihn beobachtet: In welchen Situationen meldet er sich besonders gerne zu Wort? Was sind seine „Lieblingsthemen“, seine Sätze, die wir immer wieder zu hören bekommen? Wer hier genau hinhört, kann sich daran machen, ihn Satz für Satz zu entwaffnen. Denn so laut er auch auftritt: Sonderlich reflektiert ist der innere Kritiker nicht. Seine (Vor-)Urteile sind schnell und undifferenziert. So ist es ihm fremd, die eigenen negativen Erlebnisse genauer unter die Lupe zu nehmen. Pauschalurteilen wie „Du bist einfach nicht für die große Bühne geschaffen!“ oder „Wie du schon wieder aussiehst!“ begegnet man am besten mit gründlicher Analyse: Welche Verhaltensweise, welche Aussage war problematisch? Welche Umstände und welche Personen haben mit dazu beigetragen, dass der Fehler passiert ist? Welche Schwäche kann man sich zugestehen, ohne das ganze Maß an Entwertung ertragen zu müssen?

Konstruktive Kritik entlarvt den inneren Kritiker als unsachlichen Schuft. Die kritischen Pauschalurteile mit einzelnen Beobachtungen zu widerlegen ist mühsam, aber wirksam.

Selbst-Mitgefühl

Manchmal ist mir aber nach einer Enttäuschung nicht danach, den Kritiker zu ertappen oder mich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Stattdessen wünsche ich mir, mit meinem Scheitern von jemandem verstanden zu werden. Und damit bin ich offenbar nicht allein. Die amerikanische Professorin Kristin Neff hat ausgehend von ihren Beobachtungen das Konzept des Selbst-Mitgefühls entwickelt. In ihrem neusten Buch ruft sie dazu auf, das Mitgefühl, das wir einem niedergeschlagenen Freund gegenüber äußern würden, uns selbst zu zeigen. Selbst-Mitgefühl ist für Neff keine Mitleids-Nummer und keine billige Ausrede dafür, sich gehen zu lassen. Vielmehr nimmt es unsere menschlichen Bedürfnisse ernst.

Verständnis der eigenen Situation zu zeigen, ist eine Alternative zu dem harten Urteil, das man sich angesichts der eigenen Schwächen spricht. Ein solches verschlimmert eher den emotionalen Schmerz über die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten, Verständnis lindert ihn.

Eine andere Möglichkeit wäre, die Enttäuschung und den Schmerz über das Geschehene einfach wahrzunehmen. Wir glauben, es sei unsere Schuld, wenn wir manche Ziele nicht erreichen. Wer einen Fehler gemacht hat, verdiene schließlich kein Mitgefühl. Als Geschöpfe Gottes kommt uns allerdings eine besondere Würde zu, allein dadurch, dass wir sind. Wir sind es wert, geliebt zu werden, und dazu befähigt, liebevoll zu handeln. Anstatt uns aufgrund unserer Fehler zu verurteilen, können wir die schmerzliche Erfahrung nutzen, um unser Herz weicher werden zu lassen. Einen Fehler gemacht zu haben, isoliert uns nicht von anderen, sondern macht uns gerade menschlich.

Schlussbilanz

Es ist eine Woche nach dem Dilemma meiner Schwester: Ich denke daran, wie viel Zeit ich damit verbracht habe, sie wieder aufzubauen, nachdem sie durch ihre Fahrprüfung gefallen ist. Heute bin ich es, die etwas furchtbar vermasselt hat. Ich habe einen wichtigen Termin vergessen. Im Fenster vor meinem Schreibtisch spiegelt sich mein Gesicht. Jetzt habe ich die Gelegenheit, echtes Verständnis und Freundlichkeit zu üben – gegenüber mir selbst.

 

 

SOPHIE REIß will lernen, verständnisvoller mit sich selbst umzugehen. Das würde sie schließlich auch mit den Schwächen anderer.

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