Sag´ bescheid

Von außen nach innen

MIT FREMDEN ÜBER DEN GLAUBEN SPRECHEN

Ein einziger Blick auf den Schulhof genügt, um festzustellen: Wir sind in der Multikulti-Welt angekommen. Noch nie waren unsere Städte und Dörfer kulturell so bunt gemischt wie heute. Die Fremden leben unter uns und sind längst ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Ob wir uns über sie freuen, wie ich es tue, oder eher ärgern, wie manch ein Stammtisch-Kumpel – wir werden lernen müssen, mit dem Fremden gut nachbarschaftlich zu leben und zusammen an einem Lebensraum zu basteln, der unser Leben zum positiven Erlebnis macht. Und da ist guter Rat gefragt.

Wie sich über die kulturellen Grenzen hinweg kommunizieren lässt, beschäftigt seit jeher die Kulturanthropologie. Hier versteht man jede Kultur als Lebensdesign, als Strategie zur Lebensbewältigung. Eine solche Strategie wird, so die Kulturanthropologen, auf vier Ebenen ansetzen: der materiellen, sozialen, weltanschaulichen und religiösen. Wobei es die religiöse Vorstellung ist, die unsere Weltanschauung, das soziale Miteinander und den materiellen Raum beeinflusst: Kulturprägende Kräfte wirken von innen nach außen. Will man aber eine Kultur kennenlernen oder gar verändern, dann wird man genau den umgekehrten Weg gehen müssen – von außen nach innen. So machen wir es ja schon als Touristen. Wir kommen ins fremde Land, sehen uns die Kulturdenkmäler an, genießen das feine Essen und freuen uns am Andersartigen. Bleiben wir länger, dann entstehen die ersten Beziehungen zu den Menschen selbst. Werden diese Beziehungen vertieft, dann lernen wir eventuell zu verstehen, wie diese Menschen ticken und glauben. So kommt man in einen fremden Lebensraum hinein, so entstehen Freundschaften. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass dieser Weg alles andere als einfach ist.

Auf dem Weg in das Innere einer Kultur liegen Befremdung und innere Ablehnung all dessen, was einem merkwürdig vorkommt. So entsteht der Kulturschock. Niemand, der sich auf einen Fremden zu bewegt, wird an der Erfahrung des Kulturschocks vorbeikommen. Niemand. Er mag mehr oder weniger heftig ausfallen, aber kommen wird er sicher. Man kann sich darauf einstellen, dass man eines Tages seine ursprüngliche Begeisterung gegen eine innere Ablehnung, vielleicht sogar tief empfundene Abneigung eintauschen wird. Erst die Überwindung dieser Abneigung macht uns dann zu einem Menschen, der sich über kulturelle Grenzen hinweg bewegen, Freundschaften und Beziehungen pflegen und somit an der Gestaltung des gemeinsamen Lebensraumes mitarbeiten kann.

Das vorgestellte Denkmodell der Kulturanthropologen zeigt: Gemeinschaft mit Menschen anderer Kulturen beginnt immer auf der materiellen Ebene. Suchen wir nach Gelegenheiten, die materiellen Vorteile der uns eigentlich fremden Kultur kennenzulernen: Es macht Spaß, einer kurdischen Feier beizuwohnen und so tanzen zu lernen, wie sie tanzen. Es macht Spaß, einen russischen oder britischen Witz zu verstehen. Es macht Spaß, hinter den fernöstlichen Musikklängen eine Struktur und Sinn zu entdecken. Es macht Spaß, die sprichwörtliche Nachbarschaftshilfe vieler Fremden in unserem Land zu beobachten, wenn sie wie Ameisen eine Baustelle bevölkern – da, wo unter uns nur langsam ein Privathaus aus dem Boden wächst, ziehen die fremden Nachbarn bereits nach wenigen Monaten ein. Es macht Spaß. Und weil man all das allein nicht kann, sondern sich das Fremde zeigen und erklären lassen muss, entsteht schnell eine erste Be-ziehung. Die Fremden unter uns werden uns für immer fremd bleiben, wenn wir ihnen nur die Vorteile unseres eigenen Lebensstils vor Augen führen und kein Interesse an ihrer Kultur zeigen. Ohne Interesse kein Vertrauen. Und ohne Vertrauen kann es kaum eine Beziehung geben.

Über das gemeinsame Erleben materieller Kultur beginnt eine Beziehung zu wachsen. Wenn der Fremde weiß, dass ich seine Kultur nicht grundsätzlich ablehne, wird er mich auch bald zu sich nach Hause einladen und meine Einladung gerne annehmen. Freilich warten dann auf uns beide Überraschungen: Bei den einen sitzen die Männer grundsätzlich von den Frauen getrennt, während bei den anderen eine solche Geschlechtertrennung gar nicht erst infrage kommt. Hier ist die soziale Distanz hoch, da ganz niedrig. Hier umarmt man sich, da schüttelt man wohl distanziert einander die Hand. Die Unterschiede könnten in unseren gelebten sozialen Vorstellungen nicht größer sein. Und diese machen Angst, rufen Ablehnung und Ärger hervor. Doch wenn man die Beziehung will, wird man nicht gleich mit dem Finger zeigen, nicht gleich das eigene hochheben und das befremdende andere verachten, sondern mit Respekt behandeln. Erst so kommt es zu der nächsten Einladung und dann der nächsten, bis das Vertrauensfundament gelegt ist. Erst jetzt wird man den Fremden hinterfragen dürfen. Und erst jetzt wird der Fremde unser Denken und unseren Glauben hinterfragen.

So beginnt ein inhaltliches und kulturübergreifendes Gespräch, das letztendlich zur Veränderung des Denkens und eventuell auch des Glaubens des anderen führen kann. Selbstverständlich wird man sich dabei auch selbst verändern. Man kann nur transformieren, wenn man selbst zur Transformation bereit ist. Und warum sollte man sich nicht das Beste aus jeder Kultur aneignen? Warum sollte man nicht die Nachbarschaftshilfe von den Russen und die Gastfreundschaft von den Türken lernen wollen, auch wenn die Russen Atheisten und die Türken Muslime sind? Das würde auch uns Christen gut tun, schließlich sind Gastfreundschaft und Nachbarschaftshilfe nah dran an den Vorstellungen des Reiches Gottes.

Machen wir das mal konkret. Zoomen wir rein ins deutsche Ruhrgebiet, jene fußballverrückte Region, aus der die meisten Bundesliga-Vereine kommen und die längst einem bunten Völkerteppich ähnelt. Mal angenommen, du gehörst zu einer kleinen deutschen evangelischen Gemeinschaft, die ihr Gemeindehaus mitten in einer von Migranten und Auslän-dern bewohnten Nachbarschaft hat. Mal angenommen, du wolltest auch den Fremden, die um das Gemeindehaus herum leben, Gottes Liebe zeigen. Wie fängst du da an? Klar, du könntest dir Traktate in deren Sprachen besorgen und unter den Ausländern verteilen – auf die Gefahr hin, dass sie danach noch verschlossener deinem Glauben gegenüber sind, als sie es zuvor schon waren. Oder du könntest mit den Migranten-Jungs Fußball spielen und Fußballspiele ansehen. Und nicht nur die aus der deutschen Bundesliga, sondern auch die der türkischen Süper Lig. Wenn deine Nachbarn deine Jubelschreie nicht nur für Borussia Dortmund, sondern auch für Galatasaray Istanbul hören, dann ist möglicherweise der erste Schritt getan. Bis deine türkischen Nachbarn deine Liebe zu Gott nicht belächeln und auch nicht infrage stellen, sondern mit Respekt behandeln, wirst du noch viele Döner verschlingen und literweise türkischen Tee trinken. Nur so wird sich dir eines Tages die Chance bieten, über Gottes Liebe zu reden. Denn wenn der Fremde dich nicht lieben lernt, wie sollte er dann deinen Gott lieben können? Und wenn du nichts am Fremden liebenswürdig findest, wie sollte er es bei dir finden können?

Mal angenommen, du entdeckst eines Tages, wie arm manche Familien deiner Fußballfreunde sind und es gelingt dir, deine Gemeindeleitung dafür zu ge-winnen, im Gemeindehaus eine Tafel für Bedürftige einzurichten. Du beginnst zusammen mit Freunden dafür zu sorgen,dass die Benachteiligten wenigstens einmal in der Woche eine Lebensmittel-Unterstützung bekommen. Und mal angenommen, die Menschen kommen und schon bald entsteht um die Tafel herum mehr. Ihr richtet im Gemeindehaus einen Nachhilfeunterricht für die Kinder der Migranten ein – oder einen Kochkurs für deutsche Frauen, den die türkischen Nachbarinnen gestalten. Nur mal angenommen … Der Fantasie sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Schon bald schwindet die Angst der Fremden nicht nur vor dir, sondern auch vor dem Gemeindehaus, in dem du Sonntag für Sonntag Gottesdienst feierst. Freilich werden mit den Fremden auch fremde Gerüche ins Gemeindehaus ziehen. So ganz steril deutsch geht es dann nicht mehr zu. Aber, Hand aufs Herz, ist das denn wirklich, was bei Gott am Ende zählt?

In der Gemeindemission, gelten die gleichen Regeln, wie wir sie oben kennengelernt haben. Wer als Gemeinde die Fremden für Gott gewinnen will, wird sie in ihrer materiellen Welt der Bedürfnisse abholen müssen. So beginnt Vertrauen zu wachsen. Dann kommt es zu Beziehungen, Freundschaften, die auch im Gemeindehaus gelebt werden. Und wenn sich die Fremden mit den Gemeindegliedern befreunden, ist der Weg frei sich eines Tages auch mit der Gemeinde selbst und dann eventuell auch dem Herrn dieser Gemeinde zu befreunden. Theologisch reden wir hier vom Dienst an den Menschen, über den wir zum Dialog mit den Menschen kommen, der unbedingte Voraussetzung für Beziehung ist. Und ist erst einmal eine Beziehung entstanden, dann steht der Evangelisation und Transformation der Menschen nichts mehr im Weg.

Am Ende der Reise haben wir nicht nur neue Freunde gefunden, sondern sind selbst um Welten reicher geworden. Denn nichts macht den Menschen so reich, wie die erfahrene Welt des Fremden. Also – wagen wir es. Multikulti ist nicht ein gesellschaftliches Ärgernis – sondern eine Chance zur kulturellen und persönlichen Bereicherung.

Prof. Dr. Johannes Reimer lehrt Missio-logie an der Universität von Südarika und am Theologischen Seminar Ewersbach. Viele der in dem Artikel angerissenen Themen, hat der Theologe in seinem Buch „Multikultureller Gemeindebau. Versöhnung Leben“ verarbeitet, das im Francke Verlag erschienen ist.

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