Sag´ bescheid

Wenn keiner leitet …

… dann ist das vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl. Judith Herm über einen unnötigen Abend im Machtvakuum.

 

Holprige Einsätze, unsichere Blicke, Unterbrechungen. Der Lobpreisabend lief nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich saß am Klavier, in meinem Zimmer verteilt hockte mein Hauskreis, den ich zum Singen eingeladen hatte. Es sollte ein entspannter Abend werden, nichts Großes, einfach Musik und Anbetung. Dementsprechend hatte ich vorher wenig geplant und nahm mich währenddessen zurück – ich war hier schließlich nur die Gastgeberin! Das Ergebnis war Verwirrung. Mein überforderter Hauskreis wusste nie, ob wir jetzt noch einmal die Bridge singen würden oder doch schon den Refrain, elend lange Minuten wurde nach Liedwünschen geblättert und der Gitarrist blickte immer wieder irritiert zu mir rüber, wenn ich doch mal eine unangekündigte Wiederholung wagte. Eine wirklich konzentrierte, innige Stimmung wollte nicht aufkommen; wir kämpften uns eher durch die Lieder.

Was war schiefgelaufen? Obwohl ich eingeladen hatte, hatte ich mich nicht als Leiterin des Abends gesehen. Dabei hatten alle anderen nur darauf gewartet, dass ich diese Verantwortung an mich nehme. Sozusagen qua Amt, als Gastgeberin und Klavierspielerin, hätte ich den Abend in die Hand nehmen können. Aber ich war davor zurückgeschreckt. In meinen Augen hätte ich mich damit in den Mittelpunkt gestellt, hätte alleine Entscheidungen getroffen, die mir nicht zustanden, und die Macht der Leitung unrechtmäßig an mich gerissen. Die anderen waren doch auch mündige Christen, sie sollten ruhig mitgestalten dürfen! Mittlerweile bin ich zu der Erkenntnis gekommen: Die Macht der Leitung zu nutzen, ist nichts Schlechtes. Verantwortung zu übernehmen, Ansagen zu machen und Entscheidungen zu treffen, ist wichtig und gut. Wenn jemand leitet, nimmt er den Leuten damit nicht ihr Mitspracherecht. Er dient ihnen.

Es ging also nicht um mich oder darum, ob ich mich in den Mittelpunkt stellte. Es ging um meinen Hauskreis. Indem ich leitete, konnte ich ihnen helfen, sich auf Gott auszurichten. Indem ich es mir herausnahm, Entscheidungen zu treffen und indem ich von der Macht Gebrauch machte, den Abend zu gestalten, konnte ich ihnen Orientierung geben. Ich konnte das Drumherum regeln und sie konnten so den Lobpreis genießen. Was für ein Privileg!

Mit dieser neuen Perspektive lud ich zwei Monate später noch mal zu einem Lobpreisabend ein. Ich suchte vorher Lieder aus, machte mir über den Ablauf Gedanken und führte den Hauskreis durch den Abend. Und diesmal war die Atmosphäre anders, entspannter, intensiver. Dies lag nicht nur an mir – der Hauskreis musste sich ebenso darauf einlassen. Aber ich hatte meine Verantwortung wahrgenommen und die Macht der Leitung positiv genutzt. An einem anderen Abend würde vielleicht jemand anders diese Aufgabe übernehmen. Und das wäre gut so.

 

JUDITH HERM nimmt vermehrt wahr, wie viel Einfluss ihr von anderen zugebilligt wird. Und hat entschieden, proaktiver damit umzugehen.

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