Sag´ bescheid

Wer nicht hofft, verbaut sich die Zukunft

Als hoffnungsvoller Mensch steht man im Verdacht, ein naiver Träumer zu sein. Andererseits: Mit den Hoffnungslosen ist keine Zukunft zu gewinnen.

 

Zigaretten waren eine harte Währung im Konzentrationslager. Viktor Frankl erkannte Menschen, die kurz davor standen, sich das Leben zu nehmen, beispielsweise daran, wie sie mit ihren Zigarettenvorräten umgingen: Solange jemand die Zigaretten sammelte und handelte, zeigte er, dass er noch den Willen hatte weiterzuleben. Rauchte derjenige sie auf, war zu erkennen, dass er sich innerlich fallen ließ. Er verlor den Mut und sah keinen Sinn darin weiterzumachen. Wozu brauchte er dann noch die Zigaretten?

Viktor Frankl überlebte verschiedene Konzentrationslager des Dritten Reiches. Er war Gefangener aufgrund seiner jüdischen Herkunft und verrichtete täglich mörderische Zwangsarbeit, während er Zeuge von Schikanen, Gewalt, Leid und Tod wurde. Vater, Mutter und seine geliebte Ehefrau verlor er, während er seine eigenen Überlebenschancen im unteren einstelligen Bereich sah und auf sein Ende wartete.

Unter diesen Eindrücken verfasste er Jahre danach sein Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ und gab der Nachwelt einen kleinen Einblick in seine Gedanken während dieser Zeit. Einen Sinn in diesem Leid zu finden, so war er der festen Überzeugung, trug einen durch, gab einem täglich den Willen weiterzumachen. Einen Sinn der eigenen Existenz, einen Grund, warum das eigene Leben noch nicht enden darf, oder eine Person, die es wiederzusehen gilt.

Während manche Viktor Frankls Behauptungen als überbewertet und pathetisch ansehen, gebe ich doch im Zweifel Viktor Recht. Wer könnte es besser wissen als die Person, die all diese Leiden durchlebt und die Hoffnung niemals aufgegeben hat?

HOFFNUNG RICHTET DEN BLICK AUS

Die Hoffnung richtet den Blick in die Zukunft. Nicht um die Schwierigkeiten der momentanen Situation auszublenden. Sondern um die Zukunft bei der Beurteilung der Lage miteinzubeziehen.

Den Blick nur auf die Gegenwart zu richten, birgt die Gefahr, dass wir den Augenblick zum definierenden Moment unseres Lebens machen. Doch kein Mensch wisse, was die Zukunft bringe, schrieb Viktor Frankl. Wieso also immer davon ausgehen, dass alles beim Alten bleibt? Unverhofft kommt oft, weiß auch der Volksmund.

Die Probleme, mit denen man kämpft, können manchmal so große Schatten werfen, dass wir meinen, wir müssten mit Riesen kämpfen, mit denen wir es schlicht nicht aufnehmen können. Hoffnung hingegen sieht das große Bild. Es rückt unsere momentanen Kämpfe und Schwierigkeiten in das rechte Licht und webt sie in unsere komplette Geschichte ein, anstatt sie zu unserer einzigen Geschichte zu machen.

Deshalb verändert die Hoffnung meine Haltung gegenüber den Umständen. Wer hofft, schöpft Kraft, um die schwere Last der Umstände zu tragen und gelassen aufzufassen. Wer nämlich neben seinen Problemen auch einen Ausweg sieht, empfindet diese als nicht mehr ganz so überwältigend. Dem Hoffenden gelingt es innezuhalten, jeden noch so kleinen Lichtblick zu genießen und dankbar selbst für Schwierigkeiten zu sein. Er sieht die momentane Lage als vorübergehendes Ringen und weiß: Es wird ihn formen und zu dem machen, der er eines Tages sein soll. Einer, der bis zum Ziel entgegen aller Umstände festgehalten und überwunden hat. Einer, der, nachdem er überwunden hat, die Früchte ernten und genießen kann. Einer, der auf seine Narbe zeigt und beweist, dass das wirklich Gute schwer ist und teuer erkauft werden muss.

HOFFNUNG IST DIE EDELSTE FORM, SEINEN TROTZ AUSZUDRÜCKEN.

Die Bibel führt uns vor Augen, dass die Schwierigkeiten erst diese Hoffnung bewirken und dass sie ein Grund sind, uns zu rühmen. Denn diese Bedrängnisse bewirken standhaftes Ausharren. Das standhafte Ausharren wiederum bewirkt Bewährung. Bewährung bewirkt Hoffnung (Römer 5,3-5). Der Hoffende kann Haltung bewahren und aufrecht den Stürmen begegnen. Schließlich sind es Stürme, die einen Baum veranlassen, seine Wurzeln tief ins Erdreich zu schlagen, sodass er fest steht.

HOFFNUNG IST DIE EDELSTE FORM DES TROTZES

In schwierigen Situationen fangen wir oft das Kalkulieren an. Wir betrachten die Umstände, berechnen dann, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich die Umstände zum Besten wenden können, und ziehen unser Fazit. Der Optimist fällt angesichts mieser Erfolgsquoten dennoch ein positives Urteil. Der Optimist und der Hoffende sind sich gar nicht so unähnlich. Der Hoffende geht jedoch einen Schritt weiter. Er entscheidet sich zu hoffen, auch wenn die Erfolgsquote gegen Null tendiert. Er hat keine Anzeichen für Besserung und krallt sich dennoch an dem Grund seiner Hoffnung fest, komme was wolle.

Hoffnung ist ein Ausdruck eines gewissen Trotzes. Hoffnung bringt beispielsweise angesichts einer Ehe, die auf das Aus zusteuert, zum Ausdruck, dass man erwartet, noch die Kurve zu kriegen. Vielleicht unter Anstrengung, Mühe und zahlreichen Rückschlägen. Doch Hoffnung kämpft für den Neuanfang und gibt jedem Rückschlag ein „Jetzt erst Recht“ als Antwort. Nicht, indem sie randaliert oder Sachen durch die Gegend wirft oder einen gewaltsamen Umsturz bestehender Strukturen anstrebt. Dennoch gibt sie jedem Umstehenden das Gefühl, dass sich hier jemand nicht mit dem Status Quo arrangiert hat, sondern eine Veränderung dessen erwartet. Hoffnung ist eben die edelste Form, seinen Trotz auszudrücken.

HOFFNUNG BRAUCHT EINEN FESTEN GRUND

Hoffnung beginnt, wo meine Möglichkeiten enden. Ich brauche sie, wenn die Dinge meiner Kontrolle entgleiten und die eigenen Fähigkeiten nicht mehr ausreichen, das Ruder herumzureißen.

Damit Hoffnung bestehen kann, braucht sie einen Grund, der sie tragen kann, ansonsten wartet die Resignation um die Ecke. Dieser Grund liegt außerhalb des Hoffenden selbst. Klammert man sich an einen Grund, der nicht tragfähig ist, erscheint die Hoffnung wie kindliche Naivität oder ausgewachsener Wahnsinn. Der Grund, auf den ich meine Hoffnung setze, muss also fest sein, damit er mich tragen kann.

Doch wo kann ich meine Hoffnung einpflanzen, so dass sie aufkeimen kann? Klammere ich Gott aus, bleiben nur Menschen und günstige Umstände. Erstere können enttäuschen und fallen lassen, letztere machen mich zu einem Spielball des Zufalls oder des Schicksals.

Im Alten Testament wird Hoffnung durch die hebräischen Worte Yakhal oder Qavah ausgedrückt, die dem deutschen „warten“ oder „gespannte Erwartung“ entsprechen (z. B. Psalm 39,7). Hoffende Menschen der Bibel benutzen diese Worte, wenn sie an die vergangenen Taten Gottes denken und gleichzeitig darauf warten, dass er so wie früher eingreifen wird. Gottes Treue in der Vergangenheit motiviert ihre Hoffnung für die Zukunft, während sie ihr Vertrauen in nichts anderes setzen als Gottes Wesen und seine Zusagen. Der Blick nach hinten festigt ihren Blick nach vorn.

Es sind nicht die Ungerechtigkeiten, die Schwierigkeiten oder die Krankheit, die das letzte Wort haben. Auch wenn es nicht danach aussieht: Gott hält alles in der Hand und er wird das letzte Wort sprechen. Schließlich und endgültig hat er versprochen, alles neu zu machen (Offenbarung 21,5). Gibt es einen festeren Grund als den Schöpfer dieser atemberaubend schönen und gleichzeitig furchteinflößenden Welt? Wenn er imstande ist, diese Welt zu erschaffen, warum sollte er dann nicht imstande sein, dein Leben durchzutragen?

WAS VERLIERE ICH, WENN ICH MEINEN PESSIMISMUS ABLEGE UND MICH AN EINE HOFFNUNG KLAMMERE?

WER NICHTS HOFFT, BEKOMMT, WAS ER BEFÜRCHTET

Viktor Frankl konnte an anderen Mitgefangenen beobachten, was passierte, wenn sie die Hoffnung aufgaben. Menschen wurden apathisch und verloren den Antrieb. Sie blieben im Bett liegen und kamen nicht zum Appell, was eine harte Bestrafung nach sich zog. Doch das scheute sie nicht. Sie hatten aufgegeben, da spielte auch das keine Rolle mehr.

Manche warfen jegliche Moral und Güte über Bord. Sie wurden zynisch und verbittert. Manche verpfiffen ihre Mitgefangenen, sodass diese heftige Bestrafungen der Wache über sich ergehen lassen mussten. Die „Kapos“, die Häftlinge, die zur Aufsicht über andere Häftlinge eingesetzt wurden, übten in vielen Fällen sogar selbst die Bestrafung aus. Oft war diese brutaler als die der eigentlichen KZ-Wachen. Und letztlich nahmen sich die Hoffnungslosen das Leben.

Es gibt nachvollziehbare Gründe, die Hoffnung aufzugeben – oder sich gar nicht erst Hoffnung zu machen. Die einen möchten sich nicht vergeblich für etwas einsetzen, das am Ende vielleicht gar nicht zustande kommt. Andere hoffen nicht, weil sie Angst haben, eine Enttäuschung zu erleben. Ihr Pessimismus wird zu einer Schutzhaltung, sodass sie lieber etwas akzeptieren, was sie eigentlich gar nicht wollen.

Dieser Pessimismus führt schließlich zu einer passiven Haltung. Man setzt sich gar nicht erst dafür ein und stellt damit bewusst oder unbewusst die Weichen dafür, dass das Erhoffte gar nicht zustande kommen kann. Die Psychologie beschreibt diesen Effekt als die „Selbsterfüllende Prophezeiung“. Doch was verliere ich, wenn ich meinen Pessimismus ablege und mich an eine Hoffnung klammere?

HOFFNUNGSVOLL UNTERGEHEN BEDEUTET: IN WÜRDE UNTERGEHEN

„Wir haben den Menschen kennengelernt, wie vielleicht bisher noch keine Generation. Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist, aufrecht und ein Gebet auf den Lippen“, schrieb Viktor Frankl („Trotzdem Ja zum Leben sagen“, S. 139). Bis zum letzten Moment hoffend, noch einmal lebend herauszukommen aus der Hölle eines Konzentrationslagers. Doch auch wenn nicht, so doch aufrecht und würdig unterzugehen in dem Wissen, stets das Richtige getan und gesagt zu haben. Und schließlich aufgefangen zu werden durch die Erfüllung der größten Hoffnung, die es gibt. Nämlich der, dass Gott alles neu machen wird, sodass unsere Verletzungen in keinster Weise ins Gewicht fallen werden.

 

SERGEJ KARELSON hat für diesen Text der Hoffnung auf den Grund geblickt.

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