Sag´ bescheid

WG-Casting

Momente, in denen uns bewusst geworden ist: Wir sind erwachsen

Als Jana uns zwei Wochen vor Weihnachten eröffnete, dass sie unsere 3er-WG zum Jahreswechsel verlassen würde, war für Nesrin und mich klar: Ein neuer Mitbewohner oder eine Mitbewohnerin muss her. Gemeinsam überlegten wir, was uns für unser Zusammenleben wichtig ist: Ruhe zum Lernen, da Nesrin kurz vor ihrem Examen stand. Ein passabler Sinn für Ordnung, damit die weiße Küche auch weiß bleibt. Das Geschlecht war uns egal, aber nur mit Mädels zusammenzuwohnen, hatte bis dato einige Vorteile. Also machten wir uns im Internet auf die Suche nach Interessenten und organisierten ein großes WG-Casting. Groß ist vielleicht übertrieben, denn es kamen fünf Bewerber. Aber für mich fühlte es sich wie ein riesiges Ding an. Wir würden entscheiden, über wessen Schuhe wir zukünftig im Eingang stolpern, wessen Essensreste wir wegräumen und wessen Haare wir in Zukunft aus dem Abfluss fischen wollten.

Als Erstes war da Andi. Er war ziemlich tiefenentspannt, fast schon gleichgültig, fand das Zimmer toll und hatte sonst nicht viel zu sagen. Jonas hatte sich gerade von seiner Freundin getrennt und wäre sofort in jede Wohnung eingezogen, die nicht ihre war. Julia war eine junge Medizinstudentin mit Designertasche und vielen Ansprüchen an ihre erste eigene Wohnung – vielleicht ein wenig zu viele. Der Vierte war Luis. Luis war ebenfalls angehender Medizinstudent, außerdem Physiotherapeut, Musicaldarsteller und Quasselstrippe. Irgendwie aufgedreht und so gar nicht das, worauf wir uns vorher verständigt hatten. Und trotzdem war er Nesrins Favorit. Als Letzte kam Nina. Mit Nina hatte ich Abitur gemacht, ich konnte sie gut einschätzen und war mir sicher, dass sie gut zu uns passen würde. Sie war begeistert von der Wohnung, ich war begeistert von ihr – aber Nesrin hatte sich eigentlich schon festgelegt.

Also begann die bisher langwierigste Diskussion meines Lebens. Über Tage wurden Argumente abgewogen, alles hin- und hergedreht und irgendwann musste ich einsehen: Keiner wird diese Diskussion gewinnen. Es gibt ihn nicht, den Traumkandidaten, auf den wir beide gehofft hatten. Es gibt nur Menschen. Menschen, für und gegen die wir uns entscheiden können.
Jetzt lebt Luis bei uns. Unsere Küche ist inzwischen türkis, der Flur ist übersäht mit Schuhen von Bewohnern und Besuchern, unser Abfluss im Bad läuft nur noch in Zeitlupe ab – und doch haben wir einander ins Herz geschlossen. Wir machen zusammen Musik oder zocken. Und wenn ich mit einem Berg voller Probleme nach Hause komme, sitzt Luis da, klopft neben sich aufs Bett und hört mir zu. Oft kommt es eben anders, als wir es uns vorstellen. Aber sich darauf einzulassen, kann ganz neue Chancen bieten. In zwei Monaten zieht dann Nesrin aus – Fortsetzung folgt.

Marie Gundlach

Bild © Andrew Itaga auf unsplash.com

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